In dieser Arbeit werden Anwendungen der Kraftspektroskopie zur Erforschung
und Anwendung von nicht-kovalenten biologischen Bindungen vorgestellt.
Analysiert wurde die Bindungsstärke einzelner Rezeptor-Ligand Bindungen und
die Wechselwirkung von Zellmonolayern. Als Anwendung der molekularen
Erkennung wird die Lokalisation von Zellen auf Grund ihrer spezifischen
Wechselwirkung vorgestellt. Durch den Vergleich der Bindungskräfte mehrerer
Rezeptoren zu einem Liganden lassen sich Aussagen über die biologische
Wirkung und Aufgabe einer Rezeptor-Ligand Bindung treffen. Die Analyse der
Trennkurven von biologisch relevanten Zell/Zellmonolayer- oder großflächigen
Zell/Protein-Kontakten ergeben Einblicke in zeitliche Abläufe und involvierte
Proteine bei der Zelladhäsion.
• Dynamische Kraftspektroskopie mit drei verschiedenen Lektinen und zwei
Liganden zeigten, daß die jeweilige Bindungskraft in dem experimentell
zugänglichen Bereich der Ladungsrate über 3 Größenordnungen (100-10000
pN/sec) eine lineare Abhängigkeit vom Logarithmus der Ladungsrate
aufweist. Zusätzlich sind die einzelnen Rezeptor-Ligand Systeme auf Grund
ihrer Bindungsstärke bei Ladungsraten größer als 700 pN/sec eindeutig zu
unterscheiden. Die Bindungsstärke, die für das schwächste Paar 34 pN und
für das stärkste 58 pN bei 3000 pN/sec Ladungsrate beträgt, läßt sich in
Relation zur biologischen Wirkung setzen.
• Mit Monte Carlo und Wahrscheinlichkeitsdichte Simulationen konnte
wegen der experimentell gemessenen linearen Abhängigkeit der Bindungskraft
vom natürlichen Logarithmus der Ladungsrate die Breite oder
Reichweite des Bindungspotentials der jeweiligen Rezeptor-Ligand
Bindung bestimmt werden (4-10 Å). Die für die verschiedenen Bindungen
durchgeführten Simulationen zeigten, daß die berechnete Breite des
Potentials reziprok mit der gemessenen Dynamik der Bindungsstärke
korreliert.
• Am Beispiel von Uterusepithel- und Trophoblastzellen wurde gezeigt, daß
mit dem Kraftmikroskop die Bindungsfähigkeit von Zellen gemessen
werden kann. Experimente mit verschiedenen Modelloberflächen und die
Variation der Kontaktzeit machten deutlich, daß die Präsenz von
Rezeptoren für Zelladhäsionsproteine, wie z.B. Integrine für Fibronektin, in
der apikalen Membran und Kontaktzeiten länger als 20 min die notwendige
Voraussetzung für stabile interzelluläre Kontakte zwischen Epithelzellen
sind. Für kürzere Kontaktzeiten ist ein Modell mit nicht vernetzten,
membrangebundenen Bindungspartnern und deren möglicher viskoser
Anbindung an die Zelle erstellt worden.
• In einem gemischten Zellmonolayer aus Erythrozyten der Blutgruppe A
und O, sind die Zellen der Gruppe A, auf Grund der spezifischen Wechselwirkung
mit dem funktionalisierten Kraftsensor, mit einer Affinitätsabbildung
lokalisiert worden. Die spezifische Lokalisation von Liganden
an lebenden Zellen mit dem Kraftmikroskop ist demnach mit dieser
Technik möglich.