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  • Frankreich-Deutschland: Die Achse und ihre Bewährungsproben 1958-1989 (5)

    Wenn das Vertrauen ins Wanken gerät
    „Die Nüchternheit der Rede unterstreicht das Relief der Haltung. Nichts erhöht die Autorität besser als das Schweigen — der Glanz der Starken und die Zuflucht der Schwachen.“ — Charles de Gaulle, Le fil de l’épée, 1932

    Die ersten vier Teile dieser Serie folgten einem präzisen Muster: dem eines sich beschleunigenden Zählers, zunächst hin zur Rache, dann hin zum Frieden. Dieser fünfte Teil folgt einem anderen, weniger geradlinigen Muster: dem des Vertrauens, das sich nicht in einem Block aufbaut, sondern durch eine Abfolge von Bewährungsproben — manche erfolgreich bestanden, wie die Wette von Ludwigsburg, die Ostpolitik oder die Rede von 1983, andere zweideutiger, wie die Verdrängung vom Dezember 1989.

    Bemerkenswert ist im Rückblick, dass die deutsch-französische Achse nie durch eine Meinungs-verschiedenheit zwischen Gleichrangigen auf die Probe gestellt wurde, sondern durch Momente, in denen eines der beiden Länder dem anderen voraus war — Deutschland mit der Ost-politik, Frankreich mit der Rede von 1983, dann erneut Deutschland mit der Wiedervereinigung. Jedes Mal musste sich der zurückgebliebene Partner entscheiden: sich anpassen oder zurückbleiben. 1969 wie 1983 hielt die Achse stand. 1989, zum ersten Mal seit Colombey, ist es Frankreich, das zurückbleibt — eine Entscheidung, deren Folgen der sechste Teil dieser Serie umfassend beleuchten wird, bis hin zur heutigen Beziehung.

    „Unsere gesellschaftlichen Vorstellungen, unser politisches Engagement und, wer weiß, unsere Charaktere: alles musste uns a priori trennen“, schrieb François Mitterrand am Ende seines Lebens über Helmut Kohl. „Wir waren eigentlich überhaupt nicht ‚füreinander geschaffen'“, bestätigte Kohl einige Jahre später auf einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung.[07] Dass der sozia-listische Staatspräsident und der christdemokratische Bundeskanzler die deutsch-französischen Beziehungen wie auch die europäische Einigung in den 1980er- und 1990er-Jahren auf ein neues Niveau heben sollten, war keineswegs selbstverständlich. Heute werden sie zu Recht zu den Vätern Europas gezählt.

    27 min
  • France-Germany: The Axis and Its Trials 1958-1989 (5)

    When Trust Falters
    “The sobriety of speech heightens the relief of one’s bearing. Nothing enhances authority better than silence — the splendor of the strong, and the refuge of the weak.” — Charles de Gaulle, The Edge of the Sword, 1932

    The first four installments of this series followed a precise pattern: that of a counter accelerating, first toward revenge, then toward peace. This fifth installment follows a different one, less linear: that of trust, which is not built all at once but through a succession of trials — some successful, like the gamble of Ludwigsburg, Ostpolitik, or the 1983 speech; others more ambiguous, like the denial of December 1989.

    What strikes one, in hindsight, is that the Franco-German axis was never truly tested by a disagreement between equals, but rather by moments when one of the two countries got ahead of the other — Germany with Ostpolitik, France with the 1983 speech, then Germany again with reunification. Each time, the partner left behind had to choose between falling in line or falling behind. In 1969 as in 1983, the axis held. In 1989, for the first time since Colombey, it was France that fell behind — a choice whose consequences the sixth installment of this series will fully assess, right up to the relationship as it stands today.

    “Our social outlooks, our political commitments, and, who knows, perhaps our characters: everything should, a priori, have kept us apart,” François Mitterrand would write late in life about Helmut Kohl. “We really weren’t made for one another at all,” Kohl would confirm some years later, at a Konrad-Adenauer-Stiftung conference[12]. That this Socialist president and this Christian-Democrat chancellor managed to carry the Franco-German relationship and European construction to an unprecedented level in the 1980s and 1990s was anything but a given. Today, rightly, they are counted among the founding fathers of Europe.

