die Arbeit, die niemand sieht – und was sie mit eurer Nähe macht
Shownotes
Mental Load in der Beziehung
Der Zahnarzttermin für die Große.
Der Elternabend am Freitag.
Das Geschenk für Sonntag.
Und irgendwo geht auch noch das Katzenfutter zur Neige.
Neben dir schläft jemand ruhig.
Und in dir zieht sich etwas zusammen.
Ich muss hier an alles denken.
Genau darum geht es in dieser Folge.
Wenn beide recht haben
Ein Satz fällt bei diesem Thema besonders häufig:
„Ich mache hier alles alleine.“
Und fast genauso schnell kommt:
„Das stimmt doch gar nicht.“
Beide können recht haben.
Denn häufig sprechen beide über etwas vollkommen Unterschiedliches.
Der eine spricht über Aufgaben.
Die andere spricht über das, was vor der Aufgabe passiert.
Die Arbeit vor der Arbeit
Ein Geschenk für einen Kindergeburtstag zu kaufen dauert vielleicht eine halbe Stunde.
Doch vorher muss jemand wissen:
Wann muss das Geschenk spätestens besorgt werden?
Genau diese unsichtbare Arbeit wird häufig als Mental Load bezeichnet.
Es ist der Kalender im Kopf, der weiterläuft, während du auf dem Sofa sitzt.
Und genau deshalb ist Mental Load so schwer sichtbar.
Ein sauberer Boden ist sichtbar.
Ein Gedanke, der dafür sorgt, dass etwas rechtzeitig passiert, nicht.
„Sag mir einfach, was ich tun soll.“
Dieser Satz ist meistens gut gemeint.
Vielleicht sogar liebevoll.
„Sag mir, was ich machen soll. Dann mache ich es.“
Doch beim anderen kann etwas völlig anderes ankommen:
Du behältst den Überblick.
Und damit bleibt die eigentliche Verantwortung genau dort, wo sie vorher schon lag.
Die Person, die ohnehin alles im Kopf hat, muss jetzt zusätzlich Aufgaben verteilen und kontrollieren.
Aus Partnerschaft kann langsam Projektleitung werden.
Und Augenhöhe geht verloren.
Die unbequeme Seite von Mental Load
So leicht wäre die Lösung:
Gib doch einfach etwas ab.
Aber genau das fällt vielen Menschen erstaunlich schwer.
Denn Verantwortung abzugeben bedeutet auch:
Vielleicht wird etwas anders gemacht.
Vielleicht wird etwas vergessen.
Vielleicht geht beim ersten Mal tatsächlich etwas schief.
Und gerade Menschen, die früh gelernt haben, selbst für Ordnung und Sicherheit sorgen zu müssen, erleben dieses Loslassen oft als sehr unangenehm.
Dann steckt unter dem Satz
„Ohne mich läuft hier nichts“
manchmal noch etwas anderes:
Ich halte das hier zusammen.
Alte Rollen sitzen mit am Küchentisch
Viele dieser Muster haben eine lange Geschichte.
Vielleicht hast du als Kind eine Mutter oder Großmutter erlebt, die alles organisiert hat.
Und niemand hat darüber gesprochen.
Es war einfach selbstverständlich.
Gleichzeitig gab es vielleicht einen Vater oder Großvater, dessen Platz außerhalb dieser Organisation lag.
Auch daraus entsteht Lernen.
Ich muss alles im Blick behalten.
Ich warte lieber, bis mir jemand sagt, was gebraucht wird.
Jahrzehnte später sitzen zwei Erwachsene an ihrem eigenen Küchentisch.
Und spielen Rollen weiter, die keiner von beiden bewusst gewählt hat.
Wenn er irgendwann aufhört, etwas anzubieten
Auch die andere Seite entwickelt mit der Zeit ihre eigene Geschichte.
„Ich mache doch schon eine Menge.“
„Es ist sowieso nie richtig.“
„Was ich mache, wird korrigiert.“
Und irgendwann entsteht Rückzug.
Nicht unbedingt aus Gleichgültigkeit.
Manchmal aus Selbstschutz.
