Eine Ansprache zum Internationalen Tag der Bildungsfreiheit und zum Tag der Demokratie
Ihr Lieben, herzlich willkommen zu meiner Ansprache für den Internationalen Tag der Bildungsfreiheit und den Tag der Demokratie.
Wie praktisch, dass beide Tage zusammenfallen. Dann muss ich nur einmal hier vor der Kamera zu euch reden.
Als Luxemburger Staatsbürger schaue ich deshalb heute mal mit einer gewissen europäischen Entfernung auf die deutsche Debatte.
Da ist es doch mal angebracht, die Schulpflicht ordentlich zu würdigen. Jene Institution, die in Thüringen gerade eben erst als eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften eures Landes bezeichnet wurde. Außerdem sei sie ein Fundament unseres (also eures) demokratischen Rechtsstaats.
Und wenn junge Menschen dazu gezwungen werden, täglich am selben Ort zu erscheinen, dann sei das eben Demokratie im Kleinen.
Ich habe deshalb heute extra meine Deutschland Sonnenbrille aufgesetzt. Mit ihr sieht man die Sache besonders klar. Von Luxemburg aus wirkt sie noch ein wenig glänzender.
Die Geschichte beginnt allerdings nicht erst mit Demokratie:
Martin Luther wollte schon 1524, dass die Obrigkeit Schulen errichtet. Kinder sollten die Bibel lesen können, aber auch künftige Pfarrer und Schreiber, Juristen und Amtsträger werden. 1530 begründete Luther es sogar besonders treffend, dass Eltern zum Schulbesuch ihrer Kinder angehalten werden dürften. Wenn der Staat zum Kriegsdienst zwingen könne, dann doch wohl auch zur Schule.
Preußen setzte diese Logik zum Glück fort:
1717 beklagte Friedrich Wilhelm, Eltern ließen ihre Kinder in großer Ungewissheit hineinwachsen. Schule sollte christliche, vernünftige und ganz wichtig auch nützliche Untertanen hervorbringen.
1919 und 1920 bekam die Schulpflicht dann endlich auch einen demokratischen Anstrich. Die Weimarer Verfassung schrieb die allgemeine Schulpflicht fest. Das Schulgesetz versprach eine gemeinsame Grundschule und wollte soziale Bildungsprivilegien begrenzen. Ein wichtiges Gleichheitsprojekt.
Aber dann, 1938, wurde die Schulpflicht im Deutschen Reich zentral geregelt. Hier wurde die Schulpflicht zum Vorbild für die ganze Welt, endlich mal in seiner endgültigen Konsequenz zentralisiert, durchgesetzt!
Das Gesetz erklärte ausdrücklich, die deutsche Jugend sei im Geiste des Nationalsozialismus zu erziehen. Es gab zwangsweise Zuführung, Polizeihilfe und Strafen.
Und jetzt?
Luxemburg macht endlich auch große Fortschritte auf diesem zivilisatorischen Weg. Die Schulpflicht wird im aktuellen Schuljahr 2026 und 2027 schrittweise von sechzehn auf achtzehn Jahre verlängert. Bildungsminister Claude Meisch erklärte dazu die PISA Ergebnisse „nous interpellent et nousobligent à agir“, sie forderten uns also heraus und verpflichteten uns zum Handeln.
Die Verlängerung der Schulpflicht bestätigt ihre Bedeutung für die Vermeidung des Schulabbruchs.
Aber selbstverständlich ist das heute etwas völlig anderes:
Heute zwingen wir junge Menschen nur noch aus demokratischen Gründen in eine Institution, die sie vielleicht als toxisch erleben. Und wenn sie nicht gehorchen, helfen Polizei, Zwangsgeld und, wenn es sein muss, Jugendarrest.
Der Zweck rechtfertigt eben die Mittel.
Die zivilisierte Welt braucht schließlich junge Menschen, die ihrer Pflicht nachkommen, dieser Demokratie zu folgen.
Wo kämen wir denn sonst hin?
Freiwilligkeit wäre da geradezu verdächtig!
