SWR Aktuell: Ihre Spiegel-Kolumne heißt „Genug gejammert“. Ist das wirklich etwas Urdeutsches, dieses Jammern?
Ullrich Fichtner: Ich fürchte schon, und ich bin letztlich zu diesem Thema gekommen vor ein paar Jahren, als ich eine Umfrage gesehen habe, nach der die Deutschen zu, ich glaube, über 90 Prozent waren es damals, gesagt haben: Unseren eigenen Kindern würde es mal schlechter gehen als uns selbst. Ich glaube, das sind Umfragewerte, die es in kaum einem anderen Land geben wird, schon gar nicht in einem, das so wohlhabend ist.
SWR Aktuell: Uns geht es im europäischen Vergleich immer noch wahnsinnig gut. Warum jammern die Deutschen denn so gerne?
Wahrscheinlich gibt es irgendwie so eine Art von Wohlstandsverwahrlosung.
Quelle: Ullrich Fichtner, Spiegel-Autor
Fichtner: Das mag mit einem gewissen Hang zum Perfektionismus zu tun haben. Wenn Kleinigkeiten eben nicht funktionieren, dann bläst man sie zu so großer Bedeutung auf, dass man darüber vergisst, dass es im Großen und Ganzen ja eigentlich viel besser geht. Aber es gibt das schon, um es weniger lustig zu sagen, auch in Frankreich, auch in anderen Ländern wie Großbritannien. Wahrscheinlich gibt es irgendwie so eine Art von Wohlstandsverwahrlosung, wenn ich das so sagen darf, weil man eben sich an Dinge gewöhnt und sie für selbstverständlich nimmt, die es keinesfalls sind. Das betrifft die grundsätzlichen Dinge wie Gesundheitsversorgung und Verkehrswesen und was es da alles geben mag: Arbeitsmärkte, Rechtsstaatlichkeit, all diese Dinge, die wir für taken for granted halten, wie die Engländer sagen: Man nimmt sie als selbstverständlich und macht sich nicht klar, wie wenig selbstverständlich sie den meisten Teilen der Welt eigentlich sind.
SWR Aktuell: Sie machen es nun genau umgekehrt. Sie bürsten das gegen den Strich und schreiben gegen das Jammern an. Woher nehmen Sie Ihren Antrieb?
Fichtner: Ich nehme meinen Antrieb aus der Beobachtung der Welt mit einer anderen Brennweite, wenn Sie so wollen. Ich schaue mir an, was funktioniert, und davon gibt es ja nun reichlich. Andernfalls würden wir jetzt nicht dieses Gespräch führen, sondern dann würde längst alles in Trümmern liegen, wenn die gängige Auffassung recht hätte. Wir sind ja auch gerade in den Tagen der Jahresrückblicke, die zeigen es immer sehr schön: Wenn Sie sich die Jahresrückblicke angucken, vor allem auch im Fernsehen, mit den dramatischen Bildern, da geht es letztlich immer nur um Erdbeben, Feuersbrünste, Erdrutsche, das können Sie sich aussuchen. Ein katastrophales Bild der Welt wird dann regelmäßig gezeichnet mit so einem paar Sprenkeln der Hoffnung. Aber das halte ich für ein Trugbild. Das ist nicht das Bild, wie die Welt wirklich ist. Ehrlich gesagt ist mein eigentlicher Antrieb der, dafür zu sorgen, dass wir ein wahrhaftigeres Bild der Verhältnisse kriegen und eben auch sehen – oder vor allem sehen – , dass die Gegenwart eine sehr komplexe und wirre Angelegenheit ist und keineswegs in eine furchtbare Richtung zeigt.
SWR Aktuell: Sie waren als Korrespondent auf der ganzen Welt unterwegs. Haben Sie ein Beispiel, von welcher Mentalität oder Haltung anderer Nationen wir uns vielleicht was abschauen können?
Wir versuchen immer, genaue Prognosen abzugeben. Und das hält uns ab vom Wesentlichen.
Quelle: Autor Ullrich Fichtner
Fichtner: Ich würde eher sagen, dass man sich etwas abschauen kann von Menschen, die in existenzielle Krisen geraten. Das ist meine Erfahrung in Kriegs- und Krisengebieten gewesen: Leute, bei denen es wirklich ums Leben geht, haben keine Zeit dafür, zu hadern oder sich große Gedanken zu machen, wie die Zukunft werden wird. Die Zukunft ist ein Raum, den man versucht irgendwie vorzubereiten, sodass man im schlimmsten Fall überleben kann, aber auch sonst irgendwie leben wird. Und diese Haltung sollten wir uns auch wieder ein bisschen genauer anschauen. Es geht letztlich darum, eigentlich davon auszugehen, dass die Zukunft offen ist. Das ist, glaube ich, der wesentliche gedankliche Kniff, den man braucht. Wir versuchen immer, das festzulegen. Wir versuchen immer, genaue Prognosen abzugeben und so weiter. Und das hält uns eigentlich ab vom Wesentlichen. Es gibt da ein sehr schönes Zitat von Antoine de Saint-Exupery, dem Autor von „Kleinen Prinzen“, der, ich glaube, auch das Motto des Weltklimarats oder eines Kapitels davon ist: „Was die Zukunft betrifft, geht es nicht darum, sie vorherzusehen, sondern sie möglich zu machen“.
