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In dieser Folge geht es um ein Buch, das ihr bald vermutlich in wirklich jeder Buchhandlung finden werdet. Diese Prognose darf man ruhigen Gewissens abgeben.
Ebenso wie die folgenden:
Das Buch wird ein „Spiegel"-Bestseller.
Es wird mindestens einen Shitstorm gegen die Autorin auslösen (denn das war bei ihr leider irgendwie immer so).
Und es wird einen Begriff salonfähig machen, den man bisher vor allem bei TikTok und im feministischen Popkulturdiskurs fand und verstand. Und damit wären wir bei „Pick Me Girls“ von Sophie Passmann, das soeben beim KiWi-Verlag erschienen ist.
Die Autorin, Schauspielerin, X-Twitter-Prominenz, Moderatorin und Podcasterin verhandelt in diesem Buch vor allem ihre eigene Biografie. Sie sagt selbst, sie sei das größte Pick Me Girl gewesen, das sie kennt – und seziert, warum sie diese Rolle eingenommen hat. Warum man(n) das lesen sollte, erfahrt ihr in dieser Folge.
Mit dieser Folge melden wir uns aus der Sommerpause zurück und haben ein Buch dabei, das sehr gut zu den letzten warmen Tagen passt, die da hoffentlich noch kommen mögen: „Play It As It Lays“ von Joan Didion. Im Original aus dem Jahr 1970, ist es soeben neu aufgelegt im Ullstein Verlag erschienen. In der Übersetzung von Antje Rávik Strubel.
„Play it as it lays“ ist ein Roman – und das muss man bei Joan Didion durchaus hervorheben. Denn die im Dezember 2021 verstorbene amerikanische Autorin ist in erster Linie für ihre journalistischen, autobiografischen und essayistischen Texte bekannt. In Deutschland schätzt man vor allem ihr Buch „Das Jahr des magischen Denkens“, in dem sie 2005 den Tod ihres Ehemannes John Dunne und die lebensbedrohliche Krankheit ihrer Adoptivtochter verarbeitete. „Play It As It Lays“ erzählt vom Leben der Reichen und Schönen und Traurigen und Neurotischen im Hollywood der 60er Jahre – eine Welt, die Joan Didion sehr gut kannte. Die Hauptfigur ist Maria Wyeth Lang – eine charismatische, schöne Frau, deren Karriere als Schauspielerin aber nie so richtig in Fahrt kam. Sie erholt sich in einer Nervenklinik von einer Art emotionalem Zusammenbruch. Auch Marias vierjährige Tochter lebt in einer Klinik: Sie hat eine geistige Behinderung und braucht permanente Pflege. Maria will ein Leben führen, in dem auch Kate einen Platz, aber weder sie noch ihr Ehemann – der Regisseur Carter Lang – vermögen es, ihre Arbeit und ihr Leben so einzurichten, dass das möglich ist.
„Play It As It Lays“ ist für ältere Lesende natürlich alles andere als ein Geheimtipp. Das Buch wurde in diversen Bestenlisten und in zahlreichen Nachrufen auf Joan Didion als die große amerikanische Literatur geehrt, die es nun mal ist. Warum also hier diese neue Übersetzung noch einmal vorstellen? Vielleicht weil es ein zeitlos gutes Buch ist und nichts von seiner Eleganz und seiner Wucht verloren hat. Und vielleicht auch, weil es gut zu einer jüngeren Leser:innenschaft passt, die vielleicht Freude an den Büchern von Emma Cline und Lisa Taddeo hatten, die mit ähnlichen Geschichten und in einer ähnlichen Sprache große Erfolge feierten.
In der letzten Folge vor einer vierwöchigen Sommerpause geht es um den neuen Roman der kanadischen Autorin Emily St. John Mandel. Die ist alles andere als unbekannt – was vor allem an ihrem Roman „Station Eleven“ liegt. 2014 veröffentlicht, erzählt das Buch von einer postapokalyptischen Welt, in der 90 Prozent der Menschheit von einer Pandemie dahingerafft wurde. In der Corona-Zeit wurde „Station Eleven“ vor allem dank BookTok zu einem Bestseller und für viele gar zum Kultbuch. Aber auch Mandels „Das Glashotel“ fand sich in zahlreichen Bestenlisten.
