Taiwan in Bewegung

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By Juliane Miller,RtiSociety & CultureGovernment
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Taiwan in Bewegung episodes

  • Aufräumarbeiten in Guangfu: als Schaufelheld im Einsatz
    Die verheerenden Überschwemmungen an der taiwanischen Ostküste am 23. September lösten eine Welle der Solidarität in der taiwanischen Bevölkerung aus. Zu zehntausenden strömten Menschen, auch als “Schaufelhelden” bezeichnet, nach Guangfu, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen.
    Albrecht Anton hat zu Studienzeiten das Hochwasser in Passau 2013 miterlebt und war schon damals von der Solidarität und den Bemühungen der ehrenamtlichen Helfern beeindruckt. Nach der Überschwemmung von Guangfu stand für ihn daher schnell fest, dass er vor Ort helfen wollte. Im Rti-Interview berichtet er von den körperlichen Anstrengungen beim Schlamm-Schippen, den Schwierigkeiten, eine derart große Zahl von Freiwilligen in kurzer Zeit zu organisieren und welche Sorgen die Menschen vor Ort umtreiben.
    Das Interview wurde am 5. Oktober aufgezeichnet.
    29 min
  • Genossenschaften in Taiwan zwischen Regierungspolitik und Graswurzelbewegung
    Mit dem "Internationalen Jahr der Genossenschaften 2025" wollen die Vereinten Nationen auf das Potential dieser Wirtschaftsform für nachhaltige Entwicklung aufmerksam machen. Wie Genossenschaften zur wirtschaftlichen Entwicklung in Taiwan beigetragen haben und welche Rolle Deutschland dabei gespielt hat, darüber habe ich mit Chen Yi-hua (陳怡樺) und Chen Yu-ling (陳郁玲) gesprochen.
    Chen Yi-hua (陳怡樺) und Chen Yu-ling (陳郁玲) sind Journalistinnen und haben über viele Jahre hinweg unzählige Genossenschaften in Taiwan und anderen Ländern besucht und begleitet. Letztes Jahr veröffentlichten sie das Buch “合作社不是福利社“ – Genossenschaften sind keine Wohlfahrtsverbände. Darin stellen sie 18 Genossenschaften aus dem chinesisch-sprachigen Raum vor.
    Die Idee von Genossenschaften besteht darin, dass sich Menschen zusammenschließen, um gemeinsam zu wirtschaften. Über die Verwendung der Gewinne wird dabei gemeinsam nach demokratischen Prinzipien bestimmt.
    “Die Genossenschaften in Taiwan waren anfangs etwas, was die Regierung vorangetrieben hat. Das Land hatte dieses Bedürfnis, und dann hat man die Bevölkerung dazu ermutigt, Genossenschaften zu gründen. Anfangs war es so, dass vor allem Orte, an denen es nicht einfach war, einzukaufen, zum Beispiel Regierungsinstitutionen und Schulen, an denen es Konsumgenossenschaften gab.”
    Tatsächlich ist es auch heute noch so, dass so gut wie jede Universität in Taiwan einen eigenen genossenschaftlichen Laden hat.
    Wie auch in anderen Ländern gibt es im taiwanischen Genossenschaftswesen starke Einflüsse aus Deutschland. Mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch kommen zwei wichtige Pioniere der Genossenschaftsbewegung aus Deutschland. Interessant ist jedoch, dass diese deutschen Einflüsse auf der einen Seite von den japanischen Kolonialherren und auf der anderen Seite auch von der Kuomintang-Regierung nach Taiwan gebracht wurden.
    Genossenschaften unter japanischer Kolonialherrschaft
    “Es gab zwei Entwicklungsstränge. Der eine ist der aus der japanischen Zeit. Die japanische Regierung trieb Genossenschaften nach dem deutschen Muster voran. Als Kolonialwirtschaft hoffte die japanische Regierung, dass die taiwanischen Ressourcen Japan und der dortigen Wirtschaft zugutekommen.”
