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Für einen Körperabguss von Erwin Wurm hat Lars Eidinger drei Stunden auf einem Bein gestanden, mit erhobenem Arm. In der Kunsthalle Tübingen erzählt er Dr. Nicole Fritz und Claudia Linzel, warum er durchgehalten hat und was diese Zeit für ihn mit der Skulptur zu tun hat.
Anlass des Gesprächs ist die Ausstellung „Lars Eidinger. PRESENT PERFECT. Im Dialog mit der Sammlung“. Seine Fotografien und Videoarbeiten treffen hier auf Werke der Sammlung, darunter Arbeiten von Richard Hamilton, Ben Willikens, Franz Erhard Walther und Yves Klein. Im Podcast geht es um diese Gegenüberstellungen, um Selbstporträts und um Rollen, die Eidinger weiter mit sich trägt.
Eidinger erzählt von einer Fotografieausstellung in Frankfurt, in der er Bilder von William Eggleston sah und eigene Interessen wiederfand. Er erinnert sich auch an das Musikvideo „Take On Me“ von a-ha: Eine gezeichnete Hand zieht eine Frau in eine Comicwelt. Das Gespräch führt von dieser Szene zu seinem Verhältnis zu Fiktion, Realität und dem Spiel auf der Bühne.
Beim Fotografieren macht er einen Unterschied zwischen dem Aufbruch mit dem Ziel, Bilder zu machen, und dem Losgehen, bei dem er fotografiert. Er spricht über den Wunsch, möglichst wenig in das Gesehene einzugreifen, und über die Gestaltung, die bereits mit dem Bildausschnitt beginnt.
Dr. Nicole Fritz ist Kunsthistorikerin und leitet seit 2018 die Kunsthalle Tübingen. Als Kuratorin von „PRESENT PERFECT“ bringt sie Lars Eidingers Fotografien und Videoarbeiten mit Werken der Sammlung zusammen. Im Gespräch erzählt sie, wie sie die Arbeiten ausgewählt hat und welche Verbindungen sie zwischen ihnen sieht. Am Selbstporträt von Richard Hamilton beschreibt sie, wie Eidingers Fotografien auch ihren eigenen Blick auf die Sammlung verändert haben.
Dr. Nicole Fritz, Direktorin der Kunsthalle Tübingen und Kuratorin der Ausstellung, berichtet von ihrer Begegnung mit Eidingers Fotografien in Düsseldorf. Besonders erinnert sie sich an seine Aufnahme eines schwarzen Schwans.
Eidinger erzählt, dass er die Sammlung zunächst kennenlernen wollte. Gemeinsam gingen sie ins Depot. Für die weitere Planung tauschten sie Bilder aus, arbeiteten mit einem virtuellen Modell der Ausstellungsräume und besprachen die Zusammenstellung in Berlin.
Fritz erläutert die Verbindungen zu Werken der Sammlung. Eidinger beschreibt, welche Zusammenhänge ihm selbst erst durch ihre Auswahl bewusst wurden.
Richard Hamiltons Selbstporträt beschäftigt beide mit der Frage, wie Zeichnung und Fotografie ein Bild von einem Menschen festhalten. Bei Ben Willikens geht es um Räume. Eidingers Tokio-Aufnahme zeigt eine Frau auf einer spiegelnden Fläche, die auf ihr Telefon schaut. Im Gespräch erläutert er daran seine Lesart des Narziss-Mythos.
Franz Erhard Walthers „Gegenüber“ wird neben Eidingers Fotografien von Paaren und ähnlich gekleideten Menschen besprochen. Die Zusammenarbeit mit Erwin Wurm führt zur Erfahrung des eigenen Körpers und zur Zeit, die Eidinger für den Abguss auf einem Bein verbracht hat.
Im Englischen bezeichnet das Present Perfect Vergangenes mit einem Bezug zur Gegenwart. In der Einleitung wird daraus eine Frage an die Fotografie: Der aufgenommene Moment ist vergangen. Die Begegnung mit seinem Bild findet jetzt statt.
Fritz und Eidinger sprechen darüber, was aus früheren Erfahrungen gegenwärtig bleibt. Dazu gehören die Kunst der 1960er-Jahre, Eidingers Begegnung mit Yves Kleins monochromem Blau und die Rollen, die er behalten möchte.
Lars Eidinger. PRESENT PERFECT. Im Dialog mit der Sammlung
Kunsthalle Tübingen
10. Oktober 2026 bis 28. Februar 2027
Kuratorin: Dr. Nicole Fritz
Informationen zur Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen
Die Leichtigkeit der Kunst mit Claudia Linzel:
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Benedikt Hipp benötigt für einen Holzbrand 60 bis 70 Stunden. Der Ofen wird mit Keramiken gefüllt, zugemauert und über mehrere Tage hinweg befeuert. Temperatur, Luftzufuhr und Holz lassen sich steuern, Wetter, Feuchtigkeit, Asche und Verlauf des Brandes bringen ihre eigenen Bedingungen mit.
Benedikt Hipp nennt das Zieloffenheit statt Zielgenauigkeit.
Dieser Gedanke führt durch das Gespräch im Emil Schumacher Museum in Hagen, wo Hipps Ausstellung Songs from the Orbs parallel zu Indemini. Der Erde näher als den Sternen mit Arbeiten von Emil Schumacher gezeigt wird.
Zu Gast sind der Künstler Benedikt Hipp und Museumsdirektor Rouven Lotz.
Benedikt Hipp ist in einer Familie von Wachsziehern aufgewachsen. In der Werkstatt seines Vaters und Großvaters wurden unter anderem Votivgaben hergestellt: Hände, Füße, Augen, Zähne und andere Körperteile aus Wachs.
Als Kind beobachtete Hipp, wie diese Formen nach Gebrauch wieder eingeschmolzen wurden. Ein Fuß verlor im heißen Wachs seine Konturen, einzelne Körperteile lösten sich auf und wurden zu neuem Material.
Augen und Körperfragmente tauchen später auch in seinen eigenen Arbeiten auf. Im Gespräch erzählt Hipp von dieser Familiengeschichte, seiner Studienzeit bei Sean Scully und der Frage, welche Rolle Können, Erfahrung und Offenheit im künstlerischen Arbeiten spielen.
Für seine keramischen Arbeiten baut Benedikt Hipp eigene Holzbrandöfen. Gebrannt wird über mehrere Tage bei Temperaturen bis etwa 1400 Grad.
Zum Einsatz kommen unterschiedliche Tone, die Hipp zum Teil selbst sammelt und ausgräbt. Auch das Brennholz hat mitunter eine eigene Geschichte.
Für eine Skulptur in Form einer Zunge verwendete Hipp unter anderem Akazienholz aus der Villa Massimo in Rom. Die Bäume waren dort rund hundert Jahre zuvor gepflanzt worden und mussten gefällt werden. Beim Brand wurde ihre Asche Teil der Oberfläche der Keramik.
In einer weiteren Arbeit befindet sich ein Mikrometeorit.
Von dort führt das Gespräch zu Materie, Sternen, Supernovae und zu Hipps Interesse an der Frage, aus welchen Elementen Erde, Ton und auch der menschliche Körper bestehen.
Rouven Lotz lernte Benedikt Hipp während dessen Aufenthalt an der Villa Massimo in Rom kennen.
Er besuchte dort zunächst den von Hipp angelegten Garten, später eine Ausstellung und schließlich sein Atelier. Daraus entwickelte sich die Einladung, eine eigene Ausstellung für das Emil Schumacher Museum zu konzipieren.
Songs from the Orbs wurde von Benedikt Hipp selbst für die Räume des Museums eingerichtet. Lotz beschreibt seine eigene Rolle im Gespräch als die eines Ermöglichers.
Die Ausstellung steht dabei eigenständig neben der Präsentation von Emil Schumacher.
Im Mittelpunkt der parallel gezeigten Schumacher-Ausstellung steht Indemini von 1974.
Das fast drei Meter hohe Werk zeigt eine schwarze Bogenlinie auf Jute. Auf der Oberfläche befinden sich Teerklumpen, die direkt auf dem Bildträger befestigt wurden.
Über viele Jahre war Indemini als Dauerleihgabe im Saarlandmuseum in Saarbrücken zu sehen. Als das Werk aus Privatbesitz in den Handel kam, konnte die Emil Schumacher Stiftung es erwerben und dauerhaft nach Hagen holen.
Rouven Lotz erzählt im Gespräch von der Geschichte dieses Werks, seiner Bedeutung für die Sammlung und von Schumachers Umgang mit Material und Zufall.
Historische Votivgaben aus dem Familienbetrieb von Benedikt Hipp führen im Gespräch zu einem weiteren Thema: Wahrnehmung.
Ein Auge aus Wachs kann für verschiedene Menschen vollkommen unterschiedliche Bedeutungen haben. Wissen, Erfahrung und persönliche Geschichte verändern den Blick auf einen Gegenstand.
Auch Sprache spielt dabei eine Rolle. Benedikt Hipp und Rouven Lotz sprechen darüber, wie Menschen dieselben Worte verwenden und dennoch unterschiedliche Vorstellungen damit verbinden.
Eine Arbeit aus dem Jahr 2026 steht am Anfang von Songs from the Orbs. Zu sehen sind unter anderem ein Baum ohne Blätter, Früchte am Boden und eine Hand.
Das Bild entstand bereits im Februar. Nach dem trockenen Sommer entschieden Benedikt Hipp und Rouven Lotz gemeinsam, es in die Ausstellung aufzunehmen.
Im Gespräch kommt auch Emil Schumacher zu Wort. In einem 1990 veröffentlichten Fragebogen antwortete er auf die Frage nach dem größten Unglück:
„Dass diese Welt wider besseres Wissen zerstört wird.“
Von dort führt das Gespräch zu Materialien, Ressourcen und zu der Frage, wie Künstler mit den Stoffen arbeiten, die ihnen zur Verfügung stehen.
Benedikt Hipps Familiengeschichte: Wachszieher, Votivgaben und Körperformen als Teil des täglichen Lebens.
Sean Scully: Über Talent, Können, Willen und die Studienzeit an der Akademie.
Songs from the Orbs: Keramik, Malerei, Holzbrand, Ton, Feuer und Asche.
Zieloffenheit statt Zielgenauigkeit: Benedikt Hipp über einen Arbeitsprozess, dessen Ergebnis nicht vollständig festgelegt ist.
Villa Massimo: Eine Zunge aus Keramik und Akazienholz aus dem Garten der Deutschen Akademie in Rom.
Emil Schumacher und Indemini: Die Geschichte eines großformatigen Werks und sein Weg in die Sammlung der Emil Schumacher Stiftung.
Rouven Lotz als Kurator: Von der ersten Begegnung in Rom bis zur Ausstellung in Hagen.
Wahrnehmung: Augen, Votivgaben und die Frage, wie unterschiedlich Menschen dasselbe Objekt sehen können.
Materie und Kosmos: Mikrometeoriten, Sterne, Supernovae und die Elemente, aus denen unsere Welt besteht.
Benedikt Hipp – Songs from the Orbs
Emil Schumacher Museum, Hagen
Emil Schumacher – Indemini. Der Erde näher als den Sternen
Emil Schumacher Museum, Hagen
Diese Episode entstand im Emil Schumacher Museum in Hagen.
Der Kunstpodcast Die Leichtigkeit der Kunst erscheint seit 2020 kostenfrei auf allen gängigen Plattformen.
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Rupprecht Geiger – Farbe. Licht. Energie im Emil Schumacher Museum
Ein weiteres Gespräch mit Rouven Lotz und Julia Geiger über eine eigenständige künstlerische Position und Farbe als Material
https://dieleichtigkeitderkunst.de/rupprecht-geiger-emil-schumacher-museum/
InformELLE – Künstlerinnen des Informel im Emil Schumacher Museum
Eine Folge über Künstlerinnen des Informel, ihre Sichtbarkeit und die Erweiterung eines lange männlich erzählten Kapitels der Kunstgeschichte.
https://dieleichtigkeitderkunst.de/informelle-emil-schumacher-museum/
Jean Fautrier – Genie und Rebell im Emil Schumacher Museum
Rouven Lotz und Theo Bergenthal über Jean Fautrier, Material, Oberfläche und eine Malerei, die für die europäische Nachkriegskunst prägend wurde.
https://dieleichtigkeitderkunst.de/jean-fautrier/
Kunst lebt – und zwar seit 1976. Seit diesem Jahr begleiten die Freunde des Museums für Kunst und Kultur Münster e.V. das LWL-Museum. Den ersten Impuls gab bereits 1975 der Martinus-Pokal, ein 1597 entstandenes Stück münsterischer Goldschmiedekunst, das auf einer Auktion auftauchte und das damalige Museumsbudget überstieg. Ein befreundeter Kunsthändler sprang ein und verschaffte Museumsdirektor Paul Pieper Zeit, das Geld für den Ankauf zusammenzubringen. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee eines Freundeskreises. Heute gehören ihm mehr als 1.600 Menschen an.
Dr. Juliane Wessels lernte Kunst als Kind auf den regelmäßigen Londonreisen zu ihrer Großtante kennen. Später wurde das gemeinsame Schauen mit Freundinnen zu einem festen Teil ihres Lebens. Im Freundeskreis beschäftigt sie heute, wie sich diese Begeisterung weitergeben lässt und wie das Museum dauerhaft unterstützt werden kann.
Sabine Mensingverbrachte schon als Kind ihre Ferien im Rheinischen Landesmuseum Bonn. In Münster half sie zunächst ehrenamtlich beim Aufbau der Jungen Freunde, seit 19 Jahren arbeitet sie für den Freundeskreis. Ihr geht es darum, Menschen dort abzuholen, wo ihre eigene Neugier auf Kunst beginnt.
Matthias Lückertz führt seinen Zugang zur Kunst auf seinen Vater zurück, der seinen Kindern beibrachte, alles erst einmal zu probieren, bevor sie sich ein Urteil bilden. Kunstgeschichte und jahrzehntelange Kunstreisen kamen später zusammen. Für ihn gehören die Begegnungen und die Geschichten rund um Kunst bis heute eng zusammen.
Dr. Hermann Arnhold erinnert sich an Wien, an Museumsbesuche als Zehnjähriger und später an einen Nachmittag mit August Macke in Münster. Das Museum wurde für ihn früh zu einem Freiraum, in dem Zeit und Konzentration möglich waren.
Aufgenommen haben wir die Folge „Kunst lebt“ im LWL-Museum für Kunst und Kultur am Domplatz in Münster. Dr. Hermann Arnhold erinnert im Gespräch an den Neubau von Volker Staab als wichtigen Einschnitt für Haus und Freundeskreis. Der heutige Museumsbau wurde im September 2014 eröffnet; der ältere Museumsbau am Domplatz stammt aus dem Jahr 1908. Im Gespräch wird spürbar, wie eng Haus und Freunde inzwischen verbunden sind: durch Ankäufe, Reisen, Programme, die Jungen Freunde und viele Gespräche hinter den Kulissen.
Eine dieser „Kunst lebt“ Geschichten beginnt mit dem Martinus-Pokal von 1597, dessen Ankauf 1975 zum Ausgangspunkt des späteren Freundeskreises wurde. Eine andere führt nach Südfrankreich zu Pierre Soulages. Sein Gemälde „Peinture, 324,4 x 181 cm, 12 Avril 2016“ befindet sich heute in der Sammlung des LWL-Museums. Hermann Arnhold erzählt von der langen Freundschaft mit Pierre und Colette Soulages, von einem Atelierbesuch, drei Monaten Schweigen nach der Preisverhandlung und einer Entscheidung der Freunde, die schließlich einstimmig fiel.
Im Zentrum des Jubiläums von „Kunst lebt“ steht außerdem Frans Snyders’ „Knabe in der Vorratskammer“, um 1640, seit Jahrzehnten als Dauerleihgabe im LWL-Museum und aktuell Ziel einer großen Ankaufskampagne der Freunde. Hermann Arnhold spricht über die Fülle des Bildes, über Hummer, Jagdbeute, Obst und die Sinnlichkeit flämischer Stillleben.
Wir sprechen darüber, warum der Freundeskreis „Kunst lebt“ seine Mitglieder selbst über Ankäufe abstimmen lässt, wie aus gemeinsamen Kunstreisen Freundschaften wurden und weshalb während Corona ausgerechnet die digitalen Angebote neue Mitglieder brachten. Es geht um den Beirat und die Geschäftsstelle, um das Verhältnis von Ehrenamt und professioneller Arbeit, um Nachwuchs und Wachstum und um die Frage, welche Aufgaben Freundeskreise übernehmen können, wenn Museen verlässliche Partner an ihrer Seite brauchen. Das Leitmotiv taucht dabei immer wieder auf: „Wir wollen die Nähe fördern.“
Bei der Frage nach Leichtigkeit liegen die Antworten nah beieinander und setzen doch unterschiedliche Akzente. Matthias Lückertz spricht vom gemeinsamen Erleben von Kunst als „die größtmögliche Freude und ein tiefer Genuss“.
Für Dr. Hermann Arnhold gehört zur Leichtigkeit auch die Erfahrung ihres Gegenübers: „Es gibt keine Leichtigkeit ohne ohne tiefe Trauer und tiefes Leiden.“
Dr. Juliane Wessels denkt dabei an Höhen und Tiefen, die beide zum Leben gehören, und beschreibt Leichtigkeit als „diese innere Freiheit zu bekommen“.
Kunst helfe ihr, genau das stärker zu spüren und zu erleben. Sabine Mensing verbindet Leichtigkeit mit der Möglichkeit, sich von schwierigen Dingen ablenken und von dem tragen zu lassen, „was schön ist, was Spaß macht“
Vier Wege zur Kunst: Juliane Wessels erinnert sich an regelmäßige Museumsbesuche mit ihrer Familie in London. Sabine Mensings Beziehung zur Kunst beginnt als Kind im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Matthias Lückertz erzählt von seinem Vater, der ihm beibrachte, Dinge erst einmal auszuprobieren, bevor man sie bewertet, und Dr. Hermann Arnhold von Tagen als Zehnjähriger in Wien, an denen er Museen als Freiraum für sich entdeckte.
Kunst lebt und die Nähe zur Kunst: Was hält einen Freundeskreis über 50 Jahre zusammen? Sabine Mensing bringt einen Gedanken ins Gespräch, der weit über einen Vereinszweck hinausgeht: „Wir wollen die Nähe fördern.“ Gemeint ist die Nähe zum Museum, zur Kunst und zu den Menschen untereinander.
Pierre Soulages, Vertrauen und ein Ankauf: Dr. Hermann Arnhold erzählt von seiner langjährigen Freundschaft mit Pierre und Colette Soulages, einem Atelierbesuch in Südfrankreich, einer schwierigen Preisverhandlung und drei Monaten Schweigen. Seine Freundschaft zu Soulages sei ihm so viel wert gewesen, dass er auf das Bild verzichtet hätte, wenn der Ankauf sie gefährdet hätte .
50 Jahre Kunst lebt, vom Martinus-Pokal bis Frans Snyders: Der Freundeskreis entstand aus einer ganz konkreten Situation. Ein für Münster bedeutendes Kunstwerk tauchte auf einer Auktion auf, dem Museum fehlte das nötige Geld und private Unterstützung half weiter. Aus diesem Gedanken entwickelten sich gemeinsame Ankäufe, Kunstreisen, die Jungen Freunde, ein wachsender Freundeskreis und eine Zusammenarbeit, in der Mitglieder bis heute über Erwerbungen mitentscheiden.
Freundschaft, Reisen und ein Doppelbett im Burgund: Dass Nähe bei den Freunden durchaus wörtlich genommen werden kann, zeigt eine der schönsten Geschichten dieser Folge. Bei einer frühen Kunstreise saßen zehn, zwölf, vielleicht fünfzehn Menschen abends in und um ein Doppelbett. „Jeder brachte aus seiner Minibar mit, was er tragen konnte“, erinnert sich Matthias Lückertz. Es wurde erzählt und zitiert. Für ihn sind genau aus solchen gemeinsamen Erlebnissen Freundschaften entstanden.
Wer kann Freund der Kunst sein? Es geht auch um die Frage, wie offen ein Freundeskreis heute sein muss, um unterschiedliche Generationen und Lebenssituationen zu erreichen. Sabine Mensing spricht über die Jungen Freunde und reduzierte Beiträge, Juliane Wessels über Wachstum und persönliche Nähe, Matthias Lückertz über die Vernetzung von Freundeskreisen und Hermann Arnhold über das Vertrauen zwischen Museum und seinen Unterstützer:innen.
Frans Snyders und der Lebensgenuss: Zum 50-jährigen Bestehen engagieren sich die Freunde für den Ankauf von Frans Snyders’ Knabe in der Vorratskammer. Das Gemälde befindet sich seit 1959 als Dauerleihgabe im Museum und soll dauerhaft für die Sammlung erhalten werden. Hermann Arnhold spricht im Podcast über die Sinnlichkeit dieser Malerei.
Freunde des Museums für Kunst und Kultur Münster e.V.
Domplatz 10, 48143 Münster
1976 gegründet, feiern die Freunde 2026 ihr 50-jähriges Bestehen unter dem Motto „Kunst lebt“. Heute gehören dem Freundeskreis mehr als 1.600 Mitglieder an.
www.kunstlebt.org
Kunst braucht Freunde: Frans Snyders, „Knabe in der Vorratskammer“
Informationen zur aktuellen Ankaufskampagne der Freunde.
Zur Ankaufskampagne
LWL-Museum für Kunst und Kultur
Domplatz 10, 48143 Münster
Bundesverband der Fördervereine Deutscher Museen für bildende Kunst e.V.
Der Bundesverband vernetzt Freundes- und Fördervereine, organisiert den Erfahrungsaustausch und vertritt ihre gemeinsamen Anliegen. Aktuell gehören ihm rund 95 Freundeskreise mit mehr als 120.000 Mitgliedern an.
Bundesverband der Fördervereine
Diese Episode entstand im Juni 2026 im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster.
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Junge Kunstfreunde im Sprengel mit Franziska Sprengel, Marie Kube und Daniel Friedt
Drei junge Freundeskreise aus Hannover, Münster und Berlin treffen sich im Sprengel Museum. Es geht darum, wie Junge Freunde arbeiten, sich vernetzen und ihre Verbindung zum Museum gestalten. Der direkte Vorläufer zu vielen Fragen, die in „Kunst lebt“ wieder auftauchen.
Junge Kunstfreunde im Sprengel hören
Provenienzforschung im LWL-Museum für Kunst und Kultur mit Eline van Dijk
Die allererste Folge von Die Leichtigkeit der Kunst entstand ebenfalls im LWL-Museum in Münster. Eline van Dijk erzählt darin von Herkunft, Sammlung und der Verantwortung, die mit Museumsbeständen verbunden ist.
Provenienzforschung im LWL-Museum hören
Dr. Tanja Pirsig-Marshall: Expressionismus und Kolonialismus im LWL-Museum
Noch einmal Münster, diesmal mit einem Blick auf Otto Mueller, Sammlungsgeschichte und die gesellschaftlichen Fragen, denen sich ein Museum heute stellt.
Expressionismus und Kolonialismus hören
Wer in Berlin lebt oder gelebt hat, kennt das mit Sicherheit: Man läuft durch einen Kiez, den man seit Jahren kennt, doch mit einem Mal fehlt irgendwo etwas, ein Hinterhof aus dem interessante Geräusche kamen, eine Tür, die immer offen war, ein Ort von dem man wusste, dass dort irgendjemand irgendetwas macht, auch wenn man selbst nie drin war. Stattdessen Neubau oder Baustelle. Die ursprünglichen Räume, die einst zur Stadt gehörten, werden seltener. Das betrifft Ateliers genauso wie Proberäume, Werkstätten, Labore, Orte an denen Gedanken entstehen und zur Form werden. Und weil Kunst und Wissenschaft beide auf solche Räume angewiesen sind, haben wir an diesem Abend auf dem Forschungscampus Dahlem darüber gesprochen, was es bedeutet, wenn diese Räume wegfallen.
In dieser Live-Episode, aufgezeichnet zur Langen Nacht der Wissenschaften 2026 auf dem Forschungscampus Dahlem und anmoderiert von Julie Nautré, Geschäftsführerin des Forschungscampus, treffen drei Perspektiven aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten und trotzdem dieselbe Grundfrage stellen: Unter welchen Bedingungen entstehen Kunst und Wissenschaft heute, und wer trägt dafür Verantwortung?
Das Gespräch fragt, wer den Raum für Kunst und Wissenschaft schafft, wer ihn sichert, und was entsteht, wenn er sich verwandelt oder zur Mangelware wird. Dieser Abend bringt eigentlich gar keine stadtpolitische Frage auf die Bühne, sondern eine viel grundsätzlichere: Was entsteht, wenn Raum für Kunst und Wissenschaft schwindet, und unter welchen Bedingungen soll das möglich sein. Am Beispiel der Uferhallen und des Tacheles wird deutlich, was auf dem Spiel steht, für Künstler:innen, Institutionen und auch für eine Stadtgesellschaft
Das Tacheles, einst für alle zugänglicher Kulturraum steht zwar noch, aber es beherbergt heute Fotografiska und 175 Eigentumswohnungen, deren Quadratmeterpreis bei durchschnittlich 15.000 Euro liegt, in der Spitze bei bis zu 31.000 Euro, die historischen Graffiti wurden erhalten. Die Uferhallen in Wedding haben seit Ende 2023 einen Generalmietvertrag mit der landeseigenen Kulturraum GmbH, dennoch müssen viele Ateliers umziehen.
Asta Gröting ist Bildende Künstlerin in Berlin, sie arbeitet mit Bildhauerei, Video, Performance und Zeichnung, oft großformatig, und hat ihr Atelier in den Uferhallen in Wedding.
Direkt nach der Wende fuhr sie nach Ostberlin und fotografierte die zerschossenen Fassaden mit einer analogen Kamera. Viele Jahre später, 2016, kehrte sie zu diesen Wänden zurück und strich Silikon darauf, Schicht für Schicht, um dieses dann abzulösen und mitzunehmen. Was sie zurückbekam, waren Abdrücke von Einschusslöchern, Graffiti und Putzresten.
