Fotomenschen

Fotomenschen

By Dirk PrimbsHistory
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Fotomenschen episodes

  • Wie Jennifer Lopez Google inspirierte

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Wie kam Google eigentlich auf die Idee eine Bildersuchmaschine zu starten?

    • Google (Wikipedia)
    • Infografik: Chronologie der Google Bildersuche
    • Google Bildersuche: Fakten, Funktionen, Geschichte
    • Vor zwanzig Jahren hat Google die Bildersuche ins Leben gerufen. Und dieses Kleid ist der Grund dafür
    • Jennifer Lopez (Wikipedia)
    • 20 years of fashion on Google
    • J Lo Responsible For Google Images
    • Green Versace dress of Jennifer Lopez (Wikipedia)
    • The dress (Wikipedia)
    • Grammy Awards (Wikipedia)

    Transkript

    I: Ich bin älter als das Internet. Das war ein Satz, den ich mal irgendwann zu meinen Kindern gesagt hatte, und damit meinen Status als Dinosaurier unverrückbar zementiert habe. Meine Kinder sind in einer Welt aufgewachsen, in der man ganz selbstverständlich auf eine Suchmaschine hat und die natürlich nicht nur nach Text, sondern auch nach Bildern und nach Videos suchen kann. Aber das war nicht immer so. (Musik im Hintergrund) Fotomenschen. (Musik läuft aus) Wir schreiben den 23. Februar im Jahr 2000. Es ist Zeit für die 42ten Grammy-Awards. Und wer das schon mal verfolgt hat, weiß, jede Kategorie dieses Awards hat eigene Laudatoren und Laudatorinnen. In der Kategorie Best R&B Album steht der Schauspieler David Duchovny, der Mulder in der TV-Serie X-Files spielte, und Jennifer Lopez auf der Bühne. (Applaus) 

    B1: You know, David, coming out to present the first Award is a real Honor on these Programs.

    B2: Well, Jennifer, this is the first Time in five or six Years, that I am sure, that nobody is looking at me. 

    I: Er sei sich ganz sicher, sagte er, dass in diesem Augenblick niemand auf ihn schaut. Und da dürfte er recht gehabt haben. Die damals 31-jährige Jennifer stand nämlich in einem Hauch von Nichts mit ihm auf der Bühne. Ihre Brüste waren gerade so von einem halbdurchsichtigen, grünen Stoff bedeckt. Und die Menge starrte auf sie. Dabei hätte sie um ein Haar für diesen Abend etwas ganz anderes getragen. J.Lo. 

    B1: I was nominated for a Grammy that Night. And I was filming Wedding Planer at the time, with Matthew McConaughey, and I was out in the Middle of nowhere, where we did the Horseback-Riding Scene, where the Horse loses Control. We were out doing that, and my Stylist comes in, and she is like: The Grammys tomorrow have no Time to do a Fitting. And she brings like three or four dresses.

    I: J.Lo war eigentlich in der Mitte der Dreharbeiten für den Film Wedding Planer zu der Zeit. Außerdem war sie für den Grammy nominiert. Es ist der Abend vor dem Grammy und es war die ganze Zeit überhaupt keine Gelegenheit, um Kleider auszuwählen. Und ihre Stylistin hat deswegen auch nur zwei oder drei Optionen dabei. Es hatte also einfach alles zu lange gedauert und es gab kaum noch Optionen. Und so kommt es, dass am Tag der Grammy-Verleihung, statt, wie normalerweise, Massen von Kleidern, nur noch zwei Kleider zur Auswahl stehen. Ein weißes und ein grünes. Jennifer Lopez‘ Stylistin ist für das weiße. Denn das grüne hatte zuvor schon Donatella Versace selbst, und auch noch ein Model auf dem Laufsteg getragen. Und auf den Grammys, da will man doch was tragen, was niemand zuvor irgendwo gesehen hat, findet sie. Allerdings, als J.Lo das grüne Dschungel-Dress anzieht, da ist allen im Raum klar, das wird das Kleid. Also allen, außer der Stylistin. Aber zumindest die Männer im Raum sind der absoluten Überzeugung, das ist das Kleid, das sie tragen muss. Das wird ihr die Aufmerksamkeit im Raum sichern.

    B1: And the only Concern was whether or not, my Boobs were going to pop out on Stage, or anywhere along the Way, because it was so low-cut. We literally laid double Stick down, to (?Pay-Tape), and we stuck the Dress to it.

    I: Die einzige Sorge, die sie bei dem Kleid hatten, war, ob ihre Brüste nicht vielleicht rausfallen könnten, auf dem Weg zur Veranstaltung, oder auf der Veranstaltung selbst, auf der Bühne, oder so. Und deswegen hat man doppelseitiges Klebeband genommen und das Kleid, direkt an den Nippeln vorbei, fixiert.

    B1: So, everybody, having the same Thoughts, like „Is this Dress going to blow open?”. You know, it is so low-cut. And I guess that was fascinating for People. But there was never any Danger of that.

    I: J.Lo behauptet bis heute, ihr war nicht klar gewesen, welche Wirkung dieses Kleid auf die Leute hatte, bis zu dem Moment, wo sie damit auf dem roten Teppich war.

    B1: And we hit the red Carpet, and it was a Frenzy. The Flashes started going, in a Way, that it is not usually. 

    I: J.Lo gewann den Grammy nicht an diesem Abend. Und sie war auch erstmal traurig darüber. Tatsächlich war das Ganze trotzdem ein Rekord-Grammy, weil Santana mit elf Grammys nach Hause gegangen ist. Allerdings, die Tatsache, dass Santana elf Grammys, und damit einen Rekord gewonnen hatte, wurde am nächsten Tag von der Presse komplett ignoriert. Das wichtigste, was alle Zeitungen abzudrucken hatten, war J.Lo in diesem grünen Kleid. Und die Welt wandte sich ans Internet und versuchte, Bilder von J.Lo in diesem Kleid zu finden. Die damals noch junge, aber schon etablierte Suchmaschine, Google, merkte das sofort auf ihren Servern. Gerüchten zufolge war es einige der wenigen Gelegenheiten, bei denen eine weltweite Suchanfrage, die Server von Google in die Knie gezwungen hatte.

    Und weil Google damals noch keinerlei Möglichkeit hatte, um nach Video oder Fotos gezielt zu suchen, sondern einfach nur Links auf Webseiten zeigte, das aber nun mal eine Suchanfrage war, die man eigentlich nur mit einem Bild beantworten konnte, entstand aus diesem einzigartigen Grammy-Auftritt, die Idee, die Google-Bildersuche zu entwickeln. 250 Millionen Fotos konnte man dann 2001, bei der frisch gestarteten Google-Bildersuche finden. Eine Mini-kleine Zahl, verglichen mit den über 50 Milliarden Bildern, die in der heutigen Google-Bildersuche indiziert sind. Inzwischen kann man nicht nur durch Begriffe, Bilder finden. Sondern man kann auch nach Vorkommen von Bildern, oder nach ähnlichen Bildern, oder nach bestimmten Arten von Bildern suchen. Und natürlich kann man da auch, nach wie vor, von dem grünen Dschungel-Dress von Versace suchen. Inzwischen findet man dort allerdings nicht nur das ikonische Kleid und Bild von Jennifer Lopez aus dem Jahr 2000, sondern stellt fest, sie hat es nochmal getan.

    Zum Zwanzigjährigen dieses Auftritts, hatte Donatella Versace eine aktualisierte Fassung dieses Dschungel-Dresses gemacht. Und J.Lo ließ sich das nicht nehmen, der Welt zu zeigen, wie man mit 51 Jahren aussehen kann, in einem Hauch von Nichts und doppelseitigem Klebeband. Dieses Kleid blieb nicht das einzige Kleid, das zu einer viralen Sensation im Internet wurde. So war im Jahr 2015 ein Kleid in aller Munde, bei dem sich das Internet nicht darauf einigen konnte, welche Farbe es eigentlich hatte. War es golden und weiß, oder schwarz und blau? Unklar. Und wieder glühten die Drähte. Aber dieses Mal war die Google-Bildersuche natürlich zur Stelle und konnte helfen. Auch hier gab es ganz konkret, weitreichende Folgen. So wurden mehrere Dutzend Studien und Paper geschrieben, die sich mit dem Wahrnehmungsapparat des Menschen befassten.

    Es war zunächst einmal ein neurologisches und ein psychologisches Phänomen. Und durch die Masse an Menschen, die sich im Internet damit befassten, war eine einzigartige Datenbasis geschaffen worden, mit der man hervorragend forschen konnte. Wir glauben ja durchaus gerne mal, dass Fotografie die Welt verändern kann. Und ich finde es ja schon irgendwie lustig, dass die Mode-Fotos, die die Welt letztlich verändern, keine hochprofessionell orchestrierten und liebevoll gestalteten Mode-Shots sind, sondern mehr oder weniger Schnappschüsse, die danach Millionen Menschen im Internet beschäftigt haben. Wenn man J.Lo ist, ist Mode ein Riesending, aber auch irgendwie Alltag. Und trotzdem sticht dieser Moment auf den Grammys auch für J.Lo weit raus.

    Und er zeigt, wie visuell unsere Kultur inzwischen geworden ist. In einer Welt ohne Fotografie, wäre ein Kleid nie so populär und bekannt geworden. In einer Welt ohne Internet, hätte sich niemand, außerhalb der Stadt, in der dieses Kleid zu sehen gewesen war, dafür interessiert. In einer Welt mit dem Internet und der Fotografie kann die Frage nach den fast rausfallenden Brüsten von J.Lo dafür sorgen, dass der weltgrößte Suchmaschinenhersteller ein komplett neues Produkt auf den Markt bringt. (Musik) Fotomenschen.

    Wer sich jetzt selbst ein Bild von den besprochenen Kleidern machen möchte, wird natürlich, wie immer, in den Notizen zur Sendung fündig. Und wer die nicht vollständig, inklusive eingebetteter Videos, im (?Pod-Catcher) sieht, der findet sie auf Fotomenschen(.)net. Dort gibt es inzwischen auch etwas Neues. Nämlich in der Menüleiste einen Link auf den Fotomenschen YouTube-Kanal. Ich möchte ein bisschen mit Video rumprobieren. Ich möchte hin und wieder begleitendes Material zum Fotomenschen Podcast veröffentlichen. Und wer mag, wird da gelegentlich auch mal Vlogs von mir finden. Schaut gerne mal rein und lasst mich wissen, wie ihr es findet.

    Überhaupt, Feedback ist die Währung, die mich hier am Laufen hält. Und das kann man loswerden, im Fotomenschen Twitter-Kanal, im Fotomenschen YouTube-Kanal, auf iTunes, in Form von Sternbewegungen, oder direkt im Blog, auf Fotomenschen(.)net in den Kommentaren. Und wer das Projekt unterstützen möchte, der teilt es weiter, sodass auch andere zu dem Podcast finden können. Ich höre ja immer wieder mal, dass Leute gedacht haben „Oh, nicht noch ein Foto-Podcast.“, und dann durch irgendeinen Zufall doch mal reinhören und überrascht davon sind, wie spannend sie es auch dann finden, wenn sie selbst sich nicht zu den Fotografinnen zählen. Ergo, empfehlt doch den Podcast auch gerne anderen Leuten. Also nicht nur Leuten, die sich erkennbar für Fotografie interessieren. Ansonsten noch zum Abschluss ein dickes, dickes Dankeschön an den Niels, der der Themenpate für die heutige Folge war. Und wer auch gerne Themenparte sein möchte, das ist das Ding mit dem Feedback, von dem ich es gerade hatte. Bleibt gesund. Danke für das Zuhören. Bis bald.

