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In dieser Folge geht es um das neueste Buch der Japanerin Sayaka Murata. Das trägt den recht harmlos klingenden Titel „Zeremonie des Lebens“ und ist vor einigen Wochen im Aufbau Verlag erschienen. Murata hat darin zwölf Kurzgeschichten versammelt, die uns ebenso verstört wie begeistert haben. Übersetzt aus dem Japanischen wurden sie von Ursula Gräfe.
Sayaka Murata gilt als eine der wichtigsten Stimmen der jüngeren japanischen Literatur. Ihre Romane „Die Ladenhüterin“ und „Das Seidenraupenzimmer“ erzählen brutal und poetisch von Außenseiter:innen in einer Gesellschaft, die eher auf Leistung und Konformität ausgelegt ist.
Schon die erste Story in „Zeremonie des Lebens“ lässt einen nicht mehr los: Nicht mal 20 Seiten braucht sie, um unseren Blick auf das Leben und den Tod über den Haufen zu werfen und uns mit einer Mischung aus Faszination und Ekel zurückzulasesn. Zwar haben nicht alle Stories diesen philosophischen Schockeffekt. Dafür sind einige auf eine Weise romantisch, die man eben auch selten liest: Zum Beispiel, wenn Murata von einem Liebespaar erzählt, das aus einem Jungen, und einem im Wind wehenden Vorhang besteht. Aus der Titelstory „Zeremonie des Lebens“ wiederum könnte man einen Horrorfilm im Stile von „Midsommar“ machen. Was all diese Storys aber verbindet ist Muratas feministischer, rebellischer Blick auf die Welt.
Heute stellen wir euch ein Buch namens „Das letzte Mahl“ von der mexikanischen Autorin Karla Zárate vor. Darin geht es um diverse Henkersmahlzeiten – bzw. um den Koch, der diese zubereitet. Gleichzeitig ist dieses Buch einer der letzten Romane, der unter dem Banner „Heyne Hardcore“ erschienen ist. Der Verlag wird umstrukturiert und deshalb werden Romane dieser Art, die vorher das „Hardcore“ auf dem Cover hatten, in Zukunft ganz normal beim Heyne Verlag erscheinen. Das ist schade, denn diese Veröffentlichung ist noch einmal ein Roman, der das Wort „Hardcore“ zurecht trägt.
In „Das letzte Mahl“ nimmt uns Ich-Erzähler John Guadalupe nimmt uns mit in sein Leben und auf seine Arbeit. Er ist Koch in einem texanischen Gefängnis, wo er u. a. die Henkersmahlzeiten zubereitet. Aber auch seinen Chef bekocht. Diesen Gefängnis-Direktor wird er gleich auf den ersten Seiten umbringen. Warum er das tut – ist ein Teil der Story. Zimperlich geht es bei Karla Zarate nicht gerade zu. Und wer das mag, hat mit „Das letzte Mahl“ einen guten, blutigen Snack für zwischendurch. Man hört John Guadelupe eben doch mit einer leicht angewiderten Empathie zu und gerade die Blicke in seinen Alltag und in sein frühes Leben sind bisweilen sehr interessant.
Dinge, die wir Max Richard Leßmann immer schon mal sagen wollten: „Man merkt schon. Bei dir sitzen die Gedichte locker. Was mich wundert: Da kommt so gut wie nie scheiße bei raus. Woran liegt das?“ Diese und viele andere Fragen stellten wir dem Musiker, Songwriter, Dichter und Podcaster. Seine romantischen Gedichte, die er täglich bei Instagram mit rund 110.000 Follower:innen teilt, sind kleine, aber oft erstaunliche tiefe Lichtblicke im Doomscrolling der letzten Jahre. Nun hat Max Richard Leßmann seine persönlichen Favoriten in Buchform bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht.
Wir lesen uns gemeinsam durch eine kleine Auswahl und sprechen mit Max über Romantik, Wrestling, die Kitschfalle, das tägliche Gedankenspielen, dunkle Momente im Leben und den Sieg der Romantik über den Zynismus.
Außerdem verlosen wir zwei Exemplare des Buches. Wenn ihr eines gewinnen wollt, dann schickt uns einfach eine Mail mit eurer Postadresse, einem kleinen romantischen Gedicht und dem Betreff „Romantik-Wrestling“ an [email protected]. Viel Glüc
Der Österreicher Gerald Hoffmann war uns vorher in erster Linie als Musiker bekannt. Unter dem Namen Gerard veröffentlichte er in den letzten Jahren atmosphärische Alben und Songs irgendwo zwischen Rap und Pop. Nun hat er bei Kiepenheuer & Witsch seinen Debütroman veröffentlicht und ihm diesen tollen Titel gegeben: „Ich hasse meine Freunde“. Wer das Buch liest, merkt jedoch schnell: Es ist maximal eine Hassliebe, die den Ich-Erzähler Julian Pichler da bewegt. Eigentlich hängt er nämlich sehr gerne mit seinen Freunden rum – und lässt sich nur zu gerne in eine amüsante Eskalation hineinziehen. Dabei spielen pflanzliche Drogen, verschwundene Bitcoins und ein Sehnsuchtsort namens Bad Gastein wichtige Rollen.
Gerald erzählt diese Story in einem Tempo, dem man sich schwer erziehen kann. Dabei trifft gut abgehangene Mittzwanziger-Orientierungslosigkeit auf naiven Aktionismus, einen Humor, der die Pointen im Vorbeilaufen raushaut und auf Dialoge, die so anfangen, wie man es aus dem eigenen Leben mit seinen besten Freund:innen kennt – bis sie in abenteuerliche Gefilde aufbrechen. Wer Tino Hanekamps Romandebüt „So was von da“ geliebt hat, sollte „Ich hasse meine Freunde“ also unbedingt auch lesen.
Wir haben dem Autor außerdem ein paar Fragen per Sprachnachricht geschickt, die Gerald Hoffmann uns nur zu gerne beantwortet hat.
Heute gibt’s mal wieder ein Lieblingsbuch des Hosts: „Eisfuchs“ von Tanya Tagaq. Die Sängerin, Künstlerin, Musikerin und Autorin erzählt in ihrem Debütroman „Eisfuchs“ von einer Kindheit und Jugend in der Arktis. Taqaq entstammt der indigenen Gruppe der Inuit und kommt somit aus Kanada, wo sie an der Südküste von Victoria Island lebt. Die Ich-Erzählerin erlebt ein Aufwachsen voller Armut und Gewalt, aber auch voller Mythen und Abenteuer, die sie mit ihrer Clique in der Tundra bestreitet. Sie wird immer wieder Opfer körperlicher und sexueller Gewalt – oft betrinken sich die Erwachsenen hemmungslos und steigen nachts in das Zimmer der Kinder. Die Teenager Kids des Romans entkommen der alltäglichen Gewalt mit Drogen und Alkohol, eigenen, selbst bestimmten sexuellen Erfahrungen und gemeinsamen Erkundungen ihres Dorfes und der Tundra drum rum. Taqaq erzählt im Grunde eine Coming-of-Age-Geschichte, mal in Prosa, mal in Versform. Und das in einer Sprache und mit einer Bildwucht, die man nie mehr vergessen wird.
„Eisfuchs“ von Tanya Tagaq ist im Kunstmann Verlag erschienen. Hier gibt’s alle Infos und eine Leseprobe.
https://www.kunstmann.de/buch/tanya_tagaq-eisfuchs-9783956143533/t-0/
Wenn man sich das Cover und den Titel von Julia Frieses Romandebüt „MTTR“ anschaut, denken viele sofort: „Ach ja, das heißt ‚Mutter‘, man lässt ja heute die Vokale weg, wenn es schick aussehen soll.“ Damit geht man der in Berlin lebenden Journalistin (Die Zeit, Musikexpress) aber schon auf den Leim. Die Abkürzung MTTR heißt nämlich „Mean Time To Recover“ und ist dem Ingenieurswegen entnommen. Was genau das bedeutet, und warum es sehr gut passt zu ihrer Geschichte, erfahrt ihr in dieser Interviewfolge.
Im Buch geht es vordergründig um eine Frau der „Millenial“-Generation, die ungewollt Mutter wird. Teresa Borsig heißt sie – und ist sich eigentlich gar nicht sicher, ob sie das Kind will. Sie geht sogar mit dem Wunsch nach einer Abtreibung zur Ärztin. Obwohl Julia auch den Weg dieser Mutterwerdung erzählt, ist es nicht das einzige Kernthema: Eigentlich geht es nämlich generell um Erziehung und gesellschaftliche Zwänge. Ihre Generation wurde erzogen von Kindern der Kriegsgeneration, die wiederum das Nicht-über-Probleme-Reden, das Definieren über Arbeitskraft, den militärischen Drill und das harte Erziehen verinnerlicht hat. Julia nimmt sozusagen die Sätze, die ihre Erziehung geprägt haben als Ausgangspunkt für die Überlegungen: Was macht das mit mir? Mit den Menschen, die ich großziehen muss? Wo findet sich diese anerzogene Brutalität der Erziehung in meinem Leben und in der Gesellschaft?
Das Buch ist vor allem so packend, weil es in einer klaren, knappen, brutalen Sprache geschrieben ist. Die wiederum inspiriert ist von den Sätzen, die man sich als Kind so anhören musste: „Gleich gibt’s was hinter die Ohren!“ „Stell dich nicht so an!“ „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ Wenn es also, so sagt Julia mit einem Hauch von Ironie, „eine Musik gibt, die zu dem Roman passt, dann wäre das Rammstein.“
Wenn ihr nach dem Interview Interesse an dem Buch habt, könnt ihr bei uns zwei Exemplare von „MTTR“ gewinnen, das soeben im Wallstein Verlag erschienen ist. Schreibt uns einfach eine Mail mit eurer Postadresse an [email protected]. Viel Glück!
Heut gibt’s einen guten Thriller, der zugleich ein spannender Berlin-Roman ist - „Ruhm für eine Nacht“ von Calla Henkel. Die deutsche Ausgabe kam gerade im Kein & Aber Verlag heraus, in der Übersetzung von Verena Kilchling. Der Roman spielt im Berlin der Nullerjahre, im Kreise jener Menschen, die man wohl Expats nennt. Ich-Erzählerin Zoe kommt mit ihrer Uni-Bekannten Hailey nach Berlin, um dort für ein Jahr zu studieren. Beide gehen sonst in New York auf die Art School – wobei die Erzählerin Zoe nie so recht zu wissen scheint, warum sie das eigentlich tut und ob das wirklich alles Kunst ist, was man an den Universitäten als solche verkauft. Zoe hat außerdem noch ein paar Traumata im Reisegepäck: Ihre beste Freundin Ivy wurde brutal ermordet. Der Täter nie gefasst. Wir lernen bald aus Zoes Erzählung, dass die Grenze zwischen Liebe, Besessenheit und Freundschaft bei den beiden mitunter verschwommen ist.
Zoe und Hailey ziehen schließlich in eine Wohnung in einem etwas abgehängten Teil der Stadt. Sie gehört einer bekannten Krimi-Bestseller-Autorin, die für eine Weile nach Wien gehen will, wo sie ein Schreibstipendium hat. Zoe und Hailey werfen sich nach und nach ins Berliner Nachtleben, schaffen es nicht ins Berghain, hängen in Arty Bars ab und stellen irgendwann fest, dass sie das alles nicht so richtig kickt. Vor allem Hailey redet ständig davon, ihr Leben zu einem Gesamtkunstwerk machen zu wollen – und dazu passt es eben nicht, ein Slacker-Dasein in Berlin zu fristen. Also veranstalten die beiden in ihrem Appartment rauschende Feste – und werden mit jeder Feier mehr zum Place To Be. Bis Haileys Leben ein blutiges Ende findet.