    21 min
  • Frankreich-Deutschland: Ich liebe dich, ich dich auch nicht 1990-2025 (6)

    Autopsie einer Geisterehe
    Man muss eine bequeme Lüge aufgeben, die seit sechzig Jahren diesseits und jenseits des Rheins in offiziellen Reden wiederholt wird: Es hat nie ein deutsch-französisches Paar gegeben. Es gab, auf französischer Seite, das Bedürfnis, zu glauben, dass es eines gebe — und ein Deutschland, das sich von 1963 bis 2026 systematisch weigerte, den Preis dieser Fiktion zu zahlen, sobald es galt, zwischen Paris und Washington zu wählen.

    Die Präambel vom Mai 1963 war kein Zwischenfall am Rande. Sie war das Eingeständnis, kaum einen Monat nach der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags, dass Deutschland sich nicht auf ein Paar einließ: Es ließ sich auf eine Koexistenz unter amerikanischer Vormundschaft ein, mit Frankreich als bloßem Partner zweiten Ranges. De Gaulle empfand es als Verrat, weil es einer war. Die CDU hat sich nie dafür entschuldigt, weil sie es nie musste — Frankreich zog es vor, immer wieder so zu tun, als sei nichts geschehen.

    Dann kam 1990, und die Maske musste nicht länger getragen werden. Das wiedervereinigte Deutschland brauchte Frankreich nicht mehr, um seine historische Schuld auszugleichen, noch dessen Patronage, um sich einen Platz unter den Großen zurückzuholen. Es wurde einfach es selbst — voll souverän, in seinen Entscheidungen völlig frei. Und seine Entscheidung, von Kohl bis Merz, über sechzehn Jahre merkelschen Durchwurstelns hinweg — jene Kunst, das Fleisch in die Wurst zu drücken, ohne je über den nächsten Bissen hinauszudenken —, war immer dieselbe: verwalten, niemals errichten.

    Frankreich seinerseits hat es nicht besser gemacht. Sarkozy und Hollande haben nichts errichtet, das es verdiente, neben Colombey, dem Elysée, Verdun zu stehen. Das Paar erlosch, ohne dass jemand das Wort Scheidung auszusprechen wagte — man sprach lieber von „Kooperationen“, im Plural, jenem Wort, das, wie stets, eher Verlust als Bindung anzeigt. FCAS, MGCS, die Marine: drei getrennte Autopsien derselben Verweigerung — der Verweigerung der Integration, die geradewegs auf den Mai 1963 zurückführt.

    Die Tragödie besteht nicht darin, dass Deutschland seine eigenen Interessen wählte. Das tun alle Staaten, und de Gaulle selbst hätte daran nichts auszusetzen gehabt — die Unabhängigkeit, die er für Frankreich forderte, konnte er den anderen nicht verweigern. Die Tragödie besteht darin, dass Frankreich weiterhin „Paar“ nannte, was nie mehr war als eine interessengeleitete Koexistenz, und dafür den Preis in Naivität zahlte, in gescheiterten Programmen, in Illusionen, die weit über ihr Verfallsdatum hinaus gepflegt wurden.

    Es bleibt die Frage, die dieses Werk von Bucksch bis zu Trump stellt: Wo sind die Staatsmänner? De Gaulle sprach von der Leere der Geschichte, jenem Raum, den nur echter Wille füllen konnte. Was wir heute haben, ist das Gegenteil — ein Übermaß an Politikern, bestenfalls vorsichtigen Verwaltern eines Erbes, das sie nicht zum Blühen zu bringen wussten, gerade in einem Augenblick, der genau das verlangte, was ihnen am meisten fehlt: den Mut zu sagen, dass das Paar nie existiert hat, und den Ehrgeiz, an seiner Stelle etwas zu errichten, das endlich aus eigener Kraft steht.

    Georg Bucksch, ein würdiger Sohn eines Vaters, der selbst ein großer Diener des Staates im Verborgenen war, ruft nach der Rückkehr von Staatsmännern ans Licht der Öffentlichkeit. Beten wir mit ihm, dass wir eines Tages wieder Männer vom Format eines de Gaulle, eines Adenauer oder eines Churchill an den Schalthebeln finden.