Asta Gröting sagt gegen Ende des Gesprächs, auf eine Publikumsfrage hin, „das Handy sei für viele Jüngere heute auch ein Atelier, man könne es in die Tasche stecken“. Das klingt zunächst versöhnlich, ist aber eigentlich eine sehr nüchterne Beobachtung darüber, was möglich bleibt, wenn das große Format nicht mehr finanzierbar ist.
Heiner Franzen ist ebenfalls bildender Künstler – auch mit Atelier in den Uferhallen, er sammelt seit über zehn Jahren Fernsehmomente, in denen Nachrichtensprecher schweigen, also nicht die Nachrichten selbst, sondern die Sekunden dazwischen, wenn der Text aufgehört hat und der Mensch vor der Kamera einfach da ist. Seine Anchors-Serie ist in dieser Zeit gewachsen, zufälligerweise parallel zu beiden Trump-Wahlen, und er hat uns erzählt, dass er jedes Mal wenn dort politisch etwas kippt, neue Kommentare dazu bekommt. Er hat weiter einen Hausmeister namens Jürgen, auf seinen Gängen durch Häuser, die leer stehen oder gerade den Eigentümer gewechselt haben, gefilmt, einen Mann im Blaumann der prüft was übrig geblieben ist.
Heiner Franzen erklärt, was ihn an den Schweige-Momenten der Nachrichtensprecher interessiert, nämlich Präsenz als das, was direkt zwischen Menschen passiert – und das, sagt er, ist ein Seitenhieb auf die KI.
Er erzählt weiter, wie seine Studierenden in Weißensee zusätzlich zum Studium im Schnitt 25 bis 30 Stunden pro Woche arbeiten mussten, nur um ihre Miete zu zahlen – weit weg von den Bedingungen, unter denen er selbst studiert hat. Er arbeitet seit 2008 in den Uferhallen, was die längste Zeit ist, die er je in einem Raum verbracht hat, wie er selbst sagt.
Heiner Franzen sagt im Gespräch: „Kapital macht immer sauber“, ein Satz, der ganz schön nachhallt.
Prof. Dr. Patricia Rahemipour ist Direktorin des Instituts für Museumsforschung, angeschlossen an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Sprecherin des Forschungscampus Dahlem, sie ist von der Ausbildung her Prähistorikerin, was bedeutet, dass sie in Zeiträumen denkt, in denen unsere aktuelle Situation noch kaum eine Fußnote ist.
Sie erlebt aber ihrer Arbeit täglich, wo und wie sich Kunst und Wissenschaft berühren. Sie sagt, „Kunst ist etwas, was Menschsein seit Jahrhunderttausenden ausmacht, und das kann man durch Rahmenbedingungen nicht abschaffen“.
Auch spricht sie über die Bedeutung, wenn Kunst in der gesellschaftlichen Argumentation zu wenig Respekt bekommt. Sie spricht von einer Studie, die besagt: „selbst Menschen, die nie ins Museum gehen, ziehen nicht in Städte ohne Kultur, weil das für sie einfach unattraktive Städte sind“.
Der Forschungscampus Dahlem gehört zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz, einem Verbund von 25 Einrichtungen, darunter das Pergamonmuseum und die Neue Nationalgalerie. Lange galt Dahlem als zentraler Museumsstandort, was sich nach der Wende verändert hat. Dieser Ort wird nun weder als Ausstellungsfläche noch als Atelier gedacht, sondern als dritter Ort für Begegnungen zwischen Kunst und Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft betrachtet. „Ein Ort an dem auch Fehler erlaubt sind“, was Prof. Dr. Patricia Rahemipour im Gespräch ganz deutlich macht.
Forschungscampus Dahlem
Lansstraße 8, 14195 Berlin
www.forschungscampus-dahlem.de
Institut für Museumsforschung
www.smb.museum/museen-einrichtungen/institut-fuer-museumsforschung
Uferhallen Berlin
www.uferhallen.de
Diese Episode entstand im Juni 2026 live auf dem Forschungscampus Dahlem, Berlin, zur Langen Nacht der Wissenschaften 2026.
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Stefan Heyne – Kunstpodcast
Auch dieses Gespräch ist aus einem Live Talk gewachsen, und auch dort geht es um einen Raum in Berlin und darum, was Wahrnehmung mit dem Ort zu tun hat, an dem sie entsteht. Eine sehr direkte Verbindung zu diesem Abend.
Astrid Busch – Urban Utopia
Astrid Busch arbeitet mit städtischen Räumen, mit dem was bleibt oder auch entsteht wenn Nutzungen wechseln und Orte ihre Geschichte tragen. Wer nach diesem Gespräch weiterhören möchte, ist hier richtig.
Dr. Julia Wallner – Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Zu den Sternen
Im weitesten Sinne auch ein Gespräch über Kunst, Raum und Wissenschaft, über den Blick in den Weltraum als künstlerische Haltung und über einen Ort, der selbst Geschichte ist.
Swaantje Güntzel – Können Sie nicht mal was Schönes machen
Swaantje Güntzel arbeitet an der Grenze zwischen Kunst und ökologischer Realität, und fragt dabei ähnliche Fragen wie dieser Abend.
Tim Berresheim
Ein Gespräch über digitale Räume und was entsteht, wenn das Atelier keine vier Wände mehr hat. Eine perspektivische Antwort auf das, worüber Asta Gröting und Heiner Franzen in dieser Folge sprechen.
Patricia Rahemipour – Kosmos Museum
Das erste Gespräch mit Patricia Rahemipour, damals über Museen als Orte des Wissens. Wer verstehen will, wie sie denkt, hört hier rein.
Habt ihr euch schon mal gefragt, wer eigentlich die Straße gebaut hat, in der ihr wohnt? Nicht das Bauunternehmen, sondern die Idee dahinter. Warum die Häuser so aussehen, wie sie aussehen. Warum zwischen zwei Gebäuden plötzlich so viel Grünfläche ist oder aber auch so wenig. Woraus entsteht Wohnraum … aus Hoffnung, aus Not, aus politischen Überzeugungen oder vielleicht auch aus dem Willen, eine ganz andere Gesellschaft zu denken als die, die gerade existier?
Astrid Busch
Astrid Busch ist bildende Künstlerin, lebt in Berlin und reist gerne. Aber nicht so, wie wir das klassisch im Urlaub tun. Sie reist, um zu verstehen. Sie erschließt sich die Orte ihrer Wahl zu Fuß, mit der Kamera in der Hand, bis sie spürt, was einen Ort ausmacht, was ihn trägt und auch was ihn belastet. Ursprünglich wollte sie Bühnenbildnerin werden, hat eine Tischlerlehre gemacht und beim Theater gearbeitet, wo sie gelernt hat, Atmosphären mit Licht zu erzeugen. Was einst aus einem Aufenthalt in Le Havre begann, ist inzwischen eine konsequente künstlerische Auseinandersetzung mit Planstädten, Häfen und urbanen Utopien geworden. Was sie am Ende entwickelt, lässt den Ursprung oft nicht mehr erkennen. Eine Besucherin hat es nach einer ihrer Ausstellungen so beschrieben: „Hier spürt man, worum es bei diesem Ort geht, ohne es zu sehen.“
Die Aufnahme
Das Gespräch mit Astrid Busch wurde in der Kunststiftung der DZ BANK aufgenommen. Die Kunststiftung DZ BANK hat ihren Sitz in Frankfurt am Main und zeigt seit Jahren Positionen zeitgenössischer Kunst, die gesellschaftliche Fragen in den Mittelpunkt stellen. Astrid Busch zeigt in in der dortigen Ausstellung Wie wollen wir leben? ihre Arbeit Urban Utopia. Als Special Guest kommt zum Ende des Gesprächs auch Dr. Christina Leber, Geschäftsführerin & Künstlerische Leiterin der Kunststiftung DZ BANK hinzu und lässt uns an ihren Gedanken zu Wie wollen wir leben? teilhaben.
Urban Utopia
Vor hundert Jahren herrschte – wie heute auch – in den europäischen Großstädten eklatante Wohnungsnot. Der Architekt Ernst May hat in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts rund 12.000 Wohnungen gebaut, mit Licht, Luft, Sonne als Prinzip und Kleingärten als Selbstversorgung. Was damals radikal war, klingt heute immer noch aktuell. Astrid Busch hat diese Siedlungen zu Fuß auf rund 30 Kilometern erschlossen, immer mit der Kamera in der Hand, und daraus eine Installation entwickelt, die keine historische Arbeit ist, sondern eine Zeitreise zwischen vergangenen Visionen und offenen Fragen. Urban Utopia heißt die Arbeit und ist noch bis 03. Oktober in der Kunststiftung der DZ Bank in Frankfurt zu sehen.
