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Der Beitrag Paradox einer Berliner Schönheit erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Ein emotionales WORX-Theatererlebnis, das die Zuschauer in den Bann zieht und die Abgründe künstlerischer Existenz beleuchtet.
Als der letzte Ton verklang, saß ich im Theater am Schiffbauerdamm, gefangen zwischen zwei Welten – der Realität und dem emotionalen Abgrund, in den mich Ella Hicksons “The Writer” gestürzt hatte. Mein Hirn war getränkt in Emotionen, mein Herz drückte Botenstoffe durch meinen hilflosen Körper. Ich war mehr als nur berührt – ich war aufgerissen, bloßgelegt, zerschmettert.
Die erste Szene traf mich wie ein Blitz. Pauline Knof als Protagonistin, heimkehrend in eine Welt der Erwartungen, die sie nicht erfüllen konnte. Ihr Gesicht – eine Maske der Erschöpfung, gezeichnet von der Zufriedenheit des Schaffens, aber bar jeder Freude. In ihren Augen sah ich mich selbst, gefangen im ewigen Kampf zwischen künstlerischer Erfüllung und den gnadenlosen Forderungen des Alltags. Es war, als hätte jemand meine dunkelsten Momente auf die Bühne gezerrt.
Knofs Darstellung war mehr als Schauspiel – es war eine Vivisektion meiner Seele. Jede ihrer Gesten, jeder Blick schnitt tief in mein Innerstes. Ich fühlte physischen Schmerz, als ich die Qualen der Protagonistin miterlebte – das Ringen um Verständnis in einer Beziehung, wo der Partner blind ist für die Tiefen des kreativen Abgrunds. Wie oft hatte ich selbst vor diesem Abgrund gestanden, schreiend nach Verständnis, nur um Leere zu ernten?
TIPP: THE WRITER – HÄUTUNGEN IM BODENNEBEL
Die Sofa-Szenen waren ein Kaleidoskop der Verzweiflung. Jede Bewegung, jede Nuance in der Körpersprache erzählte von der Tragödie der menschlichen Existenz. Von der Langeweile einer erloschenen Leidenschaft bis zur kurzen Euphorie der Neuentdeckung und zurück in die Fänge der Konformität – ich durchlebte jeden Moment, als wäre es mein eigenes Leben, das dort seziert wurde.
Mit jeder Szene wurde mir schmerzlich bewusst: Wir bewegen uns in Spiralen, nicht in geraden Linien. Die Protagonistin durchlebte Konflikte, die mir nur allzu vertraut waren – und doch sah ich in ihren neuen Kämpfen meine alten gespiegelt. Wie oft hatte ich geglaubt, mich weiterentwickelt zu haben, nur um festzustellen, dass ich vor den gleichen Problemen stand, wenn auch in neuem Gewand? Das Stück zeigte unbarmherzig, wie wir in unserem kreativen Streben immer wieder an ähnliche Punkte zurückkehren, gefangen in einem Tanz aus Fortschritt und Regression.
Der Dialog mit der griechischen Mutter Natur hallte in mir nach wie ein uralter Gesang. Er riss alte Wunden auf, erinnerte mich an die Kämpfe mit meinem eigenen Dämon der Kreativität. Ich fühlte mich wie Leda, verführt und transformiert von einer höheren Macht, gefangen zwischen Ekstase und Verzweiflung. War ich nicht selbst immer wieder Dionysos und Leda zugleich – berauscht von der Kraft des Schaffens und doch Opfer meiner eigenen Ambitionen?
Tagelang nach der Aufführung wandelte ich wie ein Geist durch mein Leben. Der Bodennebel der Erkenntnis umhüllte mich, drohte mich zu ersticken. Ich suchte verzweifelt nach dem Ventilator, der diesen Nebel vertreiben könnte, tastete blind nach der Steckdose der Erleuchtung. Doch die Kraft zur Veränderung schien unerreichbar, verborgen hinter Mauern aus Angst und Gewohnheit.
„The Writer“ war keine Aufführung – es war ein Ritual der Selbstzerstörung und Neuerschaffung. Es zwang mich, jede Schicht meines Seins abzustreifen, mich nackt und verletzlich der grausamen Wahrheit zu stellen: Wir sind gefangen im ewigen Kreislauf des Schaffens, verdammt dazu, uns immer wieder neu zu erfinden, nur um am Ende vor den gleichen Abgründen zu stehen.