    11 min
  • Teufel und Dickpic

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Wer sich portraitieren lässt tut gut daran die Fotograf:in gut auszuwählen und dann freundlich zu sein sonst kann das auch nach hinten losgehen…

    • Samuel Corum’s Tweet
    • “It’s An Insult To Satan!” People Are Calling This The Best Press Photo Of Trump Ever!
    • Samuel Corum’s Webpage
    • Lensmagazine – Samuel Corum in an exclusive interview
    • Time Magazine on choosing Donald Trump as person of the year 2016
    • Trump trolled by Time Magazine – DYIPhotography
    • Jake Walters Webpage
    • Jake Walters‘ Tweet
    • Huffpost – Photographer Gets Revenge On ‘Rude’ Philip Green By Making Him Look ‘Like A Prick’
    • Philip Green (Wikipedia)
    • Jake Walters on Instagram
    • Arnold Newman’s Webpage
    • Arnold Newman (Wikipedia)
    • Alfried Krupp von Bohlen und Halbach
    • LA Times – Arnold Newman, father of the environmental portrait, is back in focus on 100th birthday
    • Examining Arnold Newman’s Environmental Portraits

    Transkript

    Every Photograph is a Self-portrait. Jede Fotografie ist ein Selbstportrait. Das ist ein Zitat des Fotografen Ralph Steiner. Und es gibt ähnliche Zitate von einer Menge berühmter Fotografien, dass wir diejenigen sind, die den Auslöser drücken, den Ausschnitt wählen, das Motiv festlegen und deswegen mehr von uns in unseren Bildern steckt, als uns vielleicht lieb sein mag.

    Fotomenschen.

    Und nicht nur das. In manchen Bildern kann man sogar erkennen, was die Fotografin oder der Fotograf im Moment des Auslösens gedacht haben mag. Und um das zu demonstrieren, habe ich heute drei Beispiele mitgebracht. Das erste Beispiel ist von Samuel (?Corum). Er war Militärfotograf, bevor er Foto Journalist wurde. Und am 9. Juli 2020 ist er im Auftrag der New York Times in Washington. Donald J. Trump, 45. Präsident der vereinigten Staaten hat angekündigt, den Dialog mit den Hinspanios im Land suchen zu wollen und zu einem Round Table Event geladen. Die Presse ist vor Ort und soll das Ganze festhalten.

    “We appreciate being here, we are with our great Hispanic Leader from all over the country. And (?we’re doing) really well with Hispanics. We like them, they like me. And we helped them a lot with the Jobs. Whether it’s Jobs, Education, or some of the other things.”

    Trump wird danach in den Rolls Garden gehen, um ein Abkommen zu unterzeichnen und eine weitere Pressekonferenz zu geben. Aber es gibt die Gelegenheit, am Ende des Round Tables ein paar Fotos zu machen. Und Samuel macht ein Porträt von Trump, das wie kein anderes zeigt, was er von diesem Präsidenten hält. Trump sitzt zwischen zwei Fahnen und hat über sich eine Lampe. Samuel macht zwei Dinge. Einmal geht er in die Knie und wartet, bis Trump den Kopf leicht gehoben hat. Wir als Betrachter haben so das Gefühl, dass die porträtierte Person uns von oben herab fast schon abwertend anschaut. Das könnte nur eine Millisekunde lang so gewesen sein, und trotzdem meinen wir, Arroganz in diesem Bild zu erkennen. Gleichzeitig fällt in dem Bild, das Samuel macht, das Licht relativ dramatisch.

    Die Augen von Trump wirken eingefallen. Seine Mundwinkel sind nach unten gezogen. All das macht einen harten Gesichtsausdruck und sorgt für eine geradezu düstere Stimmung. Und jetzt aber der Coup. Direkt über Trump an der Wand ist eine Lampe, wie ich sie normalerweise von Baumärkten wie dem Obi kenne. Eine dieser circa 30 Zentimeter durchmessenden, runden Milchglaslampen, die, wenn man sie einschaltet, wieso leuchtende Bälle an der Wand hängen, mit so einem Messingring außen rum. Dadurch, dass Samuel in die Knie gegangen ist, sieht man nur den unteren Teil des Messingrings. Und Trumps Kopf fragt durch die Position, die er eingenommen hat, in die Lampe hinein. Und deswegen sieht das fertige Bild aus, als hätte Samuel den Teufel persönlich im Bild festgehalten.

    Er postet das Bild auf seinem Twitter-Kanal. Und auch, wenn einige wenige einen Heiligenschein zu erkennen glauben, ist die Reaktion eindeutig. Und der Tweet geht viral. Auch wenn die New York Times selbst dieses Bild nicht benutzt hat, wird dieser Tweet einmal quer durch das Netz gereicht und ist an vielen, vielen Stellen zu sehen. Das Bild drückt aus, was viele zu der Zeit von Trump denken. Ich reihe mich da mit ein. Und es zeigt ganz eindeutig, was Samuel (?Corum), der Fotograf mit dem Auftrag, dieses Round Table Event zu dokumentieren, zumindest für diese eine Aufnahme sagen wollte. Es ist übrigens auch so, dass Samuel nicht der einzige war, der Trump Teufelshörner aufgesetzt hat. 2016 wird Trump vom Time Magazin zur Person oft he Year ernannt. Dafür bekommen die eine Menge (?Flak). Allerdings, das Argument, dass sie machen, ist durchaus treffend.

    Sie sagen nämlich, dass Magazin zeichnet die Leute nicht danach aus, ob sie von vielen gemacht werden, sondern, es geht darum, wer denn in einem gegebenen Jahr die einflussreichste Person gewesen wäre. Und Trump war ziemlich einflussreich. Jedenfalls kommt zu dem Anlass Trumps Porträt auf das Cover. Und der Layouter entscheidet sich dafür, seinen Kopf genau unter das M zu setzen, womit das M von manchen als Teufelshörner gewertet wird. Ich finde, da kann man geteilter Meinung sein. Ich persönlich fand Samuels Bild wesentlich eindeutiger. Ziemlich eindeutig ist auch unser nächstes Beispiel. Fotografiert hat diesmal der Londoner Fotograf Jake Walters. Sein Hauptsujet sind Celebrities und mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik.

    Auftraggeber sind Magazine wie GQ und Vanity Fair. Und im vorliegenden Beispiel hatte er den Auftrag, für The Guardian den bekannten Unternehmer Sir Philip Green zu fotografieren. Green ist Multimilliardär, betreibt mehrere Textilketten und Einzelhandelsunternehmen und pflegt einen wirklich ausufernden Lebensstil. Es gibt diverse Skandale um ihn, und inzwischen auch diverse Firmenpleiten. Und unter anderem pflegt er wohl einen eher raueren Umgangston. Als Jake mit seinem Assistenten bei dem Unternehmer auftaucht, hat er eigentlich vor, ein professionelles Shooting zu organisieren. Er macht den Job seit 20 Jahren. Er weiß, was notwendig ist. Allerdings, so sagt er, hat er es selten mit einem derart unfreundlichen und arroganten Klienten zu tun. Oder wie er es als Brite formuliert: „He was objectionable to me and my Assistant from the very start. So I decided right then, if I get a Chance, I’m going to do you.” Green (?fährt) sich also Jakes sauer. Und Jake beschließt, wenn es eine Möglichkeit gibt, ihm das heimzuzahlen, wird er das tun. Und die Möglichkeit ergibt sich. Ein Blick aus dem Fenster zeigt auf der Terrasse große, runde, grüne Büsche. Und er bittet Sir Green sich dort doch bitte hinzustellen.

    Sein Assistent versteht sofort, was er vorhat und wispert ihm zu, er wird doch nicht, das geht doch nicht, das werden sie merken. Green trägt Glatze, ist aber ansonsten schon durchaus von stämmiger Statur. Er soll sich aufrecht hinstellen und die Arme verschränken, weist Jake ihn an. Auch Jake, wie zuvor Samuel, geht in die Knie und fotografiert Green von unten herauf. Das würde ihn mächtig erscheinen lassen, sagt er. Sir Green steht also mit verschränkten Armen, stolz geschwellter Brust, einer in der Sonne glänzenden Glatze, zwischen zwei großen, runden Büschen. Es ist unklar, ob sie damit davonkommen. Aber Jake macht die Fotos trotzdem. Sein Kommentar, als er das Bild später auf Instagram veröffentlicht, ist: „If it’s okay for you to act like a (?prig), it must be okay for me, to make you look like one. So I did.” Prig ist ein Slangwort für Pimmel.

    Und tatsächlich sieht Sir Phillip Green auf dem Bild wie ein Penis aus. Das lässt sich, glaube ich, nicht anders beschreiben. Und am lustigsten finde ich ja eigentlich, dass Jake die Bilder freigeben lassen musste und der Pressestelle von Sir Phillip Green schickte. Die merkten an, dass der Anzug ja schon so ein bisschen geknittert sei und baten ihn, das entsprechend zu retuschieren. Ein Schelm, wer Absicht hinter sowas vermutet. Halten wir also fest, wer sich einen Fototermin bucht, sollte den Fotografen oder die Fotografin auch nett behandeln. Denn die können einen gut oder eben weniger gut aussehen lassen. Und damit kommen wir zum Dritten und mit Abstand berühmtesten Beispiel in der heutigen Folge. Arnold Newman ist einer der ganz großen.

    Er verbrachte seine gesamte Karriere damit, Porträts zu fotografieren. Und er war der erste, der bei Porträts eben nicht nur den Menschen ins Bild nahm, sondern auch die Umgebung. Und zwar die nicht nur als Deko, sondern als essenzieller Bestandteil der Bildkomposition. Newman hat einige weltberühmte Porträts geschaffen. Und er war nicht nur radikal und kreativ in seiner Komposition, sondern auch ein Meister der Bildbearbeitung, ein Meister der Beleuchtung und von unglaublicher Kreativität. Seine Spezialität waren eigentlich Künstlerporträts. Aber natürlich wurde er auch immer wieder für Porträts von berühmten Persönlichkeiten gebucht. Und so kam es 1963, dass Arnold Newman beauftragt wird, den deutschen industriellen Alfred Krupp zu fotografieren.

    Die Krupp-Familie ist ein großes und schwieriges Thema. Aber man kann es ganz kurz zusammenfassen: ein Stück weit hat die Krupp-Familie den militärisch-industriellen Komplex erfunden. Sie haben ein Vermögen mit Stahl und Waffenproduktion gemacht. Der erste Weltkrieg, der zweite Weltkrieg war ohne die Waffen von Krupp nicht denkbar. Und das Ganze war ein Familienunternehmen. Die ganze Familie Krupp war aktiv beteiligt. Zur Zeit Hitlers leitete Friedrich Krupp das Unternehmen Krupp. Und das hieß, grausamste Ausbeutung von Kriegsgefangenen, Quellen und zu Tode schuften von Juden oder anderen von den Nazis als unwürdig erachteten Menschen. Kurz gesagt: Sklavenarbeit der übelsten Sorte.

    Weil Vater Friedrich während der Nürnberger Prozesse aus gesundheitlichen Gründen nicht angeklagt werden konnte, wurden die Verbrechen der Familie Krupp später separat in den sogenannten Krupp-Prozessen verhandelt. Und Alfred wurde genauso wie sein Vater der Sklaverei und Plünderer schuldig befunden und zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Amerikaner begnadigten ihn nach drei Jahren und ließen ihn aus dem Gefängnis. Aber ich glaube, man kann einfach mal in den Raum stellen, der Mann war ein Naziverbrecher. Kaum war er aus dem Gefängnis draußen, übernahm er wieder die Leitung der Krupp-Werke. Und es dauerte nicht lange und er war auch wieder einer der wichtigsten und vermögenden Unternehmer Deutschlands. Newsweek wollte ihn jedenfalls porträtiert haben, von Arnold Newman. Und der? Der hat keine Lust.

    “(?I said) no. I said, why not, I think, he was a devil. He is a … #00:09:49#.”

    Arnold will ablehnen. Und als er gefragt wird, warum, sagt er: „Der Mann ist der Teufel.“ Arnold selbst ist jüdischer Abstammung. Er weiß sehr genau, was die Familie Krupp für Schuld auf sich geladen hat. Und er sagt außerdem in einem Interview, dass auffällig ist, wie nett der Mann wirkt, wenn man ihn kennenlernt. Dass man da fast vergessen könnte, wie seine Familie mit Menschen umgegangen ist. Newsweek verspricht ihm freie Hand bei der Bildauswahl, wenn er sich dazu bereiterklären würde, ihn zu fotografieren. Porträts, in denen man die Umgebung sieht, sind eine Spezialität Newmans. Und so beschließt er, Alfred Krupp in Essen in seinem Hauptwerk, in einer Fabrikhalle fotografieren zu wollen. Ein Podest und die dazugehörige Beleuchtung wird aufgebaut. Alfred wird vor einer Kulisse aus Zugrädern, Schienen und Zugwaggons sitzen. Man sieht die Betonpfeiler der Fabrikhalle. Und Arnold fängt an, mit ihm systematisch an den Bildern zu arbeiten.

