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Ihren letzten Podcast auf nd-aktuell widmet Irmtraud Gutschke einem weltberühmten Schriftsteller, mit dessen Werken sie schon seit ihrem Studium verbunden ist und den sie ich auch persönlich gut kannte: Tschingis Aitmatow. Und sie will auch Lust auf eine Reise nach Kirgistan machen, in diese beeindruckende Bergwelt, zu den Hirten ihren Tieren. Da bieten die »Tiergeschichten« Aitmatows mitreißende Lektüre, verfügte doch der Schriftsteller über die Gabe, Tiere von innen heraus, aus ihrer Eigensicht zu beschreiben. Das Pferd Gülsary, das Kamel Karanar, der Schneeleopard, das Sterben der Wale – mit ihnen allen leben wir unter einem Himmel, mit allen Geschöpfen der Erde. Kirgisische Überlieferung und Erfordernisse der Gegenwart stehen in einem Zusammenhang.
Tschingis Aitmatow: Tiergeschichten. Unionsverlag Zürich, 186 S., br., 13 €
Irmtraud Gutschke: Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt. Mitteldeutscher Verlag, 197 S., br., 16 €.
Zehn Auflagen in nur drei Monaten: Die Resonanz ist riesig. Dirk Oschmann berührt mit seinem Buch »Der Osten eine westdeutsche Erfindung« ein anhaltendes Problem: Die Kluft zwischen Ost und West ist auch nach Jahrzehnten nicht verschwunden, ja scheint sich sogar zu vertiefen. In ihrem Podcast »Bücherberge« zeigt sich Irmtraud Gutschke begeistert von den treffenden Formulierungen und der herrlichen Polemik im Text. Im westdeutschen »Selbstgespräch« ist für ostdeutsche Perspektiven kaum Platz. Im Gegenteil: Der Osten »soll immer wieder aufs Neue ‚beitreten‘«, was heißt, der geltenden Norm beizupflichten, sie vollumfänglich anzuerkennen und sich ihr letztlich unterzuordnen». Das Buch verschafft Menschen im Osten Genugtuung und hilft denen im Westen, die sich ein demokratisches Miteinander wünschen und nicht verstehen, warum das so schwierig ist.
Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung. Ullstein, 222 S., geb., 19,99 €
Buchvorstellung und Gespräch mit Dirk Oschmann am 12. Juni, 18 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin
Den Internationalen Kindertag nimmt Irmtraud Gutschke in ihrem Podcast »Bücherberge« zum Anlass, um drei ganz besonders schöne Kinderbücher vorzustellen. »Papa kann nicht einschlafen«: Was leider manchen Erwachsenen ebenso geht, wird hier Anlass für einen witzigen Rollentausch. Denn es ist der kleine Hannes, der geweckt wird und sich auf eine überaus geduldige Weise um den Vater kümmert. Ehe der endlich ruhig schläft, nicht mal im eigenen Bett, ist noch manche Hürde zu überwinden. »Im Garten. Die wunderbare Welt der Pflanzen« ist schon optisch ein Genuss und steckt voller Einzelheiten, die auch manche Erwachsene nicht kennen. Der Band »Nordische Mythen«, beruhend auf Überlieferungen aus dem 13. Jahrhundert, schließlich führt in eine faszinierende phantastische Welt mit »launischen Gottheiten, mutigen Helden und schaurigen Ungeheuern«.
Anna Lena Amthor & René Amthor: Papa kann nicht einschlafen. Annette Betz Verlag, 32 S., geb., 16 €
Sara Bocciccini Meadows & Ritz Reyes: Im Garten. Die wunderbare Welt der Pflanzen. Ars Edition, 62 S., geb., 20 €
Matt Ralphs: Nordische Mythen. Illustrationen Katie Ponder. Verlag Dorling Kindersley, 164 S., geb., 19,95 €
So viele Träume gab es 1990. Ein europäisches Haus von Lissabon bis Wladiwostok – für Michail Gorbatschow war die Vorstellung so schön, dass er der deutschen Vereinigung zustimmte. Dass die NATO an Russland Grenzen heranrücken könnte, ja dass deutsche Panzer je wieder gen Russland rollen könnten, hat er sich nicht gedacht. Ein Krieg nahe an unseren Grenzen: In ihrem neuen Podcast in der Reihe »Bücherberge« hebt Irmtraud Gutschke den Band »Endspiel Europa« von Ulrike Guerot und Hauke Ritz hervor, weil hier, unterfüttert mit vielen Fakten, die viele gar nicht mehr im Gedächtnis haben, ein großer historischer und geopolitischer Bogen geschlagen wird vor allem auch unter dem Aspekt der europäischen Gegenwart und Zukunft.
