In Heimliche Versuchung begegnet Brunetti einem Drogenhändler, einem zwielichtigen Apotheker, einem Teenager in Nöten und einer geplagten Mutter. Wo haben Sie diese Leute kennengelernt? Donna Leon: Wie es in kleinen Städten öfter passiert, stellte ich mich dazu, als sich Freunde auf der Straße unterhielten. Sie sprachen von einer neuen Methode der Drogendealer, im Viertel ihre Geschäfte abzuwickeln, vor aller Augen und wohl auch mit dem Wissen der Polizei. Wenn das kein Stoff für eine Geschichte war. Ich wusste sofort, ich war auf eine Goldader gestoßen, und hatte damit den Ausgangspunkt für mein neues Buch. Und während ich daran schrieb, weitete das Thema sich aus bis hin zu Machenschaften, die sich in einer Apotheke zutrugen.
Einmal mehr hat Sie der venezianische Alltag inspiriert? Donna Leon: Je näher meine Geschichten an der Wirklichkeit sind, desto besser. Auf viele meiner Themen bin ich im Gazzettino gestoßen, jener Fundgrube für Klatsch, die ich wie jeder Venezianer täglich mit Vergnügen studiere. Oft löst ein einziger Artikel in dieser Lokalzeitung eine Lawine von Gerüchten aus. Den Besuchern, die von der Geschichte und Schönheit Venedigs überwältigt sind, ist kaum je bewusst, dass die Stadt nur 54 000 Einwohner hat − mit einer einzigen Einnahmequelle: dem Tourismus. Hinzu kommen Überalterung, eine hohe Arbeitslosigkeit, enorme Schwierigkeiten, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Kurz: So unglaublich schön diese Stadt auch ist, sie hat dieselben Probleme wie jede andere Kleinstadt. Der Alltag in Venedig unterscheidet sich kein bisschen vom Alltag anderswo, nur dass er sich hier inmitten grandioser Schönheit abspielt.
Im vorigen Roman hat Brunetti eine Auszeit genommen. Ist er jetzt wieder an der Arbeit? Donna Leon: Ja, in Stille Wasser hat er eine Art Urlaub in der Lagune gemacht, jetzt ist er wieder mittendrin im Getümmel und bekommt es mit einer Ermittlung zu tun, die immer größere Ausmaße annimmt.
Privat lädt er seine Batterien mit Lesen auf? Donna Leon: Brunetti mag die griechischen und römischen Klassiker. Mehr denn je sucht er bei ihnen Erkenntnisse über menschliches Tun und Hoffen. Immer wieder findet er Hinweise darauf, dass die Menschen von damals uns sehr ähnlich waren, dass sie dieselben Sorgen und Schwächen hatten wie wir. Dies ist ein Trost für ihn, wenn auch ein schwacher. In Heimliche Versuchung liest er Antigone, eine Tragödie, in der es um Recht und Gerechtigkeit geht und die Figuren am Scheideweg stehen. Brunetti fällt auf, dass jeder Einzelne in dem Stück – genau wie im wirklichen Leben – darauf besteht, selbst zu entscheiden, was recht und billig für ihn ist. Und da die Figuren sehr unterschiedliche Auffassungen davon haben, muss Brunetti zwischen ihren Standpunkten entscheiden.
Brunetti hat Jura studiert, aber je älter er wird, desto mehr scheint er die Klassiker dem Codice Penale (Strafgesetzbuch) vorzuziehen? Donna Leon: Gesetze sind ihrem Wesen nach Auslegungssache. Als Jurist weiß Brunetti, wie vage und interpretationsbedürftig Gesetze sein können. Als Polizist jedoch muss er sie nicht bis ins Letzte aufdröseln, sondern nur für Ordnung sorgen. Doch weil er die Dinge in Frage stellt, weiß er, dass der Buchstabe des Gesetzes noch so klar sein mag: Menschliche Beweggründe sind widersprüchlich, und das Leben ist chaotisch. Mir fällt auf, dass Brunetti, so wie die Bücher mit den Jahren an Reife gewonnen haben (so hoffe ich jedenfalls), sich immer mehr dafür interessiert, warum die Menschen etwas tun. Genau genommen ist es uninteressant zu erfahren, wer ein Verbrechen begangen hat: Das ist nur ein Name. Viel spannender sind die Motive für ein Handeln, das die Gesellschaft gemeinhin als Verbrechen betrachtet.
Mehrere Personen in dem Buch verstoßen gegen Gesetze, um ihre Familie zu schützen. Als Familienmensch bringt Brunetti dafür Verständnis auf. Aber als Polizist? Donna Leon: Nach meiner Überzeugung können die meisten Leute so ziemlich alles rechtfertigen, ganz gleich, wie b