    Arnold Newman fotografierte im Großformat. Das heißt, die Kamera, die er verwendete, muss man sich als einen großen Kasten vorstellen, mit einem Objektiv vorne dran, und einer Decke, die er sich über den Kopf ziehen musste, damit er das Bild komponieren konnte. Arnold war auch bekannt dafür, dass er seine Bilder extrem detailliert ausarbeitete. Er war Perfektionist. Jedes Detail in Arnold Newmans Bildern hat einen Zweck. Er beleuchtet Krupp von zwei Seiten. Links und rechts steht ein Blitz. Und wie es halt so ist, das sind ja keine Digitalkameras, man sieht das fertige Bild nicht. Krupp weiß nicht, wie seine Aufnahme aussehen wird. Arnold Newman fordert ihn auf, sich etwas nach vorne zu lehnen, noch ein Stück, noch ein Stück. Den Kopf auf die verschränkten Hände legen. Ja, genau. Auf die Ellenbogen stützen. Noch ein Stück nach vorne. Er weiß genau, was er will.

    „I didn’t do the … #00:11:40#, let him from the … #00:11:42# a little too obvious. I just had on two sides-, just working, I said, … #00:11:48#, to do kindly, just lean forward. And he went like this. And suddenly the lights worked.”

    In dem Moment, in dem Krupp sich gerade so weit genug nach vorne beugte, wusste Arnold Newman, er hatte das Bild, dass er machen wollte. Er sagt im Interview, die Haare wären ihm zu Berge gestanden. Das, was er da vor sich hatte, drückte aus, was er beim Gedanken an Naziverbrecher empfand. Er hatte den Teufel fotografiert.

    „I pulled the Polaroid-.“

    Ja, er hat da eben Polaroid gesagt. Und Polaroid verbinden wir ja mit diesen kleinen Plastikkameras, die, sobald man auslöst, direkt ein Bild auswerfen, das dann auch sofort entwickelt wird. Aber Polaroid gab es nicht nur in so kleinen Formaten für Plastikkameras. Sondern, Polaroid konnte man auch für Großformatkameras verwenden. Und die großen Polaroids hatten nicht nur den Vorteil, sofort fertig zu sein, sondern waren eben auch von herausragender Qualität. Das hieß aber auch, Arnold Newman wusste sofort, dass er getroffen hatte, was er haben wollte. Anders als Krupp.

    „Then I took several pics, black and white and color. And … #00:12:56# we would black and white (?mad).”

    Und um ganz sicher zu gehen, machte er mehrere Auslösungen. Damals hat man sowieso verschiedene Einstellungen durchprobiert und lieber ein paar Auslösungen zu viel gehabt, als zu wenig.

    „And it turned out to be one of my best photographs. It was my impression of a Nazi, who managed to survive. He had killed millions of people. Not all … #00:13:20#. There were doctors, there were … #00:13:24# offensive to the Nazis. And I consider that one of my more important pictures.”

    Er betrachte dieses Bild als eines seiner wichtigsten Werke. Und es ist definitiv eins seiner eindrücklichen. Jetzt war Arnold Newman wirklich ein sehr vielseitiger Fotograf. Und sein Werk ist groß. Mit vielen, vielen bedeutenden Aufnahmen. Aber diese Aufnahme sticht raus. Das Interessante an Arnold Newman ist, dass er sich öfters darüber geäußert hat, wie er fotografiert, was er fotografiert. Warum er so fotografiert, wie er fotografiert. Und dass er eigentlich im Wesentlichen immer nur für sich selbst fotografiert und seine eigenen Gedanken festhalten möchte. Und nirgends kommt das so deutlich raus, wie in dieser gänsehautauslösenden Aufnahme eines der großen Verbrecher des letzten Jahrhunderts.

    Fotomenschen.

    Every Photograph is a Self-portrait. Das war das Zitat, mit dem ich eingeleitet habe. Jetzt sind wir uns natürlich einig, dass Arnold Newman nicht sich selbst als Teufel darstellen wollte. Genauso wenig, wie Jake sich als der Dick sieht, als den er Sir Phillip Green fotografiert hat. Und trotzdem, wenn man sich diese drei Aufnahmen ansieht, weiß man mehr über den Fotografen hinter der Kamera, als über die Person, die dargestellt wird. Der Bildstil, die Komposition, all diese Dinge sind einzigartige Eigenschaften der Fotografin oder des Fotografen. Und wenn Fotografinnen und Fotografen ihr Medium richtig gut beherrschen, dann sieht man in den Bildern nicht nur ihr Spiegelbild, sondern ein kleines bisschen in ihren Kopf und in ihr Herz. Und manchmal entstehen dann Fotos, die fast schon nicht mehr falsch zu verstehen sind. Wer neugierig ist und mehr über die Fotografen erfahren möchte oder die Bilder noch mal in hochauflösend sehen, den lade ich ein, die Website zur Folge auf Fotomenschen.net zu besuchen. Da gibt es weiterführende Links, eingebettete Videos und natürlich auch Links zu den Bildern, über die ich gesprochen habe. Wer außerdem diesen Podcast über einen anderen Client als Spotify hört, konnte wahrscheinlich die Bilder auch direkt in der Software sehen. Ich habe sie zumindest eingebunden. Clients, die das unterstützen, können das dann auch direkt anzeigen. Und jetzt lieben Dank für das Zuhören. Wer das Projekt unterstützen möchte, empfiehlt es weiter. Podcasts leben von Mund-zu-Mund-Propaganda, ganz besonders natürlich auch auf Social Media. Insbesondere natürlich da auf den Kanälen, auf denen ich selbst nicht aktiv bin. Facebook ist da so ein Beispiel. Da wäre ich für unabhängige Mundpropaganda wirklich sehr, sehr dankbar. Bis bald.

    17 min
  • Fotomensch Dirk

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    50 Folgen sind ein Meilenstein der eine Sonderfolge verdient. Rückschau, Ausblick und die Frage ob in Dirks Arbeitszimmer die Zeit wirklich langsamer abläuft als überall sonst…

    Linkhinweise:

    • Die Audiodidakten
    • Die Fotolinsen
    • Fotomenschen auf Twitter

    Vielen Dank an Falk, Silke, Holger, Jürgen, Chrissy, Marius, Frauke, Simon, Andrea, Thomas, Markus, Norbert, Steffen, Lutz, Nils! (und jetzt hoffe ich niemand vergessen zu haben 🙂 )

    Transkript

    Also ich würde sagen, I’m ready for you, babe. Krass, wie schnell 50 Episoden vorbei sein können. Heute ist Jubiläumsfolge. Und deswegen ist die Fotomenschen-Episode Nummer 50 auch anders als die anderen. Ich hatte euch ja Umfragen und Audiogrüße gebeten, und beides kam an. Für die Fragen habe ich einen ganz besonderen Gast in dieser Episode. Und für die Audiogrüße musst du einfach bis zum Schluss hören.

    Fotomenschen.

    I: Hallo und herzlich willkommen zur fünfzigsten Folge von Fotomenschen, dem ganz besonderen Podcast. Und heute mit einem tollen, besonderen Gast. Und zwar ein ganz besonderer Fotomensch, den ich persönlich schon seit 13 Jahren kenne.

    B: Hallo.

    I: Und weil das eine besondere Folge ist, hattest du ja deine Hörerinnen und Hörer gefragt, ob sie dir nicht Fragen schicken können, richtig?

    B: Genau. Die Idee war sozusagen, dass, nachdem ich 49-mal über alle anderen geredet habe, die mir so in den Weg gekommen sind, reden wir in der fünfzigsten, zum Jubiläum sozusagen, etwas mehr über-

    I: Den Fotomenschen Dirk.

    B: Den Fotomenschen Dirk, genau. Und da durften, wollten und haben Hörerinnen und Hörer Fragen eingeschickt.

    I: Ja, und da sind auch eine ganze Menge gekommen.

    B: Wer bist du denn überhaupt?

    I: Ach so.

    B: Vielleicht ganz kurz für alle, die sich jetzt gerade am Kopf kratzen und wundern, wen sie da hören.

    I: In meinem Podcast, ja? 

    B: In deinem Podcast.

    I: Den ich immer von dir ausführen lasse.

    B: Genau. Also eigentlich ist das gar nicht mein Podcast. Eigentlich ist das ja eine Auftragsproduktion.

    I: Genau. Eigentlich bin ich die Verliebt-in-den-Fotomenschen-Frau.

    B: Oh.

    I: Ja.

    B: Wie lange hältst du es denn schon mit mir aus?

    I: Ja, 13 Jahre, das habe ich doch gerade gesagt.

    B: 13 Jahre, Wahnsinn. Mehr als 50 Episoden.

    I: Ja. Wir hatten sicherlich mehr als 50 Episoden. Und mehr als 1000, wie beim (?Anerzählt). Aber jetzt mal zurück zu dir. Was ich total spannend fand, weil ich dich ja seit 13 Jahren nicht anders kenne, ist, dass du immer mit einer Kamera in der Hand rumrennst. Immer ist jetzt relativ. Aber du hast schon oft eine dabei. Und das haben sich auch einige deiner Hörerinnen und Hörer gefragt. Nämlich, wie du eigentlich zu dem Thema Fotografie oder zum Fotografieren an sich gekommen bist.

    B: Ja, das ist schwierig. Da können wir jetzt beim (?Esschen) und beim Stöckchen anfangen. Die allererste Erinnerung, die ich habe, wo Fotografie eine Rolle gespielt hat, war tatsächlich in der Schule. Und das war eine Negativerinnerung. Es war nämlich so, dass ich in der Klasse saß und eigentlich von Fotografie kaum Ahnung hatte, außer, dass wir eine Familienkamera hatten, mit der hin und wieder Urlaube fotografiert wurden. Urlaube und Familienereignisse. Und dann saß ich in der Schule und ein Lehrer hat gefragt, wer denn in der Klasse Fotografieren wurde. Und dann habe ich gemeldet, weil, ich hatte ja auch schon mal so eine Kamera in der Hand gehabt.

    I: Das ist immer schlecht, wenn man sich in der Schule freiwillig meldet.

    B: Genau. Und da stellte sich dann schnell heraus, als der Lehrer Folgefragen stellte, dass ich keine Ahnung hatte, was er eigentlich damit meinte. Also ich hatte halt das Familienknipsen gemeint. Und der hatte dann gesagt: „Ja, das ist keine Fotografie.“ Das beendete meinen aufkeimenden Fotowillen für zehn Jahre oder so. Das Thema war dann erst mal weg und hat mich nicht mehr interessiert. Weil, ich habe ja bemerkt, das, was ich mache ist Knipsen und keine Fotografie. Zurückgekommen zum Fotografieren bin ich dann, als die Fotografie nach und nach digitaler wurde. Ich war ja schon immer computerverliebt. Ich verdiene meine Brötchen in der IT-Branche. Und es begab sich irgendwann, dass aus der Fotografie von einer hauptsächlich über Film stattfinden Geschichte eine digitale wurde. Und ich habe auch eine der ersten im Handel erhältlichen digitalen Kameras irgendwann in die Hand gedrückt bekommen. Da konnte man eine Diskette einlegen und es hat das Bild auf Diskette gespeichert.

    I: Eine Diskette.

    B: Ich war vollkommen fasziniert davon. Und ich war dann lange genug nur fasziniert davon, ohne es zu kaufen, bis es dann langsam so praktikable Größen gab. So bin ich dann zum Fotografieren zurückgekommen, über die Technik. Und ich habe dann am Anfang das gemacht, was man halt so macht. Füße und Blumen fotografieren. So wie der Bastian, unser mittlerer Sohn, der, als er eine Digitalkamera in die Hand bekommen hat, eine Bildserie von 80 Fotos gemacht hat, wo du Blümchen, Blümchen mit Fuß.

    I: Gras.

    B: Gras, Gras mit Blümchen.

    I: Gras mit Fuß. Mit ohne Fuß. Mit Blümchen, mit ohne Blümchen. Mit Zaun.

    B: Ja, das ist ganz großartig. Das ist eine Serie, die wir auch heute immer noch haben. Celli: Ja.

    B: Genauso habe ich auch angefangen. Und war dann von Anfang an fasziniert. Und von da aus wuchs sich das dann nach und nach aus. Also immer wieder, wenn dann die nächste Generation Kameras kam, habe ich halt getauscht. Dann wurden die Ansprüche größer. Mit dem Wissen, was man machen kann, stieg dann auch das Bedürfnis, die Technik anzuschaffen, die das unterstützen würde. Und als wir beide uns kennengelernt haben, war ich schon im Spiegelreflexzeitalter angekommen. Das heißt, ich hatte schon so einen Klopper mit Wechselobjektiven.

    I: Das stimmt. Wir haben ja auch von dem Tag, an dem wir uns kennengelernt haben, Fotos. Und zwar einige davon.

    B: Ja. Wir haben auch ganz tolle Fotos von unseren ersten Dates.

    I: Okay. Aber zurück zu den Fragen. Jetzt geht es ja speziell um Fotomenschen, und wie gesagt, vielen Dank für die vielen, vielen Fragen. Ganz besonders dir, Frauke, du hast eine Serie an total interessanten Fragen gestellt. Zu denen komme ich noch. Aber jetzt mache ich die erst alle der Reihe nach. Der Lutz wollte zum Beispiel wissen, wie recherchierst du denn deine Themen? Und wie findest du übergeordnete Verknüpfungen und Zusammenhänge für dich?

    B: Ich lese viel. Das kann man einfach mal so festhalten.

    I: Das kann ich bestätigen.

    B: Genau. Also der Fotomenschen-Podcast ist ja erst mal eine Entschuldigung für mich, Bücher zu kaufen. Das ist es tatsächlich.

    I: Ja, seit du den machst, ist unsere Bibliothek hier, beziehungsweise deine Bibliothek, die sich aus Fotobüchern generiert, tatsächlich um ein Vielfaches angewachsen.

    B: Ja. Es ist halt auch so, dass ich relativ früh festgestellt habe, dass das Internet, wenn man sich mit Fotogeschichte beschäftigt, ich nichts wert ist. Die Wikipedia ist, wie immer, ein guter Einstieg für alles. Aber man ist unglaublich schnell, sobald man ein bisschen unter die Oberfläche will, auf sich allein gestellt. Das Internet ist erstaunlich dünn ausgestattet, was Wissen rund um Fotogeschichte angeht. Und das habe ich relativ schnell bemerkt. Bemerkt habe ich das, weil dann irgendwann auf Bücher und nicht auf Webseiten verwiesen wurde, und ich dann zum Teil auch Namen entdeckt habe, die ich sonst nirgendwo mehr gefunden habe. Und dann habe ich halt angefangen, dass ein oder andere antiquarische Buch zu kaufen und mich da einzulesen. Und das ist halt so ein Rabbit Hole. Du fängst an, dich damit zu beschäftigen. Ich schreibe auch eine Menge Notizen auf, wenn mir Dinge begegnen, die erzählenswert scheinen. Und was du als meinen Teil der Bibliothek, als Familienbuchbestand beschreibst, ist eine wilde Mischung aus antiquarischen Büchern, aus Sachbüchern und aus Fotobildbänden. So finde ich tatsächlich meine Themen. Ich habe inzwischen mehrere Standardwerke zur Fotogeschichte. Ich habe Bücher zur Fototechnik. Ich habe Bücher, die so Sammlungen von Bildern, die man mal gesehen haben muss oder die Illustrierte Geschichte der Fotografie und Ähnliches sind. Und ich tauche durch diese Bücher. Und meistens begegnen mir da Hinweise auf irgendwelche Paper, auf Magazine. Ich begegne Namen und Geschichten, die ich interessant finde. Und sobald ich davon genug zusammen habe, habe ich sozusagen wieder eine Episode, die ich einsprechen kann. Und die Zusammenhänge, die ich aufmache, mache ich auf mit dem völlig naiven Blick dessen, der das nie studiert hat. Das heißt, ich habe nun mal keine Fotografiegeschichte studiert. Ich habe keine Fotografie an sich studiert. Ich habe mir die Technik selbst angeeignet. Ich komme mit einer völlig neutralen Faszination auf das Thema zu. Und deswegen hoffe und glaube ich, mache ich manchmal Beziehungen auf, die vielleicht nicht so alltäglich erscheinen. Ich schaue mir das nicht mit dem Blick des Kunsthistorikers an. Sondern, ich gucke mir das an und denke mir: Oh, das, was die da im 19. Jahrhundert gemacht haben, ist fast so ähnlich wie das, was wir mit Instagram heute machen. Und das ist dann auch etwas, was ich in mein Mikrofon blähe, was man dann halt in den Episoden nachhören kann. Aber die kurze Antwort ist: Viel lesen. Und zwar in Büchern, also richtig Totholz, nicht im Internet.

    I: Ja, ohne Selbstbeleuchtung und so.

    B: Ja, die leuchten nicht im Dunkeln. 

    I: Nein. Die Frauke meinte, deine Geschichten sind ja völlig unterschiedlich. Also mal redest du über die Anfänge der Fotografie, dann geht es um Rosalind Franklin. Aber nach welchen Kriterien suchst du denn deine Geschichten aus? Und da möchte ich mal kurz etwas sagen. Samstagsmorgens, wir stehen gerne später auf und frühstücken dann ausgedehnt. Samstagmorgende dienen auch oft dazu, auseinanderzufitzeln, was denn jetzt das Thema für Fotomenschen wird. Und was der Dirk dann auch gerne macht, ist, am Frühstückstisch darüber zu philosophieren, welchen Themen er gerade gedanklich nachhängt. Und meistens findet er dann seinen roten Faden, während wir darüber reden.

    B: Ja, das ist tatsächlich schon sehr wertvoll, schon mal ein erstes Testpublikum zu haben. Vor allen Dingen gibt es Themen, die sich in meinem Kopf interessant anfühlen. Sobald ich die aber versuche jemand dann zu erzählen, bemerke ich, wie wenig Fleisch da eigentlich am Knochen ist. Oder umgekehrt. Ich entdecke beim Erzählen einen Blickwinkel, der mir nicht so ganz klar war. In der Frage von Frau gehöre ich jetzt aber auch raus, wie das zusammenpasst. Es gibt ja keinen chronologischen Rahmen in meinem Podcast. Im Prinzip erklärt sich das aus dem Anspruch, den ich habe. Wie gesagt, der Podcast hier ist in erster Linie Ausdruck meines sehr, sehr viel interessierten, leicht abzulenkenden Gehirns. Ich interessiere mich einfach für sehr viel. Und das ist sehr unterschiedlich. Und das kann mal die Zeitgeschichte rund um 1850 sein. Das kann mal etwas sein, was gestern passiert ist. Das ist ein Grund dafür, dass diese Mischung existiert. Aber der andere Grund ist, dass ich einen Podcast machen möchte, der eben für Leute, die nicht vom Fach sind, trotzdem faszinierend sein kann. Das ist ja eigentlich kein Fotografie-Podcast, sondern, eigentlich ist es ein Geschichts-Podcast. Es sind im Grunde Geschichten, die auch für Leute interessant sein könnten, die nie eine Kamera in der Hand hatten, sondern Fotos mit dem iPhone machen, oder so. Also es sollte einfach ein sehr breites Spektrum sein. Das ist mein Anspruch, den ich habe.

    I: Ich finde auch die Geschichten immer total spannend, die du dann so samstagsmorgens beim Frühstückstisch erzählst. Oder auch unter der Woche. Ich bin jetzt nicht der Fototechniker oder will die ganze Zeit mit Kameras rumrennen. So gar nicht.

    B: Nein, du delegierst das an mich.

    I: Ich delegiere das, das kann ich gut.

    B: Ja, aber das ist halt tatsächlich das Ding. Ich möchte halt etwas bauen, was für eine sehr breite Menge an Menschen interessant sein kann. Sowohl die vom Fach als auch die ohne, was aber eben niemanden ausschließt. Und deswegen versuche ich die Mischung bunt zu halten. Auch was den Kulturhintergrund angeht, auch die Spannweite der Themen. Und dann ist es so, je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr rote Fäden entdecke ich, die ganz vom Anfang bis heute durchzuziehen sind, die uns gar nicht mehr richtig bewusst sind. Also wenn ich mir angucke, was für Diskussionen Fotografen manchmal untereinander führen, und dann entdecke, dass dieselbe Diskussion 1860 auch schon geführt wurde, zum Teil mit denselben Argumenten, dann finde ich das persönlich so faszinierend, dass ich das dann auch beides in eine Folge packen möchte und den Bogen eben auch weit genug spannen will. Und das führt dann zu der wilden Mischung, die ich da habe. Ich glaube, wenn wir dann mal bei 500 Folgen sind, kann man wahrscheinlich sehr schöne Kapitel aufmachen, die dann zusammenpassen.

    I: Na großartig, 500. Was machen wir denn in der 500. Folge?

    B: Zur 500. Folge mieten wir uns ein Stadion und laden alle Hörerinnen und Hörer ein.

    I: Genau. Und dann spielen wir die Fotogeschichte nach.

    B: Genau. Oder wir verriegeln die Türen, und dann müssen sie sich alle 500 Folgen anhören.

    I: Welches ist denn deine Lieblingsgeschichte? Es sind jetzt 50 Folgen, da wird ja wohl die ein oder andere dabei gewesen sein.

    B: Lieblingsgeschichte ist schwierig. Ich habe tatsächlich mehrere Episoden, die mich auch selber sehr fasziniert haben. Was mich zum Beispiel sehr fasziniert hat, ist die Geschichte von Gerda Taro und Robert Capa. Also Robert Capa ist speziell so einer dieser Fotografen, die dauernd genannt und empfohlen werden. Da muss man drüber sprechen. Er ist Kriegsfotograf gewesen. Und ich war sehr davon fasziniert, als ich entdeckt habe, dass Robert Capa gar nicht sein richtiger Name ist. Dass der Name von seiner Partnerin erfunden wurde, die auch einen Decknamen, also den Künstlernamen Gerda Taro, angenommen hatte. Dass die beiden dieses Genre praktisch miterfunden haben. Sie haben es nicht alleine erfunden. Aber sie haben den Bildstil der damaligen Zeit, diesen Kriegsfotojournalismus geprägt. Das ist so eine dieser Geschichten, die mich wirklich sehr beschäftigt haben und immer noch beschäftigen. Daraus sind inzwischen zwei Episoden entstanden. Einmal habe ich einen Teil der Geschichte von Robert Capa erzählt. Und ich habe die Geschichte von Gerda Taro erzählt. Gerda Taro ist ganz allgemein eine sehr faszinierende Person. also das fällt mir ein. Was mir auch einfällt ist die Geschichte der Bildmanipulation. Weil die Leute ja alle glauben, das ist etwas, was wir praktisch erst mit Photoshop erfunden haben. Und das stimmt nicht. Und darüber zu recherchieren und das in eine Folge zu packen. Und von der reinen Episode her, ein all Time Favorite war für mich (?Ed Curtis). Das fällt mir da noch ein. (?Ed Curtis), der losgezogen ist und angefangen hat, die Kultur der amerikanischen Ureinwohner zu porträtieren, als ihm aufgegangen ist, dass die kurz vor dem verschwinden und zum Teil schon verschwunden waren, und dann 30 Jahre seines Lebens damit zugebracht hat, deren Kultur zu dokumentieren. Tonaufnahmen auf Wachsrolle aufgenommen hat, wunderschöne Porträts gemacht hat, die man für 15 Euro als Bildband kaufen kann. Ich fand das vollkommen faszinierend. Das sind so Geschichten, die für mich einen ganz besonderen Platz haben, die ich auch für mich selber ohne diesen Podcast nicht entdeckt hätte.

    I: Ich fand ja den Teil über die Aurafotografie und die Feengeschichte total abgefahren.

