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Die Wahl des Hypnotikums zur Notfallintubation kritisch kranker Patient:innen ist seit Jahren Gegenstand intensiver Diskussionen. In dieser Episode analysieren wir die RSI-Studie aus dem New England Journal of Medicine, die Ketamin und Etomidat hinsichtlich Mortalität und kardiovaskulärer Komplikationen während der Intubation systematisch vergleicht.
Casey JD, Seitz KP, Driver BE, et al.; for the RSI Investigators and the Pragmatic Critical Care Research Group.
Ketamine or Etomidate for Tracheal Intubation of Critically Ill Adults.
New England Journal of Medicine. Published online December 9, 2025.
DOI: 10.1056/NEJMoa2511420
Die tracheale Intubation kritisch kranker Patient:innen ist mit einer hohen Morbidität und Mortalität assoziiert. Während Etomidat aufgrund seiner hämodynamischen Stabilität eingesetzt wird, bestehen seit Langem Bedenken hinsichtlich einer durch Etomidat induzierten Suppression der Nebennierenfunktion und möglicher negativer Effekte auf das Überleben. Ketamin gilt als Alternative, da es die Kortisolproduktion nicht hemmt, jedoch ebenfalls potenziell hämodynamische Nebenwirkungen aufweist.
In einer pragmatischen, multizentrischen, randomisierten Studie wurden 2365 kritisch kranke Erwachsene in 14 Notaufnahmen und Intensivstationen in den USA entweder Ketamin oder Etomidat zur Narkoseeinleitung bei der endotrachealen Intubation zugeteilt. Der primäre Endpunkt war die Gesamtmortalität im Krankenhaus bis Tag 28. Als sekundärer Endpunkt wurde ein kardiovaskulärer Kollaps während der Intubation definiert, bestehend aus schwerer Hypotonie, neuem oder eskaliertem Vasopressorbedarf oder Herzstillstand.
Die 28-Tage-Mortalität unterschied sich nicht signifikant zwischen den Gruppen (28,1 % unter Ketamin vs. 29,1 % unter Etomidat). Dieses Ergebnis war konsistent über alle präspezifizierten Subgruppen hinweg, einschließlich Patient:innen mit Sepsis oder septischem Schock, hoher Krankheitslast (APACHE-II-Score ≥ 20) sowie präinterventioneller Vasopressortherapie. Im Gegensatz dazu trat ein kardiovaskulärer Kollaps während der Intubation unter Ketamin signifikant häufiger auf als unter Etomidat, insbesondere bei Patient:innen mit Sepsis oder hoher Erkrankungsschwere.
Die Ergebnisse der RSI-Studie zeigen, dass Ketamin im Vergleich zu Etomidat keine Reduktion der kurzzeitigen Mortalität bewirkt, jedoch mit einem erhöhten Risiko hämodynamischer Instabilität während der Intubation einhergeht. Damit liefern die Daten eine wichtige evidenzbasierte Grundlage für die individualisierte Auswahl des Induktionshypnotikums bei kritisch kranken Patient:innen.
Weiterführende Literatur:
1. Ketamine Versus Etomidate for Rapid Sequence Intubation: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Trials. Critical Care Medicine. 2025. Greer A, Hewitt M, Khazaneh PT, et al.
2. Readdressing Rapid Sequence Induction and Intubation Using Ketamine or Etomidate: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Clinical Trials.
Medicine. 2025. de Morais LB, Radel-Neto GR, Dos Santos Valsecchi VA, Costa RA, Hueb W.
3. Ketamine Versus Etomidate as an Induction Agent for Tracheal Intubation in Critically Ill Adults: A Bayesian Meta-Analysis.
Critical Care. 2024. Koroki T, Kotani Y, Yaguchi T, et al.
4. Society of Critical Care Medicine Clinical Practice Guidelines for Rapid Sequence Intubation in the Critically Ill Adult Patient. Critical Care Medicine. 2023. Acquisto NM, Mosier JM, Bittner EA, et al.