Fotomenschen

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By Dirk PrimbsHistory
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Fotomenschen episodes

  • Der Fotograf der Fotografen

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Henri Cartier-Bresson wird von manchen als der größte Fotograf des 20. Jahrhunderts bezeichnet, einen Titel den er fast schon ärgerlich zurückweist… Er selbst sah sich nicht einmal als Fotograf.

    • Henri Cartier-Bresson (Wikipedia)
    • André Lhote (Wikipedia)
    • Martine Franck (Wikipedia)
    • Magnum Photos (Wikipedia)
    • Humanist photography (Wikipedia)
    • Mit kahl rasiertem Schädel (Der Tagesspiegel)
    • Behind the Gare Saint Lazare by Henri Cartier Bresson (1932) (about photography blog)
    • MAGNUM – Fifty Years at the Front Line of History (kostenlos auf Archive.Org einsehbar)
    • Die Beziehung zwischen Auge und Herz (Spiegel)
    • Pinterest HCB

    Titelbild: By Martine Franck / Magnum Photos / Fondation HCB – http://www.henricartierbresson.org/en/hcb/, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=33722890

    29 min
  • Der Einarmige Fotopoet

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Josef Sudek verlor in jungen Jahren als Soldat im ersten Weltkrieg einen Arm. Vom Fotografieren hielt ihn das jedoch nicht ab und aus ihm wurde statt einem Buchbinder einer der beeindruckendsten Meister des Lichts der Geschichte.

    • Josef Sudek (Wikipedia)
    • Die Romantik des Lichts (Prager Sezession)
    • Tschechien (Wikipedia)
    • Veitsdom (Wikipedia)
    • IfA Tonwoche Nr. 446 vom 22.3.1939
    • Josef Sudek (2001, Ian Jeffrey) (Buch auf Archive.org)
    • Josef Sudek : poet of Prague : a photographer’s life (Biografie von Anna Farova, Buch auf Archive.org)
    • Pinterest Pinboard mit 32 Bildern von Josef Sudek
    • #HiStorytelling (https://geschichtspodcasts.de)

    Bildquelle: By Miloň Novotný – Alena Novotná, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48260238

    Musik: Public Domain, https://musopen.org/music/25719-ma-vlast-vltava-the-moldau/

    19 min
  • Fotomenschen meets Herstory: Dorothea Lange, Fotografin der Großen Depression

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Dorothea Lange hatte bereits eine erfolgreiche Karriere als Studiofotografin als sie anfängt die von den Umwälzungen der Weltwirtschaftskrise betroffenen Menschen zu fotografieren und schließlich im Auftrag der Farm Security Administration die USA bereist und dokumentarisch fotografiert. Ihr Foto „Migrant Mother“ gilt bis heute als das Foto mit dem höchsten Wiedererkennungswert aus der Zeit.

    Diese Folge ist ein Crossover mit dem Podcast Herstory: Starke Frauen der Geschichte, alle Abomöglichkeiten zum Beispiel hier.

    • Dorothea Lange (Wikipedia)
    • Dorothea Lange Digital Archive (at Oakland Museum of California)
    • Dorothea Lange’s Yakima Valley Photographs
    • Florence Owens Thompson aka „Migrant Mother“ (Wikipedia)
    • Dust Bowl (Wikipedia)
    • Farm Security Administration (Wikipedia)
    • Documenting America, 1935-1943: The Farm Security Administration/Office of War Information Photo Collection (Library of Congress)
    • Fotografin Dorothea Lange Die Wirklichkeit zu Sinnbildern verdichtet (Deutschlandfunk)
    • Spiegel Fotograllerie – Wie Kinder unter der Großen Depression litten
    • Internierung japanischstämmiger Amerikaner (Wikipedia)
    • US-Japanerin: „Das will niemand hören“ (Deutschlandfunk)
    • Ansel Adams’s Photographs of Japanese-American Internment at Manzanar (Library of Congress)
    • Ansel Adams (Wikipedia)
    • Imogen Cunningham (Wikipedia)
    • Marion Post Wolcott (Wikipedia)
    • Dorothea Lange and the Afterlife of Photographs (Aperture)
    • Spiegel – Great Depression: Das Fanal von 1929

    Buchhinweise:

    Dorothea Lange: A Life Beyond Limits

    The Worst Hard Time: The Untold Story of Those Who Survived the Great American Dust Bowl

    New Deal Photography. USA 1935 - 1943

    2 hr 4 min
  • Kurz in eigener Sache
    Hallo ihr Lieben, ich habe es beim besten Willen nicht geschafft die Folge dieser Woche vorzubereiten und deswegen beschlossen Pause zu machen. Es tut mir leid, ich hätte euch gerne ein neues Thema geschenkt, aber der Fotomenschen-Podcast ist ein Projekt in das ich viel Zeit und Freude stecke und beides fehlt mir im Moment. Ich komme aber wieder, versprochen!
    2 min
  • Der Flug des Adlers

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Schon die ersten Fotograf:innen waren fasziniert von der Idee Aufnahmen aus luftiger Höhe zu fertigen und so dauerte es nicht lange bis verwegene Zeitgenossen sich auf allerlei selbstkonstruiertes Fluggerät verließen um ihre Kameraausrüstungen in die Höhe zu hieven.

    • James Wallace Black (Wikipedia)
    • Boston, as the Eagle and the Wild Goose See It
    • Balloonist Takes First Aerial Photograph
    • Flight of the Giant (Smithonian)
    • Nadar, Gaspard-Félix Tournachon (Wikipedia)
    • Wer war Nadar? (kwerfeldein)
    Zweiter Aufstieg von Le Géant
    • Salomon August Andrée (Wikipedia)
    • Andrées Polarexpedition von 1897 (Wikipedia)
    • Nils Strindberg (Wikipedia)
    • Der Flug des Adlers, Film (Wikipedia)

    Die Expedition. Eine Liebesgeschichte: Wie ich das Rätsel einer Polartragödie löste

    Der Flug des Adlers / The Flight of the Eagle ( Ingenjör Andr es luftfärd ) [ Schwedische Import ] (Blu-Ray)

    24 min
  • Die Schöne und das Biest?

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    1981 waren der Fotograf Richard Avedon und die Schauspielerin Nastassja Kinski auf den Höhepunkten ihrer Karrieren und trafen sich zu einem Fotoshooting in dem eine berühmtesten Aufnahme entstand die bis heute immer wieder nachgeahmt wird.

    • Stories of Iconic Artworks: Nastassja Kinski & the Serpent, Beauty and The Beast (Artland)
    • Richard Avedon (Wikipedia)
    • Nastassja Kinski (Wikipedia)
    • Interview: Nastassja Kinski – Still a Daddy’s Girl (Independent)
    • Kinski über Polanski – ”Seine Frau und ich schreiben uns regelmäßig” (Welt)
    • Nastassja and the Serpent (nastassja.kinski.us)

    Transkript

    Eigentlich wollte Richard Avedon Poet werden. Zumindest versuchte er das zu studieren an der Columbia University. Geboren und aufgewachsen in New York hatte er durch seine Eltern schon früh Zugang zur Modeindustrie und er war 12 als er zum ersten Mal eine Kamera in die Hand gedrückt bekam. Schriftsteller wollte er eigentlich auch werden, auf jeden Fall etwas mit Kunst. Naja, von all diesen Disziplinen wissen wir ja heute, wurde es letztlich die Fotografie, und zwar speziell die Modefotografie.

    Mitte des 20. Jahrhunderts, waren die Bildstrecken in großen Magazinen mit eine der Haupteinnahmequellen für Fotograf/-innen. Entertainment und Mode waren große Geschäftszweige und wer es schaffte sich entweder in Werbefotografie, in Modefotografie oder in dem großen Feld der Reportage zu etablieren konnte gutes Geld verdienen.

    Richard Avedon entschied sich früh für Mode, Magazine wie Vogue, Harper’s bazaar oder Life beauftragten ihn und es dauerte nicht lange und er fotografierte Stars und Sternchen. Seine Models waren lebhafter, dynamischer als der damals überwiegende Stil, der in den Magazinen gepflegt wurde.

    Er versuchte seinen Models nahezukommen, etwas Wahres, ein Stückchen ihrer Seele zu fotografieren und Richard Avedon war der Überzeugung, dass das geht. Dadurch wurden aus seinen Bildern allerdings Kunstwerke, es ging nicht nur noch um den Verkauf von Mode oder Accessoires oder um das Darstellen von Sternchen, sondern er versuchte einzigartige Motive zu schaffen. Diese Ideen trugen ihn über 5 Jahrzehnte Fotografie hinweg, Richard Avedon hatte Marylin Monroe und Hilary Clinton vor der Kamera. Und es entstanden viele berühmte Fotos. Für die Episode heute geht es mir um ein Foto, dass er 1981 machte. Avedon war von Vogue beauftragt worden, eine der heißesten Starletts der damaligen Zeit zu fotografieren: Nastassja Kinski. Die hatte mit ihren damals gerade mal 21 Jahren schon eine recht illustre Karriere und diverse Skandale hinter sich. Mit nur 13 Jahren hat sie ihre erste große Rolle in einem Film von Wim Wenders und macht Schlagzeilen, denn in diesem Film ist sie, als 13-jährige, oben ohne zu sehen.