    B: Ja, die vielen Geschichte ist auch wirklich-. Meine, wahrscheinlich am schönsten produzierte Folge, glaube ich, ist die Folge, die ich gemacht habe über die – wie heißt das? - (?Oktografie)? Ich glaube, das hieß (?Oktografie). Also die Idee, dass man das Bild, was ein Toter als letztes gesehen hat, auf der Netzhaut wiederfinden kann.

    I: Aber ich finde es doch völlig faszinierend, dass Leute solche Gedanken haben und sich überlegen, das muss doch bestimmt noch irgendwie, irgendwo existieren. Und dann versuchen sich zu überlegen, naja, wie können wir das denn jetzt replizieren? Oder so. Wie können wir das denn sehen?

    B: Ja, also speziell diese (?Oktografie)-Geschichte. Dass eine Faszinierende war, dass man auf den Gedanken gekommen ist. Das zweite Faszinierende war dann, sich zu überlegen, dass zum Teil die Polizei versucht hat, das umzusetzen so Mörder dingfest zu machen. Dann war faszinierend festzustellen, dass es auch wieder in den Siebzigern war, dass jemand wissenschaftlich nachgewiesen hat, jawohl, es geht. Aber es taugt nicht, um Bilder aufzunehmen. Also das ist dann das nächste. Es war nicht aus der Luft gegriffen. Unsere Augen können Bilder aufnehmen. Und man kann die fixieren und entwickeln. Aber die haben so eine grottige Belichtungszeit, der Mörder müsste schon echt lange stehenbleiben und gut beleuchtet sein, dass man ihn dann wiedererkennen kann. Und dem Ganzen die Krone aufgesetzt hat es damals, als ich festgestellt habe, dass es ein wissenschaftliches Experiment in Bruchsal gab. Und Bruchsal, das müssen jetzt die Hörerinnen und Hörer verstehen, das ist der Ort, aus dem meine Liebste stammt.

    I: Da bin ich geboren.

    B: Da bist du geboren, genau. Und in Bruchsal gab es eine Hinrichtung, eine Guillotinierung, wo der Enthauptete hinterher von Wissenschaftlern untersucht wurde, um zu sehen, ob man dieses Bild im Auge des Enthaupteten dokumentieren kann. Und damals haben sie festgestellt, es gibt gerade mal ein fünf Minuten Zeitfenster und eigentlich erkennt man nichts. Also das hat so eine Geschichte, die hat sich dann bei mir aus so einem kleinen Schnipsel aufgefächert. Das macht einen enormen Spaß.

    I: Ich meine, ich kenne dich ja auch als Menschen, der, wenn dich etwas fasziniert, sich da auch völlig durchgräbt. Durch alles Mögliche. Und zwar bis in die Tiefen rein. Und das sieht man ja bei deinen Folgen dann auch. Die Frauke hat noch mehr Fragen gestellt, und hat dann zum Beispiel auch gemeint: Naja, du hast ja sicher für jede Folge mehr Stoff als in die 15 Minuten Podcast passen. Aber in welcher Geschichte gab es denn vielleicht ein Detail, was du dann schweren Herzens einfach hast unter den Tisch fallen lassen, weil du gedacht hast: Mensch, das passt jetzt nicht auch noch rein?

    B: Ganz grob teilt sich das, was ich für Fotomenschen verarbeite, immer in zwei Lager. Das eine ist, dass sich einen total interessanten Fakt finde und mir denke, das wird doch eine coole Geschichte, und dann das Problem habe, dass ich, schon während ich anfangen Notizen zusammenzuschreiben feststelle, das ist eigentlich viel zu dünn. Also das trägt nicht. Das ist vielleicht ganz nett und das wäre so ein Schnipsel für eine Minute. Aber es trägt nicht. Und bei der anderen Hälfte der Geschichten habe ich dann dieses: „Uiuiui, verdammt, viel zu groß.“ Ich will ja eigentlich bei zehn bis 15 Minuten und maximal 30 Minuten sein. Und es gibt einfach Geschichten und Personen, die sind so facettenreich, da ist das Thema so riesig, dass es schwer einzufangen ist. Und da habe ich mir jetzt vorgenommen, dass ich unter Umständen mehrere Episoden dazu erzähle. Die Geschichte, die ich vorhin erwähnt habe, Gerda Taro und Robert Capa, ist ein gutes Beispiel. Das sind jetzt schon zwei Episoden, da werden wir noch ein paar Mal drüber reden. Also Robert Capa hat tatsächlich viele Facetten. Gerda Taro hat eine sehr breite, interessante Geschichte. Obwohl sie nur vier Jahre lang fotografiert hat, war die immerhin eine Fotografin, die in ihrer Zeit die Welt so ein bisschen verändert hat. Und ich versuche mir das dann einfach für andere Folgen vorzumerken. Und deswegen werde ich jetzt hier auch keine Details verraten. Aber ja, das gibt es. Und manche sind dann auch für mich einfach die Herausforderung, eine konsistente Geschichte daraus zu machen. Ich habe auch so ein paar Themen, die wurden zum Teil auch schon sehr früh mal vorgeschlagen, die ich deswegen noch nicht verarbeitet habe, weil ich noch nicht wirklich für mich herausgefunden habe, wie ich dem Thema Herr werde, weil es einfach Häppchen braucht. Es braucht Kapitel, die sich in einzelne Folgen packen lassen.

    I: Gibt es denn dabei auch irgendwelche Geschichten, für die dir noch entscheidende Details fehlen?

    B: Reichlich. Gerade, weil ich es eben schon gesagt habe, Themen, die auch zum Teil schon vorgeschlagen worden, die auf meiner Liste stehen. Beispielsweise war der erste Vorschlag, den ich überhaupt bekommen habe, mal über eine Contessa zu sprechen, die in Irland als Fotografin gewirkt hat, und mit ihrem Mann zusammen das damals größte Teleskop der Region gebaut hat, wenn nicht überhaupt das größte Teleskop. Das müsste ich jetzt noch mal nachgucken. Keine Ahnung. Von der habe ich viel zu wenig Details. Da gibt es ein Buch, dass man auch tatsächlich nur sehr schwer bekommt. Dass ich irgendwann bekommen habe. In dem kann man sich ein paar dieser Fotografien von ihr anschauen. Das kann man normalerweise dort vor Ort in dem Schloss kaufen. Das kann man nämlich besichtigen. Das Schloss, das die bewohnt hat. Und die Frau hat, das kann man dem Buch entnehmen, eine Menge Sachen gemacht. Aber nichts wird darin wirklich im Detail beschrieben. Und ich komme da relativ schnell an Grenzen, wo ich denn mehr Material über sie finde. Und das ist tatsächlich ein Beispiel dafür, dass ich noch in der Recherchephase bin. Und das, obwohl das schon ein Jahr her ist, dass ich mit dem Thema von der angefangen habe. Wahrscheinlich müssten wir irgendwann nach Covid mal nach Irland fahren und dieses Schloss besichtigen.

    I: Ohh.

    B: Das wäre vielleicht mal eine Studienreise für Fotomenschen.

    I: Ja, das fände ich ja ganz schrecklich. In Irland war ich noch nie. Also da steht auch noch auf meiner Liste. Da komme ich dann gerne mit. Dann können wir auch ein bisschen wandern gehen. Ich habe mal noch eine technische Frage, die der Thomas gestellt hat. Nämlich, wie viel Aufwand ist denn so eine Produktion deiner Folgen? Das ist ja eine Frage, die wir schon beim letzten Mal beim Anerzählt hatten. Und er will auch noch wissen, wie viel Zeit du so in die Recherche investierst. Naja, da kann ich schon mal sagen, je nach Thema: lange. Also lange, weil das Interesse einfach da ist. Und dann sieht man den Dirk nur mit der Nase in Fotobüchern. Aber nicht nur die Recherche interessiert ihn, sondern auch die eigentliche Produktion und die Nachbearbeitung. Ach ja, und zum Transkribieren kann ich mal sagen, wir sind ja hier ein kleines Familienunternehmen.

    B: Du bist für die Inspiration zuständig.

    I: Ja, ich bin für die Inspiration und für das, einfach dasitzen, Kaffee trinken und eben blöde Fragen stellen zuständig. Aber unser Sohn 2.0, der transkribiert ganz fleißig und hört sich dann durch den Podcast und schreibt das alles mit.

    B: Und er behauptet, dass der Podcast auch spannend wäre. Und das, obwohl er sich ja eigentlich gar nicht für Fotografie interessiert.

    I: Und man muss mal sagen, unser Sohn 2.0 wird jetzt in einer Woche 18. Also er ist noch ein Teenager.

    B: Hashtag, wir sind so alt.

    I: Ja.

    B: Ja, der Aufwand. Es ist interessant, dass du den Anerzählt erwähnst. Für die Hörerinnen und Hörer, die den nicht kennen, das war sozusagen der Vorgängerpodcast von Fotomenschen. Und zwar Vorgänger insofern, dass das mein Hauptprojekt davor war. Ich habe ja insgesamt acht Podcasts. Nicht alle sind momentan aktiv. Aber ich mache das schon ein bisschen länger. Und der Anerzählt war ein tägliches Format. Da habe ich jeden Tag aufgenommen und habe mich an der Episodenzahl orientiert, da dann Themen rausgesucht und die erzählt. Und das ist tatsächlich deswegen so ein Vorgänger gewesen, weil die Episoden, die mir im Anerzählt am besten gefallen haben, waren die Episoden, die gerne auch mal was Geschichtliches bearbeiten haben, die so eine abgeschlossene Anekdote hatten, wo ich dann auch manchmal so ein bisschen Audiokino versucht habe, mit Geräuschen und so. Also das waren die Episoden, die mir persönlich am meisten Spaß gemacht haben. Und ich habe den Anerzählt, dadurch, dass das ja ein täglicher Podcast war, zum Schluss schon sehr routiniert produziert. Also es war dann tatsächlich so, wenn ich noch eine Stunde Zeit hatte, mir dachte, verdammt, heute habe ich noch keine Folge gemacht, dann war das kein Problem, in einer Stunde die Folge fertig zu haben. Ich habe ja 100 Episoden für den Anerzählt produziert. Da war ich sehr routiniert und rechnete damit, dass der Fotomenschen-Podcast zwar mehr Aufwand sein würde, aber im Wesentlichen ähnlich routiniert abläuft. Die Wahrheit ist jetzt so, dass ich nicht mehr täglich, sondern einmal die Woche produziere, und gefühlt der Aufwand ein Vielfaches ist. Das fängt mit dem Finden des Materials an. Sich durch Bücher lesen macht einen Irrsinnsspaß, aber es kostet natürlich Zeit. Sich den roten Faden zu notieren und so weiter. Und das findet im Prinzip parallel über mehrere Themen hinweg statt. Also ich habe hier elektronische Notizsammlungen in OneNote und physikalisch in diversen Notizbüchern. Und was ich halt mache, ist, mich durch meine Bücher durchlesen und die je nach Interesse durchzublättern und dabei dann Sachen zu notieren. Und immer, wenn es kritische Masse gibt für eine Podcast-Folge, steigen die sozusagen in dieser Masse an möglichen Themen auf. Und wenn dann etwas reif genug ist, dann nehme ich das auf. Und darauf verbringe ich inzwischen fast einen Wochenendtag. Also wenn ich dann sage, ich gehe jetzt mal Podcast aufnehmen, und das ist dann so mittags.

    I: Dann ward er nicht mehr gesehen.

    B: Genau. Ich sitze dann von eins bis um vier oder fünf hier und nehme sowohl den Podcast auf, als mache auch die Produktion. Wobei, für die Produktion selber brauche ich nur eine halbe Stunde. Die reine Aufnahme ist dann das, was zum Teil drei, vier Stunden braucht. Das liegt einfach daran, dass ich erstens mal den Podcast nicht vorschreibe. Das werde ich auch öfter mal gefragt, ob ich den eigentlich vorformuliere und dann ablese. Das kann ich nicht. Das klingt einfach grottig. Also ich muss frei reden. Aber ich produziere den halt direkt. Das heißt, ich beschreibe denselben Sachverhalt in mehreren Sätzen, bis mir der Satz auch wirklich gefällt. Und dann gehe ich weiter. Aber das ist halt tatsächlich ein etwas länglicher Prozess. Und dafür, dass ich beim Anerzählt für eine 15-Minuteneopisode manchmal nur eine halbe Stunde gebraucht habe, bis ich die gemacht habe, ist es erstaunlich, dass ich hier jetzt für 15 Minuten manchmal drei, vier Stunden brauche. Ich würde sagen, netto verbrauche ich genauso viel Zeit wie beim Anerzählt, nur halt alles konzentriert auf eine Episode, statt auf fünf Episoden pro Woche. Und es macht einen enormen Spaß.

    I: Der Steffen hat auch noch eine Frage gestellt. Die hat jetzt wiederum gar nicht unbedingt etwas mit dem Fotomenschen-Podcast an sich zu tun. Er hat sich nämlich einfach mal interessiert, ob du professioneller Fotograf werden wolltest, und ob du glaubst, dass dir das Fotografieren genauso viel Spaß gemacht hätte, wenn das wohl dein Beruf geworden wäre.

    B: Also ich habe schon immer wieder mal den Gedanken, möchte ich vielleicht mal eine Ausstellung machen? Wäre es nicht schön, mal ein Studio zu haben. Aber ich würde dafür meinen Broterwerb nicht aufgeben. Sondern, ich würde das gerne wie eine Liebhaberei, wie ein Hobby, wie ein Kunsthandwerk verstehen, weil ich auch erstens glaube, nicht mehr viel Geld damit verdienen zu können. Ich glaube, es sind immer weniger Leute, die wirklich ernsthaft Geld damit verdienen können. Und ich glaube auch, dass das, was sich viele unter professioneller Fotografie vorstellen, wesentlich weniger glamourös ist, als man das gerne hätte. Also ich glaube, ein professioneller Fotograf verbringt mehr Zeit mit der Buchhaltung und mit der Akquise von Aufträgen, als mit dem eigentlichen Fotografieren. Und last not least habe ich dann auch noch über die Sorge, dass es in dem Moment, wo es mein Beruf wird, mir vielleicht ein bisschen die Freude und die Faszination nimmt. Ich möchte das gerne weiterhin mit der Liebe betreiben, die ich da reinstecke. Eine ganz ähnliche Frage wird mir auch immer wieder beim Podcasting gestellt. Tatsächlich werde ich immer wieder mal gefragt, ob ich damit nicht auch irgendwie Geld verdienen wollen würde, indem ich entweder gegen Bezahlung Produktionen begleite oder Schulungen mache. Und auch, wenn mir das Spaß machen würde, hin und wieder mal eine Produktion zu begleiten und eine Schulung zu machen, würde ich das, glaube ich, lieber pro Bono machen, als dafür Geld zu nehmen. Weil, in dem Moment, wo ich das machen muss, weil mein Unterhalt davon abhängt, mache ich das nicht mehr so ganz freiwillig. Dann mache ich es nicht mehr selbstbestimmt. Dann ist das nicht mehr das, womit ich mich auslebe, wenn ich eben nicht meine Brötchen verdiene.

    I: Ja, dann also Abschlussfrage. Lieber Dirk: Womit können wir denn die nächsten 50 Folgen rechnen?

    B: Mit mehr wilden, bunten Geschichten. Ich finde, die 200 Jahre, die es jetzt Fotografie gibt, es sind noch nicht ganz 200 Jahre, aber so grob, sind eine unglaublich interessante Periode in der Weltgeschichte. Man kann im Rahmen von Fotografiegeschichte immer auch erzählen, was auf der Welt alles so los war. Und das ist eine faszinierende Themen- und geschichtsreiche Zeit. Wir entwickeln uns alle zu Fotografinnen und Fotografen. Jede und jeder fotografiert tatsächlich inzwischen. Und das ist inzwischen von etwas, das nur ganz wenige, gut betuchte, wissenschaftlich gebildete Menschen machen konnten, zu etwas geworden, was wirklich überall präsent ist. Und ich glaube, da sind einfach noch hunderttausende faszinierende Themen drin versteckt. Ich werde das so lange machen, wie ich eine Faszination drin finde. Es kann sein, dass das irgendwo mal aufhört. Aber da ist im Moment noch kein Ende absehbar.

    I: Nein. Nein. Da muss ich dagegenhalten. Da ist wirklich kein Ende absehbar. Wie gesagt, die letzten 13 Jahre.

    B: Ja, also worauf darf man sich freuen? Mehr davon. Mehr Geschichten. Ich würde gerne, und mir persönlich kommt das im Moment noch ein bisschen zu kurz, mehr verstehen und erzählen über die Geschichte der Fotografie in Ländern, die uns nicht so nahe liegen. Also das ist tatsächlich auffällig. Es ist auffällig, wie sehr unsere westliche Perspektive auf Fotografie von westlichen, meistens auch noch Fotografen, oft noch nicht mal Fotografinnen geprägt ist. Aber es gab relativ früh Fotografie in Indien. Es gibt Fotografie in Japan. Die fotografische Kultur in Japan ist völlig anders als unsere. Es gibt Fotografie in Afrika. All diese Kontinente, all diese Regionen, all diese Länder haben einen eigenen kulturellen und geschichtlichen Hintergrund, von dem ich noch nicht genug verstehe. Aber wenn ich in die Zukunft von Fotomenschen schaue, möchte ich deren Geschichten auch mehr erzählen. Und das ist sozusagen meine Reise, immer tiefer runter in dieses Rabbit Hole. Und ich werde Leute mitnehmen, wo immer ich kann.

    I: Ja, toll. Ich bin mir sicher, ich bin nicht die Einzige, die sich darauf freut.

    B: Das vielleicht auch noch mal ganz kurz. Wir haben jetzt ganz viel über Fotografie und Fotografiegeschichte und wie es zu diesem Podcast kam gesprochen. Aber vielleicht möchtest du ja mal den Hörerinnen und Hörern beschreiben, wo du jetzt hier gerade sitzt, damit sie mal wissen, wie tief in diesem Podcast-Rabbit-Hole … #00:31:45# steckt.

    I: Also was ihr wissen müsst da draußen, als wir in dieses Haus in Frankfurt gezogen sind, da hat der Dirk dieses Zimmerchen hier gesehen und sich gedacht, ha, das könnte mein Arbeitszimmer-, ah nein. Podcast-Zimmer, ah nein, (?abends) Fotografier-Zimmer werden. Und jetzt ist es ein drei in eins. Und wenn man sich hier so umschaut, sitzt man halt zwischen, ich weiß gar nicht, wie diese Dinger heißen, so Dämmmaterial.

    B: Genau, so Schaumstoff zum Schallschlucken.

    I: Genau, diese Schallschlucker, die wir natürlich in rot gekauft haben. Weil, man muss es wissen, Dirks Lieblingsfarbe ist rot.

    B: Da bin ich übrigens voll gebrainwasht worden.

    I: Wieso?

    B: Ich habe letztens mit unserem jüngsten Sohn zusammengesessen und wir haben alte Familienalben durchgeblättert.

    I: Ach ja.

    B: Dirk als Baby. Und irgendwann war mal sehr offensichtlich, dass meine Mama anscheinend auf Rot stand. Weil, ich hatte rote Klamotten, rotes Spielzeug, rote Bettwäsche. Ich wurde von klein auf auf rot trainiert. 

    I: Naja, also, jedenfalls weiß ich noch wie du vor mir standest und sagtest, die oder die? Und dann habe ich gesagt, na die in rot und grau. Und auf diesem ganzen Dämmmaterial sind inzwischen-, ich weiß nicht, wie viele Fotos das sind, draufgesteckt, die sich der Dirk ausgedruckt hat. Und wo sitzen wir davor? Vor natürlich zwei total hochprofessionellen Mikrofonen. Das geht ja nicht anders.

    B: Ja. Also meine Man Cave, wie es so schön heißt, ist Podcast-, Foto- und Arbeitszimmer.

    I: Ich könnte jetzt im Grunde meinen Arm ausstrecken und könnte einfach eine von den Kameras hier greifen.

    B: Ja, die müssen immer in der Nähe sein. 

    I: Zum Streicheln wahrscheinlich.

    B: Zum Streicheln brauche ich die, genau.

    I: Genau.

    B: So ist das. Ja, dann vielen lieben Dank, dass du hier unseren Hörerinnen und Hörern eine Stimme gegeben hast und mir diese Fragen gestellt hast.

    I: Ja, ich muss mich bedanken. Weil, da waren so viele spannende Fragen dabei, das fand ich jetzt auch sehr spannend, was du darauf wohl sagen wirst. Insofern, voll aus meiner Seele gesprochen, danke an alle, die Fragen geschickt haben. Und ganz besonders, wenn ich jetzt schon mal am Mikro sitze, möchte ich meinen Onkel in Brasilien grüßen und meine Tante in Düsseldorf, die auch regelmäßig diesen Podcast hören. Und darüber freue ich mich.

    B: Genau, wir haben ja hier ein weltweites Publikum. Andere Podcaster machen ja sowas Hörerinnen- und Hörerkarten. Vielleicht sollte ich das auch mal anfangen, dass ich so eine Karte auch mache. Mal gucken, wie weit wir da kommen.

    I: Ja, aber weißt du, jemanden im Radio zu begrüßen war schon immer mein Traum.

    Fotomenschen.

    Ich liebe Fotografie. Ich liebe Podcasterei. Aber beides liebe ich hauptsächlich deswegen, weil ich ganz großartige Menschen darüber kennenlerne. Und weil mir Twitter von allen Social-Media-Kanälen am meisten liegt, findet sich die größte Community und die meiste Interaktion auch dort. Und das ist jetzt hier mal eine Einladung. Der Twitter-Kanal Foto Menschen ist viel mehr als einfach nur Begleitung von diesem Podcast-Projekt. Ich veröffentliche da regelmäßig Fotozitate. Ich erinnere an Ereignisse aus der Fotogeschichte. Und einmal täglich mache ich auch einen Vorschlag für ein Bildthema. Und die Fotosammlungen, die darunter entstehen, sind einfach nur inspirierend. Vielen lieben Dank für das Mitmachen, ihr seid große Klasse. Ja, und jetzt noch ein Stückchen weiter im Text. Es gab ja auch noch Audiogrüße.

    B2: Ja, Kopf noch etwas weiter nach unten.

    B3: Soll ich vielleicht?

    B2: Nein, nein, nein. Drehe dich mehr zum Scheinwerfer.

    B3: So besser?

    B2: Ja, besser. Flirte mit dem Objektiv.

    B3: Das habe ich jetzt schon 50-mal versucht, und ich bin immer noch nicht berühmt.

    B2: Warte es ab, wenn wir erst in einem der nächsten 50 Folgen von Dirks Podcast erwähnt werden, hat sich der Stil etabliert.

    B3: Werde ich dann berühmt?

    B2: Ich schicke Dirk einen Abzug, der soll das beurteilen. Immer die Models, die berühmt werden wollen. Dabei hat doch der Fotograf die ganze Arbeit.

    B3: Liebe Grüße von den Audiodidakten.

    B2: Und herzlichen Glückwunsch zum 50.

    Ja, die Audiodidakten. Das sind Marius und Simon, die uns alle im Podcast, Die Audiodidakten, auf ihrer Reise zur Podcasterei mitnehmen. Das macht einen enormen Spaß, sich das anzuhören. Und ich war auch schon zweimal zu Gast. Link, könnt ihr euch denken, wie immer in den Notizen zur Sendung. Ansonsten danke in das Vertrauen in die Karriereplattform Fotomenschen. Ich warte jetzt mal gespannt auf den Abzug, bevor ich das beurteile, ob es Weltruhm reicht.

    B4: Happy Birthday an die Fotomenschen, die werden 50. Jedes Wochenende warte ich immer darauf, ob der liebe Dirk mir noch irgendwas zu einem berühmten Foto erzählen kann, wo ich eigentlich dachte, da kenne ich sowieso schon alles drüber. Oder über eine der Fotografinnen, die es in der Geschichte genauso gab, über die eigentlich sowieso viel zu wenig bekannt ist. Oder über irgendwelche Aspekte in der Fotografie, die ich so noch gar nicht kannte. Stichwort Geisterfotografie. Kann aber auch sein, dass ich zwei oder drei Tage später bei irgendeinem Verlag wieder Geld ausgeben muss für irgendeinen interessanten Fotoband von einem Fotografen, den du mir empfohlen hast. Ich danke dir sehr für diesen Podcast. Und auf die nächsten 50. Tschüss.