Und doch, in den Tiefen dieser Verzweiflung, keimte ein winziger Funke Hoffnung. Vielleicht liegt in diesem Kreislauf nicht nur unser Fluch, sondern auch unsere Erlösung. In jedem Durchgang, in jeder schmerzhaften Häutung, kommen wir unserem wahren Selbst ein Stück näher.
Als ich schließlich das Theater verließ, war ich nicht mehr derselbe Mensch. „The Writer“ hatte mich zerschmettert und neu zusammengesetzt. Ich trat hinaus in die Nacht, verwundet, erschöpft, aber lebendig wie nie zuvor – bereit, mich erneut in den Strudel des Schaffens zu stürzen, in der ewigen Hoffnung, diesmal vielleicht, nur vielleicht, dem Geheimnis meiner Existenz ein Stück näher zu kommen.
Dieser Text wurde am 3. September 2024 in Berlin veröffentlicht.
© Patrick Pehl
Der Beitrag Gefangen im Kreislauf: „The Writer“ im Berliner Ensemble erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Der Beitrag Operation Coolness – Als ich mich selbst karikierte erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Der Beitrag Standby-Stillleben „Sommerpause“ erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Berlin lebt im Rhythmus der Sitzungswochen – ein Takt, den der Bundestag vorgibt. Wenn Abgeordnete montags anreisen, beginnt ein dicht getaktetes Ritual aus Fraktionsrunden, Ausschusssitzungen und Plenardebatten.
Neu in zehn117-Berlin? Dann werden Sie festgestellt haben, dass die Zeit stark verallgemeinert in Sitzungswochen und sitzungsfreie Zeiten eingeteilt sind – der Takt des Parlamentsbetriebs.
Eine Sitzungswoche läuft eigentlich immer gleich ab. Je nach persönlicher Vorliebe und Anreisewegdauer kommen die Abgeordneten am Sonntagabend oder Montagvormittag in Berlin an und nehmen gegen Abend die ersten Termine in Präsenz Berlin wahr. Manche Fachgruppen treffen sich auch schon, um die Schlachtpläne für die Woche zu besprechen – so etwas geht meist besser, wenn man sich sieht. Dienstags finden sich die Arbeitsgruppen der Fraktionen zusammen und bereiten die wichtigen Fraktionssitzungen vor und am Nachmittag findet die ritualisierte „Fraktionsebene“ statt. Hier geben die Fraktionsspitzen der Reihe nach kurze Stellungnahmen – oder Statements – für die Presse ab.
Im Anschluss wird weitergetagt. Die Fraktionssitzungen laufen. Je nach Fraktion und Tradition ist das wie eine Messe, in der die Abgeordneten die Zielrichtung für die laufende Sitzungswoche von der Fraktionsspitze erörtert bekommen, wichtige Termine besprochen werden und auch der ein oder andere Diskurs statt findet. Selbstverständlich läuft das alles hinter dicken verschlossenen Türen ab, manchmal bleiben die Fenster aber offen.
Ist der Dienstag einigermaßen gut überstanden, fängt die wirklich schwere Arbeit an: Mittwochs sind die Ausschusssitzungen im Paul-Löbe-Haus, das aufgebaut ist wie ein V8 Motor – das Vorzeigestück deutscher Ingenieurskunst in den 90er Jahren. Diese Sitzungen können diffizil sein und Streit zu Tage fördern, um den guten Austausch zu fördern und keine Diskussionen zu verhindern, sind auch diese nicht öffentlich. Meist sind auch noch Akteure aus der Leitungsebene des jeweilig gespiegelten Ministeriums geladen – Staatssekretäre und seltener auch Minister. Die Abgeordneten kommen zwar mit ihren Mitarbeitern und reden manchmal danach auch über die Inhalte, aber wirklich willkommen sind Außenstehende nicht. Informationen werden hier an Eingeweihte gesteuert gestreut. Je nach dem wie der Bundestag gerade verfasst ist, schließen sich dann Sondersitzungen, Anhörungen, Untersuchungsausschüsse oder andere Sitzungen an. Parallel wird gegen 13:00 Uhr im Reichstag mit der Eröffnung der Tagesordnung im Plenum begonnen. Erstmal kommen die Formalia auf den Tisch der Abgeordneten, etwa die Bestätigung der Tagesordnung, Änderungen zur Tagesordnung, Feststellung der Beschlussfähigkeit, Geburtstagsgrüße, Krankmeldungen, etc.
Vor einigen Jahren beschloss das Parlament, dass es nicht mehr all zu lang arbeiten wolle und die Sitzungsdauer begrenzt werden soll. Das hat ein paar Monate lang geklappt und war nicht unumstritten. Inzwischen können die Sitzungen wieder bis in den Abend hinein dauern. Müssen keine Reden gehalten oder Abstimmungen getroffen werden, treffen sich Abgeordnete, Journalisten, Lobbyisten und deren Mitarbeiter bei einem der vielen Abendveranstaltungen im Regierungsviertel. Dort kommt man sich informell auf allen Ebenen und dem gesamten politischen Spektrum näher und legt wichtige Grundlagen für die übrige Zusammenarbeit. Mittwoch ist für Kontaktpflege da und sollte nicht unterschätzt werden. Hier kann man grob zwischen zwei Lagern unterscheiden: Die Langebleiber und die Frühgeher. Beide Gruppen haben ihre Vorzüge und im Laufe einer Karriere ändern sich die Zugehörigkeiten auch. Der Salonlöwe, der bis zur Sperrstunde der Berliner S-Bahn bleibt trifft halt mehr Leute und kann mit einer mathematischen Potenz anbandeln. Wohingegen der, der früher geht meist stärker im Gedächtnis bleibt und auch gern bis zum Schluss eine gern umworbene Gestalt bleibt.
Nun, ist auch der Mittwoch geschafft, beginnt der Donnerstag. Hier sollte man sich vernünftig vorbereiten, denn das Plenum läuft von morgens um 9:00 Uhr an uns kann auch schon mal bis nachts um 3:00 Uhr laufen. Natürlich ist solange kaum noch jemand im Plenarsaal und man hofft seine Rede dem Protokoll übergeben zu können, wenn man spät dran ist. Tagsüber werden die Dinge verhandelt, die Aufmerksamkeit bekommen sollen: Regierungserklärungen, das nächste große Gesetzespaket, aktuelle Stunden. Im Vorfeld findet ein gewisses Ringen um die Reihenfolge der Tagesordnung statt – je nach dem, ob man ein Thema vor den Redaktionsschlussterminen der Abend-Newsletter, Tages- und Fachzeitungen oder den Übertragungen der Fernsehsender retten will oder es bewusst ins gleißende Licht der Scheinwerfer werfen will. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert der andere. Gegen Abend sind die wichtigsten Entscheidungen häufig getroffen und die Meute macht sich wieder bereit für einen parlamentarischen Abend, einen Empfang oder ähnliche Events. Wer will, kann auch zum Warmwerden einen Fachtermin wahrnehmen und mit seinem Fachwissen zum Thema glänzen. Warum auch nicht? Es heißt wieder Visitenkarten austauschen, Hände schütteln, Schultern klopfen und immer einigermaßen gut im Thema sein. Das sind schließlich keine vergnüglichen Termine, sondern Arbeitszeit.
Freitage sind kurz: Hier macht zwar nicht ganz jeder um eins sein, aber um vier ist auch eigentlich keiner mehr hier. Legen Sie sich also ein paar angenehme Termine zum Ausklang der Woche. Fachgespräche der Fraktion, Fototermine und Interviews sind am Freitag gut platziert, denn man kann den Tag gut planen und wenn doch etwas dazwischen kommt, hat jeder ein bisschen Zeit zu warten. Ist das alles geschafft, wartet für Abgeordnete der Fahrdienst zum Flughafen oder zum Hauptbahnhof. Alle anderen, die die Stadt gen Heimat verlassen wollen tun es gleich und steuern mit den typischen Verkehrsmitteln gen Autobahn, Flughafen oder Bahnhof. Generell hat die Bundestagspolizei ab 15:00 Uhr nicht mehr viel zu tun. Die Gänge sind ruhig, die Telefonkabinen leer und die Taxis bereits sich auf die Partytouristen vor.
Die Sitzungswochen findet man im Sitzungskalender, der zu Beginn des Jahres in nahezu allen Büros der Hauptstadt aufgegangen werden. In jedem Jahr rotiert die Farbe zwischen pink, blau und grün. Man bekommt den Kalender in allerlei Formaten im Bestellservice des Bundestages oder bei den Infostellen und natürlich ist er auch als unhandliches PDF online.
Der Beitrag Guide für die Sitzungswoche in Berlin erschien zuerst auf Patrick Pehl.
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