„Das Meer der endlosen Ruhe“ spielt teilweise in der Zukunft – auf den Mondkolonien, wo das mysteriöse „Zeitinstitut“ seine Zentrale hat. Und die einzige Zeitmaschine der Menschheit. Über Jahre ausgebildete Agentinnen und Agenten werden von dort durch die Zeit geschickt, um sogenannte Anomalien zu erforschen. Eine solche, besonders beunruhigende Anomalie steht nun im Zentrum dieser Geschichte. Emily St. John Mandel reist mit uns durch die Zeit, durch die Welt und zum Mond, um uns jene Menschen vorzustellen, die diese Anomalie erlebt und erforscht haben. Das mag alles nach einem lupenreinen Science-Fiction-Roman klingen, aber „Das Meer der endlosen Ruhe“ ist mehr als das. Warum, erfahrt ihr in dieser Folge
Für diese Folgen haben wir uns von einer aktuellen Ausstellung in Hamburg inspirieren lassen. Lee Miller ist nämlich eigentlich eher als Fotografin bekannt – und einige ihrer besten Arbeiten werden gerade im Bucerius Kunst Forum (https://www.buceriuskunstforum.de/ausstellungen/lee-miller-fotografin-zwischen-krieg-und-glamour) in Hamburg ausgestellt. Da findet man auch das Foto, das sie weltberühmt machte. Darauf sitzt Miller in der Badewanne von Adolf Hitler in dessen Münchener Wohnung. Geschossen hat dieses Foto ihr Kollege David E. Scherman, den Miller wiederum danach ebenfalls in der Wanne fotografierte. Dieses inszenierte Bild ist natürlich ein Statement: Lee Miller hat kurz zuvor das befreite Konzentrationslager Buchenwald in Dachau besichtigt – und dieses Motiv war ein klares „Fuck you“ an Hitler und Nazi-Deutschland, das gerade endlich am Ende war. Das Foto findet sich auch in dem Buch „Krieg“ von Lee Miller – das es in einer kompakten Taschenbuchausgabe vom btb-Verlag gibt. Der Band versammelt Reportagen und Fotos aus der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Reportagen und Fotos im Buch „Krieg“ entstanden ab 1944. Lee Miller hatte sich um eine Akkreditierung als Militärkorrespondentin der Army beworben und war sozusagen als Embedded Journalist in entscheidenden Momenten des Krieges dabei. Sie machte allerdings nicht nur Fotos, sondern schrieb auch sehr persönlich gefärbte Reportagen für die Vogue. Sie war der Meinung, dass auch die Welt des Glamours und der Mode mit der Realität des Krieges konfrontiert werden musste.
Als wir diesen Podcast aufnahmen, waren es draußen 35 Grad – und deshalb gibt’s diesmal ein Buch, das fast zu perfekt zu diesen irren Temperaturen passt. „Paradais“ von der mexikanischen Autorin Fernanda Melchor. Der Roman erschien schon 2021 in Deutschland im Verlag Klaus Wagenbach – und zwar in der Übersetzung von Angelica Ammar. Die 1982 in Veracrus geborene Melchor zählt zu den wichtigsten literarischen Stimmen Lateinamerikas – was vor allem an ihrem Roman „Saison der Wirbelstürme“ liegt. In „Paradais“ bereitet uns Fernanda Melchor ein Giftbad in toxischer Männlichkeit. Das kommt nicht von ungefähr. Sie hat viele Jahre als Journalistin in Mexiko gearbeitet – was einer der gefährlichsten Jobs der Welt sein dürfte.
