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Gerade haben sie auf dem hannoverschen Georgsplatz mit 15.000 Menschen für eine Neuausrichtung der Sozialreformen demonstriert, kurz darauf treffen sich VW-Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo und Vorsitzende der IGBCE, Michael Vassiliadis, zur Aufzeichnung der neuesten Folge des „IGBCE Kompass“ im Studio.
Die Liste der Themen ist lang: Gut eine Stunde diskutierten beide unter anderem über die falschen Schwerpunkte der Reformpolitik, die allein Kosten auf dem Rücken der Beschäftigten sparen, statt neue Wachstumsperspektiven für die Industrie ausloten will.
Weiterer Schwerpunkt ist die Lage der Autohersteller und ihrer Zulieferer. Die gesamte Wertschöpfungskette ist aktuell unter Stress. Die Antwort der Unternehmensleitungen ist zu oft: Stellenabbau, Kostensenkung, Verlagerung, Schließung. Das belastet immer häufiger auch das Verhältnis zwischen Management und Mitbestimmung.
„Kompass“-Gast Daniela Cavallo ist Betriebswirtin und seit 2021 Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Volkswagen AG, sie vertritt die Interessen von mehr als einer halben Million Beschäftigten weltweit.
Im aktuellen „IGBCE Kompass“ diskutiert Michael Vassiliadis über all diese Themen – aber nicht wie gewohnt im Studio. Aufgezeichnet wurde die Folge im Rahmen der Konferenz „to do: Transformation“ der Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE. Unter dem Titel „Transformation in der Krise“ hat der IGBCE-Vorsitzende gemeinsam mit Matthias Miersch, dem Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, Philippa Sigl-Glöckner, Direktorin des Dezernat Zukunft, und Jörg Warnieck, Arbeitsdirektor der LEAG, über die Zukunft des Industriestandorts Deutschland gesprochen.
Im Mittelpunkt standen die Fragen: Wie kann Deutschland wieder ins Machen kommen? Welche Reformen sind wirklich notwendig? Und wie muss die Transformation gestaltet werden, damit die Menschen nicht das Vertrauen in den notwendigen Wandel verlieren?
Ein Roboter bricht den (menschlichen) Weltrekord beim Halbmarathon. Für Alena Buyx ist das wenig überraschend, schließlich geht einem Roboter nicht der Atem aus. Als Technikethikerin sagt sie: „Ich finde das erst Mal einen geilen Fortschritt.” Sie ergänzt aber auch: „Das man erst Mal vergleicht mit dem Menschen, finde ich völlig falsch." Roboter seien einfach anders als Menschen. Michael Vassiliadis betont, dass Gewerkschaften traditionell keinen technologiefeindlichen Standpunkt einnehmen: „Technologieeinsatz war Teil der angestrebten Arbeitsentlastung. Gekippt ist das, als Produktivität gegen Beschäftigung lief.”
Buyx, frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, erläutert eine ethische Grundregel für den KI-Einsatz: „Anwendungen künstlicher Intelligenz müssen menschliche Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten erweitern, KI darf den Menschen nicht ersetzen.” Die Letztverantwortung müsse stets beim Menschen bleiben. Freiwillige Ethikstandards reichten dafür nicht aus, denn KI sei eine Dual-Use-Technologie wie die Atomkraft. Was gebraucht werde, seien „maßvolle und einfache Regeln”. Dabei sollten europäische und deutsche Entwicklungen, die in einem regulierten Umfeld entstanden sind, einen gewissen Vertrauensvorsprung genießen.
Vassiliadis sagt: „Der Mensch und das, was er kann, werden kostbarer.” Rationalisierung dürfe nicht automatisch Beschäftigungsabbau bedeuten – die entscheidende Frage sei: „Welche neuen Aufgaben können Menschen nun übernehmen?”
Beide sind sich einig, dass Europa seine Marktmacht nicht unterschätzen sollte. Buyx stellt klar: „Ich würde mir wünschen, dass wir nicht ständig erzählen, wir seien völlig abgehängt und hätten keine Marktmacht. Das ist doch totaler Quatsch.” Vassiliadis sieht einen europäischen Weg in spezialisierten, qualitativ hochwertigen Anwendungen: „nicht nur Unterhaltung, Bilder und Videos, sondern spezialisierte, ernsthafte Anwendungen.”
Mit Blick auf den vor gut einem Jahr vorgestellten Koalitionsvertrag zeichnet Dennis Radtke ein bisher gemischtes Bild. Die Bundesregierung sei mit gewaltigen außen- und geopolitischen Herausforderungen konfrontiert – Stichwort Iran beziehungsweise Situation am Golf. Diese hätten fundamentale Auswirkung auf unsere Wirtschaft und die Industrie. Trotzdem seien innenpolitisch durchaus Dinge vorangebracht worden, die lange überfällig waren, beispielsweise die Senkung der Stromsteuer oder die Abschaffung der Gasspeicher-Umlage. Alles Dinge, die für Arbeitsplatzsicherheit in der Industrie wichtig seien.
Die Notwendigkeit, Deutschland infrastrukturell zu erneuern, sei mit dem Sondervermögen durchaus auf dem Weg gebracht worden, ergänzte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Trotzdem habe es die Bundesregierung geschafft, mit zum Teil absurden Diskussionen zu Arbeitnehmerthemen, die mit der Problemlösung nur bedingt zu tun haben, die Prioritäten aus den Augen zu verlieren. Dazu gehöre zum Beispiel die Diskussion um Teilzeit oder die Vier-Tage-Woche. Jede Woche seien neue Themen auf den Tisch gekommen.
Die Branchen der IGBCE kratzen zurzeit an einer Auslastungsquote von 70 Prozent. Das sei weit weg von einer Auslastung, die sinnvoll und auf Dauer tragfähig ist, sagte Vassiliadis. Wenn man nun die Arbeitszeit verlängere, würde das die Kosten für die Unternehmen nicht senken. Stattdessen müsse man eher über Handelspolitik, eine moderne Infrastruktur oder beschleunigte Genehmigungsverfahren reden, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Die Diskussion zum Thema Arbeitszeit sei in der die jetzige Situation komplett falsch und lenke ab von den eigentlichen Problemen, so der IGBCE-Vorsitzende.
Das bestätigte auch Radtke. Es gebe einen großen Unterschied zwischen der Sichtweise der Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände auf der einen Seite und der Realität in den Unternehmen auf der anderen Seite.
Der „IGBCE Kompass“ erscheint alle zwei Monate. Ihr könnt ihn auf allen gängigen Podcast-Plattformen abonnieren, außerdem bei YouTube und igbce.de als Video sehen. Unsere Mitglieder finden ihn in der „Meine IGBCE“-App und als Zusammenfassung zum Nachlesen in der nächsten Ausgabe des Mitgliedermagazins „Profil“.
Von den anstehenden Betriebsratswahlen über die Lage am Arbeitsmarkt und die Stimmung unter den Industriebeschäftigten bis zu den Rentenpaketen der Bundesregierung reichte das Themenspektrum, das Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas und der Vorsitzende der IGBCE, Michael Vassiliadis, in der neuesten Folge des „Kompass“ auf der Liste hatten. Gut eine Stunde diskutierten beide auch über die aktuelle wirtschaftliche Lage des Landes.
Bärbel Bas, die selbst IGBCE-Mitglied ist, kritisierte dabei deutlich die Darstellung, dass in Deutschland nicht genug gearbeitet werde. Die Zahlen sprächen dagegen. Sowohl die Erwerbsquote als auch die Zahl der Überstunden bewegten sich auf Rekordniveau. Die Menschen empfänden eine solches Bild deshalb als Affront.
Die Debatte werde von Arbeitgeberseite mit erschütternder Profanität geführt, ergänzte Michael Vassiliadis. Man könne nicht auf der einen Seite auf Stellenabbau setzen und auf der anderen maximalen Druck auf die verbleibenden Arbeitskräfte ausüben.
Bei der Diskussion mit Bundeskanzler Friedrich Merz mit den Vorsitzenden von Betriebsräten aus IGBCE-Branchen im Rahmen des IGBCE-Gewerkschaftskongresses im Oktober ging es unter anderem um die Themen Energiepreise und Energiesicherheit, die viele energieintensive Industrien aus dem Einflussbereich der IGBCE stark belasten. So berichtete Ramona Dietrich, Betriebsratsvorsitzende bei Heinz Glas, dass die Glasproduktion in ihrem Betrieb bereits CO2-frei laufe, man sei Vorreiter in der Branche. Damit dieses Modell auch weiterhin funktioniere, benötige man aber zum einen stabile und günstige Energiepreise, zum anderen Versorgungssicherheit. „Unsere Anlagen laufen rund um die Uhr, das ganze Jahr über. Wenn wir einen längeren Stromausfall haben, entstehen Schäden in Millionenhöhe“, erklärte sie.
