gestern ist jetzt

gestern ist jetzt

By Melanie Longerich, Brigitte BaetzSociety & CultureRelationshipsHistory
Download on the App Store

gestern ist jetzt episodes

  • #30 - Reiten im Nationalsozialismus
    Von Netzwerken, Verstrickungen und Freisprüchen

    Links und Hintergründe

    Unser Gast heute: die Historikerin Nele Maya Fahnenbruck, die vor zehn Jahren ihre Doktorarbeit zum Reiten im Nationalsozialismus geschrieben hat und heute Geschäftsführerin am Mahnmal St. Nikolai in Hamburg ist.

    Post von Angela

    Die Künstlerin und Autorin Angela Findlay aus Großbritannien hat uns eine Sprachnachricht geschickt und über ihre Suche nach ihrem Großvater erzählt, der bei der Wehrmacht Karriere machte. Ihre Recherche könnt ihr auf Angelas Blog begleiten oder ihre Geschichte auch auf unserer Webseite nachlesen, wo wir die Geschichte von Euren Großeltern sammeln. Sie hat darüber auch schon auf Englisch ein Buch veröffentlicht, das demnächst auch auf Deutsch erscheint.

    Die Grundlagen

    Die Dienstvorschrift der Kavallerie von 1882 wurde im Nationalsozialismus zur sogenannten Reitvorschrift H.DV. 12 und beschäftigt sich - neben allgemeinen Vorschriften zur Durchführung des militärischen Dienstes - schwerpunktmäßig mit der Ausbildung von Reiter und Pferd. Nach 1945 floss sie in die Ausbildungsregeln des heutigen Dachverbandes für Reiter, der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ein.

    Ausschlussmechanismen

    Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, kurz Berufsbeamtengesetz (BBG), heute auch bekannt als sogenannter „Arierparagraph“ wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 7. April 1933 erlassen. Bei dem Titel des Gesetzes handelt es sich um einen irreführenden Kampfbegriff.

    Ein gutes Beispiel, wie Hamburger Reitvereine mit jüdischen Mitgliedern umgingen, ist der jüdische Kaufmann und Springreiter Eduard Pulvermann. Er gestaltete 1920 den Parcours für das Deutsche Spring-Derby in Hamburg-Klein Flottbek, eines der schwersten Springreitturniere der Welt. Das Hindernis Nr. 14 trägt den Namen Pulvermanns Grab. Er wurde er 1941 von der Gestapo verhaftet und starb 1944 im KZ Fuhlsbüttel.

    NSRK

    Das Nationalsozialistische Reiterkorps (NSRK) war eng mit der SA verbandelt. Ab 1936 fungierte er als reiterlicher Dachverband.

    Die Kontrahenten: SA, SS und Wehrmacht

    Hier findet ihr mehr zum Chef der SS-Hauptreitschule, Hermann Fegelein, der eine steile Karriere bei der SS machte, Kriegsverbrechen beging und zum Schluss zu Hitlers engsten Vertrauten gehörte - genutzt hat es ihm trotzdem nichts, Hitler ließ ihn kurz vor Schluss ermorden, weil Fegelein ihn angeblich an die Rote Armee verraten wollte.

    Pferde in der Wehrmacht

    Anders als die Propaganda der Wehrmacht gerne verbreitete, war sie viel weniger motorisiert als die Legende erzählt, Pferde waren ihr Haupt-Fortbewegungsmittel. Das Bundesarchiv geht davon aus, dass insgesamt auf deutscher Seite im Zweiten Weltkrieg 2.800.000 Pferde eingesetzt wurden.

    Verstrickungen und Netzwerke

    Die Mitglieder der Reiter-SS waren an vielen Kriegsverbrechen und dem Holocaust beteiligt

    Mit der Veröffentlichung von Nele Fahnenbrucks Doktorarbeit, waren die Verstrickungen der Reiter in den Nationalsozialismus und Kriegsverbrechen auch in vielen Medien Thema. Hier eine Auswahl von Artikeln, mehr findet ihr auf unserer Webseite.

    Werner Langmaack: „Die unrühmliche Nazi-Vergangenheit des Reitsports“, Die Welt, 11.08.2013.

    „Der Reitsport war anfällig für die NS-Machthaber“, Gespräch mit Nele Maya Fahnenbruck im Deutschlandfunk, 16.3.2013. https://www.deutschlandfunk.de/der-reitsport-war-anfaellig-fuer-die-ns-machthaber-100.html

    Erik Eggers, Michael Wulzinger: „Brauner Herrenreiter. Turnierveranstalter Paul Schockemöhle benannte einen Nachwuchspreis nach Carl-Friedrich von Langen. Der Plympiasieger von 1928 war bekennender Nazi“,

    „Von Langen, ein ‚brauner Herrenreiter", Die Glocke, 7.3.2013

    Der Spielfilm "…reitet für Deutschland" von Regisseur Arthur Maria Rabelnalt verfilmt ganz im Sinne der nationalsozialsozialistischen Ideologie das Leben von SA-Sturmbannführer und Olympiasieger Carl-Friedrich von Langen, der 1934 nach einem Sturz bei einem Military-Wettkampf starb.

    Recherche

    Wem das jetzt zu schnell ging mit Nele Fahnenbrucks Recherchetipps, kann sie in Ruhe nochmals in ihrem Profil auf unserer Webseite nachlesen.

    54 min
  • #29 - Militärarchiv Freiburg
    Von Werdegängen bei der Wehrmacht und schwierigen Wahrheiten

    Links und Hintergründe

    Unser Gast heute: Archivdirektor Thomas Menzel. Er leitet das Referat MA 5 im Militärarchiv in Freiburg, das zuständig ist für die gesamte schriftliche Überlieferung der preußisch-deutschen Streitkräfte zwischen 1849 und 1949.

    Im Freiburger Militärarchiv

    Hier gibt es einen guten Überblick, über die Bestände.

    So unterschiedlich wie die Einsätze und Einsatzorte der Soldaten fallen auch ihre zu Papier gebrachten Erfahrungen aus. Eine gute Einordnung findet ihr auf der [Seite der BpB]().

    NS-Militärjustiz

    Beim der Wehrmacht waren Kriegsgerichte jeder Division und dort dem jeweiligen Stab zugeordnet. Die 1918 abgeschafften Standgerichte wurden 1939 wieder eingeführt, als spontane Gerichte für Einzelfälle, aber zuständig für alle Delikte des Strafrechtes. Sie verurteilten Zehntausende beispielsweise wegen angeblichen „Kriegsverrats“ oder als Deserteure, Kriegsdienstverweigerer oder „Wehrkraftzersetzer“. Insgesamt 20 000 deutsche Soldaten wurden zum Tode verurteilt. Eine vermutlich ebenso große Zahl wurde in KZ, Straflager oder Strafbataillone gesteckt. Etwa 4000 von ihnen waren bei Kriegsende noch am Leben. Die, die nicht zum Tode verurteilt wurden, gelten lange als Kriegsverbrecher. Eine Entlastung durch die Bundesrepublik scheiterte lange an politischem Dissens, so dass Wehrmachtsdeserteure per Gesetz erst 2002 rehabilitiert wurden. Der lang anhaltende Widerstand war vor allem aus den Reihen der Union gekommen.

    Grund für die späte Rehabilitation der Opfer der NS-Militärjustiz war zunächst jene Rechtfertigungsgesinnung, die der einstige NS-Marine-Richter und frühere baden-württembergische CDU-Ministerpräsident Hans Filbinger mit dem Satz offenbarte: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Filbinger, der selbst in Todesurteile verstrickt war, musste 1978 zurücktreten.

    Kriegsverbrechen

    Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen ist seit mehr als 60 Jahren damit beauftragt, Vorermittlungen zu nationalsozialistischen Verbrechen zu führen. Mit dem Ziel, auch heute noch lebende Täter und Gehilfen der massenhaften Morde ausfindig zu machen. Seit einiger Zeit hat die Aufklärungsstelle ihr Aufgabengebiet erweitert und will auch Morde in Kriegsgefangenenlagern, speziell von sowjetischen Kriegsgefangenen, der Wehrmacht und der sogenannten Einsatzgruppen untersuchen.

    Recherchetipps

    Bei militärischen Unterlagen ist das für Laien manchmal etwas schwierig zu durchblicken, welcher Standort des Bundesarchivs überhaupt zuständig ist. Hier findet Ihr einen Überblick, in dem erklärt wird, wieso es überhaupt zu den unterschiedlichen Zuständigkeiten kam.

    Hier findet ihr den Benutzungsantrag und den "Auftrag für eine Recherche über Militärangehörige" . Beides müsst Ihr ausfüllen und ans Bundesarchiv schicken, die e-Mailadresse findet ihr hier.

    Das Suchportal Invenio ist nicht so einfach zu bedienen, mit einer simplen Stichwortsuche kommt man nicht weit. Wie man erfolgreicher sucht, sollte die Topps von Thomas Menzel befolgen - und sich etwas in den Aufbau des Archivs eindenken.