Ulrike Guerot, Hauke Ritz: Endspiel Europa. Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist – und wie wir wieder davon träumen können. Westend Verlag, 202 S., geb., 20 €
Forscherdrang und Staunen: Vom Tanz der Kraniche ist in diesem Podcast von Irmtraud Gutschke die Rede und von Bernhard Weßling, der bei einem Spaziergang von den seltsamen Rufen dieser Vögel dermaßen fasziniert war, dass er mehr über sie wissen wollte. Kann man sie an ihrer »Sprache« erkennen? Haben ihre Rufe eine Bedeutung? Leben sie so monogam, wie man ihnen nachsagt? Es war schon eine Herausforderung nach Mitternacht aufzustehen, mit einem Richtmikrophon im Wald auf die Kraniche zu warten und um acht wieder auf Arbeit zu sein. Als promovierter Chemiker, einen leitfähigen Kunststoff zu entwickeln und zu vermarkten, war ja kein Nebenjob. Davon soll beim nd-Literatursalon mit Bernhard Weßling über sein Buch »Was für ein Zufall!« am 3. Mai die Rede sein.
Bernhard Weßling: Der Ruf der Kraniche. Expeditionen in eine geheimnisvolle Welt. Goldmann, 411 S., geb., 20 €
nd-Literatursalon mit dem Autor am 3. Mai 2023, 18 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1
»Nun sag, wie hältst du’s mit der Religion?«, wird Faust von Gretchen gefragt, und er antwortet nicht ganz zu ihrer Zufriedenheit. Umso mehr ist »das Religiöse« heute für viele »einer Art Tabu anheimgefallen«, wie es im Buch »Grenzgänge« von Stefan Seidel heißt. In den 20 Gesprächen »über das Gottsuchen«, die er mit Künstlerinnen und Künstlern aus vielen Ländern führte, sitzt man gleichsam mit ihnen an einem »uralten Lagerfeuer«, wo Menschen über etwas sprechen, über das sie sonst vielleicht schweigen: über das Staunen, den Wunsch nach Behütetsein, das Vertrauen aus dem Raum des Unvertrauten, den Tod. Begeistert zeigt sich Irmtraud Gutschke in ihrem Podcast »Bücherberge« von diesem Buch allein schon wegen seiner so reichen Sprache. Poetisch und präzise, wird sie uns eindringlich, ermutigt zu eigenen Wegen in die Tiefe, Weite, Höhe, für die wir ja auch selber Worte finden müssen.
Stefan Seidel: Grenzgänge. Gespräche über das Gottuchen. Claudius Verlag, 295 S., br., 26 €
Da verlässt ein kleiner Teddybär den Dachboden, wo es ihm so langweilig geworden war, geht auf die Straße, findet einen Freud und schließlich den Sinn des Lebens. Da tanzt ein kleiner Hase zu »Bachs Orchestersuite Nr.2«, und das größte Vergnügen ist für kleine Kinder zunächst, in diesem kleinen Klangbuch selber die Musik von Johann Sebastian Bach einzuschalten. Und wenn sie sich aufs Hören eingelassen haben, werden sie darin versinken. Und schließlich die ganz großen Fragen, die einen 100-jährigen Opa ebenso zum Nachdenken bringen wie die Urenkelin, den Urenkel. Freiheit, Gott, Leid, Glück, Glauben und Wissen, Wahrheit und Lügen, Mittel und Zweck, Gerechtigkeit, Menschen- und Tierrechte. »Wozu eigentlich Philosophie« ist ein Buch, das danach ruft, gemeinsam angeschaut und im Gespräch durchdacht zu werden.
