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Links und Hintergründe #20 - Düsseldorf
Unser Gast heute: Der Historiker Joachim Schröder, Leiter des Erinnerungsortes Alter Schlachthof in Düsseldorf.
Zwischenkriegszeit und Arbeiterbewegung
Rund um Klosterstraße und Worringer Platz findet Ihr viele wichtige Orte der Düsseldorfer Arbeiterbewegung.
In den letzten Jahren der Weimarer Republik belegt Düsseldorf unter den preußischen Regierungsbezirken einen Spitzenplatz in Sachen politischer Gewalt.
Mit dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 veränderten sich die politischen Bedingungen im Deutschen Reich schlagartig - und Regimegegner, besonders Kommunisten, wurden auch in Düsseldorf mit aller Brutalität von den Nazis verfolgt. Sie wurden in SA-Heimen gefoltert, in den Wochen danach zu Hunderten in improvisierte Konzentrationslager verschleppt - wie nach Börgermoor.
Auch der Kommunist Karl Schabrod war 1933 im KZ Börgermoor interniert. Sein Buch „Gegen Flick und Florian. Düsseldorfer Antifaschisten über ihren Widerstand 1933 - 1945", Röderberg. Bibliothek des Widerstandes, 1978, gibt es nur noch übers Antiquariat.
Der Spiegel berichtet 1979 über Schabrod und sein Buch.
Im Freikorps
Hier die Links, wenn Ihr mehr über die Zeit des Ersten Weltkriegs und die Spaltung der Sozialdemokratie, die Novemberrevolution, "Spartakusherrschaft" in Düsseldorf und generell die Übergangsphase vom Kaiserreich zur Weimarer Republik oder über Freikorps lesen wollt.
Einen komplett anderen, ungewöhnlichen - und höchst parteiischen Blick auf die damaligen Ereignisse liefert die Autobiographie des damaligen Düsseldorfer Revolutionärs Ewald Ochel, die Joachim Schröder herausgegeben hat. "Was die nächste Zeit bringen wird, sind Kämpfe", heißt die.
Da das Rheinland besetzt und Düsseldorf entmilitarisierte Zone war, gab es hier keinen eigenen Freikorps, sondern hier kämpfte der Freikorps Lichtschlag, der im Raum Hagen gegründet wurde und v.a. die Anhänger von KPD und USPD im Ruhrgebiet bekämpfte - und auch die Putschisten beim Kapp-Putsch unterstützte.
Die 20er Jahre in Düsseldorf
Bei der Besetzung des Rheinlandes kam es immer wieder auch zu separatistischen Tendenzen, die auf eine endgültige Abtrennung des Rheinlands von Deutschland hinarbeiteten. Eine davon endete 1923 im so genannten Düsseldorfer Blutsonntag. Im gleichen Jahr hatten Frankreich und Belgien die Besatzungsmacht auf das Ruhrgebiet ausgedehnt – es folgte der Ruhrkampf. So blieb das Rheinland, das bis 1930 besetzt blieb, die ganze Zeit der Weimarer Republik über umkämpftes Terrain. Von den "Goldenen Zwanzigern" war in Düsseldorf daher wohl eher weniger zu spüren.
Kriegervereine und Wehrverbände
Kriegervereine waren so etwas wie Selbsthilfeorganisationen ehemaliger Soldaten. Ihre Entstehung ist eng verbunden mit der nationalen und patriotischen Begeisterung nach den napoleonischen Befreiungskriegen und dem Aufstieg Preußens zu einer europäischen Großmacht vor der Reichsgründung 1871. Vor dem Ersten Weltkrieg waren die Kriegervereine, mit etwa drei Millionen Mitgliedern, die wichtigste Vereinsart im Deutschen Reich. Die Aufnahmebedienungen waren klar geregelt - eintreten konnte nur, wer den Fahneneid geleistet hatte. In der Weimarer Republik hat man dort dann das Bild des im Felde unbesiegten Soldaten hochgehalten - obwohl der Erste Weltkrieg ja ganz offensichtlich 1918 in einem militärischen Desaster geendet hatte. Da konnten die Nazis dann offensichtlich ziemlich gut drauf aufbauen.
