
Sign up to save your podcasts
Or


Der dritte Roman der großen Berlin- und BRD-Trilogie von Christoph Peters, einem Panorama der Gegenwart zwischen Corona und Ukraine-Krieg, Neuer Rechten, unkontrollierter Migration und Meetoo.
Und ein Echo auf Wolfgang Koeppens drei Romane über den Zustand der neuen Bundesrepublik Anfang der 1950er Jahre.
Alle drei Romane von Christoph Peters handeln an einem einzigen Tag, jeweils an einem 9. November.
„Der Sandkasten“, er spielt 2020, fokussiert kammerspielartig den Filz zwischen Politik und Medien im Berliner Regierungsviertel indem er den persönlichen und beruflichen Abstieg eines Star-Moderators beschreibt;
„Krähen im Park“ ist ein breites Panorama der bundesdeutschen Gesellschaft im Jahr 2021, das Ausschnitte aus Leben und Erleben, aus Gedenken und Gefühlen von 30 ganz unterschiedlichen Personen erzählt, vom biodeutschen Teeny bis zum afghanischen Flüchtling, der einen Araber mit vollem Bierseidel erschlägt (meine persönliche Lieblingsstelle!);
„Innerstädtischer Tod“, der neue Roman, spielt wieder ein Jahr später: „Es ist der 9. November 2022. Der russische Angriff auf die Ukraine überschattet das private wie das öffentliche Leben. Am Abend wird die erste Einzelausstellung des aufstrebenden Künstlers Fabian Kolb in der berühmten Berliner Galerie Konrad Raspe eröffnet. Fabians Familie, Eigentümer der letzten Krefelder Krawattenmanufaktur, ist eigens für dieses Ereignis angereist. Sein Onkel, Hermann Carius, alternder Chefideologe der „Neuen Rechten“ im Bundestag, denkt über einen medienwirksamen Auftritt bei der Vernissage nach, während Fabians Vater hofft, die internationalen Kontakte seines Schwagers zu nutzen, um weiterhin Ware nach Russland zu exportieren. Je näher die Ausstellung rückt, desto stärker werden Fabians Zweifel, ob er tatsächlich bereit ist, sich auf all die Kompromisse einzulassen, die eine internationale Karriere als Künstler mit sich bringen, zumal sein Galerist sich plötzlich mit schweren Vorwürfen ehemaliger Mitarbeiterinnen konfrontiert sieht.“
In Folge 49 liest Christoph Peters aus seinem neuen Roman und diskutiert mit Theo Schneider über sein aktuelles Buch und über das literarische Konzept der gesamten Trilogie als Echo auf die drei Nachkriegsromane von Koeppen.
Wobei gerade ganz aktuell ein Konflikt aufgetaucht ist: Der Berliner Galerist König möchte den kompletten Roman verbieten lassen und hat Klage dagegen eingereicht, da er sich darin erkennbar widergespiegelt und in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sieht.
Vieles deutet darauf hin, dass sich nach dem Verbot von Maxim Billers Roman „Esra“ nun ein zweiter großer Konflikt zwischen Zensur und literarischer Freiheit abzeichnet.
»So muss Gegenwartsliteratur sein: brandaktuell, am Puls der Zeit, hier findet sich, was nicht in der Zeitung steht. Eine helle Freude des Denkens. Dieser Roman ist eine Einladung, seinem politischen Weltbild ein Upgrade zu verschaffen.« Denis Scheck / ARD Das Erste - Druckfrisch
„Familiäre Verwerfungen und politische Radikalisierung: mit bissigem Witz erzählt Christoph Peters von den tiefen Rissen, die unsere Gesellschaft durchziehen. »Einer der besten Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.« Christoph Schröder / SWR 2
»Wie Peters Diagnosen und Befindlichkeiten, wie er sein Figurenpersonal, seine Erzählperspektiven mit Koeppens Vorlagen in Beziehung setzt, ist tatsächlich spannend und sorgt bei Kennern für Mehrwert.« Jürgen Kanold / Südwest-Presse
»›Nirgends hatte Gott eine Spur hinterlassen‹, so beginnt der Roman ›Innerstädtischer Tod‹ von Christoph Peters. Der Autor wirft darin einen hellsichtigen Blick in unsere Gesellschaft.« Johannes Schröer / Domradio
»Ein Buch zur Stunde zu unserer Zeit.« Dresdner Morgenpost am Wochenende
»Ein dicht und spannend, dringlich und durchdringend erzählter Roman.« Bernd Berke / revierpassagen.de
»Der rasant erzählte Politroman rundet sich zu einer beklemmend realistischen Zeitdiagnose und überzeugt dabei durch genaue Beobachtungen, erzählerische Ironie und satirisch ins Schwarze treffende Überzeichnungen.« Ronald Schneider / Rheinische Post
zu unserer Folge 37: Der Wahnsinn der Wirklichkeit – Christoph Peters Roman „Krähen im Park“ - Ein ironisches Gesellschaftspanorama der Gegenwart
zu unsrer Kostprobe: Christoph Peters „Der Sandkasten“ Roman
Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar am Niederrhein geboren und zog 1984 nach Mainz, wo er 15 Jahre lang lebte und wo auch seine beiden ersten Romane entstanden. Seit 2000 lebt er in Berlin. Er studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und arbeitete danach als Fluggastkontrolleur am Frankfurter Flughafen. Christoph Peters hat 10 Romane, mehrere Bände mit Erzählungen, ein Kinderbuch, Essays, einen Gedichtband und ein Buch über Tee geschrieben.
