Selten so gedacht. Systemische und hypnosystemische Konzepte im Dialog

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Selten so gedacht. Systemische und hypnosystemische Konzepte im Dialog episodes

  • 003: Das Restriktionsmodell im systemischen Coaching
    … und eine kritische Würdigung des lösungsorientierten Ansatzes nach Steve de Shazer

    Das Restriktionsmodell

    Wenn Menschen in die Beratung kommen, bringen sie nicht selten Ziele mit, die zwar aus ihrer Sicht nachvollziehbar, für einen Außenstehenden aber augenscheinlich unrealistisch sind. Es könnte sich z.B. um einen Wunsch handeln, dass sich eine andere Person in ihrem Verhalten verändern möge, damit es einem selbst wieder gut geht.

    Solche Ziele können auch Sehnsuchtsziele genannt werden - für die Betreffenden wäre es sicher sehr angenehm, wenn sich andere Menschen verändern würden. Eine Beratung kann aber ja nichts dazu beitragen, dass sich Menschen außerhalb des Beratungsraumes verändern, also keine wie auch immer geartete „Fernheilung“ in Gang setzen. In diesem Beispiel ist dann das erst einmal unveränderliche Verhalten eines anderen Menschen die Restriktion.
    Als BeraterInnen brauchen wir Ideen, wie wir mit diesen Sehnsuchtszielen umgehen können.
    Da wäre als erster Schritt die Würdigung des (unrealistischen) Sehnsuchtsziels - in der Welt unseres Gegenübers macht dieses Ziel Sinn und es gibt ein reales Sehnen danach, es auch zu erreichen.
    Nach dieser Würdigung gilt es allmählich die Undurchführbarkeit des Zieles zu thematisieren, bei immer wieder anhaltender Würdigung dafür, dass es ja sehr verständlich ist ein solches Ziel zu haben.
    Im Grunde geht es dann darum, den Auftrag für ein Ziel zu akquirieren, das nicht so gut wie das Sehnsuchtsziel, dafür aber realistischer ist - also im Grunde ein Ziel 2. Wahl.
    Ein Ziel 2. Wahl könnte z.B. sein daran zu arbeiten, das eigene Empfinden und/oder eigene Verhalten einer Person gegenüber zu verändern. Ein solches Ziel liegt in der Eigenverantwortung des Klienten und kann im Coaching bearbeitet werden.
    Dabei kann es von Seiten unserer Klientin immer wieder zu Ehrenrunden kommen, in denen sie doch lieber das Sehnsuchtsziel anstreben möchte. Diese Bestrebungen gilt es zu würdigen und gemeinsam mit unserem Gegenüber die Machbarkeit zu überprüfen, um anschließend wieder für das Ziel 2. Wahl zu werben.
    An der Umsetzung dieses Ziels 2. Wahl kann in der Beratung gut gearbeitet werden, da es sich ja im direkten Einflussbereich unserer Klienten befindet.
    Interessanterweise kommt es durch Veränderungen, die jemand bei sich selbst initiiert im Anschluß häufig auch zu Veränderungen im Verhalten anderer Person(en). Systemisch betrachtet macht das ja auch Sinn, da die Muster der Kommunikation einseitig unterbrochen werden - wenn man selbst die eigenen kommunikativen Beiträge verändert, können die Beiträge der anderen auch nicht mehr wie vorher ablaufen, weil ja ein Element des sich bis dato selbst stabilisierenden Systems nicht mehr „mitspielt“.
    In der Beratung gilt es recht häufig Menschen dafür zu gewinnen und sie dabei zu begleiten, sich mit Restriktionen neu zu arrangieren und alternative Umgangsweisen mit ihnen zu entwickeln.
    Das Restriktionsmodell wurde in dieser mir bekannten Form von Gunther Schmidt entwickelt und formuliert.