Marco Hucklenbroich, Betriebsratsvorsitzender des Chemie-Unternehmens Ineos, griff das Thema Energiepreise umgehend auf. Von den bislang sechs Standorten in Deutschland sei einer schon geschlossen worden, ein zweiter würde wackeln und mehrere Anlagen an anderen Standorten drohe die Abschaltung – weil Energie in Deutschland zu teuer sei, um mit Standorten im Ausland mithalten zu können. An einem Verbundstandort wie Köln stünde Ineos als Grundstofflieferant zudem am Beginn der Wertschöpfungsketten, an dem viele andere Unternehmen hingen. „Wenn wir fallen, fallen alle.“
Merz reagierte umgehend: Man sehe an diesen zwei Beispielen, wie unterschiedlich die Transformation im Einzelfall wirke. „Wir brauchen in Deutschland zwei Industrien, um erfolgreich zu bleiben: Die Chemie- und die Stahlbranche. Ich werde alles tun, um solche Standorte in Deutschland zu erhalten.“ Die Energiepolitik stehe dabei ganz oben auf der Agenda.
Zukunft der Arbeit? Zukunft unserer Industrien? Zukunft deiner IGBCE? Viele unserer Mitglieder haben für unseren aktuellen Kompass-Talk Fragen eingereicht, die sie dem IGBCE-Vorsitzenden Michael Vassiliadis schon immer mal stellen wollten. Mehr als eine Stunde lang ging Vassiliadis in dem Interview-Format auf die eingesandten Fragen ein – dennoch war es angesichts der Flut von Zuschriften nicht möglich, alle zu beantworten.
Das Themenspektrum war breit gestreut, die meisten eingesandten Fragen allerdings drehten sich um die anhaltende wirtschaftliche Krise in den IGBCE-Branchen. Dazu sagte Vassiliadis unter anderem, dass eine ganze Reihe von Faktoren diese Industrien belasten würden. Klar sei: „Wir waren nie der billigste Standort, aber wir waren besser als die anderen“, erklärte der IGBCE-Vorsitzende. Nun brauche es die richtigen Impulse, um dort wieder hinzukommen. Auch zu einer möglichen Neuausrichtung der Transformationspolitik äußerte er sich: In fast allen Unternehmen der IGBCE-Branchen gebe es Pläne für eine Elektrifizierung der Produktion, „aber dafür bräuchte man auch genug grünen Strom“, so Vassiliadis. „Wir klammern uns nicht an fossil, aber wenn das, was man geplant hat, nicht funktioniert, muss man neu denken.“
Die Empörung in Deutschland war groß, als Bundeskanzler Friedrich Merz vor einigen Wochen die Arbeitsmoral der Deutschen in Frage stellte. Man müsse wieder mehr und effizienter in diesem Land arbeiten, so der Kanzler, mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche könne man den Wohlstand nicht sichern. Viele Beschäftigte fühlten sich durch die Äu8erung indirekt als faul und arbeitsscheu diffamiert. Er könne verstehen, dass Kolleginnen und Kollegen den Satz respektlos finden würden, sagte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis beim „Kompass“-Talk unter dem Motto „Faul oder nicht faul, das ist hier die Frage: Braucht Deutschland wirklich mehr Bock auf Arbeit?“ Es sei wichtig, sachlich über Themen wir Arbeitszeit und Arbeitsvolumen zu debattieren – und der Satz des Kanzlers sei weder sehr sachlich gewesen noch inhaltlich korrekt. Zielführender sei es, darüber zu debattieren, wie die Produktivität im Land wieder verbessert werden könne.
Sein Gesprächspartner, der Wirtschaftswissenschaftler und Experte Enzo Weber, erklärte, dass es hierzulande nicht schlecht um die Arbeitsmoral stehe, sondern vor allem um die Demografie. In den 15 kommenden Jahren würden sieben Millionen Arbeitskräfte aus Altersgründen aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Um das auszugleichen, müsse man nun die richtigen Hebel nutzen und die Potenziale beispielsweise bei Frauen, Teilzeitbeschäftigten, Minijobbern und Zugewanderten heben, sagte Weber, der als Forschungsbereichsleiter beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kürzlich eine Befragung rund um Arbeitszeitthemen durchgeführt hat.
