Wenn Busse und Bahnen wegen Warnstreiks - wie zuletzt im öffentlichen Nahverkehr - ausfallen, sorgt das bei vielen Berufspendlern eher für Unverständnis. Viele der Streikenden selbst sehen die Arbeitsniederlegung als einzige Möglichkeit, um den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen, um ihre Forderungen im Tarifkonflikt durchzubringen. Die Gewerkschaften wollen unter anderem kürzere Arbeitszeiten für ihre Bus- und Bahnfahrer erreichen, um deren Belastung zu verringern und so den Beruf attraktiver zu machen.
"Brauchen eigentlich längere Arbeitszeiten"
Nach Ansicht des Tarifexperten Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln verschärft das Instrument der Arbeitszeitverkürzung den Fachkräftemangel weiter. "Wir brauchen eigentlich längere Arbeitszeiten - und hier werden kürzere gefordert", sagte er im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Bernhard Seiler. Im aktuellen Tarifstreit geht Wirtschaftswissenschaftler Lesch davon aus, dass man sich auf einen Kompromiss einigen wird.
Ob es am Ende eine 35 Stunden-Woche sein wird, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich wird man sich irgendwo in der Mitte treffen müssen.
Quelle: Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln
Das Problem sei, dass man einerseits dafür sorgen müsse, genügend Bus- und Bahnfahrer zu haben. "Das soll finanzierbar sein, da der öffentliche Nahverkehr attraktiv sein soll - nicht nur was Service, Leistung und Taktung anbelangt, er soll auch nicht zu teuer sein."
Kommunale Verkehrsbetriebe sind subventioniert
Ein Kraftakt, da der öffentliche Nahverkehr bekanntlich nicht kostendeckend betrieben werden kann, so Lesch. "Bei den Berliner Verkehrsbetrieben fließen beispielsweise 35, 40 oder noch mehr Prozent an Subventionen rein. Es wird also nur ein Bruchteil dessen, was Busse und Bahnen kosten, durch die Fahrpreise wieder reingeholt. Die Kommunen haben nicht beliebig Geld - sie kriegen auch nicht beliebig Geld von den Ländern oder anderer Stelle."
Wenn bei einem Busfahrer der Stundenlohn [durch Arbeitszeitverkürzung] teurer werde, könne es sein, dass die Kommunen die Taktung ausdünnen. Die betreffe dann den Fahrplan in den Städten und auf dem Land - "aber auf dem Land spüren wir das eben mehr, da auf dem Land ohnehin eine schlechtere Taktung als in den Städten ist."
Der öffentliche Nahverkehr ist nicht umsonst zu haben. Das hat alles seinen Preis. Man muss sehen, wie ein einigermaßen von der Taktung her leistungsfähiger Nahverkehr auf die Beine gestellt werden kann - und vor allem finanzierbar ist.
Quelle: Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln
Der Tarifexperte hält deshalb ein Optionsmodell für denkbar: "Wenn Arbeitgeber den Gewerkschaften entgegenkommen und die Arbeitszeitverkürzung zulassen, sollte man im Gegenzug auch die Möglichkeit einer Arbeitszeitverlängerung zulassen", so Lesch. Konkret bedeutet das: Wer möchte, arbeitet länger, bekommt das und gegebenenfalls auch einen Zuschlag bezahlt. Damit würden diejenigen, die arbeiten können und wollen, das auffangen, was die anderen kürzer arbeiten. Lesch sieht in dem Modell in wichtiges Signal, um den Mangel an Fahrern zu reduzieren.
Das wäre eine Idee, den Beruf attraktiver zu machen, aber gleichzeitig zu versuchen, durch Flexibilisierung die Arbeitsstunden, die die Busfahrer leisten müssen, irgendwie aufrecht zu erhalten.
Quelle: Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln