Fotomenschen

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By Dirk PrimbsHistory
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Fotomenschen episodes

  • Pixelige Babyfotos

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Ja, auch den Pixel gab es nicht schon immer. Er wurde 1957 erfunden und hat einen 3 Monate alten Paten 🙂

    • Russell Kirsch (Wikipedia)
    • Russell Kirsch, computer scientist who scanned the first digital image, dies at 91
    • Smithsonian Computer Oral History Collection, 1969-1973, 1977 – Russell Kirsch
    • Der Mensch, der die Welt verpixelte (Welt)
    • RUSSELL KIRSCH: PIXEL PIONEER AND THE FATHER OF DIGITAL IMAGING

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    Transkript

    Es gibt ja so einige Listen, die hundert angeblich einflussreiche Fotos zeigen und auf jeder dieser Listen sind Babyfotos zu sehen.

    Und besonders spannend ist, dass die meisten Babyfotos etwas mit technischer Entwicklung zu tun haben. Das Baby, um das es heute geht, hieß Walden Kirsch. Unglaublich süß und der ganze Stolz seines 27-jährigen Vaters Russel Kirsch. Der machte, was Väter, wenn sie stolz auf ihre neugeborenes Baby sind, so tun, er brachte nämlich ein Foto seines Sohnes mit zur Arbeit.

    Es ist das Jahr 1957 und angestellt ist er als Computertechniker beim National Bureau of Standards und ist einer der wenigen, die an dem bis dahin ersten und einzigen programmierbaren Computer in den Vereinigten Staaten arbeiten dürfen. Das Ding füllte einen ganzen Raum aus und hieß „Standard Electronic Automatic Computer“ oder „SEAC“ und wurde für so nützliche Dinge benutzt wie Berechnungen zum Bau der Atombombe durchzuführen.

    Aber Russell, ganz Techniker, hatte andere Vorstellungen, was so ein Computer noch alles leisten könnte und so fragt er sich, was wäre eigentlich, wenn Computer die Welt so wahrnehmen könnten wie wir? Damals waren Computer ja in erster Linie zum Berechnen da. Es gab noch keine Computergrafik. Und so musste Russell zuerst etwas erfinden, das wir heute als selbstverständlich wahrnehmen. Er musste sich überlegen, wie genau er Bilder in den Computer bekommt und was denn die kleinstmögliche Einheit wäre.

    Er entwarf also ein Gerät, mit dem man Bilder theoretisch abtasten könnte. Er konstruierte einen Prototypen und beschloss, das Foto, das in seiner Brieftasche war, als Beispielfoto zu nutzen. Das Bild war jetzt für seine Zwecke ein bisschen arg groß und deswegen schnitt er einen kleinen Teil davon aus, das Gesicht seines Sohnes. Und dieses Bild nutzte er dann, um mit seinem neu konstruierten Handscanner, wie wir es heute nennen würden, eine Abtastung vorzunehmen.

    176 x 176 Punkte war diese Abtastung groß und Russell Kirsch wurde damit zum Erfinder des Pixels. Ja, genau das Ding, von dem wir heute in millionenfacher Ausführung als Megapixel sprechen, musste damals erst mal ausgedacht werden. Der Handscanner, den er sich ausgedacht hatte, tastete das Bild zwar in 176 x 176 Pixeln ab, aber jeder dieser Pixel konnte nur einen von zwei Werten annehmen, weiß oder schwarz, eins oder null. Abhängig von der justierten Empfindlichkeit der Abtastung konnte man ein Bild jedoch mehrmals abtasten und so auch Graustufen herausrechnen.

    Und das Bild war eine sofortige Sensation. Es wies für ganze Teams von Forschern die Richtung. Die NASA wusste sofort Anwendungsfälle für diese Technologie. Natürlich auch das Militär, wie soll es auch anders sein. Die Erfindung des Pixels und dieses allererste gescannte digitale Foto sind die Urahnen für die gesamte moderne Bildverarbeitung. Satellitenfotografie, CT-Scans, Strichcodes, moderne Fertigungsstraßen, Displays, Kameras, Projektoren, die Liste ist endlos.

    Russell Kirsch, der von seiner Familie als Bastler beschrieben wurde, beschäftigte sich sein gesamtes restliches Leben dann mit der weiteren Computerentwicklung. War es am Anfang oft Hardware, an der er herumschraubte, wurde es dann schnell die algorithmische Seite der Dinge. Zusammen mit seiner Frau, die Kunsthistorikerin war, analysierte er mithilfe von Computertechnik historische Gemälde, forschte an AIs, die das menschliche Gehirn nachzuahmen versuchen und erfreute sich daran, eine Entwicklung beobachten zu dürfen, die von einem selbst zusammengebauten Gerät, das im Prinzip gerade mal hell und dunkel unterscheiden konnte, führte zu einer Welt, in der wir abertausende Babyfotos in unserer Hosentasche spazieren tragen können.

    Wir machen uns glaube ich gar keine Vorstellung davon, wie einzigartig so eine Entdeckung ist. Wir nehmen das einfach selbstverständlich hin, natürlich wurde irgendwann der Pixel entwickelt. Trotzdem muss erstmal jemand darauf kommen und das erste Gerät bauen, das das dann auch umsetzt.

    Russell Kirsch blieb sein Leben lang bescheidener Techniker und Computerwissenschaftler. Er war fasziniert von der Technologie und überzeugt davon, dass sie unser aller Leben besser machen würde. Im hohen Alter erkrankt er dann an Demenz, schrieb aber bis zuletzt Gedichte und nahm am Leben Teil, bis er dann im August 2020 im Alter von 91 Jahren starb.

    7 min
  • Zensierter Zensurprotest

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Der erfolgreiche Hollywood-Portraitfotograf Whitey Schafer hätte sich vermutlich nicht träumen lassen, dass sein berühmtestes Foto letztlich eine scherzhaft gemeinte Satireaufnahme sein würde.

    • Adolph Whitey Schafer (Wikipedia)
    • Hinweis-Tweet von @Ragemus
    • “Thou Shalt Not”: A 1940 Photo Satirically Mocks Every Vice & Sin Censored by the Hays Movie Censorship Code
    • Motion Picture Production Code
    • Hays Code (Wikipedia)
    • Hollywood (Wikipedia)
    • Roscoe Arbuckle (Wikipedia)
    • Mary Mallory / Hollywood Heights - A. L. “Whitey” Schafer Simplifies Portraits

    Transkript

    Hollywood war nicht immer das Zentrum der Filmindustrie, zwar gab es einige Pioniere des Bewegtfilms in Kalifornien, aber dass ausgerechnet Hollywood irgendwann einmal das Epizentrum der westlichen Kinokultur werden sollte, war längst nicht ausgemacht.

    Eigentlich fing das Ganze mit einer Filmcrew an, die 1910 aus New York anreiste, um einen Film in Los Angeles zu drehen. Weil es beim ersten Versuch schon ziemlich gut geklappt hat, blieb man mehrere Monate und stellte gleich mehrere Filme fertig. Und weil auch das so gut funktionierte, wurde gleich das erste Filmstudio Hollywoods gegründet. Schon 1915 wurden dann die Mehrheit aller amerikanischen Filme in Los Angeles und Umgebung produziert. Und es gab nicht nur eins, sondern gleich mehrere Filmstudios.

    Es waren die „Roaring Twenties“, es ging hoch her. Die Welt befand sich im Aufbruch und Partystimmung herrschte natürlich in Hollywood. Und so wundert es auch gar nicht, dass es relativ schnell zu ziemlich handfesten Skandalen kommt.

    Immer mit den wichtigsten Zutaten handfester Hollywoodskandale: Sex, Drogen, Gewalt. 1921 dann ist es endgültig das Maß voll. Der berühmte Stummfilmstar Roscoe Arbuckle wird beschuldigt ein Filmsternchen grausam vergewaltigt und umgebracht zu haben.

    Arbuckle kennen nicht mehr viele, aber damals war er auf Augenhöhe mit einem Buster Keaton oder Charlie Chaplin. Ihm wird der Prozess gemacht und er wird freigesprochen, allerdings ist seine Karriere danach beendet und Hollywood gilt endgültig als Sündenpfuhl.

    Die Presse bekommt sich gar nicht mehr ein und schreit nach Konsequenzen, Hollywood, so der Tenor, verdirbt unsere Bevölkerung. Die Menschen werden moralisch korrumpiert, indem sie sich Sex, Gewalt und Drogen auf der Leinwand anschauen.

    Aber Druck und Kritik kamen nicht nur von den Medien, sondern auch von Kirchen und Behörden. In den Zwanzigern und Dreißigern gab es zum Teil über hundert gleichzeitig laufende Verfahren in verschiedenen Bundesstaaten, alle mit dem Ziel Filme zu zensieren, Lizenzsysteme einzuführen, die Kontrolle über das, was Kinos spielen durften, erlaubten und dergleichen mehr.

    Irgendwann wurde das ganze zum Thema für den amerikanischen Kongress und es drohte ein Zensurgesetz. Um das abzuwenden, stimmte man 1922 zu, die „motion pictures producers and distributors association“ zu gründen. Und sich als Filmindustrie, sozusagen freiwillig, einer gewissen Selbstzensur zu unterwerfen.

    Vorsitzender dieser neuen Zensurbehörde wurde ein Mann namens Hays und der nahm nun den Auftrag an, einen moralischen Code für die Filmindustrie zu entwerfen. Das Ergebnis war der sogenannte „Production Code“ oder wie er umgangssprachlich auch oft genannt wurde: der sogenannte „Hays Code“.

    Er sollte sicherstellen, dass das Publikum durch einen Film nicht korrumpiert werden würde, also moralisch beeinträchtigt. Und dazu gab es eine ganze Reihe von Vorschriften: z.B. durfte man in Filmen die Polizei nicht nachteilig darstellen oder das Brechen von Gesetzen positiv darstellen, Sex war natürlich auch verboten. Insbesondere Sex zwischen Schwarzen und Weißen, dafür gab es einen eigenen Paragrafen im Hays Code. Ähnliches mit der Sklaverei, die konnte man zwar zeigen, wenn es der Plot denn vorschrieb, aber bitte nur mit „People of Color“, white slavery verdiente auch einen eigenen Eintrag.

    Überhaupt gab es so einige Gummiparagrafen in dem Ding. So fanden sich Einträge, die Obszönitäten zum Beispiel dem guten Geschmack unterordnen, ähnliches gilt natürlich für Tanz und Kostüme. Es versteht sich von selbst, dass unzüchtige Kleidung natürlich verboten war. Dabei versteht sich von selbst, dass es für Frauen natürlich viel leichter war sich unzüchtig zu kleiden als für Männer.

    Auf jeden Fall gab es so einiges an Regeln und die Filmindustrie ordnete sich dem Ganzen bereitwillig unter, denn es war big business.

    Und lieber ordnete man sich unter und hatte seine Ruhe, als sich dem Wohl und Wehe auszusetzen. Rechtssicherheit war wichtiger, als die Freiheit der Kunst. Die von Hays geleitete Behörde war von jetzt an zuständig, die Produktionsfirmen an die Einhaltung des Codes zu erinnern und ab 1934 wurde das ganze auch von einem entsprechenden Gesetzeswerk unterlegt. Es gab also Geldstrafen, wenn man gegen den Code verstieß, es gab Fristen und Melderechte und so weiter. Und während sich die Industrie damit arrangierte und in der Zeit tatsächlich auch eine ganze Reihe berühmter Filme entstehen lässt, schütteln natürlich auch viele Kreative der damaligen Zeit, Regisseure, Fotografen, Filmemacher einfach nur angesichts der Absurditäten des Hays Code den Kopf.

    Und das bringt uns heute zu einem Mann, auf den mich der Ralph auf Twitter hingewiesen hat. Nämlich der Fotograf Adolph L. „Whitey“ Schafer, Whitey war sein Spitzname, wegen seinen blonden Haaren und sein Fimmel für Seitenschals war legendär.

    365 solle er einen besessen haben, für jeden Tag im Jahr einen. Aber heute geht es nicht um seine Haare und auch nicht um seine Schals. Whitey kam eigentlich aus dem Bundesstaat Utah, war aber in Kalifornien aufgewachsen und begann 1921 als Fotograf für verschiedene Filmstudios zu arbeiten.

    Er fotografierte die aufstrebenden Hollywoodsternchen genauso wie die etablierten Stars der Szene. Er produzierte Glamour-Shots und Pin-up Kalender, besonders wenn es darum ging, nicht mehr ganz so züchtige von den attraktiven jungen Frauen Hollywoods zu machen, war Whitey schnell eine gesetzte Größe. Er hatte seine eigenen Tricks und Hausmittelchen, z.B. eine eigens entwickelte Creme, mit der Lichteffekte auf dem Körper seiner Modells malte.

    Und angesichts all dieser dann doch nicht mehr ganz so züchtigen Fotoaufträge fand Whitey den Hays Code einfach nur bizarr, unnötig und einen Angriff auf die Meinungsfreiheit. Als „Director of Photopraphy“ in verschiedensten Produktion und angestellter Fotograf für Studios wie Columbia oder Paramount Pictures, organisierte er auch regelmäßig Bildergalerien, produzierte Ausstellungen und nahm auch selbst regelmäßig an fotografischen Wettbewerben teil. Er war damals eine etablierte Größe der Szene und schrieb Bücher und Artikel über Porträtfotografie. Und natürlich war er auch bei der jährlich stattfindenden Ausstellung der „academie of Motion pictures, Arts and sciences“, ja der Akademie, die auch den Oscar verleiht, mit eigenen Werken vertreten. 1941 jedenfalls beschließt er das ganze aufzulockern und ein satirisches Bild einzureichen.

    Dampft man nämlich den Hays Code auf das absolut Essenzielle zusammen, dann ergeben sich knapp zehn Kardinalfehler, die es zu vermeiden gilt. Und Whitey beschließt ein Foto zu machen, das gegen all diese zehn Fehler verstößt und es bei der Galerie zur Ausstellung einzureichen. Das Foto trägt den Titel „thou shalt not“ und zeigt eine blonde Frau, die raucht, in Unterwäsche über einem offensichtlich erschossenen Polizisten steht, mit einem Revolver auf ihn zielt, während am Tisch im Hintergrund Alkohol zu sehen ist, Spielkarten im Vordergrund liegen und ein automatisches Gewehr im Bild ist.

    Um dem Betrachter klarzumachen, worum es in dem Bild geht, stehen die Verstöße auch noch in einer Liste zu lesen. Kollegen, Studiofunktionäre, Regisseure, eigentlich finden das Bild alle großartig, außer natürlich den Leuten, wegen denen der Hays Code überhaupt existiert. Und so wird damit gedroht ihn zu verklagen, er soll dieselbe Strafe zahlen müssen, die Filmstudios zahlen müssen, wenn sie in Filmen gegen diese Auflagen verstoßen. Und das Foto soll natürlich nirgends gedruckt werden, denn es verstößt ja gegen die Zensurvorgaben.

    Tatsächlich wird das Bild auch aus dem Wettbewerb zurückgezogen, allerdings sind die 18 Drucke, die Whitey für den Wettbewerb eingereicht hat nicht mehr aufzufinden, die haben sich die Juroren und Ausrichter des Wettbewerbs direkt alle unter den Nagel gerissen.

    Überhaupt ist dieses Bild so beliebt, dass es an allen möglichen Stellen in Hollywood auftaucht und ab jetzt kennt jeder diese Aufnahmen. Nicht zuletzt auch wegen dem Skandal und Theater, dass darum veranstaltet wurde. Und es ist ein ziemlich cooles Bild, zunächst hatten allerdings die Zensoren Erfolg. Zwar entging Whitey Schafer der Strafe, aber, die Hollywood Studios waren trotzdem gezwungen, das Bild aus dem Verkehr zu ziehen und durften es nicht veröffentlichen. Es sollte mehrere Jahrzehnte dauern, bis das Bild zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde. Inoffiziell hat es da längst die Runde gemacht und viele kannten es natürlich.

    Und das finde ich auch irgendwie ganz nett an der Geschichte, dass Whitey Schafer mit einem Bild berühmt wurde, dass er nicht verkaufen durfte und dass sich tierisch gegen Zensur wandte und diese Zensur genau dazu führte, dass das Bild gerade noch ikonischer wurde. Für eine Weile muss er sich trotzdem Sorgen machen, ob seine berufliche Tätigkeit ab jetzt in Gefahr ist, denn dieser ganze Zensurskandal hatte auch viel böses Blut produziert. Seine Arbeit sprach aber für sich und so wurde er auch weiterhin in gut bezahlten Jobs von Hollywood engagiert und hinterließ eine beachtliche Menge hervorragender Porträtaufnahmen. Sein Tod kam plötzlich und unerwartet, er starb mit 48 Jahren bei einer Explosion auf einer Yacht.
    Und wäre es nicht zu diesem Unfall gekommen, dann hätte er wenig später miterleben dürfen, wie der Hays Code Vergangenheit wurde.

