Gereizt in den Wechseljahren — Shownotes Episode 020
Ein Bekannter fragt mich, was ich gerade so mache. Ich erzähle vom Podcast, von der Perimenopause, davon, dass sich unsere Lust verändert, unser Charakter gleich mit, und dass wir von ziemlich vielen Dingen furchtbar genervt sind. Er guckt mich an und sagt: „Ach, deshalb ist meine Frau so drauf. Das hätte ich ja nie gedacht."
Ich war ehrlich irritiert. Ich dachte, das weiß inzwischen jeder. Es wird überall darüber geredet, es gibt Reels darüber, es gibt Witze darüber. Und dann sitzt mir jemand gegenüber, der zum ersten Mal hört, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem, was seine Frau gerade tut, und dem, was in ihrem Körper passiert. In dieser Folge erzähle ich, wie dieses Gespräch gelaufen ist — und warum ich danach mit einem Ratgebersatz gehadert habe, der so hilfreich klingt und so wenig hergibt.
Er hat nachgefragt. Er hat gesagt, er finde es gut, wenn seine Frau eine Meinung hat, das habe sie schon immer gehabt. Ich habe gefragt, ob sich daran etwas verändert hat. Und dann kam die Antwort, um die es eigentlich geht: Ja, schon. Sie sei jetzt sehr direkt. Nicht nur zu Hause. Auch gegenüber Außenstehenden.
Zusammenfassung und das Wichtigste auf einen Blick
Wenn ich gereizt in den Wechseljahren bin, geht es nicht nur um Hitze und Zyklus. Mit den Hormonen verliere ich auch die Fähigkeit, immer lieb, nett, freundlich, höflich und hilfsbereit zu sein. Jahrelang habe ich für alle funktioniert, alles richtig gemacht, mich um alle gekümmert — und irgendwann merke ich, dass mir das nicht mehr entspricht. Ich bin direkter geworden. Nicht nur zu Hause, auch nach außen. Und das Anstrengendste daran ist nicht, dass mich Dinge nerven. Es ist, dass es mich nervt, dass es mich nervt. Denn früher lief das ja auch anders.
- Der Verlust ist größer als eine Zahl im Blutbild — mit den Hormonen geht auch die Geduld, die Zurückhaltung und das automatische Ja.
- Es verändert sich nicht ein Bereich, sondern alle gleichzeitig — das Verhältnis zu den Kindern, zum Partner, zum Essen, zum Gewicht, zum Sport, zum Sex, zum eigenen Körper.
- Es fängt viel früher an, als ich gedacht habe — bei mir schon Mitte dreißig, und ich habe es damals nicht einordnen können, weil äußerlich lange nichts zu sehen war.
- „Nimm es nicht persönlich, sie meint es nicht so" ist keine Hilfe — man kann kein Verständnis für etwas aufbringen, das man nicht versteht.
- Was stattdessen hilft, ist eine Frage statt einer Ansage — nicht „wir reden jetzt", sondern „sag mir, wann du bereit bist, mit mir darüber zu reden".
Und es fängt schleichend an. Der Körper legt keinen Schalter um, er macht das Stück für Stück. Erst weiß er nicht mehr genau, ob er produzieren soll oder alles fallen lässt, dann kommen die Schwankungen, und irgendwann wird es unangenehm. Ich habe mich schon lange verändert, bevor mir klar wurde, dass ich mich verändere.
Am Ende des Gesprächs war er still. Er hat gesagt, das erkläre einiges. Verstehen ist keine Lösung — aber es ist ein Anfang, und die meisten fangen nicht mal an.
Shownotes und Episodendetails
Ich habe lange gedacht, das Thema sei durch. Dass alle Bescheid wissen. Dieses eine Gespräch hat mir gezeigt, dass ich mich da gewaltig geirrt habe.
Warum ich nicht mehr lieb und nett bin
Der Satz, den ich am schwersten erklären kann, ist der hier: Ich bin nicht mehr bereit zu sagen „ja, ist in Ordnung, machen wir so".
Ich bringe mich dadurch ständig in anstrengende Situationen. Ich diskutiere über Dinge, die ich früher einfach durchgewunken hätte. Nicht weil ich streitlustig geworden wäre, sondern weil das automatische Ja weg ist. Es war nie eine Entscheidung. Es war eine Fähigkeit, und die hat sich verabschiedet.
Dazu kommt die Kleinteiligkeit. Es nervt mich, wenn jemand schmatzt. Es nervt mich, wenn jemand redet. Manchmal nervt mich sogar, dass jemand atmet. Und darüber ärgere ich mich dann selbst, weil ich weiß, dass das früher kein Thema war.
Und es bleibt nicht bei der Laune. Es verändert sich gerade alles gleichzeitig: das Verhältnis zu meinen Kindern, zu meinem Partner, zum Essen, zum Gewicht, zum Sport, zum Sex, zu meinem eigenen Körper. Es gibt keinen Bereich, der ausgenommen ist. Man fühlt sich auf den Kopf gestellt — und soll dabei bitte weiter gut gelaunt sein.
Der Satz aus dem Ratgeber, der nichts löst
In Ratgebern für Männer steht sinngemäß: Nimm es nicht persönlich, hab Verständnis, sie meint es nicht so.
Das ist nett gemeint. Nur — was soll er damit anfangen? Verständnis für etwas zu haben, das mir niemand erklärt hat, ist eine ziemlich große Bitte. Woher soll er es nehmen? Und nebenbei: Ich meine es durchaus so. Ich sage es nur zum ersten Mal laut.
Mein Gegenvorschlag ist unspektakulär und funktioniert trotzdem besser. Nimm dir Zeit für deine Frau. Und frag sie, ob sie jetzt darüber reden möchte. Nicht „wir reden jetzt", sondern „ich habe Fragen, sag mir, wann es dir passt". Das Wort Wechseljahre würde ich dabei weglassen, je nach Alter ist das ein Reizwort.
Was ich selbst mache, wenn es zu viel wird
Ich sage meinem Freund inzwischen ziemlich oft: Können wir später darüber reden? Manchmal fällt mir dafür auch nur eine Ausrede ein. Das klappt nicht immer, aber es wird besser.
Der Effekt ist größer, als es klingt. Wenn er sagt „okay, kein Ding", habe ich Zeit. Zeit, mich zu sortieren, und dann einen Kopf dafür, mich mit der Sache zu beschäftigen — egal ob er etwas von mir will oder mir nur etwas erzählen möchte.
Was ich dabei gemerkt habe: Ich muss selbst verstehen, was gerade mit mir passiert, bevor ich mit ihm darüber reden kann. Ich habe mir Berge von Informationen reingezogen. Und die ehrliche Bilanz ist, dass ich es immer noch nicht zu hundert Prozent weiß. Ich arbeite dran. Je weniger Geduld ich habe, desto schwieriger wird die Kommunikation — und daran arbeite ich auch, zum Beispiel daran, nicht sofort zu sagen: Du bist doof und hör auf, mich zu nerven.
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