    Unterlagen im Ausland

    Während und nach dem Zweiten Weltkrieg brachten die Alliierten gefundene Akten des Deutschen Reiches in Sicherheit, viele davon wurden auch nach Russland gebracht. Während die Dokumente der Westalliierten nach und nach ans Bundesarchiv übergingen, befinden sich die russischen Sammlungen dieser sogenannten Trophäendokumente weiterhin in verschiedenen Föderalen Archiven der Russischen Föderation, wie zum Beispiel im Staatsarchiv der Russischen Föderation – GARF, im russischen Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte – RGASPI, im staatlichen Militärarchiv der Russischen Föderation – RGVA sowie dem Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation – CAMO. Seit 2011 läuft ein gemeinsames deutsch-russisches wissenschaftliches Projekt zur Digitalisierung der in Russland aufbewahrten deutschen Dokumente. Eine Auswahl findet ihr hier.

    Die Zentralnachweisstelle (ZNS) in Aachen war eine Einrichtung des Bundesarchives und wurde Ende 2005 aufgelöst. Ursprünglich war sie dafür zuständig, Beschäftigungs- und Versicherungsnachweise für Angehörige von Wehrmacht und Waffen-SS, aber auch von Reichsarbeitsdienst und Organisation Todt zu erstellen. Daneben stellte die ZNS Informationen für die Strafverfolgung von NS-Tätern zur Verfügung.

    Benjamin Haas - Der Rechercheur

    Benjamin Haas leitet seit 2008 seinen Recherchedienst von Freiburg aus, er ist spezialisiert auf militärische Werdegänge. Auf unserer Webseite erfahrt ihr mehr über seine Arbeit, dort gibt's auch ein Video.

    Alle Archivdienste, mit denen das Bundesarchiv zusammenarbeitet, findet ihr hier.

    56 min
  • #28 - Tagebücher im Nationalsozialismus
    Wie lesen, wie interpretieren? Tipps vom Historiker Janosch Steuwer

    Links und Hintergründe

    Unser Gast heute: Janosch Steuwer, Historiker und Tagebuchforscher von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er hat seine Doktorarbeit zu Tagebüchern zwischen 1933 und 1939 geschrieben. Und ist unter dem Titel „Ein Drittes Reich, wie ich es auffasse“. Politik, Gesellschaft und privates Leben in Tagebüchern 1933-1939 auch im Wallstein Verlag erschienen und wurde mehrfach ausgezeichnet. Auf unserer Webseite erklärt Janosch auch in einem Video, worauf es beim Tagebuchlesen ankommt.

    Tagebuchschreibende im NS

    In der Nachkriegszeit setzte sich das Bild durch, dass Tagebuchschreiben in der NS-Zeit etwas sehr Gefährliches war, dass vor allem Regimekritiker*innen taten. Beeinflusst war diese Annahme von George Orwels' Buch "1984", wo das Tagebuch zum einzigen Rückzugsort in einer totalitären Überwachungsstart wird.

    In #8 und #9 haben uns es der Historiker Armin Nolzen und der Politikwissenschaftler Jürgen Falter erklärt, wie die NSDAP und ihre Organisationen bis in die kleinsten gesellschaftlichen Verästelungen eindrangen und zum Bekenntnis aufforderten.

    Buchtipp: Johannes Hürter, Leiter der Forschungsabteilung München des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin hat 2021 Tagebücher und Briefe von Marta und Egon Oelwein herausgegeben, die das Paar zwischen 1939 und 1945 schrieben. "Im Übrigen hat die Vorsehung das letzte Wort…" zeigt das Leben einer nationalsozialistischen Familie im "Dritten Reich", die sich komplett der "Volksgemeinschaft" einfügte. Rezension von Melanie im DLF.

    Herausforderungen und Reaktionen

    Die DNVP, die Deutschnationale Volkspartei, die auch Melanies Großvater bis 1933 wählte, war an einigen Regierungen der Weimarer Republik beteiligt, obwohl sie deren Verfassung und auch den Versailler Vertrag ablehnte. Die DNVP unterstützte die sogenannte Machtübernahme der NSDAP.

    Wer Lust hat auf mehr… schaut doch mal auf unsere Webseite, da gibt es viele Geschichten von euch und euren Großeltern und unsere Profis geben viele Recherchetipps.

    55 min
  • #27 - Abteilung PA
    Die ehemalige WASt und ihre Unterlagen

    Links und Hintergründe #27 - Die Abteilung PA im Bundesarchiv (ehem. WASt)

    Unser Gast heute: Birgit Wulf, stellv. Referatsleiterin PA1 (Link)

    Die Deutsche Dienststelle (WASt) wurde zum 1. Januar 2019 in die Abteilung „Personenbezogene Auskünfte“ des Bundesarchivs in Berlin überführt. Bis 2023 soll der Umzug von Berlin-Reinickendorf nach Tegel komplett abgeschlossen sein.

    Personenbezogene Unterlagen

    Bei den Beständen handelt es sich vor allem um sogenannte personenbezogene Unterlagen, das heißt, es müssen immer die Schutzfristen beachtet werden. Deshalb waren die Bestände auch lange nicht digitalisiert, aber es werden immer mehr, geplant ist, dass man mit einer speziellen Genehmigung des Archivs diese dann auch von Zuhause aus über das Suchportal Invenio einsehen kann. Die wichtigsten Unterlagen, die Ihr dort finden könnt:

    Zentrale Personenkartei:

    Kernbestand für die Auskunftserteilung der Abteilung PA sind die in der WASt bzw. Deutschen Dienststelle gesammelten ca. 150 Millionen Verlustmeldungen einschließlich Vermisstmeldungen militärischer Einheiten und Sanitätsformationen sowie die ca. 100 Millionen Veränderungsmeldungen in den Erkennungsmarken­verzeichnissen aus den Jahren 1939 bis 1945. Bereits während des Krieges wurde zu jeder Einzelmeldung eine Karteikarte für die Zentrale Personenkartei (Z-Kartei) angelegt, die heute Angaben zu mehr als 18,5 Millionen Angehörigen der ehemaligen deutschen Wehrmacht und anderer militärähnlicher Verbände enthält.

    Gräberkartei:

    Nach dem Krieg galt die Gräberkartei lange Zeit als verschollen, so dass die Deutsche Dienststelle mit allen Informationen, die sie finden konnte, eine sogenannte Ersatzgräberkartei aufbaute, die inzwischen auf etwa 4,5 Millionen Karten angewachsen ist. Nach dem Mauerfall fand sich die Originalkartei im Zentralen Staatsarchivs der DDR - und ist somit erhalten.

    Unterlagen über Kriegsgefangene:

    Nach Kriegsende wurden sämtliche Unterlagen beschlagnahmt, welche die WASt über all die Menschen geführt hatte, die in deutscher Kriegsgefangenschaft waren - um sie dann den jeweiligen Herkunftsländern der Kriegsgefangenen zu übergeben.

    Ab 1950 erhielt die Deutsche Dienststelle ihrerseits von den westlichen Siegermächten, d.h. aus Großbritannien, Frankreich, Belgien und den USA, Unterlagen über deutsche Kriegsgefangene und Internierte. Unterlagen über deutsche Kriegsgefangene und Internierte in sowjetischem Gewahrsam wurden der Deutschen Dienststelle hingegen nicht übergeben. Die liegen heute noch in den russischen Archiven. Ihr danach sucht, müsst Ihr Euch an den Suchdienst des DRK München wenden. Vor dem Ukraine-Krieg standen deutsche und russische Archive allerdings im engen Austausch, derzeit aber ruht dieser.

    Weitere Archivbestände, ein Abkürzungsverzeichnis und die Nutzeranträge findet Ihr hier.

    Der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. wurde 1954 von der Bundesrepublik Deutschland damit beauftragt, die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland zu erfassen, zu erhalten und zu pflegen. Der Volksbund hat eine frei zugängliche Onlinedatenbank mit fast fünf Millionen Datensätzen von gefallenen oder vermissten deutschen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges angelegt, die unter „Volksbund Gräbersuche online“ abgerufen werden können. Dabei handelt es sich v.a. um deutsche Militärangehörige, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind und für die eine Grablage auf einer deutschen Kriegsgräberstätte bekannt ist. Davon betreffen etwa eine Million Datensätze die Zeit des Ersten Weltkrieges. In den letzten Jahren kam zudem eine große Anzahl weiterer in den Jahren des Zweiten Weltkrieges gestorbener Militärangehöriger ohne bekannte Grablage sowie Vermisster hinzu. Bei der Ergänzung der Datensätze half die Deutsche Dienststelle Berlin.

    Militärische Unterlagen - Standorte

    Hier findet Ihr einen guten Überblick über die Bestände zu militärischen Unterlagen der einzelnen Standorte - damit Ihr wisst, wohin Ihr Euch wenden müsst.

    "Tessin"

    Die digitalisierte Version des Nachschlagewerks "Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS 1939–1945" von Georg Tessin ist im Bundesarchiv einsehbar und bietet zwar keine lückenlosen, aber sehr umfangreiche Nachweise von Einheiten, Verbänden und Kommando­behörden und Angaben zu Unterstellungsverhältnissen.

    Grenzschutz

    Der Grenzschutz, oder genauer Zollgrenzschutz, war über die Finanzverwaltung organisiert und setzte sich überwiegend aus Beamten zusammen. Zu Beginn des Kriegs wuchs der Personalbedarf durch die Einsätze in den besetzten Gebieten stark an, sodass zunächst Hilfspersonal aus der nahen Grenzbevölkerung notdienstverpflichtet wurde. In den Folgejahren mussten junge Beamten und ehemalige Soldaten nach und nach an die Wehrmacht abgegeben werden. Die entstandenen Lücken wurden mit Notdienstverpflichteten aus immer älteren Jahrgängen aufgefüllt, so dass der Zollgrenzschutz in der letzten Hälfte des Krieges an der Basis kaum noch aus Beamten und gelernten Zöllnern bestand.

    49 min
  • #26 - Displaced Persons

    Links und Hintergründe # 26 - Displaced Persons

    Unsere Gäste heute: Florian Urbański, der uns heute von der Suche nach seinen Großeltern erzählt, die im Deutschen Reich Zwangsarbeit leisten mussten und in der Nachkriegszeit zu Displaced Persons, sogenannten "heimatlosen Ausländern", wurden.

    Die Historikerin Sarah Grandke von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, forscht zu Displaced Persons mit Schwerpunkt Polen und Ukraine.

    Unfreiwilliger Neubeginn

    Nach ihrer Befreiung lebten die nach Deutschland deportierten Zwangsarbeiter*innen oft als "Displaced Persons" in Lagern und warteten auf ihre Repatriierung in ihre Heimatstaaten oder die Emigration ins westliche Ausland. Auf der Webseite des Arbeitskreises "Zukunft braucht Erinnerung" gibt es einen guten Überblick mit weiterführender Literatur.

    Zwangsarbeit

    Florians Großmutter lebte ihm polnischen Łódź, als sie von den Nazis zu Zwangsarbeit verschleppt wurde. Sie arbeitete bis zum Kriegsende in unterschiedlichen Fabriken in Süddeutschland.

    Florians Großvater wurde aus der Kriegsgefangenschaft heraus in zivile Zwangsarbeit gezwungen. Offiziell war der Status von Kriegsgefangenen nämlich völkerrechtlich geregelt – und zwar in der Haager Landkriegsordnung von 1907 und der Genfer Konvention von 1929. Danach mussten sie angemessen versorgt und nicht für sogenannte „unzuträgliche und gefährliche Arbeiten“ eingesetzt werden. Die Nazis aber argumentierten, dass der polnische Staat untergegangen, also kein Völkerrechtssubjekt mehr darstelle, und folglich wären die Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen auf sie nicht anzuwenden. Die polnischen Kriegsgefangenen verloren dadurch den zumindest völkerrechtlich geregelten Schutzbereich dieser Konvention, der vom Internationalen Roten Kreuz kontrolliert wurde, und waren aus NS-Sicht nur noch Zivilisten. 200.000 wurden anschließend als Zwangsarbeiter eingesetzt, die nach den rassistischen Polen-Erlassen diskriminiert wurden.

    Mehr zum System Zwangsarbeit und zu den sogenannten Polen-Erlassen könnt Ihr übrigens nochmal in #25- Zwangsarbeit nachhören, da gibt Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin einen guten Überblick - auch über den langen Weg hin bis zur Entschädigung.

    Grundlagen

    Der Begriff Displaced Person (DP) wurde im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten geprägt. Als „DPs“ wurden in dieser Zeit Zivilpersonen bezeichnet, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten und ohne Hilfe nicht zurückkehren konnten. Unmittelbar nach der Gründung der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) wurde im November 1943 beschlossen, dass diese internationale Hilfsorganisation sich um Unterbringung, Versorgung und Rückführung in deren Heimat kümmern sollte, sobald die militärische Lage das zulassen würde.

    In DP-Lagern sollten Displaced Persons (DPs) nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorübergehend in Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien untergebracht werden. Hier hibt es einen guten Überblick über die einzelnen Lager.

    Mehr zum Thema jüdische Displaced Persons findet Ihr hier.

    Die Schriftstellerin Natascha Wodin wurde Ende 1945 als Kind ukrainischer DPs in Fürth geboren, weil auch ihre Eltern aus Furch vor stalinistischer Verfolgung in Deutschland geblieben waren. In "Sie kam aus Mariupol" berichtet sie von ihrer Spurensuche nach der Herkunft ihrer früh verstorbenen Mutter, in "Irgendwo in diesem Dunkel" von der noch ihrem Vater.

    Wer nochmal intensiver einsteigen will ins Thema DPs: Der Journalist Patrick Figaj erzählt in seinem Podcast "Tadschu" die Geschichte seines Großvaters, der eine ähnliche Geschichte hat wie Florians Großvater.

    1951 wurde das "Gesetz über die Rechtsstellung heimatloser Ausländer" in der Bundesrepublik verabschiedet. Nachdem fallen unter den Begriff "heimatlose Ausländer" fremde Staatsangehörige oder Staatenlose, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge und Verschleppte des NS-Regimes in der BRD und West-Berlin aufhielten. Zu Begriff und Kritik - hier lang.

    Recherche

    Eine gute Anlaufstelle bei der Suche sind die Arolsen Archives und auch das UN-Archiv in New York.

    Sarah rät, sich immer auch an die Stadtarchive zu wenden, wo die Großeltern in DP-Lagern gelebt hatten. Meist wäre da nicht viel zu finden, weil die Materialien oft im Ausland sind, manchmal könnt Ihr trotzdem großes Glück haben.

    In Polen:

    Die Archive in Polen sind deutlich zentraler organisiert, gleichzeitig ist nicht immer sofort ersichtlich, wo welche Unterlagen liegen. Jede Wojwodschaft hat ein Staatsarchiv und auch jede Diözese hat ein Zentralarchiv. So gehen zum Beispiel nach 100 Jahren alle Kirchenbücher zentral an das Archiv der Diözese, regionale Unterlagen nach 100 Jahren an die Staatsarchive der Wojwodschaften. Außerdem gibt es noch diverse Spezial-Archive. Einen guten Überblick bietet das Deutsche Historische Institut (DHI) in Warschau und die Seite mittelpolen.de.

    Was es in Polen nicht gibt, sind Stadt- und Regionalarchive. Man muss deshalb geduldig Schritt für Schritt recherchieren, wo welche Unterlagen liegen könnten, rät Florian. Auch die jeweils lokalen Standesämter sind immer noch eine Anfrage wert, wenn es um Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunden geht, die nicht älter sind als 100 Jahre.

    Noch ein Tipp von Florian zu polnischen Archiven: Er hat die Erfahrung gemacht, dass die deutlich bürokratischer sind als die deutschen. Es ist zum Beispiel ganz wichtig, dass man nachweisen kann, dass man mit der gesuchten Person direkt verwandt ist. Florian rät daher, dass man sich beim Standesamt sämtliche Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden, Familienbücher, kopieren lässt, die dann in der Summe das Verwandtschaftsverhältnis zwischen einem selbst und dem Gesuchten belegen. Und das dann in Polen einem beglaubigten Übersetzer vorlegt. Und das dann eben mit der Kopie des Originaldokumentes im entsprechenden Archiv einzureichen.

    Auch das Institut für Nationales Gedenken, IPN, eine gute Anlaufstelle, wenn man nach polnischen Opfern von Krieg und Kommunismus sucht.

    Das Zentrale Museum für Kriegsgefangene (Centralne Muzeum Jeńców Wojennych) in Oppeln/Opole, ist Museum und Archiv zugleich. Der Hintergrund ist, dass nach 1945 die gesamten deutschen Unterlagen über Kriegsgefangene an die jeweiligen Kriegsteilnehmer übergeben wurden, in dem Fall an die Volksrepublik Polen.

    Noch ein Tipp, wenn es um Kriegsgefangenschaft geht: Eine Anfrage beim Archiv der Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene des Roten Kreuzes in Genf.

    Netz-Foren gibt es einige, zum Beispiel dpcamps.org, in dem eine Nachkommin seit vielen Jahren die unterschiedlichsten Infos zu den verschiedenen Lagern sammelt. Hier erhaltet Ihr einen guten Überblick über einzelne Camps und könnt Euch vernetzen.

    Florian empfiehlt das forum.ahnenforschung.net, weil es sehr breit aufgestellt ist und unter anderem eine eigene Kategorie zu Polen hat. Hier sind viele unterwegs, die schon länger suchen und auch Polnisch sprechen - und auch mal Vorlagen abgeben, bei Übersetzungen helfen.

    Die Seite Mittelpolen.de hat zwar kein Forum mehr, aber stellt auf der Internetseite noch Tipps zur Verfügung. Ansonsten gibt es noch zahlreiche Internetseiten und Foren die sich teilweise speziell mit einzelnen polnischen Regionen befassen, da kann man aber auch bei Forum Ahnenforschung nachfragen.

    Für unsere Webseite hat Florian seine Suche nochmals aufgeschrieben. Hier findet Ihr auch die Geschichte anderer Enkelinnen und Enkel.

    50 min
  • #25 - Zwangsarbeit
    Stefan Weger und die Archäologie des Unrechts

    Links und Hintergründe*

    Unsere Gäste heute: Der Fotograph Stefan Weger, der über die Suche nach seiner Ururgroßmutter erzählt, die er in dem Fotobuch "Luise. Archäologie eines Unrechts" verarbeitet hat, und die Historikerin Christine Glauning, die in Berlin das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit leitet.

    Grundlagen

    Wichtige Begriffe zur nationalsozialistischen Zwangsarbeit findet Ihr im Interviewarchiv "Zwangsarbeit 1939-1945" der Freien Universität Berlin.

    Einen guten Überblick vom Historiker Cord Pagenstecher bei der BpB gibt es hier und ein Dossier zum Thema auch. Wer einen Überblick will über die vielen verschiedenen Facetten, findet natürlich bei Wikipedia einiges, samt umfassender Literatur, und natürlich bei der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).

    Um Zwangsarbeit in den ersten Konzentrationslagern ging es auch in Folge #21, als wir über die Geschichte des Düsseldorfer Kommunisten Toni Melchers gesprochen haben.

    Zu Besuch bei Christine Glauning

    Das Berliner Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Niederschöneweide ist eine gute Anlaufstelle für recherchierende Enkelinnen und Enkel, denn hier laufen alle Infofäden für die Recherche zusammen und es gibt auch Seminare zum Thema.

    Albert Speer, Hitlers Vertrauter, Lieblingsarchitekt und sogenannter "Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt" wird im Februar 1942 auch Rüstungsminister und eine treibende Figur beim Zwangsarbeitereinsatz. Dennoch konnte er beim großen Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg den Kopf aus der Schlinge ziehen, gab sich als durchsetzungsstarker Manager, der von den Verbrechen nichts gewusst habe, vielmehr verführt worden sei von der starken Aura Hitlers. Anders als etwa Fritz Sauckel, der "Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz", der in Nürnberg zum Tod verurteilt und hingerichtet wurde, kam Speer mit einer 20-jährigen Haftstrafe davon. Als er im Oktober 1966 aus dem Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau entlassen wurde, begann seine zweite Karriere als gefeierter und scheinbar geläuterter Zeitzeuge, der regelmäßiger Gast im vielen Talkshows war. Seine verfassten Memoiren, die "Erinnerungen" von 1969 und die "Spandauer Tagebücher" von 1975, die in viele Sprachen übersetzt wurde, waren Bestseller. Wer mehr wissen will, gerade über Speers Karriere in der Nachkriegszeit, kann sich den Vortrag des Historikers Magnus Brechtken anhören, der 2021 die Biographie "Albert Speer. Eine deutsche Karriere" geschrieben hat.

    Zwangsarbeit sehr vielschichtig

    Die Art des Arbeitseinsatzes, die Herkunft der Menschen, die alltäglichen Bedingungen und ihre Behandlung waren sehr unterschiedlich. Interview dazu mit Christine Glauning in der taz.

    Wer mehr über das "System Sauckel" und die Zusammenarbeit von Generalbevollmächtigten und Reichsarbeitsministerium wissen möchte: Die Historikerin Swantje Greve hat sich damit in ihrem gleichnamigen Buch beschäftigt.

    Mit den Polenerlassen vom 8. März 1940 und den Ostarbeitererlassen vom 20. Februar 1942 unterwarfen die Nazis Millionen verschleppte Arbeitskräfte aus Osteuropa einem diskriminierenden Sonderrecht, das für die Betroffenen Ausbeutung, Ausgrenzung und Demütigung bedeutete. Während für Westeuropäer die Justiz zuständig war, war es für die Osteuropäer die Gestapo.

    Walerian Wróbel

    Die Geschichte von Walerian Wróbel ist bis heute oft Thema im Geschichtsunterricht vieler Bremer Schulen. Der Rechtshistoriker Christoph Schminck-Gustavus hat seinen Fall recherchiert und darüber ein Buch geschrieben mit dem Titel "Das Heimweh des Walerian Wrobel".

    Walerians Geschichte gilt als Präzedenzfall der sogenannten Polenstrafrechtsverordnung, die ab Anfang Dezember 1941 galt und die auch für jüdische Menschen galt. Nach der mussten Staatsanwälte Straftaten, die von Deutschen gegenüber Polen und Juden begangen wurden, nicht von Amtes wegen verfolgen. Vorläufige Festnahmen sowie Inhaftnahme waren schon bei dringendem Tatverdacht und ohne besondere Haftgründe zulässig. Urteile gegen Polen und Juden waren sofort vollstreckbar. Privat- und Nebenklagen blieben Polen und Juden versagt.

    Stefan Weger hat seine Recherche zu seiner Urgroßmutter in seiner Abschlussarbeit bei der Ostkeuzschule für Fotografie verarbeitet. Daraus ist ein Bildband entstanden. "Luise. Archäologie eines Unrechts", heißt der und wurde mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2021/22 in der Kategorie "Self Publishing ausgezeichnet. Demnächst soll er im Berliner Shift Books Verlag in größerer Stückzahl verlegt werden. Außerdem sind die Bilder im Rahmen einer Ausstellung in verschiedenen KZ-Gedenkstätten zu sehen.

    Unterschiedliche Diskurse

    Bei Christine Glauning kommen seit einiger Zeit besonders viele Anfragen von Enkelinnen und Enkeln aus den Niederlanden an. Wer sich für die Thematik interessiert, und dazu noch gerne Graphic Novels liest, dem sei das Tagebuch von Jan Bazuin empfohlen, ein 19-jähriger Rotterdamer, der gegen Ende des Krieges noch zu Zwangsarbeit nach München verschleppt wurde und darüber in seinem Tagebuch berichtete - eines der wenigen erhaltenen Dokumente von Zwangsarbeitern überhaupt. Melanie hat es schon für den Deutschlandfunk gelesen und mit dem Herausgeber Paul-Moritz Rabe vom NS-Dokumentationszentrum in München gesprochen. Er ist u.a. im Münchner Westen für den derzeit entstehenden Erinnerungsort in Neuaubing zuständig, der sich auf dem Gelände eines ehemaligen NS-Zwangsarbeiter*innenlagers befindet. Bis zur geplanten Eröffnung 2025 wird der Ort von vielen interessanten digitalen Projekten unter dem Begriff "Departure Neuaubing" begleitet, bei denen man mitmachen kann.

    Wer sich für den Diskurs in der Sowjetunion und die späte Aufarbeitung und Entschädigung von deutscher Seite interessiert, der sollte sich eine Podiumsdiskussion der Heinrich-Böll-Stiftung anschauen, die 2019 im Rahmen der Buchvorstellung "'Für immer gezeichnet' - Die Geschichte der 'Ostarbeiter'" stattfand. Mit dabei: Christine Glauning, Irina Scherbakowa von der internationalen Menschenrechtsorganisation Memorial, die im Dezember 2021 von Russlands Oberstem Gericht zwangsaufgelöst wurde und Jens-Christian Wagner, Stiftungsdirektor der Gedenkstätte Buchenwald.

    Auch der dreiteilige Podcast vom RBB, anlässlich des 80. Jahrestags der Wannsee-Konferenz im Januar 2022 beschäftigt sich mit der Frage der Erinnerungskultur in Deutschland und Russland heute. U.a. mit Irina Scherbakowa und dem Historiker Michael Wildt.

    Dem lange Weg der "Entschädigung" widmet sich ein Dossier der BpB mit vielen Interviews von Beteiligten. Und auch bei der Stiftung EVZ gibt es einen guten Überblick - ebenso wie eine Liste der Unternehmen, die in die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft eingezahlt haben.

    Des Kunstsammlers Friedrich Christian Flicks späte Zahlung in den sogenannten "Zwangsarbeiterfonds" der EVZ wurde auch medial stark begleitet.

    Recherche

    Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin ist eine gute Anlaufstelle für recherchierende Enkel, auch aus dem europäischen Ausland. Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner und Lagerdatenbanken findet Ihr hier. Einen guten Überblick zur Suche gibt Christine Glauning auch im Erklärvideo auf unserer Webseite.

    Auch der internationale Suchdienst des Roten Kreuze, heute Arolsen Archives gibt viele Suchinfos für Angehörige.

    Sklaverei heute

    Viele Millionen Menschen leben auch unter sklavereiähnlichen Bedingungen. 40,3 Millionen Menschen waren laut dem Global Slavery Index 2018 der Walk Free Foundation im Jahr 2016 Opfer moderner Sklaverei. Das heißt, sie wurden etwa zum Arbeiten gezwungen oder mussten gegen ihren Willen heiraten. Unter dem Begriff "Moderne Sklaverei" wird nämlich nicht nur die klassische Form von Sklaverei oder Leibeigenschaft verstanden, sondern auch sklavereiähnliche Praktiken wie zum Beispiel Schuldknechtschaft, Kinderarbeit oder Zwangsprostitution.

    1 hr 1 min
  • #24 - im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde
    Vom langen Atem und einer Bewerbung im "Ostministerium"

    Links und Hintergründe

    Unsere Gäste heute: Lutz Möser, Leiter "personenbezogene Anfragen" im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, und Thomas Pruschwitz vom Recherchedienst Ad Acta.

    Suchen in Lichterfelde

    Das Bundesarchiv in Lichterfelde ist Teil eines ziemlich geschichtsträchtigen Geländes. Mehr erfahrt Ihr hier.

    Einen Überblick über die digitalisierten Bestände des Bundesarchivs findet Ihr hier. Um schon mal von Zuhause zu suchen, müsst Ihr Euch beim Suchportal Invenio anmelden.

    Bestände, vor allem mit personenbezogenen Daten, sind oft übers Internet nicht einsehbar, dann suchen Mitarbeiter*innen wie Lutz Möser die Akten raus. Dafür müsst Ihr aber erstmal einen Benutzerantrag ausfüllen

    Nazihintergrund

    Die Diskussion, auf die sich unserer Hörerin Leslie bezieht, könnt Ihr in Folge 13 mit Saba-Nur Cheema und Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/Main nochmal nachhören.