Hendrik Jonas: Eine Dachbodengeschichte. Tulipan Verlag. 48 S., geb., 16 €
Delphine Renon: Ich entdecke J. S. Bach. Mein kleines Klangbuch Bd. 6. Annette Betz Verlag, 14 S., Pappbd., 12,95 €
Wozu eigentlich Philosophie? Verlag Dorling Kindersley, 128 S. m. zahlr. Illustrationen, geb., 14,95 €
Eine Detektivgeschichte nach klassisch englischem Muster: »Das Verschwinden der Amanda Kent« von Oliver Schlick. Kommt einem da nicht Agatha Christie in den Sinn, die 1926 auch für einige Tage verschwand? Oder die US-amerikanische Autorin Amanda Cross? Die vielen literarischen Anspielungen im Roman sind für erwachsene Leser*innen ein besonderer Genuss. Aber der Autor hat auch an Kinder von zwölf Jahren an gedacht, indem er die zwölfjährige Matilda zur Ermittlerin machte – an der Seite des »schüchternen Detektivs« Rory Shy, der es so peinlich findet, jemanden zu befragen, dass er nicht mal ein Verhör zu führen vermag. Dafür aber hat er ganz besondere Geistesgaben. Und am Ende ist es ein Wort, das ihn auf die richtige Fährte bringt. Er eine Art Sherlock Holmes, sie sein »Dr. Watson«? Ein überaus vergnügliches Buch, das sich unterhaltsam spannend liest – gut zu verschenken an Kinder oder Enkel. Ostern steht ja vor der Tür. Aber man sollte es rechtzeitig kaufen, um es selber schon mal genießen zu können.
Oliver Schlick: Rory Shy, der schüchterne Detektiv. Das Verschwinden der Amanda Kent. Ueberreuter Verlag, 294 S., geb., 16 €
In den beiden Romanen, von denen ich euch heute erzählen will, geht es um Frauen, die sich allein durchs Leben schlagen und das auch für richtig halten. Das geschieht auf unterschiedliche Weise. Schmerzhaft, fast selbstzerstörerisch bei der tschechischen Autorin Anna Bolavá oder mit heiterer Leichtigkeit bei Katharina Hacker, die in Frankfurt am Main geboren wurde, jetzt in Berlin lebt und eine Zeit lang in Israel lebte und studierte.
Anna Bolavá: Der Duft der Dunkelheit. Roman. Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer. Mitteldeutscher Verlag, 296 S., geb., 24 Euro
Katharina Hacker. Die Gäste. Roman. S. Fischer Verlag, 256 S., geb., 20 €
Roman eines musikalischen Genies und einer tragischen Liebe. Dass Pjotr Tschaikowski sich ohne Geldsorgen als Komponist verwirklichen konnte, war Nadeschda von Meck zu verdanken, die ihn aus ihrem ererbten Vermögen großzügig unterstützte. Nach dem Tode ihres Mannes, des Unternehmers Karl von Meck, gewann der zurückhaltende, fast scheue Tschaikowski ihr Herz. Doch wie sie sich auch bemühte, er wollte sich nicht mit ihr treffen.1200 Briefe haben sie einander geschrieben. Als sie ihm das »Du« anbot, lehnte er höflichst ab, ging zur Anrede »mein Freund« über. Heute kennt man den Grund, der damals mit einem Tabu belegt war. Auf mitreißende Weise führt uns die in Deutschland lebende Autorin nach Russland im 19. Jahrhundert. Wir begleiten sie auf ihren Recherchen und Erkundungstouren, die sie mit Erinnertem und Erlesenem verbindet, mit klugen Bemerkungen über das Leben mit seinen Überraschungen und Fallen.
Tatjana Kuschtewskaja: Die Mäzenin Tschaikowskis. Aus dem Russischen von Susanne Rödel und Steffi Lunau. Edition Noack & Block, 240 S., geb., 24 €
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ist der zweiwöchentliche Podcast von Irmtraud Gutschke, Literaturkritikerin und beheimatet in Bücherbergen. In jeder Folge zieht sie ein neues Buch heraus und stellt es den Hörer*innen vor:…

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