    Was sie dann zwei Jahre später mit 15 in einem anderen Film durch eine komplette Nacktszene noch übertraf. Es muss auch dieses Jahr gewesen sein als sie Roman Polanski auf einer Party kennenlernt. Der rät ihr sich mit Method Acting zu beschäftigen, einer Schauspieltechnik, bei der man sich komplett in die Rolle fallen lässt und versucht diese auch im Alltag relativ intensiv weiter zu leben. Es kam das Gerücht auf, dass der damals 45 jährige Roman Polanski mit der gerade 15 Jahre alten Nastassja Kinski eine Liebesbeziehung anfing, eine Behauptung, die zu dem, was wir über Roman Polanski zu wissen glauben passt, die aber von beiden immer wieder bestritten wird.

    Nastassja Kinski jedenfalls reitet die Welle, sie ist nicht nur ein auftseigender Star in Hollywood und räumt einen Preis nach dem anderen ab, sie ist auch der feuchte Männertraum ihrer Generation. „Sex sells“ denkt sie sich, „Sex sells“ denken sich die Männer um sie herum und so wird sie gnadenlos von einer sexualisierten Industrie ausgenutzt, wobei die Grenze zwischen Ausnutzen und einer von ihr aktiv mit voran getriebenen Sexualisierung schwer zu ziehen ist.

    Sie ist jedenfalls auf dem Höhepunkt ihrer Modeling, Schauspiel und ihrer Sexsymbol Karriere als sie eben 1981 auf Richard Avedon trifft. Sie hatten zwei Stunden geplant und in diesen zwei Stunden mussten originelle Fotos entstehen und nach allem über diesen Fotoshoot hört und liest muss es erstmal ziemlich öde gewesen sein. Richard Avedon hat natürlich Ressourcen, die andere nicht haben und so gab es anscheinend einen ganzen Zoo von verschiedenen Tieren, die er für diesen Fotoshoot bereitgehalten habe. Sie würde, so die Idee, mit Modeaccessoires und eben diesen verschiedenen Tieren posieren und dabei idealerweise nackt sein.

    [Einspieler]

    „We brought in all kinds of animals, like monkeys, two snakes and a papagei and you know theses big birds and all of that.“

    Und keins dieser Bilder schien wirklich so richtig erfolgreich zu sein, irgendwann schlug Nastassja dann vor, dass eine der am Set anwesenden Schlangen, eine Boa constrictor, doch vielleicht das ideale Tier für den Fotoshoot wäre. Und eine Boa constrictor ist eine gewaltige Schlange, bis zu 3,60m wird die lang. Nastassja Kinski legte sich also nackt auf den Betongboden und die Schlange wurde ihr auf den Körper drapiert, außer einem meiner Meinung nach ziemlich hässlichem Armreif hat sie nichts an. Auf dem Bild ist eine brillante Komposition zu sehen, die Schlange schlängelt sich an ihren Beinen über ihren Scharm hinweg bis zu ihrem Ohr und Richard Avedon schaffte es genau die Millisekunde festzuhalten, in der die Schlang in Nastassja Kinskis Ohr zu züngeln scheint.

    Sie schaut dabei völlig ruhig in die Kamera.

    [Einspieler]

    „Did it frighten you to be engolved in the Snake, to be wrapped up – No, no – didn’t frighten you? – No, I think it was more frightened than I was, she was very afraid of every movement my body did, so as soon as I did a movement she would do a movement and we would keep on moving and we would never, you know, sort of get to each other. „

    Auf die Frage, ob sie Angst gehabt hätte sagt Nastassja Kinski: „Ne, eigentlich garnicht“, sie ist der Meinung, die Schlange hatte eigentlich mehr Angst vor ihr als umgekehrt, immer wenn sie sich bewegte oder irgendwas an dem Set sich veränderte, schien die Schlange zu erschrecken und zuckte sich oder bewegte sich, anders als der Bildaufbau es eigentlich nahelegen würde. Und so bastelte man mit dem Tier an dem Set herum, bis es eben genau diesen einen perfekten Augenblick gab und ein Foto schuf, von dem alle, die den Abzug sahen, sofort wussten, das ist ein Winner.

    Vogue kaufte das Bild, es wurden Poster gedruckt und das Motiv ging um die Welt, Nastassja Kinski war sowieso schon Sexsymbol, ab jetzt hing sie als nackte Schönheit mit Schlange in den Teenagerzimmern der Welt. Und natürlich kommt hier viel zusammen, da ist einmal ihr wirklich ruhiger und kontrollierter Blick, die Erotik, die dieses Bild ausstrahlt, die Assoziation mit der Schöpfungsgeschichte, mit der Schlange, die Eva verführt, sie züngelt ihr ja ins Ohr. Und dann kommt noch dazu, dass Schlangen, besonders diese, die sich um Frauenkörper winden, ein Jahrtausende altes Fruchtbarkeitssymbol sind.

    Das Foto wird jedenfalls so ikonisch, dass es danach immer wieder zitiert und nachgeahmt wird, so ließ sich beispielsweise Jennifer Lawrence von dem Fotografen Patrick Demarchelier mit einer Boa Constrictor liegend, nur mit einem Armband bekleidet fotografieren.

    Und mal ganz ehrlich Leute, irgendwie ist es doch bizarr, oder? Ich meine wie stelle ich mir die Planung für so einen Fotoshoot vor: „Ja also wir dachten wir machen einen künstlerischen Akt, einen Akt der die Unabhängigkeit und die kraftvolle Selbstbestimmung unseres Models betont. Sie wird nackt auf dem Bauch liegen und die Kamera und damit den Betrachter direkt fixieren und für den künstlerischen Ausdruck dachten wir, bringen wir noch eine animalische, erotisierende Komponente ins Bild, wie wäre es, wenn eine Boa constrictor über ihren Körper schlängelt? [ Einspieler Applaus]

    Allerdings muss ich zugeben, gerade wenn ich diese beiden Fotos, die ich heute erwähnt habe, also die Aufnahme von Nastassja Kinski und die von Jennifer Lawrence vergleiche, wird schon klar, warum „Nastassja Kinski and the serpent“ von Richard Avedon die berühmtere Aufnahme ist.

    11 min
  • Der Junge mit der Handgranate

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Diane Arbus war eine Ausnahme-Fotografin. Ihre Arbeiten werden immer noch wissentlich und unwissentlich in Filmen und fotografischen Arbeiten zitiert und brachen mit den Konventionen ihrer Zeit. So wie ihr berühmtestes Foto „The boy with the toy grenade“

    • Diane Arbus (Wikipedia)
    • Child with Toy Hand Grenade in Central Park (Wikipedia)
    • Child with a toy hand grenade in Central Park, N.Y.C. (The Met)
    • Where Are Those Precious Mistakes? (Der Greif)
    • Colin Wood, Diane Arbus’s ‘Child With A Toy Hand Grenade,’ Looks Back
    • Revisiting Diane Arbus’s Most Famous Photo on Her 94th Birthday
    • Was Diane Arbus the Most Radical Photographer of the 20th Century? (The Cut)
    • In the Picture – A new biography of Diane Arbus (The New Yorker)
    • Diane Arbus – The Artstory
    • Howard Schatz – Kink
    • Matt Groening (Wikipedia)

    Themenpatin:

    • Petrina Engelke – @PetrinaEngelke, @moments_ny, Podcast „Notizen aus Amerika“ – Webseite, FYYD

    Diane Arbus

    Transkript

    Ich finde es immer wieder faszinierend: Kaum jemand kennt Fotografinnen und Fotografen, aber alle werden von ihren Arbeiten beeinflusst. Mein Beispiel heute ist eine Fotografin aus den 60ern, die im Wesentlichen Fotonerds kennen. Aber so unterschiedliche Werke wie Stanley Kubricks „Shining“ oder „Die Simpsons“ würden ohne ihre Arbeit anders aussehen, ganz egal, ob wir sie nun kennen oder nicht.

    Die Fotografin Diane Arbus hat ihre Kindheit während der Weltwirtschaftskrise verbracht und wuchs dann während dem Vietnamkrieg und der sexuellen Revolution in New York auf. Und ihr Start ins Leben war ein privilegierter. Ihre Eltern gehörten der New Yorker Upper Class an und hatten einen Department Store in der privilegierten 5th Avenue in New York. In Privatschulen ausgebildet und aufgezogen von Kindermädchen blieb sie weitgehend von den schweren Folgen der Weltwirtschaftskrise verschont.

    Mit 13 lernt sie Allan kennen, einen Mann, fünf Jahre älter als sie, der die Schule hingeschmissen hat und in der Werbeabteilung des Pelzladens ihres Vaters arbeitete. Die Beiden heiraten mit 18 und es dauert nicht lange und sie eröffnen ein gemeinsames Fotostudio, eine Leidenschaft, die Allan in die Beziehung mitbrachte. Er brachte ihr bei, wie man mit einer Kamera umging, wie man Film entwickelt und es dauerte nicht lange und das Paar etablierte sich als Fashionfotografen in New York. Zehn Jahre lang betrieben sie ein Studio zusammen.

    Obwohl das Studio erfolgreich war und die beiden auch gut zusammenarbeiteten, war schnell klar, dass Diane etwas anderes wollte, als für immer Studiofotografin zu sein. Wenn sie also nicht gerade damit beschäftigt war, Kleidung an Models zu pinnen, Konzepte für Werbekampagnen auszuarbeiten oder Familien im Studio zu portraitieren, lief sie mit ihrer Nikon Kamera durch die Stadt und fotografierte, was ihr so vor die Linse kam.

    Eines Tages kam sie mit einer frisch belichteten Rolle Film nach Hause und bat ihren Mann, den bevorzugt zu entwickeln. Die Negative, die da herauskamen, nummerierte sie mit einem Marker mit der Nummer 1. Hier startet eine Nummerierung, die sie bis zum Ende ihres Lebens durchhalten wird. Sie ist Mitte 30, als sie diesen ersten Film nummeriert. Es ist der Moment, in dem sie beschließt, eine andere Fotografin zu werden, in dem sie beschließt, Künstlerin sein zu wollen und nicht Auftragsfotografin. Es ist der Start von etwas Neuem.

    Am Anfang läuft Diane durch die Stadt und fotografiert, was man so in der Stadt sieht. Sie macht die klassischen Streetfotos, die viele von uns machen. Friseure durch die Glasscheibe hindurch, Familienszenen im Park, sie streift mit ihrer Kamera durch die Straßen und alles, was ihr Auge festhält, wird fotografiert. Sie entwickelt sich in eine andere Richtung als ihr Ehemann. Sie wird künstlerischer. Sie wünscht sich mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit.

    Es sind die 60er und die Arbus’s leben sowieso ein sehr offenes Modell der Beziehung und ihr Ehemann Allan unterstützt sie in ihrem Wunsch, unabhängiger zu sein. Er hilft ihr, ein anderes Studio in New York zu finden und hilft ihr beim Umzug. Um die Kinder kümmern sie sich gemeinsam. War die Kindheit von Diane im Wesentlichen von der Distanz zu ihren Eltern geprägt, war es Diane und Allan wichtig, ihren Kindern nah zu sein. Er kam oft vorbei, sie verbrachte viel Zeit mit ihnen und so gingen rund elf Jahre ins Land, bevor das Paar sich auch ganz offiziell, getrieben von einer neuen Partnerin Allans, die nicht ganz so polyamourös gestimmt waren wie die beiden, wirklich scheiden ließen.

    Es ist rund um die Zeit, als man eine Veränderung in ihrer Arbeit feststellen kann. Irgendwann entdeckt Diane, dass sie Fremde ansprechen kann, dass sie mit ihnen arbeiten kann, dass er sie posieren kann. Und aus der Schnappschussfotografie, die ihre frühen Arbeiten als unabhängige Fotografin prägt, werden plötzlich Fotos, die, ja, manchmal diesen Schnappschusscharakter haben, in denen aber die Motive ganz eindeutig wissen, dass sie fotografiert werden. Sie sind präsent. Sie schauen oft in die Kamera.

    Und Dianes Stil ist für die damalige Zeit ungewöhnlich, ja wahrscheinlich sogar schockierend. Sie pfeift auf etablierte gestalterische Regeln. Ihre Fotos sind selten kompositorische Meisterwerke. Rule of Thirds, Layers, Linien, ach was, Hauptsache, das Motiv ist stark genug. Dafür sucht sie gezielt Menschen, die so selten fotografiert werden. Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen. Nudisten. Groß- und Kleinwüchsige. Oder Mitglieder der New Yorker Unterwelt. Oder Subkulturen wie zum Beispiel die nach und nach aufkeimende Travestiebewegung. Diane hat keine Scheu vor diesen Menschen und sie fotografiert sie und setzt sie in Szene und ist dabei auch nicht zimperlich. Sie versucht, Fotos zu machen, denen man ansieht, dass sie den Menschen, die sie portraitiert, näher gekommen ist, dass sie etwas über die Menschen weiß, das sie dem Betrachtenden zeigen kann.

    Diane ist der Meinung, dass unser Äußeres nicht uns gehört, unser Äußeres spricht eine Sprache, die unsere Umwelt entziffern darf. Und so ist sie auch nicht zimperlich, wenn sie die Leute fotografiert.

    Und wenn es nötig ist, um ein Foto zu bekommen, lügt sie auch. „Nein, nein, das sind nur Kopfportraits, die ich hier mache“, sagt sie und fotografiert in Wirklichkeit die berühmte Feministin und Philosophin Ti-Grace Atkinson oben ohne. Genauso wenig konnte man sich darauf verlassen, wenn Diane sagte: „Nein, nein, die Bilder werden nie veröffentlicht werden.“.

    Aus heutiger Sicht ist Diane Arbus ethisch tatsächlich auf sehr glattem Eis unterwegs. Gleichzeitig schafft sie aber auch, mit ihren Fotos, gerade besonders auch den Fotos von benachteiligten Menschen, eine Bildsprache zu etablieren, die es vorher so nicht gab. Sie definiert Schönheit in der Fotografie völlig neu. Ihre Models haben eine Würde und eine Schönheit, die von innen strahlt. Sie selbst sagt: „Viele von uns verbringen ihre Lebenszeit damit, sich vor Traumas zu schützen. Wir verstecken uns vor Schmerz. Wir laufen weg von dem Unglück.“ Die Menschen, die Diane fotografiert, wurden oft mit ihren Traumas schon geboren. „Eigentlich“, sagt sie, „sind das die wahren Aristokraten; die Menschen, die das schon gemeistert haben, was viele von uns auf Teufel komm raus vermeiden wollen.“

    Diane Arbus hat das Glück, relativ früh in der Kunstszene New Yorks aufzufallen. 1959, im Rahmen einer Ausstellung, lernt sie den Art Director Marvin Israel kennen. Er ist ein Jahr jünger als sie, selber Maler und verheiratet. Die Beiden werden trotzdem ein Paar, eine Beziehung, die bis zu ihrem Tod halten wird. Israels Frau scheint nichts dagegen zu haben. Wie gesagt, es ist die Zeit der sexuellen Revolution. In New Yorker Künstlerkreisen sieht man das nicht mehr so eng.

    Über ihren Freund lernt sie unter anderem auch Fotografen wie Richard Avedon kennen und es sind diese Einflüsse, die ihre Arbeit immer einprägsamer werden lassen. Sie arbeitet an verschiedenen Serien und macht in der Zeit mehrere Fotos, die bis heute Wiedererkennungswert haben. Früh fing sie zum Beispiel an, sich besonders für Zwillinge und Drillinge zu interessieren. Und eines ihrer berühmtesten Bilder zeigt zwei Zwillingsmädchen, die Händchen haltend nebeneinander stehen, direkt in die Kamera schauen und trotz dieser symmetrischen Pose und dem ähnlichen Äußeren einfach sehr, sehr unterschiedlich aussehen.

    Stanley Kubrick, der Diane Arbus auch persönlich kannte, wird dieses Bild später zitieren, in seinem berühmten Film „The Shining“. Der Film spielt in einem verwunschenen Hotel. Ein Familienvater, gespielt von Jack Nicholson, lässt sich mit seiner Familie dort über den Winter als eine Art Hausmeister in Residence einschneien und wie es sich für so ein Horrorhotel gehört, nimmt das Schicksal ab hier seinen Lauf. Der kleine Danny, der Sohn der Familie, fährt mit einem Dreirad durch die Gänge des Hotels und begegnet dort plötzlich zwei Händchen haltenden Mädchen.

    [Einspieler]

    „Hello, Danny. Come and play with us.“

    Und die sehen schon sehr von Arbus’ Bild inspiriert aus.

    Ein anderes eher bekanntes Bild von ihr trägt den Titel „Jewish Giant“. Eigentlich zeigt es ein Familienfoto. Ein Sohn besucht seine Eltern, nur, dass der Sohn derart riesig ist, dass seine Eltern im Größenvergleich wie Zwerge wirken und er sich nur gebeugt im Wohnzimmer aufhalten kann. Alle stehen in diesem Bild, was es noch dramatischer aussehen lässt. Der Giant in dem Bild heißt Eddie Carmel und leidet an Gigantismus, einer Wachstumsstörung.

    Und was an dem Bild ganz besonders auffällig ist und für unsere heutigen Augen gar nicht mehr besonders wirkt, ist, wie verhältnismäßig schlampig das Bild eigentlich gemacht ist. Wir wissen, dass alle in diesem Bild sich der Fotografin im Raum bewusst waren. Vermutlich hatte Diane gefragt und sie hatte wohl die Erlaubnis, ein Foto der Familie zu machen. Und sie blitzt in den Raum. Sie hätte also alle Zeit der Welt gehabt, sich Gedanken über die Komposition zu machen oder das Licht zu planen. Die Tatsache, dass das Foto fast schon schnappschussartig aussieht, eine monströse Vignette im Bild ist und das Foto zum Teil überblitzt ist, muss man dann tatsächlich als Absicht interpretieren. Das war kein kurzer, spontaner Schnappschuss und Diane wusste nach jahrzehntelanger fotografischer Arbeit sehr wohl, was sie tat.

    Und so muteten die Bilder, die Diane schoss, der damaligen Gesellschaft nicht nur Fotomotive zu, die so noch nie zu sehen waren, sie markiert auch den Start einer völlig neuen Ästhetik. Und beides sind Effekte, die ab jetzt oft und gerne kopiert werden. Diese absichtliche Schlampigkeit im Bildaufbau, die interpretieren wir heute als Candid, als Schnappschussfotografie. Und ungewöhnliche Models sucht man sich heute auch viel regelmäßiger, als es damals üblich war.

    Ich habe mir vor Kurzem einen Bildband mit Auszügen aus dem Lebenswerk des berühmten amerikanischen Fotografen Howard Schatz gekauft und einer seiner langjährigen Fotoserien portraitiert die San Francisco Kink, Gay and Pride Scene, Menschen also, die gerade deswegen, weil sie anders aussehen, eine ganz besondere Faszination ausstrahlen. Und da gibt es durchaus Parallelen zu Diane Arbus‘ Werk, die Fotos von Travestiekünstlern und Nudisten gemacht hat.

    Aber selbst, wenn Diane einfach „nur“, in Anführungsstrichen, Streetfotos gemacht hat, war ihr Auge für die ungewöhnliche Situation oder das ungewöhnliche Motiv wirklich bemerkenswert. Und das bringt uns zu ihrem vielleicht berühmtesten Foto, dem Bild, das alle paar Jahre wieder eine Schlagzeile macht, wenn ein Originaldruck für mal fünfhundert- , mal siebenhundert tausend Dollar weiterverkauft wird. Es zeigt einen Jungen im Central Park in New York, ungefähr sieben Jahre alt. Er schaut uns an, mit weit und leicht irre aufgerissenen Augen und einem zur Grimasse verzogenen Gesicht. Man weiß nicht so genau, macht sich der Junge vielleicht ein bisschen lustig und albert für die Kamera herum oder ist da etwas Irres in dem Blick, vielleicht auch etwas Traurigkeit? Einer seiner Hosenträger ist heruntergerutscht. Vielleicht ist er ja auch herumgelaufen. Seine linke Hand scheint etwas Unsichtbares festzuhalten. Sie ist zu einer offenen Klaue verkrampft. Und in seiner rechten Hand hält er eine Handgranate.

    Es ist ein bemerkenswertes und ein verstörendes Foto. In dem Bild gibt es keine erkennbare Symmetrie, man vermutet fast, Diane Arbus hätte das Bild im Vorbeigehen geschossen. Spontan eben. Das Bild jedenfalls ist bemerkenswert und es fällt auf den Boden der gerade tobenden Kontroverse rund um den Vietnamkrieg.

    Und es zeigt den New Yorker Jungen Colin Wood. Der wird später erzählen, dass er sich eigentlich nicht mehr daran erinnert, wie Diane Arbus dieses Foto von ihm gemacht hat. Er hat allerdings eindeutig gewusst, dass er fotografiert wird, denn es gibt den kompletten Kontaktabzug, also die Reihe von Fotos, die vor diesem Bild und kurz nach diesem Bild entstanden sind und daran kann man sehen, dass Colin mit Diane Arbus wie ein typischer Siebenjähriger, sagen wir mal, zusammengearbeitet hat. Am Anfang ist er anscheinend noch etwas verlegen. Da kam eine junge Frau auf ihn zu und hat ihn gefragt, ob sie ihn fotografieren darf und er posed so ein bisschen und albert so ein bisschen herum für die Kamera. Er probiert sich aus, läuft herum und Diane positioniert sich in verschiedenen Winkeln zu ihm. Und irgendwann macht er eben dieses goofige Gesicht. Diese Handgranate in der einen Hand, dieser irre Gesichtsausdruck, diese zur Klaue geformte andere Hand ist für einen kleinen Augenblick zu sehen und Diane drückt in diesem Moment ab.

    Das Foto wird zu einer Ikone der amerikanischen Antikriegsbewegung. Aber auch die Anarchisten drucken es gerne auf ihre Plakate. In einem 17-jährigen Teenager aus Portland, Oregon, Matt Groening, steckt beides so ein bisschen. Er demonstriert zu der Zeit. Vielleicht hat er auch sogar mal ein Plakat mit dem Jungen und der Spielzeughandgranate herumgetragen, gesehen hat er es auf jeden Fall. Matt jedenfalls wird uns später mit einer Popkulturikone beschenken.

    [Einspieler – das „The Simpsons“ Intro]

    Und die Figur des Bart Simpson, sagt er später, basiert auf dem, was er in dieser Figur, in diesem Jungen mit der Granate gesehen hat. Eine gewisse Aufmüpfigkeit, eine Herkunft, die er da vermutete und so inspiriert der junge Colin Wood, der mit 7 Jahren und einer Spielzeughandgranate von Diane Arbus festgehalten wird, eine der ikonischsten Figuren der modernen Popkultur.

    Er erinnert sich, dass seine Kindheit zu der Zeit eher weniger spaßig war. Sein Vater befand sich mal wieder in einer Scheidung und der junge Colin lief einigermaßen unbetreut in New York durch die Gegend. Allerdings jetzt nicht verwahrlost oder so. Sein Vater war ein erfolgreicher Tennisspieler, öfters in den Top Ten in der Weltrangliste. Aber in der Jugend von Colin eben auch mehr mit sich selbst als mit seinem Sohn beschäftigt.

    Er war jetzt nicht gerade begeistert davon, dass sein Sohn sich plötzlich auf einem Foto der Antikriegsbewegung wiederfand und Colin erinnert sich auch, dass Schulkameraden das Bild gefunden hatten und es in der Schule aushingen. Alles Ereignisse, auf die er auch gut hätte verzichten können. Trotzdem hat ihn das Foto nicht weiter beeinflusst, sagt er.

    Nach der vierten und letzten Scheidung seines Vaters und seinem erfolgreichen Schulabschluss gründen die Beiden gemeinsam ein Unternehmen. Sie bauen Tennisplätze überall auf der Welt. Und sie sind erfolgreich. Nicht ganz so der Lebenslauf, den man sich von einem Jungen erwartet, dessen Foto für eine Weile in einer Ausstellung für unterprivilegierte Amerikaner zu sehen ist und auf Antikriegsdemonstrationen herumgetragen wird.

    Aber irgendwie auch nicht ganz ungewöhnlich für ein Foto von Diane Arbus. Sie ließ sich von diesem Moment überraschen. Wen interessiert da schon der Rest? Parallel arbeitet sie weiter an ihrer fotografischen Karriere. Sie landet relativ schnell Aufträge bei großen Magazinen. Die waren zu der Zeit durchaus experimentierfreudig und so darf sie Fotostrecken gestalten, die eher ungewöhnlich sind.

    Mit jedem Auftrag öffnen sich dann weitere Türen. Magazine wie „The Esquire“, „Harper’s BAZAAR“, aber auch Kunden wie der New York Times, Sports Illustrated, Herold Tribune, Diane Arbus ist schnell gefragt und kommt rum. Schnell hat sie einen Ruf als Fotografin, deren Bilder eher exzentrisch wirken. Selbst, wenn sie bekannte Persönlichkeiten oder Mitglieder der High Society fotografiert, sind ihre Fotos ungewöhnlich. Magazine schießen sich darauf ein und so werden bestimmte Aufträge gar nicht mehr an sie herangetragen. Klassische Politikerfotos? Naja, ist ja nicht wirklich etwas für Diane.

    Parallel zu ihren Auftragsarbeiten bemüht sich Diane auch immer um Unterstützung für freie Aufträge. Es gibt verschiedene Institutionen, die Stipendien für besonders interessante Arbeiten herausgeben, so zum Beispiel die Guggenheimstiftung. Von da ergeben sich auch verschiedene Reportageaufträge, die mal privat, mal öffentlich finanziert werden. Als sich die Magazinbranche allerdings im Umbruch befindet, gehen auch ihre Aufträge zurück und sie fängt an, zu lehren und bei Ausstellungen mitzuwirken.

    Während dieser ganzen Zeit leidet Diane unter massiven depressiven Schüben. Schon ihre Mutter kämpfte mit Depressionen und Diane hatte besonders nach einer Hepatitiserkrankung 1966 immer wiederkehrende zum Teil heftige Schübe. Sie suchte sich auch Hilfe und war in Behandlung, aber 1971 wurde ihr dann alles zu viel. Sie stellt ihren Terminkalender auf die Treppe, schreibt in ihr Notizbuch „Letztes Abendmahl“, bevor sie Schlafmittel nimmt und sich die Pulsadern auftrennt.

    Seither wird ihre Arbeit wieder und wieder neu entdeckt. 1972, also ein Jahr nach ihrem Tod, ist sie die erste amerikanische Fotografin überhaupt, die auf der Biennale in Venedig ausgestellt wird. Es geht eine Monografie von ihr um die Welt, das Museum of Modern Art macht eine Diane Arbus Retrospektive und einige ihrer fotografischen Ideen prägen bis heute die Fotografie.

    19 min
  • Essen auf Stahlträger

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Es ist DAS Hochhausbaustellenfoto schlechthin und trotzdem weiß man erstaunlich wenig über die abgebildeten Menschen und war bis vor kurzem auch nicht sicher wer dieses Bild gemacht hatte.

    • Charles Clyde Ebbets Kurzbiografie, offizielle Webseite
    • Charles Clyde Ebbets (Wikipedia, englisch)
    • Charles C. Ebbets and His Famous ‚Lunchtime Atop a Skyscraper‘ Photo (History Daily)
    • Mittagspause auf einem Wolkenkratzer (Wikipedia)
    • Rockefeller Center (Wikipedia)
    • 10 Fascinating Facts About Lunch Atop A Skyscraper (MentalFloss)
    • How a Galway Pub Led to a Skyscraper (NYTimes, Paywall)
    • Early skyscrapers (Wikipedia)
    • Great Depression (Wikipedia)

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    Transkript

    Welche Fotos fallen uns ein, wenn wir an berühmte Fotografien aus New York denken?

    Vielleicht ein Bild vom Empire State Building oder eine Aufnahme des Flatiron Gebäudes oder vielleicht ein Foto vom Time Square. Ohne Frage spielt die Architektur New York Citys in Fotos aus New York eine der Hauptrollen. Ist ja auch kein Wunder, die Architektur New York Citys ist ja auch atemberaubend. Dabei entstanden die ersten ikonischen Wolkenkratzer New Yorks Anfang des 20. Jahrhunderts. Und sie waren Wunderwerke der Technik und Ingenieurskunst. Gebäude wie das Empire State Building wurden mit einem Anlegemast für Luftschiffe konstruiert. Und die Hochhäuser lieferten sich Rennen, wer das höhere Dach, die höhere Antenne konstruieren könnte. Und Hochhäuser waren fantastisch genug, dass Zeitungen immer wieder über die Bauarbeiten berichteten.

    Die meisten dieser Gebäude waren als Investitionsobjekte gedacht und wurden während der Bauzeit nach und nach untervermietet. Und deswegen hatten die Bauherren in aller Regel ein lebendiges Interesse daran, die Gebäude im Gespräch zu halten.

    Und deswegen wurden gerade Projekte wie der Bau des Empire State Building oder wie des Chrysler Building von eigene PR-Teams begleitet. Fotostrecken wurden erarbeitet, die Presse wurde mit Informationen gefüttert, je öfter man sich ins Gespräch bringen konnte, desto besser.

    Fotografisch war es gleichzeitig eine Zeit, in der Industriefotografie und Werbefotografie ihre ersten Erfolge feierte. Margaret Bourke-White hatte sich einen Namen gemacht, indem sie gewaltige Industrieanlagen wie zum Beispiel Staudämme oder Stahlgießereien fotografiert hatte.

    Und bekam nun den Auftrag den Bau des Chrysler Buildings zu dokumentieren. Ein Luis Hine eigentlich ein Fotograf, der sich mit den Arbeitern am Boden und deren Armut und Zwänge beschäftigte, bekam den Auftrag, die Arbeiten am Empire State Building zu dokumentieren. Und beide schufen Bilder, die einen auch heute noch schwindlig werden lassen. Es ist eine Zeit, in der der Blick von Hochhausdächern hinein in die Straßenschluchten New Yorks ikonisch wird. In den USA sind Boomjahre und es ist diese Zeit, in der sich Charles Ebbet einen Namen macht. Seine erste Kamera bekommt er als er acht Jahre alt ist. Eine Kodak Brownie, eine Kamera also, die in erster Linie super einfach zu bedienen ist. Und zum ersten Mal Fotografie für alle verfügbar machte. Finanziell ging es den Ebbets nicht allzu gut und so musste Charles seine Schule nach der zehnten Klasse abbrechen und einen Weg finden Geld zu verdienen. Sein Vater hatte beruflich mit Zeitungen zu tun und so beschloss auch Charles sich, als Reporter zu verdingen.

    Das war auch grob die Zeit, in der ihm der Gedanke kam, dass er auch seine Kamera benutzen könnte, um damit Geld zu verdienen. Aber allgemein kann man sagen, hat Charles so manches ausprobiert. Er zog von Alabama nach Florida und dort versuchte er sich eine Weile als Schauspieler aber das war eigentlich das harmloseste seiner Hobbys, denn außerdem machte er sich einen Namen als sogenannter „Wingwalker“. Als jemand, der bei Flugschauen aussteigt aus dem Flugzeug und auf der Tragfläche herumturnt, er fuhr Autorennen, für eine Weile war er Wrestler, er jagte und wenn die Kohle mal wieder eng war, dann stieg er in den Ring und erboxte sich Preisgelder. All diese Hobbys dokumentierte er routiniert mit seiner Kamera und machte sich einen Namen, als einer der in der Lage war ungewöhnliche Fotografien zu produzieren.

    Und einige seiner Projekte sorgten dafür, dass Zeitungen im ganzen Land seine Fotostrecken veröffentlichten, unter anderem auch die New York Times.

    Wir haben die Dreißigerjahre, die Weltwirtschaftskrise hat die USA fest im Griff und das betrifft natürlich auch die Bauprojekte in den Großstädten. In New York hatte die New York Opera einen ehrgeizigen Plan. Sie wollten einen Gebäudekomplex schaffen, in dem Hochkultur endlich ein angemessenes Zuhause finden würde. Und sie hatten einen begeisterten Unterstützer: John Rockefeller. Nach dem schwarzen Freitag wurden aber drastische Einsparungen nötig und dadurch wurde schnell klar, dass die Oper dieses Projekt nicht mehr würde finanzieren können. Eine Alternative musste also her. Wie schon vorher das Empire State Building oder das Chrysler Building würde man nun Hochhäuser bauen, die nach und nach an finanzkräftige Unternehmen vermietet werden sollten. Die 19 Gebäude, die zum Rockefeller Center gehörten, wurden zum Teil umgewidmet, Shopping, Büroflächen, Kulturangebote, hochpreisige Mietangebote, all das wurde in dem Gebäudekomplex zusammengebracht. Jetzt war es nur noch notwendig passende Mieter zu finden, eine Publicity Strategie musste her und es brauchte jemanden, der großartige Fotografie rund um dieses Projekt schaffen könnte.

    Ein Team wurde zusammengestellt, insgesamt vier Fotografen würden den Bau begleiten. Und die Leitung dieses Teams und die Auswahl der Bilder wurde Charles Ebbet übergeben. Es wurden noch Investoren gesucht und so begleitet Charles mehrere Monate lang insbesondere den Bau des höchsten Gebäude des Komplexes. Des sogenannten RCA-Buildings. Es ist eine Zeit, in der in New York viele verschiedene Aspekte zusammenkommen. Die USA sind Einwanderungsland und besonders in New York versuchen viele ihr Glück, es ist die Great Depression, also die Weltwirtschaftskrise, aber in den Städten und den Großbauprojekten sehen viele noch eine Chance Geld zu verdienen. Und tatsächlich kann man als Arbeiter recht einfach bei den großen Hochhausprojekten anheuern. Es ist ein Cliché, dass besonders bei den Hochhausbaustellen eine große Anzahl der Arbeiter von den amerikanischen Ureinwohnern rekrutiert wurde, die wären nämlich besonders schwindelfrei, so heißt es. In Wirklichkeit fand man auf den Baustellen aber alle möglichen Nationalitäten. Besonders Italiener und Iren waren zu der Zeit in größere Zahl in New York eingetroffen und stellten dann eben die Arbeiter. Wer also schwindelfrei genug war und bereit war den Sturz in den Tod zu riskieren, konnte relativ schnell ein recht gutes Gehalt haben und noch dazu einer Arbeit nachgehen, die im ganzen Land positiv gesehen wurde. Die Arbeiter in den Hochhäusern arbeiteten am Fortschritt mit. Und Charles und sein Team schufen Bildstrecken, die diese Arbeiter feierten. So auch am 20. September 1932, das Wetter ist großartig, man hat freie Sicht über den Central Park, die Sonne scheint und es ist hell genug, dass man auch mit den Kameras, die damals üblich waren, hervorragend fotografieren konnte. Gearbeitet wird mit sogenannten Reportagekameras, das sind, für heutige Verhältnisse, recht große, für damalige Verhältnisse aber sehr kompakte Kameras, die auf Glasplatten belichteten. Auf denen war eine trockene Emulsion aufgebracht und man musste nach jeder Belichtung die Glasplatte entfernen und durch die nächste unbelichtete Glasplatte ersetzen. Das Verbrauchsmaterial trugen die Fotografen in einer Ledertasche über die Schulter geworfen. Und so turnten sie wie die Bauarbeiter auf Stahlträgern in zum Teil schwindelerregender Höhe herum und gaben Anweisungen. Das Ziel war originelle Fotos zu machen. Und so lies man Bauarbeiter so tun als, wenn sie auf Stahlträgern schlafen würden oder ließ sie mit einer amerikanischen Flagge so stehen, dass es aussah als würden sie auf das Empire State Building eine Flagge aufsetzen. Und dann schießen sie das ikonische Foto schlechthin.

    Am zweiten Oktober wird der „New York Herald Tribune“ das Foto unter der Schlagzeile „Lunch atop a Skyscraper“ veröffentlichen. Es zeigt den Blick Richtung Central Park, ein Stahlträger geht in der Mitte durchs Bild, als Betrachtende können wir nur erahnen, wie tief es wohl unter diesem Stahlträger in den Abgrund gehen mag. Und auf diesem Stahlträger sitzen elf Arbeiter und machen Brotzeit, bzw. halten Brotzeitgegenstände in den Händen. Nur ein einziger Arbeiter schaut direkt in die Kamera und beim schrägen Blick auf die Häuserschluchten unterhalb der Baustelle kann einem wirklich schwindelig werden. Das Foto ist erfolgreich, so erfolgreich, dass es bis heute hunderte Male nachgeahmt wurde.

    New York kann man nicht besuchen, ohne diesem Bild nicht an allen möglichen Stellen zu begegnen und es wird weltweit wiedererkannt. Es ist eines der Bilder mit dem höchsten Wiedererkennungswert überhaupt. Allerdings wissen die Wenigsten, wer dieses Foto aufgenommen hat und wo es überhaupt gemacht wurde. Selbst Amerikaner geben auf Nachfrage an, dass das Bild auf dem Empire State Building geschossen wurde. Und irgendwann zog im Internet das Gerücht ein, dass Lewis Hine, der Fotograf am Empire State Building begleitet hatte, der Urheber dieses Foto gewesen sei. Da half es jetzt auch nicht, dass jahrelang vollkommen unklar war, wer das Bild gemacht hat. Alle Fotografen, die an dieser Baustelle tätig waren, hätten theoretisch diese Aufnahme machen können. Es gibt Bilder von diesem Tag, die Charles Ebbets zum Beispiel bei der Arbeit zeigen, wo er allein auf irgendeinem Stahlträger herum balanciert, während er seine Kamera bedient. Überhaupt sah man Fotografien damals seltener als Kunstwerke an und öfter als ein technisches Produkt. Die Fotografen waren also eher Operateure fotografischer Maschinen, als Künstler oder Urheber eines besonders schützenswertem Werkes.

    Die Arbeiter waren damals sowieso egal und so steht auf dem Originalglasnegativ, das übrigens auch schon ziemlich mitgenommen ist, weder eine Liste der Namen der abgebildeten Personen, noch der Name des Fotografen. Das Bild selbst war auch nicht von Anfang an so ikonisch, sonst hätte man sich vielleicht noch die Mühe gemacht. Erst Jahrzehnte später wurde das Bild zu einem Standard-Postkartenmotiv. Und ab jetzt gönnten sich die New Yorker Zeitungen auch alle paar Jahre mal den Spaß, nach den Personen auf dem Foto zu fanden. Unzählige Kandidaten meldeten sich, hätten die alle recht und ihre Onkel, Väter, Großväter wären tatsächlich die Personen auf dem Stahlträger in dem Bild, dann wären da nicht elf, sondern wahrscheinlich hundert Leute gesessen.

    Es ist eine Dokumentation aus dem Jahr 2003, die das Ganze nochmal aufarbeitet und gezielt auf die Suche geht. Sie finden nicht nur zwei der elf Männer und können sie eindeutig identifizieren, sondern schaffen es auch in Zusammenarbeit mit den Nachkommen von Charles Ebbets, zweifelsfrei nachzuweisen, dass er tatsächlich der Fotograf dieser ikonischen Aufnahme war. Es darf aber bezweifelt werden, dass Ebbets selbst dieses Foto als sein Wichtigstes beschrieben hätte. Für ihn war dieser Einsatz am Rockefeller Center sowieso nur ein zehnmonatiger Teil seiner viel länger dauernden Karriere. 1933 zog er wieder von New York zurück nach Florida und beschäftigte sich dort mit der Natur und den Ureinwohnern in den Everglades. Er wird erst „Official-Associated-Press-Photograph“ in der Region und gründet dann später die „Miami-Press-Photographers-Association“ und wird deren erster Präsident.

    Als Pressefotograf reist Ebbets um die Welt und fotografiert die verschiedensten Ereignisse, kehrt aber immer wieder in die Everglades zurück, um dort zu fotografieren. Eine Rückenverletzung bewahrt in davor im 2.Weltkrieg als Soldat eingezogen zu werden, weil er aber einen Pilotenschein hatte, setzte ihn die US-Airforce als Fotograf in den Ausbildungszentren in Florida und Südamerika ein. ALs der Zweite Weltkrieg endet, kehrt Ebbets wieder zu seinem Zivilleben zurück und wird Cheffotograf der City oft Miami. Ja, das gibt es als Position. Fotografisch wird er jetzt auch ruhiger. Er fotografiert die Tiere und Landschaften der Everglades bevor er mit 72 Jahren 1978 an Krebs erkrankt und stirbt.

    Sein Nachlass und sein Bildarchiv verwaltet seine Tochter und so kann man inzwischen online eine ganze Reihe seiner Werke sehen.

    Das Bild „Lunch atop a Skyscraper“ gehört der Bildagentur Corbis und die bröckeligen Originalnegative sind schon lange nichtmehr dafür geeignet, um von diesem Foto korrekte Abzüge zu machen.

    Und trotzdem ist es irgendwie schön, dass dieses Foto die Arbeiter feiert, die Gebäude wie das Rockefeller Center überhaupt erst möglich gemacht haben. Und dass es 25-jährige Abenteurer waren, die mit ihren Kameras ikonische Bilder geschaffen haben, die danach um die Welt gegangen sind. Da ist es dann auch fast schon wieder verzeihbar, dass dieses Foto zusätzlich noch mit der Perspektive spielt. Und der Stahlträger vermutlich gar nicht 200 Meter in luftiger Höhe, sondern eher eineinhalb Meter über einem geschlossenem Stockwerk war.

    Insbesondere, wenn man weiß, dass es sehr wohl auch die Bilder gibt, in denen die Leute wirklich über dem Abgrund waren.

    15 min
  • Ein Aasgeier, zwei Opfer

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Seit es technisch möglich wurde unterwegs zu fotografieren gehören Fotos aus Krisengebieten und von Menschen in Not zu den Grundpfeilern der Fotografie und oft wird behauptet diese Bilder hätten die Macht die Öffentlichkeit aufzurütteln und die Welt zu verändern. Genau davon handelt diese Folge…

    • Joseph Pulitzer (Wikipedia)
    • Pulitzer-Preis (Wikipedia)
    • History of The Pulitzer Prizes
    • List of Pulitzer Winners in the category „Feature Photography“
      • Kevin Carter (Wikipedia)
      • The Life and Death of Kevin Carter (Time Magazine via Web Archive)
      • Aesthetics and Ideology of Sebastiao Salgado
        • NYT – PHOTOGRAPHY REVIEW; Can Suffering Be Too Beautiful?
        • Susan Sonntag – Regarding the Pain of Others (Amazon)
          • World Press Photo – Winners from 1955 on
          • Welthungerhilfe – Sudan
            • Wie können sie das rechtfertigen? (Frankfurter Rundschau)
            • Fotojournalismus – TV-Doku über den „Bang Bang Club“ (Kevin Carter & Freunde)
            • DER TRAUM VOM GROSSEN BILD – WARUM ES JUNGE FOTOGRAFEN IN KRIEGE ZIEHT
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              Transkript

              Wenn man sich für Fotografie interessiert, kommt man um Kriegsfotos nicht herum. Und ein Grund, warum diese Aufnahmen so wirkmächtig zu sein scheinen, liegt in der Psychologie der Menschen begründet. Wir können gar nicht anders. Es gibt zwei Themen, die uns wie nichts Anderes in ihren Bann schlagen, wann immer sie uns begegnen: Nacktheit und die Darstellung von Leiden.

              Und so wandeln wahnsinnig viele Kriegsfotografien auf einem schmalen Grat zwischen Aktivismus und Gewaltpornografie. Und wir als Betrachterinnen und Betrachter können uns anscheinend nicht ganz entscheiden, ob wir Menschen, die solche Fotos aus den Kriegsgebieten zujubeln und gratulieren sollen oder sie aufs Übelste dafür kritisieren, dass sie Geld aus den Leiden Andere zu machen scheinen. Während wir also Fotograf/-innen wie Lee Miller, Margaret Bourke-White oder Robert Capa als Helden des Genres verehren, wurden Fotografen wie Sebastiao Salgado oder auch Steve McCurry dafür beschimpft und kritisiert, dass ihre Bilder zu schön wären, zu ästhetisch. Salgado antwortete darauf, dass eine ästhetisch schöne ansprechende Darstellung der Menschen in seinen Aufnahmen diesen Menschen ihre Würde gibt. Aber man könnte jetzt auch sagen, dass die Bilder dadurch unter Umständen auch wirklich erst für den Kunstbetrieb interessant wurden. Salgado, der jahrzehntelang in Ländern von Ruanda bis zum Kosovo das Leiden von Menschen fotografiert hat, macht Aufnahmen, die man fast nicht mehr ignorieren kann, sie sind so schön, dass man fast hinschauen muss und das dargestellte Leiden und Elend ist so schmerzhaft, dass es kaum auszuhalten ist. Das wiederum, so würde mancher argumentieren, sorgt dafür, dass wir nicht ignorieren können, welche Missstände irgendwo stattfinden.

              Fotografie rüttelt auf, macht aufmerksam, weißt darauf hin, klagt an. Aber dann, ja dann, ändert sich oft gar nichts. Jahrzentelang bereiste Salgado Afrika und dokumentierte Leiden in bürgerkriegsgebeutelten Ländern. Und hat sich etwas geändert?

              Steve McCurry fotografierte Flüchtlinge in Afghanistan. Und das berühmte Bild, dass angeblich den Vietnamkrieg zu beenden half, das wurde gemacht, da waren die amerikanischen Truppen eigentlich schon am Abziehen. Aber in dieser ganzen Argumentation steckt natürlich ein Denkfehler, das einzige Bild, das ändert wahrscheinlich nichts, aber in Summe und über Zeit ändert sich natürlich sehr wohl der Blick der Menschen auf ein Thema. Und sich diese Möglichkeit offenzuhalten, das war die große Leidenschaft des Verlegers und Journalisten Joseph Pulitzer.