    Es war nämlich so, dass sich nur die Amerikaner derart selbst zensierten, die Europäer hatten keinen Hays Code und die hatten auch keine moralischen Bedenken in ihren Filmen zu zeigen, was immer ihnen in den Sinn kam. Und das amerikanische Publikum wiederum freute sich über die Abwechslung. Mit der zunehmenden Öffnung der Märkte wurde es also schwerer, eine Form der Zensur durchzuhalten, die im Grunde die einheimische Industrie benachteiligte. Und so löste man sich von diesem Code. Ja und modernen Produktionen aus Hollywood kann man jetzt nun wirklich nicht vorwerfen, dass sie auf Gewalt, Sex oder die Verunglimpfung des Gesetzes verzichten würden.

    14 min
  • Kunstprofessor auf Abwegen

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Es gibt in der Geschichte der Fotografie viele Maler und Erfinder, Samuel Morse war einer von ihnen und brachte den USA neben dem nach ihm benannten Code auch die Fotografie.

    • Samuel Morse (Wikipedia)
    • Samuel F. B. Morse Papers at the Library of Congress, 1793 to 1919
    • Samuel Morse and the Quest for the Daguerreotype Portrait
    • Morse Daguerreotype Camera
    • The Inventor of the Telegraph Was Also America’s First Photographer
    • Samuel F. B. Morse visits with Daguerre, 9 March 1839
    • New York and the Dawn of Photography: Mathew Brady, Samuel Morse and the Daguerreotype Craze

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    Transkript

    Sein ganzes Leben versuchte Samuel F. B. Morse, mit seiner Malerei Fuß zu fassen, und später dann mit Fotografie, und doch ging er in die Geschichte ein als der Erfinder des Morsecodes.

    Ich finde es schon auffällig, ganz besonders am Anfang der Geschichte der Fotografie sind die Hauptfiguren, die einem so begegnen, meistens mehrfach talentiert und in ganz vielen verschiedenen Bereichen unterwegs. Samuel F. B. Morse ist da tatsächlich ein ganz typischer Vertreter.

    Geboren wird er im Jahr 1791 als Sohn eines calvinistischen Geistlichen. Es geht der Familie Morse gut und so kommt der Sohn in den Genuss einer privilegierten Ausbildung. Während er im College von Yale, der heutigen Yale University, sein Studium absolviert, hört er erste Vorlesungen über Elektrizität. Samuel schwebt eine Karriere als Künstler vor und so ist es auch kein Wunder, dass er sich schon während des Studiums ein Zubrot über Portraitmalerei verdient. Diese ersten Gemälde sind meistens Miniaturen, allerdings hat der junge Samuel auch schon große Gemälde in neoklassizistischem Stil gemalt. „The landing of the pilgrims“ stellt zum Beispiel dar, wie die ersten Siedler Amerika erreichen. Keine dieser Bilder sind besonders einträglich, aber sie erregen genug Aufmerksamkeit, dass er einen Maler kennenlernt, der ihm anbietet, gemeinsam nach England zu gehen und dort Malerei zu studieren.

    Es ist auch hier in England, wo Samuel Morse unter anderem in die Royal Academy aufgenommen wird und vollständig in die Kunst eines Raphael und eines Michelangelo versinkt. Schnell geht ihm aber auf, dass große, komplexe, klassizistische Gemälde nichts sind, womit man sich wirklich ordentlich seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Portraitmalerei ist da wesentlich einträglicher. Er lässt seine Familie in Amerika also wissen, dass er demnächst heimkehren wird und ein Portraitstudio eröffnen wird, ein Studio, in dem er mit Portraits so viel Geld verdienen wird, dass er in Zukunft zwischen England und USA hin- und herpendeln können wird. 

    Und er bekommt auch ein paar Aufträge, alles in allem aber nicht besonders lohnend. Sein wie angekündigt in New York eröffnetes Portraitstudio ermöglicht ihm kaum, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber immerhin sind die Arbeiten gut genug, dass ihn die University of New York City zum Professor beruft. Tagsüber lehrt er in den Bereichen Skulptur und Literatur, aber Kunst und Design ist natürlich damals auch ganz nah an der technischen Revolution, die stattfand. Und so experimentiert Morse mit ein paar anderen seiner Freunde mit verschiedenen elektrischen Apparaturen. Es sind diese Jahre, in einer Professur, in New York, die er dafür nutzt, dann auch den Telegrafen zu entwickeln. 1840 bekommt er dann dafür ein Patent. 

    Wer jetzt glaubt, ab hier war er ein gemachter Mann, der irrt. Man wusste damals noch nicht wirklich, was man mit dem Telegrafen anfangen soll. Es gab ja auch kein ausgebautes Telegrafennetz oder auch nur Stromnetz zu der Zeit. Als Professor war sein Einkommen auch nicht gerade großzügig und so versuchte Morse, offizielle Fördermittel zu bekommen. Weil sich das allerdings übermäßig lang hinzog, beschloss Morse, mit seiner Erfindung in Europa sein Glück zu versuchen und reiste damit nach England. 

    Dort hatte man die Entwicklung des Telegrafen mit riesigem Interesse verfolgt und war fleißig am Überlegen, wie man diese Technologie ausnützen könnte. Es gab damals nur eine einzige Technologie, die ähnlich viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Die gerade 1839 der Welt vorgestellte Daguerreotypie.

    Morse hatte selbst als Maler und Künstler schon mit verschiedenen fotografischen Techniken experimentiert und so nutzte er seinen Trip nach Europa nicht nur für die Suche nach Investoren für sein Telegrafensystem, sondern auch, um Louis Daguerre zu treffen. Und er war begeistert von dem, was er dort sehen durfte. Als erster Amerikaner überhaupt beschrieb er den Prozess und was er dabei gesehen hatte und als er nach Amerika zurückgekommen war, wurde er der erste Amerikaner, der erfolgreich Daguerreotypien anfertigte. 

    Der Prozess war noch langsam und umständlich und so begann Morse, von Anfang an den Prozess Schritt für Schritt zu verbessern. Er eröffnete das erste Daguerreotypiestudio der neuen Welt und nach wenigen Monaten experimentieren konnte er die ersten Innenraumbilder mit weniger als fünf Sekunden Verschlusszeit produzieren. Als Professor, Künstler und Erfinder hatte Morse ein sehr ausgesuchtes Netzwerk und so profitierte seine Fotografie von den Linsenberechnungen eines John Draper und er sorgte dafür, dass Louis Daguerre Ehrenmitglied der Akademie für Design und Wissenschaften in den USA wurde. 

    Samuel Morse machte Riesenfortschritte und im Jahr 1840/41 galt er als der führende und beste Daguerreotypist der Vereinigten Staaten. Jedoch bei aller Begeisterung hatte die Daguerreotypie auch einen gewaltigen Nachteil: Es war eine brandneue Technologie. Zwar war die gefragt, aber so richtig hatte noch niemand herausgefunden, wie man damit ernsthaft und ausreichend Geld verdienen können würde. Auch Morse sah es eher als eine Art unterstützende Technik für Portraitmaler. Man konnte quasi Skizzen damit fertigen, so die Idee. Und deswegen hörte er auch nie auf, die Technologie des Telegrafen weiter zu bewerben und zu verfolgen. 

    Inzwischen hatte in Großbritannien einiges an Versuchen stattgefunden und Großbritannien schickte sich an, erste Telegrafenleitungen zu errichten. Und so wurde auch der amerikanische Kongress aktiver. Neben verschiedenen Möglichkeiten, die Telegrafentechnologie einzusetzen, bekam er Mittel für Experimente bewilligt und so kam es 1842 zu den ersten Experimenten für die Übertragung von Signalen unter Wasser. Und 1843 endlich zur Bewilligung von damals 30000 US-Dollar, um den Bau einer 60 km langen Telegrafenleitungen von Baltimore nach Washington DC. zu unterstützen.

    Ich fand es beim Nachlesen einigermaßen faszinierend, festzustellen, dass bis hier hin Morses Finanzen eigentlich immer ein Problem waren. Nicht, dass er auf besonders großem Fuß gelebt hätte, aber weder seine Professur, noch seine Malerei, noch sein Daguerreotypiestudio, noch, bis hier hin, die Entwicklung der ersten Telegrafengeräte in den USA hatten genug Geld abgeworfen, um ihm ein entspanntes, stressfreies Leben zu ermöglichen. Dazu mag auch seine Familiensituation beigetragen haben: 1818, im Alter von 27 Jahren, heiratet Morse die sieben Jahre jüngere Lucretia Pickering Walker. Mit ihr hat er drei gemeinsame Kinder, allerdings stirbt sie im Alter von 26 Jahren bei der Geburt des dritten Kindes und die drei Kinder wachsen ab jetzt bei Verwandten auf und sind bereits erwachsen, als Morse Mitte der 40er Jahre von einem Gericht Lizenzgebühren für die inzwischen reichlich eingesetzte Telegrafentechnologie zugesprochen bekommt. Es ist nicht das letzte Mal, dass er dafür vor Gericht ziehen muss, aber ab jetzt ist im Grunde seine finanzielle Zukunft einigermaßen gesichert.

    Auf der Hochzeit seines Sohnes Charles lernt Samuel Morse dann die damals 26-jährige Brautjungfer Sarah Elizabeth Griswold kennen. Von Geburt an taub und mehrere Monate jünger als seine Tochter, ganz zu schweigen davon, dass es 30 Jahre Altersunterschied zwischen ihr und ihm gab, dürfte die Beziehung durchaus für Tratsch und Aufregung gesorgt haben, was aber die beiden nicht daran hindert, zu heiraten, auf einen gemeinsamen Landsitz zu ziehen und im Folgenden weitere vier Kinder zu zeugen.

    Morse bleibt weiterhin in Yale aktiv. Er erhält die Ehrendoktorwürde und wird aus aller Welt mit Ehrungen überschüttet. Daguerreotypie und Malerei betreibt er weiter, allerdings nur noch als Hobby. Er schließt die Portraitstudios in New York und betreibt seine Kunst nur noch für sich und seine Familie. Allerdings ist er ein anerkannter Mentor und gilt als der Begründer der Daguerreotypie in den USA und steht damit am Anfang einer absoluten Erfolgsgeschichte. Denn während in Europa die Kollodium-Nassplatte und Papiernegative das Mittel der Wahl werden, bleibt die Daguerreotypie in den USA noch auf mehrere Jahrzehnte die kommerziell erfolgreichste Technologie.

    Und Morse kann sich ab jetzt aussuchen, womit er seine Zeit verbringen möchte. 1865 gründet er zum Beispiel eine Eliteuniversität, ab 1866 bis 68 lebt er mit seiner Familie in Frankreich und ist offizieller Vertreter der USA bei der Pariser Weltausstellung. Hätte man zu der Zeit Zeitgenossen gefragt, hätten sie ihn inzwischen schon als Vater der Telegrafie identifiziert. 

    Wie wichtig dieses Thema inzwischen für die Weltgemeinschaft geworden war, wird auch durch die vielen Ehrungen, die ihm gerade auch aus Europa zuteilwurden, deutlich. Neben verschiedenen Ritterorden und allgemeinen Ehrungen gipfelt das Ganze in einer Konferenz im Jahr 1859. Da kamen auf Einladung Kaiser Napoleons des dritten die Länder Frankreich, Russland, Schweden, Belgien, Holland, Österreich, Sardinien, die Toskana, die Türkei und der heilige Stuhl zusammen, um darüber zu beraten, wie man Professor Morse im Namen ihrer vereinten Regierungen ihre Dankbarkeit ausdrücken könnte. Man verständigte sich darauf, ihm die damals spektakuläre Summe von 400000 Franc zukommen zu lassen, als Honorar., zusätzlich zu all den Ehrungen.

    Samuel Morse war umtriebig und vielseitig interessiert und damit passt er ganz hervorragend in die damalige Zeit. Seine Arbeit als Fotograf hatte viele der ersten Fotografinnen und Fotografen in den USA beeinflusst und einige Namen hatten wir auch hier im Podcast schon erwähnt. So arbeitete er zum Beispiel mit John William Draper zusammen, der Mann, der für eines der ersten Fotos des Mondes überhaupt verantwortlich ist. Und Mathew Brady, einer der großen Fotografen der amerikanischen Bürgerkriegszeit, war ein persönlicher Vertrauter von Samuel Morse. Er selbst sah sich zur Zeit seines Lebens eigentlich zuerst als Künstler, dann als Professor, dann als Fotograf und erst als Letztes als Erfinder. Trotzdem ist es natürlich die Erfindung des Telegrafen, mit der er die Welt am nachhaltigsten verändert hat.

    12 min
  • Jahrzehnte fotografieren

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Es gibt Projekte die erstrecken sich über mehrere Dekaden, diese Folge stellt drei dieser Projekte vor.

    • Herlinde Koelbl – Angela Merkel
    • Angela Merkel – Portraits 1991-2021
    • »Es ist frappierend, wie sich ihre Körpersprache gewandelt hat« (Spiegel, Paywall)
    • Spuren ihrer Macht
    • „Nicht eitel zu sein, das ist Merkels Stärke“
    • 30 Jahre Merkel – Herlinde Koelbl und ihr Fotoprojekt (Videobeitrag, BR Mediathek)
    • NICHOLAS NIXON: THE BROWN SISTERS, 1975 - 2020 (Pinakothek der Moderne)
    • The Extraordinary Portraits of the Brown Sisters
    • Nicholas Nixon on 40 Years of Portraits, Seducing Your Subject, and a Good Death
    • Forty Portraits in Forty Years (NYTimes, Paywall)
    • Nicholas Nixon (Wikipedia)
    • Weihnachten bei den Wagners (Spiegel)
    • Deutsche Geschichte im Spiegel von Weihnachtsfotos
    • „Deutsche Weihnacht. Ein Familienalbum 1900-1945“

    Transkript

    Wir denken nicht oft daran, aber Fotografie kann nicht nur den winzig kleinen Augenblick einfangen, sondern auch lange Zeiträume. Besonders, wenn es sich um ein Fotoritual handelt, also ein regelmäßig wiederkehrendes Foto, das wir machen. Es gibt ja sogar Apps, die uns darin unterstützen jeden Tag ein Selfie zu machen.

    Aber schon lange bevor wir die Kamera hauptsächlich auf uns selber gerichtet haben, gab es natürlich auch schon Fotografinnen und Fotografen, die zum Teil über Jahrzehnte hinweg immer wieder dasselbe Motiv festhielten.

    Es gibt natürlich viele Fotografen und Fotografinnen, die über Jahrzehnte hinweg fotografieren. Natürlich gibt es auch große Fotoprojekte, die wirklich lange laufen. Wirklich spannend finde ich aber ganz besonders die Projekte, die eigentlich versuchen, der Zeit beim Vergehen zuzusehen.

    Am ehesten begegnet uns das tatsächlich noch bei lang-laufenden Portraitserien großer Politiker. So kam jetzt, passend zum Ende der Amtszeit Angela Merkels, ein Portraitband heraus, in dem Herlinde Koelbl von 1991 bis 2021 gesammelte Portraits von Angela Merkel zusammengefasst hatte. In solchen Portraitreihen glauben wir dann natürlich auch die Last der Macht zu erkennen, wir sehen die Person auf dem Bild älter und älter werden. Grübchen und Furchen, die eigentlich schon immer da waren, vertiefen sich, neue kommen hinzu. Und es ist ein wirklich faszinierender Blick.

    Eine der berühmtesten Langzeit-Portraitserien, die es derzeit gibt, die auch immer noch läuft ist das Projekt:“The Brown Sisters“. Es ist das bekannteste Projekt des Fotografen Nicholas Nixon. Seit 1975 verabreden sich nämlich jedes Jahr er, seine Frau und deren drei Schwestern zu einer Portraitsitzung. Das alles fing ursprünglich mal als eine spontane Idee am Rande einer Familienfeier an. Nixon hatte seine Großformatkamera da und schlug vor doch ein Portrait der vier Schwestern zu machen. Die Jüngste war damals noch ein Teenager, die Älteste Mitte 20. Und er stellte sie auf und fotografierte sie.

    Und wären sie dieses Foto machten, kam die Idee auf, vielleicht einfach jedes Jahr wieder eine neue Version dieser Aufnahmen zu machen. Regeln waren schnell gefunden: Sie würden immer in derselben Reihenfolge stehen, sie würden sich treffen, egal wie sie zu dem Zeitpunkt zueinander stehen würden. Mehrere Fotos sollten gemacht werden und Nicholas Nixon würde jedes Mal das seiner Meinung nach beste Bild auswählen, das würde dann das kanonische Foto von dem jeweiligen Jahr werden.