    Um materielle Kontinuitäten aus der NS-Zeit ging es in Folge 14. Da erzählte Brigitte von dem jüdischen Kaufmann Abraham Friedmann in Coburg, der seinen gesamten Besitz damals verlor und um den Unternehmer Max Brose, der damals ziemlich viel Geld verdiente - u.a. indem er Zwangsarbeiter*innen beschäftigte.

    Die NSDAP-Kartei

    Über die NSDAP und deren Mitgliederkartei, die zu 80 Prozent erhalten ist, ging es ausführlich in den Folgen 8 und 9 mit dem Politikwissenschaftler Jürgen Falter und dem Historiker Armin Nolzen. Wer also mehr über die NSDAP-Kartei erfahren möchte, sollte erst die beiden Folgen hören.

    Der Ort

    Wer sich für die Geschichte der SA, samt Röhm-Putsch, interessiert, sollte das Buch des Historikers Daniel Siemens über die Sturmabteilung lesen, er vertritt nämlich die These, dass nach dem Putsch die SA nicht machtlos wurde, sondern sich einfach andere Betätigungsfelder suchte, zum Beispiel in den besetzten Ostgebieten.

    Die Bestände

    1994, nach Abzug der Amerikaner, ging das Berlin Document Center ins Bundesarchiv über. Das BDC war unmittelbar nach Kriegsende von der US-Armee in Berlin als Sammellager von beschlagnahmten Dokumenten aus der NS-Zeit zur Vorbereitung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und der Entnazifizierung errichtet worden.

    Neue Erkenntnisse zu Joachim

    Was wir mittlerweile wissen: Melanies Großvater Joachim scheint nicht verkraftet zu haben, dass der Erste Weltkrieg verloren ging, wie Millionen andere Deutsche. Mit demokratischen Verhältnissen der Weimarer Republik konnte er nichts anfangen: Er kämpfte im Freicorps gegen die kurze Spartakistenherrschaft in Düsseldorf, ging Anfang 1930 in den Stahlhelm und wechselte 1932 in die SA. Der Historiker Joachim Schröder, Leiter des Erinnerungsortes Alter Schlachthof in Düsseldorf, hat uns das ganz genau in Folge 20 erklärt.

    Rosenberg und sein "Ostministerium"

    Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, bei dem sich Joachim im Juli 1942 für eine Stelle als Bürgermeister bewarb, hatte zum Ziel, die besetzten Gebiete zu Germanisieren und gleichzeitig sämtliche osteuropäische Juden zu vernichten. Der Chef dort war der Oberideologe der Nazis und Hitlers enger Vertrauter Alfred Rosenberg - ein bekennender Antisemit, der als Wegbereiter des Holocaust gilt. So richtig gut erforscht ist sein Ministerium aber längst noch nicht, schon allein wegen seiner Ausmaße - bis heute gilt die Dissertation von Andreas Zellhuber von 2006 als bestes Buch, um sich zu informieren: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“ Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945."

    1942

    Am 20. Januar 1942 trafen sich hochrangige Vertreter des NS-Regimes unter dem Vorsitz von Reinhard Heydrich in einer Villa am Berliner Wannsee, um bei der Wannseekonferenz zu koordinieren, wie die Ermordung der europäischen Juden auf Behördenebene möglichst effizient umgesetzt werden sollte. Das systematische Morden war da bereits von der NS-Führung beschlossen und in vollem Gange. Der Regisseur Matti Geschonnek verfilmte anlässlich des 80. Jahrestages die Konferenz. Der Film steht in der ZDF-Mediathek.

    In der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 prasseln stundenlang britische Bomben auf Lübeck nieder. Hier wendet die britische Militärführung erstmals eine neue Kriegstaktik an: Angriffe auf Innenstädte. Vorbild für die Flächenbombardierungen waren verheerende deutsche Luftangriffe auf Städte wie London und Coventry oder Warschau.

    „Fall Blau“ oder „Unternehmen Blau“ war der Deckname für den am 28. Juni 1942 beginnenden ersten Teil der Sommeroffensive der Wehrmacht während des Deutsch-Sowjetischen Krieges. Am 30. Juni 1942 wurde die Offensive in Unternehmen Braunschweig umbenannt.

    Deportationen

    Am 27. Oktober 1941 wurde in der Großviehhalle des Düsseldorfer Schlachthofs der erste „Transport“ mit 1.003 jüdischen Männern, Frauen und Kindern zusammengestellt. Sie wurden in das besetzte Polen, nach Lódz, deportiert und in das dortige Ghetto gepfercht. Sieben Mal diente der Schlachthof als zentrale Sammelstelle für den gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf. Die meisten Menschen wurden in der Zeit zwischen Oktober 1941 und Juli 1942 verschleppt. Nacheinander fuhren Deportationszüge in die Ghettos Lodz, Minsk, Riga, Izbica und Theresienstadt. Es gab noch weitere Deportationen. Diese waren allerdings kleinere Transporte und gingen in der Regel direkt vom Hauptbahnhof aus.

    Die Chronologie der Deportationen, die vom Bundesarchiv zur Verfügung gestellt wird, findet Ihr hier.

    Das Aachener Gedenkbuchprojekt trägt die Biografien der jüdischen Menschen zusammen, die von Nazis ermordet worden.

    50 min
  • #23 Sinti und Roma
    Francesco Arman erzählt seine Familiengeschichte

    #23 - Sinti:zze und Rom:nja

    Links und Hintergründe

    Unsere Gäste heute: Francesco Arman, Sozialdezernent von Gießen, Sinto und Mitbegründer des Studierendenverbandes der Sinti und Roma in Deutschland und die Historikerin Karola Fings.

    Überblick

    Die Leipziger Autoritarismus-Studie von 2018 kommt zu dem Schluss, dass der massive Antiziganismus oft aus dem Blick gerät: 60 Prozent der Deutschen stimmten der Aussage zu, dass Sinti:zze und Rom:nja zur Kriminalität neigten. Fast sechs von zehn Bürgerinnen und Bürgern hätten ein Problem damit, wenn sie in ihrer Nähe wohnen würden. Und rund die Hälfte fand, sie sollten aus den Innenstädten verbannt werden. Und nach der RomnoKher-Studie 2021 erleben 60 Prozent der Minderheitenangehörigen in der Schule Diskriminierung. 50 Prozent berichten von Gewalt, 25 Prozent geben an, von Lehrkräften und im Klassenzimmer diskriminiert worden zu sein.

    Das RomArchive ist ein digitales Online-Archiv, das eine Übersicht über Künste und Kulturen von Sinti:zze und Rom:nja gibt. Der Name ist zusammengesetzt aus „Roma“ und „Archive“ . Die Website wurde 2020 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

    Die Unabhängige Kommission Antiziganismus wurde 2019 vom Deutschen Bundestag eingesetzt. Dem Gremium gehörten elf Personen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft an, die sich mit Antiziganismus beziehungsweise Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja beschäftigen. Sie soll die Politik dabei unterstützen, Antiziganismus zu erkennen und zu bekämpfen. Der Abschlussbericht samt Handlungsempfehlungen wurde im Juni 2020 vorgelegt.

    Stereotype

    Stereotype gegen Sinti:zze und Rom:nja sind Jahrhunderte alt. Wird aktuell über sie berichtet, ist meistens die Rede von kriminellen Clans und verarmten Bettelbanden. Medien reproduzieren so Vorurteile, die Hass schüren. Viele Sinti:zze und Rom:nja verleugnen deshalb lieber vor Kolleginnen und Kollegen, dass sie der Minderheit angehören. Wie es sich damit lebt, hat Spiegel online 2018 dokumentiert.

    Ein bisschen Geschichte

    Einen guten Überblick über die Geschichte findet Ihr im Überblick von Karola Fings: "Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit", C.H. Beck Verlag, 2., aktualisierte Auflage, 2019, 9,95 Euro.

    Verfolgung in der NS-Zeit

    Mit Beginn der NS-Herrschaft setzte die Verfolgung von Sinti:zze und Rom:nja aus sogenannten "rassischen Gründen" ein.

    1933 wurde das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen, das die Zwangssterilisation von Menschen vorsah. Rasseforscher wie Robert Ritter stützten sich später auf dieses Gesetz als Grundlage für die Zwangssterilisationen.

    1935 Der Erlass der Nürnberger Gesetze betraf Sinti:zze und Rom:nja sowie jüdische Menschen gleichermaßen. Durch das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" wurden ihnen beispielsweise Ehen mit "deutschblütigen Personen" verboten. Sinti:zze und Rom:nja sowie jüdische Menschen verloren durch die Gesetzgebung die deutsche Staatsbürgerschaft.

    1936 wurde im Reichsgesundheitsamt die "Rassenhygienische und Bevölkerungsbiologische Forschungsstelle" unter Leitung von Robert Ritter eingerichtet. Bis 1944 verfassten Ritter und seine Mitarbeiter rund 24.000 Gutachten über Sinti und Roma. Die Gutachten dienten als Grundlage für Sterilisationen und später die Ermordung in Auschwitz.

    1938 wurde die "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" eingerichtet, die dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) unterstellt war. Im Dezember folgte Heinrich Himmlers Runderlass zur "Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse" heraus.

    Ab Oktober 1939 durften Sinti und Roma ihren Wohnsitz oder momentanen Aufenthaltsort nicht mehr verlassen und mussten sich bei der örtlichen Polizei melden.

    Im Mai 1940 begannen die ersten familienweiten Massendeportationen in Ghettos und Konzentrationslager in Polen.

    1942 wurde mit dem "Auschwitz-Erlass" Himmlers die Polizei angewiesen, alle Sinti:zze und Rom:nja, auch die so genannten "Zigeunermischlinge" in Konzentrationslager einzuweisen, "ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad".

    Ab 1943 wurden Tausende Sinti:zze und Rom:nja nach Auschwitz deportiert, wo sie im so genannten "Zigeunerlager" untergebracht wurden. Von den über 20.000 Menschen, die dort eingesperrt wurden, starben mehr als zwei Drittel an Hunger, Krankheiten und Misshandlungen durch die SS-Wachmannschaften.

    Am 3. August 1944 wurden alle 2897 Sinti:zze und Rom:nja, die zu diesem Zeitpunkt noch am Leben waren, vergast.

    Francescos Geschichte

    Francesco kennt nur Fragmente seiner Familiengeschichte, die im Raum Hannover lebte, doch die Stadt selbst hat die Verfolgungsgeschichte eines Teils seiner Familie aufgearbeitet und dokumentiert.

    Verweigerte Entschädigung

    BRD

    Als Adenauers Kanzleramtschef war Hans Maria Globke 14 Jahre lang einer der mächtigsten Männer der jungen Bundesrepublik - und zugleich einer der umstrittensten: Hans Maria Globke, beteiligt an den Nürnberger Rassegesetzen, wurde zur Symbolfigur für die unaufgearbeitete braune Vergangenheit des Landes.

    Ostern 1980 erzwangen Bürgerrechtler um den heutigen Vorsitzenden des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, in der KZ Gedenkstätte Dachau die offizielle Anerkennung des NS-Völkermords.

    Über den Kampf um Anerkennung, hat Romani Rose ein Zeitzeugengespräch im Deutschlandfunk mit Melanie geführt.

    DDR

    Um 1980 lebten in allen sozialistischen Ländern etwa 2,5 Millionen Sinti und Roma. Auf dem Gebiet der SBZ/DDR hatten 1945 von insgesamt 5.000 Angehörigen der Gruppe etwa 600 überlebt. Auch hier waren Bildungs- und Aufstiegsoptionen stark begrenzt, Entschädigung fand kaum statt.

    Neue Bürgerbewegung

    Zum Thema Identitätspolitik findet Ihr mehr hier und hier.

    Aktivistinnen und Aktivisten, wie die Stuttgarterin Esther Reinhardt-Bendel von "Sinti-Roma-Pride", wehren sich ganz offen gegen Ausgrenzung und auch dagegen, dass der Genozid in Vergessenheit gerät. Ebenso wie Roxanna-Lorraine Witt, Mitbegründerin vom save space e.V. oder der Romblog Acadamy.

    Auch Gianni Jovanovic setzt sich mit seinem Buch "Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit" dafür ein, dass die Mehrheitsgesellschaft Alltagsrassismus und -diskriminierung wahrnimmt und die Stimmen von Sinti:zze und Rom:nja endlich gehört werden müssen. Unbedingt lesen! Oder ihm zuhören, etwa bei Deutschlandfunk Nova. Ihn und viele andere kommen auch zu Wort in der Dokumentation "Geschichte im Ersten: Der lange Weg der Sinti und Roma".
    Dringend empfohlen: Der Podcast "RymeCast" von und über Sinti:zze und Rom:nja von Sejnur Memisi und Nino Novakovic.

    Karola Fings

    In der von Karola Fings kuratierten Sektion "Voices of the Victims" im RomArchive könnt Ihr die Stimmen derjenigen hören, die unter dem Nationalsozialismus als Roma, Sinti, Kalderasch, Lalleri, Lowara, Manusch oder als Angehörige einer anderen Romanes sprechenden Gruppe verfolgt wurden.

    Fehlendes Unrechtsbewusstsein

    Die Doktorarbeit der Historikerin und Kriminalhauptkommissarin Eveline Diener zeigt, wie Sinti:zze und Rom:nja in Bayern auch nach dem Ende des Nationalsozialismus von der Polizei benachteiligt und herabgewürdigt wurden.

    Racial Profiling

    Vortrag von Lea Beckmann von der Gesellschaft für Freiheitsrechte und Anja Reuss vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in einem auf dem 36. Chaos Communication Congress 2019.

    Die Dokumentationsstelle Antiziganismus (Dosta) des Vereins Amaro Foro hat Beispiele gesammelt, bei denen Sinti:zze und Rom:nja Racial Profiling und anderer Diskriminierung ausgesetzt waren. Auch der Abschlussbericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus kritisiert Racial Profiling.

    Nach dem Mord an George Floyd in den USA und die massiven Proteste gegen rassistische Polizeigewalt, begann auch in Deutschland im Frühjahr 2020 die Diskussion und die Bundesregierung stritt über „latenten“ Rassismus in Sicherheitsbehörden. Eine Studie über Racial Profiling wurde angekündigt – und die Ankündigung kurz darauf vom damaligen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zurückgenommen. Begründung: Racial Profiling sei ja verboten, darum gebe es das auch nicht.

    Ergebnisse des Kommisionsberichts

    Den 800 Seiten starken Abschlussbericht samt Handlungsempfehlungen könnt Ihr hier runterladen, die kürzere Fassung hier.

    Eine wichtige Forderung der Expertenkommission ist bereits umgesetzt. Die Bundesregierung hat Anfang März 2022 einen Antiziganismus-Beauftragten berufen. Der Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, spezialisiert auf Strafrecht und bekannt geworden vor allem als Vertreter der Nebenklage im Münchner NSU-Prozess, will gegen hartnäckige Vorurteile gegen Sinti:zze und Rom:nja öffentlich vorgehen. Zudem wird er die Maßnahmen der Bundesregierung gegen Antiziganismus koordinieren.

    Recherche

    Die Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution sind ein Zentrum für Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung, NS-Zwangsarbeit sowie den Holocaust mit Sitz in der nordhessischen Stadt Bad Arolsen. Bis zum 20. Mai 2019 war die Organisation unter dem Namen Internationaler Suchdienst (englisch International Tracing Service; ITS) bekannt.

    Im sogenannten „Wiedergutmachungsarchiv“, dass mehr als 1 Mio. Akten umfasst, sind in den dort aufbewahrten Entschädigungsakten die einzelnen Verfolgungsschicksale und der Gang der Entschädigungsverfahren dokumentiert. Grundlage ist das Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, kurz BEG, vom 29. Juni 1956. Alle Entschädigungsverfahren sind in einem zentralen Register, der Bundeszentralkartei (BZK) zu finden. Sie wird vom Land Nordrhein-Westfalen im Auftrag des Bundes und der Länder bei der Bezirksregierung Düsseldorf geführt. Dort lohnt sich eine Anfrage, wenn Du wissen möchtest, ob Deine Großeltern entschädigt wurden.

    Mehr über die Initiative des Bundesfinanzministerium und dem Bundesarchiv zu den "Wiedergutmachungs"-Akten gibt's hier.

    1 hr
  • #22 Krieg
    Trauma und Familiengedächtnis
    #22 - Krieg

    Links und Hintergründe

    Unser Gast heute: Die Soziologin und Biografieforscherin Iris Wachsmuth

    Krieg & Familiengedächtnis

    Der russische Angriff auf die Ukraine und die Bilder von Leid und Chaos lösen auch hier Ängste aus. Einige von Euch haben uns Sprachnachrichten oder Textbotschaften geschickt. Wie zum Beispiel Florian aus Wrocław und Tom aus Dresden, ihre und andere Eurer Geschichten könnt Ihr jetzt auf unserer Webseite nachlesen.

    Unterschiedliche Ängste & Erfahrungen

    Mit seinem Konzept der "multidirektionalen Erinnerung“ versucht der Literaturwissenschaftler Michael Rothberg, einen Ansatz für eine neue Gedenkkultur zu skizzieren und fragt, welchen Einfluss postkoloniale Perspektiven für die Holocaustforschung hatten und heute haben können. Michael Rothberg: "Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung", kann bei der BpB bestellt werden.

    Einordnungen zur Ukraine

    Johannes Spohr ist promovierter Historiker und freier Journalist und hat angefangen, sich intensiv mit der Ukraine während der deutschen Besatzung zu beschäftigen, nachdem er bei der Recherche zu seinem Großvater erfahren hat, dass der als Mitglied des Oberkommandos des Heeres (OKH) auch in der Ukraine eingesetzt war. Seine Geschichte könnt Ihr in #6 Johannes nachhören.

    Johannes und viele andere engagieren sich im Verein KONTAKTE-KOHTAKTbl e.V.

    Auf dessen Inititative entstand am 9.3.2022 ein Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine. Denn durch den Krieg sind auch etwa 42.000 Überlebende von nationalsozialistischen Lagern und Verfolgungsmaßnahmen in Not geraten. Sie brauchen dringend Hilfe, damit lebenswichtige Dinge wie Wärme, Essen und medizinische Versorgung sichergestellt, aber auch Wiederaufarbeiten unterstützt werden können. Dieses Hilfsnetzwerk besteht aus rund 30 Initiativen, Stiftungen, Erinnerungsorten und Gedenkstätten in Deutschland, die sich mit NS-Verbrechen beschäftigen und teilweise langjährige Kontakte zu Überlebenden der NS-Verfolgung, zu Fachkolleginnen und Kooperationspartnerinnen vor Ort pflegen.