Leichtigkeit mit Tiefgang
Astrid Busch ist für diese durch Siedlungen gelaufen, die die meisten nur aus dem Autofenster kennen. Dabei hat sie Fassaden, Licht, Grünflächen und ein Fragment des Palmengartens fotografiert. Diese hat sie im Atelier so lange überlagert und transformiert, bis daraus eine Installation wurde, die sich alle 20 Sekunden verändert. Doch die Frage dahinter verändert sich nicht: Wie wollen wir leben? Und welche Details entdecken wir in unserer Stadt, wenn wir sie zu Fuß und mit neuem Blick erkunden?
Schwerpunkte des Gesprächs
Vom Theater zur Rauminstallation: Wie aus einer Tischlerlehre, einer Stelle beim Theater und dem Zufallsglück, für freie Kunst statt Bühnenbild angenommen zu werden, ein konsequentes künstlerisches Werk entstanden ist, das bis heute vom Atmosphärischen lebt.
Astrid Busch arbeitet mit Projektionen, die sich alle 20 Sekunden verändern, mit transparenten Acrylglasobjekten auf dem Boden, die das Licht brechen und Schatten auf die Wand werfen, die an Architekturfragmente erinnern oder an menschliche Umrisse. Dr. Christina Leber, die künstlerische Leiterin der Kunststiftung, spricht im Gespräch von Gespenstern, die in der Arbeit auftauchen.
Le Havre, Mezamor, Istanbul, Frankfurt: Astrid Busch nimmt uns mit auf ihre Reisen zu Planstädten und Häfen, die einmal das Versprechen eines besseren Lebens trugen und erzählt, was davon geblieben ist und was die Gezeiten inzwischen wieder an den Strand gespült haben.
Containerschiff, Tracking-App und Emaille-Ofen – die Arbeitspraxis von Astrid Busch: vom Sammeln des Bildmaterials, Überlagerungen, digitaler Bearbeitung, bis zur Entstehung einer Komposition, die den Ausgangspunkt nicht mehr preisgibt. Und warum ihr Emaille gerade einige Nerven kostet, weil es im Ofen wie Popcorn abplatzt.
Wie wollen wir wohnen, wie wollen wir reisen: Astrid Busch reist am liebsten mit der Bahn, weil sie das Gespür für Zeit mag, das dabei entsteht.
Links & Informationen
Astrid Busch
Ausstellung: Wie wollen wir leben?
3. Juni bis 3. Oktober 2026
Kunststiftung DZ BANK, Platz der Republik, 60325 Frankfurt am Main
Diese Episode wurde im Juni 2026 in der Kunststiftung DZ Bank in Frankfurt am Main aufgezeichnet.
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Interner Klick-Tipp — drei belegbare Empfehlungen
Kunstmuseen Krefeld. Die Bar. Soziale Räume als Kunst: Katia Baudin spricht über eine Ausstellung, die fragt, was ein Ort wie eine Bar für Menschen bedeutet, die ihn gemeinsam nutzen. T
Arp Museum Bahnhof Rolandseck mit Dr. Julia Wallner. Zu den Sternen! Wer verstehen will, wie Künstlerinnen und Künstler auf Utopie reagieren, ohne sie zu illustrieren, findet hier eine schöne Parallele zu Astrid Buschs Umgang mit urbanen Visionen.
Der Blick in den nächtlichen Himmel…
Liebt ihr diesen Moment auch so sehr, wenn ihr nachts nach oben in den Himmel schaut und plötzlich fühlt sich alles still und vollkommen an? Keine To-do-Liste, keine erschreckenden Nachrichten, kein Gewusel. Nur Sterne und eine Weite, die uns kurz aus allem herausnimmt. Seit weit mehr als hundert Jahren entsteht aus diesem Sehnsuchtsgefühl Kunst.
Dr. Julia Wallner ist Direktorin des Arp Museums Bahnhof Rolandseck. Aufgewachsen in einem 300 Jahre alten Fachwerkhaus in der Nähe von Stuttgart, mit einer Künstlerin als Mutter. Wie aus dieser Kindheit eine kuratorische Haltung wird und warum Jenny Holzer darin eine entscheidende Rolle spielt, davon erzählt sie in dieser Folge.
Der Bahnhof Rolandseck war einmal Endstation einer der frühesten Bahnstrecken Deutschlands, direkt am Rhein, mit Blick auf das Siebengebirge. Der Bonner Galerist Johannes Wasmuth hat ihn in den 1960ern vor dem Abriss gerettet. Zero hat hier sein Abschiedsfest gefeiert. Uecker, Richter und Polke haben hier gearbeitet. Und Richard Meier hat 2007 einen Neubau ans Ufer gestellt, der aussieht, als hätte er sich gerade eben dafür entschieden, abheben zu wollen. Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck ist die größte museale Sammlung von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp außerhalb der Schweiz.
Menschen haben den Blick in den Weltraum immer gesucht: als Sehnsucht, als Utopie, als Flucht, als Spielwiese für die kühnsten Ideen. Die Ausstellung „Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“ im Arp Museum Bahnhof Rolandseck versammelt diese Blicke von den 1820ern bis heute, von Mondgedichten bis zu einer echten Funkstation, die gerade jetzt Kunst in den interstellaren Raum sendet.
Hans Arp hat zwei Weltkriege erlebt, den Tod seiner Frau betrauert und hat trotzdem immer wieder mit Leichtigkeit und Poesie reagiert. Julia Wallner sagt im Gespräch, das komme aus seiner tiefen Liebe zur Welt, der Ausdruck sei dabei leicht. Und das ist sicherlich etwas, weswegen wir die Kunst so faszinierend empfinden: für ganz komplexe Zusammenhänge ganz leichte Formen finden.
Dr. Julia Wallners Weg zur Kunst: Von einem 300 Jahre alten Fachwerkhaus, einer Künstlerin als Mutter und Jenny Holzers Aphorismen – wie wird aus einer persönlichen Geschichte eine kuratorische Haltung?
Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp: Warum Sophie eher analytisch dachte und Hans eher spielerisch agierte – und was Ellsworth Kelly noch im hohen Alter über Sophies Einfluss auf sein Werk sagte.
Die Ausstellung Kapitel für Kapitel: Von Björn Melhus‘ apokalyptischem Video im Eingangsschacht über Katharina Sieverdings DIE SONNE UM MITTERNACHT SCHAUEN (RED) bis zu Mona Schulzeks Raumkapsel im Außengelände: Dr. Julia Wallner führt durch alle Kapitel der Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck und erklärt, was die Werke miteinander und auch mit der Gesellschaft verbindet.
Humor als kosmisches Prinzip: Sylvie Fleurys erschöpfte Rakete, John Wood und Paul Harrisons gelangweilte Astronauten auf dem Mond, Hans Arps Milchstraßenträne und warum Leichtigkeit keine Oberflächlichkeit bedeutet.
Ausstellung:
Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne
10. Juli 2026 – 10. Januar 2027
Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Hans-Arp-Allee 1, 53424 Remagen
www.arpmuseum.org
Katalog:
Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln
ISBN 978-3-7533-1014-5
Diese Episode entstand im Juli 2026 am Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen.
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Rupprecht Geiger – Farbfeldmalerei, Rot und Archivarbeit
Fast exakt ein Zeitgenosse von Hans Arp, genauso konsequent in der Suche nach einer elementaren Bildsprache – nur in der reinen Farbe statt in der organischen Form.
dieleichtigkeitderkunst.de/rupprecht-geiger-emil-schumacher-museum
Alfred Ehrhardt – Fotograf, Filmemacher und Bauhäusler
Bauhäusler, Naturbeobachter, Formensucher — wer Arps kosmische Formen versteht, findet in Ehrhardt die fotografische Parallele.
Birte Bosse & Thomas Rentmeister – Ateliergespräch
Ein Künstlerpaar, die zusammenleben und arbeiten, sich gegenseitig schärfen und trotzdem vollständig eigene Positionen entwickeln, das zeitgenössische Gespräch zu dem, was bei den Arps Kunstgeschichte ist.
Die Kunst der Nachlassverwaltung – Dr. Loretta Würtenberger
Dr. Loretta Würtenberger verwaltet den Nachlass von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp.
Wir tracken inzwischen fast alles: Schlaf, Schritte, Herzfrequenz und Produktivität. Wir wollen wissen, ob wir besser geschlafen haben als gestern – und zwar in Zahlen. Wir beschildern und benennen gerne. Als wäre ein Gefühl erst real, wenn es messbar und benennbar ist.
Stefan Heyne findet das interessant. Und auch ein bisschen komisch. Nicht weil er dagegen ist, sondern weil er sich fragt, was wir dabei eigentlich suchen. Sicherheit? Orientierung? Das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben? Und gleichzeitig: Was passiert mit dem, was sich dieser Skalierung entzieht?
Er nennt Abstraktion eine hilflose Kategorie. Und meint damit nicht die Kunst, sondern die Art, wie wir mit dem Unbegreiflichen umgehen. Freiheit, sagt er, beginnt dort, wo wir aufhören zu skalieren, zu beschildern, zu benennen. Ich freue mich sehr über diesen Artist Talk, der weit über das fotografische Handwerk hinausgeht, und einen fast schon philosophischen Charakter trägt.
