SWR Aktuell: Wie wichtig ist denn der Flughafen Leipzig/Halle für die Unterstützung der Ukraine mit Rüstungsgütern?
Ralf Thiele: Wir müssen immer sehen, dass Luftverkehr eigentlich die schlechteste Transportart ist, dass sie am wenigsten transportieren kann - aber sie ist die schnellste. Und unter diesem Aspekt, schnell wichtige Rüstungsgüter zu verbringen, ist Leipzig zentral für Lieferungen aus und über Deutschland.
Wir Deutschen unterstützen die Amerikaner zum Beispiel auch über Frankfurt.
Quelle: Oberst a. D. Ralf Thiele
SWR Aktuell: Fallen da zum Beispiel militärische Flughäfen aus oder man könnte doch auch die US Air Base in Ramstein nutzen?
Thiele: Das ist ja eine tatsächlich mehr oder weniger US-national genutzte Air Base. Die wird natürlich für amerikanische Operationen jeglicher Art genutzt, aber nicht fremdgenutzt. Es ist eher umgekehrt: Wir Deutschen unterstützen die Amerikaner zum Beispiel auch über Frankfurt, wenn die Mehrbedarf haben als den, den sie über Ramstein erbringen können.
Leipzig ist mittlerweile der Schwerlastträger für militärischen Luftverkehr.
Quelle: Ralf Thiele, früherer Mitarbeiter im Bundesverteidigungsministerium
SWR Aktuell: Welche anderen deutschen Verkehrsflughäfen gibt es denn neben Leipzig/Halle noch, die für das Militär wichtig sind?
Thiele: Der ursprünglich wichtigste ist Köln/Bonn, da gibt es ja einen militärischen Teil. Leipzig ist nach der Einheit dazu gekommen und mittlerweile der Schwerlastträger für militärischen Luftverkehr. Und darüber hinaus haben wir Frankfurt, Düsseldorf, auch für US-Maschinen, Hamburg, München, Nürnberg. Darüber hinaus müsste man im Krieg auch sehen, dass Autobahnabschnitte auch gesperrt werden für solche Fähigkeiten.
Das sind Szenarien, auf die man vorbereitet sein muss und auf die wir nicht vorbereitet sind.
Quelle: Ralf Thiele, ehemaliger NATO-Mitarbeiter
SWR Aktuell: Dieser Fund einer Drohne, die mit Sprengstoff präpariert war, hat die Sicherheitsbehörden in Deutschland aufgeschreckt, dass man die dort am Flughafen Leipzig/Halle gefunden hat. Warum ist die Alarmstimmung so groß? Klar, es ist ein sicherheitsrelevanter Bereich, aber gibt es noch weitere Gründe dafür?
Thiele: Im Grunde ist ja der Hintergrund das hybride Geschehen: Jemand arbeitet aus dem Dunkeln heraus, man weiß nicht genau, wer es ist, und kann schweren Schaden insbesondere an kritischen Infrastrukturen in Deutschland anrichten. Dazu gehören auch Verkehrsinfrastrukturen wie der Flugplatz, aber auch Energieversorgung – denken Sie an die Katastrophe in Berlin gerade- alles Mögliche, Eisenbahnverbindungen, all diese Dinge. Und hier sieht man, dass wir nicht gut aufgestellt sind. Dass also der Fuß eines Busfahrers die Drohne niederbringt, ist einfach genau das Zeichen. Sie müssen sich jetzt vielleicht noch den Gemüsehändler in der Ukraine vorstellen, der von der Drohne gejagt wird. Das sind Szenarien, auf die man vorbereitet sein muss - und auf die wir nicht vorbereitet sind.
Was uns eigentlich fehlt, ist das Mitwirken der privaten Sicherheitsdienste.
Quelle: Sicherheitsexperte Ralf Thiele
SWR Aktuell: Wenn der Fuß eines Busfahrers am Flughafen Leipzig/Halle dafür sorgt, dass die Drohne unschädlich gemacht wird, dann sagt das etwas aus über die Sicherheitsvorkehrungen an einem deutschen Flughafen. Ist es unter dem Sicherheitsaspekt überhaupt noch zu verantworten, dass die Bundespolizei für den Schutz der Flughäfen zuständig ist, oder müsste die Bundeswehr da stärker einbezogen werden?
Thiele: Ja und nein. Nummer eins: Die Bundeswehr ist ja, wenn es denn wirklich schwieriger wird, in den baltischen Staaten - und nicht hier zu Hause. Das heißt, die kann hier gar nicht helfen. Wir haben auch in der Bundeswehr – die ist ja auch ein lernendes System – noch gar nicht genug, um überall zu helfen. Die Bundeswehr kann sporadisch mit Vorankündigung helfen, aber sonst nicht. Das gilt auch für die Polizeikräfte, die im Wesentlichen ja mit ihrer Schwerpunktgruppe mal einen Gipfel, also einen internationalen Gipfel schützen können. Aber wenn irgendwo eine Drohne auftaucht, sind die ja auch nicht auf einmal da. Was uns eigentlich fehlt, ist das Mitwirken der privaten Sicherheitsdienste, die ja überall sind, auch auf Flughäfen, aber auch in den ganzen kritischen Infrastrukturen, Chemiewerken, wo auch immer. Die sind im Augenblick überhaupt nicht berücksichtigt, wären aber von enormer Bedeutung, um diesen Schutz auch wirklich weit gefächert in die Teile an Objekten wahrnehmen zu können. Wir sind eben noch nicht gut aufgestellt. Auch dieses wunderbare Drohnen-Abwehrzentrum, das wir haben, ist nichts anderes als eine Ansammlung von Schreibtischen, wo Leute sitzen, mit dem Gedanken „Datenschutz“, nur wenn Not am Mann ist, sich dann Informationen austauschen, die sie haben aus dem Nachrichtendienst, Bundeswehr oder Polizei. Das ist alles noch sehr, sehr anfänglich, „pedestrian“ sagt man im Englischen.
Die NATO ist tatsächlich betroffener als wir in Deutschland.
Quelle: Militärexperte Ralf Thiele
SWR Aktuell: Ist das Ganze jetzt ein Fall für die NATO? Wie ist da Ihre Einschätzung?
Thiele: Die NATO ist tatsächlich betroffen, weil ja ihre Schwerlasttransportflotte ukrainisch ist. Wir haben da Riesenmaschinen einer ukrainischen Firma angemietet, und deren Fähigkeit jetzt generell große Lasten ins Ausland zu bringen, ist damit gefährdet - und jetzt spezifisch auch für die Ukrainer. Von daher ist die NATO direkt betroffener noch als wir in Deutschland.
SWR Aktuell: Aber Sie sehen die NATO jetzt nicht in der Pflicht, da einzugreifen, um den Schutz dieses wichtigen Luftfahrt-Drehkreuzes Leipzig/Halle zu sichern?
Thiele: Sie muss besorgt sein und sich fragen, wie sie ihre Fähigkeiten verbessert. Das ist auch kein politisches Thema, das ist einfach wirklich auch ein handwerkliches Thema. Wir müssen besser werden bei diesem Schutz.