Zu den Plänen der Regierung, statt einer Tageshöchstarbeitszeit eine Wochenhöchstarbeitszeit einzuführen, verwiesen beide darauf, dass man dabei den Punkt Arbeitsschutz nicht vergessen dürfe. „Diese Erkenntnisse dürfen nicht einfach vom Tisch gewischt werden“, so Vassiliadis. Der IGBCE-Vorsitzende und der IAB-Experte Weber diskutierten auch über weitere Pläne der Regierung: etwa, wie sinnvoll es ist, Überstunden steuerfrei zu gestalten welche Anreize helfen könnten, die Teilzeitquote zu erhöhen und was nötig sei, um die Produktivität tatsächlich wieder zu erhöhen. „Wir brauchen wieder ein positives Bild von Produktivitätsfortschritt“, forderte Vassiliadis unter anderem.
Der „IGBCE Kompass“ erscheint alle zwei Monate. Ihr könnt ihn auf allen gängigen Podcast-Plattformen abonnieren, außerdem bei YouTube und igbce.de als Video sehen. Unsere Mitglieder finden ihn in der „Meine IGBCE“-App und als Zusammenfassung zum Nachlesen in der nächsten Ausgabe des Mitgliedermagazins „Profil“.
Wahlen, da waren sich der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis und Jörg Sommer einig, sind die wichtigste und zentrale Säule der Demokratie. Im „Kompass“-Talk zum Thema „Mitreden – Zuhören: Wie lässt sich die Partizipation in der Arbeitswelt verbessern?“ erklärte Sommer, der nicht nur Gründungsdirektor des Berlin Instituts für Partizipation ist, sondern auch Koordinator der Allianz Vielfältige Demokratie, dass Partizipation über reines Wählen hinausgehe: „Partizipation ist aktive Teilhabe von Menschen in einer sozialen Struktur, Gesamtgesellschaft oder einer Gewerkschaft.“
Auch betriebliche Mitbestimmung sei Partizipation, „der formelle, rechtlich gesicherte Teil der Partizipation“. Für den Experten ist klar: „Es tut der Partizipation auch gut, wenn die Mitbestimmung gestärkt wird. Denn die Betriebsräte sind die, die wissen, wie Partizipation geht.“ Allerdings müssten auch Organisationen wie die IGBCE mehr Teilhabe wagen: „Eine Gewerkschaft, die die Transformation nicht nur überleben will, sondern aktiv mitgestalten, die muss partizipativ denken.“
Dieser Entwicklung sei man sich bewusst, meinte dazu IGBCE-Chef: Die Organisation habe bereits verschiedene interne Prozesse angestoßen, um sich zu verändern. Auf dem nächsten Gewerkschaftskongress der IGBCE im Herbst 2025 werde „diese Frage von Partizipation auf eine neue Stufe“ gehoben.
Bereits heute arbeiten die IGBCE und das des Berlin Institut für Partizipation bei Pilotprojekten wie dem Kompetenzzentrum Partizipation in der Arbeitswelt (PIDA) zusammen. Aber es gebe es noch mehr zu tun. „Wir meinen das sehr, sehr ernst und das wird die Organisation, weil das doch eine Abkehr von vielen eher hierarchischen, sehr strukturierten. Arbeits-formen ist“, so Vassiliadis.
Der „IGBCE Kompass“ erscheint alle zwei Monate. Ihr könnt ihn auf allen gängigen Podcast-Plattformen abonnieren, außerdem bei YouTube und igbce.de als Video sehen. Unsere Mitglieder finden ihn in der „Meine IGBCE“-App und als Zusammenfassung zum Nachlesen in der nächsten Ausgabe des Mitgliedermagazins „Profil“.
Fußläufig waren es nur ein paar Hundert Meter von der Großdemo mit 10.000 Teilnehmenden in Hannovers Georgengarten zur Hauptverwaltung der IGBCE. Die beiden Gewerkschaftsvorsitzenden Christiane Benner (IG Metall) und Michael Vassiliadis (IGBCE) gingen den Weg Seit an Seit.
Denn sie hatten anschließend noch einen Termin im kleinen Studio der IGBCE. Direkt nach den plakativen Reden auf dem Aktionstag für Industriearbeit folgte nun die Tiefenbohrung – in der neuesten Folge des crossmedialen Talks der IGBCE, dem „Kompass“.
„Fünf vor Zwölf: Wie machen wir Industriearbeit zukunftsfähig?“ ist die Folge überschrieben. Es geht um die kritische Lage in weiten Teilen der Industrie, um die massenhaften Verluste gut bezahlter, tariflich sauber geregelter Arbeits-plätze, um die sich seit Jahren verschlechternden Rahmenbedingungen für Deutschlands Wohlstandsmotor und um den massiven Investitionsbedarf, den das Land hat.
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