Zu Gast: Stefan Heyne
Stefan Heyne ist Fotograf und Bühnenbildner, geboren 1965 in Brandenburg an der Havel, lebend und arbeitend in Berlin. Er fotografiert seit Jahren in der Dämmerung den Himmel aus Flugzeugfenstern. Seine Werke sind ohne klare-erkennbares Motiv, es gibt keinen Vordergrund und auch keinen offensichtlichen Halt. Seine Bilder wirken grenzenlos.
Was ihn antreibt, ist keine Ästhetik um ihrer selbst willen, sondern eine tiefe Skepsis gegenüber dem, was wir für selbstverständlich halten: dass Benennen Verstehen bedeutet, dass Kategorien die Wirklichkeit beschreiben, dass Skalierung Orientierung schafft. Er nennt Abstraktion eine „hilflose Kategorie“ und meint damit nicht die Kunst, sondern die Art, wie wir mit dem Unbegreiflichen umgehen.
Haus Loewy, Berlin-Zehlendorf
Das Haus Loewy in der Onkel-Tom-Straße ist ein Frühwerk von Richard Neutra, 1923 gebaut, Teil des nie vollendeten Ensembles „Sommerfelds Aue“ und an dem Maiwochenende des Gallery Weekends 2026 erstmals öffentlich zugänglich. Es ist ein Haus, das Grenzen aufhebt: zwischen Innen und Außen, zwischen Architektur und Natur, zwischen Wohnen und Denken.
Stefan Heyne hat eigens für jeden Raum dieses Hauses eine Arbeit geschaffen. Nicht neue Aufnahmen, aber neue Entscheidungen: welche Größe, welches Format, ein- oder mehrteilig. Das Ergebnis ist ein fein abgestimmtes architektonisches und farbintensives Gesamtkunstwerk, dass zum denken, träumen und zum ästhetischen Genuss einlädt.
Wo beginnt Freiheit?
Wir leben in einer Zeit, in der alles sofort einen Namen braucht. Ein Label, eine Kategorie, einen Hashtagname. Tracking, Scanning, Optimieren und gerne auch Vergleichen. Wir messen den Schlaf, die Schritte, den Puls, die Temperatur, die Zeit und immer auch die Produktivität. Und fragen uns beim Blick auf die Uhr, ob wir besser geschlafen haben als gestern.
Stefan Heyne dreht diese Bewegung um. Er fragt, was geschieht denn wirklich, wenn wir aufhören zu skalieren. Was entsteht, wenn wir die Koordinaten weglassen. Ob Freiheit vielleicht genau dort beginnt, wo die Vorstellungskraft an ihre Grenze stößt. Das klingt philosophisch, ist aber erstaunlich nah am Alltag bzw. nah an der Frage, warum wir uns bei so viel Sicherheit so unsicher fühlen. Und was Schönheit damit zu tun haben könnte.
Der Leichtigkeit mit Tiefgang Moment
Ein Satz in diesem Gespräch bringt alles auf den Punkt: „Leichtigkeit ist das Verschwinden in der puren Gegenwart.“ Stefan Heyne sagt das fast beiläufig und als Antwort auf die letzte Frage. Was er damit meint, erfahrt ihr natürlich in dieser Folge.
Die Schwerpunkte des Gesprächs
Links & Informationen
Stefan Heyne: www.stefan-heyne.de
Edition MOTIV: erhältlich über den Künstler und den Wasmuth Verlag
Casa Chroma, Gallery Weekend Berlin 2026: @heyneheyne / @yourberlinagent
Haus Loewy, Onkel-Tom-Straße 87, 14169 Berlin
Diese Episode wurde im Mai 2026 in Berlin aufgezeichnet.
Folgen, die dazu passen
Wer dieses Gespräch gehört hat und weiterhören möchte, dem empfehle ich gerne folgende Episoden:
Stefan Heyne über Abstraktion (2021)
Der erste Teil eines Gesprächs, das nun fünf Jahre später weitergeht. Wer verstehen möchte, wie Stefan Heynes Denken begonnen hat, fängt am besten mit dieser Episode an.
Gottfried Jäger und die Generative Fotografie
Fotografie nicht als Abbild, sondern als System aus Licht, Struktur und Entscheidung. Gottfried Jäger beschreibt Bildproduktion, die Regeln hat und genau dadurch Freiheit ermöglicht.
Rupprecht Geiger im Emil Schumacher Museum
Wer mehr über Farbe als eigenständige Sprache hören möchte, empfehle ich die Folge mt Julia Geiger und Rouven Lotz.
Jenny Brosinski, Ina Gerken & Adrian Schiess – im Dialog mit Helen Frankenthaler
Drei Künstlerinnen und Künstler über Farbe, Freiheit und das Vertrauen ins Material.
Alfred Ehrhardt: Fotograf, Filmemacher und Bauhäusler
Alfred Ehrhardt hat Strukturen, Oberflächen und Licht, die sich ebenfalls dem Benennen entziehen, fotografiert. Eine direkte Linie zu Stefan Heynes Frage, was Fotografie eigentlich kann und was nicht.
Rudolf Zwirner über Freiheit, Verantwortung und Kunstgeschichte
Rudolf Zwirner sagt in diesem Gespräch einen Satz, der sich festsetzt: „Freiheit muss man immer benennen – Freiheit von was? Sonst ist es nur ein Wort.“
Stefan Heyne und Claudia Linzel, Foto: Thomas Blumrich
Stell dir vor, du signierst ab heute alles: jede E-Mail, jede Nachricht, jeden Brief… nur noch mit deinem Vornamen. Kein Nachname. Kein Titel. Was würde das über dich sagen? Vermutlich, dass du dir ziemlich sicher bist, wer du bist und dass du eine Marke bist.
Rembrandt Harmensz van Rijn hat genau das im Jahr 1632 getan. Er war 26 Jahre alt, gerade aus Leiden nach Amsterdam gezogen, in eine Stadt, die sich in wenigen Jahrzehnten von einer Kleinstadt zur größten Metropole Europas verwandelt hatte. Und er hat nur mit seinem Vornamen unterschrieben: Rembrandt.
Was dann passierte, ist Kunstgeschichte aber auch Unternehmensgeschichte und vielleicht auch ein bisschen unsere Geschichte.
Dr. Justus Lange ist Kunsthistoriker und Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister bei Hessen Kassel Heritage. Sein erster echter Rembrandt-Moment? Ein Seminar in Würzburg, ein Referat über den Jakobssegen sowie eine zwanzigminütige Diskussion darüber, ob Josef die Hand des sterbenden Vaters stützt oder wegzieht. Rembrandt lässt es offen. Das hat Justus Lange nie losgelassen.
Marina Heß ist Kunsthistorikerin und Mitkuratorin der Ausstellung. Sie hat sich schon früh für die Kunstgeschichte entschieden. Was sie an den Alten Meistern fesselt: nicht die ehrwürdige Distanz, sondern die überraschende Nähe. Wie Rembrandt Lichtreflexe einfängt. Wie Oberflächen leuchten. Wie Fragen von damals plötzlich die Fragen von heute sind.
Wer bei Kassel sofort an die Documenta denkt, liegt selbstverständlich völlig richtig. Aber im Schloss Wilhelmshöhe befinden sich Rembrandts, Rubens, Dürers. Drei Gemälde von Rembrandt sogar aus dem Jahr 1632 allein aus der eigenen Sammlung. Darunter eines, das lange Zeit als nicht von Rembrandt galt – bis die Forschung eines Besseren belehrt wurde. Der Ort hat also selbst eine Geschichte mit diesem Künstler.
Die Sonderausstellung „Rembrandt 1632 – Entstehung einer Marke“ stellt die Frage, wie ein 26-jähriger Maler in einem einzigen Jahr seinen Namen zur Marke machte – und was das über Kunst, Strategie und Originalität bedeutet, damals wie heute.
Rembrandt hat sich selbst so oft gemalt wie kaum ein anderer Künstler seiner Zeit. Mit verschatteten Augen, aufgerissenem Mund, im Kostüm, im Alltag. Heute würden wir das Selfie nennen und sofort wegretuschieren, was uns nicht gefällt. Rembrandt hat das Dunkel stehen lassen. Was sagt das über Gestern wie Heute sowie den Unterschied zwischen Selfie und Selbstporträt?
· Die Marke Rembrandt sowie Rembrandt 1632 – Entstehung einer Marke
· Der Einfluss des Kunsthändlers Hendrick Uylenburgh: Netzwerker, Verleger, erster Agent.
· Die Geschichte von Saskia, Rembrandts erster Frau
· Die Anatomie des Dr. Tulp
· Original, Kopie und Satellit
Ausstellung:
Rembrandt 1632 – Entstehung einer Marke
8. Mai – 9. August 2026
Schloss Wilhelmshöhe, Kassel
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Die Episode Rembrandt 1632 entstand im Mai 2026 im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel.