    Zum Glück haben wir noch große Diener des Staates.

    24 min
  • France-Allemagne : Je t’aime, moi non plus 1990-2025 (6)

    Autopsie d’un ménage fantôme
    Il faut cesser un mensonge confortable, répété depuis soixante ans dans les discours officiels des deux côtés du Rhin : il n’y a jamais eu de couple franco-allemand. Il y a eu un besoin, côté français, de croire qu’il en existait un — et une Allemagne qui, de 1963 à 2026, a systématiquement refusé de payer le prix de cette fiction dès qu’il fallait choisir entre Paris et Washington.

    Le préambule de mai 1963 n’était pas un incident de parcours. C’était l’aveu, à peine un mois après la signature du traité de l’Élysée, que l’Allemagne ne s’engageait pas dans un couple : elle s’engageait dans une coexistence sous tutelle américaine, avec la France en simple partenaire de second rang. De Gaulle l’a ressenti comme une trahison parce que c’en était une. La CDU ne s’en est jamais excusée parce qu’elle n’a jamais eu à le faire — la France a préféré, encore et encore, faire comme si de rien n’était.

    Et puis 1990 est arrivé, et le masque n’a plus eu de raison d’être porté. L’Allemagne réunifiée n’avait plus besoin de la France pour compenser sa culpabilité historique, ni de son parrainage pour retrouver un siège à la table des grands. Elle est simplement devenue elle-même — pleinement souveraine, pleinement libre de ses choix. Et son choix, de Kohl à Merz, en passant par seize années de durchwursteln merkélien — cet art de pousser la viande dans la saucisse sans jamais viser plus loin que la prochaine bouchée —, a toujours été le même : gérer, jamais fonder.

    La France, de son côté, n’a pas fait mieux. Sarkozy et Hollande n’ont rien construit qui mérite de figurer aux côtés de Colombey, de l’Élysée, de Verdun. Le couple s’est éteint sans que personne n’ose prononcer le mot divorce — on a préféré parler de « coopérations », au pluriel, ce mot qui, comme toujours, signale la perte plutôt que le lien. SCAF, MGCS, le naval, le char de combat futur : trois autopsies distinctes d’un même refus, celui de l’intégration, celui qui remonte tout droit à mai 1963.

    Le drame n’est pas que l’Allemagne ait choisi ses intérêts. Tous les États le font, et de Gaulle lui-même n’aurait rien trouvé à y redire — l’indépendance qu’il réclamait pour la France, il ne pouvait pas la refuser aux autres. Le drame est que la France, elle, a continué d’appeler « couple » ce qui n’a jamais été qu’une coexistence intéressée, et qu’elle en a payé le prix en naïveté, en programmes avortés, en illusions entretenues bien après leur date de péremption.

    Reste la question que ce corpus pose depuis Bucksch jusqu’à Trump : où sont les hommes d’État ? De Gaulle parlait du vide de l’Histoire, cet espace que seule une volonté véritable pouvait remplir. Ce que nous avons aujourd’hui, c’est l’inverse — un trop-plein d’hommes politiques, au mieux gestionnaires prudents d’un héritage qu’ils n’ont pas su faire fructifier, quand le moment appelait précisément ce qui leur manque le plus : le courage de dire que le couple n’a jamais existé, et l’ambition de construire, à sa place, quelque chose qui tienne enfin debout. Heureusement, il nous reste encore de grands serviteurs de l’État.

    22 min
  • France-Allemagne : L’axe et ses épreuves 1958-1989 (5)

    Quand la confiance vacille
    « La sobriété du discours accentue le relief de l’attitude. Rien ne rehausse mieux l’autorité que le silence, splendeur des forts et refuge des faibles. » — Charles de Gaulle, Le fil de l’épée (1932)

    Les quatre premiers volets de cette série ont suivi un motif précis : celui d’un compteur qui s’accélère, d’abord vers la revanche, puis vers la paix. Ce cinquième volet en suit un autre, moins linéaire : celui de la confiance, qui ne se construit pas d’un bloc mais par une succession d’épreuves — certaines réussies, comme le pari de Ludwigsburg, l’Ostpolitik ou le discours de 1983, d’autres plus ambiguës, comme le déni de décembre 1989.