    Eine kritische Würdigung des lösungsorientierten Ansatzes nach Steve de Shazer

    „Problem talk creates problems. Solution talk creates solutions.“

    Eine (vermeintliche) Wahrheit, die im ersten Moment durchaus attraktiv und plausibel klingt.
    Frei nach Ken Wilber könnte man aber auch sagen: „Steve de Shazer hat Recht - aber nur teilweise.“
    Menschen verfügen über Ressourcen, auf die sie in bestimmten Situationen keinen Zugriff (mehr) haben. Dann spielt der lösungsorientierte Ansatz seine volle Stärke aus – wir können durch unsere Fragen und Aufmerksamkeitsfokussierungen Menschen wieder in Kontakt mit ihren Ressourcen bringen. Zum Beispiel durch die folgende Frage: „Wann war Ihr Problem einmal weniger stark?“ oder „Wann war es mit Ihrem Problem einmal ein bisschen besser?“.
    Damit wird der Blick unserer Klienten auf Ausnahmen von Problem gerichtet und Ressourcen, die schon die ganze Zeit vorhanden, aber nicht wirksam waren, kommen wieder in den Blick.
    Eine der Schattenseiten eines streng lösungsorientierten Vorgehens besteht darin, dass sich Menschen in ihrem Problemerleben nicht ausreichend gewürdigt fühlen. Wenn jemand ein Problem hat, dass ihn/sie mitunter schon seit Jahren verfolgt, wäre unser zu schnelles Vorgehen in Richtung Lösung ein Affront gegen das Leidempfinden unserer Klienten. Deshalb braucht es zu Beginn einer Beratung erst einmal die Würdigung des Problemerlebens und den Klienten sollte ausreichend Zeit gegeben werden, über ihre Probleme zu sprechen.
    Nicht zuletzt können wir mit unseren Fragen unsere Klienten auch dazu anregen, mehr darüber zu reflektieren, wie sie das Problemerleben in einer Mischung aus willkürlich/unwillkürlich ablaufenden Prozessen immer wieder neu erzeugen. Zum Beispiel durch folgende Frage: „Mal angenommen, ich wollte dieses Erleben auch haben: Was müsste ich tun/lassen, damit ich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ähnliche Erfahrung machen würde wie Sie?“. Dazu brauche ich natürlich erst einmal eine gute und stabile Beziehung zu meinem Gegenüber, sonst könnte eine solche Frage auch als unangemessene Provokation erlebt werden.
    Aus systemischer Sicht, in der man ein Problemerleben auch als eine Form der Organisation von festgefahrenen Mustern verstehen kann, werden die ansonsten unwillkürlich ablaufenden Muster ein Stück bewusster: Man dis-assoziiert sich davon. Diese Dis-Assoziation (auch Metaebene genannt) lässt die die Muster häufig schon ein ganzes Stück ihrer Kraft verlieren. Das vollkommene Assoziert-sein mit einem Problemerleben ist oft ein sehr bedeutsamer problemstabilisierender Faktor.
    In diesem Sinne halten wir es für ein angemesseneres Vorgehen, immer beide Möglichkeiten im Blick zu behalten: Also auf der einen Seite immer wieder die Kraft der Ressourcenorientierung zu nutzen, und gleichzeitig die musterunterbrechende Kraft zu nutzen, die darin liegt, die Konstruktion eines Problemmusters bewusst zu reflektieren.

    Unter www.selten-so-gedacht.de kannst Du mit uns in Kontakt treten, um uns Deine Themenwünsche, aber auch eigene Fragestellungen mitzuteilen. Wir freuen uns natürlich auch über Dein Feedback zu unseren bisherigen Folgen.

    Mehr zu unserer Coachingweiterbildung unter:

    https://www.sys-po.de/coaching-ausbildung/systemische-coachingausbildung/

    Mehr zu Nadine: https://www.sys-po.de/menschen-bei-syspo/

    Mehr zu Jürgen: www.juergen-stock.de

    36 min
  • 002: Allparteilichkeit & Selbstregulation in der systemischen Beratung

    Allparteilichkeit

    In der systemischen Beratung bedeutet Allparteilichkeit, dass der Berater oder die Beraterin keine Seite oder Position bevorzugt, sondern eine neutrale und unvoreingenommene Haltung gegenüber allen Beteiligten einnimmt. Der Berater ist in der Lage für alle im Beratungsprozess eingebundenen Personen gleichermaßen Partei zu ergreifen. Dies ermöglicht den zu Beratenden mit kontroversen Positionen auf ein generelles Verständnis zu stoßen und sich in der Beratung verstanden zu fühlen. Die Allparteilichkeit ist vor allem bei Mehrpersonenberatungen wichtig, kann aber auch im Einzelsetting von Bedeutung sein. Diese Haltung fördert eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre, in der alle Perspektiven gehört werden können.

    Selbstregulation

    Die Fähigkeit zur Selbstregulation gehört mit zu den wichtigsten Kompetenzen von Führungskräften, aber auch von BeraterInnen. Gerade in Situationen, in denen wir z.B. mit Werten konfrontiert werden, die unseren nicht entsprechen oder unter Druck geraten, benötigt es Methoden, um uns selbst zu beruhigen. Achtsamkeitspraktiken, aber auch mentale Strategien können uns hier gute Dienste leisten.
    Ein hervorragendes Buch, um diese Fähigkeiten zu erlernen ist "Affektregulation: Hypnotherapeutische Interventionen für überreaktive Klienten" von Carolyn Daitch, erschienen im Carl-Auer Verlag GmbH (2016).