    1975, ich nehme das ja gerade im November 2021 auf und zu dem Zeitpunkt sind es immerhin schon 46 Jahre, die dieses Projekt jedes Jahr erweitert wurde. Und es ist spannend sich diese Portraitreihe anzuschauen. Man kann sehen, wie die vier Frauen sich mal näher, mal weniger nah zu sein scheinen. Man meint Charakter wahrnehmen zu können, unterschiedliche Stimmungen. Spielt man diese Bilder wie in einem Video hintereinander ab, kann man den vier Frauen natürlich in Zeitraffer beim Altern zusehen.

    Offen ist momentan noch, wann das Projekt enden wird. Wird es enden, wenn eine der Schwestern stirbt? Wird es enden, wenn die letzte Schwester stirbt? Wird es enden, wenn der Fotograf stirbt? Oder wird es enden, weil irgendwann doch keiner mehr Lust hat das Projekt weiterzuführen. All diese Fragen sind offen, aber seit bestimmt schon 15 Jahren tourt das Projekt immer wieder durch verschiedene Ausstellungen und ist zum Beispiel fester Bestandteil der Sammlung der Pinakothek der Moderne in München.

    Die hatten erst dieses Jahr wieder eine aktualisierte Version dieser Bildreihe ausgestellt, inklusive dem Foto von 2020. Wie es sich für das Corona Jahr gehörte da mit 4 Screenshots, vier Schwestern, wie sie in eine Computerkamera schauen.

    Spannend ist auch, dass praktisch nichts über die vier Frauen bekannt ist. Es geht nicht um die Biografie der Frauen, es geht nicht darum, was sie beruflich machen. Wir erfahren Namen und grobes Alter. Recherchiert man etwas findet man raus, dass Bebe, die Frau von Nicholas Nixon, eine Sozialarbeiterin in einer Krebsstation in Boston ist.

    Menschen, die mit dem Tod ringen gehören, also gewissermaßen zu seinem und ihrem Alltag und spiegeln sich auch in der restlichen Arbeit von Nicholas Nixon wider.

    Gerade andere Arbeiten, wo er beispielsweise Menschen mit Aids fotografiert oder Fotos von Krebskranken am Ende ihres Lebens macht. Es ist das Vergehen der Zeit, der besondere Moment auf den alles zusteuert der ihn interessiert. Er selbst sagt in Interviews er selbst ist inzwischen in einem Alter, und das Projekt ist in einem Alter, indem er das Ende fast schon sehen kann, irgendwann wird jetzt dann mal der Moment kommen, indem die Frage auftaucht, wie das Projekt weitergehen soll.

    Thematisch etwas anders gelagert ist dann noch ein drittes Langzeitprojekt, das ich für heute mitgebracht habe. Es ist ein Projekt, das zum Fotobestand des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin gehört und ein wirklich ganz besonderer Schatz dieses Museum ist. Wie bei den Brown Sister weiß man auch hier über die Menschen auf den Fotos dieser Bildersammlung reichlich wenig. Alles fing mit dem Plan für eine Weihnachtsfotoausstellung an, das Museum wollte gerne zeigen, wie die Deutschen Weihnachten gefeiert haben über die Jahrzehnte hinweg.

    Und so wurde ein Ausruf veröffentlicht, mit der Bitte, man möge doch private Fotosammlungen einreichen. Die Berliner sammelten also und es kamen viele Fotos zusammen, aber auch ein ganz besonderer Schatz. Eine Sammlung von knapp 250 Fotos nämlich, sie zeigen das Ehepaar Anna und Richard Wagner, er Bahnbearbeiter, sie Hausfrau. Und Richard Wagner war begeisterter Fotoamateur, er besaß eine relativ teure Kamera, mit der man sogar dreidimensionale Bilder, sog. Stereoskopien aufnehmen konnte. Und er nutzte diese Kamera, um Urlaube, Ausflüge, aber ganz besonders wichtig, jedes Jahr das Weihnachtsfest zu dokumentieren. Und es sind diese jährlichen Fotos des Weihnachtsfestes, die als Ausstellung inzwischen um die ganze Welt gereist sind. Das Projekt setzt im Jahr 1900 ein, damals wohnen die Wagner als unvermähltes Ehepaar in Essen und posieren 1900 zum ersten Mal für ein mit Selbstauslöser produzierten Schnappschuss vor dem Weihnachtsbaum. Die Hauskatze Mietz ist auch dabei und ein Gruß wird unter das Foto geschrieben und an die Verwandtschaft geschickt.

    Besonders am Anfang sind die Wagners auch noch recht verspielt, da werden Szenen nachgestellt, wie zum Beispiel Richard auf Zehenspitzen in die Stube schleicht, während Anna mit einem Nudelholz auf ihren Ehemann wartet. Oder die gutmütige Mietz hält als Model her. Irgendwann ziehen die Wagners nach Berlin und Richard scheint erfolgreich zu sein, die Geschenke werden teurer, die Ausstattung in der Wohnung wird gediegener.

    Auch die Geschichte lässt sich an den Fotos ablesen. Anfangs hängt noch ein Portrait von Kaiser Wilhelm 2. in der Wohnung. Zu Beginn des 1. Weltkriegs ist auf dem Gartentisch unter anderem eine Karte der Truppenbewegungen. Man ist also anfangs auch, typisch für die damalige Zeit, euphorisch mit bei der Sache. Die Begeisterung dürfte sich dann allerdings bald gelegt haben, 1917 posiert das Ehepaar mit dicken Wintermänteln. Es ist Kohlemangel in Europa und die Menschen frieren. Auch die Geschenke, die nach und nach auftauchen sind spannend, so gibt es zum Beispiel 1927 für die Frau des Hauses einen Staubsauger und am Baum brennen zum ersten Mal keine Wachskerzen, sondern elektrische Kerzen. Irgendwann ist dann natürlich auch der Eintritt in den Zweiten Weltkrieg und hier kann man natürlich dann zusehen wie die Umstände an dem Ehepaar nagen, besonders Anna nimmt rapide ab. 1942 gibt es dann das letzte Weihnachtsbild, Anna sieht dort schon sehr mager aus, sie stirbt dann drei Jahre später im Alter von 71 an Unterernährung, ihr Mann Richard folgt ihr dann 5 Jahre später im Alter von 77.

    All diese drei Projekte haben gemeinsam, dass wir die Menschen, die sie zeigen nach und nach kennenlernen dürfen. Wir dürfen ihnen über die Jahre hinweg folgen, wir können dabei zusehen, wie die Zeit sich in ihre Gesichter eingräbt. Wenn wir wie bei den Weihnachtsfotos der Familie Wagner auch noch eine Umgebung, die im Wesentlichen immer dieselbe ist, sehen, dann werden die Unterschiede besonders auffällig. Was liegt unter dem Weihnachtsbaum? Wie groß ist der Weihnachtsbaum? Was haben die Wagners an? Sind sie verspielt und stellen eine Szene nach oder sitzen sie formell für das Foto? Oder bei den Browns ist das eben, da beobachten wir nicht nur den Verlauf der Zeit in den Gesichtern, sondern wir dürfen auch noch dabei zusehen, wie die Personen zueinander stehen: Näher, weiter, schauen sie sich an oder schauen sie weg.

    Oder wir studieren eine Person wie Angela Merkel, bei der wir natürlich darüber nachdenken können, wie die Ereignisse, die wir ja alle kennen, jeweils in diesen Bildern zu sehen sind. Wie hält sie sich? Sieht sie nachdenklich aus?

    Wenn wir solche Bildserien studieren denken wir immer auch über uns selber nach, wir studieren wie sich die Personen auf den Fotos verändern, wie sich die Umgebung der Fotos verändert und fragen uns welche dieser Veränderungen man in ähnlichen Fotoserien bei uns eigentlich auch sehen könnte.

    14 min
  • Die Leica-Story

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Unsere Fotografie wäre anders hätte es im Mikrosopie-Unternehmen Leitz nicht einen Filmenthusiasten gegeben der die erste Kleinbildkamera der Geschichte entwickelt…

    • Leica (Wikipedia)
    • Oskar Barnack (Wikipedia)
    • Eine kurze Geschichte von Leica
    • Wilhelm Schack – Lions
    • Leica Freedom Train: How the Leitz Family Saved Jews in the Holocaust
    • Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
    • Leica: Geschichte einer Kultmarke
    • Die Ur-Leica von 1914

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    Transkript

    Es ist ein wieder und wieder in der Szene wiederholtes Klischee, dass heutige Kameras ohne Ausnahme in der Lage sind, großartige Fotografie zu erzeugen. Die sogenannten großen Meisterinnen und Meister hatten alle mit Equipment zu kämpfen, das wesentlich eingeschränkter war als alles, was man heute so hat. Und trotzdem sind nicht alle Kameras gleich. Die Hersteller von Kamerasystemen investieren viel Zeit, Mühe und Geld, um sich ihre Nische ganz besonders deutlich herauszuarbeiten. Manche sind da erfolgreicher als andere und manchmal hilft es, wenn man für sich in Anspruch nehmen kann, die Welt der Fotografie komplett revolutioniert zu haben.

    Optische Instrumente sind faszinierend. Optische Instrumente sorgen für Erkenntnis. Wir können die Welt um uns herum durch Teleskope, Mikroskope und Kameras wahrnehmen und verstehen lernen. Die Königin der optischen Disziplinen ist zum Ende des 19. Jahrhunderts die Mikroskopie. Lebensmitteltechnik, Baustoffe, Medizin, Chemie, Physik, allerorten wird durch speziell geschliffenes Glas das Unsichtbare sichtbar gemacht.

    Und die besten und teuersten Mikroskope, oder doch zumindest die Linsen dieser Mikroskope, kommen aus einem kleinen deutschen Städtchen namens Wetzlar. Dort hatte nämlich der Unternehmer Ernst Leitz I 1869 das zu dem Zeitpunkt 20 Jahre alte optische Institut gekauft und daraus die Leitzwerke Wetzlar gegründet. Und zur Jahrhundertwende war das Familienunternehmen fest etabliert als Markt- und Qualitätsführer weltweit.

    Leitz sah den Erfolg auch als eine Verantwortung an. Es ist ja eine Zeit der weitreichenden Umbrüche und die Industrialisierung sorgt nicht überall für schöne Bilder. Aber Leitz sieht sich eben nicht nur als erfolgreicher Unternehmer, sondern nimmt die Verantwortung, die er seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber hat, sehr, sehr ernst. Wer sich für sein Unternehmen entscheidet, sollte dort ein Leben lang eine Laufbahn einschlagen können. Und so herrschen in den Leitzwerken schon früh Arbeitsbedingungen, von denen man damals oft nur träumen konnte. Als eines der ersten Unternehmen überhaupt in Deutschland führen die Leitzwerke zum Beispiel den 8-Stunden-Arbeitstag ein. Es gibt eine Betriebsrente und eine Betriebskrankenversicherung. Das Unternehmen kümmert sich um Fortbildungen, es kümmert sich um die Angehörigen seiner Mitarbeiter und erreicht damit das, was wahrscheinlich ein nützlicher Nebeneffekt in der Kalkulation Leitzs gewesen sein mag, nämlich die besten Mitarbeiter, die der Markt hergab, für das Unternehmen zu begeistern.

    Als Hersteller von Linsen und optischen Systemen beobachtet man bei Leitz natürlich die Entwicklungen auf dem Kameramann. Kameras zu der damaligen Zeit waren relativ unhandliche Geräte. Große Boxen, zum Teil mehrere Kilogramm schwer, meist umständlich und aufwändig zu bedienen und auch nicht unbedingt dafür geeignet, um die Art von Präzision hervorzubringen, die man bei den Leitzwerken anstrebte.

    Bewegtbild war auf dem Vormarsch und so gab es auch bei Leitz eine Abteilung, die sich mit der Entwicklung von Technologien im Filmumfeld beschäftigte. Der Leiter dieser Abteilung war nicht nur ein Erfinder und Ingenieur, sondern außerdem auch noch Filmenthusiast. Er filmte in seiner Freizeit.

    Allerdings war das ein einigermaßen kostspieliges Hobby. Der damals übliche 35mm-Kinofilm war nicht so kontrolliert produziert, wie wir das heute gewohnt sind. Wie lichtempfindlich das Material, das man gerade eingelegt hatte, war, musste man durch Ausprobieren herausbekommen und das war eine einigermaßen verschwenderische Praxis.

    Und Oskar Barnack suchte jetzt nach Wegen, wie er diese Kosten senken konnte. Er konstruierte also ein kleines Gerät, um Teile dieses 35mm-Films testweise belichten zu können. Was er damit allerdings auch gebaut hatte, und das muss ihm sofort klar gewesen sein, war eine Schnappschusskamera. Eine Kamera also, die Fotos machte, und zwar in einer für damalige Verhältnisse geradezu absurd kleinen Filmgröße.

    Rund um die Jahrhundertwende war es nämlich noch nicht üblich, dass Fotos vergrößert wurden. Die allermeisten Fotografinnen und Fotografen belichteten ihre Bilder in der Zielgröße, das heißt, sollte die Aufnahme größer werden, musste eine größere Kamera her. Barnack jetzt hatte eine Kamera konstruiert, in der auf einer mini kleinen Negativfläche belichtet wurde und damit war automatisch auch eine Notwendigkeit entstanden, diese Bilder zu vergrößern.

    Dafür konnte man die kleine Urleica genannte Konstruktion aber zum Beispiel auf Wanderungen mitnehmen. Klar, es gab schon lange Menschen, die Kameras auf Wanderungen mitgenommen haben, aber es ist halt schon ein Unterschied, ob du einen 10 Kilogramm schweren Holzkasten plus Chemikalien mit dir herumträgst oder eine kleine Kamera in die Tasche steckst.

    Die Konstruktion dieser kleinen Kameras war keine offizielle Aufgabe, die Oscar Barnack für Leitz erledigte, sondern eher so eine Art Hobbyprojekt. Dennoch zeigte Leitz von Zeit zu Zeit seine Fortschritte und der stand dem Projekt wohlwollend bis gleichgültig gegenüber. Denn es gab ja einige Probleme, die man aus damaliger Sicht eigentlich gar nicht lösen konnte oder wollte.

    Zum Beispiel eben die Frage der Filmvergrößerung. Diese Kamera konnte doch nie im Leben die richtige Qualität liefern, die man brauchte, um wirklich damit zu fotografieren. Außerdem gab es ja auch noch das Problem, wie man den Film dort einlegt und wo man den herbekommt. 35 mm Film war ja für Bewegtfilm gedacht und nicht für Fotografie. Und so musste man sich einen Weg ausdenken, wie man den Film in die richtigen Formate bringt und in die Kamera bekommt. Auch die Entwicklung des Rollfilms war zu der Zeit zwar schon im vollen Gange und natürlich auch bekannt, aber eben auch ein Novum.

    Und so entstehen rund um 1914 ein paar Prototypen der heute sogenannten Urleica, von denen es noch zwei erhaltene Exemplare gibt, gleichzeitig die teuersten Kameras der Welt, wenn man so eine Kamera nämlich haben möchte, muss man nicht nur Leica davon überzeugen, dass sie einem das Gerät abtreten, nein, man sollte auch mindestens mal zwei Millionen auf der hohen Kante haben.

    Aber zurück zu Barnack und den Leitzwerken. Die Werke, aus denen eben dann später Leica werden würde. Noch ist das Hauptgeschäft die Mikroskopie. Aber Leitz möchte die Werke gerne ausbauen und die Weltwirtschaftskrise macht das schwierig. Also beschließt er, in eine neue Sparte zu investieren. Aus der Urleica soll eine Produktreihe entstehen. Es werden dafür Objektive aufgelegt, es werden Patente angemeldet und natürlich reicht das nicht, denn für so ein Novum braucht es auch entsprechendes Zubehör, also eine Dunkelkammerausrüstung, mit der man die Fotos nicht nur entwickeln, sondern auch gleich vergrößern kann.

    Allein das Ding mit der Vergrößerung: Die Fachwelt sieht mit einem gewissen Naserümpfen auf diese kleinen Kameras herab. Und da entsteht eine wirklich spannende Dynamik, denn diese Kameras erobern die Welt der Fotografie im Sturm.