Arnold Stadler, einer der erfolgreichsten und wichtigsten Autoren der Bundespublik, ist im April 70 Jahre alt geworden. Er ist der Pfalz auf vielfältige Art verbunden: 1989 erhielt er als junger Autor eines der ersten Aufenthaltsstipendien im Herrenhaus Edenkoben, das damals noch das Künstlerhaus des Landes war. Dort entstand damals auch sein zweiter Roman. Er ist Juror der Literatur im Herrenhaus und war Mitbegründer der „Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung“, die von 2005 bis 2020 alljährlich dort stattfand. Und er ist aktueller „Turmschreiber von Deidesheim“ für die Jahre 2024/25.
Die Liste seiner Veröffentlichungen umfasst mehr als dreißig Titel, darunter allein zehn Romane. Ihre Themen sind fast alle biografisch konnotiert, behandeln Vergangenheiten und Gegenwarten, Heimaten und Reisen, Erinnerungen und Weltbetrachtungen des Erzählers: „Autofiktionale Literatur“ avant la lettre.
In dieser Folge 48 von Podcastliteratur.de unterhält sich Theo Schneider mit Arnold Stadler über seine ersten drei und seine beiden jüngsten Romane; über Gott und die Welt und das eigene Befinden.
An der Straße von Wien nach Paris liegt das Dorf, aus dem Arnold Stadlers Held kommt. Hier wurde er geboren, ohne dass er wüsste, warum. Eines Tages kriegt er den letzten Spielkameraden, das geliebte Ferkel Frederic, als Wurstsuppe vorgesetzt. Jetzt weiß er: Wer hier lebt, setzt sich, sobald es geht, in freundlichere Gegenden ab. Doch weder im Süden Amerikas noch als Priester-Seminarist in Rom will man ihn. Er geht nach Freiburg und hält sich als Grabredner über Wasser. Zuhause wird der Hof verkauft, was den Verlust der Heimat und das Ende der Kindheitsträume endgültig besiegelt. Wer da nicht den Verstand verliert, beginnt zu dichten.
In grundlegend überarbeiteter und erweiterter Fassung erscheint Arnold Stadlers berühmte autobiographische Trilogie in einem Band: ›Ich war einmal‹, ›Feuerland‹ und ›Mein Hund, meine Sau, mein Leben‹.
Zum Kilimandscharo reist in diesem wundersamen Buch der Ich-Erzähler, hinter dem sein Autor Arnold Stadler gut zu erkennen ist. Eine Reportage soll er schreiben, aber er will weder auf den Gipfel noch auf Safari gehen. Im Gegenteil: Er hat Angst vor wilden Tieren und einen Smoking und Lackschuhe im Gepäck, weil er ja anschließend eine Einladung nach Bremen hat … Und es genügt ihm völlig, einfach den wunderbaren Berg anzuschauen, der als Ölgemälde in der elterlichen Wohnstube hing und seither sein Sehnsuchtsziel ist.
Die Reise nach Afrika wird für den Erzähler zu einer tragikomischen Tour de Force durch deutsche Gegenwart, koloniale Vergangenheit und touristische Träume. Und, wie könnte es anders sein bei diesem Autor, zu einer kurvenreichen Erkundung des eigenen Inneren und des ganzen menschlichen Lebens. »Am siebten Tag flog ich zurück« ist ein poetisches Plädoyer, in einer sich wandelnden Welt das eigene Ich zu erhalten, die eigenen Wege zu gehen – und auf dem Glück zu bestehen.
In Arnold Stadlers Roman »Irgendwo. Aber am Meer« reist ein Schriftsteller zu einer Kulturveranstaltung in den Westerwald, wo er an einem »Talk« teilnehmen soll. Aber der »Event« wird zum Fiasko. Befragt, was sein Beitrag zur Energiewende sei, wie er zu Greta Thunberg und den im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlingen stehe, verstrickt er sich in einen hilflosen Antwortversuch. »Das ist ja das reinste weiße Altmännergeschwätz!«, schallt es aus dem Publikum.
Erholungsbedürftig bricht der »Experte im Nichtwissen«, dem die Gegenwart fremd geworden ist, zu einem Sehnsuchtsort seines Lebens auf: ein Haus mit Blick auf die griechische Insel Ithaka. Es wird eine tragikomische Reise durch Erinnerungen, Geschichten und Gedanken, eine Suche nach unserem Platz in der Welt: dem Ort, an dem wir – trotz allem! – glücklich sein können. Irgendwo. Aber am Meer.
Arnold Stadler wurde 1954 in Meßkirch geboren. Er studierte katholische Theologie in München, Rom und Freiburg, anschließend Literaturwissenschaft in Freiburg, Bonn und Köln. Er lebt und schreibt in Berlin, in Sallahn unweit der Elbe und in Rast über Meßkirch. Arnold Stadler erhielt zahlreiche bedeutende Literaturpreise, darunter der Georg-Büchner-Preis. Zuletzt erschienen die Romane »Rauschzeit« und »Am siebten Tag flog ich zurück« sowie der Künstleressay »Mein Leben mit Mark«.
