Kennen Sie Trier? Architektur-Podcasts.

Kennen Sie Trier? Architektur-Podcasts.

By Bettina LeuchtenbergSociety & CultureArtsPlaces & Travel
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Kennen Sie Trier? Architektur-Podcasts. episodes

  • Alte Post
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/08/Alte-Post.mp3
     Audio-Podcast: 06:41 min.
    Kennen Sie… die alte Post?
    Die alte Post am Kornmarkt war zu ihrer Erbauungszeit die neue Post und ersetzte den vorherigen Standort in der Neustraße nicht nur räumlich. Mit dem monumentalen “Post- und Telegraphengebäude” der Kaiserlichen Oberpostdirektion manifestierte die Regierung in dem schlossartigen Gebäude ihre Wichtigkeit mitten in der Stadt. Immerhin war Trier einer der 26 Regierungsbezirke Preußens und somit auch Ort für eine zentrale Stelle der Post. Doch auch in der neuen Post steckt altes Gemäuer.
    TRIER. Den westlichen Abschluss des Kornmarktes bildet heute ein einziges langgestrecktes Gebäude. Ganze 15 Achsen, mehr als 40 Fenster und sechs Balkone gliedern die dreigeschossige Fassade und erinnern ein wenig an ein herrschaftliches Palais aus barocken Zeiten. Ein bisschen davon ist tatsächlich in dem Gebäude zu finden, das in den letzten Jahrhunderten immer breiter und niedriger wurde. Mehrere Bauphasen hat das Objekt hinter sich, die jeweils den Charakter grundlegend änderten.
    Begonnen hat die Geschichte der heutigen Fleischstraße 57-60 in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 1746 legt die Stadt Trier den öffentlichen Platz an, auf dem Markt gehalten wird, wie der heutige Name noch anklingen lässt. Ab 1749 entsteht der barocke Georgsbrunnen. In diesem neu gestalteten Ambiente lässt sich der Trierer Kaufmann Johann Jacob Vacano 1759 ein Palais errichten.
    Der Architekt seiner Wahl ist niemand Geringeres als der kurtrierische Hofwerkmeister Johannes Seiz, der nicht nur den oben genannten Brunnen entworfen hat, sondern einige Jahre später auch den Südflügel des Kurfürstlichen Palais errichtet. Der Schüler des berühmten Balthasar Neumann erschafft mit dem Bürgerhaus ein repräsentatives Gebäude, welches Ähnlichkeiten mit dem großen Bau neben der Konstantinbasilika nicht verleugnen kann.
    Im großen, die drei Mittelachsen überspannenden Dreiecksgiebel ist das Relief einer Burg angebracht gewesen, weswegen das Haus auch den Namen Königsburg erhält, wie die Trierer Chronik 1920/21 berichtet. 1830 erwirbt der Trierer Postdirektor Conrad das Gebäude für die Preußische Postverwaltung, in welches die Trierer Post auch einzieht. Obwohl das Anwesen mit seinem großen Hintergebäude, gepflastertem Hof, großem Magazin, einer Wagenremise, Pferdestall und Futterspeicher beträchtliche Ausmaße hat, wird es der Verwaltung zu klein. Nach dem Kauf der Nachbarhäuser werden diese Gebäude kurzerhand abgerissen, um Platz für die neue Post zu schaffen. Nur das Portal der Königsburg ist heute noch als solches erhalten und führt in den großen malerischen Innenhof, der von weiteren Flügeln umfasst wird.
    1879 bis 1882 schließlich lässt die preußische Regierung die neue Post errichten, welche die westliche Seite des Kornmarkts fortan dominieren wird. Nach dem Entwurf von August Kind aus dem Reichspostamt Berlin arbeiten an dem Trierer Gebäude Postbaurat Cuno als Oberbauleiter und Regierungsbaumeister Hausmann als Bauleiter. Hinter den elf Achsen der Fassade an der Fleischstraße befindet sich im Erdgeschoss die Schalterhalle. Im ersten Obergeschoss residiert die Oberpostdirektion, in der zweiten Etage wohnt der Oberpostdirektor. Richtung Metzelstraße im Westen sind die Postkasse, Telegraphie-Räume sowie eine weitere Wohnung und die Remisen für die Kutschen und Fahrzeuge untergebracht, wie die Denkmaltopographie berichtet.
    Das südliche Portal, welches in den Innenhof des Haupttraktes führt, ist das Portal der Königsburg von 1759. Das Jahr selbst findet sich als Reminiszenz etwas weiter oben wieder, und zwar in der Kartusche im Fensterscheitel des ersten Stockwerks direkt über dem Eingang. Parallel dazu steht über dem besonders hervorgehobenen Eingang zur ehemaligen Posthalle das Baujahr 1881. Das Portal ist von Säulen umgeben, die als Hinweis auf die Nutzung des Anwesens mit Posthörnern verziert sind.
    Nach über zwanzig Jahren wird es der Postdirektion wieder zu eng und das bekannte Prozedere von 1879 wiederholt sich. Die Verwaltung kauft die anliegenden Häuser auf, reißt sie ab und erweitert das Haus in die Breite. Aus den elf Achsen werden 15. Je zwei Achsen zu jeder Seite werden ab 1908 bis 1911 angebaut, im Stil des vorhandenen Gebäudes. Und auch das Areal in Richtung Westen wird verändert und erweitert. Ein Relief über dem Eingang des neuen Südflügels zeigt ein Segelfrachtschiff auf bewegter See mit Paketpost an Bord – ein modernes Zeichen für die schon damals globalen Betätigungsfelder der Post.
    Heute zeigt sich das Gebäude schlicht, aber etwas aus der Façon geraten. Das lange Gebäude mit den drei Stockwerken wirkt mit dem arg flach geratenen Dach etwas gedrängt, die Leichtigkeit des bewegten Daches fehlt. Doch gerade die Strenge der Fassade, die vielen Fenster und Öffnungen machen neugierig auf das, was innen passiert. Und das ist eine ganze Menge, seit die Post das Gebäude nicht mehr nutzt und zudem verkauft hat. Vor den Renovierungsmaßnahmen waren die Fenster im Erdgeschoss noch geteilte Sprossenfenster, die zum Stil des Gebäudes passten. Heute sind diese leider nur noch in den oberen Etagen erhalten. Im Erdgeschoss ist die Fensterhöhe bei den kleinen Fenstern nach unten vergrößert, wodurch das Gesims nach unten “rutscht” und an den Portalen keine einheitliche Linie mehr bildet. Die dunkelgrauen Fensterumrandungen und Einteilungen bilden keine Symbiose mehr mit den oberen Etagen und zollen mehr dem Konsum Tribut als dem städtebaulichen Gesamtbild, welches auf diese neuen Schaufensterflächen gut hätte verzichten können.
    Eine hervorragende Umnutzung der ehemaligen Postdirektion zu einem Shoppingcenter ist übrigens in Amsterdam gelungen. Die Fenster sind original groß geblieben, Außenwerbung fehlt und der Städtebummler fragt sich, was es hier wohl zu entdecken gibt – und geht einfach hinein.
    7 min
  • Apollo-Theater
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/07/Apollo-Theater.mp3
    Audio-Podcast: 8:02 min
    Kennen Sie… das “Apollo-Theater”?
    Mit 1000 Sitzplätzen war das “Apollo-Theater” eines der beiden größten Trierer Kinos, welches seine Glanzzeiten in den späten vierziger und den fünfziger Jahren erlebte. In der belebten Saarstraße war es das Einzige im Süden der Stadt. Zudem wurden dort Aufführungen, Konzerte und sogar Boxkämpfe geboten. Noch heute kann man das Gebäude zu geschäftsüblichen Zeiten betreten und beim genauen Hinschauen Relikte aus der Kino-Ära entdecken – es wird als Supermarkt genutzt.
    Apollon ist in der griechischen und römischen Mythologie der Gott des Lichts, der Künste und auch der Musik. Dies prädestiniert den Sohn des Zeus und der Leto geradezu, als Namensgeber vieler Lichtspielhäuser auf der ganzen Welt zu fungieren. Im Trierer Apollo-Theater war er sogar mit einer überlebensgroßen Skulptur präsent, welche das Foyer vor dem Zuschauerraum schmückte.
    Der Eingang des Kinos lag in der Saarstraße. Von der Römerzeit an war sie eine wichtige Ausfahrtsstraße aus der Stadt in Richtung Saar und Saarbrücken. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Saarstraße zu einer belebten Geschäftsstraße mit repräsentativen Wohnhäusern Trierer Fabrikanten und Gewerbetreibender, war gleichzeitig aber auch ein Mischgebiet mit Produktions- und Werkstätten. An der heutigen Saarstraße 90/92 befand sich ebenfalls eine Werkstatt, bis die Familie Schieffer 1937 das Grundstück aufkaufte, um hier 1940/1941 auf einem Luftschutzkeller ein Kino zu errichten – das “Apollo-Theater” mit knapp 1000 Sitzplätzen.