Selbstbestimmung könnte am Ende noch dazu führen, dass ein junger Mensch selbst entscheidet, wo und wie er lernt. Womöglich auch noch mit wem und was.
Also lasst uns das gebührend feiern! Die Errungenschaft der zivilisierten Welt, die Schulpflicht.
Wo kämen wir nur ohne diese hin?
In diesem Sinne wünsche ich euch einen wundervollen Internationalen Tag der Bildungsfreiheit.
Und jetzt singt gefälligst die Nationalhymne.
Tschüss!
Nachtrag:
Dabei beschreibt die Kinderrechtskonvention Bildung anders:
Bildung soll die Persönlichkeit, die Talente und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten jedes Kindes zur Entfaltung bringen.
Vielleicht ist Bildungsfreiheit doch keine Gefahr für die Demokratie? Vielleicht ist sie eine ihrer Prüfungen.
Demokratie im Kleinen wäre vielleicht nicht, alle Kinder an denselben Ort zu zwingen.
Demokratie im Kleinen wäre, ihnen zuzuhören, ihre Verschiedenheit ernst zu nehmen und echte Wege von Bildung zu eröffnen.
Sonst bleibt am Ende von der größten zivilisatorischen Errungenschaft vor allem nur eins übrig: die zivilisierte Begründung des Zwangs.
Wie siehst du das?
Schreib einen Kommentar, drück auf Like und ja, denkt mal drüber nach.
Tschüss.
✨Möchtest du etwas zurückgeben? Wenn dich die Worte hier berühren, begleiten oder inspirieren - und du etwas zurückfließen lassen möchtest, kannst du das auf ganz eigene Weise tun. 💫 Ob durch eine kleine finanzielle Unterstützung, eine persönliche Nachricht, das Teilen dieses Textes mit anderen oder einfach durch stielles Mitgehen: Alles ist willkommen. Danke, dass du Teil dieses Raumes bist. 🤍
Verwendete Musik:
Europahymne
Ode to Joy von Ludwig van Beethoven
Melodie und Werk: Public Domain
Verwendete MIDI Quelle: Mutopia Project, Musik ID 528
https://www.mutopiaproject.org/cgibin/piece-info.cgi?id=528
Direkter MIDI Link:
https://www.mutopiaproject.org/ftp/BeethovenLv/ode/ode.mid
Marschmusik
Titel: Quirky Little March
Künstler: Ondrosik
Quelle: Free Music Archive
Lizenz: CC0 1.0 Universal
https://freemusicarchive.org/music/Ondrosik/enchanted-valley/quirky-little-march/
Trauriges Klavier
Titel: Sad Piano Music Sparse Minor Take
Künstler: Alex Morgan
Quelle: Free Music Archive
Lizenz: CC BY 4.0
https://freemusicarchive.org/music/alex-morgan/emotional-piano-vol-4/sad-piano-music-sparse-minor-take/
Soundeffekte
Die verwendeten Soundeffekte wurden aus frei nutzbaren Mixkit und Freesound Quellen zusammengestellt und teilweise für dieses Video bearbeitet.
Mixkit Sound Effects
Quelle:
https://mixkit.co/free-sound-effects/
Lizenz:
https://mixkit.co/license/
Für die verwendeten Mixkit Soundeffekte ist keine Namensnennung erforderlich.
Freesound CC0 Sounds
Die verwendeten Freesound Dateien stammen aus der lokalen CC0 Sammlung. Die einzelnen Quellen sind im Soundbibliothek Manifest dokumentiert. CC0 Dateien dürfen ohne Namensnennung verwendet und bearbeitet werden.
Projekt und Gestaltung
Die Intro wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz als eigenständiges Video für dieses Projekt erzeugt. Die Gestaltung, der Schnitt und die Zusammenstellung dieser Veröffentlichung wurden von mir hoch professionell erstellt (hüstel, hüstel)
Hinweis zur Musiklizenz:
Die Nutzung des traurigen Klaviers erfolgt unter CC BY 4.0. Urheber ist Alex Morgan. Die Quelle und der Lizenzhinweis sind oben angegeben.
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit selbstbestimmtsichbilden.substack.com/subscribe