Literaturpreise (u.a.):
• 1989 Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung für »Ich war einmal«
Die Tochter der Alzeyer Autorin Elisabeth Langgässer, ihr Überleben im KZ Auschwitz als Opfer der Nazis und einer desaströsen Mutterbeziehung
Es ist eines der schlimmsten und meistdiskutierten Dramen in der Literatur des Landes:
Nach der Befreiung gelangt sie nach Schweden, wo sie eine Familie gründet und Journalistin wird. Erst Jahrzehnte später gelingt ihr in Israel die Identitätsfindung als Jüdin und die Ablösung von der unfähigen Mutter. Und die bei ihrem einzigen Wiedersehen nach dem Krieg 1946 in der Pfalz nichts Einfühlsameres zu tun hatte, als die Tochter ein letztes Mal zu missbrauchen – als Stofflieferantin und Informantin für ihren letzten Roman über eine junge Frau im Konzentrationslager.
In Folge 47 von Podcastliteratur.de erklären Hans Berkessel und Theo Schneider die Biografien von Elisabeth Langgässer und ihrer Tochter Cordelia Edvardson, loten die Gründe des Misslingens der unglückseligen Mutter-Tochter-Beziehung aus, fragen nach Verantwortung und Schuld und lesen erschütternde Passagen aus einem der wichtigsten Opferberichte der deutschen Literatur, - dem Buch „Gebranntes Kind sucht das Feuer“ von Cordelia Edvardson, das 2023 für den Hanser Verlag neu übersetzt und aufgelegt wurde.
„Dieses Buch ist die Wiederentdeckung der Saison […] Was in der als ‚Roman‘ bezeichneten Abrechnung der Holocaust-Überlebenden zu entdecken ist, wäre Stoff für ein antikes Drama. Es handelt vom Verrat einer egozentrischen, wirklichkeitsfremden Dichterin, die, um sich selbst und ihre übrigen Kinder zu schützen, ihre 1929 unehelich geborene Tochter opfert.“ Ulrike Baureithel, Der Tagesspiegel, 04.09.23
„Ein schmales, aber ungemein eindrückliches Buch […] Ein bedeutendes, persönliches und historisches Zeugnis.“ Christoph Schröder, DLF Büchermarkt, 12.09.23
„Cordelia Edvardsons Buch wurde gerühmt, irgendwann war es vergriffen. Neu übersetzt und von Daniel Kehlmanns klarem Nachwort begleitet, kommt es nun wieder zu uns, eine zweite Chance, eine Erschütterung, ein großes Geschenk.“ Giseal Trahms, Literarische Welt, 03.09.23
"Eine Pflichtlektüre." Frank Pommer, Die Rheinpfalz, 22.08.23
"Ein großes Holocaust-Zeugnis." Oliver Pfohlmann, WDR3, 22.08.23
"Cordelia Edvardsons Buch liegt endlich in einer Neuübersetzung vor und ist dringend zu empfehlen.“ Dieter Gräf, Falter, 21.09.23
Cordelia Edvardson wurde 1929 als uneheliche Tochter der aus Alzey stammenden deutschen Schriftstellerin Elisabeth Langgässer und des Staatsrechtlers Hermann Heller in München geboren. Sie wuchs bis 1943 bei ihrer Mutter, der Großmutter und einem Onkel in Berlin auf. 1943 versuchte Elisabeth Langgässer Rassegesetzbestimmungen der Nationalsozialisten zu umgehen und ihre von der Deportation bedrohte Tochter zu schützen, indem sie Cordelia von einem spanischen Ehepaar adoptieren ließ. Die Gestapo drohte jedoch der Tochter an, ihre Mutter und deren Familie zu verfolgen, wenn sie nicht bereit wäre, eine doppelte Staatsbürgerschaft anzunehmen, wodurch sie erneut den geltenden Gesetzen unterworfen war. Schließlich wurde sie nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert.
1945 erlebte sie die Befreiung mit und wurde mit einem „Weißen Bus“ nach Schweden gebracht, wo sie bis in die 1970er Jahre lebte und als Journalistin arbeitete. Ihre Mutter erfuhr erst ein Jahr nach Kriegsende durch Bemühungen ihrer rheinhessischen Schriftstellerkollegin Anna Seghers, die Kontakte nach Schweden hatte, dass Cordelia überlebt hatte. Erst 1949 trafen sich beide kurz vor dem Tod der Mutter zum ersten Mal wieder. Während des Jom-Kippur-Krieges zog Cordelia Edvardson nach Israel. Im Herbst 2006 zog sie nach Stockholm zurück.
Für ihr autobiographisches Buch „Gebranntes Kind sucht das Feuer“ erhielt Edvardson den Geschwister-Scholl-Preis. 2001 erhielt sie den Königlichen Preis der Schwedischen Akademie. Im Jahr 2012 starb sie in Stockholm.