              Er war 1847 in Ungarn geboren und mit 17 wollte er eins: aus Ungarn weg. Er bewarb sich bei der österreichischen, der französischen und bei der britischen Armee und keine von denen wollte ihn haben, er wurde jedes Mal als untauglich eingestuft. Aber wie so oft Beharrlichkeit hilft und so schaffte er es 1864 in ein US-Bataillon akzeptiert zu werden und über Boston in die USA einzureisen. Er diente in einem deutschsprachigen Bataillon im amerikanischen Bürgerkrieg. Als der vorbei war, wollte er in den USA Fuß fassen, weil er aber hauptsächlich Deutsch und Französisch sprach und nur sehr wenig Englisch, war das zunächst schwieriger als gedacht. Aber Pulitzer hatte ein Ziel und so paukte er nicht nur Englisch, sondern begann Jura zu studieren. Als er 1867 amerikanischer Staatsbürger wurde, hatte r seinen Abschluss und sprach und schrieb exzellentes Englisch. 1868 kam er nach Missouri und trat dort eine Stelle bei einer deutschsprachigen Zeitung an. 1871 war er schon Herausgeber und Miteigentümer und 1873 zog er weiter. Und so wie diese ersten Jahre als Journalist ging es ab jetzt weiter, es war eine Serie von Reportage-Berufen, Redakteurposten, Teilhaben an Zeitungen und Gründungen von Zeitungen. Von Anfang an machte sich Josef Pulitzer einen Namen als ein akribischer Rechercheur. Seine Artikel prangerten Missstände an und gingen dahin, wo es wehtat. Seine Artikel waren sensationell recherchiert und waren vor allen Dingen auch skandalträchtig. Und Pulitzer machte vor niemandem Halt, als er 1909 einen Bestechungsskandal rund um den Panamakanal aufdeckte, wo es unter anderem um die Zahlung von 40Mio. US.Dollar unter dem US-Präsidenten Theodor Roosevelt ging. Wurde er von Roosevelt und J.P. Morgan direkt verklagt. Ein Prozess, der Pulitzer noch berühmter machte als er ohnehin schon war, denn er ging siegreich hervor und wurde damit zu einem Helden der Pressefreiheit.

              Diese Art von Journalismus, diesen an der Sensation kratzenden, aber hervorragend recherchierten investigativem Journalismus nennt man ungefähr Yellow Press, ein Begriff, der auch aus der Geschichte Joseph Pulitzers stammt. Als der nämlich 1895, die ersten Zeitungen im Vierfarbdruck verlegte, entschied er sich für das Abdrucken eines Comic-Strips, in dem ein Junge mit einem gelben Shirt die Hauptrolle spielte. Nicht klang und die Zeitungen, die sich von Pulitzers Stil inspirieren ließen, wurden schlicht Yellow Press genannt. Ein Begriff, der bis heute überlebt hat.

              Und noch etwas geht auf Joseph Pulitzer zurück, die Gründung der ersten Journalistenschule in den USA. Als erfolgreicher Verleger träumte er davon, den Nachwuchs gezielt ausbilden zu lassen, ethische Standards, professionelle Praktiken, die wollte er vermitteln. Und so versuchte er 1892 mit einer Geldspende in Höhe von 2 Mio. US-Dollar, die Gründung einer Journalistenschule voranzutreiben, weil diese Spende allerdings nicht akzeptiert wurde, schrieb er sie kurzerhand als Stiftung in sein Testament. Nach seinem Tot, so verfügte er, solle eine „School of Journalism“ gegründet werden und das restliche Geld dann zur Stiftung eines journalistischen Preises verwendet werden. Ein Jahr nach seinem Tod 1912 wird diese Idee Wirklichkeit, die Columbia Universität gründet eine journalistische Fakultät und seit 1917 wird jährlich der Pulitzer-Preis verliehen. Ging es bei dem Preis hauptsächlich um reine journalistische Berichterstattung, wurde bald deutlich, dass es mehrere Kategorien geben müsste. Insgesamt wird der Preis, inzwischen jährlich in 23 Kategorien verliehen, 15 davon sind journalistisch geprägte Kategorien, wie z.B. Audioreportage, Kommentar oder Breaking News Reporting. 7 Kategorien fallen in den Bereich Literatur, Theater und Musik und dann gibt es noch einen Sonderpreis. Alles in allem hat der Pulitzer inzwischen ein Prestige, dass man mit den Oscarverleihungen in der Filmbranche vergleichen kann. Es gehört ein Preisgeld in jede Kategorie und das Prestige, dass mit dem Gewinn eines Pulitzer-Preises einhergeht, sorgt normalerweise für ganz gute Karriereaussichten.

              Jetzt war es natürlich so, dass in der Berichterstattung auch damals als Pulitzer seine ersten Schritte als Journalist machte, Fotografie eine wichtige Rolle spielte. Trotzdem dauerte es bis 1968, bevor der Pulitzer-Preis eine eigene Kategorie für Fotografie bekam. Damit ist der Pulitzer 13 Jahre später dran als der „world press photo award“, aber lieber spät als nie.

              Beide Preise haben auf jeden Fall gemeinsam, dass sie durchzogen sind von Fotografien, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Beide haben gemeinsam, dass viele der Preisträger aus den Rängen von Agenturen wie „associated press“ oder Reuters kommen. Und oft kommen bei den Preisträgerinnen und Preisträgern all die Konflikte, die ich am Anfang beschrieben habe, in einem Moment, in einem Preis, in einer Reportage, einem Foto zusammen. So wie 1993, als Kevin Carter ein bis heute oft geteiltes und immer wieder verbreitetes Foto macht.

              Carter war ein junger Kerl, der sein Leben mehr schlecht als Recht im Griff hatte. Südafrika war zu der Zeit in turbulentes Land, die Apartheid lag in ihren letzten Zügen. Und es war diese turbulente Umgebung, in der sich Kevin Carter und zwei seiner Freunde versuchten durch Reportagen aus dem zum Teil recht gewalttätigen und turbulenten Nachtleben von Städten wie z.B. Johannisburg, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es waren einfach junge Kerle, die dahin gingen, wo die Action war. Selbst dem Nachtleben und den Drogen nicht ganz abgeneigt, kamen sie mehr als einmal selbst auch nur knapp mit dem Leben davon. Allerdings in den Neunzigern achtete die Welt etwas mehr auf die Geschichten, die aus Südafrika kamen, besonders wenn es um den Machtkampf zwischen der herrschenden „Freedom Party“ und Nelson Mandelas ANC ging.1991 war es dann einer von Kevins Freunden, der für das Foto eines erstochenen Parteiunterstützers einen ersten Pulitzerpreis der Fotografie gewann. Und Carter sah das jetzt als eines seiner Ziele an, den Pulitzer gewinnen, dann würde er es geschafft haben. Und damit war auch klar, dramatische Bilder müssten her. 1993 beschließt er deswegen mit einem Kollegen zusammen in den Sudan zu reisen, um dort die von Rebellentruppen ausgelöste Hungersnot zu dokumentieren. Er muss sich bei seinem regulären Job dafür Urlaub nehmen und reist auf eigene Kasse in das Land. Die Hoffnung: die Fotos würden sich als interessant genug herausstellen, um bei den verschiedenen Nachrichtenagenturen auf Resonanz zu stoßen und wer weiß, vielleicht ist es ja sogar Pulitzer-Preis Material. Jetzt hatte Carter zwar Erfahrungen darin, wie man auch durchaus gewalttätige Szenerien dokumentiert, aber in ein Bürgerkriegsgebiet und mit einer Hungersnot zu reisen und dort zu fotografieren ist dann doch noch einmal eine völlig andere Hausnummer. Jetzt finden solche journalistischen Fotoreisen nicht vollkommen losgelöst von Infrastruktur ab, es ist also nicht so, dass der heldenhafte Fotograf seinen Rucksack schultert und alleine ins Kriegsgebiet wandert, sondern in aller Regel sind das organisierte Reisen, die zu bestimmten Anlässen stattfinden. Zum Beispiel, wenn die UN Hilfsgüter in ein Land einfliegen oder so. Und selten sind die Fotografen alleine unterwegs, sondern meistens in einer Gruppe mit organisierter An- und Abreise. So auch hier, Kevin Carter und Kollegen werden von einem kleinen Flugzeug zu einer Hilfsmittelverteilstation gebracht. Das Flugzeug landet, alle springen mit Kamera im Anschlag aus der Maschine und Kevin Carter, der sich vieles ausgemalt hatte, aber noch nie vor Ort gesehen hatte, war tief schockiert von den Bildern, die er sah. Routiniert fängt er an zu fotografieren, wie auch seine Kollegen. Allerdings versucht er relativ schnell von den doch relativ hart anzuschauenden Szenen, der vom Hungertod bedrohten Menschen wegzukommen. Auf der Suche nach einfacheren Motiven geht er in Richtung des Busches, als er ein Geräusch hört. Ein leises Wimmern und da macht er das Foto, dass ihm den Pulitzer-Preis einbringen sollte, ein Mädchen war nämlich auf dem Weg zu der Essensverteilung gestolpert und gefallen, es ist so ausgehungert, es hat praktisch keine Kraft mehr sich groß aufzurichten und zu bewegen.