    Ce qui frappe, avec le recul, c’est que l’axe franco-allemand n’a jamais été mis à l’épreuve par un désaccord entre égaux, mais par des moments où l’un des deux pays devançait l’autre — l’Allemagne avec l’Ostpolitik, la France avec le discours de 1983, puis de nouveau l’Allemagne avec la réunification. Chaque fois, le partenaire resté en retrait a dû choisir entre s’aligner ou rester à la traîne. En 1969 comme en 1983, l’axe a tenu. En 1989, pour la première fois depuis Colombey, c’est la France qui reste à la traîne — un choix dont le sixième volet de cette série mesurera pleinement les conséquences, jusqu’à la relation d’aujourd’hui.

    « Nos conceptions sociales, notre engagement politique et, qui sait, nos caractères : tout devait a priori nous séparer », écrira François Mitterrand à la fin de sa vie à propos d’Helmut Kohl. « Nous n’étions en réalité pas du tout faits l’un pour l’autre », confirmera Kohl quelques années plus tard, lors d’une conférence de la Konrad-Adenauer-Stiftung. Que ce président socialiste et ce chancelier chrétien-démocrate aient su porter la relation franco-allemande et la construction européenne à un niveau inédit dans les années 1980 et 1990 n’avait rien d’une évidence. On les compte aujourd’hui, à juste titre, parmi les pères de l’Europe.

    23 min
  • France-Germany: From Ruins to an Emerging Europe, 1945-1959 (4)

    Why Peace Held, This Time
    The attentive reader of this series will have noticed a recurring pattern, accelerating since the first installment: sixty-four years between Jena and Sedan, forty-three years between Frankfurt and Sarajevo, twenty-one years between Versailles and Rethondes. Each cycle of revenge took half as long to mature as the one before it — until catastrophe reached, in 1945, its absolute limit.

    What is striking about the decade 1945-1955 is that the same accelerating mechanism — modernity, urgency, necessity — continued to operate, but in reverse: barely five years separate the capitulation from the Schuman Declaration; one year separates that declaration from the ECSC. The same need for speed that had served for a century and a half to hasten revenge now served to build peace. Yet the decade was no smooth, untroubled course: the stinging failure of the EDC in 1954 is a reminder that no reconciliation is ever guaranteed in advance, and that European federalism very nearly died a second time, barely four years after its birth.

    21 min
  • Frankreich-Deutschland: Von den Ruinen zum werdenden Europa, 1945-1959 (4)

    Warum der Frieden diesmal hielt
    Dem aufmerksamen Leser dieser Serie wird ein Muster aufgefallen sein, das sich seit dem ersten Teil beschleunigend wiederholt: vierundsechzig Jahre zwischen Jena und Sedan, dreiundvierzig Jahre zwischen Frankfurt und Sarajevo, einundzwanzig Jahre zwischen Versailles und Rethondes. Jeder Rachezyklus brauchte halb so lange zum Reifen wie der vorangegangene — bis die Katastrophe 1945 ihren absoluten Endpunkt erreichte.

    Bemerkenswert am Jahrzehnt 1945-1955 ist, dass derselbe beschleunigende Mechanismus — Modernität, Dringlichkeit, Notwendigkeit — weiterhin wirkt, jedoch umgekehrt: Kaum fünf Jahre trennen die Kapitulation von der Schuman-Erklärung; ein Jahr trennt diese Erklärung von der EGKS. Dasselbe Bedürfnis nach Schnelligkeit, das anderthalb Jahrhunderte lang der Beschleunigung der Rache diente, dient nun dem Aufbau des Friedens. Doch war das Jahrzehnt keineswegs ein ruhiger Fluss: Das schmerzliche Scheitern der EVG 1954 erinnert daran, dass keine Aussöhnung jemals im Voraus gesichert ist und dass der europäische Föderalismus ein zweites Mal beinahe gestorben wäre, kaum vier Jahre nach seiner Geburt.