    Wenn man heute Analogfotografinnen- und fotografen davon reden hört, dass sie so gerne mit dieser Technik fotografieren, weil es so entschleunigend ist, dann ist das auch vor dem Hintergrund witzig, dass die Leica damals eine nie geahnte Geschwindigkeit und Hektik in den Alltag der Fotografinnen und Fotografen brachte. Es ist ein kleines, unauffälliges Gerät. Die Filme sind inzwischen kontrollierbarer und lichtempfindlicher geworden, die Leitz Kamerawerke, die dann später eben Leica heißen werden, konstruieren lichtstarke Objektive, die in der Lage sind, auch bei wenig Licht auch brauchbare Ergebnisse zu produzieren.

    Und die Fotografinnen und Fotografen sind wie im Rausch. Es ist die Zeit eines Henri Cartier-Bressons, einer Gerda Taro, aber die Profis, die weisen darauf hin, dass man ja mit so einem kleinen Negativ eigentlich keine Qualität erzeugen kann. Außerdem, was soll denn dieses ganze Gehetze? Da kann man doch nicht ordentlich komponieren.

    Die Leica erobert sich also ihre Nische, nämlich die Reportagefotografie. Den Bereich der Fotografie eben, wo es nicht so ganz auf die Details ankommt, wo das Bild auch gerne so ein bisschen grobkörniger und kontrastreicher sein darf, und wer es sich leisten kann, benutzt sie natürlich auch als eine Art Schnappschusskamera.

    Natürlich weiß man bei den Leitz Kamerawerken, dass die Kamera durchaus in der Lage ist, sehr hochwertige Ergebnisse zu produzieren, aber die Welt der Fotografie glaubt das nicht so ganz. Bis zu einem denkenswerten Tag im Jahr 1932, als nämlich der Fotograf Wilhelm Schack mit einer Leica in den Frankfurter Zoo geht und dort zwei liegende Löwen fotografiert und dieses wirklich bemerkenswerte Bild hinterher auf eine Größe von 60×80 cm vergrößert.

    Und damit in der Fachwelt ein für alle Mal demonstriert, dass auch verhältnismäßig kleine Negative dazu in der Lage sind, hochauflösende, detailreiche, beeindruckende Fotografien zu erzeugen. Leica war endgültig im Markt angekommen und hatte sich an die Qualitätsspitze einer Bewegung gestellt. Weltweit wurde die Kamera Synonym für großartige Fotografie. Und weltweit wurde die Kamera Synonym für kompromisslose Fertigungsqualität. Bis heute werden Leicakameras überwiegend im Handarbeit gefertigt und bis heute kann man Kameras aus der gesamten Leicageschichte in den Werken restaurieren, reparieren und warten lassen. Und Kameras mit 70 Jahren und mehr auf dem Buckel, die immer noch problemlos funktionieren, sobald ein Leicatechniker liebevoll Hand angelegt hat, sind keine Seltenheit.

    Wir sind also in den 30er Jahren. Es ist die Zeit der Weimarer Republik. Und der Enkel des Unternehmensgründers Ernst Leitz II leitet inzwischen die Leicawerke und ist aktives Parteimitglied in einer progressiven linken Partei. Die Nazis sind auf dem Vormarsch und die Nazis sind Ernst Leitz ein Gräuel. Trotzdem, wissen wir natürlich, der Vormarsch der Nazis lässt sich nicht aufhalten und so ändert sich für die Menschen in Wetzlar natürlich genauso der Alltag wie für alle anderen.

    Ernst Leitz hat dabei mehr Vorausschau als die Meisten. Der Unternehmer ist hervorragend vernetzt und sein Vermögen, genauso wie den Respekt, den er weltweit genießt, schützt ihn und seine Familie vor dem direkten Durchgriff der Hitlerpartei. Und Ernst Leitz, wie vielen anderen in der Zeit, ist auch völlig bewusst, wie gefährlich die Lage für Juden in Deutschland zu werden droht.

    Aber an der Spitze eines Unternehmens mit weltweit verteilten Niederlassungen gibt es Dinge, die man tun kann und so beginnt Leica damit, bevorzugt Juden auszubilden und, sobald sie einen ausreichenden Kenntnisstand haben, in ihre ausländischen Niederlassungen zu verschicken. Zu den Arrangements gehört ganz selbstverständlich, dass die Familie mitreisen kann. Bevorzugte Ziele waren Großbritannien und die Vereinigten Staaten; Länder, die zwar in einem gewissen Rahmen Hilfsprogramme unterhielten, aber auch Länder, die unter der Last der Flüchtlinge beschlossen hatten, ihre Grenzen zu schließen und hohe Anforderungen an Einreisewillige zu stellen. So war es zum Beispiel notwendig, eine Anstellung zu haben, um ins Land reisen zu dürfen.

    Die Firma Leitz bot das ihren Mitarbeitern. Sie kamen als hoch qualifizierte Feinmechaniker oder optische Experten in zum Beispiel New York an, bekamen dort dann eine Leica überreicht, weniger, damit sie damit fotografieren, als eher eine Art Vermögensanlage, die sie sich auf die Seite legten, um im Falle des Falles Geld auftreiben zu können und traten eine mehrmonatige Stelle in der Leicaniederlassung vor Ort an. Oft wussten sie zu dem Zeitpunkt auch schon, dass es eine befristete Stelle sein würde, gerade lange genug, damit sie eben in den USA aus eigener Kraft Fuß fassen konnten.

    Die Familie Leitz hat da nie einen großen Hehl drum gemacht und es existiert auch keine ausführliche Dokumentation, aber man schätzt, dass es mehrere hundert Familien gibt, die ihr Überleben der Familie Leitz verdanken. Irgendwann bricht der Krieg aus und auch die Leicawerke müssen sich dem Naziregime unterordnen und jetzt kriegswichtige Güter produzieren. Zielerfassungssysteme, Militärferngläser und so weiter. In den Werken sind jetzt immer weniger Fachkräfte und immer mehr Zwangsarbeiter eingesetzt und obwohl er jetzt selbst keine Juden mehr retten und verschicken kann, fängt Ernst Leitz damit an, im Hintergrund andere Aktivisten zu unterstützen. So kennen sich zum Beispiel Schindler und Leitz persönlich und es fließen Hilfsgelder, die Schindler seine Aktivitäten ermöglichen.

    1942 haben dann die Nazis erst mal genug von den Aktivitäten, die sie ja schon etwas länger beobachten, und schicken die Gestapo bei Familie Leitz vorbei, um den Familienpatriarchen, damals schon über 70 Jahre alt, in Haft zu nehmen. In dem Wissen, dass er diese Haft wahrscheinlich nicht überleben würde, stellt sich seine Tochter in den Weg und nimmt alle Vorwürfe auf sich. Die Familienmutter wird danach in Haft genommen und mehrere Monate lang von der Gestapo verhört. Der Vorwurf: Übertriebene Humanität und Beihilfe zur Flucht von Gastarbeitern aus dem Osten und Juden. Ernst Leitz setzt sein Vermögen ein und schmiert den Apparat und schafft es dann auch, dass seine Tochter nach mehreren Monaten Haft auf freien Fuß gesetzt wird und glimpflich davonkommt.

    Als der Krieg vorbei ist, ist Leica in der Hand der Alliierten und wagt einen Neustart. Leica wird auch da erstmal seinem Namen und Ruf gerecht. Weiterhin werden Kameras und Mikroskope gebaut, die ihresgleichen in Sachen Qualität und Innovation suchen. In den 80ern entwickelt Leica ein Ultraschallmikroskop, das bis dahin nie geahnte Detailauflösungen ermöglicht. Und in der Fotografie entwickelt Leica Innovationen wie das erste Autofokussystem überhaupt und experimentiert mit Digitaltechnik zu einer Zeit, als überhaupt noch gar keine Rede von Digitaltechnik in der Fotografie war. Man beschließt allerdings, dass es bei einer Leica eben weniger darauf ankommt, immer hinter der neuesten Entwicklung hinterherzujagen als auf die kompromisslose Qualität. Und das ist etwas, das bis heute Leica anhängt.

    Die Firmengeschichte war dann trotzdem erstmal turbulent. Leica hat ein Auf und Ab aus verschiedenen Umfirmungen hinter sich und Leitz gab irgendwann mal die Kontrolle ab, sodass die Familie Leitz zwar mit der Geschichte von Leica verbunden ist, aber nicht mehr Besitzer des Unternehmens sind.

    Viel hätte auch gar nicht gefehlt und es gäbe keine Leica mehr. 2004 steht das Unternehmen nämlich endgültig vor dem Aus. Als die Pleite droht, kommt die Rettung in Gestalt des Österreichers Andreas Kaufmann. Er kauft sich die Aktienmehrheit und investiert. Heute ist Leica eigentlich gar kein einzelnes Unternehmen mehr, sondern es gibt drei verschiedene Unternehmen. Kamera, Objektive und Zubehör kommt von der Leica Kameratechnik in Solms. In der Schweiz sitzt die Leica Geosystems und in Wetzlar, wo alles begann, ist Leica Microsystems und baut immer noch Mikroskope.

    Die Kameramarke Leica ist immer wieder mal kontrovers diskutiert. Viele finden ihre Technik zu teuer, andere beklagen den Mangel an Innovation und diesen Gruppen stehen dann natürlich jene gegenüber, die den Preis völlig angemessen finden und feiern, dass Leica ihrer Meinung nach sich auf genau die wesentlichen Funktionalitäten und eben nicht mehr konzentriert.

    Egal, wie man Leica jetzt gegenübersteht: Unstrittig ist, dass die Fotografie heute so aussieht, wie sie aussieht, weil Oscar Barnack irgendwann mal ein kleines Gerät konstruierte, um damit Film zu testen. Seither verdanken wir Leica eine bestimmte Bildsprache, ganze Genres und tausende und abertausende ikonischer Bilder, die aus der Hand von Fotografinnen und Fotografen gemacht wurden, die ihre Leicakameras heiß und innig liebten. Viele von ihnen jüdischer Herkunft und viele von ihnen auf ewig dankbar für das, was die Familie Leitz für sie getan hat.

    17 min
  • Versteckte Mütter

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Babies hassen es von ihren Müttern getrennt zu sein. Darum darf man sich bei fast jedem Baby-Portrait sicher sein: Irgendwo ist die Mama, manchmal vielleicht sogar als Stuhl getarnt…

    • Eerie Hidden Mothers in Vintage Photos (Petapixel)
    • The lady vanishes: Victorian photography’s hidden mothers (Guardian)
    • Erasing the matron: Palmer Museum’s ‘Hidden Mother’ collection displays haunting edited photographs
    • In pictures: The Hidden Mother
    • She’s behind you: The ‚hidden mothers‘ on the late-19th century equivalent of the selfie
    • The Hidden Mother
    • kwerfeldein diskutiert: Neugeborenenfotos
    • Anne Geddes – offizielle Webseite
    • Anne Geddes (Wikipedia)
    • Anne Geddes: Hey, Baby, wer ist am süßesten?
    • Bewegende Fotos: Anne Geddes zeigt Kinder, die eine Meningitis überlebten
    • „Small World“ - süße Babybilder von Anne Geddes
    • Anne Geddes Was Once the Queen of Baby Photography. Now, She’s Hit Hard Times - and Is Asking for Your Help

    Transkript

    Seit ich mit diesem Podcast angefangen habe, begegne ich immer wieder Genres, von denen ich nicht gewusst habe, dass sie jemals existierten oder existieren. So zum Beispiel die Hidden Mother Photography.

    Als die Menschheit mit der Fotografie begann, war das noch eine zeitaufwändige Prozedur. Manchmal mussten mehrere Minuten Belichtungen ausgehalten werden und deswegen dauerte es auch ein Weilchen, bis die ersten Portraitstudios ernsthaft ihre Dienste anbieten konnten.

    Und die waren nach wie vor aufwändig. Ganz am Anfang musste man bei strahlendem Sonnenschein auftauchen und wurde dann unter freiem Himmel fotografiert, oder man befand sich minutenlang unbeweglich eingespannt in einer Halteapparatur in einer Art Glasgewächshaus und schwitzte vor sich hin, auf jeden Fall war das Portraitieren von Menschen am Anfang kein Spaß, vor allem für die portraitierten nicht.

    Gleichzeitig fotografierten wir aber auch schon immer, was wir besonders liebten. Und was lieben wir mehr, als unsere Kinder und Kätzchen? Kätzchen und Kinder, besonders die jungen, lassen sich am besten dann fotografieren, wenn sie engelsgleich schlafen. Aber das tun die jetzt nicht immer und vielleicht auch nicht lang genug, insbesondere dann, wenn sie in einer ungewohnten Umgebung sind, mit ungewohnten Geräuschen und Gerüchen und wenn das Schatzelchen denn jetzt nun aufwachte, war es auch gleich nicht mehr fotogen, denn, wenn die Mama nicht irgendwo in der Nähe war, gab es halt Randale.

    Eine Lösung musste also her. Wenn man denn nicht sowieso gleich im Familienkreis fotografieren wollte, sondern vielleicht auch nur das Baby aufs Bild bannen, dann musste die Mama irgendwo in der Nähe sein. Konnte man Erwachsene noch einfach in irgendwelche Metallgestänge einspannen, sodass sie bewegungslos blieben, konnte die Mama natürlich unter Umständen ganz anders auf das Kleinchen einwirken. Wollte man aber ein Bild, wo da nur das Kind ist, dann muss die Mama wie der Stuhl aussehen. Oder wie der Vorhang hinter dem Kind.

    Und genau das ist die Geburtsstunde des Genres, das man „Hidden Mother Photography“ nennt, ein Genre, dem wir ohne das Internet eigentlich nie begegnet wären. Denn da kam es im Jahr 2010 zu einem regelrechten Boom. Es hatte schon eine ganze Weile verschiedene Sammler gegeben, die Daguerreotypien von Babys und Kleinkindern mit verdeckten Erwachsenen im Hintergrund gesammelt haben. Als das Internet genügend verbreitet war, fingen die an, ihre Sammlungen zu digitalisieren und online zu stellen. Flickr legte ein Album dafür an und verschiedene Museen wurden darauf aufmerksam und begannen Ausstellungen zu organisieren.

    Heute kennen wir einige tausend Daguerreotypien mit Kleinkindern und Babys und mal mehr, mal weniger kunstvoll versteckten Müttern. Und in unserer heutigen Hochgeschwindigkeitsdigitalfotografiewelt amüsieren wir uns auch einigermaßen darüber. Denn das Baby muss ja nicht lange stillhalten, damit wir ein schönes Foto machen können.

    Das Genre an sich gibt es also in abgewandelter Form auch heute noch. Zwar muss die Mama sich nicht mehr als Stuhl oder Vorhang tarnen lassen, sondern steht entweder außerhalb des Bildbereichs oder wird nachträglich mit Photoshop entfernt, aber ganz allgemein gehen wir immer noch erstaunliche Wege, um zu verhindern, dass die Mutter mit im Bild ist.

    Jetzt ist ja während ich das aufnehme gerade wieder kurz vor Weihnachten und die Läden sind voll mit Kalendern und Grußkarten. Und je süßer wir werden wollen, desto kindlicher wird das Ganze. Und da begegnen wir einer der berühmtesten und erfolgreichsten Fotokünstlerinnen der Welt. Und einer Persönlichkeit, bei der ich mir ehrlich gesagt gar nicht sicher war, ob ich darüber reden möchte, weil ich diese Fotos so unerträglich kitschig finde, ihr aber damit, wie ich inzwischen weiß, wahrscheinlich einfach mal Unrecht getan habe.

    Die Rede ist von Anne Geddes. Ich beklage ja gerne, dass Fotografinnen und Fotografen irgendwie nicht zur Allgemeinbildung gehören zu scheinen. Aber ich glaube, mich aus dem Fenster lehnen zu können und zu behaupten, Anne Geddes ist da eine Ausnahme der Regel. Sie ist überdurchschnittlich bekannt. Und wer den Namen nicht kennt, kennt zumindest ihre Fotos. Ein Baby, das als Sonnenblume verkleidet ist, zwei schlafende Zwillinge, die in einem Bastkörbchen auf einer rosa Wolke zu schweben scheinen, es sind tatsächlich Säuglingsbilder, mit denen Anne Geddes berühmt wurde und durch die sie ihren Namen gemacht hat.

    Mit der Fotografie hatte die Australierin ungefähr im Alter von 25 Jahren begonnen. Sie hatte sich aus einer Laune heraus die Familienkamera, damals eine Pentax, gegriffen und damit zu fotografieren begonnen. Als sie geheiratet hatte und mit ihrem Mann nach Hongkong gezogen war, wollte sie zum Familieneinkommen beitragen und hatte Freude an der Fotografie gefunden und so beschloss sie, ein Portraitstudio zu eröffnen.

