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Als ich aufwache, höre ich wieder das Rauschen. Es ist doch nicht
vorbei. Der Alptraum geht weiter und ich weiß wieder nicht, wie ich den
Tag überleben soll.
Mama hat zur Feier meines ersten Termins ein tolles Frühstück
vorbereitet, aber ich habe keinen Appetit. Auf dem Weg zur Schule
schwirrt mein Kopf und als ich das Foyer betrete, umringen mich so
viele Schüler, sodass das Rauschen sofort laut ist.
„He, du bist doch Emilie, ich habe dich gestern mit ihnen wegfliegen
sehen“, sagt ein kleines Mädchen, „ich will auch mal in einem Hovercar
fliegen.“ Sie ist neidisch, dabei wünsche ich keinem meine Situation. In
diesem Moment gehen Bonnie und Claudia vorbei und würdigen mich
keines Blickes.
„Bonnie, tut mir leid wegen gestern, ich kann das erklären...“, rufe
ich ihr nach.
„Ja sicher, ich will nichts mehr mit dir zu tun haben, du hast die
Band verraten.“ Es schneidet in meinen Bauch.
„Aber es ging einfach nie um meinen Gesang, ich bin krank.“
„Ja klar und deswegen feiern dich alle.“
„So ist es gar nicht.“
„Doch – du hast Erfolg und jetzt sind wir dir egal, dabei dachte ich,
wir wären Freundinnen.“ Auf einmal spüre ich ihre Wut und
Enttäuschung, als wären es meine eigenen Gefühle und ich höre die
Worte, als würden sie aus mehreren Dimensionen an mich herandringen.
Ich will ihr sagen, dass es mir leidtut, aber dann verliere ich das
Gleichgewicht, knalle auf den Boden und sehe mich selber da liegen, als
würde ich durch die Augen eines anderen sehen. Ich will nur, dass das
endet und dann verliere ich endlich das Bewusstsein.
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Coolie ist verkatert. Auf den mobilen Kochplatten steht noch eingetrocknetes Chili-Con-
Carne von gestern Nacht. Er hat nicht die geringste Lust auf die Familienfeier, weil entfernte
Verwandte meistens kein besseres oder interessanteres Thema haben als den gegenseitigen
Vergleich von Lebensläufen.
Die Familienfeier findet auf der Dachterrasse des Hauses seiner Mutter statt. Coolie trifft
vierzig Minuten Stunden zu spät auf seiner Harley ein. Natürlich ist sein Fahrzeug das einzige
Motorrad neben einer großen Menge an Familien- und Geschäftsautos. Ein Aufzug bringt
Coolie in das obere Stockwerk. Seine Mutter hat diesen luxuriösen Wohnsitz der hohen
beruflichen Stellung seines Bruders Tafty zu verdanken, Geschäftsleiter und Controller bei
Human Design Bonn. Coolie hasst Tafty. Nicht nur weil er äußerst langweilig ist, sondern
weil sein einziges Thema seine Leistungen auf dem Gebiet der Personal-Modifikation sind.
Schon drei Etagen bevor der Fahrstuhl sein Ziel erreicht hört Coolie tausend
Plauderstimmen durcheinanderreden. Es läuft Lounge-Musik. Was Coolie vorfindet ist die
typische Familien-Feier-Atmosphäre. Verwandte und Freunde stehen in Grüppchen
zusammen und werten sich gegenseitig durch geheuchelte Anerkennung für ihre beruflichen
Laufbahnen und Erfolge auf. Orange Abendsonne fällt auf weiße Sonnenschirme. Von hier
oben hat man Aussicht über die Stadt – den andere Rheinseite, U-Bahnen, die langsam über
Brücken fahren, manche Bahnen und Autos haben bereits ihre Scheinwerfer eingeschaltet.
Wolkenkratzer, neonfarbende Firmenlogos.
Die Frauen tragen Sommerkleider, die Männer sommerliche, betriebliche, weiße Hemden
und die Kinder Marken-T-Shirts und Jeans oder Röcke. Coolie trägt seine abgetragene
Lederjacke von Belstaff. Auf ein paar zusammengestellten Tischen ist ein Buffet aufgebaut.
Es gibt diverse Nudelsalate, Fleischgerichte, Porzellan statt Plastikbesteck und Kuchen aller
Sorten. Coolie nimmt sich ein Flaschenbier. Natürlich ist die Einzige, die seine Ankunft
wahrnimmt, seine Mutter Barbara, die ihm mit einem angestrengten, künstlichen Grinsen und
einer Umarmung empfängt.
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Tamina – noch 30 Tage
Ich heiße Tamina. In 30 Tagen wird die Welt untergehen. Dann wird der Planet Nibura
mit der Erde kollidieren. Meine Mutter will, dass wir alle zusammen sind, wenn es passiert.
Wir wollen auf der Terrasse sitzen und beobachten wie das grausame, tödliche Ding den
gesamten Himmel verdeckt. Eine Welle der Zerstörung wird mit Überschallgeschwindigkeit
auf uns zurasen und alles verglühen, was sich ihr in den Weg stellt. Ich werde nichts hören
und eine Sekunde später verbrennen. Wahrscheinlich geht es schnell. Wahrscheinlich tut es
nicht oder nur kurz weh, aber wen interessiert das schon. Wir werden alle sterben und können
nichts dagegen tun.