Elisabeth Langgässer (* 23. Februar 1899; † 25. Juli 1950) war eine deutsche Schriftstellerin. Sie wurde am 23.02.1899 als Tochter des Architekten und Großherzoglichen Baurats Eduard Langgässer in Alzey geboren. Ihr Vater wurde zwar als Jude geboren, konvertierte aber zum Katholizismus um die Mutter Elisabeths – Eugenie Dienst – heiraten zu können. In der Folge wurde auch Elisabeth katholisch getauft. Dass sie einen unehelichen Bruder mütterlicherseits hatte, der nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde, erfuhr Elisabeth erst, als sie zur Zeit des Nationalsozialismus versuchte ihre arische Abstammung nachzuweisen. Ihr zweiter Bruder wurde 1901 geboren. 1909 zog die Familie nach dem Tod des Vaters nach Darmstadt, wo Elisabeth die Viktoria-Schule besuchte an der sie 1918 das Abitur machte. Während des Ersten Weltkriegs versuchte sie sich dann erstmals als Schriftstellerin.
Nach ihrem Abitur begann Elisabeth eine einjährige pädagogische Ausbildung in Seligenstadt und Griesheim bei Darmstadt. 1920 veröffentlichte die katholische Zeitschrift „Heiliges Feuer, Monatshefte für naturgemäße deutsch-völkische und christliche Kultur“ erstmals Gedichte von ihr. Im gleichen Jahr arbeitete sie in einer Schulverwalterstelle in Klein-Steinheim, bevor sie ein Jahr später in Seligenstadt als Lehrerin eingestellt wurde. Schon 1922 wechselte sie nach Griesheim. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin arbeitete sie nebenberuflich bei der „Rhein-Mainischen Volkszeitung“.
Einen Wendepunkt in ihrer beruflichen Laufbahn stellte die Begegnung mit dem jüdischen Staatswissenschaftlicher Professor Hermann Heller dar. Als Elisabeth nach einer gemeinsamen Liebesnacht schwanger wurde, schied sie aus dem hessischen Staatsdienst aus. Da Heller jedoch verheiratet war musste sie ihr Tochter Cordelia, die am 1. Januar 1929 geboren wurde, alleine aufziehen. Im gleichen Jahr siedelte die alleinerziehende Mutter zusammen mit ihrem Kind nach Berlin über, wo sieh mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder zusammen wohnte. Bereits 1929/30 arbeitete sie wieder. Diesmal als Dozentin an der Sozialen Frauenschule in Berlin, wo sie nach ihrem Ausscheiden als freie Schriftstellerin auch ihren Wohnsitz nahm. Von 1929 bis 1932 arbeitete sie zusätzlich für die Zeitschrift „Die Kolonne“. Am 26. Juli 1935 heiratete sie Wilhelm Hoffman, mit dem sie gemeinsam im Eichkamp 33 im Stadtviertel Berlin-Grundwald wohnte. Nach den Nürnberger Rassegesetzen vom 15. September 1935 wurde ihr als Halbjüdin 1936 schließlich von der Reichsschrifttumskammer ihre schriftstellerische Tätigkeit verboten. 1938 kam ihre zweite Tochter Anette zur Welt, zwei Jahre später bekam sie mit Babara ihr drittes Kind.
Im gleichen Jahr galt ihre erste Tochter Cordelia bei den Nationalsozialisten mit drei jüdischen Großeltern als „volljüdisch“. Als Konsequenz musste sie ab 1941 den Judenstern tragen und ihr Elternhaus verlassen. 1942 bekam Elisabeth ihre vierte Tochter Franziska. Kurz danach erkrankte sie allerdings an multipler Sklerose. Um Cordelia zu schützen wurde versucht, sie durch ein spanisches Ehepaar adoptieren zu lassen, um ihr zu einem spanischen Pass zu verhelfen. Dieses Unterfangen scheiterte jedoch und Cordelia wurde bei der Gestapo vorgeladen und anschließend zunächst in einem jüdischen Krankenhaus untergebracht. Von dort aus wurde sie 1944 vorerst im Konzentrationslager Theresienstadt, hiernach in Auschwitz untergebracht. Elisabeth selbst wurde ab 1944 als Fabrikarbeiterin zwangsdienstverpflichtet. Am 21. März 1945 wurde die Familie Hoffmann in Berlin ausgebombt und lebte in der Folge bis zum Kriegsende in einem Gartenbunker. Ein Jahr nach Kriegsende erfuhr Elisabeth, dass Cordelia die Konzentrationslager überlebt hatte und sich gegenwärtig in Schweden aufhielt. In der Folge übersiedelte Elisabeth mit ihrer Familie nach Rheinzabern bis sie 1950 in die Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur gewählt wurde. Es folgten Lesereisen nach Fribourg und Zürich. Im Anschluss an diese Reisen überfiel sie jedoch erneut ein Schub multipler Sklerose. Am 25. Juli 1950 starb sie schließlich in einem Karlsruher Krankenhaus. Ihr Leichnam wurde am 28. Juli auf dem alten Friedhof in Darmstadt beigesetzt. Posthum bekam sie den Georg-Büchner-Preis verliehen
Verfasser: Christian Engeroff
Verwendete Literatur:
Erstellt am: 17.03.2014
Auch Theaterstücke sind Literatur. Doch nicht selten herrschen ziemlich falsche oder bestenfalls vage Vorstellungen über deren Entstehung. Natürlich gibt es den klassischen Fall, dass Autorinnen im Kämmerlein einsam die Bleistifte zerkauen oder in die Tasten hacken. Aber selbst dann erfahren die Texte fast immer von Dramaturgen, Regisseuren und Darstellerinnen signifikante Veränderungen. Der jeweils endgültige Stücketext entsteht also erst bei der Aufführung.