    Eduard Schieffer (1852-1922) besaß zuerst eine Brauerei in Prüm, zog dann nach Trier und eröffnete hier eine Brauerei. Die Söhne Ernst und Karl Schieffer betrieben nicht nur die Lokale “Schieffer-Keller”, “Astoria” und “Postkutsche”, sondern auch drei Kinos: das “Palast-Theater” am Konstantinplatz, das “Metropol” in der Moselstraße und das “Neue Theater” in der Simeonstraße. Das Palast-Theater musste jedoch abgerissen werden, woraufhin der Neubau in der Saarstraße geplant wurde.
    Zur Bauzeit inmitten des zweiten Weltkrieges boomte das Kinoleben. Nicht nur, dass die in Trier Gebliebenen Abwechslung vom harten Alltag dringend nötig hatten, auch die politische Propaganda setzte bekanntlich voll auf das Medium Film. Allein in den Jahren 1934 bis 1942 entstanden im Deutschen Reich insgesamt etwa 1000 neue Kinos. Mittels der in allen Kinos obligatorisch gezeigten Wochenschauen wurden die Bürger gezielt “informiert” und über das Kriegsgeschehen auf dem Laufenden gehalten. Um an geeignetes Baumaterial heranzukommen, war es notwendig, gute Beziehungen zu haben, was der Familie Schieffer gut gelang.
    Entsprechend ausgestattet war das “Apollo-Theater” in der Saarstraße 90/92 auch. Fünf steinerne Torbögen bildeten den Eingang, konnten mit Gittern abgesperrt werden und boten Platz für Kinoplakate und Reklame. Im geräumigen, sich anschließenden Vorraum lagen an der linken Schmalseite die beiden Kartenschalter, gegenüber befand sich die Garderobe. Mit seiner Marmoroptik, schmiedeeisernen Absperrgittern und Wandleuchtern sowie der strukturierten Putzdecke machte das “Apollo-Theater” vor allem im Inneren einen edlen Eindruck.
    Vom Vorraum aus erreichte man zwei hintereinanderliegende Foyers. Der Kassenraum und das sich daran anschließende erste Foyer sind die beiden einzigen Räume, die noch heute ihre originale Höhe haben. Die weiß verputzten Kassettendecken geben einen kleinen Eindruck davon, wie aufwändig das Kino 1940/41 ausgestaltet worden ist. Das zweite Foyer war insgesamt schmaler und schloss an der Nord- und Südseite jeweils mit abgerundeten Wänden ab. Die südliche Nische war der Standort für die Apollo-Statue. Von hier aus gelangte man über die Seitengänge in den Zuschauerraum, der in erster Linie als Parketttheater ausgebaut war. Eine kleine Loge an der Rückwand des Kinoraumes fasste nur etwa 20 Zuschauer.
    Wie hoch der Kinoraum ursprünglich war, lässt sich erahnen, wenn man vom heutigen Parkplatz aus das Gebäude betrachtet. Hier ist die Architektur ganz einfach an der rückseitigen Fassade ablesbar. Rechts und links liegende niedrigere Umgänge begleiten den einen riesigen und hohen Raum wie die Seitenschiffe eine Basilika. Über die Gänge haben die Zuschauer nach der Filmvorführung den Saal in Richtung Hohenzollernstraße wieder verlassen. Heute befinden sich im südlichen Rundgang die Getränke, der gegenüberliegende ist geschlossen und dient dem Marktbetreiber für die Anlieferung der Waren und der Pfandflaschensammlung.
    Einer der ersten Filme, der im “Apollo-Theater” wochenlang lief, war “Das Lied von Bernadette” aus dem Jahr 1943. Der mit Oscars und Golden Globes preisgekrönte amerikanische Film wurde nicht nur mit großen Plakaten auf Lastwagen im gesamten Trierer Umland angekündigt, sondern die katholische Kirche empfahl Sonntags regelmäßig, sich doch unbedingt diesen erbaulichen Film anzusehen.
    Im Krieg brannte das “Apollo-Theater” im Inneren aus, konnte aber im Dezember 1948 mit der gemalten Ausstattung eines Düsseldorfer Künstlers als eines der größten Kinos in Rheinland-Pfalz wieder den Betrieb aufnehmen. Viele Trierer erinnern sich noch heute an die Karl-May- und Ben-Hur-Filme, die hier alle liefen. In Trier-Süd konnte man auch die deutsche Uraufführung des Farbfilms “Johanna von Orléans” mit Ingrid Bergmann sehen, wie ein Fotodokument aus dem Nachlass des Dekorations- und Werbemalers Conrad Martin zeigt. Der Künstler und Grafiker hat für die zahlreichen Trierer Kinos in seinem Atelier in der Sichelstraße Werbungen auf Stoffbahnen und auch Lastwagen gemalt, wie Karl Fuhrmann im Neuen Trierischen Jahrbuch 1999 ausführt.
    Das Apollo-Theater hatte aber nicht nur eine Leinwand, sondern auch eine Bühne, die so groß war, dass hier in den 50er Jahren Boxkämpfe stattfinden konnten. Selbstverständlich liefen hier auch die ersten Rock-’n'-Roll-Filme und einmal haben sogar “Die Lords” im “Apollo-Theater” gespielt. Da nach den wenigen Konzerten aber meist die Inneneinrichtung ziemlich ramponiert worden ist, hat man sich wieder auf Filme konzentriert. Für die Verwendung des Kinos als Bühnentheater waren hinter der Bühne in der ersten Etage Künstlergarderoben eingerichtet worden, die über ein kleines Treppenhaus erreicht werden konnten. Aus der Bühne wurde die Fleischtheke, darüber befinden sich die Sozialräume der Angestellten.
    Mit der Verbreitung der Fernsehapparate in den Privathaushalten begann allerspätestens in den Sechziger Jahren das große Kinosterben. 1960/61 wurde das Haus im vorderen Teil mit zwei Etagen aufgestockt, die vermietet werden konnten. 1967 schloss das “Apollo-Theater”, noch im gleichen Jahr wurde mit einem Holzgerüst die Schräge bis zur Oberkante der Bühne ausgeglichen, um den Verma-Markt hier einzurichten. Als späterer Edeka-Markt wurden zahlreiche Umbauten getätigt, dabei wurde auch die Decke im Zuschauerraum angehängt, um Heizkosten zu sparen. Aller Modernisierungen zum Trotz sieht man offenen Auges jedoch noch so Einiges, was an das Kino erinnert – unter anderem die beiden Säulen bei der Gemüseabteilung, die Türprofile an den Durchgängen der Foyers und in den Seitengängen sowie die Nische, in der Apollo stand.
    0 min
  • Drachenhaus
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/07/Drachenhaus.mp3
    Audio-Podcast: 6:47 min
     
    Kennen Sie… das Drachenhaus?
    Auf dem Weg zu den Ausflugszielen Wildschweine, Weisshauswald oder Tiergehege lässt man es links liegen, denn es ist im Vorbeifahren kaum auszumachen. Erst wenn man die abschüssige Wiesenfläche des alten Rosengartens betritt, erkennt man die immensen Ausmaße des Drachenhauses. Seinen Namen hat es erst Jahre nach der Fertigstellung erhalten, das Haus selbst hat eine längere Geschichte.
    Zu römischer Zeit ist der heutige Westteil der Stadt auch außerhalb der Stadtmauer besiedelt. Die Römerbrücke führt über den Fluss zu Grabstellen, Grabmonumenten, Heiligtümern und einem großen Tempelbezirk. Von der Brücke aus führen jenseits des Stadtzentrums drei römische Fernstraßen in die Zentren Reims, Köln und Richtung Andernach. Nach dem Zusammenbruch der römischen Epoche in Trier im fünften Jahrhundert beginnt die Stadt unter den Franken wieder zu wachsen. Es sind vor allem die Erzbischöfe und Klöster, die im frühen Mittelalter neue Häuser gründen und die Wirtschaft ankurbeln.
    Eine wichtige Rolle spielt das Benediktinerkloster St. Maria ad Martyres oder auch St. Maria ad Ripa, also am Flussufer. Hier residieren die ersten Bischöfe, hier sind Kanoniker nachgewiesen. Zu einer Hochzeit des Klosters wird im 18. Jahrhundert ein riesiger Neubau mit Kirche errichtet, dessen heute erhaltener Ostflügel das Exhaus beherbergt. Zu dieser Zeit hat das Kloster reiche Besitztümer, die sich bis über die Mosel über den steilen Felshang hinauf ausbreiten. Zu den Ländereien gehört auch das Mergener Grünhäuschen, das an der Stelle des heutigen Drachenhauses gestanden hat.
