Wer heute Fußball schaut, lernt viel über Kameratechnik und Geometrie. Der Spaß am Sport bleibt auf der Strecke. (Bildquelle: Getty Images / dundanim / DAZN / DFL / Sky (Bearbeitung: GIGA))
Modernste Technik und präzise Daten sind heute ein wesentlicher Bestandteil des Profisports. Das fördert Höchstleistungen, doch der Spaß und die Leidenschaft gehen verloren.Ein Kommentar von Claudio Müller
Jahrelang war das Sportwochenende für mich heilig. Doch inzwischen ist die Freude einer wachsenden Frustration gewichen. Die Konsequenz: Ich habe meine Streaming-Abos bei DAZN und Sky gekündigt. Schuld sind nicht nur die steigenden Preise, sondern auch der Sport selbst. Er hat seine Seele an die kalte, berechenbare Logik der Daten und technischen Hilfsmittel verloren.
Fußball VAR nie so nervig wie heute
Das beste und zugleich schlimmste Beispiel ist der Videobeweis im Fußball, der mit dem Versprechen antrat, alles gerechter zu machen. Stattdessen erleben wir minutenlange Unterbrechungen, die jede Emotion im Keim ersticken. Am Ende bleibt die Entscheidung oft genauso umstritten wie früher.
Die millimetergenaue Kalibrierung einer Abseitslinie hängt von der subjektiven Entscheidung eines gesichtslosen Video-Assistenten ab, der das TV-Bild an einer bestimmten Stelle anhält. Eine Millisekunde früher oder später kann die Linie die entscheidenden Millimeter nach vorne oder hinten verschieben. Und die philosophische Frage, ob es wirklich ein Vorteil für den Angreifer ist, wenn sein großer Zeh zwei Zentimeter im Abseits ist, konnte mir auch noch kein VAR-Verfechter beantworten.
Jeder Fußball-Fan kennt es: Das Abseits, das man nur mit der Lupe erkennen kann.
Oder die Auslegung eines Handspiels oder Fouls: War es Absicht, war es Zufall oder ein Versehen? Nach minutenlangem Videostudium am Spielfeldrand steht am Ende doch immer eine subjektive Bewertung, die oft genug Unverständnis hervorruft. Das Grundproblem ist: Die Technik suggeriert Klarheit, wo immer Unschärfe bleibt.
Je genauer der Blick, desto weniger Mythos
Das ist vergleichbar mit Elementarteilchen. Atome und Elektronen waren ein simples Modell, um Materie zu beschreiben. Als Physiker die nächste Detailstufe entdeckten, waren da plötzlich Quarks als noch kleinere Bausteine unserer Existenz. Doch diese versteht bis heute niemand so richtig, trotz immer besserer Messtechnik. Je tiefer man in die Quantenwelt eintaucht, desto unschärfer wird unser Bild von der Welt. Diesen Quark haben wir nun auch im Profisport.
Noch trauriger ist, dass der Videobeweis nicht nur die Schiedsrichter auf dem Feld entmündigt, sondern uns auch der Mythen beraubt. Das Wembley-Tor oder die Hand Gottes waren mehr als nur Fehler. Es waren legendäre Momente, über die noch Jahrzehnte später diskutiert wird und die den Sport menschlich, unberechenbar und emotional machen.
Diese rohe, unperfekte Spannung haben wir gegen eine sterile Suche nach Objektivität und Gerechtigkeit eingetauscht, die es im Fußball niemals geben wird.
Daten essen Fußball-Seele auf
Doch die Technisierung endet nicht im Kölner VAR-Keller. Längst haben Daten und Algorithmen das Spiel selbst verschlungen, verdaut und wieder ausgeschieden. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass Vereine jeden erdenklichen Vorteil nutzen, um ihre Erfolgschancen zu erhöhen. Das gilt schließlich genauso für meine Welt, die Medienbranche.
Das Problem ist nur, dass sich die Spielweisen dadurch angleichen und optimierte, seelenlose Strategien sich durchsetzen. Fast jede Fußballmannschaft spielt heute entweder eine Variante des Spiels von Pep Guardiola mit den immer gleichen Pass-Stafetten um den Strafraum herum. Oder eine Variante des Spiels von José Mourinho, das meist mit einer Dreier-/Fünfer-Kette versucht, das Spiel des Gegners so effektiv wie möglich zu unterbinden und auszukontern.
NBA: Ein Wurf stirbt
Noch krasser und besser sichtbar ist diese Entwicklung im Basketball. In der NBA waren zu Beginn des Jahrtausends Layups, Midrange-Jumper und Dreier noch recht gleichmäßig verteilt. Das machte das Spiel abwechslungsreich und ließ Platz für unterschiedliche Spielertypen.
