Elias Müller | Idee Archäologie. Positionen und Konturen einer Wissenschift
Das Archäologiestudium beginnt damit, dass man lernt, gefundene Objekte systematisch zu untersuchen und einzuordnen. Material, Form und Alter werden bestimmt, bevor man versucht, den Fund durch seine Umgebung, den Vergleich mit ähnlichen Gegenständen und Schriftquellen aus derselben Zeit zu kontextualisieren. Katalogisiert, fotografiert und beschrieben landet er danach in Schubladen, Depots oder im Bestfall in der Museumsvitrine. Ein kleiner Beitext fasst seine Geschichte in wenigen Sätzen zusammen.
Hinter allen Objekten steht jedoch viel mehr; zu jedem Ziegel gibt es einen Menschen, der ihn hergestellt hat, zu jeder Statue einen Bildhauer und Auftraggeber, zu jedem Schmuckstück einen Träger und jedem Brief eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Natürlich entziehen sich diese Personen der archäologischen Methode; man kann sie nicht fragen, was sie gefühlt haben, als sie den Gegenstand benutzt haben. Rekonstruktionen sind nur begrenzt möglich, Quellen oft lückenhaft.
Es entsteht ein Paradox: einerseits ist uns die individuelle Intention und Lebensrealität des Menschen hinter dem Objekt meist nicht erschließbar, dennoch ermöglichen viele Einzelfunde das Leben der sozialen Gruppe zu rekonstruieren, in der er verwendet wurde.
Der einzelne Mensch gerät oft in Vergessenheit und wird zu einem fremden Schatten, dem sich nur durch seine Position innerhalb der Gesellschaft seiner Zeit angenähert werden kann. Eine gewisse Distanz ist zwar notwendig, um keine modernen Stereotype oder Annahmen auf die Menschen der Antike zu übertragen, zu viel davon kann aber zu einer Verfremdung der Erkenntnisse führen. Eine bewusste Wortwahl spielt hierbei eine große Rolle: vor allem in westlich geprägter Populärliteratur und leicht verdaulichen Dokumentationen werden antike Glaubensgemeinschaften nicht als Religion, sondern „Kulte“ bezeichnet, damit verbundene Schutzobjekte und Glücksbringer als „magische Amulette“, soziale Normen der Zeit als etwas Exotisches und längst Überwundenes. Zwar hat sich über die Jahrhunderte neben Kultur, Religion und Lebensweise viel im Umfeld des Menschen verändert, sein Wesen ist aber gleichgeblieben. Er hatte damals wie heute die gleichen Grundanliegen: Freundschaft, Gesundheit, Liebe, Familie und persönlicher Erfolg. Funde wie eine Geburtstagseinladung zwischen zwei Freundinnen aus Britannien verdeutlichen das.