    In relativer Nähe dazu bewirtschaftet das Kloster St. Martin das Weisshäuschen sowie die Schäferei des Gutes Sievenicher Hof auf dem Gelände Ottoscheuer – an der Stelle der heutigen Hochschule. Dieses komplette Gelände inklusive aller Gebäude kauft um 1820 Georg Nikolaus Wilhelm von Haw (1793-1862), Sohn eines Kurfürstlichen Hofrats und des Amtsverwalters von Daun und später Pfalzel.
    Von 1818 bis 1839 wird Wilhelm von Haw nach einer internationalen Karriere als Jurist Oberbürgermeister von Trier. Er ist einer der ersten, der sich inmitten der Natur niederlässt und damit den westlichen Stadtteil am Berghang zu einem beliebten Baugebiet für spätere Villen macht. Während Haw an der Stelle des Weisshäuschens um 1823 die imposante Villa Weisshaus als sein privates Wohnhaus errichtet, entsteht an der Stelle des Grünhäuschens 1829 das heute sogenannte Drachenhaus. In diese Zeit fällt auch die Heirat mit Elisabeth Franziska Nell, der Tochter eines der reichsten Einwohner der Stadt, des königlichen Kommerzialrats Christoph Phillip Bernard Nell. Insgesamt nimmt sich die Einheit aus der Privatvilla mit dem Schäfergut und dem heute so genannten Drachenhaus herrschaftlich aus. Die Familie Haw repräsentiert feudalen Lebensstil mit bürgerlicher Nähe, sind doch alle Trierer immer als Gäste in den Parkanlagen willkommen.
    Die fast schlossartige Fassade des Drachenhauses mit ausladenden neun Achsen unter einem flachen Walmdach ist für den Zweck des Gebäudes repräsentativ ausgestaltet. Es ist das Ökonomiegebäude, welches zur Hawschen Villa Weisshaus gehört und welche etwa 700 Meter entfernt liegt. An Stelle des Hofs Grünhäuschen unter klösterlicher Führung entsteht eine Dreiflügelanlage mit einem rückwärtig gelegenen Innenhof, der über monumentale Tore zu erreichen ist. Obwohl die beiden hinteren Seitenflügel versetzt zur Fassade stehen, damit sich eine große Fläche bildet, treten sie in der Gesamtansicht komplett in den Hintergrund – wohl auch, weil sie nur eingeschossig sind. Zu erfassen ist die Fassade erst, wenn man den Hang herabläuft und sich mitten in die Wiese der sich anschließenden Gartenanlage stellt.
    Diese ist wie das Wildgehege auch nach Fertigstellung immer öffentlich zugänglich gewesen, obwohl es zum privaten Grund und Boden der Familie Haw gehört hat. Die Fenster der neun symmetrischen Achsen variieren schlicht aber spielerisch. Die Seiten des zweigeschossigen Baus werden durch halbrunde Thermenfenster im ersten Obergeschoss betont. Darüber erheben sich zwei niedrige Dreiecksgiebel mit dezentem Schmuck. Auf dem Dach thront in der Mitte ein achteckiger Dachreiter, darunter nimmt das Oberlicht der Eingangstür die halbrunde Fensterform der Thermenfenster dekorativ auf. Quer über die breite Fassade und die Risalite an den Seiten liegen farblich abgesetzte Gesimse auf der hellgelben Fläche. An den Ecken sind flankierend zwei Drachen aufgesetzt, die dem Haus seinen Namen geben.
    Vor Jahren haben wuchernde Pflanzen Details der Fassade bedeckt, Heute zeigt sich das seit Anfang 1999 unter Denkmalschutz stehende Haus in seinen klassizistischen Formen edel und gut in Schuss, die Begrünung ist nicht mehr da. Aus der Bauzeit sind wohl schon Fassadenbegrünungen mit Girlanden oder Spalieren bekannt, jedoch nicht konkret für das Haus am Stuckradweg 5, obschon dies durchaus passen würde.
    Die namengebenden kupfernen feuerspeienden Drachen sind für das Wirtschaftsgebäude ursprünglich übrigens nicht vorgesehen gewesen. Sie werden erst um 1870 hier montiert, also acht Jahre nach dem Tod des Bauherrn. 1863 kauft der Statthalter des Großherzogtums Luxemburg, Prinz Heinrich der Niederlande, die Anwesen samt der Gärten, die weiterhin für die Trierer zugänglich bleiben und immer mehr zum Ausflugsort werden. Die Drachen waren einst Wasserspeier an einem Haus in der Trierer Innenstadt, genauer der Simeonstraße, und wurden hier als zusätzliche Dekoration auf den Ecken des Gebäudes platziert, ohne ihre ursprüngliche Tätogkeit noch ausüben zu können.
    Prinz Heinrich funktioniert das Gebäude zu einem Wohnhaus für seinen Förster um. Auch heute noch ist in dem Gebäudekomplex die städtische Forstverwaltung nebst einigen Mietwohnungen untergebracht. Bekannt ist das Drachenhaus den älteren Trierer sicher noch von dem einst hier angelegten Rosengarten, doch das ist – genau wie das Weisshaus – ein eigenes noch zu bearbeitendes Thema.
    0 min
  • Eisernes Haus
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/07/Eisernes-Haus.mp3
    Audio-Podcast: 6:32 min
     
    Kennen Sie… das eiserne Haus?
    Als eines der wenigen Wohn- und Geschäftsbauten des frühen 20. Jahrhunderts ist das Haus mit der grünen Stahlfassade in der Karl-Marx-Straße ein besonderes Beispiel damals moderner Architektur. Erbaut wurde es nach den Plänen eines Schlossermeisters, der so sein Arbeitsmaterial werbewirksam an unüblicher Stelle darstellen konnte.
    Die Häuser der Karl-Marx-Straße stehen fast allesamt auf mittelalterlichen Kellern, die zwei- und dreigeschossigen Häuser selbst sind in dem Zeitfenster vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert gebaut worden. Klassizistische Fassaden wechseln sich mit denen des Späthistorismus ab, dazwischen ist sogar auch ein schmuckes Giebelhaus aus der Renaissance zu finden. Insgesamt ergibt sich eine Straße mit kleinstädtischem und homogenem Charakter. Als Durchgangsstraße zur Römerbrücke war sie schon immer Ort für ein gemischtes Gebiet mit Gewerbe- und Wohnbauten. Aus dem beschaulichen Straßenzug ragt die Nummer 43 nicht nur wegen ihrer alle Nachbargebäude überragenden Höhe hervor, auch die grüne Stahlfassade steht in direktem Kontrast zu den verputzen Häusern mit steinsichtigen Fenstergewänden, barocken und historistischen Schmuckelementen und klassizistisch-strenger Gestaltung.
    Man kann sich gut vorstellen, dass diese Straße im Jahre 1887 ganz ähnlich aussah. Zehn Jahre zuvor war die Stadtmauer zusammen mit vier Stadttoren abgerissen worden. Trier wuchs über seine mittelalterlichen Grenzen hinaus und erweiterte sich vor allem nach Norden und Süden mit geplanten gründerzeitlichen Straßenzügen. Trier wuchs während des deutschen Kaiserreichs nicht ganz so explosionsartig wie die großen Städte, die neuen Gebäude und Straßenzüge sind praktisch, modern, aber nicht aufsehenerregend. In dieser Zeit beschließt der Trierer Schlosser Johannes Wehlen, sich ein Haus zu gestalten, und zwar in der gewachsenen Architektur der damals noch Brückenstraße genannten Straße.
    Der mit dem Werkstoff Eisen arbeitende Handwerker war womöglich von dem innovativen Bau wie dem Kristallpalast von Joseph Paxton inspiriert, der 1851 für die Londoner Weltausstellung ganz aus vorgefertigten Gittern aus Gusseisen und Glassegmenten errichtet wurde. Gusseisen als neoklassizistisches Dekorations- und Verkleidungsmaterial für Fassaden wurde bereits seit Jahren in New York und vor allem in Glasgow getestet – jedoch mit wenig Erfolg. Das Material rostete und hielt aufgrund seiner Weichheit auch entfernte Brände nicht aus. Der berühmte Kristallpalast wurde 1936 Opfer des Feuers. Mit dem modernen Stahl konnten sich die Konstrukteure später viele der Innovationen für das weitaus massivere Material zu Nutze machen. Vor allem Brücken, Industriearchitektur und natürlich der Stahlskelettbau wurden entwickelt, mit dem es möglich war, in die Höhe zu bauen. Der Wolkenkratzer entstand 1885 in Chicago. Ab 1887 errichtete Gustave Eiffel den nach ihm benannten Pariser Turm, nachdem er sich als Stahlkonstrukteur für Brücken, Viadukte und Bahnhöfe international einen Namen gemacht hat. Und ganz in der Nähe, im rheinland-pfälzischen Bendorf entstand, mit der Sayner Hütte bereits 1830 eine Industrie halle aus vorgefertigten Eisengussteilen, die bis heute ein Meisterwerk des Industriebaus darstellt.