Ob ich Angst habe? Na, ja. Vor eineinhalb Jahren, als das Thema in den Nachrichten kam
und die Bundeskanzlerin ihre Rede gehalten hat, hatte ich Angst. Ich habe aber nicht die
Bundeskanzlerin im Fernsehen gesehen, sondern es von Mama erfahren. Ich war damals
fünfzehn und habe gerade am Nintendo Zelda gespielt, als Mama von unten gerufen hat:
„Kommst du mal bitte.“
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Das Licht ist gedimmt. Carlos „Coolie“ Dunshdy wohnt alleine in einer Wohnung, die es
offiziell gar nicht gibt und ist eine Person, die es offiziell gar nicht und gleichzeitig an jedem
möglichen Ort gibt. Coolie ist ein Identitäten-Fälscher. Ein Hacker, der Online-Katalog-
Profile, die als die wichtigste Bewerbungsgrundlage gilt, nach beliebigen anpassen kann und
eine rege Ahnung von der Software hat, mit der Erinnerungen zusammengesetzt und
verwaltet werden. Er arbeitet anonym. Seine Kunden sind Menschen, die ihre Profile
aufbessern und ihre Chancen verbessern wollen, was denn Zufälle, Schnellstraßen oder
Schlupflöcher gibt es nicht – von jedem Menschen, der eine bestimmte Persönlichkeit hat,
bestimmte Aktivitäten ausübt, bestimmte Erinnerungen konsumiert, gewisse Qualifikationen
gesammelt hat, errechnet das Programm die individuelle Eignung für verschiedene Branchen
in Zahlwerten und die wahrscheinliche, prophezeite Effizienz aus vergangenen Episoden und
Charaktereigenschaften. Die Prognosen mit einer Wahrscheinlichkeit 99,95 %, falls Coolie
nicht daran rumgedoktort hat, aber eine Chance einen von der Eignung verschiedenen oder
einen vollkommen neuen Weg einzuschlagen, besteht für niemanden. Deshalb gibt es
Menschen wie Coolie, die um drei Uhr Nachts noch an ihren Computern sitzen, eine Uhrzeit,
die normale Menschen nicht kennen.
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Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist das Rauschen immer noch nicht wieder da. Nur mein Smartphone klingelt unaufhörlich. Es ist Bonnie. Ausgerechnet sie.
„Oh Mann – wo bist du? Wir warten alle...der Auftritt...“ Kein Wort zu gestern, aber sie hat recht. An den Auftritt habe ich in der ganzen Aufregung nicht mehr gedacht.
„Es geht mir besser, aber meine Mutter wird mich nicht rauslassen…“
„Dann komm trotzdem…“ Sie hat Recht. Die Ablenkung kann ich gebrauchen.
Ich mache mich fertig und bis ich runtergehe, bin ich mir sicher, dass Mama das alles verhindern wird, aber winkt sie schon mit den Autoschlüsseln.
„Du wirst es nicht glauben, sie haben gerade angerufen. Du darfst wieder raus und sie wünschen dir viel Erfolg für den Auftritt.“ Ich sollte mich freuen, nur irgendwie traue ich dem Ganzen nicht.
In der Aula haben sich die Sitzreihen schon mit den üblichen Gästen gefüllt. Bonnie steht im Backstagebereich vor einem Spiegel und tuscht sich die Wimpern.
Als sie mich sieht, umarmt sie mich, „gut, dass du da bist…ich bin ja so aufgeregt.“
„Aber wegen gestern…die Party… und…“
„Ja, war ganz lustig, aber du warst doch so früh weg…“ Das ist alles, das ihr aufgefallen ist?
„Jetzt komm schon, es geht gleich los…und wie deine Haare wieder aussehen…“ Ich weiß, ich habe sie nicht gebürstet. Sie setzt mich vor einen Spiegel und beginnt meine Haare zu machen und ich verstehe die Welt nicht mehr. Kein Wort über die Kümmerer, dabei muss es gerade ihr doch sofort aufgefallen sein. Habe ich mir das alles wieder nur eingebildet? Selbst wenn. Es bringt jetzt nichts, darüber nachzudenken. Ich werde den Auftritt jetzt trotzdem durchziehen und danach ist hoffentlich wieder alles normal.
Wir gehen auf die Bühne. Als ich singe, bin ich sofort in meinem Element und endlich nerven mich die Symptome nicht mehr.
Wir sind beim letzten Stück, als weitere Gäste durch die Seitentür reinkommen. Ich begreife sofort, wer das ist. Sie haben eine Statur und Ausstrahlung, die man überall erkennen würde. Auf einmal starren alle nur die Kümmerer an, während sie sich in die letzte Reihe setzen, also kann ich mir das nicht nur einbilden.
Trotzdem begreife ich das nicht. Ich dachte, es wäre vorbei und sie hätten mich geheilt und wenn keiner davon wissen darf, was mir passiert ist, warum erregen sie jetzt so eine Aufmerksamkeit? Wer weiß? Vielleicht wollen sie als Entschädigung für meine Strapazen die Band fördern. Zumindest muss Bonnie das denken. Sie geht besonders weit nach vorne und lässt sie alle wissen, wer die Frontsängerin ist, aber die neuen Gäste starren nur mich an. Was ist noch so spannend an mir, ich bin doch wieder gesund?
Als es vorbei ist, klatschen sie, genau wie alle anderen. Mama beglückwünscht mich, „oh Emilie, du warst so gut und sie scheinen es auch gesehen zu haben.“ Mittlerweile ist mir das egal. Ich bin die Aufmerksamkeit leid.
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