SWR Aktuell: Was macht das mit den ukrainischen Flüchtlingen hier in Deutschland, dass auch vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf ihre Heimat kein Ende des Schreckens in Sicht ist?
Sascha Moldavski: Ja, das macht natürlich was mit ihnen, weil das für viele Menschen immer wieder vor Auge führt, dass die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren, die Liebsten und die Angehörigen zu sehen, für viele in weiter Ferne rückt und auch natürlich, dass sie immer wieder über die Medien, über den Kontakt mit Angehörigen mitleiden. Und das ist natürlich eine große Belastung für sie.
SWR Aktuell: Haben die Traumata bei den Flüchtlingen aus der Ukraine denn mit der Dauer des Krieges zugenommen?
Die Belastung wird aufrechterhalten durch immer wiederkehrende Nachrichten oder Berichte von Verlusten.
Quelle: Psychiater Sascha Moldavski, ZI Mannheim
Moldavski: Ich denke nicht, dass die Traumata zugenommen haben. Die Geflüchteten, die hierhergekommen sind, haben, wenn sie traumatische Erlebnisse hatten, sie ja in der Ukraine erlebt. Das heißt, die Belastung wird dann aufrechterhalten durch immer wiederkehrende Nachrichten oder Berichte von Verlusten. Wir sprechen ja häufig nach Traumata von einer "posttraumatischen Belastungsstörung", das heißt, es gab ein lebensbedrohliches Ereignis, das ist vorbei, und es gibt immer noch weiterhin Symptome. Und im Falle eines Krieges ist das Trauma ja nicht vorbei. Letztendlich ist es immer wieder das Ereignis, worum es sich handelt, es sind Krieg und Kriegsfolgen. Deswegen ist es ja ein andauerndes Trauma.
SWR Aktuell: Wenn wir jetzt über diese posttraumatischen Belastungsstörungen sprechen, wie behandelt man die bei Menschen, gerade die vor den Schrecken, den Gräueltaten eines Krieges geflüchtet sind?
Moldavski: Die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörungen oder beziehungsweise auch, ich würde es weiter fassen, von trauma-assoziierten Symptomen geschieht nach den Leitlinien mit Psychotherapie und mit Medikamenten: einige Antidepressiva haben da Wirksamkeit gezeigt, und Psychotherapie gibt es, ganz bestimmte Verfahren, die sehr gute Wirksamkeit haben.
SWR Aktuell: Etwa drei Viertel der ukrainischen Geflüchteten in Deutschland sind Frauen und die, nehme ich an, haben sehr große Angst um ihre Männer, um ihre Söhne, um ihre Brüder, die an der Front kämpfen müssen. Was bedeutet es für diese Frauen nicht zu wissen, wie es ihren Angehörigen geht?
Moldavski: Es bedeutet natürlich eine immense Belastung. Sie halten natürlich einen engen Kontakt mit den Angehörigen, die an der Front sind oder auch zu denen, die jetzt nicht da Kämpfen, aber dort in verschiedenen Bereichen tätig sind. Aktuell ist es so, dass durch den massiven Beschuss der Unterschied zwischen Front und Hinterland auch ein bisschen verwischt, weil es überall letztendlich die Belastung des Krieges massiv ist. Das ist letztendlich natürlich sehr, sehr schwierig für die Menschen. Und wenn sie herkommen, dann kommen sie ja schon mit Belastungen, mit denen sie im Alltag nicht zurechtkommen und diese immerwährende Unsicherheit, Angst erschwert natürlich die Therapie.
SWR Aktuell: Noch schlimmer ist es, wenn der Mann, der Sohn, der Bruder vermisst wird. Diese Ungewissheit muss eine beinahe nicht auszuhaltende psychische Belastung sein. Was sagen Sie solchen Frauen?
Es gibt Telegram-Kanäle, wo Fotos oder Videos von nicht identifizierten, getöteten Soldaten gepostet werden. Da schauen sie, ob sie ihre Angehörigen erkennen.
