🦠 Thema der Folge: Diarrhö im klinischen Alltag
Durchfall ist häufig und meist selbstlimitierend – kann aber auch Ausdruck schwerer Erkrankungen sein. Entscheidend ist die strukturierte Einschätzung: Wer braucht vor allem Rehydratation, wer sofortige Abklärung oder stationäre Aufnahme?
📌 Definition und Einordnung
Diarrhö im Alltag:
• mindestens 3 ungeformte Stühle in 24 Stunden
• praktisch relevant: häufiger, ungeformter, wässriger Stuhl
Zeitliche Einteilung:
• akut: bis 4 Wochen
• chronisch: länger als 4 Wochen
Bei chronischer Diarrhö sind nicht infektiöse Ursachen wahrscheinlicher, z. B. Malabsorption, CED, endokrine Ursachen, Medikamente oder funktionelle Störungen.
⚙️ Pathophysiologie: 4 Grundmechanismen
• osmotisch/malabsorptiv: z. B. Lactoseintoleranz, Fructosemalabsorption, Zöliakie, exokrine Pankreasinsuffizienz
→ oft Besserung bei Nahrungskarenz
• hypermotil: z. B. Hyperthyreose, Reizdarmsyndrom, diabetische autonome Neuropathie
• exsudativ-entzündlich: z. B. Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, ischämische Kolitis, invasive Infektionen
→ Blut, Schleim, Eiter möglich
• sekretorisch: z. B. Cholera, ETEC, Laxanzien, VIPom, Karzinoid
→ oft auch nüchtern anhaltend
🧪 Häufige Ursachen
Akut infektiös:
• Bakterien: Campylobacter, Salmonellen, Shigellen, Yersinien, E. coli, Clostridioides difficile
• Viren: Norovirus, Rotavirus
• Parasiten: Giardia lamblia, Entamoeba histolytica
Nicht infektiös:
• Medikamente: Antibiotika, Metformin, Diuretika, Theophyllin, Colchicin, Zytostatika, Acarbose, Laxanzien
• endokrin, entzündlich, funktionell, malabsorptiv
Besondere Differenzialdiagnosen:
• paradoxe Diarrhö bei Stenose/Kotstein
• Pseudodiarrhö bei Stuhlinkontinenz
• Laxanzienabusus
🩺 Anamnese und Untersuchung
Wichtige Fragen:
• Beginn, Dauer, Stuhlbeschaffenheit
• Blut, Schleim, Eiter?
• Fieber, Erbrechen, Bauchschmerzen?
• Reisen, Kontakte, gemeinsame Mahlzeiten?
• Beruf mit Lebensmittelkontakt oder Patientenversorgung?
• Antibiotika in den letzten 2–3 Monaten?
• Medikamenten- und Laxanzienanamnese
🚩 Red Flags
• blutige Diarrhö
• starke Bauchschmerzen
• Hypotonie, Vigilanzminderung
• schwere Dehydratation
• Elektrolytstörungen, akute Nierenfunktionsstörung
• Peritonitis, Sepsis
• Immunsuppression, hohes Alter, Komorbiditäten, aktive Tumorerkrankung
Wichtig bei blutiger Diarrhö:
• an EHEC und HUS denken
• Zeichen für Nierenbeteiligung, Anämie, Thrombozytopenie beachten
Erweiterte Diagnostik bei:
• schwerem Verlauf
• Red Flags
• Risikogruppen
• Persistenz
• Tropenaufenthalt
• Verdacht auf C. difficile
• beruflicher infektiologischer Relevanz
Möglich:
• Stuhldiagnostik
• Blutbild, Elektrolyte, Kreatinin, Entzündungswerte
• ggf. Leberwerte, Lipase, Laktat, Urin
• Sonografie bei Komplikationsverdacht
💧 Therapie: wichtigste Botschaft
Die zentrale Therapie der akuten Diarrhö ist Rehydratation plus Elektrolytausgleich.
Ambulant:
• orale Rehydratationslösung (ORS)
• alternativ übergangsweise gesüßter Tee + salzige Brühe
• kleine Mengen, häufig trinken
• leichte Kost, Alkohol/Koffein/fettreiche Kost/Softdrinks meiden
Symptomatisch:
• Antiemetika bei Übelkeit/Erbrechen
• Loperamid nur selektiv: nicht blutig, nicht fieberhaft, keine invasive Infektion, kein C.-difficile-Verdacht
🏥 Wann stationär?
• orale Flüssigkeitszufuhr nicht möglich
• moderater bis schwerer Verlauf
• Kreislaufinstabilität
• relevante Elektrolytstörung/Nierenfunktionsstörung
• Verdacht auf HUS, Sepsis, Ileus, toxisches Megakolon
🧼 Hygiene und Meldepflicht
• Händehygiene konsequent
• ggf. separate Toilette / Isolation
• besonders wichtig bei Norovirus, Rotavirus, C. difficile
• Meldepflichten früh prüfen, v. a. bei EHEC/HUS, Cholera, Typhus, Ausbrüchen und Tätigkeiten mit Lebensmitteln
🧠 Merksatz für den Alltag
4 Fragen bei Diarrhö:
• Wie krank ist die Person?
• Gibt es Warnzeichen?
• Ist es wahrscheinlich infektiös und ansteckend?
• Braucht es mehr als Rehydratation und Beobachtung?