    25 min
  • France-Allemagne : Des ruines à l’Europe naissante 1945-1959 (4)

    Pourquoi la paix, cette fois, a tenu
    Le lecteur attentif de cette série aura remarqué un motif qui se répète, en s’accélérant, depuis le premier volet : soixante-quatre ans entre Iéna et Sedan, quarante-trois ans entre Francfort et Sarajevo, vingt et un ans entre Versailles et Rethondes. Chaque cycle de revanche mettait deux fois moins de temps à mûrir que le précédent — jusqu’à ce que la catastrophe atteigne, en 1945, son terme absolu.

    Ce qui frappe dans la décennie 1945-1955, c’est que le même mécanisme accélérateur — modernité, urgence, nécessité — continue de fonctionner, mais inversé : cinq ans à peine séparent la capitulation de la déclaration Schuman ; un an sépare cette déclaration de la CECA. Le même besoin d’aller vite, qui avait servi pendant un siècle et demi à précipiter la revanche, sert désormais à bâtir la paix. Reste que la décennie ne fut pas un long fleuve tranquille : l’échec cinglant de la CED en 1954 rappelle qu’aucune réconciliation n’est acquise d’avance, et que le fédéralisme européen a bien failli mourir une seconde fois, quatre ans à peine après être né.

    16 min
  • France-Germany: The Paroxysm, 1914–1945 (3)

    Why 1945 Was Not 1918
    This paroxysm deserves a moment’s pause before turning the page toward reconciliation. The mechanism described in the first two installments of this series — humiliation, cultivated resentment, deferred revenge — operated one last time with devastating force in 1940: the deliberate choice of Rethondes, the echo of Bismarck’s words at Sedan, all of it suggests that Germany’s leaders at the time believed, quite consciously, that they were acting in direct continuity with 1870 and 1918. The cycle reproduced itself exactly as it had been designed to — all the way to its logical, appalling conclusion.

    But 1945 differs from 1871 or 1918 in one essential respect: this time, there is no victor left in a position to humiliate the other without destroying itself in the process. France in 1945 lacked the means for a punitive peace comparable to Versailles — it emerged from the Occupation itself utterly exhausted. And Germany, confronted with the sheer scale of its own crimes, no longer had the same psychological ground on which to cultivate a new, legitimate sense of national grievance. It may be this double impossibility, more than any sudden surge of virtue, that opened the door — provided statesmen were able to seize it.

    21 min
  • Frankreich-Deutschland: Der Höhepunkt, 1914–1945 (3)

    Warum 1945 nicht 1918 war
    Dieser Höhepunkt verdient einen Moment des Innehaltens, bevor man das Blatt zur Versöhnung wendet. Der in den ersten beiden Teilen dieser Serie beschriebene Mechanismus — Demütigung, gepflegter Groll, aufgeschobene Rache — funktionierte 1940 ein letztes Mal mit verheerender Wucht: die bewusste Wahl von Rethondes, das Anklingen von Bismarcks Worten bei Sedan — all das deutet darauf hin, dass die damaligen deutschen Machthaber ganz bewusst glaubten, in direkter Kontinuität zu 1870 und 1918 zu handeln. Der Kreislauf reproduzierte sich genau so, wie er konzipiert worden war — bis zu seinem logischen, erschreckenden Ende.

    Doch 1945 unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von 1871 oder 1918: Diesmal gibt es keinen Sieger mehr, der in der Lage wäre, den anderen zu demütigen, ohne sich dabei selbst zu zerstören. Frankreich verfügte 1945 nicht über die Mittel für einen Versailles vergleichbaren Diktat Frieden — es ging selbst erschöpft aus der Besatzung hervor. Und Deutschland, konfrontiert mit dem Ausmaß seiner eigenen Verbrechen, verfügte nicht mehr über denselben psychologischen Nährboden, um einen neuen, legitimen nationalen Groll zu kultivieren. Vielleicht war es diese doppelte Unmöglichkeit, mehr als ein plötzlicher Anflug von Tugend, die die Tür öffnete — vorausgesetzt, Staatsmänner wussten sie zu nutzen.

    18 min

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