    Zehn Jahre lang machte Anne Geddes all das, was man in einem Portraitstudio so macht. Bewerbungsfotos, Familienbilder, Pärchenfotos und immer wieder auch mal Bilder von kleinen Kindern. Und jede Fotosituation und jedes Alter hat natürlich dann seine ganz eigenen Herausforderungen. Schnell hat sie dabei dann auch entdeckt, dass sie eine Faszination für gerade das Neugeborene oder sehr junge Leben hatte. Grenzenloses Potenzial steckt da drin.

    Zehn Jahre sind eine lange Zeit und irgendwann wird auch die originellste Portraitfotografin etwas gelangweilt von der täglichen Routine. So ging es auch Anne Geddes und so fing sie an, mindestens einmal im Monat ein Foto nur für ihren eigenen Gebrauch zu machen. Und sie beschloss, einen Kalender zu produzieren. Sie überlegte sich ein Fantasythema und begann, Fotos zu produzieren, die in dieses Thema passen.

    Der Kalender war dann schnell produziert und als es dann auf das Jahresende zuging, verkaufte sie ihn in ihrem Studio und hatte einen enormen Erfolg damit. Die Motive, so unglaublich kitschig sie auch waren, schlagen eine emotionale Note an. Viele Menschen lieben Fotos von Neugeborenen, besonders, wenn sie auf so eine interessante Art und Weise dargestellt werden.

    Wir haben ja heute das Gefühl, dass das zum Standardrepertoire gehört, also Babys in irgendwelche super kitschigen Accessoires zu stecken. Aber als Anne Geddes damit anfing, war das eine komplett neue, frische Idee. Kleine Feenkostümchen, Flügelchen, Babys als Schmetterling, eieiei. Aber so, wie viele Menschen Bilder von roten Sonnenuntergängen lieben, sind eben Babyfotos auch Evergreens.

    Und so kombinierte Anne Geddes etwas, das sie liebte, mit etwas, das offensichtlich kommerziell Erfolg hatte. Und heute, gut 30 Jahre später, ist sie eine der meistverkauften Fotografinnen der Welt. Über 18 Millionen Bücher, über 13 Millionen Kalender, eine der wenigen Fotografen, die überhaupt jemals auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet sind, sehr zu ihrer Überraschung, übrigens, eine Kooperation mit Celine Dion und immer öfter stellt sie ihre Kunst inzwischen auch in wohltätige Dienste.

    Wer übrigens bei Anne Geddes diese quietschbunten, kitschigen Fotos als Erstes im Kopf hat, möge mal auf ihrer Website vorbeisurfen. Inzwischen sind da eine Menge Schwarzweißbilder zu sehen und allgemein, muss ich zugeben, sind die Bilder geschmackvoller, als ich zunächst aus Erinnerung der ganzen Kalender, die ich über die Jahre wahrgenommen habe, gedacht hätte.

    Und all diese Fotos, für die Anne Geddes berühmt geworden ist, sind natürlich ohne Mutter. Hidden Mother Photography, sozusagen. Und wie schon bei anderen Genres ist es ja so, dass wir als, sagen wir mal, Orthonomalfotograf*innen ja auch oft nachahmen, was wir gesehen haben und was uns gefallen hat. Und deswegen gibt es nicht nur die 13 Millionen Kalender, die Anne Geddes höchstselbst herausgegeben hat, mit solchen Motiven, sondern ungezählte privat fotografierte Kalender, die ganz ähnlich oder zumindest davon inspiriert sind. So funktioniert halt Popkultur und gerade bei der Fotografie finde ich das großartig.

    9 min
  • Knochen und Klebstreifen

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Fotografie ist nicht auf Licht als Werkzeug beschränkt sondern ist auch mit anderen Strahlen möglich. Das bekannteste Beispiel dieser Kategorie ist die Röntgenstrahlung…

    • Lebensgeschichte Wilhelm C. Röntgen (Röntgenmuseum)
    • Wilhelm Conrad Röntgen (Wikipedia)
    • Durchleuchtung (Wikipedia)
    • Kathodenstrahlröhre (Wikipedia)
    • Röntgenfotografie (kwerfeldein)
    • Kurze Geschichte des Röntgen
    • „Ich habe meinen Tod gesehen“ (Spiegel)
    • Zeigen Fotos, wie die Natur wirklich ist? (Stuttgarter Zeitung)
    • Röntgen selbstgemacht: Strahlung von der Kleberolle
    • Erfinder, Wissenschaftler, Foto-Pionier: Wilhelm Conrad Röntgen (Bildband)
    • Bone Music (X-Ray Audio)

    Wilhelm Conrad Röntgen: Photographien/Photographs

    Inside In: X-Rays of Nature's Hidden World

    X-Ray. Die Schönheit des Verborgenen

    https://youtu.be/EkMlw6-aywI

    Transkript

    Vielleicht geht es ja euch auch so, bei dem Namen Wilhelm Conrad Röntgen denke ich zuerst an die Deutsche Bahn und den gleichnamigen ICE. Und danach an den Zahnarzt. Denn der Zahnarzt ist der Ort, an dem wahrscheinlich jeder und jede von uns schonmal geröntgt wurden. Aber erst, seit ich an dieser Episode gearbeitet habe, denke ich außerdem noch an Tesastreifen, Schallplatten und Schuhgeschäfte.

    Als Fotograf hat mich schon immer fasziniert, dass ich mit Fotografie Dinge sichtbar machen kann, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann. Ich mag zum Beispiel Langzeitaufnahmen mit Lichtspuren sehr gerne, ich mache gerne Verwischungen in meinen Aufnahmen. Und ich hatte mal eine Kamera, die so umgebaut worden war, dass man damit Infrarotaufnahmen machen konnte.

    Jetzt heißt das Ganze ja Zeichnen mit Licht, Fotografie, und trotzdem gibt es natürlich auch noch Verfahren, die technisch gesehen gar nicht mit Licht funktionieren. Beispielsweise in der Episode über das Elektronenrastermikroskop wurde schnell klar, dass das Ergebnis schon auch irgendwie fotografisch ist, und das, obwohl Licht gar keine Rolle spielt. Und ganz ähnlich ist es mit den Strahlen, die wir heute verwenden, wenn wir in Körper schauen wollen. Ohne die zu öffnen, wohlgemerkt.

    Bilder mit Röntgenstrahlen aufzunehmen hat viele Parallelen zur Fotografie. Oft wurden die Filme von denselben Herstellern erzeugt, die auch für normale Kamerasysteme Filme produzierten und in beiden Techniken entstehen Aufnahmen, die einen gewissen 3D Effekt, Schattenwurf etc. zeigen.

    Für die Medizin- und Bautechnik war die Entdeckung der Röntgenstrahlung eine der ganz großen Augenblicke des 19. Jahrhunderts. Es gibt eine schier unendliche Menge an Erkenntnissen, die wir allein solchen bildgebenden Verfahren zu verdanken haben. Und dabei begann das alles mit einem Zufall.

    Es ist der 8. November 1895. Wilhelm Conrad Röntgen war Professor am Lehrstuhl für Physik an der Universität Würzburg und interessierte sich unter anderem für Kathodenstrahlen und sogenannte Lumineszenzeffekte, also dem Aufleuchten von bestimmten Stoffen, sobald sie von solchen Strahlen getroffen werden. Er räumt sein Labor auf und will noch ein letztes Experiment machen.

    Rund um seine Strahlenquelle richtet er mehrere Sichtbarrieren auf; er möchte ganz gezielt auf einen Gegenstand leuchten. Er beginnt mit dem Experiment und dabei fällt ihm auf, dass andere Objekte, die eigentlich abgeschattet sein sollten, trotzdem aufleuchten. Irgendeine unsichtbare Strahlung schien also durch die Sichtschutzblenden hindurch zu leuchten. Eine Strahlung, die man selbst nicht sehen konnte. Eine neuartige Strahlung.

    Der 50-jährige Wilhelm Conrad Röntgen ist begeistert und fasziniert und nennt diese neue Strahlung X-Strahlen. Im Englischen nennen wir die ja immer noch X-ray, obwohl schon ein Jahr später der Begriff der Röntgenstrahlung ganz offiziell ihm zu Ehren eingeführt wird.

    Es war auch nicht von Ungefähr, dass Röntgen anfing, mit Filmmaterial und Belichtungstechniken zu experimentieren, war er doch nicht nur Physiker und Honorarprofessor, sondern außerdem noch leidenschaftlicher Freizeitfotograf. Und so war es für Wilhelm Conrad Röntgen wohl kein sonderlich weiter Weg von der Erkenntnis, dass irgendeine unsichtbare Strahlenquelle in der Lage war, feste Körper zu durchdringen zu dem Versuch, dieselben Strahlen mit handelsüblichem Filmmaterial festzuhalten.

    Die Strahlen selbst entdeckte er am 8. November 1895. Das erste Foto dieser Strahlen macht er dann am 22. Dezember, und zwar von der Hand seiner Frau Anna Bertha. Er entwickelt den Film und zeigt ihr die Aufnahme der Knochen. Und ihre Reaktion macht deutlich, was für ein Umbruch diese Entdeckung gewesen sein muss. „Ich habe meinen Tod gesehen“, soll sie gesagt haben. Knochen zu sehen war damals ja untrennbar mit dem Tod verbunden und plötzlich war man in der Lage, von lebenden Menschen solche Bilder zu machen. Diese erste Aufnahme am 22. Dezember 1895 gilt jedenfalls als die Geburtsstunde der Radiologie.

    Röntgen war wohlhabend und deswegen sah er komplett davon ab, seine Technologie in irgendeiner Form sichern zu lassen. Gleichzeitig war er als Wissenschaftler natürlich sehr gewissenhaft in der Beschreibung des Versuchsaufbaus und der Versuchsaufbau war unglaublich leicht nachzuahmen.

    Und so tritt die Radiologie eine beispiellose Welle der Begeisterung los. Während die einen aus wissenschaftlicher Neugierde heraus alles und jeden röntgen, der oder die bei drei nicht auf dem Baum sind, entdecken andere das Potential der Röntgentechnologie als Unterhaltung. Es dauert nicht lang und es gibt auch Apparate, in denen man in Echtzeit Röntgenlaufnahmen sehen kann. Auf praktisch jedem Jahrmarkt der damaligen Zeit konnte man vor solchen Geräten stehen und sich in den Körper gucken lassen. Schuhgeschäfte hatten solche Geräte. Mit denen konnte man zum Beispiel kontrollieren, ob die gerade gekauften Schuhe den Kinderchen auch wirklich passen würden. Oder nochmal überdenken, ob die modischen, engen, hochhackigen Schuhe vielleicht wirklich so eine gute Investition waren, angesichts der Verkrümmungen, die man in dem Röntgenbild sofort sehen konnte.

    Der berühmte Unternehmer Edison, ja, derselbe Edison, der später angeblich die Glühbirne erfunden hat und außerdem untrennbar mit der Geschichte des Bewegfilms verbunden ist, sah in der Röntgentechnologie ungeahnte Möglichkeiten. Er wollte Röntgenapparate für den Heimgebrauch bis hin zu Röntgenapparaten als Spielzeug entwickeln.

    Aber nicht nur Edison arbeitet an der Vermarktung der Röntgentechnologie, Namen wie Kodak in den USA oder Ilford in England, beide Hersteller vor allem auch von Filmmaterialien und Labortechnik, sind untrennbar mit der Entwicklung dieses Mediums verknüpft. Und zeigen, wie nah die Technologie von Anfang an an der Fotografie war.

    Mit zunehmendem Einsatz entdeckt man auch relativ schnell, dass die Röntgenstrahlung sich auf Tumorgewebe und Gewebe ganz allgemein auszuwirken scheint. Noch sind die Forscher noch einigermaßen arglos, aber es werden schon 1896 erste Dokumentationen von Strahlenschäden, aber auch von Behandlungsmöglichkeiten zum Beispiel in der Krebstherapie veröffentlicht. Trotzdem überwiegt immer noch die Begeisterung, gerade auch, als 1901 Wilhelm Conrad Röntgen als der erste Forscher überhaupt den ersten jemals vergebenen Nobelpreis der schwedischen Akademie der Wissenschaften entgegennimmt.

    Es wird 1903, bis die Veröffentlichungen einen etwas alarmierenden Ton anschlagen. Die Forscherinnen und Forscher, die an Röntgenstrahlengeräten arbeiteten, begannen, Verbrennungserscheinungen zu beschreiben, Haarausfall, Gewebeverknotungen und Geschwulste, die sich bildeten. Aber es ist der damals Mitte 30-jährige Assistent von Thomas Alva Edison, Clarence Madison Dally, der als der erste Röntgenstrahlenverursachte Tod in die Geschichte eingeht. Besonders die linke Hand, mit der man bei den Geräten der damaligen Zeit häufig den Fokus justierte, mit dem er unzählige Experimente durchführte, begann bei ihm nicht nur, Verbrennungserscheinungen zu zeigen, sondern eben auch Krebsgeschwüre zu entwickeln. Dally war aber so besessen von seiner Arbeit, dass er anfing, einfach immer, wenn die eine Hand gerade entzündet war, die andere zu nutzen. Das Ganze eskalierte, die Tumore waren natürlich irgendwann dann auch nicht mehr gutartig und so kam es zu einer ganzen Reihe von Amputationen, in mehreren Schritten verlor er den gesamten linken und zwei Drittel des rechten Arms und starb dann vier Jahre später.

    Für Edison, dem oft nachgesagt wurde, einigermaßen gewissenlos an dem eigenen Geschäftsinteresse interessiert zu sein, markierte das Ende seiner Arbeit mit Röntgenstrahlung. In einem Interview gibt er zum Protokoll, dass er vor Röntgenstrahlen warnt und dass er Angst vor ihren Wirkungen hat und dass man wahrscheinlich noch vieles herausfinden wird, was ihnen jetzt bisher noch nicht bewusst war.

    Um die 150 Forscherinnen und Forscher dieser damaligen ersten Röntgen-Sturm-und-Drang-Zeit sind dokumentiert als Opfer dieser neuen Technologie. Es sind jedoch auch ihre Erkenntnisse, die es später möglich machen, die Technologie sicher einzusetzen.

    Natürlich war der Einsatz dieser neuen bildgebenden Verfahren nicht nur auf Technik und Medizin beschränkt. Von Anfang an gab es auch Menschen, die rein aus ästhetischem oder künstlerischem Antrieb heraus Fotos mit dieser Technik machten. Wie sehen Gegenstände oder Lebewesen aus, wenn sie von Röntgenstrahlen durchdrungen werden? Wie lassen sich damit Bildkompositionen erreichen, die interessant sind? Und weil es gar nicht schwer ist, Bilder zu finden, die eben nicht technisch oder medizinisch sind, kann man ja auf die Idee kommen, nach Röntgengeräten für den Privatgebrauch zu suchen.

    Stellt sich heraus, natürlich gibt es einen Gebrauchtmarkt für zum Beispiel von Zahnarztpraxen abgelegte alte Röntgenapparaturen. Aber nicht nur das. Es gibt eine ganze Reihe von einfachen Wegen, wie man sich selber Röntgenapparaturen bauen kann. Und ein Projekt, auf das ich dann gestoßen bin, faszinierte mich besonders. Denn es nützt ein Phänomen aus, von dem ich bisher gar nicht wusste, dass es existiert. Alles, was man dafür braucht, ist Klebstreifen. Und vermutlich würden auch andere Gegenstände gehen, aber bei Klebstreifen lässt sich das ganz besonders leicht nachbauen.

    Es ist nämlich so, dass Klebstreifen, der voneinander abgerollt wird, ganz leichte Lichtentladungen erzeugt. Das ist ein bekanntes und lange dokumentiertes Phänomen verschiedenster Stoffe. Auch Zuckerwürfel, die zerdrückt werden, erzeugen leichte Lichtentladungen. Und jawoll, ich habe wahrscheinlich in meinem Leben schon Kilometer Klebstreifen abgerollt und ich weiß nicht wie viele Zuckerwürfel zerdrückt und nie ist mir das in den Sinn gekommen, geschweige denn aufgefallen. Sind auch keine besonders hellen Lichtentladungen.

    Allerdings strahlen diese Entladungen in verschiedenen Spektren. Und so kam eine Forschergruppe auf die Idee, diese Klebrollen in eine Apparatur ähnlich wie ein Tonband einzuspannen, also zwei Rollen zu haben, die eine Rolle rollt auf, die andere rollt ab, und das Ganze in eine Vakuumkammer zu packen, um die verschiedenen von der Luft verursachten Streueffekte zu verhindern, und darauf dann zum Beispiel einen Finger zu legen und einen Röntgenempfindlichen Film darüber zu belichten. Stellt sich heraus, mit einer schnell genug abgerollten Klebstreifenrolle lässt sich eine Röntgenapparatur konstruieren. Die Strahlendosis, die da abgegeben wird, ist zwar absolut ungefährlich und in einem minimalen Bereich, aber sie reicht, um zum Beispiel einen Finger röntgen zu können. Hammer.