Aber es gibt auch Theater, bei denen Auswahl und Entwicklung der Texte von Anfang an und strukturell geplant aus kontinuierlicher kollektiver Teamarbeit erwachsen.
zur Homepage des Theater und zu einer Übersicht der Veranstaltungen
zum Programm und zu Karten für den Theatersaal
In Wikipedia heißt es:
In Folge 46 von Podcastliteratur.de erzählen die beiden Mitbegründer der Truppe Monika Kleebauer und Walter Menzlaw die Geschichte von Chawwerusch, erklären wie ihre Stücke entstehen und diskutieren mit SWR-Redakteurin Sandra Biegger und Theo Schneider die Besonderheiten ihrer Theaterproduktionen.
12 Gedichtbände, 21 Bücher übersetzt, 21 Lyrikbände und Anthologien herausgegeben, 4 Vertonungen, 5 Auszeichnungen (u.a. Peter-Huchel-Preis und Baseler Lyrikpreis), Mitbegründer des Heidelberger Wunderhorn Verlags, seit 2000 Leiter der Lyrikwerkstatt „Poesie der Nachbarn - Dichter übersetzen Dichter“ im Künstlerhaus Edenkoben, das er seit 2010 leitet. Und viele weitere Aktivitäten in der deutschsprachigen Literaturszene…
Das ist die beachtliche Bilanz am 70. Geburtstag von Hans Thill am 1.10.2024. Auf einem Lebensweg, der ihn immer an die Ränder großer deutscher Wälder geführt hat: Vom Schwatzwald in Bühl über den Hodenwald bei Highdelberg bis zur größten zusammenhängenden deutschen Holzplantage in Ödenkoben.
Wohl gemerkt: Sie sind kein Quatsch, sondern Kraftwerke! Funkensprühende Feuerwerke der Inspiration aus vielen Facetten unterschiedlichsten Denk-Fühl- und Sprachmaterials. Textwesen, in deren DNA zwar die Ursprünge von Dada, Surrealismus oder Oulipo spürbar sind, die aber die Einflüsse von Beatgeneration, Rock, Pop, Jazz, Weltkulturen und Postmoderne aufgesogen haben und zu ganz neuen gegenwärtigen Formen der Lyrik gefunden haben.
In Folge 45 von Podcastliteratur.de beschreibt Hans Thill im Gespräch mit SWR-Redakteurin Kerstin Bachtler und Theo Schneider wichtige Stationen seines Lebenswegs: Von seiner Erzeugung in einem Zimmer mit Tapeten aus Kuckucksuhren über die Erzeugung von Parolen in der Heidelberger Spontizeit bis zur Erzeugung der Gedichte in seiner Lyrikwerkstatt.
Hans Thill, geboren 1954 in Baden-Baden, lebt in Heidelberg. Lyriker, Leiter des Künstlerhauses Edenkoben und des Projekts »Poesie der Nachbarn«. Herausgeber der Anthologien dieses Projekts. Zahlreiche Gedichtbände, zahlreiche Übersetzungen aus dem Französischen. Herausgeber (zus. mit Michael Braun) von Anthologien zur Gegenwartslyrik jeweils eines Jahrzehnts. Hörspiele, Rundfunksendungen, zuletzt erschienen: Das Buch der Dörfer (2014) und Neue Dörfer (2023). Außerdem die Gedichtbände: Der heisere Anarchimedes (2020); In riso / der dürre vogel Bin / kälter als / Dunlop (2. Aufl. 2021). Im Herbst erscheint bei Urs Engeler Karaoke 2. Auszeichnungen u.a. Peter-Huchel-Preis 2004, Basler Lyrikpreis 2021. Mitglied des Deutschen PEN. Setzt Stelen für verstorbene Dichter www.poetenladen/stelen.de
Hans Thill, geboren 1954 in Baden-Baden, lebt seit 1974 in Heidelberg. Lyriker und Übersetzer. Seit 2010 Künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Edenkoben. Preise: »Hungertuch« 1985 für Gelächter Sirenen. Peter-Huchel-Preis 2004 für Kühle Religionen. Basler Lyrikpreis für Der Heisere Anarchimedes 2021.
1) Gelächter Sirenen. Gedichte. Heidelberg (Wunderhorn), 1985
Gedichtbände im Ausland
Anthologien
Außerdem zahlreiche Lyrikveröffentlichungen in Zeitschriften (U.a., Literaturmagazin, Manuskripte, neue deutsche literatur, Lettre International, Merkur, Mütze, Ostragehege, Poet, Sinn & Form, Zwischen den Zeilen, Schreibheft, Park, die Horen), Anthologien und im Lyrikjahrbuch 1989/90, 1992, 1993, 1996, 1998, 1999, 2000, 2002, 2003, 2005, 2006, 2008, 2013, 2018, 2019, 2020, 2021, 2022, 2023, 2024
Anthologien (Auswahl):
1) Karl Heinz Bohrer, Kurt Scheel (Hg.) Lyrik. Über Lyrik. Sonderheft Merkur, Heft 600, Klett-Cotta, Stuttgart 1999.
