Quantenmechanische (QM) Grundzustandsrechnungen auf Basis der Dichtefunktionaltheorie
(DFT) erlauben bei der derzeitigen Leistungsfähigkeit von Supercomputern die Molekulardynamik-
Simulation (MD-Simulation) von molekularen Systemen mit bis zu 100 Atomen. Verwendet
man nicht-lokale Austausch-Korrelations-Funktionale, so werden Elektronen-Korrelationseffekte
erfaßt. Damit kann insbesondere das Kraftfeld von Farbstoffmolekülen mit ausgedehnten
konjugierten p-Elektronensystemen richtig beschrieben werden.
Ein prominentes Beispiel für ein solches Farbstoffmolekül ist die Schiffsche Base von Retinal,
die in dem lichtgetriebenen Protonenpumpzyklus des Proteins Bacteriorhodopsin (BR) eine
führende Rolle spielt. Die elektrostatischen Felder und die sterischen Bedingungen in der
Chromophorbindungstasche im Inneren des Proteins steuern die Eigenschaften und Reaktionen
des Farbstoffes auf eine hochspezifische Weise. Eine für das Verständnis dieser Protein-
Chromophor-Wechselwirkung nötige quantenmechanische Behandlung des gesamten Protein-
Chromophor-Komplexes ist nicht durchführbar, da Proteine in der Regel aus mehreren tausend
Atomen bestehen und dies einen immensen Rechenaufwand zur Folge hätte.
Nur molekülmechanische (MM) Proteinmodelle, bei denen molekulare Kraftfelder durch semiempirisch
bestimmte Energiefunktionen approximiert werden, lassen sich numerisch hinreichend
effizient auswerten und gestatten so eine mikroskopische Beschreibung der Dynamik
von Proteinen. Aufgrund der vielen Vereinfachungen, die MM-Modellen anhaften, können jedoch
keine chemischen Reaktionen oder Eigenschaften von Farbstoffmolekülen erfaßt werden.
Aus diesem Grund wurde in dieser Arbeit ein QM/MM-Hybridverfahren entwickelt, mit dessen
Hilfe ein kleiner Teil eines Proteinsystems, etwa ein gebundenes Substrat oder ein eingelagerter
Farbstoff, mit einem DFT-Verfahren quantenmechanisch (QM-Fragment) und die nicht vernachlässigbare
Proteinumgebung molekülmechanisch (MM-Fragment) behandelt werden kann.
Zu diesem Zweck wurde ein geeignetes Wechselwirkungsschema zwischen QM- und MMFragment
entwickelt, das in dem EGO/CPMD-Programmpaket implementiert wurde.
Für die Berechnung der elektrostatischen Wechselwirkung zwischen den Fragmenten war es
nötig, die sogenannte FAMUSAMM-Methode (fast multiple-time-step structure adapted
multipole method) weiter zu entwickeln, so daß auch sehr große Hybridsysteme, bei denen die
MM-Fragmente aus mehreren tausend Atomen bestehen, ohne Verlust an Genauigkeit behandelt
werden können.
Die bei kovalent aneinander gebundenen Fragmenten im QM-Fragment auftretende freie
Valenz an einer Fragmentschnittstelle erfordert eine spezielle Behandlung. Hierfür werden vielfach
sogenannte Link-Atom-Verfahren eingesetzt, bei denen das QM-Fragment durch ein zusätzlich
eingeführtes Wasserstoffatom, das Link-Atom, abgesättigt wird. Wie in der vorliegenden
Arbeit erstmals gezeigt werden konnte, lassen sich die dynamischen Freiheitsgrade, die in
einem QM/MM-Hybridsystem durch ein Link-Atom zusätzlich auftreten und die Dynamik
nachweislich verfälschen, vollständig eliminieren. Hierzu wurde ein neues Link-Atom-Verfahren
SPLAM (scaled position link atom method) entwickelt, bei dem alle störenden Effekte,
die von dem Link-Atom ausgehen, beseitigt werden, so daß das Kraftfeld an der Fragmentschnittstelle
korrekt wiedergegeben wird.
In ausführlichen Testrechnungen wurde die Qualität der in dieser Arbeit entwickelten
QM/MM-Hybridmethode untersucht. Dabei wurden insbesondere berechnete Schwingungsspektren
eingesetzt, da diese eine sehr empfindliche Probe für die Qualität eines molekularen
Kraftfeldes sind. Es konnte durch MD-Simulation eines Wasserclusters demonstriert werden,
daß in QM/MM-Hybridmodellen das TIP3P-Wassermolekülmodell, bei dem die Elektrostatik
eines Wassermoleküls durch drei Punktladungen beschrieben wird, den Lösungsmitteleinfluß
von Wasser richtig modelliert. Bei der Untersuchung eines Wasserdimers hat sich herausgestellt,
daß die wohlbekannte S