Stell dir vor, Wikipedia wäre keine Plattform, sondern ein einzelner Mensch mit dem Ehrgeiz, ein ganzes Land in Daten, Biografien und Urkunden zu erfassen. Wir gehen zurück ins Jahr 1747 und nehmen das Allgemeine Helvetische, Eydgenössische, Oder Schweitzerische Lexicon von Johann Jakob Leu unter die Lupe: ein monumentales Realwörterbuch, das alphabetische Ordnung mit Sachwissen verbindet und Wissen scheinbar greifbar macht. Die Frage, die uns dabei umtreibt: Wie konnte ein einzelner Mensch ein solches Werk überhaupt schaffen – und wer finanzierte es in einer Zeit, in der der Buchdruck noch Handarbeit und ausgesprochen teuer war?
Wir verbinden seine Entstehung mit der besonderen Situation Zürichs: viel Kapital, politische Stabilität, eine überraschend hohe Lesefähigkeit und vor allem ein Umfeld, in dem nicht jede Idee sofort der Zensur zum Opfer fiel. Genau hier nutzte Leu seine Ämter als Säckelmeister, Bankgründer und später als Bürgermeister, um Archive, Register und Korrespondenznetzwerke in eine regelrechte Wissensmaschine zu verwandeln. So entstand ein Werk mit mehr als 11’000 Seiten und rund 20’000 Stichwörtern, gefüllt mit Informationen zu Geografie, Recht, Wirtschaft und Geschichte.
Doch ein Lexikon ist niemals vollkommen neutral. Wir sprechen über Leus Methode, Urkunden wortwörtlich abzudrucken, und darüber, weshalb dies sowohl als mangelnde Quellenkritik als auch als wertvolle historische Sicherung verstanden werden kann. Ausserdem betrachten wir die Schattenseiten seines Projekts: Genealogie wurde zum politischen Zündstoff, die Selbstdarstellung der Eliten sorgte für Ärger und Boykotte – und trug letztlich zum wirtschaftlichen Misserfolg des Werkes bei.
Zum Schluss ziehen wir die Verbindung zur Gegenwart: Wenn die Ergebnisse von Suchmaschinen und die Antworten künstlicher Intelligenz so objektiv klingen – wer sind dann heute die «Ratsfamilien», die darüber bestimmen, was sichtbar wird und als Wahrheit gilt?