    1890 baute sich Johannes Wehlen also in Trier ein bestehendes Haus so um, dass er eine gusseiserne Fassade aus vorgefertigten Teilen zur Straßenfront anbringen konnte. Das dreigeschossige Wohn- und Geschäftshaus ist durch drei Achsen gegliedert. Zwei hochrechteckige Schaufenster im recht hohen Ladenparterre wurden von dem Eingang in der rechten Achse flankiert. Heute ist das Fenster zu einem düsteren Lokal zentriert und von zwei Eingängen rechts umfasst. Der linke führt in ehemaliges Lokal, der rechte in die zwei Obergeschosse.
    Ursprünglich muss man sich das Haus von Wehlen wohl eher schlicht, nur durch die riesigen Fensterflächen und Oberlichter gegliedert vorstellen. Imposante Krönung war auch schon zur Entstehungszeit die Dachterrasse, die mit einem auffälligen Ziergitter abschließt. Die beiden Balkone der ersten und zweiten Etage sind laut Denkmaltopographie der Stadt Trier wahrscheinlich erst um 1900 unter der Mithilfe des Bauunternehmers August Herresthal hinzugefügt worden. Mit der mutigen Gestaltung seines Hauses ergänzte der Schlosser Wehlen die Karl-Marx-Straße um eine Architektur, bei der die Leute noch heute verwundert stehen bleiben und fasziniert an der dunkelgrünen Fassade hochblicken. Sogar bis nach Wien wurde von den Haus berichtet, nicht gerade lobend: “Es ist nach einem eisernen Cassenschrank und ganz mit dem Stoff und nach dem Geschmack eines Schlossers ausgeführt. […] Sehr nützlich aber kann solcher Eisenbau für Brauer als Darre, für Feigenkaffefabrikanten oder gar als Krematorium benutzt werden.” Die zeitgenössische Einschätzung des Trierer Hauses in der Wiener Bauindustrie-Zeitung 8/1890 wirkt heute kaum nachvollziehbar. In den frühen 1990er Jahren wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt und umfassend renoviert.
    Im Bereich hinter dem Ladenlokal hatte Wehlen seine Werkstatt eingerichtet, die nicht mehr erhalten ist. Das Haus erstreckt sich heute mit der Gaststätte bis zur Bollwerkstraße, wo im Parterre des Neubaus ein zeitgenössisches Eisentor mit den bis auf die Farbe entsprechenden Blüten- und Rankenmotiven eingebaut wurde, die auch die Dachterrasse schmücken. Einst könnte dies die Begrenzung des Hinterhofs hinter der Werkstatt gewesen sein. Die Ästhetik des Metalls als neuem Baustoff für ein Haus macht eine ganz neue Gestaltung nicht nur der Optik sondern auch des Wohnens möglich. Die immens großen Glasflächen und Oberlichter sind in der Bauzeit noch eher ungewöhnlich. Und es sind in Trier eher diejenigen, die in einem eisernen Haus leben wollen, die eng mit dem Werkstoff verbunden sind. Erst 1904 entsteht in Trier ein zweites Haus mit Stahlfassade – errichtet für einen Eisenwarenhändler in der Neustraße.
    0 min
  • Fetzenreich
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/07/Fetzenreich.mp3
    Audio-Podcast: 5:01 min
     
    Kennen Sie… das Fetzenreich?
    Das Fetzenreich ist mehr als ein Haus. Genau genommen ist es eine zusammenhängende Häuserzeile entlang der Sichel- und der Rindertanzstraße. Einst auch innerlich verbunden, dehnte sich der mittelalterliche Stadthof mit mehreren Gebäuden, Höfen und Gärten bis zum Mergener Hof im Norden aus. Im Laufe der Jahrhunderte erhielten die einzelnen Bauteile unterschiedliche Funktionen, die am besten separat betrachtet werden. Wenn man heute den Treffpunkt „Fetzenreich“ ausmacht, geht man in die Sichelstraße 36.
    Das klassizistische Gebäude steht auf römischen und vor allem auf mittelalterlichen Grundmauern und ist in seinen Ursprüngen Teil eines ausladenden Gebäudekomplexes im dicht und eng bebauten Flanderviertel in unmittelbarer Nähe zum Dom. Bereits 1268 wird das Haus in Urkunden zum ersten Mal erwähnt, als Besitz des Schöffen Bonifacius des Älteren. Die wohlhabende Familie besetzte über mehrere Generationen Schöffen- und Schultheißämter in der Stadt Trier und lebte in dem steinernen Haus mit der damaligen Bezeichnung „Zur goldenen Krone“. Erst in einer Urkunde aus dem Jahr 1592 wird der noch heute gebräuchliche Name erwähnt: „ut domum nostrum in cictate trevirensi Fetzenreich dictam ampliaret“, wie Eberhard Zahn in seiner detaillierten Monografie aus dem Jahr 1980 zum Stadthof ausführt. Der Name kommt aus einer Kombination der Kurzform „Fetz“ von Bonifatius mit dem Beinamen „der Reiche“. Dieses Haus stand wohl am nördlichen Ende des Fetzenhofes, wo heute das ehemalige Hotel Central der Verwahrlosung ausgesetzt ist.
    Zahlreiche Besitzerwechsel im 13. und 14. Jahrhundert künden von einer lebhaften Zeit mit Verpachtungen, Vererbungen und Verpfändungen. Im Jahr 1408 kaufte die Klostergemeinschaft Maximin den gesamten Hof. Hierhin zog sich der Orden in Kriegszeiten zurück, denn die eigentlichen Abteigebäude lagen ungeschützt außerhalb der Stadtmauer und wurden mehrfach zerstört. Ein imposanter Einstützenraum diente als Refektorium und die fein herausgearbeiteten Fenster und bemalten Holzdecken sind später repräsentative Räume des Hotels. Allein dieses Gebäude bietet ausreichend Stoff für eine eigene Geschichte. Erst am Ende des 17. Jahrhunderts zog der Orden in sein neu erbautes Kloster St. Maximin im Norden der Stadt.
    Im Jahr 1803 wurde der Fetzenhof von den französischen Besatzern verkauft, an den Trierer Vikar Peter Müller. Dieser ließ die Fassade des Vorderhauses 1820 in die noch heute bestehende klassizistische Form mit fünf Achsen und einem Mansarddach umbauen. 1833 wurden das Vorder- und das Mittelhaus komplett von dem nördlichen Gebäudeteil, dem späteren Gesellenhaus und Hotel, abgetrennt. An der Seite der Gebäude Sichelstraße 36 und 34 sind am Rindertanzplatz wenige mittelalterliche Details zu entdecken, aber im Inneren zeugen der großräumige Keller mit Kreuzgratgewölbe, die steinernen Fensterstürze und die dicken Wände mit den tiefen Fensternischen von der mehr als 600 Jahre alten Geschichte des Hauses.
    Geschichte gemacht hat auch die Fetzenkneipe, die länger als 40 Jahre in genau diesem Gebäude existierte. In der ehemaligen Großküche des Schöffenhauses mit dem imposanten offenen Kamin verbrachten schon Generationen von Studierenden ihre Freizeit. Zusammen mit weiteren Institutionen des Trierer Bistums hat hier die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) ihren innerstädtischen Standort und betrieb die Fetzenkneipe einst im Team. Anfang der siebziger Jahre investierte das Bistum in das Haus und auch die Ausstattung der Begegnungsstätte: Architekturpläne von 1971 zeigen, wie die Souterrainräume genutzt werden sollten: Eine Leseecke mit Bücherregalen und Arbeitstischen im kleineren Raum sollten zum Arbeiten und Lernen einladen. Eher Clubatmosphäre versprachen die Planungen für den großen Raum mit dem offenen Kamin. Hier bestimmten halbrunde Sofalandschaften mit trapezförmigen Beistelltischen und Stehlampen die Gestaltung. In einer sich anschließenden Teeküche konnte das beliebte Heißgetränk hergestellt werde.
    Die Fetzenkneipe mit dem Kamin im Keller war eine klassische Adresse für Studierende mehrerer Generationen. Partys, Konzerte und Stammtische waren hier bis zur Schließung Anfang 2013 nicht nur bei den Theologen beliebt, sondern auch bei den Kommilitonen diverser Fachbereiche der Universität und der Hochschule.
    0 min
  • Geldtempel
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/07/Geldtempel.mp3
    Audio-Podcast: 6:23 min
    Kennen Sie… den alten Geldtempel?
    Sieben monumentale Säulen bilden die Fassade der ehemaligen Reichsbank in der Christophstraße. Einst als pompöse Nebenstelle der Berliner Zentrale errichtet, machte sie die Bedeutung des Geldinstituts auch in der westlichen Provinz deutlich. Während die Reichsbanken bis etwa zur Jahrhundertwende oft gleichförmig gestaltet waren, wurden die Gebäude in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts immer individueller.
    Seit ihrer Gründung im Jahre 1876 hatte die Reichsbank als öffentliche Institution die Aufgabe, den Preis und das Volumen des Geldes zu bestimmen und Banknoten auszugeben. Die Vorgängerin der Deutschen Bundesbank etablierte ein einheitliches Währungssystem und ersetzte mit “Mark” und “Pfennig” die bis dahin gültigen gewachsenen Landeswährungen wie beispielsweise den norddeutschen Taler oder süddeutschen Gulden. Im Jahr der Gründung verfügte die Reichsbank neben der Reichshauptbank in Berlin über 16 Hauptstellen, 43 Stellen, drei Kommanditen, 112 Nebenstellen und 27 Warendepots. Die Nebenstelle Trier wurde in den Jahren 1901 bis 1903 errichtet.
    Zuständig für die Neubauten war das Reichsbankbaubüro mit Sitz in Berlin. Dieses leitete ab dem Jahr 1883 der 1834 in Trier geborene Geheime Baurat Dr.-Ing. Julius Emmerich. Der Trierer war ab 1904 auch für die Hochbauverwaltung zuständig und unter seiner Ägide entstanden so wichtige Staatsbauten wie das Pergamon-Museum, die Akademie der Bildenden Künste oder das Abgeordnetenhaus in Berlin. Zusammen mit dem entwerfenden Architekten Maximilian Hasak realisierte er neben zahlreichen anderen Bankgebäuden die Trierer Nebenstelle in der Christophstraße. Auch nach seiner Pensionierung widmete er sich noch zehn Jahre lang der Reichsbanktätigkeit, wie Margit Heinker in ihrer 1998 erschienenen Dissertation zur Architektur der deutschen Reichsbank ausführt.
    Die ehemalige Reichsbank in Trier liegt zentral am die Altstadt umrundenden Grüngürtel, der die mittelalterliche Stadtmauer nachzeichnet. Die Stadtfläche von Trier hat sich zur Jahrhundertwende schon deutlich erweitert und das Bankgebäude wird in die vorhandene Architektur der Christophstraße gesetzt. Neu ist die 1902 angelegte Kochstraße, welche den Alleenring mit der Sichelstraße verbindet und als Namensgeber Richard Koch hat. Dieser war von 1890 bis 1908 Präsident des Reichsbankdirektoriums und damit höchster Amtsträger der damaligen deutschen Geldwirtschaft.
    Die optisch wie ein antikisierender Tempel in Sandstein ausgeführte wuchtige Reichsbankfiliale steht genau auf der Ecke von der Christoph- zur Kochstraße. Seine sieben knapp 12 Meter hohen kannelierten Säulen mit aufwändig gestalteten Kompositkapitellen, die in sich jeweils den Reichadler zeigen, gliedern die Hauptfassade an der Christophstraße 14. Sie ist unter einem breiten Gesims zweigeschossig ausgebildet. Im Erdgeschoss befinden sich hohe Rundbogenfenster, hinter denen sich im östlichen Bereich die Kassenhalle befand, im oberen Geschoss sind die Fenster rechteckig. Während zur Bauzeit das Hauptportal zur Reichbank zwischen den beiden westlichen Säulen lag, wurde dieser Eingang später zu einem Fenster verändert. Die schmale Seite an der Kochstraße hat nur an den beiden Ecken Säulen und ist ansonsten lediglich in der Mitte durch Fenster und einen Balkon geschmückt.
    Die als Tempel gestaltete Nebenstelle in Trier hat weder architektonische Vorgänger noch entsprechende Nachfolger innerhalb der zahlreichen Neubauten der Reichsbanken. Waren die Gebäude bis zur Jahrhundertwende eher historistisch wie beispielsweise in Bocholt oder Gütersloh, wurden  die Fassaden ab 1900 immer individueller, aber auch immer unspektakulärer. Es wurde Wert darauf gelegt, dass die Baukörper in die jeweilige Umgebung gut herein passen und so fast mit Wohnhäusern verwechselt werden konnten, wie zum Beispiel die Gebäude in Traben-Trarbach oder Rüdesheim zeigen. Die Reichsbanken werden immer weniger monumental und immer öfter von örtlich beauftragten Architekten ausgeführt.
    Von der ehemaligen Reichsbank-Nebenstelle in Trier ist heute lediglich die Fassade zu sehen. Sie steht seit 1993 unter Denkmalschutz. Im Inneren erinnert nur noch das Kellergeschoss an die ursprüngliche Nutzung, denn die 80 Zentimeter dicken, damals hochmodernen Stahlbetonwände der Tresorräume gibt es heute noch und bieten einbruchssichere Unterstände für die Mieter des Anwesens. 1967 und 1968 wurde das Gebäude im Inneren komplett umgestaltet, nicht nur die massiven Säulen und die Kassettendecke der monumentalen Schalterhalle verschwanden hier, auch die kleinteiligen Fenster wurden durch durchgängiges Panzerglas ersetzt. Die dann hier in glattem, weißen und schmucklosen 70er-Jahre-Interieur mit eingezogener Galerie residierende Landeszentralbank verlegte ihren Standort schließlich an die Metzer Allee. Daraufhin wurden ab dem Jahr 2001 nochmals umfangreiche Bauarbeiten an dem Gebäude vorgenommen, dann aber in enger Übereinstimmung mit der städtischen Denkmalpflege.
    Die Architekten konnten die ehemalige Fensterform nicht nur anhand von zeitgenössischen Fotografien rekonstruieren. Die Maler, welche zu Beginn des Jahrhunderts die hölzernen Fensterrahmen gestrichen haben, hatten so großzügig Farbe aufgetragen, dass das Holzprofil an den Steinwänden abzulesen war und die Fenster originalgetreu nachgebaut werden konnten. Nicht unter Denkmalschutz stand hingegen das Rohrsystem, welches den Tresorraum mit einer im Obergeschoss liegenden Angestelltenwohnung verband. Hätte jemand mit schwerem Gerät versucht, den Tresorraum nachts zu knacken, dann wäre dies oben am geöffneten Stöpsel in der Schlafzimmerwand sofort zu hören gewesen.”
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  • Gläserner Pavillon
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/07/Glaeserner-Pavillon.mp3
    Audio-Podcast: 8:04 min
    Kennen Sie… den gläsernen Pavillon?
    Die gläserne Etage inmitten steinerner Fassaden aus der Gründerzeit fällt sofort ins Auge, wenn man sich vom Bahnhof in Richtung Innenstadt bewegt. Was einst als Schandfleck angesehen wurde, steht heute unter Denkmalschutz und steht leer. Es ist eines der wenigen stadtbildprägenden Bauten Triers aus den fünfziger Jahren – zumindest der obere gläserne Teil.
    So vielschichtig die Baugeschichte des Eckhauses an der Theodor-Heuss-Allee zur Göbenstraße ist, so unterschiedlich waren auch die Nutzungen der auffälligen Architektur. Je nach Bedarf wurde hier während der letzten 120 Jahre angebaut, verändert oder belassen, ganz nach Zeitgeschmack und Notwendigkeit. Die spitzwinklige Ecke zwischen der Hauptverbindung vom Bahnhof in Richtung Innenstadt und der hier einmündenden Göbenstraße ist zur Entstehungszeit ein privater Garten. Mit dem Bau des wilhelminischen Hauptbahnhofs 1878 wird auch die damals so genannte Bahnhofsstraße beziehungsweise Nordallee angelegt, an der mehrstöckige repräsentative Geschäfts- und Bürgerhäuser entstehen. Viele Häuser besitzen einen Vorgarten und der des Eckhauses aus dem Jahr 1880 fällt besonders groß aus. Mit einer umfassenden Mauer und einem großen Gartentor wirkt der des Hauses Nr. 18 fast wie ein kleiner Park am Rande der Straße, wie eine Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigt.
    Das im Besitz der Sparkasse befindliche Haus wird 1926 von einer Trierer Familie gekauft, die das gründerzeitliche Haus mit dem auffälligen Zeltdach eingreifend umbaut. Die Familie stockt das Haus um eine Etage auf, darf die Höhe des Gebäudes aber nicht vergrößern. Heute zu sehen ist nur noch die oberste Spitze des Daches, welches auf der niedrigen zweiten Etage ruht, die eher wie von einem Flachdach bedeckt wirkt. Auffälliger als die Ausweitung in die Höhe ist jedoch der Anbau, der seit 1932/33 den Garten verdrängt. Hier lassen die Besitzer – ein moderner und architekturbegeisterter Werbetreibender und seine Frau, eine Fotografin – einen polygonalen Eckladen anbauen.
