Die Digitalexperten der PRO RETINA (00:00:00)Die Digitalexperten der PRO RETINA sind in der Regel auch Hilfsmittelberater – weil das digitale Thema in den letzten Jahren so stark in den Vordergrund gerückt ist, gab es dafür eine eigene Ausbildung.
Das iPhone als Schweizer Taschenmesser (00:01:12)Markus Bernrieder erledigt nach eigener Aussage rund 95 Prozent seiner digitalen Aufgaben über das iPhone: Bankgeschäfte, E-Mail-Verkehr, Briefe schreiben, Verbindungen suchen, Zugtickets buchen, Schriftstücke vorlesen lassen.Sein Plädoyer für den
Screenreader (VoiceOver beim iPhone, TalkBack bei Android): Wer sich die Mühe macht, ihn zu lernen, kann das Gerät deutlich tiefer und vor allem sicherer bedienen als über Sprachassistenten allein.Für Menschen mit
Sehrest gibt es zusätzlich: eingebaute Lupen-Apps, Vorlese-Apps, die ohne Screenreader funktionieren, und Bildschirmvergrößerung. Der einfachste Trick von allen: ein Foto machen und es groß ziehen – damit lassen sich Speisekarte oder Fahrplan lesen. Ein Tablet dient ihm nur noch dazu, Fotos auf großer Fläche zu betrachten.
Alternative für Smartphone-Skeptiker (00:04:03)Für alle, denen die Gestensteuerung zu umständlich ist: ein Gerät auf Smartphone-Basis mit drei großen, gummierten Tasten am unteren Bildschirmrand (vorwärts, rückwärts, Enter) und einem ansonsten unempfindlichen Bildschirm. Alle Funktionen lassen sich darüber bedienen, KI-Funktionen sind bereits an Bord. Das Gerät wird im Vortrag als
Foxy Vision genannt und ist auf der Messe vertreten.
Die wichtigsten Apps im Überblick (00:05:16)- Seeing AI (Microsoft) – vorlesen, Bilder beschreiben, Produkte und Geldscheine erkennen; die „eierlegende Wollmilchsau"
- Be My Eyes – sehende Hilfe per Videoanruf, plus die KI-Bilderkennung Be My AI
- PiccyBot – beschreibt auch Videos, etwa die per WhatsApp zugeschickten
- Orion – Gegenstände wiederfinden und den Weg finden; später auch auf der KI-Brille
- ScribeMe – liest PDFs inklusive der enthaltenen Abbildungen aus, etwa Display-Skizzen in Betriebsanleitungen
- Live Read – kleine App, die nur eine Sache macht: vorlesen, was vor die Kamera kommt
- Voice Dream Scanner – interessant für Sehrestler, weil das Original sichtbar bleibt, während der Text vorgelesen wird
- NaviLens – zum Beschriften
- die SightCity-Messe-App
KI-Brillen: die Hände frei haben (00:09:01)Keine dieser Brillen kann mehr als ein Handy – Smartphones können in der Regel deutlich mehr. Der entscheidende Vorteil: freie Hände. Aktueller Vorreiter ist Meta mit den Brillenherstellern Ray-Ban und Oakley; Google und Apple stehen in den Startlöchern, weitere KI-Brillen sind für den Herbst angekündigt.Bemerkenswert findet der Referent, dass diese Brillen gar nicht als Hilfsmittel konstruiert wurden, sondern für Menschen, die YouTube-Videos machen und auf Instagram posten – und trotzdem so hilfreich sind. Das erspart den üblichen Hilfsmittelweg über hohe Preise und Kostenübernahme durch die Kasse.Der Funktionsstand: Fragen wie „Was habe ich in der Hand?", „Lies mir das Schild vor", „Was steht auf der Speisekarte?" funktionieren zuverlässig – bislang aber statisch, also auf Basis eines Einzelfotos.