Für die Jüngeren unter euch: Jarvis Cocker war Sänger der britischen Band Pulp. Die kennt man vielleicht durch die Songs „Disco 2000“ und „Common People“. Sie waren Teil des Britpop-Hypes und da eher nicht so die Lad- und Proll-Abteilung, sondern witzig und auf smarte Weise sozialkritisch. In „Common People“ geht es zum Beispiel um eine reiche Kunststudentin, die mit Jarvis abhängen will, weil der ja so arm und so real sei. Pulp haben schon lange keine neue Musik mehr veröffentlicht, aber sie haben vor einigen Jahren schon mal Reunion-Shows gespielt und werden das auch im nächsten Jahr wieder tun. Jarvis Cocker war aber alles andere als untätig: Er hat 2017 mit Gonzales ein sehr weirdes, sehr schönes Pianoalbum aufgenommen, hat als JARV IS 2020 die Platte „Beyond The Pale“ veröffentlicht und für den Wes Anderson Film „The French Dispatch“ ein Soundtrack-Album eingespielt. Auf „Chansons D’Ennui“ covert er französische Pop-Hits.
Und jetzt kommt also sein Buch „Good Pop Bad Pop“ bei Kiepenheuer & Witsch. Der Untertitel lautet „Die Dinge meines Lebens“ und gibt sozusagen das Konzept des Buches vor. Denn: „Good Pop Bad Pop“ ist keine schnöde Autobiografie. Jarvis Cocker räumt sozusagen seinen Dachboden auf und nimmt sich wirklich die Gegenstände vor, die er dabei findet. Warum das sehr amüsant und erhellend ist, erfahrt ihr in dieser Folge.
Diesmal geht es um das Buch „So Forsch, So Furchtlos“ von Andrea Abreu, das vor einigen Wochen bei KiWi im Hardcover erschienen ist. Andrea Abreu ist 1995 auf Tenneriffa geboren und dort aufgewachsen. Ihr Leben hat aber wenig mit dem zu tun, was eure Eltern euch vom letzten Tenerrifa-Urlaub berichtet haben.
„So forsch, so furchtlos“ erzählt von einer besonderen Mädchenfreundschaft. Die namenlose Ich-Erzählerin lebt in einem kleinen Dorf am Rande eines Vulkans und zieht mit ihrer wilden, besten Freundin Isora umher. Die beiden stehen kurz vor bzw. so gerade in der Pubertät und befassen sich immer wieder mit ihren Körpern. Essen und Verdauen und Sich-Anfassen sind große Themen für die beiden, die sich – völlig alleine gelassen – ihren eigenen Reim auf das Leben und ihre Körper machen. Dass Andrea Abreu für diese rotzige, trotzige, grenzenüberschreitende Lebensphase die richtige Sprache gefunden hat, macht dieses Buch zu Recht zum Hype.
Diesmal gibt es ein kompaktes Round-up zu neuen Musikbüchern: Die Autobiografie von Bobby Gillespie, das Buch über den Musik- und Lebensweg von Cäthe und „Punk as F*ck“ von Diana Ringelsiep und Ronja Schwikowski.
„Tenement Kid“, die Autobiografie von Bobby Gillespie, ist gerade bei Heyne Hardcore auf Deutsch erschienen. Bobby ist und war der Sänger und Gründer und Cheftexter bei Primal Scream und erzählt hier von seiner Kindheit und Jugend in Glasgow – und natürlich von seiner Musikerkarriere.
Das war es dann mit den Rock-Kerlen in dieser Folge. Kommen wir zu starken Musikerinnen aus Deutschland: Nämlich zur Sängerin und Songwriterin Cäthe. Die hat früher im Jahr das sehr gute Album „Chillout Punk“ veröffentlicht und sich in der Zeit viel mit Alexandra Helena Becht gesprochen: Sie ist Journalistin, Promoterin und Beraterin und kam auf die Idee ein Buch über Cäthe zu schreiben, das zugleich gute Einblicke gibt in das Haifischbecken Musikindustrie. „Lügen ist scheiße“ heißt das Buch und ist wieder einmal Pflichtlektüre für junge Musikerinnen und Musiker.
Last but not least dabei: „Punk as F*ck“ – herausgegeben von zwei sehr geschätzten Kolleginnen, nämlich Diana Ringelsiep und Ronja Schwikowski. Diana ist Musikjournalistin und war vor allem eine treibende Kraft hinter #punktoo und Ronja ist Chefredakteurin des besten Punkmagazins der Welt „Plastic Bomb“. 50 Texte über die Punk-Szene aus Flinta-Perspektive, erschienen im Ventil Verlag.
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