    Engagiert wird das Trierer Architekturbüro Brand und Mertes, welches kurz vorher, 1929 bis 1931, das dem Neuen Bauen verpflichtete Stadtbad mit der Klinkerfassade an der Südallee errichtet hat. Der Pavillon mit elf großflächigen Fenstern sollte als Café dienen, das Flachdach als Dachterrasse. Diesen Zweck erfüllt der Bau jedoch nur einmalig während der Heilig-Rock-Wallfahrt 1933, als das Gebäude mitten auf dem Pilgerweg zwischen St. Maximin und dem Dom liegt. Direkt auf der Spitze der Kreuzung entsteht passend dazu ein Kiosk, in dem bis zum zweiten Weltkrieg Obst, Schokolade und Zeitungen feilgeboten werden. In der Folge wechseln die Besitzer des Untergeschosses häufig, genutzt wird der Raum unter anderem als Elektrofachgeschäft, Versicherung oder auch für Büroräume der Stadt Trier. Während der letzten Kriegsjahre ist hier eine Buchhandlung, nach 1945 nutzt eine Persil-Vertretung den Anbau, der nach Kriegsschäden 1949 wieder instandgesetzt wird.
    1950 schließlich zieht die Firma Gebr. Reichert in das Erdgeschoss und ist für Generationen das Spielwarengeschäft in Trier. Die Firma verkauft auch Kinderwagen, Korbwaren, Korbmöbel, Kinderbetten sowie Gartenmöbel, Boote und Zelte, wie ein Briefbogen wirbt. Aufgrund des breiten Warenangebots reicht die Verkaufsfläche von 145 Quadratmetern schnell nicht mehr aus. 1956 lassen die Inhaber im Stil der Zeit eine Etage auf das Erdgeschoss setzen. Ausführender Architekt ist der Trierer Willi Haufs. Er nimmt die Grundmauern des Anbaus aus den frühen dreißiger Jahren, um hier ein typisches 50er-Jahre Element zu ergänzen, ein einziges auskragendes gläsernes Schaufenster. In seinem Bauantrag an die Trierer Baupolizei macht er auch einen ästhetischen Ansatz geltend: „Die Aufstockung dürfte auch städtebaulich zu begrüßen sein, da hierdurch das Haus an der Göbenstraße abgedeckt und eine bessere Eckgestaltung erreicht wird.“
    Aus dem ehemals runden Dachabschluss entwickelt Haufs zehn aneinandergesetzte Fassadenelemente, die jeweils aus dreigeteilten Schaufenstern bestehen und knapp drei Meter hoch sind. Sie kragen um 10 Grad nach außen geneigt hervor und umfassen einen stützenlosen Raum von 217 Quadratmetern. Der Architekt erläutert das so typische Design der Fünfziger ganz praktisch: „Die Fensteranlage soll schräg gestellt werden, damit Spiegelungen auf ein Mindestmaß verringert werden.“ Die Fensterrahmen selbst sind aus schmalen eisernen Fensterprofilen, das Glas wird durch Metallleisten gehalten. Wohl zur selben Zeit werden die Fensterrahmen des Untergeschosses, die ursprünglich aus Holz und eingezogenen Holzsprossen bestanden, durch metallene Rahmen ersetzt. Es entstehen große Glasflächen, in denen die Produkte während des Wirtschaftswunders optimal präsentiert werden können. Der nun zweietagige Verkaufsraum wird mit einer raumgreifenden geschwungenen Treppe verbunden, wodurch der untere, ehemals auch stützenfreie Raum, eine charakteristische Änderung im Stil der Zeit erfährt. Bis 1966 nutzen die Gebr. Reichert das Gebäude für ihren Einzelhandel.
    Während die Architektur der 50er Jahre heute nicht nur unter Denkmalschutz steht, sondern auch zahlreiche Liebhaber hat, beschwert sich zur Bauzeit ein anonymer Trierer erfolglos bei der Baupolizei: „In der Bahnhofstrasse 18, unweit des Hauptbahnhofs, also des Hauptzugangs der Fremden in der Stadt, entsteht durch Aufsetzen eines Stockwerks, bald 2 Meter vorragend über die übrige Häuserfront, eine derartige Verschandelung der Strasse, bezw. des Entréé’s in die Stadt, dass es dringend geboten erscheint, den Plan zu überprüfen und noch rechtzeitig das Abtragen des im Bau befindlichen Vorbaus zu erwägen. Es dürfte sich sicher eine bessere Lösung finden lassen.“ Diese hat sich nicht gefunden und auch die späteren Mieter haben den Stil des Gebäudes zumindest von außen zur Freude aller Liebhaber der Fifties erhalten.
    Im Inneren überlebte die Verbindung der beiden Etagen nur bis 1974. Von 1967 bis 1974 nutzt ein Trierer Gastronom die immense Fläche für die Bastei, ein Restaurant mit Tanzcafé und Bar unter anderem für kabarettistische Darbietungen, Beat-Musik, Stripteasevorführungen, Zauberei und Artistik, wie ein Briefwechsel mit der Stadt Trier verrät. Mit dem Namen der Gaststätte zieht er eine Verbindung zur bekannten Kölner Architektur von Wilhelm Riphahn, der 1924 ein gleichnamiges Restaurant am Rheinufer errichtete – ebenfalls ein polygonaler, glasumfasster Raum mit auskragender Grundfläche auf vorhandenen Mauern. Doch während die Kölner Küche noch heute hochrangig ist, liefen in der Trierer Bastei am Ende die Ratten über den Tisch, so die Hausbesitzerin.
    1974 zieht in das Erdgeschoss eine Apotheke ein, womit die Verbindung der beiden Etagen wieder entfernt wird. Oben feiert 1981 die freie Christengemeinde Trier e.V. im Gemeindesaal mit Platz für bis zu 100 Gläubige Gottesdienste, bis sich die Trierer ab 1983 im Bodybuilding Studio Becker Sport ihre Muskeln stählen. 20 Jahre später nutzt das Café Lübke Sounds bis Dezember 2011 den lichtdurchfluteten Raum unter dem begrünten geschwungenen Dach für Konzerte, Ausstellungen und Kleinkunst.
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  • Haus Britanien
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/07/Haus-Britanien.mp3
    Audio-Podcast: 5:41 min
     
    Kennen Sie… das Haus Britanien?
    Trier ist die Stadt am Fluss, die den Anschluss an selbigen verloren hat. Im Straßennamen der Krahnenstraße ist das einstige Leben am Fluss jedoch lebendig geblieben. Mit dem direkt an der Mosel liegenden Krahnen wurden einst Handelswaren aus Schiffen an Land gehoben. Die Straße war über Jahrhunderte eine wichtige Verkehrsachse ins Stadtzentrum. Mit dem Ausbau der großen Autostraße am östlichen Moselufer veränderte sich nicht nur die Straßenführung, auch die Optik in der Krahnenstraße wurde aufgefrischt, mit gotischen Bauten – echt aus den siebziger Jahren.
    Täglich nehmen noch heute viele Rad- sowie schlendernde Touristen den Weg von der Innenstadt an die Mosel, der im Spätmittelalter eine wichtige Handelsroute war und bis zum 1413 errichteten Krahnen des Trierer Hafens führte. Im Krahnenviertel siedelten Schiffer, Schiffsbauer und Fischer in stattlichen Bürgerhäusern in der Nachbarschaft von großen Klöstern. In seinem Buch “Das Bürgerhaus in Trier und an der Mosel” schreibt Klaus Freckmann: “Als Herz des mittelalterlichen und neuzeitlichen Güterumschlages ist die Krahnenstraße anzusehen, wo noch um 1850 Schiffer lebten.”
    In typischer Bauweise standen hier diverse mehrgeschossige steinerne Giebelhäuser. Der Stadtteil wurde in dem Moment weniger attraktiv, als die Handelsschifffahrt Mitte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung verlor und das Viertel verarmte. Hiermit einher ging der Verfall der Häuser, die auch immer wieder vom Hochwasser betroffen waren. 1930 schließlich wurde der Hochwasserschutzdamm fertiggestellt und die Straße zumindest für Autofahrer zur Sackgasse.
    Die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Karl Borromäus, die 1970 Richtfest für ihren großen Krankenhausneubau feierten, errichteten am unteren Ende der Krahnenstraße ein Schwesternwohnheim. Hier wurden Anfang der sechziger Jahre ebenfalls gotische Bürgerhäuser abgerissen, um Platz für die vierspurige Schnellstraße zu schaffen. Das Schicksal ereilte nicht nur Wohnhäuser, sondern auch die weiter nördlich stehende imposante Mühle des Klosters St. Martin.
    Genau zwischen der Krahnenstraße und der Martinsmühle stand das Haus Britanien, auch ein gotisches giebelständiges Gebäude. Wie seine Nachbarn stand es im Weg, es wurde abgerissen, die Autos hatten Vorfahrt. Und doch ist dieses Haus im Stadtbild von Trier noch präsent. Das Landesamt für Denkmalpflege forderte die Rekonstruktion des Hauses, dessen Original nach dendrochronologischen Untersuchungen aus dem Jahr 1337 stammt, wie in der Denkmaltopographie der Stadt Trier nachzulesen ist. Da am Krahnenufer aus geschilderten Gründen aber kein Platz mehr war, siedelte man das neue gotische Haus in der Krahnenstraße 18 an.