    Das Video, das ich in die Notizen zur Sendung packe, zeigt, wie die Forscher das mit einem handelsüblichen Film, wie er zum Beispiel von Zahnärzten verwendet wird, um Zähne zu röntgen, vorführen. Sie hoffen, daraus eventuell Geräte konstruieren zu können, die zum Beispiel in Drittweltländern eingesetzt werden könnten. Denn dort sind eigentlich immer die Geräte das Problem, nicht die röntgenempfindlichen Filme.

    Apropos Röntgenempfindliche Filme: Da begegnete ich dann einem anderen Thema. Einer Geschichte aus der ehemaligen UDSSR. Dort war nämlich während des Kalten Krieges bis ins Detail geregelt, welche Medien die Bürger konsumieren durften und welche nicht. Besonders westliche Musik war meist bis ins letzte Fitzelchen zensiert und in der Regel verboten. Aber, wie wir schon seit Jurassic Park wissen, Natur findet immer einen Weg. Und in dem Fall Natur in Gestalt von echten Jazz- und Rockfans. Die sahen nämlich gar nicht ein, sich vorschreiben zu lassen, welche Musik sie denn nun hören durften und welche nicht und begannen damit, Schallplatten aus dem Westen illegal zu importieren und dann zu vervielfältigen.

    Jetzt war das Medium, auf dem im allgemeinen Schallplatten produziert wurden, Vinyl, recht knapp und schon gar nicht für Privatleute verfügbar. Und so begab man sich auf die Suche nach einem alternativen Medium. Und da schließt sich jetzt der Kreis zur Röntgenfotografie, denn in der Sowjetunion bildete sich eine Subkultur, in der Schallplatten auf die abgelegten Röntgenaufnahmen von Krankenhäusern gepresst wurden. Im Ergebnis ist das eine faszinierende Mischung aus Fotografie, Musik, Untergrundkultur und Zeitgeschichte, denn den Schallplatten sah man immer noch an, dass sie Röntgenaufnahmen waren. Gleichzeitig konnte man sie auf einen Schallplattenspieler legen und zum Beispiel Jazzmusik aus den USA hören, in dem Wissen, dass die eigene Schallplatte nicht nur ein Unikat, sondern auch noch gleichzeitig ein Aufbegehren gegen den Staat war. Ein Aufbegehren, das möglich wurde durch die Omnipräsenz der Röntgentechnologie, der Verfügbarkeit von Filmmaterialien und der Findigkeit der Sowjetbürger, die sich gegen eine unterdrückende Zensur auflehnten.

    Wilhelm Röntgen hat über 60 Arbeiten veröffentlicht in einem mehrere Jahrzehnte umfassenden wissenschaftlichen Leben. Aber die Entdeckung der unsichtbaren X-Strahlen war ganz ohne Zweifel die Krönung seines Lebens und seiner Laufbahn. Noch heute wird heute Röntgentechnologie eingesetzt, um das Wissen der Menschheit zu vergrößern und heute wie damals beschäftigen sich Künstlerinnen und Künstler damit. Darum finden sich heute in den Notizen zur Sendung nicht nur weiterführende Links für diejenigen, die sich mehr mit der Geschichte von Röntgen oder der Technologie beschäftigen wollen, sondern auch Hinweise auf Bildbände und Menschen, die das Verfahren als Medium benutzen.

    15 min
  • Knopflochfotografie

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    In den 1890ern kam eine Spionagekamera in den Handel mit der man Menschen durch ein Knopfloch fotografieren konnte. Der damals 19jährige Carl Størmer dokumentierte damit jahrelang die Menschen in Oslo und wird dadurch zum ersten Paparazzo Norwegens.

    • Carl Størmer (Wikipedia deutsch, englisch)
    • Carl Størmer Captured Candid Expressions With His Victorian Era Spy Camera
    • Famous people in Norway in 1890 from spy camera of 19 year old paparazzi
    • Alle ausgestellten Spy-Fotos – Serie fotografert av professor Carl Størmer (Fredrik Carl Mülertz Størmer) (1874-1957).
    • Student Hides Spy Camera in Clothing to Take Candid Photos in 1890s, Here’s What He Captured
    • Petapixel – The 19-Year-Old Who Shot Spy Camera Street Photos in the 1890s

    Transkript

    Wenn man aufgefordert wird, sich eine Kamera aus dem 19. Jahrhundert vorzustellen, taucht vor unserem geistigen Auge sehr wahrscheinlich entweder ein großer hölzener Kasten mit Objektiv vorne dran oder eine Art ausziehbare Ziehharmonika-Kamera mit Balgen auf. Und damit wär man auch nicht ganz falsch.

    Allerdings gibt es auch schon damals erste Versuche Kameras zu miniaturisieren und ein ganz besonders gelungenes Exemplar ist die sogenannte „Vest-Spy-Camera“. Eine Kamera, die man unter der Weste tragen kann, deren Objektiv wie ein Knopf durch ein Knopfloch hindurchgesteckt werden kann. 

    Eigentlich wäre man ja nicht ganz falsch gelegen, wenn man mit großem Gerät gerechnet hätte, denn die Leica wird noch eine ganze Weile auf sich warten lassen und vor der Leica sind die meisten Straßenfotografen mit verhältnismäßig großem Gerät unterwegs. Sogenannte Reporterkameras sind das, was man heute schon als Großformat bezeichnet. Der Profi fotografiert auch oft noch auf Glas aber Kodak hat den Markt auch schon so weit revolutioniert, dass es inzwischen auch trockene Negative auf Papier gibt, als Rollfilm. Unsere Spionagekamera, die wird mit Papierfilm gefüllt, sie sieht aus wie ein runder Flachmann und hat an einem Ende eine Schnur, diese Schnur verwendet man zum Auslösen. Und laut einer Anzeige aus der damaligen Zeit ist die Spionagekamera das perfekte Weihnachtsgeschenk für Damen und Herren jeglichen Alters.

    Als Bürger des 21. Jahrhunderts bekommt man da natürlich sofort Schnappatmung, denn wer bei uns mit einer Kamera erkennbar Leute fotografiert wird sehr wahrscheinlich relativ schnell darauf angesprochen, dass er ja eigentlich auch erstmal um Erlaubnis fragen müsste. Wer heutzutage heimlich fotografieren will macht das sozusagen ganz offensichtlich, mit dem Handy. Denn ein IPhone in der Öffentlichkeit hochgehoben interessiert keinen Menschen, ob man damit nun fotografiert oder eine SMS verschickt weiß sowieso niemand und kratzt auch nicht.

    Wer aber Ende des 19. Jahrhunderts eine Kamera in der Öffentlichkeit aufstellte, war natürlich unglaublich auffällig und die Leute der damaligen Zeit gaben sich Mühe möglichst seriös auf Fotografien auszusehen. Und deswegen gibt es zwar aus der Zeit Straßenfotografien aber kaum Schnappschüsse, kaum normale Mimik, kaum Alltagshandlungen. Kaum steht da irgendwo eine Kamera wird seriös geschaut.

    Und es ist genau dieser Umstand, warum Bilder, wo das dann mal nicht der Fall ist, so dramatisch rausstechen. Wie zum Beispiel die Fotosammlung von Carl Størmer. Oder wie er vollständig heißt: Fredrik Carl Mülertz Størmer. Er war 1874 als Sohn eines Apothekers auf die Welt gekommen und als er sich 1890 diese Spionagekamera für unter die Weste leistete, war er eigentlich Mathematikstudent. Zu der Zeit studierte er gerade in Oslo oder Christiana, wie die Stadt damals hieß. Und er war fasziniert von der Fotografie an sich. 

    Und so begann er mit dieser Westenkamera, durch die Straßen von Oslo zu streifen und Fotos zu machen. Rund 500 Aufnahmen entstanden damals und es ist faszinierend, diesen Blick in den Alltag Dänemarks des 19. Jahrhunderts zu bekommen. Frauen in üppigen, wallenden Gewändern und Hüten, die lachend die Straße entlanglaufen.

    Männer, die mit zum Gruß ausgestreckter Hand und strahlendem Grinsen auf ihn zulaufen. Und Katzen, mindestens zwei Katzen hat er auch festgehalten. Und Katzen sahen irgendwie schon immer gleich aus. 

    Auf seinen Streifzügen durch Oslo begegnen ihm hin und wieder auch mal Prominente und auch die fotografiert er natürlich. Als er dann im Alter von 70 Jahren, viel, viel später eine Fotoausstellung mit diesen Spie-Cam-Fotos organisiert, sind die natürlich auch ganz besondere Publikumsmagnete. In den Berichten rund um diese Fotoausstellung wird er augenzwinkernd als Norwegens erster Paparazzi bezeichnet. Aber im Verhältnis zu welchen Maßnahmen die heutzutage greifen, waren Carls Bilder natürlich einigermaßen harmlos.

    Ja und die Entwicklung entsprechender Kameratechnik ist natürlich auch nicht stehen geblieben. Wir haben heute Kameras, die sind so klein, dass man sie kaum noch sehen kann. Und es gibt Kameras, die man als Schmuckstück tragen kann, die auf Sprachkommandos reagieren oder auf leichte Berührung und dann in Full-Hd ihre Umgebung aufnehmen können. Keine der Kameras, die ich so gefunden habe machen besonders schöne oder gute Aufnahmen aber mit der Qualität, die die Westenkamera von 1890 hatte können die natürlich locker mithalten. Vermarktet werden die oft entweder als Sicherheitstechnologie, also Überwachungskamera für den Ernstfall, oder als Notizgerät, wenn ich also in meinem Alltag irgendwas festhalten möchte, ein Sprachmemo, eine kurze Videoaufnahme von irgendwas, dass ich spannend finde und ähnliches.

    Ich habe auch spontan an Google-Glass denken müssen, das war eine Art Brillengestell mit einem Display vor unserem Auge, in dem man aktuelle Nachrichten sehen konnte oder eben auch per Augenzwinkern eine Kamera auslösen. Bei meinen Experimenten hat dieses Ding nie so richtig kontrolliert ausgelöst, sondern hat mal mein normales Zwinkern als Aufforderung verstanden und dann wieder ein „auch-wenn-es-sehr-deutlich-war-Zwinkern“ einfach mal ignoriert aber die bedenken die damals Datenschützer hatten waren natürlich, dass man in der Öffentlichkeit unbeobachtet Fotografieren oder „Videofonieren“ könnte. Und so gab es damals den aufgeregten Slogan:“Don’t be a Glasshole“ und Datenschützer gingen auf die Barrikaden. 

    Tja. Und auch wenn es die Technologien natürlich nach wie vor gibt, so richtig durchgesetzt, auch als Werkzeug für die Straßenfotografien da draußen, hat sich das nicht. Es ist wie so oft, die die wirklich Schindluder mit solchem Kram treiben wollen, die lassen sich sowieso nicht abhalten. Aber ich schweife ab. 

    Carl jedenfalls machte nicht nur diese Street-Fotos in Oslo mit seiner Spycam sondern blieb der Fotografie sein ganzes Leben lang treu. Er wird Professor für Mathematik an der Universität in Oslo und interessiert sich dann außerdem auch noch ganz besonders für Astrophysik, speziell für Phänomene, wie die Aurora-Borealis, also die Nordlichter. Auch die dokumentiert er mit der damals gängigen Kameratechnik und so gibt es von ihm nicht nur per Spycam aufgenommene Straßenfotografie, sondern auch Aufnahmen der Nordlichter über Norwegen. Trotzdem hätte er sich selber wahrscheinlich nicht als Fotograf bezeichnet und außer dieser einen Ausstellung dieser Westenkamerabilder veröffentlichte er jetzt eigentlich keine Fotografien weiter. 

    Die Bilder werfen auch eine interessante Frage auf finde ich. Zwar gibt es diesen Empörungsreflex, weil er ja versteckt und heimlich fotografiert hat, voyeuristisch geradezu. Auf der anderen Seite hat er das ja eigentlich erstmal nur für sich getan und nicht weiter veröffentlicht, d.h. bis zu dieser  Ausstellung 50 Jahre später, waren diese Aufnahmen rein in seinem Privatbesitz. Und das ist ja jetzt schon was anderes als die direkten Instagramuploads, die man heute manchmal so hat. 

    Etwas besonderes wurde es dann eben dadurch, dass es Aufnahmen waren, die man sonst so aus der Zeit überhaupt so gut wie nie zu sehen bekam. Ganz egal also, ob verboten oder nicht, unlauter oder nicht. Allein dieser Blick in die Vergangenheit, dieser unverstellte Blick in die Straßen von Oslo, ist aus heutiger Sicht spannend.

    9 min
  • Der erste Fotofälscher der Geschichte?

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Hippolyte Bayard ging in die Fotogeschichte ein, aber anders als er es verdient gehabt hätte.

    • Hippolyte Bayard (Wikipedia)
    • François Arago (Wikipedia)
    • Louis Daguerre (Wikipedia)
    • Joseph Nicéphore Niépce (Wikipedia)
    • Biography: 19th Century Inventor of photography Hippolyte Bayard

    Siehe auch hier im Podcast:

    • Einmal Selfie und zurück.
    • Der Welt zum Geschenk…

    Hippolyte Bayard. Ein verkannter Erfinder und Meister der Photographie. (Bd. 8)

    Transkript

    3 Männer, so lernt man im Geschichtsunterricht, stehen allgemein am Anfang der Fotografie: Joseph Nicéphore Niépce, Louis Daguerre und Henry Fox Talbot. 

    Aber eigentlich gab es da noch einen vierten Mann, er hatte ein fotografisches Verfahren ungefähr zur selben Zeit wie Daguerre entwickelt, er hat die erste fotografische Ausstellung der Welt veranstaltet und war womöglich sogar ein bisschen früher dran. Und trotzdem kennen wir ihn nur noch als den ersten Fotofälscher der Geschichte.

    Louis Daguerre stellte am 19 August 1839 vor der französischen Akademie der Wissenschaften sein ganz bescheiden Daguerreotypie genanntes Verfahren vor, dass Frankreich dann der Welt zum Geschenk machte. Ein Mann namens Niépce hatte zuvor mit Daguerre zusammengearbeitet und auch er hatte ein Verfahren entwickelt, dass man heute als Anfang der Fotografie bezeichnen würde. Und dann war da noch in Großbritannien ein Mann namens Henry Talbot, der ebenfalls ein fotografisches Verfahren entwickelte.

    All diese Verfahren  entstanden ungefähr zur selben Zeit und alle drei kombinierten mehrere Methoden miteinander, die die Menschheit zum Teil schon seit Jahrtausenden kannte.

    Nämlich die Kamera Obscura, die dunkle Kammer, in der sich Bilder projizieren ließen und lichtempfindliche Chemikalien, die wir auch schon etwas länger kannten und die Möglichkeit Bilder zu fixieren, also den Prozess der Veränderung durch Sonneneinstrahlung aufzuhalten.

    Und alle drei Männer profitierten von dieser Erfindung. Gut. Niépce war selbst schon tot zum Zeitpunkt als Daguerre sein Verfahren vorstellte aber seine Nachkommen profitierten davon, denn ihnen wurde eine Ehrenrente zugesprochen. Daguerre selbst hatte nach dieser Erfindung ausgesorgt, die französische Regierung kaufte sich das Recht diese Technologie der Welt zum Geschenk zu machen und das war ein lohnendes Geschäft. Außerdem hatte Daguerre dafür gesorgt, dass zwar die Welt dieses Geschenk bekam aber Großbritannien gehört ja irgendwie nicht ganz zur französischen Welt und deswegen kostete das Verfahren dort nach wie vor Lizenzgebühren. Ein praktisches Zusatzeinkommen. Ein Beispiel dem Henry Fox Talbot folgte und ebenfalls Gebühren verlangte und außerdem gleich noch ein Unternehmen aufbaute mit dem er sich um Drucke und Entwicklung von Bildern kümmerte. 

    Es lohnte sich also sehr einer der Väter der Fotografie zu sein und das war den beteiligten Männern auch bewusst. Die Entwicklung an sich war eine technische und wissenschaftliche Errungenschaft. Und gerade in Frankreich stand Wissenschaft hoch im Kurs. Daguerre war Geschäftsmann und er war hervorragend vernetzt. Da wundert es auch gar nicht, dass er sofort wusste, wem er seine neue Entwicklung zeigen musste. Er machte also eine Auswahl von Aufnahmen und begann, sowohl sein Verfahren als auch diese Aufnahmen einem kleinen Kreis von hochrangigen Politikern und Wissenschaftlern zu zeigen. Und er machte auch keinen Hehl daraus, dass er sich auf der Suche nach einem entsprechenden  Finanzierungsmodell befand.