Das ist eine Haltung, die wir uns auch von Leuten abgucken könnten, die eben in Situationen sind, wo die Zukunft sehr düster aussieht.
SWR Aktuell: Wenn wir noch mal auf das große Ganze schauen: In Ihren Texten geht es oft um die Themen Klimaschutz, erneuerbare Energien, Umgang mit Rohstoffen, technische Innovationen. Erzählen Sie uns doch bitte mal, welche Entwicklung Sie in den vergangenen Monaten nachhaltig beeindruckt hat, wo Sie sich gedacht haben, Mensch, das muss in meine Kolumne rein, als etwas Positives.
Da denkt man jetzt, „jetzt spinnt er aber wirklich“. Ullrich Fichtner, Autor
Fichtner: Ich habe einen Artikel geschrieben, für die Spiegelchronik, also unseren Jahresrückblick. Da geht es darum, dass ich sage, es ist möglich, dass wir in 20 Jahren auf dieses Jahr 2025 zurückblicken und sagen, das war das Jahr einer Wende zum Guten – da denkt man jetzt, „jetzt spinnt er aber wirklich“.
Aber wenn man es sich mit diesem großen Abstand und mit der anderen Brennweite, von der ich gesprochen habe, ansieht, kommt man auf Dinge, die doch sehr erstaunlich sind. Ich nenne Ihnen drei Dinge, um es irgendwie festzulegen. Das eine ist: Es gibt ein UN-Hochseeschutzabkommen, von dem selbst die Umweltschutzverbände sagen, das sei ein historischer Durchbruch. Da geht es darum, bis 2030 30 Prozent der Meere zu Schutzzonen zu erklären. Das ist jetzt in diesem Jahr 2025 ratifiziert worden von so vielen Staaten, dass es in Kraft tritt. Das heißt, es wird Wirklichkeit, und daran wird gearbeitet werden. Der zweite Punkt ist: Es gab eine Weltnaturschutzkonferenz in Rom Anfang des Jahres. Dort sind 200 Milliarden für den Artenschutz eingeworben worden. Und das ist eine Folge dieses Artenschutzabkommens der Vereinten Nationen, das langfristig bestimmt dieselbe Bedeutung haben wird wie Paris fürs Klima.
Wir betreten diese nicht-fossile Welt – und das passiert alles jetzt!
Quelle: Spiegel-Autor Ullrich Fichtner
Und ein Drittes noch: Wir erleben jetzt in diesem, jetzt während wir sprechen, würde ich fast sagen, den Moment, wo die erneuerbaren Energien die wichtigste Energieform von allen werden und die Kohle überholen, die immer uneingeschränkt eigentlich die wichtigste Energiequelle war. Die Zeiten sind vorbei, wir betreten diese nicht-fossile Welt – und das passiert alles jetzt! Es ist nicht irgendwann mal und hergezogen aus vor 25 Jahren, sondern es ist jetzt. In diesem Jahr sind diese drei Dinge, von denen ich gesprochen habe, eingetreten. Und das spricht dafür, dass wir uns auf jeden Fall nicht kerzengerade abwärts bewegen, sondern doch den Kampf aufgenommen haben und gute Chancen haben ihn auch zu gewinnen.
SWR Aktuell: Sie machen uns Hoffnung, Herr Fichtner. Das lässt sich auch aus Ihren Buchtiteln herauslesen. Ein Bestseller heißt „Geboren für die großen Chancen“ und der neueste Titel „Die Macht der Musik. Über ihre Kraft, unser Leben glücklicher und unsere Gesellschaft gerechter zu machen“. Das klingt auch nach einer wirklichen Mutmachgeschichte, aber erklären Sie es uns bitte. Warum macht Musik die Welt gerechter?
Fichtner: Musik ist eine Supermacht der Prävention, so würde ich es mal ausdrücken, und es ist ein wunderbares Futter für Resilienz. Ich glaube, dass das die Sache ist, die wir im Augenblick am meisten brauchen. Wir leben natürlich in aufgewühlten Zeiten, es ist ja nicht so, dass alles gut wäre, aber die Musik bietet uns Inseln, um Kraft zu sammeln und uns zu bewussteren Menschen zu machen. Und sie haben nach der Gerechtigkeit gefragt: Sie ist eben ein Mittel, um zwischen Menschen Ausgleich zu schaffen, die vielleicht nicht mit den gleichen Chancen geboren werden und deshalb ist sie ein ganz unglaubliches Totalphänomen, dem nachzugehen sich wirklich lohnt.