Denn wenn alles, was du anfasst, falsch erscheint, liegt der Gedanke nahe:
Dann fasse ich eben weniger an.
Und genau dadurch bestätigt sich das Bild des anderen wieder.
Er zieht sich noch weiter zurück.
Beide fühlen sich nicht gesehen.
Wenn Mental Load ins Schlafzimmer zieht
Über einen Zahnarzttermin lässt sich streiten.
Über fehlende Anziehung wird viel häufiger geschwiegen.
Doch genau dort kann Mental Load ebenfalls wirken.
Wenn du deinen Partner über Jahre als jemanden erlebst, an den du ständig erinnern musst, verändert sich dein Blick.
Und Zuständigkeit ist nicht unbedingt ein guter Nährboden für Begehren.
Es kann schwerfallen, sich abends einem Menschen körperlich zu öffnen, den du nachmittags noch daran erinnern musstest, eine Schulbescheinigung zu unterschreiben.
Das bedeutet nicht, dass Mental Load automatisch fehlende Sexualität verursacht.
Aber er kann Teil einer Dynamik werden, in der aus Liebenden langsam Kollegen werden.
Der Wochenplan löst oft das falsche Problem
Viele Paare versuchen es mit einem Plan.
Montag macht der eine dies.
Dienstag macht die andere das.
Und ein paar Wochen später hängt der Plan nur noch am Kühlschrank.
Ein Plan verteilt Aufgaben.
Mental Load besteht jedoch vor allem aus dem Denken davor.
Deshalb kann etwas anderes wirkungsvoller sein:
nicht einzelne Aufgaben übergeben, sondern komplette Verantwortungsbereiche.
„Fahr das Kind zum Zahnarzt.“
„Der Bereich Zahnarzt gehört komplett dir.“
Nächsten Kontrolltermin einplanen.
Das bedeutet echte Verantwortung.
Und dann beginnt der schwierige Teil
Für den einen bedeutet es:
Auch wenn es anders gemacht wird.
Auch wenn beim ersten Mal etwas schiefgeht.
Auch wenn du längst gesehen hast, dass etwas vergessen wurde.
Genau dort entsteht Vertrauen.
Nicht weil plötzlich alles perfekt organisiert ist.
Sondern weil zwei Menschen sich gegenseitig wieder etwas zutrauen.
Zwei Sätze für euch
Wenn du die Person bist, die ständig mitdenkt, könntest du sagen:
„Ich möchte dir etwas erzählen, das ich bisher kaum ausgesprochen habe. In meinem Kopf läuft ständig eine Liste. Auch abends. Auch im Urlaub. Und ich glaube, du weißt gar nicht, dass es diese Liste gibt.“
Nur sichtbar machen, was bisher unsichtbar war.
Und für den anderen vielleicht diese Frage:
„Was trägst du gerade, das ich nicht sehe?“
Denn auch Männer tragen Dinge mit sich herum, über die sie nicht sprechen.
Mental Load ist keine Einladung zum Geschlechterkampf.
Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Eure kleine Übung
Sucht euch einen einzigen Bereich aus.
Nicht den ganzen Haushalt.
Und übergebt ihn komplett.
Versucht das acht Wochen lang.
Nicht bis zum ersten Fehler.
Vielleicht verändert sich am Ende weniger eure Organisation als euer Blick aufeinander.
Und genau darin liegt häufig der eigentliche Gewinn.
Mental Load ist unsichtbar.
Deshalb ist er nicht unwichtig.
Er kann dazu führen, dass zwei Menschen, die sich lieben, irgendwann nebeneinander funktionieren wie Kollegen.
Aber dieses Muster lässt sich verändern.
Nicht nur durch bessere Planung.
Sondern dadurch, dass sichtbar wird, was bisher keiner ausgesprochen hat.
Wenn du beim Zuhören an euren eigenen Küchentisch gedacht hast, an die Liste in deinem Kopf oder an das Gefühl, es sowieso nie richtig machen zu können, dann können wir darüber sprechen.
Der erste Anruf dauert 15 Minuten und ist für dich kostenfrei und unverbindlich.
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Mehr über meine Arbeit mit Paaren und das KPP-Mentoring® findest du hier: