Kritik kann ehrlich gemeint sein oder euch gezielt kleinhalten. (Bildquelle: IMAGO / YAY Images / Bildbearbeitung GIGA)
Kritik vom Chef kann euch weiterbringen – oder kleinmachen. Hier erfahrt ihr, woran ihr manipulatives Feedback erkennt.
Worum es bei Kritik wirklich gehen sollte
Wenn Chefs Kritik üben, fühlen wir uns manchmal, als würden wir „benotet“ werden. Dabei soll Feedback niemals ein „Bestanden-oder-Durchgefallen-Gefühl“ vermitteln, sondern uns eine echte Chance bieten, uns weiterzuentwickeln.
Je nachdem, wie das Feedback formuliert wird, kann es uns in unserer Autonomie stärken oder Verunsicherung auslösen. Wird diese Verunsicherung mit Absicht geschürt, nennt man das Manipulation.
Für euch wird es spannend, wenn ihr beim nächsten Feedback-Gespräch auf folgende Punkte achtet:
- Ziel der Kritik: Verfolgt euer Chef mit dem Feedback euer gemeinsames Ziel oder geht es ihr eher darum, euer Verhalten zu steuern und Kontrolle auszuüben?
- Sprache und Ton: Spricht er sachlich und wertschätzend oder befindet er sich auf einer persönlichen und wertenden Ebene?
- Dialog oder Monolog: Entsteht ein echtes Gespräch, in dem ihr mitgestalten könnt oder bleibt ihr passive Zuhörer?
Ehrliche Kritik: So fühlt sie sich an
Ehrliche und konstruktive Kritik lädt zum Gespräch oder zur Diskussion ein und ist konkret und nachvollziehbar. Alle Seiten streben dabei gemeinsam eine Lösung an. Im Idealfall läuft das folgendermaßen ab:
- Ihr erfahrt zeitnah anhand konkreter Beispiele, was ihr verbessern könnt.
- Euer Chef liefert euch eine klare, nachvollziehbare Begründung, warum ihm das Thema so wichtig ist.
- Er macht euch keinerlei Vorwürfe. Stattdessen bringt er Vorschläge und Anregungen ein.
- Auch wenn ein Fehler passiert ist, herrscht eine respektvolle und sachliche Atmosphäre.
- Natürlich solltet ihr nachfragen oder widersprechen dürfen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.
Manipulative Kritik: Das sind die Psychotricks, auf die ihr achten solltet
Manipulative Kritiker geben kein ehrliches Feedback. Sie nutzen Sprache und Tonfall, um euch zu verunsichern, kleinzuhalten oder mundtot zu machen. Häufig ist das kein Zufall, sondern Teil eines Machtspiels. Vielleicht, weil ihr selbst zuvor Haltung gezeigt oder Kritik geäußert habt. Achtet auf diese Warnsignale:
- Euer Chef fegt mit pauschalen Urteilen über euch oder das Team hinweg. Beispiel: „Ich kann mich auf niemanden von euch verlassen!“
- Er erzeugt Gruppendruck. Beispiel: „Alle anderen haben damit kein Problem!“
- Er dramatisiert kleine Fehler, droht euch oder provoziert Schuldgefühle.
- Feedback-Gespräche mit eurem Chef verwirren euch oder lassen euch an eurer eigenen Wahrnehmung zweifeln.
Wie ihr bereits ahnt, kann manipulative Kritik ganz unterschiedliche Formen annehmen. Sie ist sehr individuell und häufig gut getarnt. Genau darum solltet ihr lernen, genau hinzuschauen. Im nächsten Abschnitt machen wir den Test: Erkennt ihr, welche Kritik ehrlich gemeint ist und welche euch manipulieren soll?
Konkrete Beispiele: ehrlich oder manipulativ?
Die folgenden Sätze könnt ihr wie ein kleines Rätsel lesen. Versucht zuerst selbst zu raten, bevor ihr die Auflösung checkt.
- „Der Bericht kam zweimal verspätet bei mir an. Wie können wir das künftig besser organisieren?“ Ehrlich oder manipulativ?
Auflösung: Hier geht es um ein konkretes Verhalten und um die gemeinsame Suche nach einer Lösung. Das spricht für ehrliche, konstruktive Kritik.
- „Ihr enttäuscht mich maßlos, so kann man das niemandem zumuten.“ Ehrlich oder manipulativ?
Auflösung: Unkonkret, emotional aufgeladen, beschämend. Ein klares Manipulationssignal.
- „Eure Kollegen schaffen das ohne Extra-Hilfe.“ Ehrlich oder manipulativ?
Auflösung: Hier wird Gruppendruck aufgebaut und ihr werdet gegeneinander ausgespielt. Das ist manipulativ.
- „Lasst uns anschauen, was gut lief und was wir verbessern können.“ Ehrlich oder manipulativ?
Auflösung: Positives wird anerkannt, dann wird gemeinsam Verbesserungspotenzial aufgedeckt. Das spricht für ehrliche Kritik.
- „Wenn euch eure Karriere hier wichtig ist, solltet ihr bei solchen Entscheidungen lieber die Füße stillhalten.“ Ehrlich oder manipulativ?
Auflösung: In der Aussage wird Anpassung mit beruflicher Sicherheit verknüpft. Sie schürt Angst. Das ist manipulativ.
- „Der Kunde war mit der Präsentation unzufrieden, vor allem mit Folie drei und fünf. Beim nächsten Mal könnt ihr die Zahlen klarer erklären. Wir schauen uns das aber gern gemeinsam an.“ Ehrlich oder manipulativ?
Auflösung: Hier haben wir konkretes Feedback, klare Beispiele und ein Unterstützungsangebot. Das ist ehrliche, konstruktive Kritik
Kritik verstehen lernen, statt wegstecken
Eines vorweg: Die perfekte Kritik gibt es nicht. Auch unsere Führungskräfte dürfen Fehler machen. Wie ihr Feedback auf euch wirkt, hängt stark von deren Erfahrung, Kommunikationstalent und persönlichem Wissen ab. Entscheidend ist daher nicht, ob jede Formulierung sitzt, sondern ob ihr echtes Wohlwollen spürt: Will euer Chef euch helfen, zu wachsen, oder geht es ihm um Macht und Kontrolle?
Ehrliche Kritik ist eine Chance, nutzt sie deswegen aktiv. Fragt bei Unklarheiten nach, notiert euch die Punkte, die euch weiterbringen und macht selbst Verbesserungsvorschläge.
Anders sieht es bei manipulativer Kritik aus. Hier braucht ihr klare innere und äußere Grenzen. Fragt auch hier sachlich nach konkreten Beispielen, bleibt ruhig und haltet schriftlich fest, was gesagt wurde. Wenn ihr merkt, dass sich ein Muster wiederholt, fragt nach Unterstützung: Sprecht mit vertrauenswürdigen Kollegen, HR oder dem Betriebsrat.