Wehrverbände gab es in der Zwischenkriegszeit sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite des politischen Spektrums, wie etwa der DNVP-nahe Stahlhelm, in dem Melanies Großvater Joachim war, der nationalliberale Jungdeutsche Orden, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold der SPD, den es heute noch gibt - oder eben der Rote Frontkämpferbund der Kommunisten.
Die Harzburger Front 1931 war eine Großveranstaltung der äußersten Rechten am 11. Oktober 1931, zu der sich etwa 10.000 Mitglieder von NSDAP, DNVP, Stahlhelm, der Reichslandbund und der Alldeutsche Verband in Bad Harzburg trafen - um ihre Geschlossenheit im Kampf gegen die Weimarer Republik zu zeigen. Umrahmt wurde das Ganze von verschiedenen Aufmärschen paramilitärischer Verbände. Doch die nach außen demonstrierte Geschlossenheit wurde vor allem von Hitler torpediert, der an diesem Tag wenig Kooperationsbereitschaft demonstrierte. Die Historikerin Anke Hoffstadt hat zur Rolle des Stahlhelms in der Harzburger Front einen lesenswerten Aufsatz geschrieben.
Links und Hintergründe
Unser Gast heute: Die Filmemacherin Lena Ditte Nissen und die Historikerin Sandra Franz, Leiterin der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld - Villa Merländer
Lenas Familiengeschichte
Nanna Conti leitete die Reichshebammenschaft in der Zeit des Nationalsozialismus und nutzte ihre Rolle im Sinne der NS-Rassenideologie. Ihr Sohn Leonardo Conti war als Reichsgesundheitsführer gleichzeitig Chef der Reichsärztekammer, Leiter des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes (NSDÄB) und als Hauptdienstleiter der NSDAP Leiter des Hauptamtes für Volksgesundheit.
Verbündete und Projekte
Lena Ditte Nissen hat sich in ihrer Arbeit immer wieder mit dem Thema beschäftigt, in einem Facebook-Talk des Künstlerhaus' Büchsenhausen spricht sie über ihr NS-Familienerbe und NS-Täterinnen. Auch Sandra Franz ist dabei.
Auf der Website vom Art Hub Copenhagen könnt Ihr auch ein längeres Gespräch mit Lena Ditte Nissen über ihr Projekt "Reflexive Alliance" hören, das sich mit der transgenerationellen Weitergabe von Familiengeschichte und Familienerfahrungen beschäftigt Derzeit arbeitet sie an einem langen Dokumentarfilm zum Thema.
Unterstützung fand Lena Ditte Nissen beim PAKH e.V., dem Arbeitskries für intergenerationelle Folgen des Holocaust, den wir Euch in #12 vorgestellt haben.
Andere bekannte NS-Täterinnen
Hermine Braunsteiner war Aufseherin in den Konzentrationslagern Ravesbrück und Majdanek und wurde erst 1981 im sogenannten Majdanek-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt und 1996 begnadigt. Sie war dafür bekannt, mit Stiefeln nach den Häftlingen zu treten, die mit Eisen beschlagen waren - oder sie mit der Peitsche zu schlagen.
Ilse Koch, die "Hexe von Buchenwald". Faktisch hatte Ilse Koch keinen SS-Dienstrang und damit auch keine Befehlsgewalt. Aber als Frau des Kommandanten soll sie ihren Mann zu Gewalttaten gegen Häftlinge angestiftet haben - und wohnte gerne der Bestrafung bei.
Herta Oberheuser war als Ärztin im KZ Ravensbrück. Sie assistierte dort bei Experimenten, bei denen versucht wurde, Verwundungen von Soldaten nachzuahmen. Sie schnitt zum Beispiel die Beine gesunder Frauen auf und nähte Stoff und Holzsplitter hinein, um zu sehen, wie der Wundverlauf ist. Sie war es auch, die die Frauen für die Experimente aussuchte und die Nachbetreuung der Folteropfer unternahm. Manchmal spritzte sie sie zu Tode. Dafür wurde sie als einzige Frau beim Nürnberger Ärzteprozess angeklagt und verurteilt .
Von ergriffenen Chancen
Anja Peters: "Nanna Conti (1881- 1951). Eine Biographie der Reichshebammenführerin" (Schriftenreihe der Stipendiatinnen und Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, Band 50). Lit Verlag. Münster 2018, 439 Seiten, 44,90 Euro oder als ePub
Ein spannendes Gespräch mit Anja Peters könnt Ihr nachhören im Podcast "Mensch, Frau Nora!" von Nora Hespers.