    Einer seiner Bekannten war der damals weltbekannte Wissenschaftler Dominique Francois Arago. Seit 1830 leitete Arago die französische Sternenwarte und er war bekannt für sein Interesse an Magnetismus und optischen Gesetzen, damit war er auch ein natürlicher Ansprechpartner für Daguerre. Und ihm war sofort klar, welche enorme Bandbreite die Anwendungsmöglichkeiten dieser neuen Technologie, die  Daguerre ihm anschaulich vorführte haben würde. Arago versprach also zu vermitteln. Die Idee: Der französische Staat würde diese Technologie lizensieren und der Welt verfügbar machen. Er, also Arago, und natürlich die Väter dieser Technologie würden entlohnt werden. Und genauso lief das dann auch. Daguerre bekam vom französischen Staat eine monatliche Rente von 6000 Franc zugeschrieben. Das entspricht heute über 12000 Euro im Monat und sein Mitentwickler Niépce war zwar nichtmehr am Leben, aber dessen Enkelsohn bekam dann an seiner Stelle eine lebenslange Rente von 4000 Franc, also ungefähr 8000 Euro im Monat. Fürstlich. Und Summen, die einen dritten, nämlich Hyppolite Bayard, rasend machten.

    Denn auch er hatte ein fotografisches Verfahren entwickelt, und auch er war bei Arago vorstellig geworden und hatte darum geworben sein Verfahren der Akademie der Wissenschaften vorstellen zu dürfen. Und Arago hatte mit Verweis auf ein anderes Verfahren abgelehnt. Pikanterweise war zu der Zeit eigentlich Bayard im Vorteil, denn Bayard hatte sein Verfahren schon durchgehend beschrieben und er konnte Fotos nicht auf Metall mit Quecksilber entwickeln, sondern er hatte ein Verfahren erarbeitet, mit dem sich Fotografien auf Papier festhalten ließen. 

    All das passiert im Mai 1839, Arago wusste zwar von Daguerres angeblichen erfolgen, aber er hatte noch keine Beschreibung des Prozesses und noch keine Vorführung gesehen. Allerdings kannten sich die Männer schon länger und Arago hatte seinen Einfluss bereits für Daguerre geltend gemacht. Es sei das überlegene Verfahren. Während also Francois Arago Vorbereitungen trifft um Daguerre vor der französischen Akademie der Wissenschaften auftreten zu lassen, versucht Bayard Fakten zu schaffen. Sein Verfahren nennt er „photogenic Drawings“ und erzeugt 30 Bilder, die er dann in der weltersten Fotoausstellung am 24 Juni 1839 der staunenden Pariser Öffentlichkeit vorführt. 

    Daguerre selbst wird sein Verfahren erst einen Monat später amtlich beglaubigt bekommen, während Bayard schon Ausstellungen bestückt. Aber hier zeigt es sich was es wert ist, wenn man mit den richtigen Männern bekannt ist. Arago lässt sich nicht beirren und am 19 August stellt dann Daguerre hochoffiziell sein Verfahren der Akademie der Wissenschaften vor und bekommt ein Patent zugestellt. Mit der Unterstützung der Akademie und dem französischem Staat wird die Patentschrift in kürzester Zeit in 8 Sprachen übersetzt und in der Welt verteilt. 

    Bayard war gescheitert. Und das muss besonders bitter gewesen sein, weil für Hyppolite Bayard die Entwicklung dieses Verfahrens die Krönung einer Lebensreise gewesen war. Als kleiner  Junge war er schon davon fasziniert gewesen, dass sein Vater mit einer lichtdichten Schablone ein Logo auf Obst aufbringen konnte. Deckt man nämlich bestimmte Stellen von Äpfeln oder Pfirsichen ab, dann reifen die an dieser Stelle etwas weniger und haben deswegen einen „Aufdruck“ auf der Schale. Und ab jetzt versuchte Bayard diesen Mechanismus zu ergründen.

    Wie Daguerre war auch er eigentlich Maler und er galt als vielseitig begabt. Aber anders als Daguerre war die Malerei für ihn kein Geschäft, sondern reine Freizeitbetätigung, seinen Lebensunterhalt verdiente er als Finanzbeamter und Justiziar. Aber in seiner Freizeit beschäftigte er sich mit Chemie, Physik und Malerei. Und die verschiedensten Möglichkeiten Zeichnungen durch Licht anzufertigen hatten es ihm ganz besonders angetan. Und so gehen auf sein Konto gleich eine ganze Reihe von ganz verschiedenen fotografischen Verfahren. Er kannte eine Möglichkeit Papier lichtempfindlich zu machen und trotzdem trocken zu transportieren und zu lagern. Er kannte Möglichkeiten Bilder als positiv zu erzeugen, also direkt fertig auf Papier,  experimentierte aber auch mit Alternativen, bei denen ein negativ erzeugt wurde, was besonders nützlich war um daraus Vervielfältigungen zu erstellen. 

    Spannenderweise verschwindet auch Daguerre aus unserer Wahrnehmung, kaum dass ihm dieser eine große Triumph zu Teil geworden war, während Bayard ein ganzes Leben lang Fotografie machen wird. Aber ich greife vor.

    Wir sind immernoch im Jahr 1839, obwohl Bayard eigentlich schneller gewesen war und obwohl die Pariser Öffentlichkeit seine Werke schon bestaunt hatte, als Daguerre noch nichtmal ein Patent angemeldet hatte, geht er also leer aus. Er nimmt mehrere Folgeanläufe um die Akademie der Wissenschaften zu Überzeugen, dass auch er eine Zuwendung verdient hat aber er beißt auf Granit. Also entscheidet er sich zu einem radikalen Schritt und macht etwas für  das er bis heute bekannt ist, er setzt sich in sein Studio und macht ein Selbstportrait. Und auch das ist eine Pionierleistung, soweit wir wissen ist es das erste Portrait überhaupt oder zumindest das erste Selbstportrait dass erhalten geblieben ist. Daguerre kann für sich beanspruchen das erste Bild eines Menschen gemacht zu haben, es gibt eine Aufnahme aus einem Dachfenster heraus wo man einen Schuhputzer erkennen kann. Einfach weil der immer am selben Fleck gestanden war. 

    Bayard nun setzt sich ganz absichtlich vor die Kamera und inszeniert sich als eine Wasserleiche, links neben ihm sieht man einen großen Strohhut, den man wiedererkennen konnte, wenn man seine Werke bisher schon gesehen hatte. Rechts von ihm steht eine Statue. Er schickt dieses Bild an die Akademie der Wissenschaften, auf der Rückseite ist folgender Text zu lesen: 

    „Die Leiche des Mannes, die Sie umseitig sehen, ist diejenige des Herrn Bayard.

    Die Akademie, der König und Alldiejenigen, die diese Bilder gesehen haben waren von Bewunderung erfüllt, wie sie selber sie gegenwärtig bewundern, obwohl er selbst sie mangelhaft fand. Das hat ihm viel Ehre aber keinen Pfennig eingebracht, die Regierung, die Herrn Daguerre viel zu viel gegeben hatte, erklärte nichts für Herrn Bayard tun zu können. Da hat der Unglückliche sich ertränkt. Hyppolite Bayard, 18 Oktober 1840.“

    Das Bild wirkt aus heutiger Sicht einigermaßen bizarr, allerdings war es mehrere Dinge gleichzeitig: Es war eine Protestnote und es war ein künstlerisches Statement. Man konnte sicherlich darüber streiten ob ein Foto auf Metall wie bei Daguerres Verfahren oder auf Papier beeindruckender aussah. Und trotzdem war diese Aufnahme in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, nicht nur, dass sie einen Menschen zeigte, nicht nur, dass es ein Selbstbildnis war. Es war auch die erste inszenierte Aufnahme überhaupt. Die Zeitgenossen wussten auch sofort worauf sich Bayard mit dieser Aufnahme bezog. 

    Im 19. Jahrhundert gab es in einer Stadt wie Paris regelmäßig die Situation, dass Menschen tot aufgefunden wurden ohne, dass man wusste wer die Person denn nun war. Diese Menschen brachte man dann in ein öffentlich einsehbares Leichenschauhaus, dort wurden sie halb aufgerichtet aufgebahrt  und ihre Kleidung sowie Gegenstände, die aufgefunden worden waren, richtete man um sie herum gut sichtbar an. Die Hoffnung war, dass Menschen vermisst wurden und unter Umständen durch die Gegenstände oder den Leichnam selbst eine Identifizierung möglich wurde.

    Bayards Aufnahme ahmt das nach: Der Hut, die Statuen sind Gegenstände für die er bekannt war.  Er ist im wesentlichen unbekleidet, ein Tuch bedeckt seine Scharm, das wars aber schon. Da er sich viel draußen aufhielt, besonders in seinem Garten um seine Aufnahmen zu fertigen, waren seine Hände und sein Gesicht dunkler als der Rest seines Körpers. In der Aufnahme unterstreicht es sogar noch den Eindruck einer Wasserleiche.

    Es ist jedenfalls diese Aufnahme, die ihm dann einen Platz in den Geschichtsbüchern sichert, ob er selber über diesen Platz so glücklich wäre darf bezweifelt werden, denn wir reden nicht von dem ersten Selbstbildnis, wir reden nicht von der ersten Aufnahme mit allegorischen Stilmitteln, wir reden nicht davon, dass er derjenige Gewesen war, der die erste Fotoausstellung gemacht hatte. Nein. In die Geschichte geht er ein als der erste Fotofälscher.

    Aber wenigstens lässt er sich seine Begeisterung für die Fotografie nicht nehmen, er wird weiterhin den Rest seines Lebens fotografieren. Viele seiner Stillleben und auch Selbstbildnissen und Gruppenaufnahmen sind von einer Originalität, die die damalige Malerei hinter sich lassen.

    1851 gründet er eine der ersten Fotovereinigungen überhaupt: die „Société 

    héliographique“, auf Deutsch die heliographische Gesellschaft. 

    Im gleichen Jahr wird er zusammen mit vier anderen Fotografen damit beauftragt Frankreichs historische Gebäude zu dokumentieren. Im Auftrag dieser sogenannten mission héliographique machte er einige seiner besten und bis heute bekanntesten Arbeiten. 

    1854 wird die Société héliographique umbenannt und die dann neu gegründete fotografische Gesellschaft  ernennt ihn zum Justiziar und Generalsekretär. Bis heute wird sein Nachlass von diesem ersten Fotoverein verwaltet.

    15 min
  • Afghan Girl

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    1984 fotografiert Steve McCurry in einem Flüchtlingscamp ein Foto der damals ca. 13jährigen Sharbat Gula und schuf damit das bis heute erfolgreichste National Geographic Cover. Das Bild erreicht als „Afghan Girl“ weltweiten Kultstatus und sorgte später nachdem man Sharbat Jahrzehnte später ausfindig gemacht hatte für ihre Sicherheit.

    • Sharbat Gula (Wikipedia)
    • Afghan Girl (Wikipedia)
    • Steve McCurry (Wikipedia)
    • Steve McCurry’s Webseite
    • Podcast Interview: Unfolding Maps – A Life of Photography
    • NPR – How One Photographer Captured A Piercing Gaze That Shook The World
    • Eyes of the Afghan Girl: A Critical Take on the ‘Steve McCurry Scandal’
    • This is the disturbing story behind the iconic “AFGHAN GIRL” photo
    • National Geographic – A Life Revealed
    • Spiegel: Polizei nimmt „Mädchen mit den grünen Augen“ fest
    • Spiegel: Das Mädchen mit den grünen Augen kehrt zurück
    • Kwerfeldein: Rezension: „Afghanistan“ von Steve McCurry
    • Spiegel Interview mit Steve McCurry

    Credits:

    • Episodenbild: Steve McCurry for National Geographic
    • Battle Sound Effects: Freesound.org, DudeAwesome

    Transkript

    Unsere heutige Geschichte fängt Anfang der 80er an, irgendwo in Afghanistan. Die kleine Sharbat schaut in den Himmel. Sie hört Helikopter auf ihr Dorf zufliegen. Es sind sowjetische Militärhubschrauber, die direkt mit einem Angriff beginnen, einen Angriff, der das Dorf komplett überrascht. Sharbats Eltern kommen bei dem Angriff ums Leben. Der Rest ihrer Familie befindet sich ab jetzt zusammen mit ihr auf der Flucht.

    Zu Fuß über die verschneiten Berge Pakistans schaffen sie es zu einem Flüchtlingscamp an der Pakistanisch-Afghanischen Grenze. Und das ist der Ort, an dem eins der ikonischsten Fotos des 20. Jahrhunderts geschossen werden wird.

    Es gibt einen zweiten Menschen, der für unsere Geschichte heute wichtig ist. Und das ist ein berühmter Fotograf, Steve MCCurry, der zu der Zeit, als Sharbat vor den Angriffen der Sowjets fliehen musste, schon über 30 Jahre alt war. Eigentlich wollte Steve ursprünglich mal Filmemacher werden, studierte dann aber darstellende Künste. Durch einen Nebenjob bei einem Zeitungsverlag kam er dann zur Fotografie.

    Steve hatte noch nicht viel von der Welt gesehen und er wollte ein bisschen herumkommen und so entschloss er sich zu einer Reise nach Indien. Und da entdeckte er natürlich auch schnell, dass seine Bilder sich durchaus verkaufen ließen. Mal verkaufte er an journalistische Medien wie Zeitungen zum Beispiel, mal ging es eher um die Bebilderung von Reisemagazinen. Er bereiste die ganze Region und so verschlug ihn es auch irgendwann nach Pakistan und in Pakistan hörte er dann zum ersten Mal von dem Krieg in Afghanistan.

    Er freundete sich mit afghanischen Rebellen an und überzeugte sie davon, ihn als Afghane verkleidet in von Rebellen kontrolliertes Gebiet zu schmuggeln. Im Westen wusste man zu der Zeit wenig über den Konflikt in Afghanistan. Das Geschehen war weit weg, die Menschen hatten kein Gesicht. Steve MCCurry war erschüttert, aber er war als Fotograf gekommen, er hatte Filme und Kameras dabei. Und so beendete er diese erste Reihe mit unzähligen belichteten Filmen, die er, damit er sie außer Landes schmuggeln konnte, in seinen Turban und seine Unterwäsche einnähte.

    Und es sind diese Fotos, die seine Karriere erst so richtig ins Rollen brachten. Renommierte Zeitungen wie die New York Times und Time Magazine veröffentlichten Bilder von ihm und er gewann im selben Jahr die Robert-Capa-Goldmedal, einen Preis, der für herausragende Fotoreportage vergeben wird.

    Und ganz im Stil dieses ersten Erfolgs geht es für Steve MCCurry weiter. Er bleibt nicht nur in der Region, sondern er begleitet mit seiner Kamera die Menschen in den bewaffneten Konflikten im Mittleren Osten, in Indien, als Iran und Irak im Krieg sind, ist Steve MCCurry dabei, der Bürgerkrieg in Kambodscha, der Bürgerkrieg in Libanon, der Golfkrieg oder der Afghanische Bürgerkrieg, Steve MCCurry ist dabei und portraitiert und hält fest.

    Sieht man sich sein Werk an, stellt man zwei Sachen fest: Erstens geht es Steve MCCurry nie in erster Linie um die Situation, sondern immer um die Menschen, die er darin festhält. Der Großteil seiner Bilder und alle seine erfolgreichen Bilder sind im Grunde Portraits. Manche davon Gruppenportraits, manche davon mit mehr Kontext, viele davon zeigen natürlich auch die Umgebung, aber es geht immer um die Menschen, die er festhält.

    Das nächste, was auffällt, ist, dass Steve MCCurry ein Meister der Farbfotografie ist. Und zwar ein Meister der Reduktion in der Farbfotografie. Steve MCCurry hat nicht nur ein Auge für die besonderen Gesichter, die besonderen Szenen, die herausstechenden Situationen, er geht außerdem mit Farbe so virtuos um, dass seine Bilder einen ganz eigenen Look haben. Bei seinen besten Fotos sieht es fast so aus, als wären in dem Bild eigentlich nur noch zwei bis drei Farben vorhanden.

    Steve MCCurry wird auch immer mal wieder vorgeworfen, dass seine Fotografien sehr stereotypische Szenen zeigen. Die Menschen aus Indien in Steve MCCurrys Bildern sehen wirklich so aus, wie sich westliche Menschen Leute in Indien nun mal vorstellen: Sonnengegerbte, dunkle Haut, bunte Turbane, erdfarben. Und trotzdem ist Steve darauf auch nicht begrenzt. Immer wieder mal fotografiert er auch einfach nur Landschaften und Tiere. So wird er 2015 zum Beispiel dafür engagiert, für Microsoft ein ganz offizielles Windows 10 Hintergrundbild zu machen und 2019 kommt ein Buch heraus, das man beim Taschen Verlag kaufen kann, in dem er seine Lieblingstierbilder veröffentlicht hatte.