    Insbesondere Zuckerrohr und Bananen aus Taiwan waren in Japan sehr gefragt. Genossenschaften wurden als Möglichkeit gesehen, der taiwanischen Landbevölkerung die Verbesserung der eigenen Lebensgrundlage zu ermöglichen und so eine bessere Grundlage für die wirtschaftliche Produktion zu schaffen. Insbesondere Kreditgenossenschaften nach dem Modell von Raiffeisen ermöglichten der Landbevölkerung, Geld zu günstigen Konditionen zu leihen.
    Doch woher kannten die Japaner das Prinzip der Genossenschaften? Zur Zeit der Meiji-Restauration ab 1868 waren viele Japaner zum Studium nach England und Deutschland gegangen, wo sie mit dem Genossenschaftswesen in Berührung kamen. Dieses Wissen brachten sie dann zurück nach Japan, und von dort weiter nach Taiwan.
    Dennoch scheint es erstaunlich, dass eine Kolonialregierung die Bevölkerung ihrer Kolonie zur Selbstorganisation in Genossenschaften ermuntert. Ein Faktor war sicherlich, dass Taiwan die erste Kolonie Japans war. Japan wollte Taiwan zu einer “Musterkolonie” formen und investierte in die Wirtschaft und Infrastruktur der Insel.
    “So wie ich das verstehe, ist es so, dass man hoffte, dass arme Menschen selbstständig werden. Natürlich muss die Regierung so weniger Ressourcen zur Unterstützung zur Verfügung stellen.”
    Ein weiterer Kontext ergibt sich aus der starken Ausbeutung, der Zuckerrohrbauern damals ausgesetzt waren, wenn sie ihre Ernte an japanische Unternehmen lieferten.
    “Für Taiwans gebildete Jugend bestand die Herausforderung darin, die Gründung von Genossenschaften zu ermöglichen – ein Mittel, um diese starke Ausbeutung zu mildern.”....
    16 min
  • Taiwans berühmteste Deutsche? Michelle Casales langer Weg zur doppelten Staatsbürgerschaft
    In Taiwan ist Michelle Casale as “紅豆餅妹” bekannt, als die "Rote-Bohnen-Kuchen-Schwester". Nachdem sie 2013 im Alter von 17 Jahren nach Taiwan kam, wurde sie durch ihre Arbeit bei einem Streetfood-Stand bekannt. Es folgten ein Studium, ein unfreiwilliger Aufenthalt in Vietnam und eine Pandemie, bis sie vor wenigen Wochen endlich die volle taiwanische Staatsbürgerschaft erhielt. Im Interview erzählt Michelle über ihren langen, nicht immer einfachen Weg zur doppelten Staatsbürgerschaft, was sie an der taiwanischen Arbeitskultur stört und warum sie jetzt wieder Rote-Bohnen-Kuchen verkauft.
    Der Stand, an dem Michelle arbeitet, ist übrigens hier zu finden.
    38 min
  • Heiß auf Geothermie – wie Taiwan seine unterirdische Energiequelle wiederentdeckt
    Geothermie liefert konstant Energie, braucht wenig Platz – und Taiwan hat ein hohes Potenzial. Dennoch kommt die Entwicklung von Geothermie erst in den letzten Jahren langsam in Schwung. Über die Herausforderungen im Ausbau von Geothermie in Taiwan spricht Professor Song Shengrong im Rti-Interview.
    Taiwan will bis 2050 klimaneutral werden. Im Jahr 2024 machten fossile Brennstoffe jedoch noch über 80% der Energieversorgung aus. Zwar treibt die Regierung den Ausbau von Solarenergie und Windkraft voran, doch unter anderem ein Mangel an geeigneten Flächen stellt eine Herausforderung dar. Dazu kommt, dass die Stromproduktion von Wind- und Solarkraft je nach Wetterlage fluktuiert – Stichwort Dunkelflaute.
    Geothermie, also die Nutzung von Erdwärme, könnte eine Lösung sein. Geothermie produziert nicht nur konstant Energie, sondern ist auch noch relativ platzsparend. Und dank seiner geografischen Lage im “pazifischen Feuerring” hat Taiwan auch noch ein hohes Potenzial für Geothermie – nicht umsonst ist das Land für seine heißen Quellen berühmt. Wie sich die Nutzung dieser Energiequelle in Taiwan entwickelt und welche Herausforderungen es dabei gibt, darüber habe ich mit Professor Song Shengrong (宋聖榮) gesprochen.