              Und die Szene, die Kevin hier festhält, wird Menschen rund um den Erdball entsetzen, denn keine drei Meter von dem Mädchen entfernt, sitzt ein Aasgeier am Boden und beobachtet das Kind. Furchtbar und ohne Kontext schwierig, denn was das Bild natürlich nicht zeigt ist, ob andere Menschen in der Nähe waren, ob denn eine Gefahr für das Mädchen bestand, ob es sich wenig später aufgerichtet hat, ob irgendjemand den Vogel verscheucht hatte. Das Bild selbst zeigt die Szene, wie sie sich in dem Moment für Kevin Carter darstellt, ein kraftloses Kind am Boden und ein Aasgeier, der darauf wartet Beute zu machen. Harter Stoff, Kevin Carter, der sich gerne mit Image des harten Kerls umgibt, hat in Wirklichkeit eine jahrelange Geschichte von depressiven Schüben und Drogenmissbrauch hinter sich, dieser Anblick und diese Szenerie, die er nicht nur in diesem Moment aufgenommen hatte, schlägt bei ihm ein wie eine Bombe. Er selbst beschreibt die Szene so, dass das Mädchen am Boden lag und der Vogel eine Weile dort sitzen blieb. Er hatte direkt ein Foto gemacht, wartete aber noch eine Weile, ob der Vogel vielleicht die Flügel ausbreiten würde. Später, als ihm der Vorwurf gemacht wurde, er hätte an seinen eigenen Vorteil gedacht, statt dem Kind zu helfen, verteidigte er sich damit, dass er sagte, erstens habe er ja später dann den Vogel verscheucht und zweitens wäre das Kind dann ja auch wieder aufgestanden und weitergelaufen. Und überhaupt ist der Beruf eines Kriegsreporters ja nicht unbedingt überall Erste-Hilfe zu leisten, sondern zu dokumentieren, was er sieht, um Menschen davon zu berichten und womöglich dazu zu bringen, den Menschen, die da in Not sind, zu Hilfe zu eilen. Ja, aber trotzdem fanden, die von der Aufnahme schockierten Betrachtenden, dass Carter mehr hätte tun müssen, statt einfach nur ein Foto zu machen.

              Ganz egal wie wir jetzt dazu stehen, Kevin jedenfalls packt seine Kamera, seine Filme, besteigt das Flugzeug und fliegt wieder nach Hause. Diese Fotogelegenheiten dauern dann auch nicht Stunden oder tagelang, die sind dann doch eher überschaubar in ihrem Zeitaufwand. Carter entwickelt die Filme und verkauft die Aufnahmen an entsprechende Agenturen und wie es der Zufall so will, die New York Times beschließt, genau diese Aufnahme für eine Artikelstrecke über den Sudan zu verwenden und kauft die Aufnahme. Und das Foto macht Eindruck, so viel Eindruck, dass eine unüberschaubare Anzahl Zeitungen weltweit genau dieses Bild aufnehmen und ebenfalls abdrucken.

              14 Monate nachdem er diesen Moment im Busch dokumentiert hatte, wird sein Traum vom Pulitzer deswegen Wirklichkeit und das muss sich für ihn sehr seltsam angefühlt haben, denn gerade als er die Nachricht erhält, dass er für den Pulitzerpreis nach New York eingeladen wurde, ist der Rest seines Lebens in Trümmern, der Trip in den Sudan hat ihn so heruntergezogen, dass er verstärkt zu Drogen griff, seine Stelle bei einer lokalen Zeitung verlor und kurz vor der Nachricht des Pulitzerpreisgewinns von seiner Freundin verlassen worden war. Er war also praktisch Mittel- und Obdachlos, aber es sah fast so aus als wenn, sozusagen in letzter Sekunde der Pulitzer-Preis zur Rettung gekommen wäre. Er steigt also ins Flugzeug, fliegt nach New York und lässt dort die Sau raus. Er ist ein gutaussehender junger Mann und genießt es im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, der Nimbus des Starfotografen, gepaart mit seinem Auftreten macht ihn zum Star der New Yorker Szene, für ein zwei Wochen. Und dann brach die weltweite Kritik über ihn herein. Es ist ein Ding, ob man so ein Foto veröffentlicht hat und dafür dann Kritik einsteckt, aber kaum, dass er den Pulitzer-Preis gewonnen hat, schaltet die weltweite Empörung in eine neue Stufe. Und als er wieder daheim ist, wird die gesamte Situation irgendwann zu viel für ihn, Freunde versuchen ihn noch dazu zu überreden sich professionelle Hilfe zu holen. Aber Appelle kommen zu spät, es ist nichts Kevins erster Versuch sich das Leben zu nehmen, aber dieses Mal ist er erfolgreich. Zwei Monate nachdem er der Star des New Yorker Journalisten-Nachtlebens war, setzt er seinem Leben ein Ende.

              Und uns sollte diese Geschichte sehr, sehr nachdenklich machen, denn wir urteilen schon enorm schnell, auf Basis von Fotos, deren Kontext wir nicht kennen und deren Macherinnen und Macher uns vollkommen unbekannt sind. Und gleichzeitig feiern wir die Menschen, die uns diese Bilder bringen. Im Sudan herrscht immer noch Hungersnot, 13,4 Mio. Menschen sind jetzt während ich hier aufnehme am 7.1.2022 im Sudan auf humanitäre Hilfe angewiesen und es herrscht immer noch Bürgerkrieg. Und deswegen fliegen wieder und wieder Fotografierende und Journalisten ins Land, um uns aufzurütteln, in der Hoffnung, dass Pulitzer und so viele andere nach ihm recht haben und sich die Welt vielleicht doch ein klein bisschen ändern lässt, wenn man Geschichten erzählt.

              20 min
            • Eisberginspiration

              ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

              Der Welt berühmteste Eisberg existiert gar nicht.

              • Ralph Clevenger’s Webseite
              • Creating a Timeless Masterpiece - with Ralph Clevenger (Podcast)
              • The Iceberg Stock Photo That Has Earned Over $900K
              • The World’s Most Inspirational Iceberg Is a Fake
              • Google Bildersuche
              • Eisberg (Wikipedia)
              • Nils Pooker auf Twitter

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              Transkript

              Ralph Clevenger ist der Fotograf, der den ikonischsten Eisberg der Welt fotografierte. Und er war zu der Zeit schon etabliert. National Geographic gehörte zu seinen Klienten, Naturfotografie war seine Spezialität. Er studierte zunächst Zoologie, verlor sein Herz dann aber an die Fotografie und studierte deswegen ein weiteres Mal am „Brooks Institut of Photography“, wo er später dann auch über 30 Jahre lang zum Lehrkörper zählte.

              Er hat jedenfalls viel in der Branche gearbeitet. Er hat Lehrbücher geschrieben und Fotos für verschiedenste Magazine und Veröffentlichungen produziert.

              Aber keines war so erfolgreich wie dieses eine Eisbergfoto, um das es heute geht. Wer es noch nicht gemacht hat, sollte es vielleicht jetzt kurz mal tun, „Eisberg“, „tip of Iceberg“ oder „Spitze des Eisbergs“ in die Google Bildersuche tippen und dann das ikonischste aller ikonischen Eisbergfotos vor sich sehen.

              Das Besondere an diesem Bild ist nicht, dass es mit Analogfilm gemacht wurde 1998, wir hatten ja nix damals. Das Besondere ist auch nicht diese knallige Farbe und dass wir als Stockphoto die Wahl zwischen Eisberg links, recht, Mitte haben. Nein, das Besondere an diesem Bild ist, dass es diesen Eisberg so nie gegeben hat. Den kann man so nämlich gar nicht fotografieren, auch mit modernen Mitteln nicht.

              Eisberge, so wissen wir, haben den Großteil ihrer Masse unter Wasser und so haben wir dieses Bild vor Auge, wenn wir an Eisberge denken. Aber fotografieren kann man einen Eisberg so nicht. Das Wasser ist einfach nicht klar genug, damit wir den Berg in seiner Gänze so festhalten könnten.

              Das war auch Ralph Clevenger klar, als er die Idee zum Bild hatte. Photoshop muss damals in der Version zwei oder drei gewesen sein.

              Jedenfalls wusste Ralph, welchen Bildeindruck er erzeugen würde und die einzige Aufgabe bestand dann darin, die richtigen Bestandteile zusammenzufügen, der Himmel und das Wasser stammen aus Kalifornien. Dann ist da die Spitze des Eisbergs, die übers Wasser ragt, die fotografierte er in der Antarktis. Und dann ist da noch der Teil unter Wasser. Ja und der Teil war auch ein richtiger Eisberg, allerdings einer aus Alaska und der war nicht unter Wasser im Original, sondern eine andere Eisbergspitze über Wasser.

              Ralph erzählt in Interviews, dass der auch wirklich so authentisch blau strahlte, was dann später die Arbeit in Photoshop erheblich leichter machte.

              Die Teile wurden also auf Slidefilm fotografiert und danach digitalisiert,um dann bearbeitet zu werden. Insgesamt war das Bild über 18 Megabyte groß, was für damalige Verhältnisse geradezu monströs war. Erzeugt wurde das Bild in drei Varianten, Hochkant Eisberg mittig, Querformat Eisberg mittig und Querformat Eisberg links. So konnte man dieses Foto ideal mit Text kombinieren, als Titelbild oder als Magazin-Spread verwenden, denn von Anfang an war klar, dass dieses Foto als ein Stockphoto verkauft werden würde. Und deswegen wurde es auch sofort entsprechend vermarktet. Von Tag 1 weg gab es Käufer für dieses Bild, denn das Bild hatte eine ganz besondere Eigenschaft, es war nicht nur originell, zu der Zeit gab es solche Fotos noch nicht. Heute sehen praktisch alle Eisbergfotos so aus wie dieses ikonische Bild. Aber damals war das eine vollständig neue Idee. Gleichzeitig konnte man diese Metapher für alles Mögliche verwenden. Und so fanden sich Käufer quer durch alle Industrien. Bis heute wird dieses Foto immer und immer wieder in Werbekampagnen verwendet.

              Und für Ralph Clevenger heißt das, die Ausbildungskosten seiner Kinder sind von einem Eisbergfoto finanziert worden, denn von der über eine Million Euro, die dieses Bild bis jetzt eingespielt hat, hat er so rund 40% verdient.

              Nicht schlecht als Einnahme von einer Fotoidee.

              6 min

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