Vom Einzelbild zum Videostream (00:11:38)Der neue Schritt: Die App
Orion hat es als erste Drittanbieter-App auf die Meta-Brille geschafft und beschreibt einen fortlaufenden Videostream. Man vergibt einen Auftrag („Achte darauf, ob der Weg vor mir frei ist", „Ich suche einen Papierkorb / eine Bank / ein bestimmtes Gleis"), der dann laufend ausgeführt wird.Zwei mitgeschnittene Tonbeispiele im Vortrag zeigen das: die Beschreibung eines Bürgersteigs mit Metallzaun, geparkten Autos und Fahrrad – und die Suche nach Gleis 15 im Bahnhof, bei der die Brille sich über die Anzeigetafeln 12, 13 und 14 zum richtigen Schild vorarbeitet.Einschränkungen, die der Referent klar benennt: Rechts-links-Probleme, Verzug je nach Netzqualität (also langsam bewegen und stehen bleiben), Umgebungsgeräusche – und vor allem: sich nie blind darauf verlassen, den Langstock immer mitführen.
Frage aus dem Publikum: iPhone oder Android? (00:16:34)Klare Empfehlung mit Begründung: Wer technisch erfahren ist und sich gerne selbst einarbeitet, ist mit Android gut aufgehoben. Wer auf Hilfe angewiesen ist, sollte zum iPhone greifen – der Pool an Helfenden ist ungleich größer. Zum Vergleich nennt der Referent zwei WhatsApp-Gruppen: 150 Mitglieder in der VoiceOver-Gruppe, 20 in der Android-Gruppe (Interessierte sind eingeladen).Weitere Gründe: Bei Android unterscheidet sich vieles je nach Hersteller und Software-Variante, bei Apple ist es durchgehend gleich – ein iPhone 4 und ein iPhone 17 bedienen sich gleich. Und weil der Nutzerkreis bei Apple größer ist, entwickeln kleine App-Anbieter zuerst dort; eine Android-Umsetzung folgt vielleicht, vielleicht auch nicht.
Erfahrungsbericht: Vom Sehverlust zur digitalen Selbstständigkeit (00:18:36)Steffen Becks Weg: pathologische Myopie, links frühgeburtlich erblindet, rechts alle Grade der Sehbehinderung durchlaufen – Netzhautablösung 2003, 2010 eine CNV, vergleichbar mit der Makuladegeneration. Für die Arbeit gab es eine Anpassung der Arbeitsmittel (Topolino, Bildschirmlesegerät, ein Nokia N86 mit KNFB Reader).Entscheidend war die Selbstorganisation: 2010 Anschluss an die
PRO RETINA Regionalgruppe Dresden, 2011 über das
Universitätsklinikum Tübingen die Teilnahme an einer Studie zum Umgang mit synthetischer Sprache – was ihm half, Bücher und Zeitschriften zu lesen und rechtzeitig auf PDFs umzusteigen. 2013 der Umbruch: das geerbte iPhone 4s seines Sohnes und der konsequente Umstieg auf Apple.Heute: iPhone 15 Plus und MacBook, Bücher- und Lese-Apps, Voice Dream Reader und Scanner, Navigations-App – und KI wie ChatGPT und Copilot, im Umgang mit Texten „fast unschlagbar".Zwei Warnungen aus eigener Erfahrung: ChatGPT erklärte ihm einen Weg zu einem Menü, das es gar nicht gab, und gestand erst auf mehrfaches Nachfragen kleinlaut ein, nicht helfen zu können. Und eine erbetene Buchzusammenfassung war wunderbar formuliert – nur zu einem imaginären Buch. Sein Rat: konkrete Fragen, Quellenangaben, nachhaken.Sein Schlussappell: „Seid mutig, verbindet euch, verknüpft euch, nutzt Selbsthilfegruppen oder Berater wie uns, um nicht aufzugeben" – und euch mit der Technik den Alltag und die Teilhabe zurückzuerobern.
Kontakt und Links- PRO RETINA Deutschland e. V.
- Vortragsseite: https://sightcity.net/F031008
- SightCity: https://sightcity.net
Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net
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