Ein ehrliches Gespräch mit Janine Kettlitz über Haltung, Verantwortung und die Kunst, als Therapeut:in klar und authentisch zu bleiben.
Wir sprechen über die Bedeutung von Mindset, Grenzen und ursachenorientiertem Denken – und darüber, was wahre Professionalität mit Wertschätzung und dir selbst zu tun hat.
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Transkript:
Zwischen Herz und Haltung: Ursachenorientierte Pferdetherapie mit Janine Kettlitz
Denise Hallo und herzlich willkommen zu meinem Podcast "Pferde, Schäfer und Menschen". Mein Name ist Denise, ich bin Pferde-Osteotherapeutin, Humanphysio und Sporttherapeutin und habe die Horse Therapy Academy gegründet, um anderen Therapeuten zu mehr Wissen und Tiefe zu verhelfen und ihr Business besser zu strukturieren. Heute habe ich einen Gast: Janine Kettlitz. Sie ist Pferdephysiotherapeutin, Huforthopädin und bildet sich aktuell zur Chiropraktikerin weiter, dazu bietet sie Faszientraining für Pferde und klassische Handarbeit an. Sie kommt aus der Gegend Bremerhaven-Loxstedt, gut zweieinhalb Stunden von mir im nördlichen Münsterland entfernt. Ich habe Janine sehr intuitiv eingeladen, nachdem ich sie in einer Podcast-Folge von Equibiz gehört hatte – es geht dort ums Pferde-Business und Coaching. Ein Satz auf ihrer Instagram-Seite hat mich besonders angesprochen: "Ich möchte, dass du mich als Pferdebesitzer so wenig wie möglich brauchst." Das ist genau meine Wellenlänge, weil es nicht um dauerhaftes Symptome-Behandeln geht, sondern um Ursachenarbeit. Janine, schön, dass du da bist! Magst du dich kurz vorstellen – wer bist du, was machst du, und wie ist dieser Satz entstanden?
Janine Hallo Denise, danke, dass ich dabei sein darf. Der Satz ist entstanden, weil ich in meinem Umfeld ganz viel sehe, dass es bei Pferdetherapeuten gang und gäbe ist, alle paar Wochen vorbeizukommen, kurz etwas am Pferd zu machen und vielleicht noch zu sagen, massier mal hier oder da – aber das löst das eigentliche Problem nicht. Ich war selbst als Pferdebesitzerin betroffen, das ist auch der Grund für meine ganze Ausbildung: Ich wollte wirklich wissen, warum mein Pferd eine bestimmte Baustelle hat, wie ich ihm am besten helfe, ob ich vielleicht einen anderen Trainer brauche – und was sich langfristig ändern muss, statt alle paar Wochen Geld für dasselbe Problem auszugeben. Ich bin Pferdetherapeutin aus dem Raum Bremerhaven, ursprünglich auch dort geboren, außerdem Huforthopädin, mache Faszientraining und klassische Handarbeit – ich versuche, einen möglichst ganzheitlichen Blick zu haben.
Denise Du warst also selbst Pferdebesitzerin und hast eigentlich erstmal für dich selbst verstehen wollen, was mit deinem Pferd los ist – nicht mit dem Ziel, dich voll selbstständig zu machen, was du seit 2021 bist. Ich kenne das gut: Ich habe mein eigenes Pferd damals durch eine nicht ganz korrekte Reitweise selbst vergurkt und hätte mir gewünscht, dass mir jemand ehrlich sagt, dass sich etwas ändern muss. Was sind die Fragen oder Probleme, über die du am häufigsten aufklärst?
Janine Das hat sich bei mir stark in eine Richtung entwickelt, wahrscheinlich auch, weil ich selbst betroffen war: Mein älterer Wallach Leo hat seit vier, fünf Jahren einen Fesselträgerschaden. Ich bin nur draufgekommen, weil ich durch meine eigene Ausbildung angefangen habe, Dinge zu hinterfragen – zum Beispiel, dass die natürliche Schiefe bei ihm nicht zu den Symptomen passte. Ein sehr guter Tierarzt hat das dann bestätigt. Aber die Therapeuten, die ich vorher hatte, hatten das nicht gesehen. Hätte das früher jemand angesprochen, wäre er wahrscheinlich noch voll reitbar. Ich habe ihn auch selbst kaputt geritten, zu sehr Richtung Versammlung, das hat ihm nicht gutgetan. Deswegen spreche ich solche Themen mit meinen Kunden offen an. Von zehn Pferden, die mir vorgestellt werden, sind mindestens neun lahm – und häufig schon seit Langem, sodass die Hilfe manchmal zu spät kommt.
Denise Vielleicht trauen sich auch viele Therapeuten nicht, das offen auszusprechen, aus Sorge vor Ablehnung. Bei mir ist das ähnlich: Wenn Pferde 23 Stunden in der Box stehen ohne Heu und Wasser, sage ich klar, dass ich dann eigentlich gar nicht zum Behandeln kommen muss, weil die Ursache woanders liegt. Ist das bei dir auch so, oder hältst du dich eher zurück?
Janine Auf Fortbildungen, gerade bei Ganganalysen, sehe ich oft, dass andere ein unharmonisch bewegtes Becken diagnostizieren, wo ich sofort sage: Das Pferd ist lahm. Ich glaube, das wird in vielen Schulen einfach nicht so gelehrt, und bis man das wirklich sieht, dauert es – Pferde kompensieren zu gut. Es gibt sicher auch Therapeuten, die sich nicht trauen, etwas zu sagen, weil man als voll Selbstständige einen bestimmten Umsatz braucht. Das Wort "Lahmheit" macht vielen Besitzern Angst, man muss es manchmal vorsichtig verpacken. Ich habe früher konsequent meine Linie durchgezogen und dadurch tatsächlich Kunden verloren – manche kamen nach ein, zwei Jahren zurück, nachdem es bei anderen Therapeuten nicht besser wurde. Ich nehme meinen Pferden auch nicht gerne die Kompensation, die sie im Moment vielleicht sogar brauchen.
