SWR Aktuell: Ein „Regimewechsel“ könnte stattfinden in der Antarktis. Wir sprechen also nicht nur darüber, dass in der Antarktis Eis schmilzt, oder?
Stephanie Arndt: Nein, ganz genau. Wir sprechen darüber, dass sich das antarktische System so stark verändert, dass es eben keinen Weg mehr zurück gibt. Und genau das ist dann das, was mit diesem „Regimewechsel“ gemeint ist.
SWR Aktuell: Was genau verändert sich da?
Wir sehen auch in der Antarktis jetzt größere Veränderungen, die uns am Ende alle betreffen.
Quelle: Stephanie Arndt, Alfred-Wegener-Institut
Arndt: Am Ende des Tages kann man zusammenfassen, dass das Eis schmilzt, und das sowohl auf dem antarktischen Kontinent als auch das sogenannte Meereis, also das Eis, was sich aus dem Ozean rings um den Kontinent herum bildet. Bisher stand, wenn wir über Meereis und Veränderungen gesprochen haben, eigentlich immer wesentlich mehr die Arktis im Fokus. Und genau das ist jetzt dieser angesprochene Regimewechsel, dass wir also auch dort jetzt größere Veränderungen sehen, die uns am Ende alle betreffen.
SWR Aktuell: Können Sie eine Größenordnung nennen? Von welchen Folgen sprechen wir möglicherweise?
Arndt: Wenn wir über die Antarktis und ihre Veränderungen reden und dann über diese globalen Folgen, reden wir im Wesentlichen über den Anstieg der Meeresspiegel. Das bedeutet, dass wir ja auch jetzt schon in Zeiten leben, in denen sich der Meeresspiegel hebt. Wir beobachten das ja auch an unseren deutschen Küsten, dass die Deiche erhöht werden, um sich genau darauf vorzubereiten oder auch schon dagegen zu steuern.
Es kann mehr Energie in den Ozean gelangen. Das heißt, der Ozean wird wärmer.
Quelle: AWI-Forscherin Stephanie Arndt
Und dieser Meeresspiegelanstieg kommt durch unterschiedliche Faktoren zustande: Auf der einen Seite eben genau dieses Abschmelzen des Eises auf dem antarktischen Kontinent, aber auch auf der anderen Seite, wenn jetzt weniger Ozean mit Eis bedeckt ist, bedeutet das: Es kann mehr Energie in den Ozean gelangen. Das heißt, der Ozean wird wärmer und das ist dann die sogenannte Thermische Expansion. Warmes Wasser braucht mehr Platz als kälteres Wasser.
SWR Aktuell: Es dehnt sich aus….
Arndt: Und das ist am Ende das, was einen Großteil des aktuellen Meeresspiegelanstiegs ausmacht. In Zukunft aber werden dann diese zunehmend abschmelzenden Landeismassen des antarktischen Kontinents hierzu noch den wesentlich größeren Beitrag leisten.
SWR Aktuell: Sprechen wir wieder von Zentimetern?
Arndt: Auf lange Sicht reden wir natürlich über Meter. Und das ist das, was ja auch in den Weltklimaratsberichten immer wieder Thema ist: Unter welchen Szenarien wird der Meeresspiegel um wie viel Zentimeter oder Meter steigen. Und da sind in den Szenarien durchaus Möglichkeiten, dass wir bis Ende des Jahrhunderts einen Meeresspiegelanstieg von über einem Meter haben werden, im globalen Mittel.
SWR Aktuell: Dass das Polareis abzuschmelzen droht, darüber sprechen wir seit langem. Sie haben es angedeutet, sehr oft mit Blick auf die Arktis, aber auch das Stichwort Antarktis ist ja schon des Öfteren gefallen. Der Artikel in Nature legt jetzt aber nahe, dass das nicht irgendwann in ferner Zukunft passiert, sondern wohl relativ zeitnah. Was ist jetzt anders?