    Effectuation und Schnellboote

    Dieser Begriff, den wir jetzt schon einige Male verwendet haben, stammt aus dem Konzept "Effectuation" von Professorin Saras D. Sarasvathy. Im Deutschen hat sich der Autor Michael Faschingbauer in diesem Zusammenhang einen Namen gemacht (Effectuation: Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln. Schäffer-Poeschel, 2021).
    Effectuation ist ein Konzept aus dem Bereich des Entrepreneurship und beschreibt eine Denkweise und einen Handlungsansatz, der sich von traditionellen Planungs- und Vorhersagemethoden unterscheidet. Effectuation ist ein wissenschaftlicher Ansatz, der von der Entrepreneurship-Forschung in den letzten 20 Jahren entwickelt wurde. Im Gegensatz zur klassischen Planung, bei der man von einem festen Ziel ausgeht und versucht, Schritte zur Zielerreichung zu planen, basiert Effectuation auf der Idee, dass UnternehmerInnen in einer unsicheren Umgebung agieren. Statt vorherzusagen, was passieren wird, nutzen Unternehmer vorhandene Ressourcen, um neue Möglichkeiten zu schaffen.
    In diesem Kontext sind “Schnellboote” ein zentrales Konzept. Ein Schnellboot ist eine unternehmerische Initiative oder ein Projekt, das schnell gestartet werden kann, ohne umfassende Planung oder Vorhersage. Es symbolisiert Agilität, Flexibilität und die Fähigkeit, rasch auf Gelegenheiten zu reagieren. Der Begriff leitet sich von den wendigen und schnellen Booten ab, die in der Lage sind, sich schnell zu bewegen und Hindernisse zu umgehen.
    Schnellboote ermöglichen es, flexibel auf Veränderungen zu reagieren und neue Wege zu beschreiten, ohne lange Planungsphasen.
    In einer dynamischen und unsicheren Geschäftswelt ist die Fähigkeit, schnell zu handeln und auf unerwartete Chancen zu reagieren, von entscheidender Bedeutung.

    Der Baum der Erkenntnis

    Das Buch “Der Baum der Erkenntnis - die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens" (FISCHER Taschenbuch, 2009) von den chilenischen Biologen, Neurowissenschaftlern und Philosophen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela hat tiefgreifende Bedeutung für die systemische Beratung.
    Das Buch wurde 1984 veröffentlicht und behandelt die biologischen Grundlagen des Erkennens sowie die Entwicklung des Lebens.
    Die Autoren stellen ihre biologische Theorie der Kognition mithilfe des Konzepts der Autopoiese vor.
    Dieses Konzept beschreibt die Fähigkeit von lebenden Systemen, sich selbst zu organisieren und zu erhalten. Es betont die Selbstreferenzialität und Eigenständigkeit von Organismen (die sog. "operationale Geschlossenheit").
    Wir können solche Systeme ausschließlich "pertubieren", d.h. irritieren. Da sie aber operational geschlossen sind, wissen wir nicht, was unsere Interventionen letztendlich im System bewirken. Das hat z.B. Gunther Schmidt dazu veranlasst die folgende Idee zu formulieren: "Die Bedeutung der Botschaft gibt immer der Empfänger".

    Mehr zu unserer Coachingweiterbildung unter:

    https://www.sys-po.de/coaching-ausbildung/systemische-coachingausbildung/

    Mehr zu Nadine: https://www.sys-po.de/menschen-bei-syspo/

    Mehr zu Jürgen: www.juergen-stock.de

    45 min
  • 001: Systemisches Denken in Konfliktfällen & Führungskontexten

    Konflikte zählen in Marktumfragen zu den am meisten genannten Themen im Coaching. Wir als Berater werden häufig als Experten bei der Unterstützung im Umgang mit Konflikten angefragt. Aber auch für Führungskräfte kann das Wissen um die Dynamik von Konflikten hilfreich sein.

    Ein Konflikt zieht häufig viel Aufmerksamkeit auf sich - dabei ist es gerade dann wichtig auch die Kontexte im Blick zu behalten, in denen der Konflikt stattfindet. „Erkunde die Kontexte!“ gehört zu DEN zentralen systemischen Grundideen. Viele Menschen blenden die „relevanten“ Umwelten aus. Auf diesem Hintergrund machen wir schon mit dem Einblenden wichtiger Beziehungssysteme für unsere KlientInnen häufig einen Unterschied, der einen Unterschied macht.

    Die Eskalationsstufen eines Konflikts können uns dabei helfen, einen Konflikt besser zu verstehen und geeignete Lösungsstrategien zu entwickeln.

    Die im Podcast erwähnten Eskalationsstufen eines Konflikts sind von Friedrich Glasl in einem sehr weit verbreiteten Modell formuliert worden.
    Ist der Konflikt schon recht weit fortgeschritten, gilt es gut zu überlegen, ob ein normales Coaching oder eine Supervision noch die geeigneten Formate sind. Oder ob es möglicherweise eine alternative Vorgehensweise braucht, wie sie bspw. Mediationsverfahren entwickelt haben.

    Mehr zu unserer Coachingweiterbildung unter:

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    Mehr zu Nadine: https://www.sys-po.de/menschen-bei-syspo/

    Mehr zu Jürgen: www.juergen-stock.de

    25 min

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