"Ganz normale Frauen" im NS
Frauen waren vor allem in den vielen Unterorganisationen der NSDAP aktiv. Über die Partei selbst haben wir in #8 mit dem Politikwissenschaftler Jürgen Falter und in #9 mit dem Historiker Armin Nolzen gesprochen. Hört doch nochmal rein!
Einen guten Überblick über die deutsche Frau und ihre Rolle im Nationalsozialismus gibt es hier.
Im Bund deutscher Mädel (BDM) sollten alle Mädchen und jungen Frauen zwischen 10 und 18 Jahren auf die künftigen Aufgaben der Frauen in der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" vorbereitet werden. Für die 16-jährigen Mädchen gibt es dann das BDM-Werk "Glaube und Schönheit", das die zeitliche Lücke zwischen der oberen Altersgrenze des BDM und dem Aufnahmealter der NS-Frauenschaft (21 Jahre) schließen sollte. Anschauungsmaterial von den "abstrusen Bildern von jungen Mädchen in weißen Gewändern, die auf Wiesen tanzen ", von denen Sandra Franz spricht, liefert ein NS-Propagandafilm aus dem Jahr 1939.
Die NS-Volkswohlfahrt war nach der Deutschen Arbeitsfront die zweitgrößte Massenorganisation des Deutschen Reiches und zählte bis zu 17 Millionen Mitglieder. Deren Tätigkeiten dienten in erster Linie zur Stärkung der rassisch definierten NS-Volksgemeinschaft.
00:01:31.638 Julia aus Berlin
Links und Hintergründe
Unser Gast heute: Die Historikerin Hanne Leßau
Heinrich Hoffmann
Der Münchner Fotograf Heinrich Hoffmann trug durch seine massenhaft verbreiteten Bilder wesentlich dazu bei, dass Hitler sich zum Mythos stilisieren wurde. Während der NS-Zeit entwickelte sich die Firma "Heinrich Hoffmann. Verlag Nationalsozialistischer Bilder" zu einem der bedeutendsten Bildpresseverlage im Deutschen Reich. Bilder und ein Ausschnitt aus der Wochenschau von Januar 1947 zu seinem Spruchkammerverfahren sind im Bundesarchiv zu finden (ab Min. 4).
Phasen der Entnazifizierung
Hanne Leßau hat für ihre Dissertation 800 Verfahrensakten aus der britischen Besatzungszone ausgewertet. Daraus entstand im vergangenen Jahr ihr Buch "Entnazifizierungsgeschichten. Die Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit in der frühen Nachkriegszeit".
Wenn Ihr Hanne Leßau nochmals ausführlicher zuhören wollt,
solltet ihr Euch ihren Vortrag dazu in der Topographie des Terrors in Berlin vom 25.5.2021 anschauen
oder Leßaus Antworten auf 3x3 Fragen zur Befreiung 1945: Entnazifizierung unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, Helle Panke, vom 8.5.2021
oder auch den Vortrag von Hanne Leßau bei der Gerda Henkel Stiftung vom 22.03.2021
„Entnazifizierung vor 75. Jahren: Demokratie-Grundstein mit durchwachsenem Erfolg", Deutschlandfunk, 4.3.2021
"Befreiungsgesetz"
Melanie hat sich in einem Hintergrund im Deutschlandfunk genau angeschaut, wie sich die Entnazifizierung entwickelte, als die Alliierten am 5. März 1946 die Entnazifizierung in deutsche Hände legten.
Der Politikwissenschaftler Jürgen Falter hat uns schon in Folge 8 viel über die NSDAP erzählt, er schreibt derzeit an einem Buch, für das er die Entnazifizierungsakten von NSDAP-Mitgliedern aus der amerikanischen Besatzungszone auswertet.
Coburg war schon vor 1933 eine Nazistadt. Brigitte hat diese Geschichte auch für den Deutschlandfunk recherchiert. In Folge 3 könnt Ihr alles nochmals nachhören.
Den ehemaligen Heimatpfleger von Coburg, Hubertus Habel, könnt Ihr ebenfalls ausführlicher in Folge 3 und Folge 14 hören, da geht es um den Coburger Unternehmer Abraham Friedmann, auf dessen Rücken die Nazis in Coburg triumphierten.
