Die Schweiz müsste eigentlich handeln.
Im Herbst 1959 ist die Heimarbeiterin Ida 47 Jahre alt. An ihrem Arbeitstisch im Wohnzimmer mischt sie Pulver und Lösemittel zu Farbe an und malt Uhrenziffern, die im Dunkeln leuchten.
Die Behörden wissen zu diesem Zeitpunkt, dass diese Arbeit gesundheitsgefährdend ist, und versenden ein Flugblatt an Radiumsetzerinnen wie Ida. Darauf sind Anweisungen zu Schutzmassnahmen, die aber eigentlich unwirksam sind.
In der vierten Folge von «Halbwertszeit» gehen Corinne Geering und Livia Grossenbacher der Frage nach, wieso es für Arbeitsschutz so lange dauerte. Ihre Recherchen führen sie zum Uranbergbau und zu einem Arzt, der in jungen Jahren Heimarbeiterinnen untersuchte: Beat Marti hielt damals im Auftrag des Gesundheitsamtes die langfristigen gesundheitlichen Folgen fest, an welchen Radiumsetzerinnen wie Ida litten.
Und die Autorinnen stossen auf unerklärliche Daten in Strahlenmessungen der 1980er-Jahre. Aufgrund dieser hätten die Behörden eigentlich schon damals die Wohnungen der ehemaligen Heimarbeiterinnen untersuchen müssen.
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Wir suchen nach Radiumsetzerinnen und ihren Angehörigen!
Kennen Sie eine ehemalige Heimarbeiterin, die Uhren bemalt hat? Oder sind Sie gar Familienmitglied oder eine andere Art von Angehöriger einer Radiumsetzerin? Dann melden Sie sich bei uns unter
[email protected] und erzählen Sie uns Ihre Geschichte!
Corinne Geering (Recherche, Skript & Wissenschaftliche Begleitung), Livia Grossenbacher (Recherche, Skript, Schnitt & Sounddesign), Vivienne Kuster (Regie & Executive Producer), Fatima Dunn (Musik), Cécile Klotzbach (Factchecking), Philipp Teichert (Mastering)
Es ist ein Podcast der Republik, wobei die Arbeit der beiden Autorinnen zusätzlich gefördert wurde durch den Leibniz-Forschungsverbund «Wert der Vergangenheit» und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.
Wir danken dem Gosteli-Archiv, dem Schweizerischen Bundesarchiv, dem Schweizerischen Sozialarchiv, dem Historicshen Archiv der Suva, Julian Stangl, Rudolf Geipel, Eric Kaufmann, Wally Friedl, Kerstin Kraus, Timm Schönfelder und Benjamin Eugster.
Weiterführende Links zu den Themen dieser Episode:
Ayse Turcan. „Die Frauen hinter dem Leuchten der Uhren und Wecker“. swissinfo.ch, 5. Juni 2021.Brigitte Studer. „Der Körper der Uhrenarbeiterinnen als blinder Fleck des Schweizer Arbeitsschutzes und der Geschlechtergeschichte“. In: Anna Becker, Almut Höfert, Monika Mommertz, Sophie Ruppel (Hg.): Körper – Macht – Geschlecht. Einsichten und Aussichten zwischen Mittelalter und Gegenwart. Frankfurt/New York: Campus, 2020. S. 411–420.Aub, Joseph C., Robley D. Evans, Louis H. Hempelmann und Harrison S. Martland. „The Late Effects of Internally-Deposited Radioactive Materials in Man“. Medicine 31.3 (1952): S. 221–229.Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit. „Merkblatt für Heimarbeiter in der Uhrenindustrie, die radioaktive Leuchtfarbe setzen“. 1959. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.Ebert, Martin und Wolfram Keβler. Schlemas Wässer wirken Wunder. Radiumbad Oberschlema. Schlema: Gemeindeverwaltung, 1991. S. 21.Eidg. Gesundheitsamt. Brief des Direktors an das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit, 17. Juni 1959. S. 1, S. 2. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.Eidg. Gesundheitsamt, Sektion Strahlenschutz. Entwurf des Briefes an Leuchtfarbenarbeiterinnen. ca. 1962. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.Eidg. Gesundheitsamt, Sektion Strahlenschutz. Brief an Leuchtfarbenhersteller. 12. Juli 1963. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7184A#2000/394#196*, Az. 004.961, Dokumentation A-Z. Heimarbeit-Leuchtfarben, 1959–1967.Emmenegger, Lukas. „‚La matière miraculeuse‘? Die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie und der Schutz der Radiumsetzer_innen vor ionisierenden Strahlen im Kontext des Arbeitsschutzes (1907–1963)“. Masterarbeit, Universität Bern, 2018. S. 36, S. 95, S. 98–101.Favre, F. „A propos de quelques cas de radiodermite chez des ‚poseuses de radium‘“. Dermatologica 121 (1960): S. 26–31.Huber, O. „26. Bericht der Eidg. Kommission zur Ueberwachung der Radioaktivitaet fuer das Jahr 1982 zuhanden des Bundesrates“. Dezember 1983. S. 20.Huber, O. „28. Bericht der Eidg. Kommission zur Überwachung der Radioaktivität für das Jahr 1984 zuhanden des Bundesrates“. November 1985. S. 27–28.Looney, William B. „Effects of Radium in Man“. Science 127.3299 (1958): S. 630–633.Marti, Beat. Medizinische Untersuchungen bei Heimarbeiterinnen, welche radiumhaltige Leuchtfarben verwenden. Zürich: Juris, 1965. S. 5, S. 7, S. 10–14.Marti, Sibylle. Strahlen im Kalten Krieg: Nuklearer Alltag und atomarer Notfall in der Schweiz. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2021. S. 154.Martinez, Nicole E. et al. „Radium dial workers: back to the future“. International Journal of Radiation Biology 98.4 (2022): S. 750–768.“Procès-verbal de la IIIème séance de la Commission professionelle fédérale pour le travail à domicile dans l’industrie horlogère, à Bienne, le 9 novembre 1951“. S. 4. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E7170B#1968/105#75*, Az. 043.241, Eidg. Fachkommission für die Heimarbeit in der Uhrenindustrie, 1947–1954. - Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva). „Strahlenschutz: Der lange Kampf gegen das Tritium“. suva, n.d.
„Stellungnahme des Bundesrates vom 09.11.2022“ zur Interpellation 22.3936 „Radioaktive Farben. Gilt das Verursacherprinzip nicht für die Uhrenindustrie?“ von Martina Munz, 20. September 2022. Die Bundesversammlung – Das Schweizer Parlament.Turcan, Ayse. „Die Frauen hinter dem Leuchten der Uhren und Wecker“. swissinfo, 5. Juni 2021.„Verordnung des Bundesrates betreffend unzulässige Verrichtungen in der Heimarbeit (Vom 29. August 1947)“. Staatsarchiv Thurgau, Sign. 3’69, 0.3/20, 193. S. 507.„Geheimsache Uranbergbau. Die Wismut AG - ein ‚Staat im Staat‘“. Das Bundesarchiv, n.d.Zeman, Zeman und Rainer Karlsch. Uranium Matters: Central European Uranium in International Politics, 1900–1960. Budapest/New York: Central European University Press, 2008. S. 51.