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Prof. Dr. Christian Karagiannidis ist einer der bekanntesten Experten im deutschen Gesundheitswesen. Er ist Facharzt für Innere Medizin, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin (DGIIN) und war Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung. Karagiannidis ist bekannt für seine direkte, datengestützte und oft unbequeme Analyse der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Aktuell beschäftigt er sich mit der tiefgreifenden Transformation des Systems – unter anderem in seinem neuen Buch „Gesundheit der Zukunft“, das er gemeinsam mit Boris Zapatka veröffentlicht hat.
Karagiannidis analysiert anhand belastbarer Daten, dass das deutsche Gesundheitssystem massiv übertherapiert, ineffizient und vor allem finanziell an seine Grenzen gestoßen ist. Allein über eine Million Menschen werden jährlich auf Intensivstationen behandelt – viele davon mit wenig Aussicht auf Besserung. Gleichzeitig fehle es an einer sinnvollen Steuerung über die gesamte Versorgungskette hinweg – von Hausarztpraxen bis hin zu Pflegeheimen. Es sei ein System ohne Begrenzung gewesen, sowohl ethisch als auch finanziell. Die Folge: Überforderung, Ineffizienz und kaum nachhaltige Versorgung.
Ein zentrales Thema der Folge ist der demografische Wandel: In den nächsten zehn Jahren werden jährlich ca. 500.000 Menschen mehr aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden als nachrücken. Gleichzeitig steigen die Gesundheitskosten rapide. Das führe nicht nur zu höheren Sozialabgaben für Bürger:innen, sondern stelle auch eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen dar. Wenn Lohnnebenkosten explodieren, überlegen sich Firmen wie VW zweimal, ob sie noch in Deutschland produzieren.
Deutschland hat mit durchschnittlich 10–12 Arztkontakten pro Kopf und Jahr einen weltweiten Spitzenwert – allerdings nicht im positiven Sinn. Christian Karagiannidis schlägt ein Modell vor, das sich am niederländischen System orientiert: Wer medizinische Leistungen in Anspruch nimmt, soll eine kleine Selbstbeteiligung zahlen (z. B. maximal 1 % des Einkommens), um unnötige Arztbesuche zu reduzieren. Zudem fordert er die Abschaffung der strikten Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung und den Aufbau eines echten hausärztlich gesteuerten Primärversorgungssystems.
Ein weiteres zentrales Thema ist Prävention. Karagiannidis spricht sich für gezielte Maßnahmen wie eine Zucker- und Tabaksteuer aus – mit dem Ziel, Gesundheitsverhalten ökonomisch zu beeinflussen. Gleichzeitig sollte das Geld aus diesen Steuern direkt den gesetzlich Krankenversicherten zugutekommen. So entstünde ein echter Win-Win-Effekt: gesünderes Verhalten und gleichzeitig frisches Geld für das unterfinanzierte System.
Christian Karagiannidis betont die Bedeutung der elektronischen Patientenakte (ePA) – nicht nur zur Vermeidung von Doppeluntersuchungen, sondern auch als zentraler Datenpool für Versorgungsforschung und Qualitätssicherung. Er fordert eine zentrale Plattform nach skandinavischem Vorbild, mit der Ärzt:innen schnell, sicher und maschinenlesbar auf Patienteninformationen zugreifen können. Die ePA müsse zudem durch „Patient Reported Outcomes“ ergänzt werden – also durch Bewertungen der Patient:innen selbst.
Ein durchgehendes Thema ist die Rolle der Patient:innen. Für Christian Karagiannidis ist klar: Das System muss Eigenverantwortung fördern. Dazu gehört schulische Bildung (z. B. Reanimationsunterricht), aber auch Belohnungssysteme für gesundes Verhalten, etwa für tägliche Bewegung oder Vorsorgeuntersuchungen. Gleichzeitig fordert er die radikale Entbürokratisierung – weg von Formularen ohne Nutzen, hin zu echter Ergebnisorientierung.
Ein großes Potenzial sieht Christian Karagiannidis in der Stärkung der Pflege. Dabei geht es ihm nicht nur um Physician Assistants, sondern um echte Advanced Practice Nurses (APNs) mit eigenen Verantwortlichkeiten und Budgets – beispielsweise in Form eines Kapitationsmodells: Pflegekräfte könnten ganze Regionen eigenverantwortlich versorgen, wie es in England bereits passiert.
Ein besonders kritischer Punkt: Die Notfallversorgung. Christian Karagiannidis fordert eine zentrale Lotseninstanz, die mithilfe von KI und strukturierter Abfrage entscheidet, ob jemand ins Krankenhaus, zur Hausärztin oder in die Telemedizin muss. Dafür brauche es qualifizierte Koordinator:innen und eine bessere technische Infrastruktur. Inspiration bietet das amerikanische Modell mit „24/7-Walk-in-Zentren“, die Notfälle effizient abdecken – auch in ländlichen Regionen.