    Professor Song ist Professor an der Geowissenschaftlichen Fakultät der National Taiwan University in Taipei. Während er ursprünglich vor allem zu Vulkanen und Naturkatastrophen forschte, hat er sich in den letzten 15 Jahren der Erforschung von Geothermie zugewendet. Er ist einer der wichtigsten Experten für Geothermie in Taiwan und berät auch Unternehmen zur Erschließung dieser Energiequelle.
    Unterschiedliche Arten der Geothermie
    Er erklärt mir, bei Geothermie geht es vor allem um die Temperatur – je nach der unterirdischen Temperatur gibt es unterschiedliche Techniken der Energiegewinnung. Dabei geht es in Taiwan konkret um Stromgewinnung, denn die Nachfrage an geothermischer Wärme ist hier aufgrund der auch im Winter milden Temperaturen eher gering.
    Bei hohen Temperaturen kann das sogenannte Dry-Steam Verfahren, also “Trockendampf-Verfahren”, zum Einsatz kommen. Das ist die älteste und effizienteste geothermische Technik. Dabei wird der Wasserdampf an die Erdoberfläche befördert, um Turbinen zur Stromerzeugung anzutreiben. Die notwendige Infrastruktur ist im Vergleich zu anderen geothermischen Verfahren weniger komplex. Geeignete Dry-Steam-Reservoirs sind allerdings geografisch begrenzt, denn nicht überall gibt es “trockenen” Wasserdampf, der gefördert werden kann.
    Hier kommt das Wet-Steam-Verfahren ins Spiel. Auch als “Flash Steam” bekannt, wird heißes Wasser mit Temperaturen von mindestens 180 °C an die Oberfläche gepumpt. An der Oberfläche wird der Druck des geförderten Wassers reduziert, wodurch sich ein Teil des Wassers in Dampf verwandelt. Dieser “Nassdampf” treibt dann eine Turbine an.
    Manchmal ist das Wasser aber nicht heiß genug, sodass es an der Oberfläche verdampfen kann. In diesem Fall kann die Wärme auf einen andere Flüssigkeit übertragen werden, die einen niedrigeren Siedepunkt hat. Mit dem Dampf dieser zweiten Flüssigkeit wird dann eine Turbine zur Stromerzeugung angetrieben. Das bezeichnet man als “Organic Rankine Cycle”, kurz ORC, weil die Arbeitsflüssigkeit eine organische Substanz ist. Manchmal wird auch der Oberbegriff “Binary Cycle” verwendet, weil es im Gegensatz zu Dry Steam und Wet Steam zwei Flüssigkeitskreisläufe gibt. Der große Vorteil daran ist, dass es auch für verhältnismäßig niedrige Temperaturen geeignet ist – ich sage bewusst verhältnismäßig, denn immer noch werden Temperaturen von etwa 90 bis 180 °C benötigt.
    Professor Song erzählt mir,
    “In Taiwan herrschen vor allem niedrigere Temperaturen vor. Derzeit hat Taiwan vier oder fünf Geothermieanlagen, und diese benutzen alle die Binary Cycle Technologie.”
    Diese Anlagen sind bisher alle ziemlich klein, mit einer Kapazität von 1 MW oder weniger.....
    15 min
  • Taiwan: Durch LNG-Käufe aus Alaska zum Handelsdeal?
    Der US-Amerikanische Präsident Donald Trump möchte, dass die EU mehr Energie von den USA kauft, um ihren Handelsüberschuss auszugleichen. Mit dem Ende Juli abgeschlossenen Handelsdeal erklärte die EU bis zum Ende von Trumps Amtszeit in drei Jahren 750 Milliarden USD an US-amerikanischem Öl, Gas und Atomenergie-Produkten kaufen zu wollen.