    Aber eigentlich sind es die Bilder von Menschen, für die er berühmt ist, und es gibt ein Bild, das ihn wahrscheinlich wie kein anderes in seinem mehrere hunderttausend Fotografien umfassendes Portfolio definiert. Und da sind wir jetzt wieder angekommen bei Sharbat. Irgendwann 1984 begibt es sich nämlich, dass Steve MCCurry im Auftrag von National Geographic Fotos in den Flüchtlingscamps von Pakistan macht. Er läuft durch die Zeltstadt und kommt an einer Schule vorbei. Naja, „Schule“ ist so ein großes Wort, an einem etwas größerem Zelt, in dem Mädchen unterrichtet werden. Es ist gerade kein Unterricht, die Kinder tollen herum und Steve fällt ein Mädchen sofort wegen seiner durchdringenden Augen auf: Sharbat. Er redet mit der Lehrerin, die selbst eine Kriegsversehrte ist, ihr fehlt ein Bein, sie kann nur mit Krücken laufen. Steve wird von den Menschen, die das Flüchtlingslager betreiben, als eine Chance gesehen, die Weltöffentlichkeit auf die Zustände aufmerksam zu machen und so stimmt die Lehrerin dabei zu, ihm dabei zu helfen, die Mädchen zu fotografieren.

    Er hat es eigentlich nur auf dieses eine Kind abgesehen, wegen diesen Augen, aber er möchte natürlich auch, dass das Kind sich wohlfühlt vor seiner Kamera. Es ist ungewöhnlich, als ein westlicher Mann überhaupt in so einer Umgebung unterwegs sein zu dürfen und Mädchen zu fotografieren ist noch viel ungewöhnlicher. Und so hält sich Steve eine Weile lang in dem Zelt auf und fotografiert verschiedene Kinder der Klasse. In einem Interview später sagt er, er wollte auch eine Situation schaffen, in der sich alle Beteiligten wohlfühlen und in der sich das Mädchen, das ihm aufgefallen war, fast schon ausgeschlossen fühlen würde, wenn sie nicht auch fotografiert wird.

    Schließlich kommt sie an die Reihe. Sie ist scheu. Sie ist schon in der Pubertät und für Mädchen in der Pubertät geziemt es sich nicht, ihr Gesicht vor Männern zu zeigen, ganz besonders nicht vor westlichen Männern. Und so hält sie ihren Schal vor ihr Gesicht. Steve macht verschiedene Fotos, so um die acht bis zehn, und positioniert sie an unterschiedlichen Stellen in dem Zelt. Die Lehrerin hilft ihm beim Übersetzen und posieren des Mädchens. In den meisten dieser Bilder sieht sie mehr oder weniger unbeholfen aus, unsicher, aber es gibt zwei Aufnahmen, in denen sie plötzlich sehr konzentriert in die Kamera blickt. In einer dieser zwei Aufnahmen hält sie den Schal vor den Mund, in der anderen Aufnahme blickt sie seitlich direkt in die Kamera.

    Steve MCCurry reist wieder ab, die Filme werden dem Büro zur Entwicklung übergeben und setzt sich wenige Tage später mit seinem Redakteur bei National Geographic hin, um Bilder auszuwählen. Schnell ist klar, dass dieses Mädchen ein potenzielles Coverbild ist. Wenn man wie Steve on Assignment ist, weiß man nicht, dass man jetzt unter Umständen gerade für ein Cover fotografiert, man macht einfach Fotos. Und die Entscheidung, ob irgendetwas auf dem Cover landet oder nicht, wird dann von der Redaktion und den Bildeditoren getroffen.

    Im Falle von Steves Bildern war auf jeden Fall schnell klar, dass eines seiner Fotos von diesem Flüchtlingscamp ein Kandidat für ein Coverbild sein würde, allerdings gibt es zuerst Unsicherheit, ob dieses Bild überhaupt geeignet sein würde. Es ist ein sehr eindrucksvolles Bild, ein sehr durchdringender Blick. Vielleicht, so die Sorge, ist das Bild zu frontal für die Leser von National Geographic. Aber das Bild, wo das Mädchen den Schal vor den Mund hält, das ist doch vielleicht geeignet.

    Steve ist überzeugt davon, dass das Bild, wo man das Gesicht komplett sieht, das stärkere Bild ist, und so ertrotzt er sich, dass der Bildeditor beide Fotos vorgelegt bekommen soll. Der wiederum schaut sich die beiden Bilder an und ist sofort sicher: Das Foto, das wir heute als „Afghan Girl“ kennen, kommt auf das Cover von National Geographic.

    Und stellt sich schnell als National Geographics erfolgreichstes Cover heraus. Das Bild wird sofort ikonisch. Reproduktionen dieser Aufnahme gibt es auf der ganzen Welt und es ist das einzige Coverbild, das der National Geographic in seiner Geschichte dreimal als Titelbild verwendet. Es zeigt Sharbat, wie sie vor dem grünen Zelt ihres Schulzelts steht und mit ihren eindringlich grünen Augen ernst in die Kamera schaut.

    Viel wurde darüber geschrieben, warum dieses Bild diese Wirkung entfaltet. Es ist auffällig, wie Steve MCCurry hier die Farben reduziert hat. Im Grunde ist dieses gesamte Bild eine Mischung aus Braun- und Grüntönen. Ihr Überwurf ist löchrig, der hat Brandflecken von ihrer Flucht. Der ernste Gesichtsausdruck, die durchdringenden Augen, die tiefgrün, aber mit einem dunklen Rand versehen sind, es ist ein Bild, das man stundenlang anschauen kann.

    Ich habe oft gelesen, dass dieses Bild den Menschen die Situation der Flüchtlinge vor Augen geführt haben soll, ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt. Denn es ist außerdem ein sehr ästhetisches Portrait. Klar, ihr Überwurf hat Löcher, klar, sie ist leicht dreckig im Gesicht, aber nichts an diesem Bild deutet auf das Elend hin, das in diesem Flüchtlingscamp herrschen muss. Ja, sie sieht ernst aus, aber eigentlich ist das zunächst mal eine wirklich schöne Aufnahme, in der man sich verlieren kann.

    Die Aufnahme bekommt nochmal Extraschub, als nach den Anschlägen am 11. September die Bush-Administration sich für Rechte von Frauen in Afghanistan stark macht und dieses Bild als eine ikonische Darstellung dieser geknechteten und unterdrückten Frauen herhält. Für Steve MCCurry muss schnell klar gewesen sein, dass dieses Bild dein Ausnahmefoto ist. Regelmäßig wird er dazu interviewt. Immer wieder wird er gefragt, wer ist dieses Mädchen. Hätte er gewusst, welchen Wirbel diese Aufnahme erzeugen würde, er hätte sich Details geben lassen. So aber war er aus dem Flüchtlingscamp abgereist, ohne zu wissen, wie das Mädchen heißt, wie alt es wirklich war, welche Geschichte es hinter sich hatte, außer, dass es eine von den vielen Flüchtlingsmädchen ohne Eltern war.

    Und so begann er in den 90ern, nach diesem Mädchen zu suchen. Den Namen herauszufinden. Und das ist wirklich schwierig in einem Land und einer Kultur, in dem Frauen sich normalerweise vollverschleiert zeigen oder gar nicht in die Öffentlichkeit gehen und in einem Milieu, in dem Papiere und Registrierungen nicht unbedingt gerade verbreitet sind. Und deswegen findet er das Mädchen auch nicht.

    Man muss dazu auch verstehen, dass diese Aufnahme, so ikonisch sie sein mag, eigentlich nur in unserem Kulturkreis so verbreitet ist. Klar gibt es Menschen in Afghanistan und in Pakistan, die diese Aufnahme auch gesehen haben, aber nur im westlichen Kulturkreis ist die Aufnahme derart berühmt geworden, dass sie buchstäblich jedes Kind kennt. In Afghanistan und Pakistan kann man sein Leben leben, ohne diesem Bild je große Beachtung geschenkt zu haben.

    Trotzdem vergeht, so sagt Steve MCCurry in verschiedenen Interviews, keine Woche, ohne, dass jemand nach der Identität dieses Mädchens fragt. Und deswegen erklärt sich National Geographic im Jahr 2002 bereit, eine Expedition auszustatten und nach diesem Mädchen systematisch zu suchen. Das Ganze wird von einem Kamerateam begleitet und soll eine Dokumentation werden.

    Und diesmal ist man erfolgreich. Die damals etwas über 30 Jahre alte Sharbat wird erfolgreich aufgespürt und dann zum zweiten Mal in ihrem Leben von Steve MCCurry fotografiert. Oder überhaupt zum zweiten Mal fotografiert. Sie hat immer noch diesen durchdringenden Blick.

    Durch diese Begegnung wissen wir jetzt auch etwas mehr über ihre Geschichte. Sie hat wohl irgendwo zwischen ihrem 13. und 16. Lebensjahr geheiratet und kehrte dann 1992 in das Dorf zurück, aus dem sie als kleines Mädchen geflohen war. Ihr Leben war nicht unbedingt gerade einfacher gewesen, nachdem sie das Flüchtlingslager verlassen hatte. Sie bekommt fünf Kinder, eins davon stirbt noch als Baby, und drei davon sind Mädchen und so sagt Sharbat im Interview mit dem National Geographic Team, dass sie wirklich hofft, ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen zu können.

    2012 dann stirbt ihr Mann und hinterlässt sie als Witwe. Zu dem Zeitpunkt war sie wieder nach Pakistan zurückgekehrt und hier ist es auch, wo sie dann 2015 und 2016 Probleme mit den dortigen Behörden bekommt. Ihre Dokumente stellen sich als teilweise unecht heraus und so wird sie festgenommen. Und hier ist auch der Moment gekommen, in dem es wirklich praktisch ist, als Afghan Girl durch Steve MCCurry für immer ikonisiert worden zu sein. Amnesty International protestiert medienwirksam und öffentlich und so entscheidet sich der damalige Präsident Afghanistans, Aschraf Ghani, Sharbat nach Kabul einzuladen und dort ganz offiziell nicht nur einzubürgern, sondern zu ehren. Sie bekommt in der Hauptstadt eine 280 m² große Residenz zugeteilt und die Regierung verspricht, sie finanziell zu unterstützen.

    Und das ist der letzte Stand, den wir von Sharbat haben. Zum Zeitpunkt der Aufnahme haben ja die Taliban gerade wieder die Regierung übernommen und so weiß man im Moment leider nicht, wie es Sharbat Gula im Augenblick geht. Ist sie immer noch in der Unterkunft, wird sie immer noch vom Staat finanziell unterstützt, das ist im Moment unklar. Ich nehme aber mal an, so wie in der Vergangenheit ist es auch jetzt so, dass Steve MCCurry regelmäßig nach Sharbat Gula gefragt wird und deswegen auch ein Interesse daran haben wird, diesen Kontakt vielleicht immer wieder mal zu halten.

    Und auch National Geographic ist, seit sie erfolgreich aufgespürt wurde, immer mit ihr in Kontakt geblieben. Es wurde ein Fund in ihrem Namen aufgelegt, um afghanische Kinder zu unterstützen und man unterstützte sie finanziell, als sie eine Pilgerfahrt nach Mekka unternehmen wollte, übernahm National Geographic die Kosten, als medizinische Behandlungen notwendig wurden für Familienmitglieder, wurde auch das vom National Geographic bezahlt.

    Gleichzeitig reißen allerdings auch kontroverse Diskussionen rund um Steve MCCurry und auch speziell diese Aufnahme anscheinend nicht ab. Wir sind heute sensibler in manchen Situationen als frühere Generationen von Fotografinnen und Fotografen es waren. Steve MCCurry war manchmal unterwegs in einem Spannungsfeld zwischen Journalismus und künstlerischer Fotografie. Magazine wie der National Geographic waren sicherlich nicht mit journalistischem Anspruch unterwegs und so war Steve MCCurry unter anderem auch dafür bekannt, dass er Fotos durchaus auch dirigierte. Anders, als es Journalisten erwarten würden, posierte er also auch mal seine Models, so also zum Beispiel das Afghan Girl. Das allein wird schon immer wieder mal angeprangert.

    Während seiner Karriere hat Steve MCCurry mehrere hunderttausend Fotos gemacht und da er nicht nur im Auftrag von Zeitungen und Magazinen unterwegs war, sondern sich auch durch die berühmte Pressefotoagentur Magnum vertreten ließ, kam es irgendwann zu Problemen mit Fotos, die nachträglich bearbeitet waren. Steve MCCurry hat eigentlich nie den grundsätzlichen Sinn und die Bildaussage verändert, aber Bilder, die im journalistischen Kontext verwendet werden, dürfen nun mal nicht, um ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen, stark bearbeitet worden sein. Und manche von Steve MCCurrys Bildern waren durchaus deutlich bearbeitet worden. Da wurden Bildelemente weggestempelt, Farben verändert, und so kam es in den 2010ern zu einer etwas größeren Kontroverse rund um seine Aufnahmen.

    Und wenn man schon mal dabei ist, kann man natürlich auch gleich weitermachen und über die Rolle von westlichen Fotografen, gerne auch weißen, männlichen westlichen Fotografen in Krisengebieten und in Flüchtlingscamps reden. Hatte nicht Steve, so der Vorwurf, hier eine Machtposition ausgenutzt? Das ist eine Frage, der sich alle Krisenfotografinnen und -fotografen heutzutage stellen müssen. Sie reisen in Regionen der Welt, in denen entsetzliches stattfindet, machen da dann Fotos und verkaufen diese Fotos. Und wenn sie dann nicht im Kontext von journalistischer Berichterstattung, sondern zum Beispiel in Bildbänden oder in Ausstellungen erscheinen, kann man argumentieren, dass sie ja auf dem Elend dieser Menschen aufbauend ihren Lebensunterhalt verdienen.

    Das Gegenargument freilich ist dann, dass solche Fotos Menschen auch aufmerksam machen auf Zustände, Menschen dazu bringen, Mitgefühl zu haben. Von dem Foto „Afghan Girl“ wird behauptet, dass es überhaupt erst dafür gesorgt hat, dass Menschen sich für den Konflikt in Afghanistan interessiert haben.

    Aber es ist eine kontroverse Diskussion, unter anderem auch deswegen, weil ja bekannt ist, dass Mädchen sich normalerweise eben nicht unverschleiert einem westlichen oder überhaupt einem fremden Mann zeigen, Steve MCCurry aber dafür gesorgt hat, dass dieses Foto, das ein unverschleiertes Mädchen zeigt, weltberühmt wurde. Er hat da gewissermaßen einen Tabubruch begangen, einen Tabubruch, den wir vielleicht als hinnehmbar empfinden, der aber im dortigen Kulturkreis problematisch ist. Er macht sich einer Anmaßung schuldig.

    Obendrein hat Sharbat ja niemand gefragt, ob sie damit einverstanden ist. Das ist ja ein Thema, das ich auch schon in der Folge zum Napalm Girl angesprochen habe. Kaum, dass ein Foto nicht nur gemacht und veröffentlicht wurde, sondern von der Weltgemeinschaft als ikonisch wahrgenommen wird, verlieren die Menschen auf den Bildern anscheinend alle Rechte an dieser Aufnahme. Sharbat Gula, also zumindest die 13-jährige Sharbat Gula gehört jetzt irgendwie uns allen, ob es ihr nun passt oder nicht. Und klar hat das auch Vorteile für sie, aber in unserer heutigen Zeit haben wir verändert, wie wir über die Frage der Zustimmung nachdenken. War es vor wenigen Jahrzehnten noch völlig in Ordnung, einfach Wildfremde zu fotografieren und deren Portraits zu veröffentlichen, egal, ob sie wollten, oder nicht, ist das heute an immer engere moralische und ethische Grenzen geknüpft. Wo man persönlich jetzt da die Linie ziehen möchte, bleibt jetzt jedem selbst überlassen.

    Steve MCCurry selbst hat sich im Rahmen dessen, was damals üblich war, verantwortungsvoll und freundlich bewegt. Klar hat er Menschen posiert, klar wusste er auch, wie er sich bewegen muss, um die Bilder zu bekommen, die er gerne bekommen wollte, aber er hat uns auch eindrückliche Werke geschenkt und auf verschiedensten Wegen versucht, auch wieder etwas zurückzugeben. Im Falle von Sharbat ist es hoffentlich so, dass ihr Status als Fotoikone sie auch jetzt in der neuen Situation in Afghanistan beschützt.

    21 min

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