Quelle: Sascha Moldavski, Psychiater
Moldavski: Es gibt ja sehr tragische Fälle, wo Frauen ihre Männer vermissen und nicht genau wissen, wo die sind, und die ganze Zeit auch selbst versuchen, aktiv zu werden. Das ist zum Teil wirklich sehr dramatisch: Es gibt ganz bestimmte Telegram-Kanäle, wo Fotos oder Videos von nicht identifizierten, getöteten Soldaten gepostet werden. Und da versuchen sie natürlich auch immer wieder da diese schrecklichen Bilder oder Szenen anzuschauen, um zu gucken, ob sie jetzt irgendwo bei diesen Aufzeichnungen oder Bildern auch ihre Angehörigen erkennen. Und das ist natürlich eine immense Belastung. Was man da machen kann, ist natürlich zunächst einmal stabilisieren und auch gucken, dass sie mit bestimmten psychotherapeutischen Methoden auch zumindest die Belastung von der täglichen Maß runtergefahren wird.
SWR Aktuell: Zu Beginn des Krieges gegen die Ukraine vor vier Jahren war die Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung für die Flüchtlinge sehr groß, es gab viel persönliche Anteilnahme. Inzwischen überwiegt so ein bisschen die Gleichgültigkeit, das ist mein Eindruck. Wie erleben Ihre Patientinnen und Patienten die deutsche Gesellschaft?
Moldavski: Ganz unterschiedlich. Sicherlich ist diese anfängliche große Unterstützung und Solidarität zurückgegangen. Es ist auch, glaube ich, nicht anders zu erwarten, dass das irgendwann auch eine Ermüdungserscheinung auch bei der deutschen Bevölkerung im Blick auf die Solidarität gibt. Und das spüren die Menschen, die Geflüchteten vor allem in Begegnung jetzt nicht unbedingt mit Menschen auf der Straße, sondern eher so in Ämtern und Behörden. Da verspüren sie einen großen Druck, letztendlich weniger Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen und sich da Arbeit zu suchen. Das ist natürlich nachvollziehbar und auch wichtig für die Integration. Gleichzeitig sind die Patienten, die bei uns sind, zum Teil auch eingeschränkt in der Lage, einer Arbeitstätigkeit nachzugehen. Und dieser Druck, den sie haben: "Okay, wenn ich jetzt nicht arbeite, werde ich jetzt irgendwann in die Ukraine zurückgehen müssen" - was natürlich nicht stimmt, aber immer wieder als Gerücht verbreitet wird. Das setzt die Patienten massiv unter Druck.
SWR Aktuell: Es ist noch gar nicht absehbar, wie lange der Krieg gegen die Ukraine noch dauern wird. Wenn er dann hoffentlich bald vorbei ist, was werden die geflüchteten Menschen aus der Ukraine noch an Hilfe brauchen und vor allen Dingen, wie lange werden sie noch Hilfe brauchen?
Darunter sind viele Menschen, die schon vor dem Krieg an psychiatrischen Erkrankungen litten.
Quelle: Psychiater Sascha Moldavski
Moldavski: Das ist ja ganz unterschiedlich. Bei uns sind ja die Menschen in Behandlung, die nicht nur jetzt aufgrund von den Erlebten oder den Belastungen im Rahmen des Krieges krank geworden sind, sondern das sind viele Menschen, die schon vor dem Krieg an psychiatrischen Erkrankungen litten oder auch Belastungen hatten, aber nie in psychotherapeutische Behandlung gegangen sind aufgrund von großen Ängsten vor Psychiatrie und auch dieser Stigmatisierung, also letztendlich der gesellschaftlichen Angst, irgendwie diskriminiert oder als psychisch krank angesehen zu werden. Deswegen glaube ich, dass viele natürlich auch unabhängig davon weiterhin Behandlung brauchen und brauchen werden - ob sie jetzt in Deutschland bleiben oder in die Ukraine zurückgehen.