Ein Gespräch über Kapitalmehrheiten und den Preis der Illiquidität
Anno August Jagdfeld: Der Mann, der das Adlon baute und es nicht verkaufen kann
Das Berliner Hotel Adlon bleibt vorerst im Bestand eines geschlossenen Fonds aus dem Jahr 1994. Bei der Gesellschafterabstimmung stimmten 86 Prozent der rund 4.000 Anleger für den Verkauf – sie halten jedoch nur 71,04 Prozent des Fondskapitals. Erforderlich waren 75 Prozent.
Malte Dreher und Christoph Fröhlich haben Anno August Jagdfeld, Gründer und Geschäftsführer des Adlon-Fonds, in Heiligendamm getroffen. Es ist ein Gespräch über Fondsmechanik und über einen Unternehmer, der Ende des Jahres 80 wird und dessen Anleger es zum großen Teil schon sind.
Warum eine Anlegermehrheit von 86 Prozent nicht ausreicht und wie Kapitalmehrheiten in geschlossenen Fonds funktionierenWeshalb Jagdfeld einen zweiten Anlauf für zwingend hält: 2032 endet der Pachtvertrag, davor wird der Kredit fälligDas Fungibilitätsproblem: Ohne Börse und geordneten Sekundärmarkt bleiben Zweitmarktfonds als KäuferDie umstrittene Erfolgsbeteiligung von 20 Prozent oberhalb von 310 Millionen EuroWarum das Adlon 1994 nur über einen geschlossenen Fonds finanzierbar war und wieso Jagdfeld Steuervorteile als Risikokompensation verstehtOb Trophy-Immobilien heute überhaupt noch in Privatanlegerhand gehörenHeiligendamm zwischen Stolz und EnttäuschungFamilienunternehmen mit fünf Söhnen: wie Rollen entstehenSeine Erklärung für die geringe Unternehmerdichte in Ostdeutschlandprägende BücherDie Schlussfrage: 300 Millionen Euro, morgen investiert – Hotel, Wohnen oder Wald?Buchtipps von Anno August Jagdfeld
Götz Aly: „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945" (S. Fischer, 2025, 768 Seiten). Jagdfelds Empfehlung „für zurzeit". Seine Begründung: Es gehe um die Frage, wie Hitler die Deutschen für sich gewinnen konnte. Alys Buch gilt als dessen Alterswerk und beschreibt unter anderem, dass Protestanten zur Kernklientel der NSDAP gehörten – eine Beobachtung, auf die Jagdfeld später im Gespräch zurückkommt.
Fürs ganze Leben: Karl Popper, Schriften. Ohne einzelnen Titel genannt – wer einsteigen will, findet die Grundlagen in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" und „Logik der Forschung".
Gerade auf dem Tisch: Johann Wolfgang von Goethe: „Italienische Reise". Jagdfelds Urteil: ein wunderbares Buch.
Das größte Lesevergnügen:
Peter Sloterdijk. Jagdfeld ist gelernter Altphilologe mit Griechisch und Latein und liest Sloterdijk auch wegen der Fremdwörter: „Der Sloterdijk ist ja in der Lage, in jedem Satz mindestens drei Fremdwörter unterzubringen. Er kreiert auch eigene, und das macht mir Spaß." Seine Rechnung: 99 Prozent aller Fremdwörter kommen aus dem Griechischen oder Lateinischen.
Sein Favorit: Die Bibel. „Ich glaube inzwischen, das Allerbeste ist die Bibel." Sein Argument ist ein literarisches, kein konfessionelles: Sowohl Schiller in „Über die ästhetische Erziehung des Menschen" als auch Sloterdijk zitierten ständig daraus.
Weitere Erwähnungen im Gespräch
Joachim Skerl: „Das Seebad am Heiligen Damm. Zwischen Klassik und Romantik" (Hinstorff, 2021) – das Buch über die geistigen Grundlagen Heiligendamms, das Jagdfeld erwähnt und das ein Vorwort von ihm enthält. Daraus stammt der Satz: „Heiligendamm wurde gebaut mit den Steinen, die man aus dem Weg räumen musste."
Marion Gräfin Dönhoff: „Namen, die keiner mehr nennt. Ostpreußen – Menschen und Geschichte" (1962) – Jagdfelds Verweis, als es um das Leid der Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien geht. Das erste Kapitel schildert ihre monatelange Flucht nach Westen zu Pferd.