Ihre Portraits und Reportagen befassten sich mit Femiziden, mit der Gewalt des Drogenkriegs und mit stetig wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Die Gewalt, deren Folgen sie dokumentierte, kam dabei – immer von Männern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunkt sagte sie dazu: „In Mexiko werden immer noch sehr viele Frauen ermordet, einfach nur, weil sie Frauen sind! Und es gibt immer noch keine klare Antwort auf die Frage: Wie können wir das stoppen?! Gleichzeitig spüre ich natürlich bei diesem Thema eine innere Unruhe, die sich beim Schreiben entlädt.“ Diese innere Unruhe hat Fernanda Melchor in „Paradais“ in furchteinflößende Literatur verwandelt.
In dieser Folge geht es mal nicht um eine aktuelle Neuerscheinung. Zumindest nicht in Buchform. Wir sprechen nämlich heute über „Das lyrische Stenogrammheft“ von Mascha Kaléko. Und dieses Buch ist eigentlich schon ein Klassiker. Aber: Es ist gerade ein Album erschienen, das unter anderem Texte aus diesem tollen Buch in Liedform aufbereitet hat: Dota Kehrs „In der fernsten der Fernen“. Und deshalb gibt’s hier eine kleine Zeitreise ins Berlin zwischen den Weltkriegen – und zu einer Dichterin, die man auch lieben kann, wenn man es sonst nicht so Gedichtbänden hat.
Mascha Kaléko war in den späten 20ern schon sehr aktiv in dem, was später die künstlerische Avantgarde Berlins werden sollte. Sie war Teil der Clique im Romanischen Café, lernte dort Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen, zwei Namen, die ihr sicher auch aus dem Deutsch-Unterricht kennt. Und sie veröffentlichte bereits ihre Gedichte – zum Beispiel in der Kulturzeitschrift «Der Querschnitt». Was Kalékos Gedichte damals schon aus- und auch erfolgreich machte: Sie hatte eine sehr leicht zugängliche Sprache, eine zarte Melancholie und eine Art schnippischen Witz. Und sie erzählte aus ihrem Leben – und von einem Berliner Alltag, in dem sich viele wiederfanden. «Das lyrische Stenogrammheft» erschien 1933 – und dass es nicht im gleichen Jahr verbrannt wurde, lag nur daran, dass die Nazis noch nicht auf dem Schirm hatten, dass sie Jüdin war. Bevor Mascha nach New York emigrierte, wurde ihr Arbeit von den Nazis noch als «schädliche Literatur» eingestuft – seit jeher ein Qualitätsmerkmal für wichtige Literatur.
Dorota Masłowska neuer, von Olaf Kühl übersetzter Roman hält erstmal was der Titel verspricht: „Bowie in Warschau“ beginnt im Zug von Moskau nach Berlin, der auch in Warschau stoppt. Es ist 1973. Frühling. David Bowie machte diese Reise tatsächlich – und er stieg wirklich in Warschau aus, obwohl er bis dahin nur wenig über Polen wusste. Das düstere, überwiegend instrumentale Stück „Warszwawa“ von seinem 1977 veröffentlichten Album „Low“ wurde von dieser Reise inspiriert.
Und auch Dorota Maslowska wiederum wurde von diesem Stopp inspiriert: Sie erzählt um Bowies spontanen Warschau-Besuch herum von gescheiterten und sehr lustigen Existenzen im damals noch sozialistischen Polen. Dabei ist Bowie eher Spielball der Protagonisten als selbst einer – um ihn herum gibt es zahlreiche Irrungen, Wirrungen und Verwechslungen, denen man vor allem wegen des schwarzen Humors der Erzählung nur zu gerne folgt.
Rom, 2016. Ein grausamer Mord erschüttert die Stadt. Zwei Söhne aus gutem Hause bringen einen jungen Mann in ihrer Wohnung um. Mit einem Messer. Mit einem Hammer. Einer der Täter sagt später: „Wir wollten wissen, wie es sich anfühlt.“ Der italienische Krimiautor Nicola Lagioia berichtete für das Wochenmagazin „Venerdi“ über den Fall – und kommt auch Jahre später nicht so recht davon los. In diesem Buch erzählt er auf literarische Weise von dem Mord, seinem Hintergrund und seinen Folgen.