    Ja, lieber Jürgen. Lieben Dank für deinen Gruß. Und ja, was deine Beschwerde angeht, dass du Fotobücher kaufen musst, nachdem du von mir neugierig gemacht wurdest. Ich schätze, das heißt, mein Podcast tut genau, was er soll.

    B5: Moin Dirk. Matthias hier vom Fotolinsen-Podcast. Wir wollen dir ganz herzlich zum ersten Geburtstag und zur 50. Folge gratulieren. Mach einfach weiter so mit deinen Fotomenschen. Wir haben natürlich eine Frage an dich. Wie schaffst du es, immer wieder so spannende und vor allem gut recherchierte Themen für deinen Podcast aufzubereiten? Wir vermuten ja, dass du irgendwo in Frankfurt ein Kellerbüro angemietet hast, und dort viele kleine Helfer für dich arbeiten. Oder müssen wir etwa unser Zeitmanagement überarbeiten? Viele Grüße, deine Fotolinsen Matthias, Holger und Chrissi.

    Ja, die Fotolinsen. Ein unglaublich kreativer Haufen. Und meine Podcast-Kernfamilie. Ich freue mich jedes Mal, wenn mir mein Podcatcher eine neue Folge vom Foto Linsen-Podcast zeigt. Einfach, weil ich euch so gerne zuhöre. Aber auch sonst verbindet uns derselbe Spieltrieb. Als ich auf die Idee kam, sich spontan mal auf (?Fit) im (?Fitivers) zu treffen, zack, ihr wart dabei. Als ich eine virtuelle 3-D-Ausstellung entworfen habe, habt ihr sie euch angeguckt und kommentiert. Jeden Tag, wenn ein neuer Fotovorschlag auf Twitter rausrauscht, darf ich sicher sein, dass Chrissi, Holger oder Matthias einen Beitrag dazu abwerfen. Ich lese Holgers Blog mit Gewinn. Ich mag Chrissis Schwanenfotos. Und Matthias: Bienchen und Blümchen sind super. Was eure Frage angeht, das ist ganz einfach. Die Zeit in meinem Arbeitszimmer läuft einfach langsamer als überall sonst. Und dann klappt das. Oder mal ein bisschen ernsthafter geantwortet: Ich glaube, das ist eine Mischung aus, meine Kinder sind groß genug, dass ich mich nicht dauernd um sie kümmern muss, mein Job war schon immer so gebaut, dass ich viel von daheim aus arbeiten konnte und mir meine Zeit frei einteilen kann. Und nach, was sind es jetzt, acht Jahren oder so, Podcasterei, bin ich auch so routiniert, dass eine Episode aufnehmen, schneiden und veröffentlichen wirklich kein Ding mehr ist. Der ganze Rest, der entsteht sowieso in meinem ganz normalen Alltag. Ich lese einfach jeden Tag. Ich fotografiere jeden Tag. Und dann rede ich halt einfach auch gerne.

    B6: Hallo Dirk, erst einmal herzliche Glückwünsche zur 50. Folge. Ich hoffe, mein Beitrag kommt hier rechtzeitig. Ich bin, glaube ich, mal wieder sehr knapp. Aber was mich mal interessieren würde, ob du in deiner Recherche irgendwo mal in eine Sackgasse geraten bist? Sprich, du konntest dann mit dem Thema nichts mehr anfangen. Hast vielleicht vorher was gesammelt und bist aber dann auf andere Dinge gestoßen, kam aber dann nicht mehr weiter. So weit, dass du eigentlich auch mit dem Thema nichts mehr anfangen konntest. Meine zweite Frage ist, was war denn deine schönste Episode bisher? Bis dann, ciao.

    Ja liebe Silke. Das gibt es tatsächlich. Was mir immer wieder mal passiert ist, dass ich anfange, einen Fotograf oder einer Fotografin hinterherzurecherchieren. Denn deren Werke sind halt manchmal interessant. Aber, und das ist ein großes aber, wenn ich keine Themen finde, die so interessant sind, dass sie auch Menschen ohne Fotografiehintergrund interessiert, dann sind sie für mich Podcast nun mal nicht verwertbar. Also ich kann die Fotos großartig finden, ich kann die Person an sich sympathisch finden, aber ich brauche dann auch noch die interessante Geschichte. Und nicht jeder Lebenslauf ist an sich spannen. Also der Fotomenschen-Podcast will kein Lebenslaufpodcast sein. Und auch beim Fotografieren, finde ich, gehört mehr dazu als einfach nur, für sich genommen, eine gute Fotografie zu sein. In solchen Fällen gebe ich aber immer nur vorübergehend auf. Das heißt, solche Recherchen sind dann in Teilen in meinen Notizbüchern oder in OneNote abgelegt. Und ich könnte eventuell später wieder darauf zugreifen, wenn sich denn weitere Details ergeben oder wenn ich einen Zugang zu einer Geschichte finde. Deine zweite Frage war ja die nach der schönsten Episode, und die habe ich ja schon mal versucht zu beantworten. Es gibt Episoden, die stehen meiner Meinung nach raus. Ein Beispiel dafür ist die Episode über Napalmgirl, die ich vor fünf Wochen aufgenommen habe. Die ist, glaube ich, eine der gelungeneren und eine besondere Thematik. Die Episode um (?Leonard) Niemoy liegt mir deswegen am Herzen, weil sie viele überrascht. Weil Leute nicht wissen, dass der Darsteller von Mister Spock im Raumschiff Enterprise zuerst und bis zu seinem Lebensende Fotograf war. Und die Schauspielerei einfach nur eine von den vielen kreativen Dingen war, die er gemacht hat. Die Episode gewollte Romantik, wo es um zwei nebeneinander gehaltene Kussfotos geht, mag ich sehr, denn die stellt viele sehr grundsätzliche Fragen. Und ich glaube, die Menschen sind sich nicht bewusst, was sie auf diesen Fotos eigentlich sehen. Das ist etwas, das zieht sich wie so ein roter Faden durch meinen ganzen Podcast. Die Feststellung, dass die Leute glauben, sie wissen was sie sehen. Und ein Bild sage ich ja mehr als 1000 Worte. Und in Wirklichkeit geht ohne Kontext, ohne zusätzliche Informationen, gar nichts. Ja, wie schon vorhin, nicht eine Lieblingsepisode, sondern ganz viele. Da wäre ich übrigens umgekehrt auch mal neugierig. Habt ihr denn, liebe Hörerinnen und Hörer, habt ihr eine Lieblingsepisode? Von den 50, die ich bis jetzt gemacht habe, welche stechen raus? Lasst es mich doch mal wissen. Und weil Silkes Gruß der letzte von den eingeschickten Audiogrüßen ist, hier auch nochmal gerade der Hinweis, ihr könnt es mich wissen lassen, indem ihr auf Fotomenschen.net vorbeisurft und einen Kommentar unter der Sendung hinterlasst. Oder ihr schickt mir eine E-Mail an [email protected]. Oder ihr surft auf Twitter unter @Fotomenschen vorbei und beteiligt euch da an den vielen Diskussionen. Oder schreibt mich dort direkt an. Ansonsten gilt wie immer, wer den Podcast gut findet und das Projekt unterstützen möchte, empfiehlt ihn weiter. Podcasts wachsen durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Und Fotomenschen ist keine Ausnahme. Und es gibt Netzwerke, auf denen bin ich selbst überhaupt gar nicht aktiv. Etwa auf Facebook. Ja, und damit noch mal einen lieben Gruß an alle, die jetzt mitgemacht haben. Ich zähle euch jetzt nicht auf. Denn ich würde garantiert irgendjemanden vergessen. Aber ich habe mich riesig über jede einzelne der eingeschickten Fragen gefreut. Bis bald.

    44 min
  • Queen of Street Art

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    In den 70ern und 80ern war New York das Epizentrum der Jugendkultur und die junge Reportagefotografin Martha Cooper begann deren Kunst zu dokumentieren. 40 Jahre später ist sie immer noch aktives Szenemitglied und ihr Lebenswerk bereiste mit ihr die Welt.

    • Streetart (Wikipedia deutsch, englisch)
    • Martha Cooper (Wikipedia)
    • Henry Chalfant (Wikipedia englisch)
    • DONDI (Wikipedia, deutsch, englisch)
    • How A Theory Of Crime And Policing Was Born, And Went Terribly Wrong (NPR)
    • Punk (Wikipedia)
    • 1UP (Wikipedia)
    • Berliner Sprayer im Farbrausch
    • MARTHA COOPER & NINJA K.: ONE WEEK WITH 1UP
    • Arte Doku: Matha Cooper – Königin der Street Art
    • Urban-Nation Artist Profile
    • Martha Cooper auf Instagram
    • Without Martha Cooper, There Would Be No History of New York Graffiti
    • Graffiti of New York’s Past, Revived and Remade
    • The history of graffiti

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    Subway Art: (reduced format edition) (Street Graphics / Street Art)

    Medien:

    • Hip Hop Life(breakin achilles mix) von shagrugge, CC-BY-NC
    • Music Biz Today von Alex, CC-BY-NC
    • Martha Cooper By Mikamote – Own work, CC BY-SA 3.0
    • Martha Cooper By Boris Niehaus – Own work, CC BY-SA 3.0
    • Henry Chalfant By Onda Fuenlabrada, CC BY 3.0

    Transkript

    Das Wort Streetart beschreibt das inoffizielle Anbringen von Kunst im öffentlichen Raum. Und wenn man dazu Schriftzüge wie den eigenen Namen zählt, gibt es das wahrscheinlich schon seit – naja, immer? So hat man zum Beispiel im alten Pompeji Schriftzüge gefunden. Allerdings haben wir etwas ganz bestimmtes vor Augen, wenn wir von Street Art reden. Und das nimmt seinen Anfang in New York, so ungefähr in den Sechzigern. Und zu unserem Glück ist das eigentlich ganz gut dokumentiert.

    Fotomenschen.

    Sieht man in einem Film die New Yorker U-Bahn, und ist die U-Bahn von bis unten mit Graffiti bemalt, dann wissen wir sofort, wir befinden uns in den siebziger, achtziger Jahren. Und das liegt hauptsächlich daran, dass Rudy Giuliani in den neunziger Jahren Bürgermeister wurde. Und er war Anhänger der sogenannten Broken Windows Theorie. Deren Idee war, dass Vandalismus, der nicht entfernt, sondern geduldet wird, dazu führt, dass mehr Vandalismus stattfindet und ultimativ zu mehr Kriminalität und Verwahrlosung führen würde. In New York war das sichtbarste Zeichen von Vandalismus die von oben bis unten bemalte New Yorker U-Bahn. Und so machte man sich daran, U-Bahn-Graffiti bei Entdeckung direkt zu wieder zu entfernen. Inzwischen haben wir farbabweisende Lacke und regelmäßige Wartungsintervalle. Und deswegen sind komplett bemalte Züge inzwischen ziemlich selten geworden. Schade irgendwie, denn die Züge damals waren wirklich sehr bunt.

    Aber die Geschmäcker sind natürlich verschieden. Und viele fanden es einfach auch unerträglich vollgeschmiert. Und dann kam das Bild des typischen Sprayers dazu. Die vermutete man nämlich in den ärmeren Vierteln der Stadt. Und das sicher nicht ganz zu Unrecht. Das waren die Viertel der Stadt, in denen wenige wirtschaftliche Möglichkeiten auf wenige Freizeitbeschäftigungen trafen, und sich die Jugend deswegen hauptsächlich auf der Straße traf und vergnügte. Das ist die Geburtsstunde gleich mehrerer Jugendsubkulturen.

