SWR Aktuell: Wie hat sich das für Sie angefühlt, als die Präsenz der ICE-Beamten in Ihrer Stadt im Dezember deutlich erhöht wurde?
Die ICE-Agenten waren zwei- bis dreimal so viele wie unsere eigenen Polizisten.
Quelle: Sarah Stephens, Minneapolis
Sarah Stephens: Es war einfach schrecklich. Es fing mit tausend neuen ICE-Agenten an, die in die Stadt kamen. Wir haben das alle schon ziemlich sofort gemerkt. In Restaurants, wo Latinos arbeiten, in Kindertagesstätten, in Krankenhäusern, plötzlich drangen sie da eben ein. Es war einfach grauenvoll. Zwei, drei Wochen später, also eigentlich im Januar erst, hat sich die Zahl auf 3.000 erhöht. Wir haben eigentlich nur etwa 1.000 Polizisten in der Stadt. Das heißt: die waren zwei- bis dreimal so viele wie unsere eigenen Polizisten. Man spürte das jeden Tag. Wir merkten das auf den Straßen, wir merkten das in den Restaurants. Das war deutlich spürbar und hat uns allen sehr viel Angst gemacht.
SWR Aktuell: Hatten Sie denn in den vergangenen Tagen und Wochen auch schon direkten Kontakt mit den ICE-Agenten?
Stephens: Nein, ich persönlich nicht, aber wir haben durch die Nachbarschaftswachen Kontakt zu vielen, vielen, die dann eben selber das erlebt haben. Ich bin Gott sei Dank davon verschont geblieben, aber ich kenne ganz, ganz viele in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, die dann eben auch die Festnahmen zum Beispiel erlebt haben: von schreienden Müttern oder von 20-Jährigen, die in der Küche in einem Restaurant arbeiten. Die werden plötzlich rausgeholt. Das haben wir alle schon gesehen und gemerkt.
SWR Aktuell: Fühlen Sie sich unsicher im Moment, wenn Sie rausgehen in Ihrer Stadt?
Ich habe sogar inzwischen eine Gasmaske gekauft.
Quelle: Augenzeugin Sarah Stephens
Stephens: Schon. Ich nehme dann immer eine Pfeife mit. Wir haben alle Pfeifen organisiert. Die werden teilweise mit 3D-Druckern gedruckt. In Schüsseln in Buchhandlungen oder an der Theke in einer Kneipe werden diese Pfeifen verteilt. Wir wissen alle, wie wir mit unseren Autos über Hup-Codes verständigen können, falls wir etwas erleben. Wir sind alle vorbereitet. Ich habe sogar inzwischen eine Gasmaske gekauft….
SWR Aktuell: ….gegen Tränengas, das die ICE-Mitarbeiter im Zweifel auch einsetzen. Das heißt: Mit den Pfeifen und auch mit den Hupen der Autos machen Sie darauf aufmerksam, wenn Sie was mitbekommen in einem Einsatz?
Stephens: Ja, das hat man vielleicht dann in den Medien gesehen, wo plötzlich die Nachbarn aus allen Ecken kommen und laut pfeifen. Noch viel wichtiger sind eigentlich die Videoaufnahmen. Das ist auch legal, 100-prozentig legal, dass man das mit einer Kamera dann aufnimmt. Man muss eine gewisse Distanz halten. Das ist unsere „Waffe“, sage ich mal in Anführungsstrichen, dass wir dann auch diese Videoaufnahmen haben. Und das war bei Alex Pretti ganz deutlich zu sehen: Ich glaube, vier oder fünf Videos sind aufgenommen worden und durch die Presse gegangen. Und damit hat man das von allen Richtungen aufgenommen. Und das war nicht zu übersehen, dass das ein kaltblütiger Mord war.
SWR Aktuell: Was haben diese zwei Tötungen, einmal von Alex Pretti und dann von René Good, innerhalb von nur 17 Tagen, mit Ihnen und den Menschen in Ihrem Umfeld gemacht?
Stephens: Wir sind alle richtig erschüttert. Wir hatten diese wunderbare Demonstration, vielleicht hat man das in Deutschland auch mitbekommen, an dem Tag vor dem Mord von Alex Pretti, das war ein Freitag. Das war ein Streik eigentlich, wo viele Geschäfte und Schulen auch zugemacht haben und bis zu 50.000 Menschen auf die Straßen gegangen sind – bei minus 20 Grad, muss ich dazusagen. Es war unglaublich und es ist friedlich gelaufen, wir haben gesungen, es war richtig, richtig gut. Wir hatten keine 24 Stunden, und dann passierte am nächsten Morgen sofort eben dieser schreckliche Mord. Wir sind ziemlich traumatisiert, muss ich schon sagen.
SWR Aktuell: Die Trump-Regierung hat ja mittlerweile angekündigt, einige ICE-Mitarbeiter aus Minneapolis abzuziehen, auch deren umstrittenen Kommandeur. Ist da mittlerweile zumindest etwas an Erleichterung in der Stadt zu spüren?
Stephens: Noch nicht. Das müssen wir noch mal selbst hautnah erleben. Dass Bovino, der Kommandeur, dann abgerufen worden ist, da waren wir alle sehr erleichtert. Aber sein Ersatz ist nicht unbedingt besser: Tom Homan, der dann eigentlich im Gefängnis sitzen sollte, weil er dann eben erpresst worden ist mit 50.000 Dollar. Das sind die Mannschaften von Trump. Ich glaube es noch nicht, und ich bin überzeugt, dass Trump auch woanders dann auch noch weitermacht.
SWR Aktuell: Das heißt, Sie erwarten im Moment nicht, dass sich die Lage in Minneapolis und auch in den ganzen USA in der Hinsicht entspannen wird…
Stephens: Nein, im Senat kommt gerade die nächste Gesetzgebung, die Funding Bill, wird jetzt diese Woche noch verabschiedet.
SWR Aktuell: Der Haushalt.
Stephens: Der Haushalt, vielen Dank. Und da wird noch Geld weiterhin da zur Verfügung gestellt. Also wird das noch weitergehen. Wir wissen nicht, wo das Ende sein soll, aber es ist schrecklich.
SWR Aktuell: Wie sehr machen Sie sich gerade Sorgen um die Freiheit in Ihrem Land, in Ihrer Stadt?
Das Land, in dem ich aufgewachsen bin, ist nicht mehr, wie es war.
Quelle: Sarah Stephens, Minneapolis
Stephens: Das ist eine gute Frage. Wir machen uns jeden Tag Sorgen um unsere Freiheit. Wir machen uns jeden Tag Sorgen um unsere Demokratie, um unsere Verfassung, um die Verfassungsverletzungen, um die Menschenrechtsverletzungen. Das häuft sich dermaßen ... wir fühlen uns wie Deutschland in den 30er Jahren. Das ist schon beängstigend. Das Land, in dem ich aufgewachsen bin, ist nicht mehr, wie es war. Und ja, wir wissen nicht, wohin mit uns. Vielleicht sollten wir alle ins Ausland ziehen. Aber ich bleibe auch erst mal in meinem Land und kämpfe weiter gegen diese Regierung.