    Mehr fossile Energien fördern - das steht ganz weit oben auf Trumps Agenda. Noch am Tag seiner Amtseinführung im Januar dieses Jahres rief er per Dekret einen “Energie-Notstand” aus. Drill, baby, drill – der Slogan der Republikaner kommt ursprünglich aus dem Jahr 2008, Donald Trump treibt ihn jedoch auf die Spitze. Auch für Taiwan sind LNG-Käufe zu wichtiger Verhandlungsmasse in den Zollverhandlungen mit den USA geworden.
    Der taiwanische Präsident Lai Ching-te sagte auf dem jährlichen Empfang der Amerikanischen Handelskammer in Taiwan im März, Taiwan sei sehr daran interessiert, LNG aus Alaska zu kaufen. Flüssiggas-Käufe aus den USA sind einer der Wege, mit denen Taiwan sein Handelsdefizit mit den USA reduzieren will. Wie hoch der Druck aus den USA ist, oder ob es auch noch andere Gründe für LNG-Käufe aus den USA gibt, darüber habe ich mit Dr. Tsaiying Lu gesprochen. Sie hat zur historischen Entwicklung des taiwanischen Energiemixes promoviert und arbeitet nun als Research Fellow am Forschungsinstitut für Demokratie, Gesellschaft und neue Technologie, kurz DSET.
    Die Bedeutung von Gas für Taiwan
    Aber schauen wir uns zunächst einmal die Bedeutung von Gas im taiwanischen Energiesystem an. Taiwan importiert rund 97% seiner Energiebedarfs. Mehr als 40% davon sind Öl, aber der Anteil von Gas ist in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen. Heute macht importiertes Gas knapp über 20% der gesamten Energieversorgung aus, bis 2030 sollen es 50%, also die Hälfte, werden.
    Während Deutschland ja lange Zeit vor allem Gas über Pipelines importierte und erst mit dem Russischen Angriffskrieg in der Ukraine anfing, Terminals für Flüssiggas zu bauen, importiert Taiwan sein Gas ausschließlich per Schiff in flüssiger Form.
    Tatsächlich ist Taiwan weltweit nach Indien der fünft-größte Importeur von Liquified Natural Gas, kurz LNG. Etwa 20 Millionen Tonnen davon importieren Taiwan 2023. Die wichtigsten Importländer sind dabei Australien und Katar. Mehr als 40% der Taiwanischen Gasimporte kamen 2023 aus Australien, weitere 28% aus Katar. An dritter Stelle stehen die USA, wo fast 10% der taiwanischen Gasimporte herkommen.
    Das ist allerdings nur eine Momentaufnahme. Wie sieht die historische Entwicklung aus?
    Zunächst hat sich das Volumen der taiwanischen Gasimporte in den letzten 20 Jahren fast vervierfacht. Anfang der 2000er importierte Taiwan das meiste Gas aus Indonesien und Malaysia, später immer mehr aus Katar. Erst seit circa 2017 steigt der Anteil der Gasimporte aus Australien und den USA. Gleichzeitig sank der Anteil des aus Katar importierten LNG von seinem Höchststand von fast 50% 2013 auf unter 30% in 2023. In der Zukunft könnten die Importe aus den USA weiter steigen.
    Flüssiggas aus Alaska?
    Am 20. März unterzeichnete die staatliche taiwanische Energiefirma China Petroleum Company (中油, CPC) eine Absichtserklärung mit der Alaska Gasline Development Corporation. Damit erklärte sie ihre Absicht, sechs Millionen Tonnen LNG pro Jahr zu kaufen.
    Der US-Bundesstaat Alaska, liegt westlich von Kanada und hängt nicht mit dem Rest Vereinigten Staaten zusammen. Es ist aber der Teil der Vereinigten Staaten, der Asien am Nächsten ist. Und er verfügt über reiche Vorkommen an Erdöl und Erdgas.
    Das Alaska LNG-Projekt hat drei Komponenten. Da ist zunächst eine Gasaufbereitungsanlage in North Slope (10 Milliarden USD) ganz im Norden von Alaska, eine Pipeline (12 Milliarden USD) die senkrecht durch ganz Alaska verläuft, hin zu einer Fabrik zur Verflüssigung und zum Export des Gases (20 Milliarden USD) in Nikiski im Süden von Alaska.....
    17 min
  • Alex Kunz: Taiwan in Zahlen und Karten
    Alex Kunz lebt seit Jahren in Taiwan, wo er bisher als Forscher an der Academia Sinica zu Mikroplastik forschte. Seine Kenntnisse in der Datenverarbeitung und -visualisierung nutzt er, um Taiwan aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erkunden. Im Rti-Interview erzählt er von seinen Datenquellen, seinen Lieblingsgrafiken und vom Spiel mit dem Algorithmus.
    Ihr findet Alex und seine Karten auf seiner Website, Instagram, Threads, Facebook, Bluesky und Linkedin.
    23 min
  • Gastrodiplomatie: Mit der taiwanischen Küche die Welt erobern?
    Woran denkt ihr, wenn ihr, wenn ihr an Taiwan denkt? Vielleicht an Bubble Tea, Stinketofu und Rindfleischsuppe? Wenn ja, dann könnte das etwas mit Gastrodiplomatie zu tun haben, also der Verwendung von Lebensmitteln, um die internationale Sichtbarkeit und Wahrnehmung eines Landes zu erhöhen, beziehungsweise zu verbessern.
    Wie Taiwan Gastrodiplomatie betreibt, und warum es vielleicht noch andere Gründe für das immer authentischere taiwanische Essen in Europa gibt, darüber hat Rti-Reporterin Juliane mit Martin Mandl gesprochen. Martin ist Dozent am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien, wo er unter anderem die Rolle von Essen für die Herausbildung von nationalen und regionalen Identitäten erforscht. Das Interview wurde gekürzt.
    17 min
  • Woher rührt die taiwanische Abhängigkeit von Energieimporten?
    Der kürzlich vollzogene Atomausstieg Taiwans hat ein Schlaglicht auf die taiwanische Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen geworfen. Taiwan gewinnt nur 3% seiner Energie aus erneuerbaren Quellen, 97% der Energie wird aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Diese wiederum werden fast komplett importiert - ebenfalls fast zu 97%.
    Importiertes Öl macht über 40% der taiwanischen Energieversorgung aus, aber der Anteil von Flüssiggas (LNG) ist in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen, so dass importiertes LNG 2023 knapp über 20 % der gesamten Energieversorgung ausmachte.
    Doch wie wurde Taiwan, welches sich einst mit Wasserkraft energetisch selbst versorgen konnte, abhängig von importierten Energieträgern? Diese Frage stellte sich Dr. Tsaiying Lu in ihrer Dissertation, die sie letztes Jahr an der Maastricht University in den Niederlanden abschloss.
    Mittlerweile arbeitet Dr. Tsaiying Lu als Research Fellow an der staatlich finanzierten Denkfabrik DSET. Im Interview mit Rti erklärt sie die historische Entwicklung der taiwanischen Energiepolitik, und welche Rolle auch diplomatische Überlegungen dabei spielen.
    Dr. Lus historische Recherche beginnt dabei nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem sich die Kuomintang nach ihrer Niederlage im Chinesischen Bürgerkrieg 1949 auf Taiwan zurückgezogen hatte. Eine richtige Energiepolitik gab es damals noch nicht, die Stromversorgung basierte damals vor allem auf Wasserkraft. Noch 1953 machte diese 93,7% der installierten Kapazität aus.
    Damals war der industrielle Sektor auf die beiden Hafenstädte Keelung im Norden Taiwans und Kaohsiung im Süden konzentriert. Die Wasserkraftwerke lagen jedoch vornehmlich in den Bergen - schließlich müssen sie dort gebaut werden, wo das Wasser ist. Das führte Taipower zu der Überlegung, Kohlekraftwerke zu bauen.
    Kohle hat den entscheidenden Vorteil, dass sie transportiert werden kann, und in Fabriknähe zur Energiegewinnung genutzt zu werden – mit weit geringeren Leitungsverlusten. Die Regierung wollte daher Kohle nutzen – lokal abgebaute Kohle.
    Dr. Lu sagt:
    “Taiwan war nicht immer von importierten Energiequellen abhängig. Stattdessen, als sie in den 50er Jahren über den Bau von Wärmekraftwerken nachdachten, haben sie lokal abgebaute Kohle benutzt.