    Dort standen einfache Häuser, welche aber wegen zu großen Verfalls nicht mehr zu retten waren. Ein Artikel aus der Trierer Landeszeitung von 1959 zeigt einen ramponierten Straßenzug. Die Bildunterschrift macht deutlich, wie man sich die Krahnenstraße Ende der 50er Jahre in etwa vorstellen muss: „Das Haus ist über 500 Jahre alt und baufällig: in ihm wohnen neun Familien mit zehn Kindern. Wohnen kann man nicht gut sagen, denn die Räume sind ein Notquartier. […] Die Stromgebühren übersteigen das Doppelte der Miete, weil die Einwohner wegen der Dunkelheit der Zimmer tagsüber Licht brennen lassen müssen. Für die Kinder sind die Wohnverhältnisse in gesundheitlicher Hinsicht alles andere als fördernd.“
    Um ein interessantes Ensemble mit dem neu entstehenden Schwesternwohnheim zu kreieren, entschloss man sich, 1970/1971 sowohl dieses Haus als auch die beiden links davon stehenden Giebelhäuser abzureißen. In die große Baulücke hinein wurden links die beiden Giebelhäuser rekonstruiert, das rechte, historisch anmutende Haus ist die Rekonstruktion des ehemals direkt am Ufer stehenden Hauses Britanien. Das gesamte Ensemble wurde zu Wohnzwecken für den pflegerischen Nachwuchs geplant, weswegen hinter den historisierenden Fassaden Zweckbauten stecken.
    Im Stadtmodell des Stadtmuseums Simeonstift ist das Haus Britanien an seinem ursprünglichen Ort sowie die gesamte Uferbebauung um 1800 gut zu sehen und die damalige Topographie gut nachzuvollziehen. Das Haus Britanien trägt seinen Namen wohl schon seit langer Zeit. Aus dem Jahr 1904 stammt eine einleuchtende Erklärung, welche der Beigeordnete a.D. Lück in der Trierischen Chronik liefert. Das lateinische Wort “prytaneum” bedeutet genau wie “horrea” „Getreidespeicher“ und stellt so die räumliche Nähe zu den römischen Getreidespeichern im heutigen Irminenfreihof her.
    Die heute durch die Krahnenstraße Flanierenden sehen also Fassaden, die den gotischen Bürgerhäusern nachempfunden sind, die einst an dieser Stelle standen. Dieser Eindruck, ein historisches Ensemble zu entdecken, welches an die mittelalterlichen Glanzzeiten der Handelsstraße erinnert, mag zwar ein falscher sein, doch ist dieser Straßenzug einer der wenigen Triers, in der ein wenig die Zeit stehengeblieben zu sein scheint – wären hier nicht wieder die vielen Parkplätze.
    0 min
  • Haus Proppe
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/07/Haus-Proppe.mp3
    Audio-Podcast: 6:48 min
     Kennen Sie... das Haus Proppe?
    Das „Haus Proppe“ wurde 1909 in Euren errichtet und war zu seiner Entstehungszeit der Architektur Triers um Jahre voraus. Heinrich Tessenow, nach dessen Entwurf das Haus erbaut wurde, ist in den weiteren Orten seines Wirkens als Verfechter der modernen Architektur vor dem Bauhaus unumstritten. Seine noch existierenden Werke stehen weitestgehend unter Denkmalschutz. Trotz Bemühungen seitens der Familie Proppe fällt das gleichnamige Haus nicht darunter. In Trier hat man aber immerhin eine Straße nach Tessenow benannt.
    Die Hermannstraße in Euren beginnt an einem kleinen Platz mit der Bushaltestelle „Helenenbrunnen“ und führt am Fuße des steilen Südhangs vom Mohrenkopf am Waldfrieden vorbei in Richtung Niederweiler und Trierweiler. Bevor man in den Wald kommt, ist die Straße von Ein- und Mehrfamilienhäusern gesäumt, in denen alle Zutaten der Durchschnittsarchitektur zu finden sind. Vom schmiedeeisernen Zaun über braun gewölbte Fenster bis hin zu Türmchen und der auffälligen Farbgebung der 90erJahre findet der Flaneur viel von dem, was sich das 20. und 21. Jahrhundert an Novitäten für den Wohnhausbau ausgedacht hat.
    Am allerwenigsten fällt jedoch das letzte Haus am Hang kurz vor dem Wald auf. In schlichtem Weiß hebt sich die dreieckige Fassade mit dem beherrschenden Satteldach von der dunklen Naturkulisse ab. Die Fenster verteilen sich symmetrisch über die Fassade, an der rechten Seite ist eine offene Laube mit Pfeilern angebaut. So schlicht kommt das Haus daher, als wäre es zeitlos. Es ist das zweite Haus, das überhaupt in diesem Tal gebaut wurde. 1909 fand der Bauherr Hans Proppe hier genau das vor, was er sich als Lebensraum vorstellte und nach seinen Ideen weiter ausbaute: Viel Natur, in der er und seine zahlreichen Künstlerfreundinnen und -freunde sich verwirklichen konnten. Der 1875 in Köln geborene Proppe studierte in Mainz und Berlin Raumkunst bzw. Innenarchitektur und lehrte ab 1904 an der Trierer „Gewerblichen Fortbildungs- und Gewerbeschule“, einem Vorläufer der späteren Kunst- und Gewerbeschule und heutigen Hochschule.
    Der Architekt Heinrich Tessenow kam 1905 als Lehrer der Baugewerkeabteilung an die gleiche Schule und lebte bis 1909 in Trier. Die beiden späteren Professoren befreundeten sich, wenn sie sich nicht sogar schon aus der Studienzeit in Berlin kannten. In Trier schrieb Tessenow sein bedeutendes Werk „Der Wohnhausbau“, welches ebenfalls 1909 erschien und ein für die Architektur ganz neues Konzept der reinen Sachlichkeit formulierte. Während noch weit ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nicht nur in Trier noch in historistischen und jugendstiligen Formen gebaut wurde, entwickelte Tessenow eine abstrakte Form von Architektur, die in ihrer Schlichtheit und ihrem Purismus avantgardistisch genannt werden kann. Die Architektur ist von jeglichen Schmuckelementen befreit und zehn Jahre vor dem Bauhaus radikal neu.
    Mit dieser neuen Idee findet er in Hans Proppe einen Partner, der in seiner Persönlichkeit und als Künstler ganz ähnlich denkt. Er ist der erste, der einen der von den Architektenkollegen oft belächelten Entwürfe Tessenows praktisch umsetzt. Das Blatt mit der Tessenow zugeschriebenen Zeichnung befindet sich im Nachlass der Familie und gilt als Geschenk an den Kollegen und Freund. Nicht nur künstlerisch ist die Autorschaft Tessenows in der Magisterarbeit der Verfasserin diese Beitrags im Fach Kunstgeschichte an der Universität Trier 2001 nachgewiesen worden, auch Zeitzeugen erinnern sich an mehrfache Nennungen Heinrich Tessenows als Architekten vom „Haus am Berg in der Sonne“, wie Proppe es nennt. Proppe erhält 1909 die Baugenehmigung für das Haus, welches der Mittelpunkt einer Künstlerkolonie werden wird. Er terrassiert den gesamten Hügel, baut in den kommenden Jahren noch kleinere Häuser für befreundete Künstler und plant sogar eine ganze Häuserreihe entlang der Straße, welche auch an Künstler und Gleichgesinnte vermietet werden könnten.
    Als Lebensreformer und Anhänger Otoman Zar-Adusht Ha`nish ist Proppe bekennender Mazdaznaner. Dabei handelt es sich um eine Mischreligion mit zarathustrischen, christlichen und einigen hinduistischen Elementen. Er und seine Familie ernähren sich vegetarisch, frönen der Nacktkultur und stellen möglichst alles selbst her. Als „Irrer von Euren“ in dem beschaulichen Vorort von Trier bekannt, ist er gleichzeitig Kunsthandwerker, der gutbürgerliche Möbel, Grabsteine und Büroeinrichtungen für Trierer Familien und Unternehmen entwirft. Er selbst lebt in modernem Design mit wenig Mobiliar in radikal zweckmäßigen Formen wie praktischen Stapelbetten und sonnendurchfluteten Räumen, die offen sind für Künstlerinnen und Künstler nicht nur aus seinem regionalen Umkreis. In Zeitschriften wie „Der Zwiespruch“ sucht er nach Gleichgesinnten für seine „kunstgewerbliche Siedlungsgenossenschaft“.
