Tobias Klein arbeitet am Zentrum für Informations- und Medientechnologie an der Universität Siegen und ist gegenwärtig Vorsitzender des Personalrats.
Was seine Schwerhörigkeit für seine Arbeit bedeutet, auf welche Hilfsmittel er zurückgreift, was ihm in Gesprächen hilft den roten Faden zu verlieren und was er im Zweifelsfall macht, wenn er doch verloren geganegen ist, schildert er in dieser Folge.
Zusammenfassung:
Cochlea-Implantate als technologische Basis
Klein nutzt Cochlea-Implantate, die sich fundamental von herkömmlichen Hörgeräten unterscheiden. Bei diesem Verfahren wird eine Empfängerspule mit einem dünnen Elektrodendraht chirurgisch implantiert, der direkt in die Cochlea eingeführt wird. Die Stimulation erfolgt elektronisch, nicht über Luftschall – es wird gewissermaßen ein Sinnesorgan ersetzt. Diese Technologie kommt zum Einsatz, wenn konventionelle Hörgeräte keine ausreichende Sprachverständlichkeit mehr bieten. Seine Einsilberverständlichkeit stieg von 15 auf 60 bis 70 Prozent, was er als erheblichen Fortschritt bewertet.
Technische Infrastruktur im Arbeitsalltag
Für Videokonferenzen bereitet Klein sein Equipment 5 bis 10 Minuten vor: Ein Bluetooth-Pen muss mit dem System gekoppelt werden, um Audiosignale direkt in die Implantate zu übertragen. Dieser Prozess ist nicht immer reibungslos und erfordert zusätzliche Zeit. Neben dem Pen nutzt er herkömmliche, voll umschließende Kopfhörer als ergänzendes System. Diese sind schneller einsatzbereit und bei Telefonaten zuverlässiger. In lauten Umgebungen bieten sie zudem Noise-Canceling, das der Bluetooth-Pen nicht unterstützt. Klein kombiniert beide Technologien je nach Situation – bei Videokonferenzen dienen die Kopfhörer als Backup für zwischenzeitliche Anrufe. Keine der Technologien ist grundsätzlich überlegen; die Wahl hängt vom konkreten Kontext ab.
Kognitive Belastung und kommunikative Strategien
Die Arbeit mit Schwerhörigkeit erfordert generell erhöhte kognitive Anstrengung. Das Gehirn arbeitet kontinuierlich daran, aus teilweise unvollständigen Sprachsignalen sinnvolle Sätze zu konstruieren, was zu Nachlaufzeiten führt. In etwa 90 Prozent der Fälle gelingt die Kommunikation gut, doch in den verbleibenden 10 Prozent entstehen erhebliche Missverständnisse mit vollständig falscher Interpretation von Inhalten.
Automatische Untertitel und KI-gestützte Unterstützung
Die Entwicklung automatischer Untertitel hat sich durch KI-Fortschritte grundlegend verbessert. Besonders für gehörlose Menschen ohne klassische Sprachentwicklung eröffnen sie neue Teilhabemöglichkeiten, die vor einem Jahrzehnt kaum realisierbar gewesen wären. Klein selbst kombiniert Untertitel mit Lippenlesen – eine seit frühester Kindheit eingeübte Praxis, die die akustische Wahrnehmung erheblich ergänzt. Kritisch ist die Synchronisation von Audio und Video: Verzögerungen über 50 Millisekunden erschweren die Zuordnung von Lippenbewegungen zu Sprache erheblich.
Datenschutz versus Inklusion
Ein zentrales Spannungsfeld betrifft den Datenschutz. Klein positioniert sich klar auf der Seite der Inklusion: Überzogener Datenschutz behindere praktisch die Teilhabe, wenn er den Zugang zu notwendigen Unterstützungstechnologien verhindere.
Barrierefreiheit an Hochschulen: Pragmatik vor Perfektion
In seiner Rolle im Personalrat und der Schwerbehindertenvertretung hat Klein Studierende mit Hörbeeinträchtigungen unterstützt. Statt auf langfristige, technisch aufwendige Lösungen wie Induktionsschleifen zu warten, setzte er auf einfache, schnell umsetzbare Maßnahmen.
Zukunftsperspektiven: Auracast
Als vielversprechende Entwicklung nennt Klein Auracast, ein standardisiertes digitales Bluetooth-System für Funkübertragung über größere Entfernungen. Im Gegensatz zu analogen Induktionsschleifen oder Infrarotsystemen ermöglicht es eine digitale Übertragung zu Empfängern. Systeme mit 200 bis 300 Millisekunden Delay erzeugen störende Echos und seien unbrauchbar.