„Die Stadt der Lebenden“ von Nicola Lagioia ist ein Buch, das einem einiges abverlangt. Aber eben nicht, weil es sich in der Gewalt suhlt oder auf Schockelemente setzt, sondern weil es diese grausame Tat als Ausgangspunkt für etwas Größeres nimmt. Lagioia stilisiert nicht die Täter zu satanischen Antihelden, wie es die zahllosen schlechten Bücher und Serien über Jeffrey Dahmer tun. Er hat Empathie für die Angehörigen des Opfers – aber auch die der Täter. Er zeigt uns, wie die Medienmaschine mit Blut und Wut gefüttert werden will. Er zeigt, was so eine Tat mit den Menschen macht, die in der Stadt leben, in der sie passiert ist. Und er zeigt, was diese Tat und die Berichterstattung darüber mit ihm macht: Lagoya fühlt sich manchmal selbst wie ein Bluthund, wenn er ein TV-Team begleitet, dass den Eltern der Täter auflauert. Er reflektiert seine eigene Faszination für den Mord – und die Bösartigkeit, die in dieser Tat zum Vorschein kam.
Henri Maximilian Jakobs spricht heute mit uns über seinen Debütroman „Paradiesische Zustände“. Er ist Musiker, Schauspieler und Autor. Henri singt bei der Audiolith-Band Tubbe, spielt in Finnas Band und bei den Toten Crackhuren im Kofferraum und hat im vergangenen Jahr seine Solo-EP „Bizeps Bizeps“ veröffentlicht. Man kann Henri in der Schaubühne Berlin gerade im Stück „Das Leben des Vernon Subutex“ sehen – nach dem gleichnamigen Roman der großartigen Virginie Despentes. Henri war außerdem der Protagonist des sehr tollen Podcast „Transformer“ vom Bayrischen Rundfunk. Seine gute Freundin Christina Wolf hat ihn dafür bei seiner Transition begleitet und danach das Interviewbuch „All die brennenden Fragen: Ein Gespräch über trans Erfahrungen“ mit ihm geschrieben.
Aber heute geht es um „Paradiesische Zustände“. Darin begleiten wir den Ich-Erzähler Johann auf seinem Weg zur Transition. Jedes Kapitel endet mit einem Countdown zu seiner Operation. Die Geschichte beginn im Alter von 19 Jahren und man lernt viel darüber, wie schmerzhaft es sein muss, wenn – so sagt es der Buchrücken – „der eigene Körper ein Zuhause ist, in dem man eigentlich keine Sekunde zu viel verbringen möchte“. Das ist ein verdammt harter Satz – der die Sache aber sehr gut trifft.
Die Ich-Erzählerin des Debütromans von Rin Usami heißt Akari und ist leidenschaftlicher Fan von Masaki – einem Mitglied der japanischen Pop-Band Band Maza Maza. Zu Beginn der Story erfährt Akari, dass Masaki eine junge Frau im Affekt ins Gesicht geschlagen haben soll. Ein Skandal, der zu einem Shitstorm führt – und seine Gunst bei den Fans zu recht sinken lässt.
Akari, die noch zur Schule geht, führt einen Blog über Masaki, den sie akribisch pflegt – was man vom Rest ihres Lebens nicht sagen kann. In der Schule ist sie oft unaufmerksam, gibt sich Tagträumen oder ihren Sorgen um Masaki hin, isst zu wenig, fühlt sich schwach. Ihr Vater ist die meiste Zeit abwesend, ihre Mutter tadelt sie ständig und mag sie nicht so richtig und ihre ältere Schwester ist oft eifersüchtig, weil sie denkt, Akari lasse man viel mehr durchgehen als ihr.
Rin Usami erzählt in „Idol in Flammen“ von der toxischen Liebe zwischen Fan und Idol und kommt dabei ein wenig vom Kurs ab. Obwohl die 1999 geborene Autorin unfassbar sicher schreibt und in ihrer Heimat als Shooting Star gilt, hat uns der kurze Roman ein wenig enttäuscht – warum, erklären wir in dieser Folge.
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