    Ihr könnt mit einer **Spende **helfen:

    Spendenkonto bei der Berliner Volksbank
    Empfänger: Kontakte-Kontakty
    IBAN: DE59 1009 0000 2888 9620 02
    BIC: BEVODEBB
    Mehr Infos unter: www.hilfsnetzwerk-nsverfolgte.de.

    Einen guten Einstieg und Überblick in und über die Geschichte der Ukraine bietet das Buch des Osteuropa-Historikers Andreas Kappeler: "Kleine Geschichte der Ukraine" - wer's noch kürzer mag: Johannes hat in der Zeitschrift Analyse und Kritik einen Überblick über die Geschichte geschrieben.

    In Johannes Dissertation, die im letzten Jahr erschienen ist, beschäftigt er sich mit dem Rückzug der Wehrmacht aus der Ukraine 1943/44. Lesen lohnt sich absolut, um aktuelle Entwicklungen zu verstehen.

    Auch wichtig zu lesen, sein Text: "Wo liegt die Ukraine, Opa".

    Und im Podcast "Und dann kam Punk" in der Folge "Ukraine Special #4" könnt Ihr auch noch mehr von Johannes' historischen, aber auch aktuellen Einschätzungen hören.

    Präsident Putin spricht von einer "Entnazifizierung" und fordert, die Ukraine müsse von Nazis befreit werden. Das Bild einer "Nazi-Ukraine" wird vom Kreml seit Jahren aufgebaut. Was dahinter steckt, lest Ihr hier.

    Am 1. März 2022 starben nach ukrainischen Angaben bei einem Raketenangriff auf den Fernsehturm von Kiew mindestens fünf Menschen. Der 1973 errichtete Turm grenzt direkt an das Gelände eines der furchtbarsten Massaker im Zweiten Weltkrieg: In der Schlucht von Babyn Jar ermordeten SS-Einsatzgruppen am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 jüdische Frauen, Kinder und Männer.

    Am 6. März wurde der Flughafen von Winnyzja von russischen Truppen zerstört. Die Stadt war mehrmals konfrontiert mit Gewalt. Seit den 1930er Jahren war die Ukraine, wie alle Teile der UdSSR, dem stalinistischen Terror ausgesetzt. In der großen Hungersnot von 1932/1933, dem Holodomor, verhungerten etwa 3,5 bis 3,9 Millionen Menschen in der Ukraine. Wer mehr darüber lesen möchte, sollte unbedingt das Buch von Anne Applebaum „Roter Hunger“ lesen.

    1937 bis 1938 kam es dann zu dem sogenannten Massaker von Winnyzja, bei denen der sowjetische Geheimdienst, NKWD, dort 9432 politische Gefangene ermordete. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Winnyzja 1941 von der deutschen Wehrmacht erobert. Schätzungen gehen davon aus, dass am 19. September 1941 mehr als 10 000 Juden durch das 45. Reserve-Polizeibataillon erschossen wurden. Am 15. April 1942 wurden nochmals knapp 5 000 Juden kurz vor den Toren der Stadt umgebracht.

    German Angst

    Der Soziologe Karl Mannheim hat sich intensiv mit dem Generationenbegriff auseinandergesetzt. In seinem Text, „Das Problem der Generationen“, der 1928 in der Zeitschrift „Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie erschienen ist, versucht er ein Konzept für eine Theorie zur soziologischen Generationenproblematik zu entwerfen. Mehr gibt's Karl Mannheim: Das Problem der Generationen – Soziobloge.

    Ost & West
    Iris Wachsmuth hat sich in ihrer Doktorarbeit 2008 damit beschäftigt, wie in Ost- und Westdeutschland über Generationen hinweg über den Nationalsozialismus gesprochen wird. Mehr Literatur von Ihr zum Thema findet Ihr hier. (Link Profil)

    Hilfen & Angebote

    Die KZ Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg bietet zweimal im Jahr verschiedene Gesprächs- und Rechercheangebote für Nachfahren von Täterinnen, Mitläufern aber auch von Verfolgten an. Auf der Seite der Gedenkstätte findet Ihr einen guten Überblick. Mit dem Leiter und Initiator der Seminare, Oliver von Wrochem, haben wir schon in #2 - Der Anfang

    gesprochen. Auch ein Materialienheft zur Familienrecherche hat die Gedenkstätte zusammengestellt, für 5 € zuzügliche Porto zu bestellen.

    Der Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust, PAKH e.V. bietet Unterstützung bei allen Fragen rund um Gefühlserbschaften aus der NS-Zeit, bei Nachkommen von Täterinnen und Profiteuren ebenso wie von Verfolgten. Es gibt auch monatliche Gesprächsgruppen, die derzeit online stattfinden. Wir waren dort in #12 zu Besuch.

    Iris Wachsmuth, aber auch die Psychotherapeutin Gabriele Baring nutzen in ihren Seminaren die Genogrammarbeit. Sie gehen davon aus, dass ein Mensch ganz unterschiedlich mit dem Leben der Vorfahren verbunden ist. Oft genug wiederholt sich dabei, was bereits Generationen zuvor geschah. Dieses Stellvertreterphänomen kann sich mithilfe eines Genogramms entschlüsseln lassen.

    Filme & Bücher

    Der Film "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß. Die Gegenwart der Vergangenheit in einer deutschen Familie" von Regisseur Malte Ludin. Er ist der Sohn von Hanns Ludin, SA-Füher der ersten Stunde und Hitlers Gesandter und bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches für die Slowakei und damit verantwortlich für die Deportation der dort lebenden Juden. Im Dezember 1947 wurde Ludin als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet.

    Die Enkelin Alexandra Senfft hat über ihren Großvater ebenfalls ein sehr lesenswertes Buch geschrieben.

    Beate Niemann ist die Tochter des Berliner Kriminalpolizisten und späteren Gestapo-Chefs von Belgrad, Bruno Sattler. 1898 in Berlin geboren, machte er erst Karriere in der Geheimpolizei. Später entwickelte er sich zu einem Massenmörder mit Einsatzorten in der Sowjetunion, Jugoslawien und Ungarn. In Belgrad befehligte er den Einsatz eines Gaswagens mit dem im Frühsommer 1942 etwa 8.500 jüdische Frauen und Kinder umgebracht wurden. Beate Niemanns Buch trägt den Titel Mein guter Vater. Mein Leben mit seiner Vergangenheit. Eine Täterbiographie" und erschien 2005.

    35 min
  • #21 Widerstand
    Der Düsseldorfer Kommunist Toni Melchers

    #21 Toni Melchers - Kommunistischer Widerstand in Düsseldorf

    Links und Hintergründe

    Unsere Gäste heute: Christa Bröcher vom Verein "Kinder des Widerstandes - Antifaschismus als Aufgabe" und Enkelin des kommunistischen Widerstandskämpfers Anton, "Toni" Melchers - sowie die Historikerin Mareen Heying von der Fernuniversität in Hagen.

    Krieg & Revolution und die Schlüsse daraus

    In #20 ging es um die Zwischenkriegszeit in Düsseldorf. Hier noch einmal die Links, wenn Ihr mehr über die Zeit des Ersten Weltkriegs und die Spaltung der Sozialdemokratie, die Novemberrevolution, die "Spartakusherrschaft" in Düsseldorf und generell über die Übergangsphase vom Kaiserreich zur Weimarer Republik oder über den Freikorps lesen wollt.

    Der Düsseldorfer Berufsrevolutionär Ewald Ochel war enger Wegbegleiter von Anton, "Toni", Melchers. Der Historiker Joachim Schröder aus #20 hat seine Erinnerungen herausgegeben, in denen auch Toni Melchers eine wichtige Rolle spielt. Ewald Ochel: "Was die nächste Zeit bringen wird, sind Kämpfe. Erinnerungen eines Revolutionärs (1914-1921)", hrsg. von Joachim Schröder, Metropol Verlag 2019, 24 Euro.

    Überleben in der NS-Diktatur

    In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 brannte in Berlin das Reichstagsgebäude. Man vermutete, dass hinter dieser Brandstiftung ein Mann namens Marinus von der Lubbe stand. Dieser junge Mann war Mitglied der Kommunistischen Partei und diese Tatsache nahm Hitler zum Anlass, den Brand als Beginn einer Verschwörung der Kommunisten zu sehen. Er rief zu einer „Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel“ auf, und als Staatsziel wurde die „Überwindung der kommunistischen Zersetzung Deutschlands“ formuliert. Die Hintergründe des Reichstagsbrands sind bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Fest steht: Die NSDAP wusste das Verbrechen für sich zu nutzen. Mit der "Reichstagsbrandverordnung" setzte sie Grundrechte außer Kraft, der Weg zur Diktatur war geebnet.

    Über Gerresheim im Nationalsozialismus gibt es auch eine Broschüre, die allerdings mit Glück noch antiquarisch erhältlich ist: Landeshauptstadt Düsseldorf (Hg.): "Erlebtes und Erlittenes. Gerresheim unter dem Nationalsozialismus; Berichte - Dokumente - Erzählungen", Red.: Angela Genger; Clemens von Looz-Corswarem; Siegfried Pietzka, Düsseldorf 1993, 337 Seiten.

    Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, hat ein sehr spannendes Buch über die Ulmer Höh' im Nationalsozialismus geschrieben, das dank unterschiedlichster Quellen den Geschichten der Männer und Frauen nachgeht, die dort zwischen 1933 und 1945 inhaftiert waren.

    Das KZ Börgermoor war eines der ersten Konzentrationslager überhaupt, gelegen in der Nähe von Papenburg, im Emsland. Das Lied „Wir Moorsoldaten“, kennt vielleicht der eine oder andere von Euch und stand auf dem Lehrplan der Schulen in der DDR. Es wurde von Hannes Wader ebenso wie von den Toten Hosen gecovert. Seine Geschichte erfahrt ihr hier.

    Das KZ Sachsenhausen wurde im Sommer 1936 von Häftlingen aus den Emslandlagern errichtet. Durch die Nähe zu Berlin und damit auch zur Gestapozentrale kamen zunächst viele politische Gefangene hierhin, außerdem hatte das KZ Sachsenhausen eine Sonderrolle im KZ-System. Ein großes SS-Kontingent war hier stationiert. Das Lager diente als Ausbildungsort für KZ-Kommandanten und das Bewachungspersonal im ganzen NS-Machtbereich. Die Mordfabrik des KZ Sachsenhausens war das Klinkerwerk, ein Großziegelwerk mit eigenem Hafen. Hier wurden Ziegel für Albert Speers Großbauvorhaben in Berlin produziert, dem Aufbau der Reichshauptstadt Germania.

    Die Nachkriegszeit in Düsseldorf

    Die Breite und Vielfalt des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerungskultur zu verankern, war ein mühsames Unterfangen. Vieles wurde dabei ignoriert, verdrängt, vergessen. Die Erinnerung an den Widerstand waren in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften auch mit politischen Ziele verknüpft.

    Mehr über die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, mittlerweile VVN-BDA, erfahrt Ihr hier. 2019 wurde ihr die Gemeinnützigkeit aberkannt, im April 2021 erhielt sie sie wieder.

    Die Mitglieder des Vereins "Kinder des Widerstands - Antifaschismus als Aufgabe" wollen die Erinnerung an Widerstand und Verfolgung ihrer Eltern und Großeltern auf verschiedenste Arten wach halten, indem sie zum Beispiel in Schulen ihre Familiengeschichten erzählen - oder auch in Broschüren. In dieser hier erzählt auch Christa Bröcher ihre Familiengeschichte. Viele von ihnen sind auch Mitglied im VVN - BdA

    In #12 waren wir zu Gast bei den Psychotherapeuten Peter Podany-Wnendt und Erda Siebert beim Kölner PAKH e.V., dem Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust.

    Die KPD wurde am 17. August 1956 durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts verboten, die Organisation formal aufgelöst, das Parteivermögen eingezogen. In allen großen westdeutschen Städten wurden Parteibüros durchsucht und anschließend geschlossen, Druckereien beschlagnahmt, Propagandamaterial in großen Mengen sichergestellt, das Parteivermögen eingezogen. Zahlreiche Funktionäre wurden verhaftet. Die KPD selbst hatte zum Zeitpunkt ihres Verbotes ungefähr 85.000 Mitglieder.

    Heinrich Hannover, 1925 in Anklam geboren, ist ein deutscher Jurist und bekannter Strafverteidiger. Er war u.a. in den Kommunistenprozessen der 1950er Jahren und 60er Jahren Strafverteidiger und hat 2009 in der linken Zweiwochenschrift "Ossietzky" seine Erinnerungen daran aufgeschrieben.

    Karl Schabrod, kommunistischer Widerstandskämpfer und Politiker in Düsseldorf. Während der NS-Zeit saß Schabdrod nach einem Hochverratsprozess in verschiedenen Zuchthäusern. Nach 1945 beteiligte er sich am Wideraufbau der KPD im Ruhrgebiet und kandidierte 1958 als unabhängiger Kandidat für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, geriet aber in Verdacht, verdeckt für die schon verbotene KPD tätig zu sein und wurde anschließend zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Seine Freilassung war auch Thema in der DDR-Nachrichtensendung "Aktuellen Kamera". Von Schabrod erschien 1978 das Buch: "Widerstand gegen Flick und Florian. Düsseldorfer Antifaschisten über ihren Widerstand 1933-1945", im Röderberg Verlag. Ist mit Glück antiquarisch noch zu haben.

    Das Bundesentschädigungsgesetz von 1956 sah eine Entschädigung von Personen vor, die Opfer rassistischer, politischer und weltanschaulicher Verfolgung gewesen waren. Viele Opfergruppen aber fielen heraus, wie eben Kommunistinnen und Kommunisten, aber auch Homosexuelle, Kriminelle und sogenannte „Asoziale“, sowie ein Großteil der verfolgten Sinti und Roma erhielten keinerlei Entschädigung, ebenso die Opfer sogenannter Euthanasie-Politik oder Zwangssterilisierte.

    Ein Feature von Carmen Eckhardt im Deutschlandfunk zeigt, wie schwierig der Kampf um Rehabilitation bis heute immer noch ist.

    Der Adenauer-Erlass ist die umgangssprachliche Bezeichnung für den am 19. September 1950 von der Bundesregierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) gefassten Beschluss zur Verfassungstreue der öffentlich Bediensteten in der Bundesrepublik Deutschland. Dadurch war es diesen Personen verboten, Mitglied in Organisationen zu sein, die die Bundesregierung als verfassungsfeindlich einstufte. Der Erlass richtete sich explizit gegen elf tendenziell eher linke sowie gegen zwei nationalsozialistische Organisationen, das Schwergewicht lag aber eindeutig beim Kampf gegen den Kommunismus. Neben der KPD enthielt die Aufzählung unter anderem auch die FDJ und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). 1972 wurde der Adenauer-Erlass in Form des Radikalenerlasses wieder aufgegriffen.

    In der Altstadt mit Mareen Heying

    Die Historikerin Mareen Heying lebt in Düsseldorf und kennt sich dort ziemlich gut aus mit (kommunistischem) Widerstand. Sie hat sich intensiv mit Klara Schabrod, beschäftigt, u.a. mit dem Briefwechsel zwischen ihr und ihrem Mann Karl Schabrod, den Christa Bröcher ja schon anfangs erwähnt hat.

    Doris Maase wurde 1911 in Briesen (Mark) geboren und stammt aus einer sehr sozial engagierten Ärztefamilie und bildete mit ihrem Mann Klaus eine kleine kommunistische Widerstandsgruppe. Die beiden wurden im Mai 1935 verhaftet, ein Anklagepunkt war die Anfertigung von Flugblättern. Eineinhalb Jahre später wurde sie vom Volksgerichtshof in Berlin wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu drei Jahren Zuchthaus und drei Jahren Ehrenverlust verurteilt. Nach nach dem Ende ihrer Haftzeit, wurde sie nicht entlassen, sondern in Schutzhaft genommen. So wurde sie in der Zeit vom 10. Juni 1938 bis 18. Juli 1938 wieder im Düsseldorfer Untersuchungsgefängnis festgehalten, bevor sie ins Frauenkonzentrationslager Lichtenburg kam. Von April 1939 bis Juli 1941 war sie als politischer Häftling im Judenblock im KZ Ravensbrück inhaftiert. Bei ihrer Arbeit im dortigen Krankenrevier versuchte sie, Mithäftlingen zu helfen. So stellte sie falsche Krankheitsbescheinigungen aus und entnahm Medikamente aus dem Krankenrevier.

    Die Düsseldorfer Widerstandskämpferin Maria Wachter warnte schon früh vor den drohenden Gefahren des Nationalsozialismus, 1932 demonstrierte sie etwa vor dem Düsseldorfer Industrieclub, während Hitler dort bei führenden Wirtschafsvertretern für die Unterstützung seiner Politik warb. Nach der sogenannten "Machtergreifung" ging sie in den Untergrund und war in einer Düsseldorfer Widerstandsgruppe aktiv, ging von 1935 bis 1937 an die Lenin-Schule nach Moskau und unterstützte von 1937 bis 1939 von Amsterdam aus, zum Teil mit gefälschten Papieren, für die KPD den Widerstand im Raum Bielefeld. 1939 wurde Maria Wachter in Paris, wie viele deutsche Staatsbürger, als „feindliche Ausländerin“ verhaftet und interniert. Nach ihrer Überführung 1942 nach Deutschland wurde sie mit einer Zuchthausstrafe belegt. Das nahende Kriegsende rettete sie im April 1945 vor der bereits beschlossenen Transport ins KZ Ravensbrück.

    Recherchetipps

    Das VVN-Archiv in Wuppertal

    Das Hans-Litten-Archiv in Göttingen mit besonderem Schwerpunkt auf die Verfolgungsgeschichte des NS-Regimes

    Und natürlich wie immer nicht vergessen: die lokale Mahn- und Gedenkstätten, Stadt- und Landesarchive.

    59 min

About gestern ist jetzt

From the publisher's feed

Seit 75 Jahren ist der Nationalsozialismus Geschichte - und doch wirkt er bis heute weiter - im eigenen Leben, in den Familien. Der Podcast "gestern ist jetzt" erzählt von der Suche nach Antworten…

More shows like gestern ist jetzt

Eine Stunde History - Deutschlandfunk Nova by Deutschlandfunk Nova

Eine Stunde History - Deutschlandfunk Nova

104 Listeners

Das Politikteil by DIE ZEIT

Das Politikteil

59 Listeners