"Wir schaffen das" – das hat Kanzlerin Merkel vor 10 Jahren gesagt, als sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Es folgten sowohl Willkommenskultur als auch Kulturschock. Auch heute geht die Debatte über Migration weiter. In der SWR-Aktuell-Serie hat Bernhard Seiler mit Ingo Zamperoni gesprochen. Der Tagesthemen-Moderator hat die ARD-Doku "Merkels Erbe - 10 Jahre ‚Wir schaffen das‘“ gedreht.
SWR Aktuell: Von Angela Merkel war immer mal wieder zu hören, dass sie diesen einen Satz, „Wir schaffen das“, so wieder sagen würde – und andererseits, dass es ihr nicht gefällt, was der Satz teilweise für ein Eigenleben entwickelt hat. Hat sie dieses zwiespältige Verhältnis zu ihrem wohl berühmtesten Satz im Gespräch mit Ihnen auch noch mal anklingen lassen?
Merkel sagt: Was hätte ich denn sonst sagen sollen?
Quelle: Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni
Ingo Zamperoni:Ja, das war ganz interessant. Sie sagte, sie wundert sich bis heute, wie sehr ihr dieser Satz um die Ohren gehauen wurde, weil sie auch sagt: Was hätte sie denn sonst sagen sollen? „Wir machen das zwar jetzt, aber es wird alles furchtbar“ wäre ja auch keine Alternative gewesen.
Ich glaube, sie hat das gesagt, weil sie überzeugt war, dass vieles in diesem Land gewuppt worden ist über die Jahrzehnte. Und der zweite Teil dieses Zitats ist ja auch der entscheidende. Das wird dann oft weggelassen, weil es diese drei Worte sind, die so eingängig sind. Aber sie sagt, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden. Und sie hat sich schon gewundert. Als Barack Obama „Yes, we can!“ gesagt hat, haben viele in Deutschland gesagt, oh ja, das ist genau so eine Haltung, die wir hier auch brauchen. Und dann, wenn es eine deutsche Regierungschefin sagt, dann ist der Satz in gewisser Weise belastet. Zumindest hat er eine gewisse Konnotation. Aber das ist ein Satz, der mit ihr auch in die Geschichte gehen wird.
SWR Aktuell: Wie analysiert denn die Ex-Kanzlerin über diesen Satz hinaus die damaligen Ereignisse und wie sie die politische Landschaft verändert haben?
Manchmal ist mehr geschafft worden, als man im Allgemeinen den Eindruck hat.
Quelle: Ingo Zamperoni, ARD-Moderator
Zamperoni:Es ist ja eine Situation gewesen, die sie sich ja nicht gewünscht hat oder so. Sie hat der Realität der vielen Menschen, die nach Europa gekommen waren, ins Auge geschaut und hat dann diese Entscheidung getroffen. Und da ist sie mit sich sehr im Reinen auch im Gespräch mit mir gewesen, dass sie diese Entscheidung so auch wieder treffen würde. Und wir haben im Film auch ein Gespräch mit einem Kollegen von der Welt, Robin Alexander, der sagt, Angela Merkel ist aber auch beispielsweise die Geburtshelferin der AfD durch diese Entscheidung geworden, ob sie es wollte oder nicht. Das bringt es schon auf den Punkt.
Ihr war schon auch bewusst, dass es eine Herausforderung werden würde, und dass es keine leichte Aufgabe werden würde. Und die entsprechenden politischen Entwicklungen, die dann nachkamen, haben damit zweifelsfrei zu tun. Und gleichzeitig sagt sie, und das stimmt schon auch, man muss auf vieles gucken, was in diesen zehn Jahren wirklich auch geleistet wurde. Und da ist es manchmal besser oder mehr geschafft worden, als man das vielleicht so im Allgemeinen den Eindruck hat. Und gleichzeitig bleiben eine Menge, Menge Herausforderungen, das ist ja klar.
SWR Aktuell: Sie haben für diese Fernsehdoku nicht nur die Kanzlerin getroffen, sondern auch Leute, die an der Basis betroffen waren, von ihrer Entscheidung, den Geflüchteten Obdach zu bieten. Zum Beispiel haben Sie in Baden-Württemberg mit dem Bürgermeister von Schwäbisch Gmünd, Richard Arnold, von der CDU gesprochen. Was hat der Ihnen denn erzählt, wie sich die Lage bei ihm entwickelt hat in den letzten zehn Jahren?
Man darf das auch nicht kleinreden.
Quelle: Ingo Zamperoni, ARD-Moderator
Zamperoni: Schwäbisch Gmünd war ein gutes Beispiel für unsere Doku, weil dort vor zehn Jahren eine sehr große Willkommenskultur herrschte. Man auch mehr Menschen aufgenommen hat, als man vielleicht hätte müssen, laut Verteilungsschlüssel. Und da ist ja auch dieses Flüchtlingsboot aus Lampedusa, das da in der Innenstadt als Mahnmal auch aufgestellt wurde von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt. Und der Bürgermeister hat sich sehr ins Zeug gelegt und hat sich mit der Stadt gemeinsam bemüht, Wohnraum zu schaffen und all diese Dinge. Aber der sagt halt auch, wir sehen, dass wir ein anderes Land jetzt haben.
Wir haben auch eine andere wirtschaftliche Lage als vor zehn Jahren. Und es gibt so eine gefühlte Überforderung, die in vielen Bereichen herrscht - und auch eine tatsächliche. Da kann man keine Zahl festlegen und sagen, ab dem oder dem Geflüchteten ist es zu viel.
Also: Man darf das auch nicht kleinreden. Und der hat da Zweifel eben bekommen und auch gerade die Akzeptanz bei Menschen, wenn sie sehen, dass jemand vielleicht gleich Unterstützung bekommt und man selber aber eben ein bisschen schwieriger vielleicht durchs Leben kommt als noch vor zehn Jahren. Das ist so eine Entwicklung. Wir waren da auch an der Schule, wo eine Menge junge Menschen und Kinder sind, Jugendliche, die auch noch gar kein Deutsch können. Hinzugekommen sind dann eine Million Geflüchtete aus der Ukraine und solche Herausforderungen. Und da sieht er mittlerweile auch schon eine gewisse Herausforderung, dass es nicht einfach so ungesteuert weitergehen kann. Und gewisse Zweifel haben ihn da auch schon beschlichen in diesen zehn Jahren.