Veröffentlichungen in ausländischen Zeitschriften und Anthologien: Bolivien, Bulgarien, Frankreich, England, Mexiko, Rumänien, Rußland, Spanien, USA.
Nimmt teil am Internetforum: www.der-goldene-fisch.de
Jan Koneffke, 1960 in Darmstadt geboren, pendelt schon lange zwischen Berlin, Bukarest und Wien. Dort, in Wien, bemerkte er eines Tages, dass in dem Haus, in dem er lebte, der Schriftsteller Joseph Roth („Radetzkymarsch“, „Hiob“, Die Legende vom heiligen Trinker“ u.a.) als junger Student gewohnt hatte.
Einmal im Sommer 1914 in Wien, kurz vor dem Ausbruch des I. Weltkriegs. Der schüchterne jüdische Junge war gerade aus Galizien, der entlegenen Provinz im Osten des K.u.K.-Reichs gekommen, um in der Hauptstadt sein Studium aufzunehmen. Und es beginnt eine platonisch-zarte, eine schüchtern verwirrende Liebesgeschichte zu der zwar jüngeren, aber gescheiten und emanzipiert erzogenen Tochter der Vermieter.
Und zum andern im Sommer 1938 in Paris, ein Jahr vor dem II. Weltkrieg. Da ist Joseph Roth längst ein erfolgreicher und weltberühmter Autor, der vor den Nazis nach Paris geflohen ist. Und dort in der Emigrantenszene lebt, seine Tage in Cafés und die Nächte im Hotel verbringt, schreibt, diskutiert, parliert und sich zu Tode trinkt. Hier trifft er Fanny wieder, die ebenfalls vor den Nazis geflohen ist, und es beginnt für wenige Monate eine letzte verzweifelte Liebe.
In Folge 44 von Podcastliteratur.de redet Jan Koneffke mit Klaus Wiegerling und Theo Schneider über Motive, Entstehung und Arbeit an seinem Roman „Im Schatten zweier Sommer“ und stellt Passagen daraus vor.
Von der Leichtigkeit eines Wiener Sommers 1914 – und dem drohenden Gewitter des Krieges im Paris der späten Dreißiger
Es ist ein höchst ungewöhnlicher Fund, den einleitend der Erzähler in Jan Koneffkes Roman Im Schatten zweier Sommer macht. Im Nachlass seiner von ihm maßlos verehrten Tante Fanny findet er nicht nur zahlreiche signierte und mit ihren Notizen gefüllte Joseph-Roth-Erstausgaben, sondern auch ihr Tagebuch aus der Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg und zudem zehn Tonbandkassetten. Auf denen erzählt sie, wie sie 1938 – aus dem inzwischen von den Nazis beherrschten Wien auf abenteuerliche Weise geflohen und als Exilantin frisch in Paris angekommen – den Mann wiedertrifft, in den sie als junges Mädchen in Wien einige Monate lang verliebt war: Joseph Roth. Im Tagebuch und auf den Tonbändern entfaltet sich im Folgenden ein Zeitbild des letzten Sommers vor dem Ersten und des vorletzten vor dem Zweiten Weltkrieg und der Bericht zweier hochdramatischer Episoden in Fannys Leben.
Im Tagebuch ist die höchst eigenwillige und durchsetzungsstarke ungewöhnliche Frau, die er kannte und verehrte noch ein unsicheres junges Mädchen, Tochter des sozialistisch engagierten jüdischen Schuhmachers Fischler und seiner Frau, kurz vor Schulabschluss, stets in Konkurrenz zu ihrer Schwester, mit der sie auch bald um die Aufmerksamkeit des neuen Untermieters konkurriert, eines wohl recht armen, schüchternen, etwas verqueren Studenten aus Galizien. Der scheint zwar manchmal stark widersprüchliche Angaben über seine Herkunft und Jugend zu machen, und sie lernt, nicht alles zu glauben, was er sagt, entwickelt aber auch sehr ungewöhnliche und hochinteressante Ansichten über Politik, Gott und die Welt und kann zudem äußerst einnehmend und charmant sein. Bald nähern sie sich an, und für die beiden beginnt ein heimlicher verliebter Sommer. Sie erforschen das vielvölkerstaatliche kaiserzeitliche Wien und genießen den Sommer, müssen aber auch miterleben, wie politische Spannungen sich entladen, etwa, als ein jüdischer Studienfreund Roths von Burschenschaftern bedroht wird. Und sie muss die Erfahrung machen, dass Roth manchmal enorm zugewandt und einfühlsam sein kann, manchmal aber auch höchst schroff und bis zur Beleidigung erratisch. Grandios dabei, wie Koneffke den Leser die geistige Entwicklung Fannys sprachlich über den sich ändernden Ton ihrer Tagebucheintragungen miterleben lässt und gleichzeitig Roth aus ihrer Sicht darstellt. Der verliebte Sommer endet in einer Trennung – und in geschichtlicher Dimension in einer Menschheitskatastrophe: Der Erste Weltkrieg bricht aus.
Lange Jahre werden die beiden sich nicht wiedersehen – bis es Fanny nach abenteuerlicher Flucht aus dem inzwischen ans Dritte Reich angeschlossene Wien 1938 nach Paris verschlägt, wo sie zufällig im Deutschen Hilfskomitee ihren ersten Sommerschwarm wiedertrifft. Davon erzählen ihre nachgelassenen Kassetten.
Roth ist inzwischen berühmter Schriftsteller geworden und befindet sich ebenfalls im Exil in Paris. Gerade hat seine letzte Geliebte, die Schriftstellerin Irmgard Keun, vor seinen Eifersuchtsanfällen die Flucht ergriffen. Der so cholerische wie charismatische Roth hält im Kreis der Autoren, Agenten und Verehrer um ihn (Soma Morgenstern, Stefan Fingal und andere) Hof wie ein Fürst. Er lebt – wie viele seiner exilierten Freunde – im Hotel, und spendiert der mittellose Fanny dort ein Zimmer. Die beiden
Jan Koneffke gelingt das Kunststück, die unbekannten frühen Jahre in Roths Biografie aus den Augen einer völlig authentisch wirkenden, aber erfundenen Figur zu füllen und gleichzeitig deren eigene Geschichte in einem sprachlich-mimetischen Bravourakt zu erzählen. Wesen und Werk Roths werden von seinen Anfängen als junger Student bis zu seinem tragischen Ende im Exil vielschichtig bespiegelt, und zudem gelingt Koneffke ein zeithistorisch gesättigter Roman über die Selbstfindung einer höchst bemerkenswerten Frau.
„Sehr gelungen, wie Koneffke Roths politische Haltung mit seiner zunehmenden Verelendung verflechtet. Ein hellsichtig rückwärts Gewandter, der dem Vielvölkerstaat das Wort redet, weil er den Nationalismus verachtet. Dass die frappierende Aktualität des Buches die spielerische Leichtigkeit nie überlagert, sondern elegant mitläuft, ist eine weitere Qualität des Romans … sehr empfehlenswert!” Angela Gutzeit, Deutschlandfunk Büchermarkt
Erfrischend zudem, wie der Roman dennoch weit von der Hagiographie entfernt bleibt: "Gestützt auf authentische Berichte erzählt er auch von der problematischen Seite Joseph Roths, von Roths Opportunismus und seiner bedenklichen Einstellung Frauen gegenüber. Und er hat mit seiner [Erzählerin] Fanny die perfekte Stimme geschaffen, um Roth aus nächster Nähe zu beobachten und ihm gegebenenfalls auch scharf Kontra zu geben." (Wolfgang Popp, ORF Ö1)
Jan Koneffke, geboren 1960 in Darmstadt, studierte und lebte bis 1994 in Berlin, verbrachte danach 8 Jahre in Rom und pendelt seit 2003 zwischen Wien, Bukarest und dem Karpatenort Maneciu. Er schreibt Lyrik, Romane, Kinderbücher, Essays, Rundfunkfeatures und Hörspiele, Rezensionen, Drehbücher, Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge, übersetzt aus dem Italienischen und Rumänischen und ist Redakteur der Wiener Zeitschrift „Wespennest“. Seit 2021 betreut er eine eigene Fernsehreihe unter dem Titel „Mein Bukarest – Jan Koneffke“ für das 1. Programm des rumänischen Fernsehens (TVR1). Mehrere Auszeichnungen und Preise, darunter Leonce-und-Lena-Preis, Stipendium der Peter-Suhrkamp-Stiftung, Rom-Preis der Villa Massimo, Usedomer Literaturpreis, Uwe-Johnson-Preis, Robert-Gernhardt-Preis.
Zuletzt erschienen von Jan Koneffke die Romane „Im Schatten zweier Sommer“ (2024), „Die Tsantsa-Memoiren“ (2020), „Ein Sonntagskind“ (2015) und der Gedichtband: „Als sei es dein“ (2018).
Seit 36 Jahren gibt es im Künstlerhaus des Landes Rheinland-Pfalz in Edenkoben die Reihe „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“. Dabei sind Lyrikerinnen und Lyriker eines europäischen Landes zu Gast im Künstlerhaus und auf Lesungen in der Region.
Während eines mehrtägigen Workshops übersetzen deutschsprachige Autoren und Autorinnen im Dialog mit ihnen und mit Hilfe von Interlinearübersetzungen und Sprach- und Literaturwissenschaftlerinnen deren Gedichte.
Dieses Format, das im Künstlerhaus Edenkoben erfunden und entwickelt wurde, hat mittlerweile weltweit Nachahmer gefunden. Im Juni 2024 kamen aus Armenien Vahé Arsen, Gohar Galstyan, Violet Grigoryan, Karen Karslyan, Khachik Manukyan und Arpi Voskanyan. Dominik Dombrowski, Lisa Goldschmidt, Odile Kennel. Birgit Kreipe, Jan Röhnert und Andre Schinkel besorgten die Nachdichtungen aus dem Armenischen. Podcastliteratur.de war einen Nachmittag lang in Edenkoben, um mit Violet Grygoryan, der Literaturwisschaftlerin Prof. Dr. Armenuhi Drost-Abgarjan, Odile Kennel, André Schinkel und dem Projektleiter und Leiter des Künstlerhauses Hans Thill über armenische Literatur in Geschichte und Gegenwart zu diskutieren und erste Kostproben vorzulesen. Diskussionsleitung hatte Theo Schneider.