    Die Kohlereserven waren vor allem im Norden Taiwans, vor allem in Keelung. Die größte Herausforderung in den 1950er Jahren war, dass sie in Taiwan abgebaute Kohle zugänglicher machen wollten. Sie bauten daher Eisenbahnen, damit sie in Kaohsiung im Süden Taiwans Zugriff auf die Kohle hatten.”
    1963 entfielen dann nur noch rund 50% der installierten Kapazität auf Wasserkraft, die andere Hälfte bestand aus Wärmekraftwerken, die Kohle verbrannten. Was die tatsächliche Energiegewinnung anging, überholte Kohleverbrennung Wasserkraft im Jahr 1962.
    Die Kohle hatte aber auch Nachteile. An Klimawirkung dachte man damals noch nicht, aber es war vor allem schwierig, eine konsistente Qualität der Kohle zu garantieren. Als staatliches Unternehmen war Taipower verpflichtet, auch Kohle von schlechter Qualität, also vor allem mit einem hohen Feuchtigkeitsanteil, abzunehmen. Eine billigere und verlässlichere Alternative war importiertes Öl.
    Der Umstieg war nicht besonders schwierig, denn die Kraftwerke waren in der Lage, Öl genauso wie Kohle zu verbrennen. Außerdem war der Kaohsiunger Hafen ausgebaut und vertieft worden, wodurch Öltanker leichter anlegen konnten.
    “1968 hatte Taiwan seine erste Energiepolitik. Damals gab es einen weitverbreiteten Optimismus gegenüber importiertem Öl und außerdem eine boomende Öl-Industrie. Man hoffte also, mehr Öl in anderen Ländern zu fördern. Und man schaute auch auf Kernkraft, welche damals gerade wirtschaftlich wurde. Um 1968 herum fängt das Taiwanische Energiesystem also an tiefer in einer Kohlenstoffwirtschaft verankert zu sein, wie ich es in meiner Dissertation genannt habe”
    Dann kam 1973 aber die erste Ölkrise, welche weltweit Regierungen vor Herausforderungen stellte.....
    15 min
  • Fußgängerhölle Taiwan: Wie eine junge Frau für Verkehrssicherheit kämpft
    Gebt die Straße den Bürgern zurück!, rufen die Demonstranten. Es ist der 20. August 2023. Trotz des starken Regens sind zehntausende Menschen zusammen auf den Straßen Taipeis – gemeinsam fordern sie Maßnahmen für mehr Verkehrssicherheit, in einem Land das auch als “Fußgängerhölle” bezeichnet wird. Auch die Präsidentschaftskandidaten Hou Yu-ih (侯友宜), Ko Wen-je (柯文哲) und Lai Ching-te (賴清德) sind gekommen – es sind noch 5 Monate bis zur Präsidentschaftswahl.
    Das Thema Verkehrssicherheit erhitzt in Taiwan die Gemüter. Ende 2022 veröffentlichte der Amerikanische Fernsehsender CNN einen Artikel mit der Schlagzeile “Taiwan’s ‘living hell’ traffic is a tourism problem, say critics” – die Taiwanische “Verkehrshölle” sei Kritikern zufolge ein Problem für den Tourismus. Der Artikel machte den Begriff der “Fußgängerhölle” (行人地獄) auch im Ausland bekannt. Die Berichterstattung von CNN erhöhte den Handlungsdruck auf die taiwanische Regierung und wurde auch von taiwanischen Medien weiter aufgegriffen.
    Ich habe mit YC Wu (吳宜蒨), einer der Initiatorinnen der Großdemonstration, gesprochen – darüber, wie sie zur Verkehrssicherheitsaktivistin wurde, mit welchen Problemen Fußgänger in Taiwan konfrontiert sind, und welche verkehrspolitischen Änderungen taiwanische Fußgängeraktivisten fordern.