    Das Haus in Euren ist das älteste erhaltene Werk Heinrich Tessenows und das erste moderne Wohnhaus Deutschlands vor den Entwürfen des späteren Bauhauses. Nach seiner Trierer Zeit und auch als Reaktion auf sein Buch „Der Wohnhausbau“ erhält Tessenow die Möglichkeit, in der ersten Gartenstadt Deutschlands in Dresden-Hellerau zusammen mit den renommierten Architekten Richard Riemerschmid, Hermann Muthesius und Theodor Fischer Straßenzüge und Einzelhäuser zu verwirklichen. Als Zentrum für Reformbegeisterte aus ganz Europa machte sich Hellerau schnell einen Namen und wurde zu einem geistigen Zentrum rund um Tessenows Festspielgebäude, welches bis heute eines seiner bekanntesten Werke ist.
    Ganz Hellerau inklusive der Tessenow-Bauten steht bereits seit dreißig Jahren unter Denkmalschutz. Das Denkmalpflegeamt Trier hat das Haus Proppe trotz Bemühungen seitens der Familie 1982 nicht unter Denkmalschutz gestellt. „Trotz intensiver Recherche liegt dem städtischen Denkmalpflegeamt keine Quelle vor, die eindeutig belegt, dass das Gebäude Hermannstraße 38 in Euren im Jahre 1909 nach Plänen von Heinrich Tessenow errichtet wurde“, so die aktuelle Auskunft des städtischen Amtes. Daher sei eine Aufnahme in das Verzeichnis der Kulturdenkmäler nicht erfolgt und auch nicht geplant.
    In den letzten Jahren hat das Trierer Stadtmuseum Simeonstift von verschiedenen Mitgliedern der Familie große Teile des Nachlasses erhalten und bereits verschiedene Stücke – von Möbeln über Zeichnungen bis hin zu Fotografien ausstellen können. Das Erbe des forschen und innovativen Künstlers wird so angemessen gewürdigt und bewahrt.
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  • Jakobspital
    http://www.architektur-podcast.de/wp-content/uploads/2014/07/Jakobsspital.mp3
    Audio-Podcast: 06:47min
    Kennen Sie… das Jakobspital?
    Im Mittelalter wurde die Gesundheitsversorgung in erster Linie von kirchlichen Institutionen erledigt. Bis heute ist diese Tradition in Trier mit seinen nicht in kommunaler Trägerschaft stehenden Krankenhäusern erhalten geblieben. Die einst bedeutendste soziale Einrichtung war seit dem frühen 12. Jahrhundert das St. Jakobs-Spital, dessen erhaltene Gebäude in der Straße „Jakobsspitälchen“ zu finden sind.
    Auch wenn heute nur noch zwei Häuser und Teile einer Kapelle von dem ehemaligen Hospital zeugen und der Straßenname die Institution in der Verkleinerungsform nennt, war das Hospital mitten in der Stadt eines der wichtigsten für die Trierer Bevölkerung. Die Hauptaufgabe der hier ansässigen Jakobus-Bruderschaft bestand darin, sich den Kranken, Alten und Fürsorgebedürftigen anzunehmen. Ursprünglich betreute die Bruderschaft die zahlreichen Pilger, die den Jakobsweg bis Santiago de Compostela gingen und Trier als wichtige Station passierten. Das Wort „Hospital“ oder kurz „Spital“ stammt vom lateinischen Wort „hospitium“ („Gastfreundschaft“) ab.
    Von dem Hospital selbst sind heute die beiden schlichten Häuser im Jakobsspitälchen 2 und 3 erhalten geblieben. Im Haus Jakobspitälchen Nr. 2 wohnten die Männer, in der Nummer 3 die Frauen, welche sich für ihren Altensteil dort eingekauft hatten. Mittelalterliche Zustände herrschten noch in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als hier WG-Zimmer vermietet wurden, in denen nicht nur mit Kohle geheizt werden, sondern die Kohle auch direkt im Zimmer gelagert werden musste.
    Ursprünglich lag die Einrichtung hinter einer Mauer entlang der heutigen Fleischstraße. Ein Tor führte in einen Innenhof, auf dessen rechter Seite die St.-Jakobs-Kirche lag. Dessen Chor schloss im Osten gerade zur Fleischstraße hin ab. Um 1360 wurde die Kirche neu errichtet und bis heute haben sich zwei ihrer Joche erhalten. 1984 wurde der jetzige Raum mit insgesamt drei Jochen mit geripptem Kreuzgratgewölbe restauriert. 1559 war hier der Ort, an dem der protestantische Reformator Caspar Olevian weiterhin seine Ideen verkündigte. Der Stadtrat von Trier hatte ihm nämlich das Predigen in städtischen Räumen verboten.
    Der ehemalige Kirchenraum beherbergte lange Jahre eine Kunstgalerie und ist heute repräsentativer Verkaufsraum einer Boutique. Die beiden Joche, die zur Kirche gehörten, sind gut an den Schlusssteinen der Gewölbe zu erkennen. Der erste zeigt ein Blumenornament, der zweite ein Wappenfeld. Den südlichen Abschluss bildet heute eine große verglaste Wandaussparung, die den Blick von außen in den Raum freigibt, wenn dieser nicht gerade von Vorhängen verdeckt ist.
    Die Gebäude des Hospitals schlossen sich hinter der Kirche Richtung Metzelstraße an und wurden mehrfach umgebaut. Durch Quellen belegt ist ein stattlicher Neubau aus den Jahren 1543 bis 1546. Die Gebäudeteile, die heute noch stehen, wurden 1750 bis 1753 nach Plänen des Hofbaumeisters Johannes Seiz, der als Meisterschüler und Mitarbeiter bei Balthasar Neumann gelernt hat, umgebaut. Im Stadtmodell des Stadtmuseums Simeonstift, welches Trier um 1800 zeigt, ist das Hospital mit seiner Kirche und den Gebäuden von Seiz zu sehen. Den Innenhof des Areals mit den beiden etwas versetzt stehenden Häusern sowie weiteren Ökonomiegebäuden erreichte man durch ein Portal in der Fleischstraße. Erst im Zuge der Säkularisation wurde die Mauer samt Portal abgerissen und der öffentliche Durchgang zur Metzelstraße geschaffen.
    Die bis zu 100 Mitglieder der Bruderschaft waren Bürgermeister, Patrizierfamilien oder auch Schöffen. Ab dem 14. Jahrhundert kamen wohlhabende Handwerker hinzu. Die Mitglieder stifteten im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Ländereien, Immobilien oder auch Bares, Zinsen und Renten. Hinzu kamen Einnahmen aus päpstlichen Ablässen. Das Jakobsspital wurde später auch „bürgerliches Hospital“ genannt, denn es stand ab 1434 unter der Aufsicht des Rates der Stadt Trier. Alle Stiftungen und Rechnungen mussten diesem jährlich zur Prüfung vorgelegt werden.
    Im Hospital selbst konnten diejenigen wohnen, die das Trierer Bürgerrecht besaßen und einen „guten Leumund“ hatten. Meistens stifteten sie in höherem Alter ihre Häuser und Liegenschaften an die Bruderschaft und erhielten damit im Gegenzug „täglich Wein, Brot, Speise, Fleisch, Eier, Fische, so lange er oder sie lebt in unserem Spital, dazu jährlich ein Fuder Holz“. Diese Pfründner oder auch Präbernder lebten klosterähnlich nach Geschlechtern getrennt und arbeiteten teilweise auch in der Gemeinschaft mit, denn die Bruderschaft lebte nach dem Grundsatz, dass „Müßiggang ein Kissen des Teufels“ sei, wie es in der ausführlichen Chronik „Die Vereinigten Hospitien in Trier“ aus dem Jahr 1980 nachzulesen ist.
    Insgesamt gab es zahlreiche Einrichtungen, die sich in Trier seit dem Mittelalter um all jene gekümmert haben, die Hilfe, Unterstützung und Pflege benötigten. Diese Institutionen, die über Jahrhunderte von einzelnen Klöstern und Gemeinschaften geführt wurden, wurden im Rahmen der Säkularisation unter Napoleon Bonaparte im Jahr 1804 zu den Vereinigten Hospitien zusammengefasst. Die Hospitäler standen damit unter einer einheitlichen Verwaltung. Ein gutes Drittel des Vermögens der neuen napoleonischen Stiftung stammte allein aus dem Bürgerhospital und ehemaligem Jakobsspital. Darunter befanden sich zum Beispiel um die 1600 Einkünfte oder Besitzrechte an rund 170 Häusern in Trier. Eine Immobilie befand sich am Hauptmarkt, an dieser Stelle steht heute die Steipe, welches die Trierer Bürgerschaft für Feste und Zusammenkünfte errichtet hat. Die ganz links stehende Figur des Jakobus des Älteren erinnert an die bedeutende Geschichte der Jakobusbruderschaft. Jakobus ist gemeinsam mit Helena, Petrus und Paulus Stadtpatron von Trier.
    Weitaus bekannter als die Geschichte des Spitals dürfte vielen Triererinnen und Trierern das „Wellblech“ sein, in dem Ende des 20. Jahrhunderts im Keller des Jakobsspitälchens Punk- und Underground-Partys gefeiert wurden.
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