Im kommenden Jahr erscheint im Heidelberger Verlag „Das Wunderhorn“ eine Anthologie mit Originaltexten und ihren Nachdichtungen des Treffens.
Nicolas Mathieu wurde 1978 in Épinal (Vogesen) geboren, hat in Metz Soziologie studiert und lebt heute in Nancy. 2018 erhielt er den „Prix Goncourt“, den wichtigsten französischen Literaturpreis, für seinen Roman „Wie später ihre Kinder“.
Er spielt in den 90er Jahren in unserer Nachbarregion Lothringen, in der Gegend zwischen Luxemburg, Saarbrücken, Metz und Nancy nach dem Niedergang der ehemals blühenden Stahlindustrie, deren Montanunion die Wiege der europäischen Einigung war. Doch diese glanzvolle Zeit ist längst vorbei, die Industrieanlagen sind stillgelegt und verrostet, die Vorstädte hässlich und trostlos, wie ihre Bewohner, die arbeitslos sind oder meist nur schlechtbezahlte Jobs haben. Zwischen Träumen, Prügeleien, erster Liebe und Langweile kurven die Jugendlichen auf ihren Mofas herum, ihre Hoffnungen auf ein anderes, besseres Leben als das ihrer Eltern werden kaum in Erfüllung gehen. Drastisch, einfühlsam, engagiert und genau beschreibt Nicolas Mathieu in seinem zweiten Roman die soziale Situation der Abgehängten in der ehemaligen Stahlregion von Lothringen.
Sein dritter Roman mit dem Titel „Connemara“ spielt etwas weiter südlich in der Region um Nancy, rund zwanzig Jahre später. Seine Protagonisten sind jetzt erwachsen, einige sind erfolglos geblieben und leben von bescheidenen Jobs, andere haben Karriere gemacht in der neuen Zeit des Turbokapitalismus zwischen Wallstreet und Consultingfirmen. Hauptsache ist nicht mehr die Herstellung von Produkten, sondern die Erfindung von „Narrativen“, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das perverse Denken und Sprechen dieser Ideologie ist tief in Gedanken und Gefühle der Menschen hinab gesunken und wird nicht hinterfragt.
Darüber unterhalten sich und lesen Passagen aus den beiden Romanen der Romanist Professor Ulrich Winter und Theo Schneider.
Nicolas Mathieu, geboren 1978 in Épinal (Vogesen), war früh in seinem Leben mit Klassenunterschieden konfrontiert. Als Schüler in katholischen Privatschulen war Mathieu als Sohn eines Elektromechanikers und einer Buchhalterin von einem deutlich privilegierteren Umfeld umgeben. Schon mit 14 Jahren fasste er den Entschluss, Schriftsteller zu werden. Nach einem Studium der Geschichts- und Filmwissenschaften an der Universität Metz arbeitete er in verschiedenen Bereichen des Kultur- und Medienbetriebs. Bereits mit 22 Jahren schrieb er seinen ersten Roman, den er danach allerdings als einen »narzisstischen Reinigungsprozess« einstufte und nicht veröffentlichte.
2014 debütierte Mathieu dann mit »Aux animaux la guerre« (dt. »Den Tieren der Krieg«, voraussichtl. 2021), einer Art Endzeitroman, der in einem kleinen Ort in den Vogesen spielt, wo die Bewohner an den Folgen der Deindustrialisierung leiden. Der Roman, für den Mathieu den Prix Erckmann-Chatrian 2014 und den Prix Mystère de la critique 2015 erhielt, diente als Grundlage für eine sechsteilige Fernsehserie von France 3, die 2018 produziert wurde. In seinem zweiten Roman »Leurs enfants après eux« (2018; dt. »Wie später ihre Kinder«, 2019) setzt Mathieu sich mit dem vergessenen Frankreich der 1990er Jahre auseinander. Die Handlung spielt in der französischen Provinz: Erdrückend sind die sozialen Probleme nach der Stilllegung der ansässigen Industrie; es herrscht Perspektivlosigkeit. Mathieu begleitet eine Gruppe Jugendlicher beim Erwachsenwerden. In der untergehenden Welt ringsum müssen sie ihren eigenen Weg finden. Dabei entdecken sie ihre Sexualität, kämpfen gegen die stetig empfundene Langeweile und Sehnsucht nach einem anderen Leben. Mathieu versteht es meisterlich, die Tristesse der Gleichförmigkeit, die Melancholie des Verfalls in einer jugendlichen Sprache einzufangen und zum textuellen Sound seines Romans zu verdichten. In gewisser Weise steht »Leurs enfants après eux« in der Tradition der realistischen Romane des 19. Jahrhunderts von Schriftstellern wie Balzac und Zola. Neben aktuellen sozialen Problemen liegt ein besonderer Schwerpunkt auf dem emotionalen Innenleben der Figuren und ihrer Entwicklungsgeschichte. »Meine persönlichen Erfahrungen haben mich besonders für bestimmte Themen sensibilisiert: soziale Klüfte, die daraus folgenden Herabsetzungen, Situationen, in denen sich Brüche und ausgeprägte soziokulturelle Unterschiede zeigen … Aber neben dem Autobiografischen gibt es das Thema der unerwiderten Liebe, das der rote Faden, das zentrale Motiv meiner Teenagerjahre war.« Der Roman wurde 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.
From the publisher's feed