Denise Das ist frustrierend – wenn man in eine Dauertherapie geht, obwohl das eigentliche Problem ein ganz anderes ist. Ich schicke Besitzer manchmal in die Klinik, wenn ich massive Zahnprobleme vermute, auch wenn "die Zähne gerade erst gemacht wurden" – gemacht heißt oft nur, Haken und Kanten wurden entfernt, aber niemand hat nach Entzündungen geschaut. Kurzfristig ist das teuer, aber langfristig spart es Geld. Ich glaube, viele Besitzer fühlen sich dann auch schuldig.
Janine Ich habe oft Kunden mit einem fünfzehnjährigen Pferd, das sie erst vor zwei Jahren gekauft haben. Da kann ich ehrlich sagen: Was dein Pferd hat, hatte es wahrscheinlich schon vorher, das hat sich über Jahre aufgebaut, du bist daran nicht schuld. Das sind oft Liebeskäufe – ich nehme mich da nicht raus, meinen Leo hätte ich nach heutigem Wissen wahrscheinlich auch nicht gekauft. Aber man kann aus allem das Beste machen.
Denise Ich glaube, ein großer Teil unserer Arbeit ist mittlerweile, Besitzer aufzuklären und zu beruhigen. Ein Thema, das mir noch wichtig ist: Wir wünschen uns beide, dass Pferde während der Behandlung wirklich kommunizieren dürfen, statt am Halfter festgehalten zu werden. Wie ist das bei dir entstanden?
Janine Das war in der Ausbildung schon ein Thema, aber nicht in der Tiefe, wie ich es heute mache – das kam eher durch meine Trainerin und viele Fortbildungen. Mir ist wichtig, dass Pferde in der Behandlung kommunizieren dürfen. Besitzer sind manchmal erschrocken, wenn ich sage, es ist in Ordnung, wenn das Pferd nach mir schnappt – ich passe natürlich auf, dass es mich nicht erwischt, aber wie soll das Pferd sonst sagen, dass etwas unangenehm ist? Ohren anlegen, Nase rümpfen, notfalls ein Schnappen – das ist erlaubt, und ich bestehe darauf, dass Besitzer ihr Pferd dafür nicht bestrafen. Ich möchte auch nicht, dass Pferde während der Behandlung angebunden sind, sie sollen sich frei bewegen können, deshalb brauche ich meistens viel Platz. Bei manchen unruhigen Pferden behandle ich sogar in der Bewegung, zum Beispiel mit Handgriffen aus dem tensegralen Training. Therapie ist eben auch ein bisschen Ausprobieren, nicht Schema F – man muss individuell auf jedes Pferd eingehen.
Denise Genau das ist mir auch wichtig – die Zeit vor und nach der Behandlung gehört dem Besitzer, aber während der Behandlung arbeite ich erstmal allein mit dem Pferd, das darf sich bewegen. Ich hasse es auch, wenn eine Technik auf Fortbildungen als die eine Wunderlösung verkauft wird. Stattdessen biete ich dem Pferd meine Hände an und schaue, worauf es reagiert – und kann oft gar nicht erklären, was ich gerade mache, während ich es tue, weil ich die ganze Zeit mit dem Pferd interagiere. Hattest du schon mal ein richtig schwieriges Erlebnis, wo du die Behandlung abbrechen musstest?
Janine Ja, noch in der Ausbildung, an einem Übungspferd. Ich war noch sehr auf meine Technik fixiert, habe am Widerrist plump zu mir rübergezogen – die Antwort war Steigen. Die Besitzerin hatte einen viel zu engen Sattel auf dem Pferd, und es ist wirklich auf mich losgegangen. Danach bin ich nicht mehr an das Pferd rangekommen. Heute beobachte ich Pferde viel besser, weil ich nicht mehr auf meine Technik fixiert bin. Ich mache auch nicht bei jedem Pferd erst die volle Gelenkstestung – manchmal muss ich direkt an einen bestimmten Punkt, das ergibt sich im Moment.
Denise Ich lasse auch mal ganze Bereiche aus, wenn ich merke, dass sich zum Beispiel im Kopfbereich schon so viel löst, dass sich hinten im Becken vieles von selbst erledigt hat. Spannend finde ich, wenn frische Therapeutinnen im Mentoring bei jeder kleinen Schiefe hängen bleiben – dabei hat jedes Pferd irgendwo eine Schiefe, das ist nicht automatisch das Hauptproblem. Ging es dir am Anfang auch so, dass du dachtest, du müsstest alle Gelenke einzeln abarbeiten?
Janine Ja, ich hatte auch immer Angst, etwas zu übersehen. Wenn ein Pferd am Anfang die Beine nicht hochheben konnte, dachte ich, dann kann ich das Becken gar nicht behandeln, weil mir der passende Handgriff fehlte. Heute, mit viel mehr Techniken im Repertoire, ist das egal – irgendetwas findet sich immer, und man muss nicht jedes Mal jedes Bein hochheben.
Denise Als Huforthopädin ist das sicher nochmal schwieriger, wenn ein Pferd das Bein nicht gibt.
Janine Das ist auch in der Huforthopädie ein Thema. Ich habe gerade ein sehr durchtrittiges Pferd übernommen, das massive Probleme hat,...