Das Buch zur Woche

Das Buch zur Woche

By DIFFUS, Daniel Koch, Celine LeonoraSociety & Culture
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Das Buch zur Woche episodes

  • „Y/N“ von Esther Yi ist ein surrealer Trip in den K-Pop

    Der Debütroman von Esther Yi, die in Los Angeles geboren ist und momentan in Leipzig lebt, ist im Englischen im Verlag Astra House erschienen. Wir hoffen wirklich sehr, dass schon ein deutscher Verlag die Rechte an der Übersetzung hat. Wenn nicht – schön blöd! Der Titel „Y/N“ spricht sich dabei übrigens wie „Your Name“. Diese Abkürzung verwendet man überwiegend in der Welt der Fan-Fiction – in Geschichten, in denen man als Lesende:r eingeladen ist an dieser Stelle den eigenen Namen zu lesen und zu denken.

    Die namenlose Ich-Erzählerin von „Y/N“ lebt zu Beginn in Berlin, hat einen Medienjob der ihr nicht wirklich gefällt und einen Boyfriend, der sie langweilt. Eines Abends lässt sie sich von einer Freundin überreden auf das Konzert der größten K-Pop-Band der Welt mitzukommen. Anfangs widerwillig und irritiert von den euphorischen Fans an der Arena hat sie während der Show eine Art Erweckungserlebnis. Als das jüngste Mitglied der Band – ein besonders schöner Mann namens Moon – tanzt und singt, verliebt sie sich auf eine Weise in ihn, die weit über Fanliebe hinaus geht. Wenn ihr jetzt aber denkt, Esther Yi hat bloß einen Roman über das Fantum im K-Pop geschrieben, der irrt gewaltig. Das Setting mag vertraut klingen und an Fans von BTS, Blackpink oder Stray Kids erinnern, aber sie dreht die Story von Anfang an ins Abgründige, Surreale und manchmal sehr komische. Esther Yi macht das jedoch nicht auf Kosten der K-Pop-Fans, sondern nutzt diese intensive Verbindung zwischen Fan und Idol als Spielwiese für ihre Fantasie. Denn auch das ist es, was K-Pop oder K-Pop-Fan-Fiction ausmacht: Sie wird von der Fantasie der Fans belebt, die bunt, queer, lustig, fanatisch, abgründig und manchmal ziemlich raunchy werden kann.

    6 min
  • Ein Buch wie ein Hitzeschlag: „Der Stoff, aus dem die Tränen sind“ von Alexandra Kleeman

    Diesmal geht es um den Roman „Der Stoff, aus dem die Tränen sind“ von Alexandra Kleeman – ins Deutsche übersetzt für den Kein & Aber Verlag wurde er von Christiane Sipeer und Anna-Christin Kramer. Es ist ein Buch, das euch trifft wie einen Hitzeschlag – und eine spannende Mischung aus Dystopie, Satire und Thriller.

    Im Mittelpunkt der Handlung steht der nur so halb erfolgreiche Schriftsteller Patrick. Er ist von der Ostküste, wo seine Familie wohnt, nach Los Angeles gereist, weil er die Verfilmung seines Buches leiten will. Die Hauptrolle soll das Hollywood Starlet Cassidy Parker spielen. Eine junge Frau, die mit der kessen Kinder-Serie „Kassi Keene – die kleine Detektivin“ berühmt wurde und nun eine etwas unberechenbare Influencerin und Schauspielerin geworden ist. Das L.A., das Patrick vorfindet, schwelt am Rande des Wahnsinns. Die Waldbrände – die in den letzten Jahren ein sehr reales Problem dort waren – reichen inzwischen bis in die City hinein. Ständig werden Straßen gesperrt, weil mal wieder die Palmen brennen. Außerdem macht sich eine mysteriöse Firma breit, die mit synthetischem Wasser namens WAT-R einen Verkaufsschlager gelandet hat – deren Produkt aber nicht nur Suchtpotential sondern auch ein paar Nebenwirkungen zu haben scheint.

    10 min
  • „Gott hassen“ von und mit Jenny Hval

    Heute stellen wir bereits zum zweiten Mal in der Geschichte vom „Buch zur Woche“ einen Roman der norwegischen Musikerin und Autorin Jenny Hval vor. Im Mai letzten Jahres kam nämlich ihr Debüt-Roman „Perlenbrauerei“ auf deutsch raus und nun legt der März-Verlag den Roman „Gott Hassen“ nach. Aus dem Norwegischen übersetzt wurde er von Clara Sondermann.

    „Gott Hassen“ ist zuerst einmal ein toller Blickfang. Wenn man mit diesem Buch in der U-Bahn sitzt, fängt man sich todsicher ein paar missgünstige Blicke ein. Oder interessiertes Zwinkern vom Metal-Typen mit dem Morgoth-T-Shirt. Was dann schon dem Thema sehr nahe kommt: Denn „Gott Hassen“ ist Kreuzung aus Coming-of-Age-Story, norwegischer Kulturgeschichte, Rebellion gegen die vermeintliche Idylle Norwegens und Haten gegen die Kirche – all das in Form eines surrealistischen Romans, bei dem man nie weiß, ob man gerade im Kopf der Ich-Erzählerin ist oder doch in einem fast realen Vorort von Oslo.

    10 min
  • Lieblingsbücher: „Friday Black“ von Nana Kwame Adjei-Brenyah

    Heute gibt’s mal wieder ein Lieblingsbuch des Hosts. Es geht um den Short-Story-Band „Friday Black“ des US-Autoren Nana Kwame Adjei-Brenyah, der 2018 im Englischen erschien und 2020 beim Penguin Verlag in der Übersetzung von Thomas Gunkel rauskam.

    Das Buch ist einerseits so etwas wie der literarische Soundtrack zu „Black Lives Matter“ und andererseits ein weiterer Beweis für die Kraft die Short Story. Denn Nana Kwame schafft es, sehr gegenwärtige politische Themen in Literatur zu verwandeln – und er tut das mit einem Punch, wie man ihn selten in einem Debüt findet. Es gibt ein Zitat von ihm, dass sehr genau beschreibt, wie „Black Friday“ funktioniert. Nana Kwame Adjei-Brenyah sagt über sein Buch: „Drei Personen sitzen auf einer Couch. Die erste sagt, ja, das ist sehr gemütlich, die zweite Person meint, ja, ich sitze echt gut und auch die dritte sagt, ich stimme euch vollkommen zu – aber ich glaube wir übersehen ein bisschen die Tatsache, dass die Couch aus Leichen besteht.“

    10 min
  • Neue Musikbücher von Schleimkeim bis UK Punk und Prince

    Im „Buch zur Woche“ gibt es diesmal den obligatorischen Blick auf neue Musikbücher. DIFFUS ist und bleibt ja immer noch in erster Linie ein Musikmagazin – da macht das ja irgendwie Sinn. Mit dabei ist zum Beispiel der brandneue Essay von Mr. „High Fidelity“ Nick Hornby (Kiepenheuer & Witsch), der in „Dickens & Prince“ versucht den großen Literaten mit dem genialen Musiker zusammenzubringen. Außerdem gibt es einen journalistischen, soziologischen, angenehm linksgrünversifftgefärbten Blick auf „35 Jahre HipHop in Deutschland“, eine Oral History des Punks mit allen wichtigen Protagonist:innen (beide Hannibal Verlag), einen Comic über die DDR-Punkband Schleimkeim (Ventil Verlag), Tai Chi mit Lou Reed von The Velvet Undrground (btb Verlag) und das sehr amüsante „Mein Herz hat Sonnenbrand“, das die lyrischen Schwächen unser größten Musiker:innen schonungslos ins Visier nimmt (Reclam Verlag).

    15 min
  • „Überforderung und Einsamkeit sind die großen Themen unserer Gegenwart“: David Schalko über „Was der Tag bringt“

    „Was der Tag bringt“ von David Schalko (gerade erschienen bei KiWi) ist ein Roman, der – wie man so sagt – gut in die Zeit passt. Denn er handelt, mit viel Humor und sehr trockenen Pointen, von Existenzängsten und Vereinsamung. Und zwar bei Menschen, die nie im Leben gedacht hätten, dass sie jemals davon betroffen sein würden.

    Felix ist so einer. Er hat vor einigen Jahren ein Start-up für nachhaltiges Catering gegründet. Eine verdammt gute Idee eigentlich – in Zeiten, in denen viele Firmen ihr gutes Gewissen entdecken, oder es zumindest bei Veranstaltungen und Betriebsfeiern simulieren wollen. Aber dann kam das, was sicher viele von euch ebenfalls ein wenig zerrüttet hat – die Pandemie. Als die „vorbei“ ist, wollen Felix‘ Geschäfte allerdings nicht mehr so recht in Gang kommen. Also muss er sein Leben der aktuellen Situation anpassen. Er hat die Wohnung seiner Mutter geerbt – also zumindest Eigentum. Was schon mal mehr ist, als so manch anderer hat. Aber sich Essen kaufen oder den nächsten Kneipengang finanzieren, kann er damit ja auch nicht – es sei denn: Er vermietet sie. Genau das macht Felix: Er stellt seine Wohnung für ein paar Tage oder Wochen zur Verfügung und zieht in der Zwischenzeit von Sofa zu Sofa. Schläft bei alten Freunden, reist in seine Heimat zu den Eltern – erlebt viele seltsame, oft unangenehme Begegnungen. Das hätte auch langweilig und ermüdend sein könne, aber das passiert niemals, wenn der Österreicher David Schalko so eine Geschichte erzählt. Er ist Autor und Regisseur, schreibt Romane und Drehbücher und hat uns eine der bösesten und genialsten Serien der deutschsprachigen TV-Geschichte geschenkt: „Braunschlag“.

