ch habe mich gestern unbeliebt gemacht und nach einem abendlichen Spaziergang die Polizei angerufen, da mehrere kleine Straßen an Kreuzungen so zugeparkt waren, dass Rettungsfahrzeuge keine Chance gehabt hätten.
Habe ich jetzt Eure Aufmerksamkeit?
Dann lasst uns über "Motornormativity" sprechen!
Belästigung, Nachlässigkeit bei der Lebensmittelsicherheit oder Zigarettenrauch in Menschenmengen:
Antisoziales Verhalten, das der Gesamtgesellschaft schadet, wird vom Großteil der Bevölkerung abgelehnt.
Anders, wenn es um Autos geht. Da scheint der moralische und soziale Kompass vieler Menschen plötzlich anders zu funktionieren.
Weder Tempolimits in Innenstädten zugunsten der Gesundheit noch Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen für den Umweltschutz können hierzulande flächendeckend umgesetzt werden. Gleichzeitig wird das Überschreiten der Geschwindigkeitsbegrenzung oder Falschparken als Kavaliersdelikt abgetan – und gesellschaftlich weitestgehend akzeptiert.
Doch wie kommt es zu dieser Doppelmoral? Ein Forschungsteam aus England hat das Phänomen untersucht und konkret benannt:
Der Begriff Motonormativity beschreibt, wie normalisiert der Autoverkehr und die damit zusammenhängenden Gefahren in vielen Ländern mittlerweile sind – und warum es vielen so schwer fällt, das Thema objektiv anzugehen.
Die Forschung spricht eine klare Sprache
Das Team um den Verkehrs- und Umweltpsychologen Ian Walker von der Swansea University / Prifysgol Abertawe in Wales befragte 2.000 Engländer*innen nach ihrer Meinung zu Sicherheitsmaßnahmen in verschiedenen Lebensbereichen und stellte diese ihrer Einstellung zum Autoverkehr gegenüber.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert:
75 Prozent der Menschen fanden, man solle in größeren Menschenmengen nicht rauchen, aber nur 17 Prozent stimmten zu, dass Autoabgase in größeren Menschenmengen nichts verloren hätten.
Während 52 Prozent der Befragten denken, man könne Menschen durch bestimmte Maßnahmen dazu bringen, weniger Alkohol zu trinken, glauben nur 31 Prozent, dass es generell möglich sei, Menschen dazu zu bringen, weniger Auto zu fahren.
Wenn Falschparken lebensgefährlich wird
Die Konsequenzen dieser normalisierten Gleichgültigkeit sind real und gefährlich. In Düsseldorf führte die Polizei bereits Schwerpunktaktionen gegen Falschparker durch, nachdem Rettungsfahrzeuge wiederholt nicht durchkamen. Im Kölner Agnesviertel wurden Parkplätze abgebaut – nicht aus Ideologie, sondern aus Notwendigkeit: Die Autos werden immer größer, die Straßen aber nicht. Wenn SUVs Kreuzungen blockieren, geht es nicht mehr um Bequemlichkeit, sondern um Leben und Tod.
Mein Anruf war die Konsequenz aus der Erkenntnis, dass wir kollektiv wegschauen, wenn es um Autoverkehr geht – während wir in jedem anderen Lebensbereich klare Grenzen ziehen würden.
Diese kognitive Dissonanz kostet uns Lebensqualität, Gesundheit und manchmal Leben.
Wo erlebst Du Motonormativity?