Der Historiker Lutz Niethammer prägte den Begriff der "Mitläuferfabrik". Sein Buch gibt es heute nur noch im Antiquariat oder in den Uni-Bibliotheken. Hanne Leßau hat u.a. über Niethammers These mit der Bundeszentrale für politische Bildung gesprochen.
Anders als in der britischen Zone konnten von den Spruchkammern in der amerikanischen Zone zusätzliche Informationen über den oder die zu Überprüfende(n) eingezogen werden, dabei war die NSDAP-Mitgliederkartei eine wichtige Quelle. Warum die heute auch noch wichtig bei der Einschätzung der Großeltern in der NS-Zeit ist, erklärt uns der Politikwissenschaftler Jürgen Falter in Folge 8.
Einen gute Überblick über die Schlussstrich-Debatte in der frühen Bundesrepublik bietet Michael Wildt: "Verdrängung und Erinnerung" von 2012.
Links und Hintergründe
Unser Gast heute: Oberstaatsarchivrat Bastian Gillner vom Landesarchiv NRW in Duisburg
Das Landesarchiv NRW
Jedes Bundesland hat eine eigene Archivorganisation. In manchen Ländern gibt es ein so genanntes Hauptstaatsarchiv, in anderen, wie etwa in Nordrhein Westfalen, gibt es ein so genanntes Landesarchiv. Hier findet Ihr einen guten Überblick.
Einen guten Einblick in das Landesarchiv NRW bietet ein Beitrag bei Westart/ WDR vom 14.10.2014
NS-Akten im Landesarchiv
Das Archivportal von NRW bietet einen guten Überblick über die Quellen, die für die Familienforschung interessant sind.
Die Personenstandsarchive sind Teil der Landesarchive, dort werden ausschließlich Unterlagen des sogenannten Personenstandswesens aufbewahrt, also Kirchenbücher, Zivilstandsregister wie Sterbe-, Heirats- und Geburtsregister, sogenannte Juden- und Dissidentenregister, Reproduktionen von Listen jüdischer Gemeinden, Einwohnern und Friedhöfen, Nachlässe etc.
Das Staatsarchiv Ludwigsburg, Teil des Landesarchivs Baden-Württemberg, hat alle relevanten Infos zur Entnazifizierung und den Spruchkammerakten auf seine Seite gestellt, auch bietet es immer wieder interessante Online-Vorträge zur NS-Familienrecherche an, wie zum Beispiel zum Lesen der Spruchkammerakten. Die Termine findet Ihr hier.
Die Suche
Findbücher werden auch als "Landkarten der Archive" bezeichnet. Sie stellen die Verbindung her zwischen der Ebene der Bestände eines Archivs und der Ebene der einzelnen Aktenstücke. Mit Hilfe eines Findbuches könnt Ihr innerhalb eines Bestandes die für Eure jeweilige Fragestellung relevanten Archivalien ermitteln. Anders als in Bibliotheken, die Zugang über alphabetische Kataloge ermöglichen - oder häufig thematisch geordnet sind, wird in einem Findbuch die Struktur eines Bestandes abgebildet. Und seine Gliederung verrät dann, wie die Strukturen sind, in denen die Akten entstanden sind. Man muss sich daher immer fragen, wer innerhalb eines Verwaltungsbereichs, in dessen Kontext die von ihm gesuchte Information gehört, zuständig war. Wie die Suche funktioniert? Ganz einfach: Über das Inhaltsverzeichnis oder über die sogenannten Indices kann man zu einem bestimmten Thema einzelne Aktenstücke finden. Außer dem Aktentitel enthalten die Einträge im Findbuch Angaben über die Laufzeit der Akten, so dass man die Suche auf einen konkreten Zeitraum einschränken kann. Vor dem Aktentitel steht meistens eine laufende Nummer, die von der Signatur zu unterscheiden ist. Wichtig: Bestandsbezeichnung und Signatur bilden die Angaben, die man braucht, um die gewünschten Akten zu bestellen, damit sie zu Euch in den Lesesaal kommt.
Viele Findbücher sind mittlerweile im Netz, die von NRW findet Ihr hier
Nationalsozialistisches Reiterkorps (NSRK)
Im Netz findet man dazu nicht viel, außer einen Wikipedia-Eintrag. Nachdem ist der NSRK seit 1936 die umfassende Bezeichnung aller berittenen Einheiten der NS-Kampforganisationen innerhalb der NSDAP. Es umfasste formal auch die Reiter-SS, die allerdings im Rahmen des NSRK autonom agierte und bestand zwischen März 1936 und Mai 1945.
