Ein strahlender Herbstsonntag 1918 am Zürichsee, zwei junge Männer, Hans und Simon, und ein letzter Wunsch an ihre 65-jährige Mutter: Sie soll ihre Lebenserinnerungen aufschreiben. Aus dieser Bitte entsteht «Erstrebtes und Erlebtes», die Autobiografie von Verena Konzett, veröffentlicht 1929. Das Dokument ist keine glatte Geschichtsschreibung, sondern ein unmittelbarer Blick in die Schweiz des 19. Jahrhunderts und in die frühe Schweizer Arbeiterbewegung. Gerade weil Verena nicht «von oben» erzählt, wird sichtbar, wie sich politische Haltung aus konkreter Erfahrung formt: aus Krankheit, Enge, Hunger, Arbeit, Scham und aus Momenten, in denen Menschen trotzdem handeln. Wer Arbeitsrechte Schweiz, Arbeitsschutz oder soziale Gerechtigkeit verstehen will, findet hier den Rohstoff dazu.
Verenas Kindheit beginnt mit unsichtbaren Bedrohungen, die sich in Bilder verwandeln: Cholera wird zur «Frau Cholera», weil das Wissen über Bakterien fehlt und die Miasma-Theorie die «schlechte Luft» verantwortlich macht. Die Angst steckt aber nicht nur im Kopf, sie steckt in Wänden und Gassen. In der Schmalzgrube im Zürcher Niederdorf fällt kaum Licht, vor dem Fenster verläuft ein offener Abwasser- und Fäkalienkanal, Ratten inklusive. Die Mutter räuchert Räume mit glühenden Kohlen und Wacholderbeeren aus, ein Verzweiflungsversuch, Kontrolle zurückzugewinnen. Als die Familie später an den Rennweg zieht und Verena zum ersten Mal eine helle Wohnung betritt, tanzt sie spontan. Stadtplanung, Wohnverhältnisse und psychische Gesundheit sind hier keine Theorie, sondern gelebte Realität von struktureller Armut.
Dann bricht Weltpolitik in den Alltag: Winter 1870/71, die Bourbaki-Armee flieht in die neutrale Schweiz. Verena sieht zehntausende ausgehungerte Soldaten, erfrorene Füsse, die Not mitten auf der Strasse. Statt abzustumpfen sammelt sie Äpfel und bringt sie den Männern, eine frühe Schule der Solidarität ohne nationale Grenzen. Kurz darauf trifft sie die Klassenmacht direkt: Sie und ihre Schwester klauben Holzspäne von einer Baustelle, der Polier schreit, droht, zwingt die Mutter, den Sack wieder auszuleeren. Der Satz der Mutter «Es ist immer besser, Unrecht leiden als Unrecht tun» prallt auf Verenas wachsendes Gefühl, dass hier nicht Schicksal wirkt, sondern Ungerechtigkeit. Und weil sie sich nicht wehren kann, sucht die Wut ein Ventil: Der lächerliche «Einsiedlerschirm» wird im Brunnen eingefroren und zerstört. Lustig erzählt, psychologisch klar: Autonomie wird erkämpft, auch wenn es weh tut.
Mit 13 wird Verena in die Industrialisierung Zürich hineingezogen: 1874 erblindet der Vater, sie macht sich bei der Anmeldung älter und arbeitet in der Seidenzwirnerei, elf Stunden am Tag, Staub in der Luft, Kälte auf dem Weg, ein mageres Essen. Dazu Stücklohn als Steuerungsinstrument. Weil sie geschickt ist und gut verdient, kürzt der Fabrikherr den Tarif, damit andere nicht «aufmucken». Das ist Lohnraub mit System und wirkt heute erschreckend modern: Gig-Economy, Lieferdienst, Uber, Algorithmus, der die Auszahlungsrate senkt, sobald jemand effizient wird. Noch brutaler ist die Rechtslage: Arbeitsunfälle sind Privatschicksal, abgerissene Finger bringen keine Entschädigung. Hoffnung kommt durch politische Bildung: Flugblätter zum Fabrikgesetz geben Sprache und Rahmen für Widerstand. Später, unter dem Sozialistengesetz, wird Zürich Zuflucht, Verena und Konrad Konzett schmuggeln Zeitungen, provozieren Spitzel und zeigen, dass Arbeitsrechte nie geschenkt sind. Am Ende bleibt die Gegenwartsfrage: Auf welchen unsichtbaren, unbezahlten Opfern der globalen Arbeiterklasse ruht unser Komfort heute?