Es ist eine Feedback-Schleife, die dafür sorgt, dass es immer drastischer und dramatischer wird.
Quelle: Stephanie Arndt, AWI
Arndt: Das gesamte System hat genau diesen Regimewechsel mitgemacht. Das alles verstärkt sich ja untereinander selbst. Wir haben mehr Energie im Ozean, dadurch kann sich weniger Meereis bilden, oder es kann mehr Meereis schmelzen. Das wiederum bedeutet auch, dass mehr warmes Wasser an den Kontinent herangeführt wird. Das bedeutet, dass Barrieren, die es dort bisher gab, die das warme Wasser zurückgehalten haben, das nicht mehr zurückhalten können. Dadurch geht dann mehr Eis in den Ozean und so weiter und so fort. Und das ist sozusagen eine Feedback-Schleife, die dafür sorgt, dass es immer drastischer und dramatischer wird. Und das ist das, was diese Studie jetzt im Grunde genommen zusammenfasst.
SWR Aktuell: Die australischen Forscher fürchten, es sei möglicherweise schon zu spät, diese Entwicklung durch CO2-Reduktion noch aufzuhalten. Sehen Sie denn andere Optionen, dieses Szenario noch abzubremsen, abzumildern, aufzuhalten?
Arndt: Ich glaube, wir sind uns alle einig darüber, dass wir das Gesamte nicht wieder umkehren können. Aber worüber wir uns auch alle einig sind, ist, dass wir mit den Maßnahmen, dass wir insgesamt den Treibhausgase verringern, dass wir damit diese gesamte Kette an Prozessen verlangsamen können und damit mögliche schlimme Szenarien eben nicht morgen oder übermorgen auftreten, sondern halt in fernerer Zukunft und dafür dann aber vielleicht auch nicht so häufig oder auch nicht so stark als wenn wir auf diesem Pfad, den wir gerade gehen, weitergehen.
SWR Aktuell: Im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist oft zu hören, wir hätten kein Erkenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem. Nun schmelzen auch in den Alpen, in den Anden, im Himalaya die Gletscher. Weltweit gibt es immer mehr Dürren, Überflutungen, mehr und heftigere Stürme. Da sind aber teilweise Millionen Menschen betroffen. Und trotzdem passiert in Sachen Klimaschutz eher wenig. Wie viel Weckrufpotenzial hat denn da der beschriebene Regimewechsel in der menschenleeren Antarktis?
Wir befürchten, dass wir an den Punkt kommen, dass wir Klimakriege führen werden
Quelle: Stephanie Arndt, Eisforscherin
Arndt: Das ist eine sehr, sehr gute Frage, weil wir immer wieder beobachten, dass die Politik und auch die Gesellschaft wesentlich emotionaler auf solche extremen Ereignisse reagieren, wenn es einen selbst in dem Moment wesentlich stärker betrifft. Jetzt denkt man natürlich erst mal, mein Gott, die Antarktis schmilzt, ist ja weit weg, was interessiert es uns? Aber man darf halt nicht vergessen, dass all diese Veränderungen, die in den Polarregionen passieren, uns eben ja doch am Ende des Tages treffen, weil wir ja alle miteinander verbunden sind durch die Ozeane, durch die Atmosphäre. Und dieser Meeresspiegelanstieg, das ist halt nichts, was von heute auf morgen kommt. Das ist nichts wie das Ahrtal, sondern das ist ein Prozess, der kommt schleichend, aber er kommt dann halt umso schlimmer.
Wir befürchten, dass wir an den Punkt kommen, dass wir Klimakriege führen werden, weil wir einfach dieser Umsiedlung von Menschen gar nicht gerecht werden können oder es dafür einfach bisher keine Pläne gibt, weil sich halt eben weggeduckt wird. Und das muss man halt verstehen, dass diese ganzen Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen, vielleicht für den Einzelnen nicht von heute auf morgen sichtbar sind, aber auf lange Sicht ganz, ganz große Veränderungen mit sich führen und bringen werden.