Links und Hintergründe zu #15'
**Unser Gast heute ist die Historikerin Karina Urbach, die in "Das Buch Alice" die Geschichte ihrer jüdischen Großmutter, der Wiener Kochbuchautorin Alice Urbach, recherchiert hat und dabei auf ein nahezu unbekanntes Kapitel der NS-Verbrechen stieß.
Alice und ihre Familie
Alice Vater Sigmund Mayer schrieb u.a. das Buch "Die Wiener Juden. Kommerz, Kultur, Politik 1700-1900", Wien/Berlin 1917.
Sein Gegenspieler in Wien war der antisemitische Wiener Bürgermeister Karl Lueger.
Das Leben ihres Vaters Otto Urbach - als Agent des US-amerikanischen Geheimdiensts im Nachkriegsdeutschland und der frühen Bundesrepublik, ist eingeflossen in Karina Urbachs Agenten-Thriller „Camebridge 5 – Zeit der Verräter“, den sie unter dem Pseudonym Hannah Coler geschrieben hat.
Karina Urbachs Mutter Wera Frydtberg war in den 1950er Jahren eine bekannte Schauspielerin.
Die Recherche
Der lateinische Begriff „matricula“ bezeichnet Verzeichnisse, Register und Listen aller Art und bezieht sich oft auch auf Kirchenbücher (Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher). Neben Unterlagen aus dem eigenen familiären Umfeld und Dokumenten aus staatlichen und kommunalen Archiven kommt bei der Familienforschung den Matrikeln wegen ihres Alters und ihrer weitgehenden Vollständigkeit eine zentrale Rolle zu.
Buch-Raub
Der "Anschluss" Wiens am 12. März 1938 veränderte das Leben von Alice Urbach und der jüdischen Bevölkerung Wiens komplett.
Nicht nur das Kochbuch von Alice wurde "arisiert" und damit deren geistiges Eigentum geraubt - auch andere Verlage entledigten sich ihrer jüdischen Autorinnen und Autoren und ersetzten sie durch überzeugte Nationalsozialist*innen. In der Wochenzeitung "Die Zeit" vom 9.12.2020 hat Karina Urbach dieses bislang wenig aufgearbeitete Vorgehen der Verlage beschrieben.
Der "Palandt" ist eines der zentralen Werke in der deutschen Rechtsprechung und im Jura-Studium. Auch hier war der Mann hinter dem Namen überzeugter Nationalsozialist. Otto Palandt (1877-1951) war ein führender Funktionär im Reichsjustizministerium. Sein Name prangt bis heute auf dem wichtigsten Nachschlagewerk zum Bürgerlichen Gesetzbuch, dem BGB. Gerade ist die 80 im C.H.Beck-Verlag erschienen. Der hat stets abgelehnt, das Buch umzubenennen – obwohl dies schon länger grüne Landesjustizminister und auch die SPD-Justizministerien Christine Lambrecht fordern. Anfang Mai 2021 hat sich auch Bayerns Justizminister Georg Eisenreich von der CSU der Kritik angeschlossen. Er hat das in München ansässige Institut für Zeitgeschichte (IfZ) beauftragt, die Lebensgeschichte des NS-Juristen Palandt unter die Lupe zu nehmen und ein Gutachten zu veröffentlichen.
Ein zweiter prominenter Fall ist "Knaurs großes Gesundheitslexikon", das wohl heute noch in vielen deutschen Bücherschränken steht und bis 2002 verlegt wurde. Der ursprüngliche Herausgeber 1930 war der jüdische Arzt Josef Löbel – allerdings nur bis 1940. Auch Löbel verlor nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 über Nacht alles: seine Wohnung, sein Einkommen und sein Werk. In mühevoller Kleinarbeit hat der Medizinhistoriker Peter Voswinckel nachgezeichnet, warum fortan als Herausgeber von Knaurs Gesundheitslexikon ein gewisser Peter Hiron formierte – ein Pseudonym des NSDAP-Mitglieds Dr. med. Herbert Volkmann, der umgehend begann, das Nachschlagewerk etwas „zeitgemäßer“ zu gestalten, indem er Einträge wie ‚Erbgesundheit“, „Rasse“ und „Kampfgasvergiftung“ hinzufügte und dafür Einträge wie „Homosexualität“ strich.
