Was ist Intelligenz? Manfred Hild, Professor an der Beuth Hochschule für Technik Berlin sucht die Antwort mit Hilfe von Myon, einem humanoiden Roboter. Er soll wie Menschen aus Erfahrung lernen und auf natürlichem Weg eine Art Intelligenz entwickeln. Erste Erfolge gibt es: Myon kann auf äußere Impulse angemessen reagieren und eigenständig das Gleichgewicht beim Sitzen, Stehen und Gehen halten.
DW: Herr Hild, ist das wirklich schon Intelligenz, wenn eine Maschine auf einen Impuls reagiert?
Manfred Hild: Was Robotiker als "intelligent" bezeichnen, ist für den normalen Menschen völlig unspektakulär. Der versteht unter Intelligenz Schachspielen oder andere intellektuell anstrengende Dinge. Aber für Robotiker, wie wir es in unserem Team sind, ist es wichtig zu wissen, dass für einen Roboter zum Beispiel die Kontrolle seines Körpers, also dass er stehen oder sitzen kann, schon größte Anstrengungen erfordert.
Aber ist das schon "intelligent"? Dann müsste man ja auch sagen, dass eine Amöbe, die sich irgendwie zum Futter dreht, schon intelligent ist.
Ja, es gibt tatsächlich solche Definitionen. Der Unterschied liegt darin, ob der Roboter adäquat auf seine Umwelt reagieren kann. Natürlich kann jeder Industrieroboter ein Objekt greifen, und das auch sehr schnell und präzise. Und wenn man das Objekt verschiebt, dann kann der Roboter das mit Hilfe seines Bildverarbeitungssystems erkennen und seine Greifrichtung ändern. Aber je unterschiedlicher die Objekte werden und je unstrukturierter die Umgebung, desto mehr braucht man von dem, was ich als "intelligentes Verhalten" bezeichnen würde, um darauf adäquat reagieren zu können.
Dazu haben Sie ein entsprechendes Experiment gemacht: Sie haben Ihren Roboter Myon auf eine Opernbühne gebracht, an der Komischen Oper Berlin. Er hat dort beim Musical "My Square Lady" mitgespielt. Was war dabei die größte Herausforderung?
Die größte Herausforderung bestand darin, während der langen Probezeit und während der Vorstellungen auf der Bühne drei Stunden lang seine Mechanik, seine Hardware intakt zu halten. Da gibt es 50.000 Einzelteile, Seilzüge, Kabel, und alles wird ständig bewegt. Er läuft herum, er dirigiert, er guckt mit dem Kopf herum. Die große Gefahr war, dass etwas zu Bruch ging und ausgetauscht werden musste.
Das eigentliche Ziel war, dass Myon, wie Sie vorhin sagten, selbstständig reagieren konnte, mit den Schauspielern, mit den Sängern interagierte. Hat das geklappt?
Er tat es tatsächlich. In dem Stück geht es ja auch um Erwartungshaltungen. Wir kennen aus Film und Fernsehen Roboter, die weit in die Zukunft springen und Kunststücke vollbringen. Da sind wir natürlich noch lange nicht. Nicht nur bei unserem Roboter, sondern auch weltweit ist es so, dass Roboter bestimmte Fähigkeiten sehr gut beherrschen, aber eben nicht generalistisch. Die Entscheidungen, die Myon in dem Stück getroffen hat und auch heute noch trifft, sind: Worauf richte ich meine Aufmerksamkeit? Vertraue ich eher meinem Hören oder meinem Sehen oder der Berührung? Das kann zu unterschiedlichen Zeiten ganz verschieden sein. Das ist eher zu vergleichen mit einem Kleinkind, das entscheidet, ob das Spielzeug noch interessant ist, oder ob eher das Geräusch, das von da kommt, die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Wie lange wird es denn noch dauern, bis Roboter uns tatsächlich das Wasser reichen können?
Es gibt schon viele Roboter, die uns das Wasser reichen können oder in bestimmten Fachdiszplinen besser sind als wir. Aber wenn wir den Haushaltroboter wollen oder den, mit dem wir uns unterhalten oder der Besorgungen macht, da reden wir eher über Jahrzehnte und nicht über zwei, drei Jahre.
Auf unserer Facebookseite hat ein Zuschauer geschrieben, er würde Robotern eher trauen als Menschen. Wären denn intelligente Roboter tatsächlich die besseren Menschen?
Ich würde es so sagen: Eltern haften für Ihre Kinder und Forscher für Ihre Geschöpfe. Ich habe tatsächlich großes Vertrauen in unseren Roboter Myon, dass er keinem etwas Böses tut und nicht hinterlistig ist. Aber es gibt eben eine Entfremdung von Mensch und Maschine. Und wir brauchen gar nicht in Roboter hinein zu gucken oder deren Verhalten zu betrachten: Auch unsere Mobiltelefone haben schon ein Eigenleben, das wir manchmal nicht mehr kontrollieren können.