Wenn dich Alte Meister, Werkstattpraxis und die Frage interessiert, was Kunst über unsere Zeit erzählt:
A European Collection – Meisterwerke aus Kyjiw in Deutschland — Rubens, Bellotto, Bosch, Canova: 73 Werke aus dem Khanenko Museum Kyjiw, erstmals in Deutschland zu sehen. Mit Dr. Thomas Schauerte, Christian Schad Museum Aschaffenburg.
Rachel Ruysch – Natur, Malerei und Sichtbarkeit — Eine Malerin des Goldenen Zeitalters, deren Werk Fragen nach Sichtbarkeit und Sammlung stellt, die heute so aktuell sind wie damals.
Die Malkunst – Vermeer, Bruegel, Caravaggio und Rubens im KHM Wien — Mit Daniel Uchtmann im Kunsthistorischen Museum Wien: Alte Meister im Dialog mit der Gegenwart.
Purple Path Chemnitz – Was macht Kunst mit einer Stadt? — Mit Alexander Ochs und Silke Franzl über Kunst im öffentlichen Raum und Stadtidentität.
Kunst- und Skulpturenweg Purple Path mit Alexander Ochs & Silke Franzl · Hartmannfabrik Chemnitz · Kulturhauptstadt Europa 2025
Was macht einen Ort zu dem, was er ist?
Nicht die Sehenswürdigkeiten und auch nicht die Statistiken, sondern die Geschichten, die die Menschen dort über sich selbst erzählen. Und natürlich die Frage, wer diese Geschichten eigentlich erzählt. Genau das ist der Kunst- und Skulpturenweg Purple Path. Der Purple Path erzählt Geschichte und Geschichten, die das Leben schreibt.
Wusstest du zum Beispiel, dass bereits im 15. Jahrhundert der erste Bergarbeiterstreik stattfand? Die Skulptur Coin Stacks von Sean Scully weckt Erinnerungen daran, weil sie übereinander-gestapelten Münzen ähnelt. Die Anwohner reagierten darauf, indem sie mit kleinen Spardosen die Form der Skulptur nachbauten.
Oder wie schaffen es Kunst und Kirche, einer Eisverkäuferin zum besten Jahresumsatz seit 20 Jahren zu verhelfen? Mit einer Installation von Rebecca Horn.
Also: auf dem Weg entlang der 250 km des Kunst- und Skulpturenwegs Purple Path findet Kunst weder auf dem Podest noch im Museum statt, sondern mitten in der Landschaft, im Alltag und auch mal im Geröll einer ehemaligen Bergbauhalde.
Der Purple Path ist eines der großen bleibenden Projekte der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025. Der Skulpturenweg mit über 50 Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler zieht sich wie ein symbolisches Band durch 38 Kommunen in einer Region mit intensiver Geschichte. Er macht durch Gegenwartskunst sichtbar, was längst da ist und verleiht einer Region eine neue Sprache, mit der sie sich selbst erzählen kann. Ein Modell, das weit über das Erzgebirge hinausweist: für jede Region, in der Bergbau, Handwerk, Industrie und Umbruch zur DNA gehören.
ALEXANDER OCHS — KURATOR
Alexander Ochs hat zwanzig Jahre zwischen Berlin und Beijing gearbeitet, eine Galerie geleitet und Ausstellungen in Museen und außerhalb des Kunstmarkts kuratiert. Als er eingeladen wurde, für das Programm der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025, ein Kunstprojekt in der Kulturhauptstadtregion zu entwickeln, fuhr er mit öffentlichen Verkehrsmitteln und manchmal auch mit dem Fahrrad von Ort zu Ort, saß in Meetings mit Bürgermeistern, arbeitete mit Bergmannskapellen und Bergbrüderschaften zusammen und hörte zu. Er hat Kunst nicht einfach zugeteilt, er hat sie gemeinsam mit den Menschen vor Ort und den Künstler:innen zu einem Storyteller gemacht.
SILKE FRANZL — BÜRGERMEISTERIN VON EHRENFRIEDERSDORF
Silke Franzl ist in der Bergstadt Ehrenfriedersdorf aufgewachsen, wo man sich noch heute mit „Glück auf“ begrüßt. Ihr Vater war Bergmann, ihre Brüder auch. Als Bürgermeisterin einer der 38 Kommunen der Kulturhauptstadtregion hat sie das große gemeinsame Projekt Chemnitz 2025 von Anfang an mit großem Engagement unterstützt. Denn für sie ist klar: Kunst und Kultur braucht der Mensch genauso wie die Luft zum Atmen.
Aufgenommen wurde diese Episode in der Hartmannfabrik in Chemnitz, eine ehemalige Fabrikhalle des Chemnitzer Lokomotivenbauers Richard Hartmann. Im Stadtentwicklungsprogramm von Chemnitz 2025 saniert, erinnert das historische Gebäude an die bedeutende Industriegeschichte der Stadt. Heute ist die Hartmannfabrik Sitz der Chemnitz 2025 gGmbH und Veranstaltungsort.
Anhand der folgenden von Alexander Ochs besprochenen Werke zeigt sich, welche Wirkung der Purple Path entfaltet: Internationale Gegenwartskunst aktiviert tradierte Geschichten, zeitgenössische Skulptur macht Industrie- und Bergbaugeschichte sichtbar, lokale Erinnerung erzeugt globale Reichweite. Für jedes Kunstwerk wurde ein Ort gefunden, an dem es sich besonders guteinfügt.
Carl Emanuel Wolff – Wildschweine · Ehrenfriedersdorf
Mitten im Geröll der ehemaligen Bergbauhalde, dem heutigen Museum Zinngrube, stehen drei Bronzeskulpturen. Genau dort, wo der Sage nach Wildschweine einst mit ihren Rüsseln Zinnerze freischubberten und die Geschichte der Stadt begann. Der Künstler bestätigte zum ungewöhnlichen Standort der Skulpturen: „Die stehen genau richtig da.“
Nevin Aladağ – Color Floating · Zwönitz
Designlampen sind mit Strumpfhosen bespannt, die jährlich gewechselt werden – in der ortsansässigen Falke-Strumpffabrik. Die Textilindustrie hat im Ort eine über 100-jährige Tradition. Über die Arbeit von Nevin Aladağ ist eine dauerhafte Kollaboration zwischen Kunst und Wirtschaft entstanden.
Sean Scully – Coin Stack 2 · Schneeberg
Übereinandergestapelte bronzene Scheiben, die an Münzen erinnern, verweisen auf den ersten dokumentierten Bergarbeiterstreik der Geschichte, stattgefunden im 15. Jahrhundert in dieser Region. Nach der Einweihung des Kunstwerks begannen Bewohner, kleine Spardosen in derselben Form zubauen.
Rebecca Horn – The Universe in a Peral Hospitalkirche · Hospitalkirche St. Georg Lößnitz
25.000 begeisterte Besucherinnen und Besucher aus nah und fern, betreut von Freiwilligen aus der Stadt. Eine Eisverkäuferin aus Lößnitz sagte: Ich habe so viel Eis verkauft wie in den letzten 20 Jahren nicht.
Tony Cragg – Stack · Aue-Bad Schlema
Stack steht zwischen 21 nummerierten Schächten des ehemaligen Wismut-Uranabbaugebiets. Die übereinandergeschichteten Formen der Skulptur spiegeln die aufgeworfene Erde des Kurparks. Ein Ort, der nach 1946 vollständig zerstört und erst Ende der 1990er Jahre revitalisiert wurde. Cragg hatte nie zuvor eine Skulptur auf so einer freien Fläche platziert.
James Turrell – Beyond Horizons 2025 · Oelsnitz / Erzg.
Eine für Europa einzigartige Lichtarbeit, integriert in eine besondere Industriearchitektur. Turrell programmierte für diesen Ort Lichtkompositionen, die er bis dahin noch nie realisiert hatte: alle fünf Minuten ein Wechsel zwischen ruhigen Farbfeldern und einem Aufreger. Ein Kommentar auf die unruhige Geschichte des Ortes.
Olaf Holzapfel – Zwei in ein anderes Gewobene · Dittersdorfer Höhe in Amtsberg
Zwei ineinander gewobene Strukturen, entstanden aus Holzapfels Beschäftigung mit historischen Vermessungstürmen der Region. Orte, an denen im 19. Jahrhundert Vermessungspunkte durch Türme in die Höhe verlängert wurden. Holzapfel wuchs in Dresden auf und kannte diese Türme aus seiner Kindheit.
Friedrich Kunert – Include me out · Thalheim
Im Buntsockenpark steht eine bronzene Skulpturengruppe. Die stilisierten Fichten bilden einen Kreis und sind auch ein stiller Kommentar zum Fichtensterben durch Klimawandel und Käferbefall, der weite Teile des Erzgebirges betroffen hat.
