Ein Kommentar von Bernhard Loyen.
Sie kennen diese Redensart: das Tischtuch ist endgültig zerschnitten? Man könnte auch schreiben zerrissen. So empfinde ich die Diskussion, rund um den schockierenden Vorfall vom Montag dieser Woche.
Ein Mensch bringt einen Menschen um - richtig? Nein?
Ein Erwachsener bringt ein Kind um - richtig? Nein, zu wenig?
Ein afrikanischer Erwachsener bringt ein deutsches Kind um? Besser?
Diese Tat macht für einen Moment fassungslos. Nachvollziehbar beginnt umgehend eine bundesweite Diskussion. Große Teile der Gesellschaft sind geschockt. Wollen verstehen, Gründe erfahren, Details, auch Urteile aussprechen. Individuelle Intentionen schaukeln sich, bevorzugt aktueller Umgangsformen im Internet, in bekannte Höhen. Man übertrifft sich in ersten Einschätzungen, Mutmaßungen, Forderungen und dem Ruf nach Konsequenzen, bei jeweiligen Blickwinkeln.
Nun sind alle emotionsfrei Interessierten inzwischen etwas schlauer, als am Montag. So waren der Junge und seine Mutter gerade auf dem Weg in den Urlaub (1). Der Täter kommt gebürtig aus Eritrea, war aber aufgrund von Vorfällen in der Schweiz, wo er seit 2006 lebte, zur Fahndung ausgeschrieben. Dort lebte er, mit offizieller Duldung, Frau und drei Kindern. Er sei in letzter Zeit psychisch auffällig gewesen. Eine erste Untersuchung soll nun die kommenden Tage diese Hinweise genauer klären (2). Warum er nach Deutschland reiste ist weiterhin unbekannt:
Obliegt nun die aktuelle hitzige Diskussion dem Alter des achtjährigen Opfers? Der Tatsache, dass es in den letzten Jahren zu mehreren Ereignissen ähnlicher Tragik, d.h. mit und ohne Todesopfern kam oder erfolgt schlicht ein individueller Reflex, entsprechende Sichtweisen verteidigen, bzw. aussprechen zu müssen? Wer unterstützt, bestärkt die Meinungsbildung? Inwieweit haben die Medien erneut entsprechende manipulative Mitschuld an dem argumentativen Riss durch unsere Gesellschaft?
Das die BILD-Zeitung in den letzten Tagen schlicht ihren Job machte, weil Tod, Blut und Elend ihr elendiges Geschäft seit Jahrzehnten darstellt, sollte nun nicht überraschen. Das Die Zeit ihren Artikel: Der Todesstoß…Wer ist dieser Mann? hinter die Bezahl-Schranke legt, ihre Entscheidung. Es zeigt sich aber die Gefahr, die ausgeht von einer inzwischen einheitlichen Zeitungswelt.
Eine DPA-Meldung beherrschte die Google-Recherche Darlegung. Aufgrund eines Satzes, eines Artikels, fanden sich sage und schreibe bei dem Stern, der Saarbrücker Zeitung, RTL, der Sächsischen Zeitung, der NDZ, der Schaumburg Zeitung, der Ostfriesen-Zeitung, dem General-Anzeiger, u.a. also quer durch die Republik, der gleiche Aufmacher, die gleiche Headline. Sie lautete:
Jetzt Angst zu haben ist völlig normal (3)
Angst, wovor? Den vermeintlich mündigen Bürgern, wird über die DPA genau erklärt, wie sie sich fühlen müssen, können, also dürfen, Zitat:
Müssen wir uns jetzt also fürchten an Bahnsteigen? «Jetzt Angst zu haben oder sich unsicher zu fühlen, wenn ich am Gleis stehe, ist völlig normal», sagt Angstforscher Lüdke. «In der Psychologie sagt man, die Summe aller Ängste bleibt immer gleich bei uns Menschen.» Was das bedeute? Es gebe immer ein konstantes Angstniveau. Was sich ändere sei dagegen die Richtung oder die Objekte. «Mal haben wir Angst vor Jobverlust, mal vor einem Terroranschlag oder mal davor, dass der Partner sich trennt.» (4)
Dient diese Minimal-Darlegung menschlicher Psychohygiene wirklich dem Verständnis, der Erklärung für diese grauenhafte Tat? Wohl kaum. Zweiter Garant für halbherzige, auch unglaubwürdige Einschätzungen kommt nicht überraschend seitens der Politik.
Es musste medial betont werden, der Innenminister unterbrach extra seinen Urlaub. Dann saß er da und zeigt sich, nun ja, bemüht bestürzt und wusste auch sofort um Lösungen, hinsichtlich eines nicht neuen Phänomens. Es sei ein "kaltblütiger Mord“ gewesen, wusste Herr Seehofer.