"Nach 1945 wurden Legenden gezimmert", Gespräch mit dem Historiker Reinhard Wittmann über Verlage in der NS-Zeit in der Sendung @mediasres/Deutschlandfunk, 15.01.2020
"Der milde Blick. Wie deutsche Verlage mit ihrer NS-Geschichte umgehen", Beitrag von Philipp Gessler in: Zeitfragen/Deutschlandfunk Kultur, 19.05.2017"
Mehr Infos zum NS-Reichsnährstand gibt’s auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.
Privat- und Adelsarchive
Karina Urbach: „Hohenzollern und Nationalsozialismus. Militarismus und echte Führerliebe“, taz, 31.1.2021
Karina Urbach: „‘England is pro-Hitler‘: German popular opinion during the Czechoslovakian crisis 1938", in: Julie Gottlieb, Daniel Hucker, Richard Toye (eds.), The Munich crisis, politics and the people, Manchester University Press 2021
Der amerikanische Journalist Poultney Bigelow pflegte enge Kontakte zu den Hohenzollern
Kilb, Andreas: „Expertenrunde zu Hohenzollern. Alle einig gegen Preußen“, FAZ, 3.2.2021
Karina Urbach: [„Nützliche Idioten. Die Hohenzollern und Hitler“], erschienen in: Thomas Biskup, Truc Vu Minh, Jürgen Luh (Hg.): „Preußendämmerung. Die Abdankung der Hohenzollern und das Ende Preußens“, Research Center Sanssouci für Wissen und Gesellschaft 2019, S. 65-93
Kilb, Andreas: „Neues zu den Hohenzollern. Prinz im Fatherland“, FAZ, 7.9.2019
Der Coburger Adel und die Nazis
Das Glamour-Paar Königin Victoria und Prinz Albert ist heute ein wichtiger Faktor im Coburger Stadtmarketing.
Karina Urbach: „Hitlers heimliche Helfer. Der Adel im Dienst der Macht“, wbg Theiss 2019, 15 Euro
Mehr über die Forschungen zu Coburg hört Ihr in einem Vortrag auf Englisch von Karina Urbach zu ihrem Buch „Go-Betweens for Hitler (Hitlers heimliche Helfer)“ am Institute for Advanced Study in Princeton am 22.1.2016
„The Sun: Hier zeigt die Queen den Hitlergruß!“, Abendzeitung München, 18. Juli 2015
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Carl Eduard am 4. Juni 1945 in Coburg von der US-Armee verhaftet und bis Ende 1946 interniert. Anfangs noch wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, wurde er 1950 im Spruchkammerverfahren nach mehreren Berufungsverfahren als Mitläufer eingestuft und zu einer Sühneleistung von 5000 DM verurteilt. Für seine britische Verwandtschaft war der Coburger Fürst fortan der Sündenbock. Er durfte nicht zur Krönung von Elisabeth, sondern hat sich das in einem Kino in Coburg angeschaut. Zu seiner Persönlichkeit gibt es eine gute Doku auf Youtube, allerdings in Englisch.
Über die Täter des Nationalsozialismus, über die Profiteure des Regimes und ihre Nachkommen wird bis heute viel berichtet – die Opfer bleiben oft ausgeklammert.