    Wir haben David Schalko in einem Sprachnachrichten-Ping-Pong ein paar Fragen zu seinem Roman „Was der Tag bringt“ geschickt und stellen den Roman ausführlich vor.

    15 min
  • Ein dunkles Epos aus dem modernen Indien: „Zeit der Schuld“ - Deepti Kapoor

    Heute geht es um den Thriller „Zeit der Schuld“ von der indischen Autorin Deepti Kapoor. Ein Buch, das wie die indische Antwort auf Gangs of London oder Der Pate daherkommt. Obwohl der Vergleich dann doch ein wenig hinkt, weil Kapoors Geschichte viel sozialkritischer und politisch aufgeladener ist.

    „Zeit der Schuld“ ist Anfang März im Blessing Verlag auf deutsch erschienen – übersetzt wurde der Roman aus dem englischen von Astrid Finke. Deepti Kapoor erzählt darin die Geschichte des reichen fiktiven Wadia-Clans, der von Dehli aus operiert und dank Korruption, organisierter Kriminalität und guten Verstrickungen in die indische Politik zu den reichsten und skrupellosesten Familien des Landes zählt. Was ihren epischen Roman so fesselnd macht, ist vor allem die Art, wie sie von diesem Clan erzählt. Und wie sie nicht dem Reiz verfällt, Verbrechen und Reichtum zu glorifizieren, sondern Charaktere gewählt hat, die auf verschiedene Weise mit diesem Clan verwachsen sind.

    12 min
  • Wie der Schauspieler Samuel Finzi in „Samuels Buch“ über das Aufwachsen im sozialistischen Bulgarien erzählt

    Das „Buch zur Woche“ ist zurück aus der kleinen Frühlingspause und kommt ab sofort wieder jeden Mittwoch. Heute geht es um „Samuels Buch“. Erschienen ist dieser autobiografische Roman im Ullstein Verlag, geschrieben wurde er von Samuel Finzi – und auch wenn es bei dem Namen vielleicht noch nicht klingelt: Googlet ihn einfach mal und ihr wisst sofort, wer das ist.

    Samuel Finzi stammt aus Bulgarien, wurde dort 1966 in Plowdiw geboren. Seit 1989 lebt und arbeitet er in Berlin – und zwar in erster Linie als TV-, Kino- und vor allem Theaterschauspieler. Man kennt ihn aber auch als Werbegesicht der Ergo Versicherungen – und er drehte sehr viele Film mit Til Schweiger, zum Beispiel „Honig im Kopf“, „Klassentreffen 1.0“, „Die Hochzeit“ und die „Kokowääh“-Filme. Es wäre aber fies, ihn daran festzumachen. Vielmehr ist Samuel Finzi einer der renommiertesten Theaterschauspieler, die in Deutschland arbeiten und in seiner Filmographie findet sich viel gutes Arthaus-Zeugs: Zuletzt sah man ihn zum Beispiel an der Seite von John Malkovic im Kinofilm „Seneca – Oder: Über die Geburt von Erdbeben“.

    „Samuels Buch“ erzählt die ersten Jahre aus dem Leben des Samuel Finzi – die Kindheit im sozialistischen Bulgarien, die rebellische Jugend, die späteren Reisen, die ihn schließlich 1989 nach Berlin führen, wo er bis heute geblieben ist. Dort, in seiner Küche, beginnen seine Erinnerungsreisen, die er meist in kurzen Kapiteln erzählt, die selten länger als zehn Seiten sind. Und gerade dieses Erzählen in pointierten Häppchen ist ihm ganz wundervoll gelungen – ganz nebenbei lernt man auch noch viel über dieses Land im Balkan, dass die ignoranten Deutschen immer noch viel zu oft mit Rumänien verwechseln …

    10 min
  • Gilda Sahebi liefert mit „Unser Schwert ist Liebe“ DAS Buch, das man zur Revolte im Iran lesen sollte

    Diese Folge erscheint am 8. März – dem internationalen Frauentag, der bisher leider nur in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern ein gesetzlicher Feiertag ist. Der S. Fischer Verlag hat diesen Tag gewählt, um das Buch „Unser Schwert ist Liebe“ von Gilda Sahebi zu veröffentlichen. Der Untertitel dieses Sachbuchs lautet „Die feministische Revolte im Iran.“

    Wenn ihr öfter bei Diffus vorbeischaut, dann wisst ihr vielleicht, dass wir uns dem Thema Iran regelmäßig in einer Kolumne widmen. Die Musikerin und geschätzte Kollegin Maryam.fyi schreibt darin für uns über die Entwicklung in diesem Land. Maryam hat iranische Wurzeln und erzählt deshalb – wie viele, die über die Aufstände der Bevölkerung gegen das Regime schreiben – aus einer sehr persönlichen Sicht.

    Die Autorin von „Unser Schwert ist Liebe“ Gilda Sahebi ist Journalistin, Autorin, Moderatorin, Ärztin und Expertin für die Region, die noch immer unter dem vom Westen geprägten Begriff „Naher Osten“ zusammengefasst wird. Der Iran ist dabei schon länger ein Schwerpunkt ihrer Arbeit – was nicht wundert, wenn man weiß, dass ihre familiären Wurzeln in diesem Land liegen. Wenn ihr Gilda Sahebi bei Twitter folgt, bekommt ihr einen sehr guten Überblick über ihr Schaffen und ihre Standpunkte. Ihr Twitter-Account sei außerdem ausdrücklich empfohlen, wenn man erfahren will, wie die Situation im Iran gerade ist.

    Gilda Sahebi hat es nun geschafft, innerhalb sehr kurzer Zeit ein Sachbuch über die Revolte im Iran zu schreiben, das erstaunlich aktuell ist – was bei dem Tempo des Buchmarktes ein ziemlicher Kraftakt gewesen sein dürfte. Sie erklärt in „Unser Schwert ist Liebe“ informativ und persönlich den Hintergrund für die Situation im Iran – wo die Zivilbevölkerung gegen das ultra-religiöse autoritäre Regime protestiert. Diese Proteste brauchen die Weltöffentlichkeit – und das ist eben schwierig, bei Herrschern, die weder vor Gewalt noch vor Zensur noch vor Mord zurückschrecken. Und man fühlt sich bei der Lektüre tatsächlich schnell ein wenig ertappt, denn man merkt ja selbst, dass man ebenso wie die großen Medien nicht mehr so oft auf dieses Land schaut, wie man sollte. Obwohl dieser Aufstand so wichtig, so voller Hoffnung, so gefährlich für die Revoltierenden und so essenziell für alle sein sollte, die sich eine demokratische und im Kern feministische Gesellschaft wünschen.

    11 min
  • Antonia Baum, ihr Roman „Siegfried“ und Hilde und Alex und Johnny und Benjamin

    Antonia Baum kennt man vielleicht aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wo sie Kolumnistin und Autorin ist. In den letzten Jahren hat sie drei Romane veröffentlicht und das Memoire „Stilleben“ – wo sie sehr offen und intensiv über das Mutterwerden geschrieben hat, das sie nach eigener Aussage komplett aus der Bahn geworfen hat. In der KiWi-Musikbibliothek stammt von ihr der sehr tolle Band über Eminem. Außerdem hat einer von Antonias Romanen den besten Titel, den man sich ausdenken kann: „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren.“

    Ihr neuer Roman trägt hingegen den deutschesten Namen, den man haben kann. „Siegfried“. So heißt der Stiefvater der Ich-Erzählerin. Ein wohlhabender Geschäftsmann, immer perfekt gekleidet, immer mit der Aura eines kühlen Machers umgeben. Eine Autoritätsperson – geprägt von der Nachkriegszeit und den Geschichten seiner Mutter Hilde, die oft erzählt, wie sie vor „dem Russen“ flüchten musste.

    Antonia Baum ist eine fantastische Erzählerin. Während sie mich erst ein wenig mit Berlin-Mitte-Kultur-Prekariats-Alltag einlullte, legt sie schon die ersten Tretminen aus. Man merkt nämlich schnell, dass dieser vermeintliche Alltag gerade ganz langsam eskaliert und die Erzählerin kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht. Sie hört eine Sirene, die niemand anders hört, sie steigert sich in Zwangshandlungen, sie sorgt sich auf irrationale Weise um ihren Stiefvater Siegfried – und ehe man sich versieht, verlässt sie barfuss mit lackierten Fußnägeln das Haus und fährt in eine Nervenheilanstalt. Erst im Wartezimmer kommt die Erzählerin und ich als Lesender dann mal kurz zur Ruhe. Allerdings nur, um langsam in den Strudel der Geschichte gezogen zu werden, die um ein verdrängtes Familientrauma kreist.

    9 min

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