Dann kamen die Datenanalysten und haben errechnet, welche Würfe am effizientesten sind. Das Ergebnis: Der klassische Mitteldistanzwurf ist nahezu ausgestorben. Ein Wurf, der für Legenden wie Michael Jordan, Kobe Bryant oder Dirk Nowitzki selbstverständlich war.
Heute sieht jedes Spiel der NBA-Teams fast gleich aus: Drive zum Korb und entweder Layup oder Pass nach draußen für den nächsten Dreier-Versuch. Im folgenden Bild seht ihr, wie die Analysten die Jordans, Kobes und Dirks wegrationalisiert haben (Quelle: The Algorithmic Athlete).
Die Grafiken zeigen die Wurfverteilung in der NBA-Saison 2001 im Vergleich zur letzten Saison 2025. Je heller die Punkte, desto häufiger wurde von dort geworfen. Ihr könnt die Ansicht mit dem Schieberegler auf dem Bild verändern. (Und ja, mir ist die Ironie bewusst, mein Argument gegen Daten mit Daten zu untermauern.)
Formel 1 und MotoGP: Weltmeister ist gelangweilt
Etwas anders liegt der Fall im Motorsport. Die Formel 1 war schon immer ein Experimentierfeld für Autohersteller, um Technik zu testen und später in die Serienproduktion einfließen zu lassen. Beispiele hierfür sind die Motorsteuerung, die Energierückgewinnung oder Aerodynamik-Optimierungen. Gleiches gilt für die Motorrad-WM.
Doch heute sind die Autos und Bikes so extrem hochgerüstet, dass sie den Reiz des Rennsports zunehmend zerstören. Es geht um Menschen, die unter extremen G-Kräften und am absoluten Limit nicht nur um den Sieg, sondern auch um die Kontrolle ihres Fahrzeugs kämpfen.
Mercedes-Pilot Kimi Antonelli im Grand-Prix-Rennen in Las Vegas 2025.
Nicht falsch verstehen, ich wünsche mir nicht die Zeit der 70er- oder 80er-Jahre zurück, als jährlich zahlreiche Fahrer bei Unfällen starben. Die technische Weiterentwicklung für mehr Sicherheit ist natürlich gut. Wenn jedoch selbst Rennfahrer diese Veränderungen kritisieren, sollte man aufhorchen.
Erst kürzlich sagte der ehemalige Motorrad-Weltmeister Casey Stoner, dass es noch nie so einfach war, die schnellsten Motorräder der Welt zu fahren, und dass die MotoGP nicht mehr das sei, was sie einmal war – wegen der vielen Elektronik in den Bikes. Man könne heute „mit nahezu 300 PS einfach am Gasgriff drehen”, ohne dass etwas passiere, so Stoner (Quelle: Motosport Total).
Die individuelle Klasse der Fahrer sei längst durch ein simples Schema ersetzt worden: „Hart bremsen, in die Kurve werfen, dann Gas auf und einen Knopf drücken, um das Bike abzusenken”, so Stoner. Und das sei selbst für ihn nicht mehr schön anzuschauen. Mich erinnert es an meine eigene unprofessionelle Raserei auf der PS5.
Statistiken als Werbefläche
Diese Entwicklung setzt sich nahtlos in den Live-Übertragungen fort. Ständig werden uns teils sinnlose Daten wie Expected Goals (xG), Heatmaps oder die maximale Sprintgeschwindigkeit eingeblendet. Sie dienen eher dazu, die Anbieter der Daten zu präsentieren, als den Zuschauern einen echten Mehrwert zu bieten.
Für Excel-Fans ein Fest: Daten quantifizieren den Unterschied zwischen Harry Kane und Robert Lewandowski.
Und als ob das alles nicht schon nervig genug wäre, muss ich mich als Fan auch noch mit der zunehmenden Zersplitterung der Übertragungsrechte herumschlagen. Jedes Jahr steigen die Preise, und immer wieder angelt sich ein neuer Dienst die lukrativen Rechte, wie zuletzt Paramount+ für die Champions League.
Deshalb ziehe ich nun einen Schlussstrich.
Das Verhältnis von Unterhaltung zu Kosten und Aufwand hat für mich eine kritische Grenze unterschritten. Meine Zeit widme ich nun lieber wieder analogen Büchern und meinem über Jahre aufgestauten Spiele-Backlog, auch wenn mir bewusst ist, dass seelenlose Datenanalysten auch hier längst mitentscheiden, welche Spiele produziert und wie sie am besten monetarisiert werden können.