Sehr häufig in der Öffentlichkeit präsent sind z.B. Julia Stoschek und ihr Urgroßvater Max Brose https://www.tagesspiegel.de/kultur/die-sammlerin-julia-stoschek-und-ihr-urgrossvater-schmutzige-gelder-saubere-kunst/26614142.html
Jan Böhmermann weist immer wieder auf die Verwicklungen Max Broses und den Kampf seines Enkels um die Reinwaschung des Großvaters hin: Böhmermann und Brose https://www.br.de/nachrichten/kultur/boehmermann-legt-nach-coburger-familie-brose-abermals-thema,SItDDXE; https://www.youtube.com/watch?v=89Ey9BrfCuI
Wer mehr wissen will über Abraham Friedmann und die Coburger Juden https://coburger-juden.de/
Unser Experte Hubertus Habel hat sich einen Namen gemacht mit der Aufarbeitung der Coburger Vergangenheit: http://gesternistjetzt.de/profis/hubertus-habel/
Hier eine gute Zusammenfassung zum Antisemitismus der Völkischen https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/antisemitismus/voelkische-bewegung.html
Bayern als "Ordnungszelle" ist hier beschrieben: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ordnungszelle_Bayern
Der "Zug nach Koburg" wurde im Dritten Reich propagandistisch ausgeschlachtet: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutscher_Tag,_Coburg,_14./15._Oktober_1922
Das Bundesentschädigungsgesetz https://www.bpb.de/apuz/162883/wiedergutmachung-in-deutschland-19451990-ein-ueberblick
Gregor Schöllgen in einem Interview zu seiner umstrittenen Brose-Monographie: https://www.sueddeutsche.de/bayern/coburg-und-max-brose-meinen-ruf-setze-ich-nicht-aufs-spiel-1.2495487
Das Problem der Wiedergutmachung hier in einem Essay der Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/apuz/162879/vergangenheit-verjaehrt-nicht-ueber-wiedergutmachung
Der Fall Auerbach ist im Spiegel beschrieben https://www.spiegel.de/geschichte/antisemitismus-opfer-philipp-auerbach-der-verhasste-nazi-jaeger-a-951063.ht
Die Bildungsstätte Anne Frank beschäftigt sich mit der Aufklärung über die Vergangenheit, bietet aber auch Beratung für die Opfer von Rassismus.
Menschen mit Nazihintergrund. Die Bezeichnung „Menschen mit Nazihintergrund“ wurde von den Künstler*Innen Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah auf Instagram zur Diskussion gestellt. In Analogie zur Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“ soll mit diesem Begriff eine Debatte über die deutsche Vergangenheitsbewältigung und den alltäglichen Rassismus in Deutschland angeregt werden.
Meron Mende ist Leiter der Anne Frank Bildungsstätte, hält den Begriff „Menschen mit Nazihintergrund“ für ein „problematisches Label“, das eher zur Spaltung als zur Verständigung beitrage. Seine Eltern flohen während des Holocaust aus Europa. Er selbst wuchs in Israel auf.
Mit der MEMO Studie erforscht das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung Bielefeld (IKG), wie und an was sich Bürgerinnen und Bürger in Deutschland historisch erinnern. Diese Erinnerungskultur wird erfasst in Form einer repräsentativen Meinungsumfrage im Bevölkerungsquerschnitt. In der neuesten Studie geben über 32 Prozent der Befragten an, dass sie glauben, dass in ihren Familien potentiellen Opfern des NS-Regimes geholfen worden ist. Eine hohe Zahl, die sich von Fakten nicht belegen lässt.
Saba-Nur Cheema hat schon in ihrer Schulzeit erfahren, dass sie als „die Andere“ wahrgenommen wurde und dass deutsche Geschichte nicht ihre Geschichte sein sollte. Dabei findet sie diesen nationalen Blick ohnehin nicht hilfreich. Sie glaubt, dass man Jugendliche nicht dazu zwingen könne, sich mit der deutschen Vergangenheit zu beschäftigen, egal, ob ihre Großeltern das Dritte Reich erlebt haben oder erst nach 1945 als Migranten nach Deutschland kamen. „Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, wo man sich zwangsweise mit seiner Familiengeschichte beschäftigten muss“, sagt sie. Und: es wäre schön, wenn man sich auch für die Familiengeschichten der Jugendlichen „mit Migrationshintergrund“ interessieren würde.
Die Angehörigen der Opfer vom [Anschlag von Hanau](https://spotify_presse.prowly.com/127526-190220-ein-jahr-nach-hanau-neuer-spotify-original-podcast haben in ihren Reaktionen gezeigt, dass sich Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte auch nach Jahrzehnten in Deutschland nicht als Deutsche fühlen können. Viele Migranten glauben zudem, dass die nicht aufgearbeitete deutsche Vergangenheit auf ihrem Rücken ausgetragen wird.
Links und Hintergründe
Unsere Gäste heute: die Psychotherapeut*innen Erda Siebert und Peter Pogany-Wnendt vom Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust, PAKH e.V.
