Tobias Wild | Idee Archäologie. Positionen und Konturen einer Wissenschaft
In den vergangenen Jahren hat der Begriff Propaganda eine Renaissance erlebt. Große Aufmerksamkeit zogen etwa die im Zuge des Irankriegs in großer Intensität mit KI erstellten Propaganda-Videos, die mit LEGO-Figuren den US-Präsidenten Donald Trump und tagesaktuelle Ereignisse des Kriegsgeschehens aggressiv parodierten und kritisierten. Und schon im Sommer 2025 hatte es „Propaganda“ sogar zum Social-Media-Trend geschafft: Unter dem Schlagwort Propaganda I am not falling for wurden im Alltag präsente Normen oder Verhaltensweisen (z. B. dass angeblich „‚echte Männer‘ nicht in Therapie gehen“) hinterfragt und abgelehnt. Fällt der Begriff Propaganda, dann wird markiert, dass die von der anderen Seite kommunizierten Inhalte massiv verbreitet werden und beeinflussen sollen, aber vereinfacht, wenn nicht sogar absichtlich verzerrt sind. Unser Verständnis des Begriffs ist stark durch die Zeit des Nationalsozialismus geprägt und begegnet heute besonders häufig zur Beschreibung der Steuerung von politischer Kommunikation autoritärer oder totalitärer Systeme.
Auch in der Klassischen Archäologie hat sich „Propaganda“ immer wieder einer gewissen Beliebtheit erfreut, um politische Kommunikation zu kategorisieren. Sie begegnet als Begriff gerade in Kontexten, wo die politischen Strukturen in gewisser Form Ähnlichkeiten zu totalitären Systemen unserer Zeit zu haben scheinen. Als ein solcher Kontext gilt teilweise immer noch die Zeit der hellenistischen Könige (ca. 306–31 v. Chr.). Als konkretes Beispiel für das Vorhandensein und Funktionieren von Propaganda wird beispielsweise das Auftauchen von kleinformatigen Herrscherporträts im privaten Herrscherkult dieser Zeit aufgeführt. Ihre große Anzahl und die ausgefeilten ikonographischen Strategien, die bei diesen Figuren begegnen, scheinen nur dadurch erklärbar zu sein, dass hier eine gezielte Verbreitung durch die Könige vorliege. Privatleute hätten also eine vom Herrscher selbst kommende visuelle Kommunikation blind übernommen, wenn nicht sogar übernehmen müssen. Diese Ausgangslage ist hochspannend: Dass derselbe Begriff für Phänomene der Gegenwart und der Antike verwendet wird, erlaubt es einerseits, die Arbeit der Altertumswissenschaften an moderne Debatten anzuschließen. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, was eigentlich geschieht, wenn man einen Begriff mit einer so starken inhaltlichen Prägung wie „Propaganda“ auf eine andere Zeit überträgt.
Schauen wir auf ein konkretes Beispiel: Eine heute in New York aufbewahrte Statuette aus Athribis in Ägypten zeigt die Darstellung eines hellenistischen Herrschers (Abb. 1). Für die Statuette ist kein Fundkontext bekannt, es kann aber plausibel rekonstruiert werden, dass die Figur im privaten Herrscherkult verwendet wurde, möglicherweise im Haus oder einem Vereinsheiligtum. Sie gehört damit zu Figuren, für die wir eine Verbreitung durch herrscherliche Propaganda annehmen sollen. Die Ikonographie der Figur ist außergewöhnlich: Der auf einem sich aufbäumenden Pferd zu rekonstruierende Reiter ist nackt, bis auf die Haut eines Elefanten, die er sich über den Kopf gezogen und auf der Brust geknotet hat. Die Haut ist zudem um den vor den Körper gehaltenen Arm geführt und bildet zwischen Arm und Torso eine tiefe Kuhle. Der Arm ist wie zum Angriff erhoben.