    Unfälle sind trauriger Teil der Alltags
    Auf der website roadsafety.tw veröffentlicht das Taiwanische Verkehrsministerium aktuelle Statistiken zu Verkehrstoten in Taiwan. Im Jahr 2024 starben 366 Fussgänger in Taiwan, insgesamt gab es fast 3000 Verkehrstote. Sowohl was die Zahl der getöteten Fußgänger als auch die Gesamtzahl der Verkehrstoten angeht, sind Deutschland und Taiwan etwa gleich auf – dabei hat Deutschland dreieinhalb mal so viele Einwohner wie Taiwan.
    Viele Familien in Taiwan haben Verwandte die im Strassenverkehr starben oder schwer verletzt wurden, darunter auch YC Wu: “Mein Vater wurde von einem betrunkenen Fahrer überfahren, woraufhin er verstarb. Meine Tante, als sie sehr jung war, im Alter von etwa 17, 18 Jahren, saß sie hinten auf dem Motorroller eines Freundes, sie fuhren zu schnell glaube ich… Jetzt ist sie deshalb körperlich schwerbehindert. Ich selbst hatte auch einen schweren Verkehrsunfall.”
    Bei einem Motorradunfall erlitt sie einen Knochenbruch und hatte fortan eine Stahlstange im Bein. Später wurde sie als Fußgängerin von einem Auto angefahren – dieses Mal ohne Knochenbruch, dafür aber entwickelte sie eine posttraumatische Belastungsstörung. Und auch schon als Kind wurde sie beim Fahrradfahren von sich öffnenden Autotüren getroffen. Mit solchen Erfahrungen ist sie nicht alleine: “Für Taiwaner ist das eine traurige kollektive Erinnerung"
    Vor Ort etwas verändern
    Ich habe YC Wu zum ersten Mal Anfang 2024 getroffen, auf einer Veranstaltung auf der sie erzählte, wie sie sich auf lokaler Ebene für bessere Fußgängerinfrastruktur in der Nähe ihres Zuhauses und ihrer Arbeit eingesetzt hat. Seither ist nicht wenig passiert; mit einigen Mitstreitern hat sie den Verein Vision Zero Taiwan gegründet, der sich nach schwedischem Vorbild für das Ziel von null Verkehrstoten einsetzt. Auch darüber wollte ich mit ihr sprechen.
    Unser Interview findet an einem Dienstagabend statt, YC kommt direkt von der Arbeit. Sie hat eine Vollzeitstelle als Projektleiterin an einer taiwanischen Universität, im Master hat sie Kommunikationswissenschaft studiert. Ihre aktivistische Tätigkeit hat allerdings im Kleinen angefangen.
    “Natürlich habe ich nicht damit angefangen, eine gesellschaftliche Bewegung zu starten, beziehungsweise diese große Demo zu organisieren. Zunächst habe ich einfach dort angefangen, wo ich wohne und wo ich arbeite. Schließlich ist das, wo ich am deutlichsten bemerke, welche Stellen nicht sicher sind.“
    YC schrieb einen Post auf facebook, in dem sie die zuständigen Volksvertreter taggte. Sie beschrieb ihre Erfahrungen im Verkehr und fügte Fotos und Videos dazu.
    “Ich habe das sehr klar beschrieben und auch geschrieben, wie man es verbessern kann.....
    16 min
  • Taiwan: Vorreiter in der digitalen Verwaltung?
    Deutschland gilt nicht gerade als Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Kontakt mit Behörden beinhaltet dort häufig noch Papierformulare, das persönliche Erscheinen vor Ort sowie zum Teil Faxgeräte. Taiwan hingegen steht im Ruf, die Digitalisierung erfolgreich voranzutreiben. Aber stimmt das auch? Und wie funktioniert die digitale Verwaltung hier in der Praxis?
    Frederik Springmann hat während seines Praktikums bei Radio Taiwan eine Sendereihe zum Thema Digitale Verwaltung in Taiwan produziert. Im Interview mit Juliane verrät er, was ihn bei seiner Recherche am meisten überrascht hat und was Deutschland von Taiwan lernen kann.
    18 min

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Juliane beleuchtet in dieser Sendung wöchentlich Themen, die Menschen in Taiwan bewegen, und spricht mit Menschen, die etwas in Taiwan bewegen wollen.