Wenn Ihr mehr über Erda und Peter und PAKH e.V. erfahren wollt, dann könnt Ihr sehen und hören, wie etwa…
den Dokumentarfilm „Der Nachlass“ von Christoph Hübner und Gabriele Voss. Darin erzählen Kinder und Enkel von NS-Tätern und Überlebenden von ihrer Auseinandersetzung mit dem Vermächtnis. Auch Peter Pogany-Wnendt und Erda Siebert und andere PAKH-Mitglieder sind dabei.
#11Jürgen . Darin erzählt Peter, was "Gefühlserbschaften" sind.
Erdas Familiengeschichte
Im Dokumentarfilm "Der Nachlass" (s.o) erfahrt Ihr mehr, er ist über die Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung abrufbar.
Pumla Gobodo-Madikizela (edit.) with contributions by PAKH members Beata Hammerich, Erda Siebert, Peter Pogany-Wnendt, Johannes Pfäfflin and Elke Horn: „History, Trauma and Shame. Engaging the Past through Second Generation Dialogue„, Routledge Verlag 2021, E-Book: ca. 28 Euro
Die Einsatzgruppen waren mobile Terror- und Tötungseinheiten der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS. Mehr erfahrt ihr hier.
Der Einsatzgruppenprozess vom 15. September bis zum 10. April 1948 war der neunte von zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen, Erdas Vater versteckte sich in dieser Zeit und wurde nicht zur Rechenschaft gezogen.
Peters Familiengeschichte
Wenn Ihr Peters Lebensgeschichte bis ins Detail kennenlernen wollt: „Der Toten wegen musste ich jüdisch sein“, Gespräch mit Melanie und Peter im Deutschlandfunk , Sendung „Zeitzeugen im Gespräch“, 28.1.2021
„Holocaust, Menschlichkeit und Psychotherapie“, Portrait über ihn im WDR, „Quarks – Wissenschaft und mehr“, Sendung vom 15.4.2020
Die Gruppe als Seismograph
Enactement nennt man Inszenierungen aus dem Unbewussten auf der Ebene des Geschehens im analytischen Prozess.
Der Friedens- und Konfliktforscher Vamik Volkan wurde 1932 in Nikosia geboren, ist Psychoanalytiker und Professor emeritus für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät Virginia. Er ist Gründungsdirektor der „International Society of Political Psychology“ (ISPP) und des „Center for the Study of Mind and Human Interaction“ (CSMHI) und war für internationale Organisationen als Berater, Gesandter und Vermittler weltweit in vielen Krisengebieten tätig und weist außerdem neueWege in der Flüchtlingsarbeit heute.
Überforderte Kinder
Haus der Wannseekonferenz https://www.ghwk.de/de
Wer ist Opfer?
Die Ärztin Johanna Haarer erklärte zur Zeit des Nationalsozialismus in Ratgebern, wie man Kinder für den Führer erzieht. Ihr Ratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ wurde unter neuem Titel bis in die 70er Jahre verlegt. Die Folgen dieser Erziehung wirken bis heute nach, sagen Bindungsforscher.
Die Diskussion um „Menschen mit Nazihintergrund“ begannen Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah in einem Instagram Livegespräch über das Thema Nazierbe und dessen Kontinuitäten.
Hier folgen einige der Debattenbeiträge:
"Es geht uns nicht um Boykott, sondern um Transparenz". Eine Einordnung der beiden selbst bei Zeit online.
„Deutsch und damit nicht normal“, von der Autorin Jule Hoffmann auf Zeit online.
"Kritik ist Liebe: Unbequeme Wahrheiten: Wie steht es um Deinen Nazihintergrund?", von der Autorin Fabienne Sand.
„Social Media und NS-Familiengeschichte: Menschen mit Nazihintergrund“, von der Autorin Caren Miesenberger in der taz.
„Das Schweigen der Nazi-Enkel“, von der Publizistin Alexandra Senfft im Freitag.
„Wie Identitätspolitik schadet. Wer sind die Menschen mit Nazihintergrund‘?“, von Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/M.
Die Gruppe #meinNazihintergrund auf Twitter.
Reichsredner - Propagandafunktionäre der NSDAP
Aufstellung - kontrovers diskutierte Methode der Familientherapie
Dan Booth Cohen - US-amerikanischer Familienaufsteller
Peter Pogany-Wnendt - Psychotherapeut in Köln
Marsha Linehan und der Begriff der radikalen Akzeptanz
Der Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust
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