Zum Abschluss formuliert Prof. Dr. Christian Karagiannidis seine Vision:
Er appelliert an den Mut zur Veränderung – und daran, das System endlich auf die nächste Generation auszurichten: „Es geht um unsere Kinder.“
Hier gehts zum Buch – Die Gesundheit der Zukunft
Der Beitrag Christian Karagiannidis – über ein Gesundheitssystem am Limit und seine konkrete Vorschläge zur Rettung erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
By Visionäre der GesundheitProf. Dr. Christian Karagiannidis ist einer der bekanntesten Experten im deutschen Gesundheitswesen. Er ist Facharzt für Innere Medizin, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin (DGIIN) und war Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung. Karagiannidis ist bekannt für seine direkte, datengestützte und oft unbequeme Analyse der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Aktuell beschäftigt er sich mit der tiefgreifenden Transformation des Systems – unter anderem in seinem neuen Buch „Gesundheit der Zukunft“, das er gemeinsam mit Boris Zapatka veröffentlicht hat.
Karagiannidis analysiert anhand belastbarer Daten, dass das deutsche Gesundheitssystem massiv übertherapiert, ineffizient und vor allem finanziell an seine Grenzen gestoßen ist. Allein über eine Million Menschen werden jährlich auf Intensivstationen behandelt – viele davon mit wenig Aussicht auf Besserung. Gleichzeitig fehle es an einer sinnvollen Steuerung über die gesamte Versorgungskette hinweg – von Hausarztpraxen bis hin zu Pflegeheimen. Es sei ein System ohne Begrenzung gewesen, sowohl ethisch als auch finanziell. Die Folge: Überforderung, Ineffizienz und kaum nachhaltige Versorgung.
Ein zentrales Thema der Folge ist der demografische Wandel: In den nächsten zehn Jahren werden jährlich ca. 500.000 Menschen mehr aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden als nachrücken. Gleichzeitig steigen die Gesundheitskosten rapide. Das führe nicht nur zu höheren Sozialabgaben für Bürger:innen, sondern stelle auch eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen dar. Wenn Lohnnebenkosten explodieren, überlegen sich Firmen wie VW zweimal, ob sie noch in Deutschland produzieren.
Deutschland hat mit durchschnittlich 10–12 Arztkontakten pro Kopf und Jahr einen weltweiten Spitzenwert – allerdings nicht im positiven Sinn. Christian Karagiannidis schlägt ein Modell vor, das sich am niederländischen System orientiert: Wer medizinische Leistungen in Anspruch nimmt, soll eine kleine Selbstbeteiligung zahlen (z. B. maximal 1 % des Einkommens), um unnötige Arztbesuche zu reduzieren. Zudem fordert er die Abschaffung der strikten Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung und den Aufbau eines echten hausärztlich gesteuerten Primärversorgungssystems.
Ein weiteres zentrales Thema ist Prävention. Karagiannidis spricht sich für gezielte Maßnahmen wie eine Zucker- und Tabaksteuer aus – mit dem Ziel, Gesundheitsverhalten ökonomisch zu beeinflussen. Gleichzeitig sollte das Geld aus diesen Steuern direkt den gesetzlich Krankenversicherten zugutekommen. So entstünde ein echter Win-Win-Effekt: gesünderes Verhalten und gleichzeitig frisches Geld für das unterfinanzierte System.
Christian Karagiannidis betont die Bedeutung der elektronischen Patientenakte (ePA) – nicht nur zur Vermeidung von Doppeluntersuchungen, sondern auch als zentraler Datenpool für Versorgungsforschung und Qualitätssicherung. Er fordert eine zentrale Plattform nach skandinavischem Vorbild, mit der Ärzt:innen schnell, sicher und maschinenlesbar auf Patienteninformationen zugreifen können. Die ePA müsse zudem durch „Patient Reported Outcomes“ ergänzt werden – also durch Bewertungen der Patient:innen selbst.
Ein durchgehendes Thema ist die Rolle der Patient:innen. Für Christian Karagiannidis ist klar: Das System muss Eigenverantwortung fördern. Dazu gehört schulische Bildung (z. B. Reanimationsunterricht), aber auch Belohnungssysteme für gesundes Verhalten, etwa für tägliche Bewegung oder Vorsorgeuntersuchungen. Gleichzeitig fordert er die radikale Entbürokratisierung – weg von Formularen ohne Nutzen, hin zu echter Ergebnisorientierung.
Ein großes Potenzial sieht Christian Karagiannidis in der Stärkung der Pflege. Dabei geht es ihm nicht nur um Physician Assistants, sondern um echte Advanced Practice Nurses (APNs) mit eigenen Verantwortlichkeiten und Budgets – beispielsweise in Form eines Kapitationsmodells: Pflegekräfte könnten ganze Regionen eigenverantwortlich versorgen, wie es in England bereits passiert.
Ein besonders kritischer Punkt: Die Notfallversorgung. Christian Karagiannidis fordert eine zentrale Lotseninstanz, die mithilfe von KI und strukturierter Abfrage entscheidet, ob jemand ins Krankenhaus, zur Hausärztin oder in die Telemedizin muss. Dafür brauche es qualifizierte Koordinator:innen und eine bessere technische Infrastruktur. Inspiration bietet das amerikanische Modell mit „24/7-Walk-in-Zentren“, die Notfälle effizient abdecken – auch in ländlichen Regionen.
Zum Abschluss formuliert Prof. Dr. Christian Karagiannidis seine Vision:
Er appelliert an den Mut zur Veränderung – und daran, das System endlich auf die nächste Generation auszurichten: „Es geht um unsere Kinder.“
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Der Beitrag Christian Karagiannidis – über ein Gesundheitssystem am Limit und seine konkrete Vorschläge zur Rettung erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.

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