Frank Maibier – Ornamente · Lichtenau
Acht übereinandergestapelte, quadratische Formen, die an handgeschmiedete DDR-Gartenzäune erinnern, umgesetzt von einer Schlossermeisterin aus der Gemeinde. Die Skulptur steht am Ortseingang auf einem Parkplatz und gibt Lichtenau, einer Gemeinde ohne historisches Zentrum, einen neuen Treffpunkt.
Gregor Gaida – Polygonales Pferd II · Gahlenz in Oederan
Eine Arbeit, um die es mehr Diskussion gab als um jede andere entlang des Purple Path. Das Ergebnis: Das Dorfmuseum in unmittelbarer Nachbarschaft der Skulptur konnte sich vor Besucherinnen kaum retten.
Alexander Ochs erzählt, wie er als Kurator des Purple Path ohne Blaupause und mit dem Fahrrad von Ort zu Ort fuhr. Silke Franzl erklärt, warum sie die Wildschweine zuerst nicht im Geröll haben wollte. Und warum sie heute froh ist, dass sie sich überstimmen ließ.
Wir sprechen über den ersten Bergarbeiterstreik der Geschichte. Über Arbeiterinnen einer Strumpffabrik. Über einen Mann in Oelsnitz, der im Kohlebergbau gelernt hat, abgewickelt wurde und jetzt auf die Kunst aufpasst, die in seiner alten Schmiede steht.
Und wir sprechen über die Frage, was es bedeutet, wenn zeitgenössische Kunst einen politischen Prozess in Gang setzt, der Region und Industriegeschichte wieder in den Blick rückt.
„Glück auf“ ist der traditionelle Bergmannsgruß. Der Gruß entstand im sächsischen Erzgebirge gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Er ist eine Einkürzung der längeren Formel: „Ich wünsche Dir Glück, tu einen neuen Gang auf“ – also die Hoffnung, dass sich Erzgänge auftun und die Arbeit der Bergleute zu einem Lohn führt. Verbunden ist damit der Wunsch nach der Schicht gesund wieder ans Tageslicht zurückzukehren.
Purple Path
Chemnitz 2025
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Diese Episode entstand im April 2026 in der Hartmannfabrik in Chemnitz
Wenn dich der Blick auf Skulpturen und Kunst im öffentlichen Raum interessiert:
Konschthal Esch – Wie Kunst eine Stadt verändert
Denkmal – Spuren im Stadtraum
Skulptur, Plastik oder Objekt
Stellt euch einen Raum vor, in dem Friede und Krieg gleichzeitig sichtbar sind. Auf der einen Seite Antonio Canovas Marmorplastik La Pace – entstanden 1815, nach Jahrzehnten des Krieges, als ein Ausdruck des Ideals. Auf der anderen Seite eine Skulptur der ukrainischen Künstlerin Maria Kulikovska aus ihrer Serie Shot Figures.
Diese Konstellation steht im Zentrum der Ausstellung A European Collection im Christian Schad Museum in Aschaffenburg. Rund 70 Meisterwerke aus dem Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum in Kyjiw sind dort erstmals in Deutschland zu sehen. Werke von Peter Paul Rubens, Bernardo Bellotto, Jacob Jordaens, aus den Werkstätten von Hieronymus Bosch und Rembrandt. Das Museum hat dafür seine eigene Sammlung ins Erdgeschoss zurückgenommen und zwei Etagen für eine Sammlung geöffnet, die aus einem Kriegsgebiet hierher gekommen ist.
Dr. Thomas Schauerte ist Direktor der Museen der Stadt Aschaffenburg und Kunsthistoriker mit Schwerpunkt auf Albrecht Dürer und der frühen Neuzeit. Er hat das Christian Schad Museum mit eröffnet und leitet es seit 2022. Sein persönlicher Schad-Moment? Nicht eines der Portraits, mit denen Christian Schad in den 1920er Jahren berühmt wurde. Sondern das Kind im Gras, das ein kleines Mädchen in einer Blumenwiese zeigt, gemalt aus einer Froschperspektive: Der Betrachter liegt gedanklich auf dem Bauch, das Kind sitzt aufrecht, und sein Blick geht in eine Ferne, die sich dem Betrachter entzieht. Technisch ganz nah an den alten Meistern: Lasur über Lasur, dieselbe Präzision, die auch Dürer auszeichnet. Für Schauerte ist genau das die Verbindung.
Das Christian Schad Museum öffnete 2022, getragen von der Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg, gegründet durch Bettina Schads, die den gesamten künstlerischen Nachlass ihres Mannes der Stadt hinterlassen hat. Schauerte beschreibt, wie Christian Schad 1942 durch einen Porträtauftrag nach Aschaffenburg kam und wie Bettina Schad resolut das gesamte Atelier aus dem bombenbedrohten Berlin in Sicherheit brachte – eine Geschichte, die in dieser Folge eine unerwartete Parallele zur Gegenwart bekommt.
Bohdan und Varvara Khanenko haben auf ihrer Hochzeitsreise in Italien begonnen, Kunst zu kaufen – und hörten nicht mehr auf. Über 40 Jahre sammelten sie europäische Alte Meister, islamische Kunst, ostasiatische Objekte, ukrainische Ikonen. Schauerte beschreibt das Paar als kongenial, betont aber auch die Rolle von Varvara Khanenko, die nach dem Tod ihres Mannes mitten im Ersten Weltkrieg die Sammlung durch Revolution und Beschlagnahmung manövriert hat. In den 1920er Jahren wurde der Name Khanenko aus dem Museumstitel gestrichen. 1999 kehrte er zurück.
Schauerte erzählt auch, wie die Idee zur Ausstellung A European Collection entstand: strenge Geheimhaltung bis zum Abschluss aller Transporte im Januar 2026. Das Schloss Johannisburg, der eigentlich geplante Ausstellungsort, schied wegen Versicherungs- und Sicherheitsanforderungen aus und das Christian Schad Museum, 2022 mit allen notwendigen Standards eröffnet, bewies sich als optimaler Ausstellungsort für A European Collection.
Die Ausstellung A European Collection versammelt Werke, die vor Jahrhunderten entstanden sind, und die mit Blick auf unsere gegenwärtige Situation eine besonders zeitgenössische Sprache sprechen. Rubens’ Ölskizze für den Flussgott der Schelde, entstand 1615 – eine Zeit, in der die Schelde-Mündung von den Niederländern blockiert war, was den Handel behinderte. Das Bild drückt unter anderem die Hoffnung auf Wiederbelebung des Handels und Wohlstands aus. Bellottos Architekturkapriccio zeigt Ruinen mit der Genauigkeit eines Dokumentaristen – es wirkt, wie eine Hoffnung, dass wir eingenommene Städte nicht irgendwann so betrachten werden. Boschs Triptychon der Versuchung des heiligen Antonius wurde zum Plakatmotiv der Ausstellung gewählt: Die bizarren Gestalten, die durch den düsteren Himmel zischen, erinnern unweigerlich an eineen Drohnenkrieg. Jordaens’ großformatiges Gemälde von Amor und Psyche verkörpert die zauberhafte Empfindung einer ersten Begegnung. Am Ende der Ausstellung steht Canovas La Pace – Der Friede – aus dem Jahr 1815, entstanden nach den Napoleonischen Kriegen als Vergegenwärtigung eines ersehnten Zustands. Daneben eine Arbeit von Maria Kulikovska, die Körper zeigt, die vom Krieg gezeichnet sind.
• Christian und Bettina Schad
• Wie das Christian Schad Museum 2022 entstand – und was Bettina Schad damit zu tun hat
• Die Entstehung der Ausstellung A European Collection: Geheimhaltung, Transporte aus dem Kriegsgebiet, der Stadtrat
• Bohdan und Varvara Khanenko – ein Sammlerpaar mit langem Atem und klarer Haltung
• Die Geschichte des Khanenko Museums: Schenkung, Enteignung, Raub, Umbenennung, Rückgewinnung
• Canova und Kulikovska: Frieden als Ideal und Frieden als Wunde
• Rubens, Bellotto, Jordaens, Bosch, Rembrandt – Bilderklärungen, Anekdoten und was diese Bilder heute sagen
• Warum dieses ein Krieg der Kulturen ist
Museum / Institution
Christian Schad Museum Aschaffenburg
www.museen-aschaffenburg.de
Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum, Kyjiw
www.khanenko.museum
Ausstellung
A European Collection – Meisterwerke aus dem Khanenko Museum Kyjiw im Christian Schad Museum Aschaffenburg
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Hinter den Kulissen
Diese Episode entstand als persönliches Gespräch vor Ort in Aschaffenburg im April 2026.
Interner Klick-Tipp
• Rachel Ruysch | Natur, Malerei und Sichtbarkeit | Dr. Bernd Ebert & Dr. Alexander Kunkel | Munich HIGHLIGHTS
• Die Malkunst | KHM Wien
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