2025: Ein Jahr der Multikrisen. Schon wieder.
Krieg in der Ukraine. Krieg in Gaza und Israel. Politische Verhärtungen und Unsicherheiten. In der Literaturwelt: Papierknappheit, steigende Kosten, Förderlücken, eine Druckerkrise.
Aber jetzt von vorne. 2025 – neues Jahr, neue Bücher
„Air“ – Luft, der neue Kracht kam im März und war mehr Ereignis als Roman. Sci-Fi trifft Fantasy, in Kracht’scher Ästhetik lotet der Schweizer Krisen eines Innenarchitekten auf einem fremden Planeten aus.
Planeten und Halbinseln
Hätte, hätte, Hipsterkram… Na, immerhin, ein Trost in schweren Zeiten: Wo Krise ist, gibt es auch Möglichkeiten. Literarische vor allem. Auf anderen Planeten oder auf Halbinseln.
Kristine Bilkaus „Halbinsel“ erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse in der Disziplin Belletristik. Bilkau verhandelt Generationenfragen zwischen Mutter und Tochter, Möglichkeitsfragen, Klimakrise. Die Frage, was noch trägt, wenn alle Gewissheiten bröseln.
„Wir schulden es den Jüngeren, diesen Kindern und diesen Teenagern und jungen Erwachsenen, uns besser um diese Zukunft zu kümmern, und uns vor allem auch mit allem, was wir haben, für eine Sprache der Menschlichkeit einzusetzen,“ sagte Kristine Bilkau.
Leise Literatur für laute Zeiten. Leise Preise für Bücher, die schwierige Fragen verhandeln. Ursula Krechel wurde 2025 zur Büchner-Preisträgerin für ihre Texte, die nicht schreien, sondern insistieren.
Longlist, Shortlist – man habe sie gelesen wie Zwischenberichte aus einer unruhigen Zeit. Bei all den Preisen habe man abgewartet auf die Verkündung des einen, des wichtigen Deutschen Buchpreises 2025.
Der Deutsche Buchpreis im Konjunktiv 1
Dorothee Elmiger sei es gewesen. Äh, wurde es, ist Buchpreisträgerin 2025.
Sei oder sein, hätte, hätte – ein Roman geschrieben im Konjunktiv I wurde mit dem Buchpreis ausgezeichnet. Ein Roman, der sich der Eindeutigkeit entzieht, bekommt den wichtigsten deutschsprachigen Literaturpreis. Als hätte das Jahr selbst gesprochen.
Hätte man ihn dann nur kaufen können… „Die Holländerinnen“, nach der Auszeichnung vergriffen im Buchhandel. Krise, here we go again: Druckerkrise, die Buchlieferungen blieben aus. Nachdrucken mit Nachdruck hieß es in diesem Jahr beim Hanser Verlag.
Da hilft nur Offenheit gegenüber dem Noch-Nicht und Möglichkeitsform statt Schlussstrich.
Der International Booker Prize an Banu Mushtaq
Banu Mushtaq gewann den International Booker Prize. Das zweite Buch einer indischen Autorin, das mit diesem Preis geehrt wurde, das erste in der Kannada-Sprache.
“Tonight is not an End Point, it is a torch. May it light the way for more stories from unheard corners, more translations that defy borders and more voices, that remind us, the universe fits inside every eye”, wünschte sich die Schriftstellerin in ihrer Laudatio.
Weiterlesen, über Länder- und Sprachgrenzen hinweg, Übersetzung als Einladung, als Möglichkeit, anderen zuzuhören – das kann sie, die Literatur, könnte sie, konnte sie, wird sie können.
Und während Preise vergeben wurden, hat die Welt nicht aufgehört, schwierig zu sein. Nicht alle Möglichkeiten sind literarisch. Die rechte Buchmesse Seitenwechsel in Halle zeigte, wie die literarische Öffentlichkeit umkämpft ist. Wie die Freiheit des Wortes in diesem Jahr weiter umkämpft, verteidigt werden musste.
Literaturnobelpreis an László Krasznahorkai
Der Literaturnobelpreis ging in diesem Jahr nach Ungarn, an den Schriftsteller László Krasznahorkai. Nun? Wie dann weiter umgehen, mit den Krisen? Zusammenpacken, aufgeben? Sich mit Christian Kracht auf fremde Planeten beamen lassen?
Literatur ist keine Konsensmaschine.
Streit um „Die Assistentin“
Merkte auch, wieder, Caroline Wahl. „Die Assistentin“ war einer der am gespanntesten erwarteten Romane des Jahres. Und über ihn wurde gestritten: Über die Sprache, über Erwartungshaltungen. Darüber, wer wie sprechen, wer über was schreiben dürfe — und für wen. Wer urteilen darf. Literatur als Projektionsfläche. Anstrengend? Aber vielleicht notwendig.
Denn Literatur, so habe sich gezeigt, war auch in diesem Jahr Streitfall. Krise auch im Literaturhauses Leipzig: Das Haus steht vor dem Aus. Übernimmt die Stadt nicht die Fördergelder, droht die Schließung des „Haus des Wortes“. In der Literaturstadt Leipzig, ausgerechnet. Was bleibt da noch? Na, feiern.
Jubiläen wurden gefeiert
Gefeiert wurde kräftig. Der 50. Todestag von Mascha Kaléko, 250 Jahre Jane Austen, Thomas Manns und Rainer Maria Rilkes 150. – Feste feiern, wie sie fallen.
Und was bleibt die Pointe dieses Literaturjahres? Vielleicht, dass der Konjunktiv in den Texten zu finden war, während er über dem Betrieb schwebte. Und uns daran erinnert, dass sich immer auch neue Perspektiven eröffnen können.
Ein Jahr im Konjunktiv
Eine Einladung zum Lesen also, zum Denken im Konjunktiv. So blicken wir in die Zukunft. Was wäre, wenn… ? Was wäre, wenn alles anders würde?
Das wird es sicher, bald in 2026. Hoffentlich. Vielleicht.