    Es wird sich aufgelehnt gegen die zunehmende Kommerzialisierung der Welt. Punks, Hip-Hopper, Graffiti-Künstler, sie alle lehnen sich gegen den Status quo auf. Und obwohl das alles auf der Straße und in der Öffentlichkeit passiert, wird es zunächst kaum weiter beachtet. Es sind also diese siebziger Jahre, in denen die damals Mitte 20 Jahre alte Martha Cooper mit ihrer Kamera durch die Straßen streift und versucht, interessante Themen für ihre Zeitung zu finden. Sie war Fotografin für die New York Post und unter anderem dafür zuständig, die Füllstorys zu finden. Immer, wenn noch ein bisschen Platz in der Zeitung war, konnte man dort allgemeine Kultur- oder Special Interest Storys unterbringen.

    Kleine Anekdoten. Die einzige Bedingung war, es musste Lokalrelevanz haben. Und auf der Suche nach solchen Geschichten lief Martha kreuz und quer durch die Stadt und fotografierte alles mögliche. Als Reportagefotografin interessierten sie die Menschen und wie die miteinander kommunizierten. Sie hatte Kunstgeschichte und Anthropologie studiert. Es ging mir also nicht in erster Linie um die Fotografie, sondern, eigentlich ging es ihr darum, Menschen dabei zu beobachten, wie sie miteinander in Kontakt treten. Auf ihren Streifzügen sieht sie immer wieder die Züge an sich vorbeiziehen, und fotografiert sie munter. Und es war einer dieser Streifzüge, als sie zum ersten Mal Break Dancer sah. Sie war von den Jugendlichen fasziniert, die da an Straßenecken tanzten.

    Ihre Fotoeditoren interessierten sich nicht sonderlich für die Geschichte. Noch nicht mal als Füllstoff. Aber sie war fasziniert und begann, diese Jugendkultur zu fotografieren. Kinder und Jugendliche gehörten sowieso zu ihren Lieblingsmotiven. Und es dauert nicht lange, und die Kinder kennen sie. Die Frau mit der Kamera. Manche weisen sie dann auch auf andere Dinge hin, die es zu sehen gibt. Sie haben unter anderem beobachtet, wie sie immer wieder mal die Züge fotografiert. Und eines Tages weist sie eines der Kids, (?Edwin Zerrano), darauf hin, was sie da eigentlich fotografiert. Er zeigt die er nämlich seine Skizzen und erklärte ihr, dass die Schriftzüge, die auf Zügen durch die ganze Stadt gerollt wurden, nichts anderes als Namen und kurze Nachrichten waren. Und er erklärte ja, welche Styles man dort sehen konnte, welche Ideen in der Szene Bewunderung fanden. Und überhaupt, dass es eine ganze Szene von Sprayern gab, die sich nur diesem Thema widmeten. Und Martha geht auf, dass es hier ganz zweifellos um Kunst geht. Dass es eben nicht einfach nur plattes Aufbegehren gegen die Elterngeneration war, was man hier, im öffentlichen Raum beobachten konnte. Und (?Edwin) macht noch mehr.

    Er bringt Martha Cooper mit einer damals etablierten und bekannten Sprayergruppe rund um den Graffiti-Künstler Dondi zusammen. Und ab jetzt verbringt Martha jede freie Minute damit, diese Gruppe zu begleiten. Die Kids vertrauen ihr. Sie darf mit zu den illegalen Spraytouren gehen. Sie fotografiert ihren Alltag. Sie porträtiert die Kids und zeigt ihre Kunst. Und das erst mal jahrelang unter dem Eindruck, dass sie die einzige ist, die sich überhaupt für das ganze Thema interessiert, bis ihr jemand erzählt, dass es da anscheinend noch einen Fotografen gibt, der neben ihr unterwegs ist und auch die Züge fotografiert. Sie braucht einige Monate, bis sie ihn tatsächlich ausfindig machen kann. Henry Chalfant. Wie sie, ist er fasziniert von der Streetart, die sich in New York City entwickelt. Anders als sie, interessieren ihn allerdings die Künstler weniger. Die beiden lernen sich jedenfalls kennen und tauschen sich aus. Martha ist von der riesigen Sammlung und den großartigen Aufnahmen, die Henry gemacht hatte, beeindruckt. Und Henry interessiert sich für ihre Porträts und die Szenen, die die Sprayer beim Erzeugen ihrer Kunstwerke zeigen. Für eine Weile haben die beiden so etwas wie freundliche Konkurrenz.

    Es geht darum, wer die schönsten Graffiti fotografiert, wer die Tags festhält, die da durch die Stadt fahren. Parallel versucht Martha Artikelstrecken bei großen Magazinen einzureichen. Das ist doch eine Geschichte, die interessant ist, die erzählt werden muss. Aber es interessiert sich einfach niemand für das Thema, oder es wird als zu kontrovers wahrgenommen. Und so kommt die Idee auf, vielleicht ein Buch zu machen. Und sie fragt Henry, ob er nicht mit ihr kollaborieren möchte. Der Arbeitstitel: Art Transit. Sie stellen Beispiele zusammen, machen ein Demobuch und fangen an, die verschiedenen Verleger in der Stadt anzuschreiben. Manche können sich das ganze durchaus als interessantes Projekt vorstellen, scheuen dann aber auf den letzten Metern die Kontroverse. Andere lehnen einfach nur ab. Das Thema wäre doch langweilig und das lässt sich doch gar nicht darstellen. Die Wende kommt, als sie auf der Frankfurter Buchmesse dem britischen Verleger … #00:07:41# Hudson ihr Demobuch vorlegen. Es ist groß und schwer und wertig. Und sie werden sofort unter Vertrag genommen.

    Es wird ein Buch in Übergröße, aber nicht, wie die üblichen Coffee Table Books als Hardcover mit großen, schweren Seiten, sondern eher wie eine Art großes Magazin produziert. Die Arbeitstitel Art Transit oder Art in Transit gefallen dem Verleger nicht. Es wird umbenannt in Subway Art. Und einige tausend Exemplare machen sich auf den Weg in die Buchhandlungen der großen Metropolen. Überwiegend sind diese Graffiti nach wie vor ein New Yorker Phänomen. Einzelne fangen an, in anderen Städten aufzutauchen. Aber so richtig ist das Phänomen noch nicht aus seiner Ursprungsstadt rausgewachsen. Henry und Master fotografieren weiter und hoffen darauf, dass das Buch ein Erfolg wird. Allerdings wird das Buch relativ selten verkauft. Und es geht die Anekdote, dass die Hälfte diese Bücher nach und nach aus den Läden gestohlen und gar nicht bezahlt werden. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber zunächst mal sieht es so aus, als wenn dieses Buch ein Projekt wäre, dass, wie schon andere Projekte, die Martha zuvor angestoßen hatte, zwar interessant, aber nicht wirklich lukrativ gewesen war.

    Die ist schon nah dran, die ganze Sache einfach abzuhaken, als ihr bei einem neuen Graffiti-Künstler, den sie kennengelernt hat und anfängt zu fotografieren, eine Kopie ihres Buches in die Hände fällt. Also wirklich eine Kopie, mit einem Fotokopierer angefertigt. Manche der Tags sind mit Stiften ausgemalt, manche mit Notizen versehen. Das Buch war ganz offensichtlich wieder und wieder und wieder durchgearbeitet. Daneben waren eigene Skizzenseiten mit abgemalten Tags. Und er erzählt ihr, dass dieses Buch inzwischen Kultstatus hätte. Es stellt sich raus, das Buch Subway Art wurde zu einer Art inoffiziellen Style Bible und hatte inzwischen seinen Weg rund um den Globus gemacht. Graffiti-Künstler überall auf der Welt kopierten das Buch weiter und verteilten es. Sie lernten aus diesen fotografieren aus New York die verschiedenen Styles. Sie malten die Graffitis aus, wandeltes sie ab, erweiterten um eigene Stile. Kopierten das Ganze und reichten es weiter. Und ohne es zu merken hatte Martha etwas geschafft, was sie gar nicht angestrebt hatte. Sie hatte Kultstatus in der Szene erlangt. Künstler begannen sich, an sie zu wenden und nachzufragen, ob sie sie nicht auch mal fotografieren könnte. Streetart-Gruppen luden sie ein, mit ihr auf Tour zu gehen.

    Waren diese Graffiti am Anfang überwiegend Schriftzeichen, kamen bald auch eine ausgefeilte Bildsprache dazu. Ganze Gemälde wurden auf Wände und Züge und Autos gesprayt. Und es gab neue Techniken. Von wiederauffüllbaren Spühflaschen bis hin zu besonders flüssigen Farben, die sich in eigens dafür umfunktionierten Feuerlöschern versprühen lassen, gab es die wildesten Konstruktionen. Und parallel wurden die ersten Street Art-Künstler entdeckt und konnten auf Kommission, also im Auftrag arbeiten. Wie es halt immer so ist. Kunstformen, die zuerst als Kritik am Kommerz anfangen, werden nach und nach ganz unweigerlich auch kommerzialisiert. Punk, Hip-Hop, Streetart. Mit den ersten, offiziell anerkannten Street Artists kamen dann auch die Messen und Ausstellungen. Und Martha Cooper konnte sich vor Einladungen nicht mehr retten. Und Martha ist ganz in ihrem Element. Ihr ganzes Leben lang beschäftigt sie sich mit Dokumentationsfotografie.

    Sie fotografiert nach wie vor Kinder und Jugendliche am liebsten. Und immer wieder dazwischen die Subkulturen, die sie findet. Und ganz besonders gerne Künstler, die sich mit Streetart auseinandersetzen. Das Buch Subway Art ist inzwischen ganz offiziell eins der erfolgreichsten Fotobücher aller Zeiten. Über eine halbe Million Ausgaben sind davon inzwischen verkauft worden. Und es ist in der Szene immer noch die Bibel schlechthin. Und die Kunstform ist um die Welt gereist. Überall findet Graffiti. Und ich persönlich finde es auch schön, in einer Stadt zu wohnen, der es eine aktive Graffiti-Szene gibt. Wenn man sich hier in Frankfurt in der Stadt umsieht, erkennt man verschiedene Künstler, die im gesamten Stadtgebiet aktiv waren. Da gibt es die ganz offiziellen, großen Murals. Also die Wandgemälde, die zum Teil mehrgeschossige Häuserfassaden schmücken, die beauftragt und bezahlt wurden. Genauso wie Tags auf Zügen und Brückenpfeilern oder kleinen Aufkleberaktionen. Manchmal minikleine Tipp-Ex-Gemälde oder große, durchdachte Kunstaktionen. Wenn man durch seine Stadt läuft, stellt man auf jeden Fall irgendwann fest, dass es eine Art eigenen Fingerabdruck gibt. Die Mischung aus Künstlern, die man dort immer wieder antrifft. Dann gibt es die Ecken der Stadt, wo sich die Neulinge treffen und ihre Kunstfertigkeit dort lernen. Und es gibt die Brennpunkte, wo trotz allgegenwärtiger Kameraüberwachung immer wieder neue Kunstwerke auftauchen und man den Schaffern anscheinend nicht auf die Spur kommen kann. Dazwischen sind immer wieder die internationalen Größen, die sichtbar werden. Auch wir in Frankfurt haben unseren Banksy. Und auch wir in Frankfurt wurden schon mehr als nur einmal von One United Power, 1UP abgekürzt, besucht. 1UP ist dann auch eine Gruppe, die 2018 von Martha Cooper mit einem eigenen Bildband bedacht wird. Eine Woche durfte sie inkognito mit dieser Sprayergang unterwegs sein. Die Berliner nahmen sie mit, als wäre sie eine von ihnen. Und es gibt inzwischen sogar einen Dokumentarfilm dazu. Und der lohnt sich wirklich. Und wenn es nur zu dem Zweck ist, ein bisschen besser zu verstehen, warum Graffiti viel mehr als „nur“ Vandalismus ist.

    16 min
  • Kunst und Können

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Viele der ersten Fotografinnen und Fotografen waren entweder Wissenschaftler oder Künstler und so gehört der Streit ob Fotografie nun dokumentierende Technik oder Kunst ist von Anfang an zu dem Medium. Der erste Fotograf der diese Frage zum ersten Mal und mit Überzeugung mit „Kunst!“ beantwortet ist heute kaum noch bekannt, darf aber ohne zu übertreiben als Vater der künstlerischen Fotografie bezeichnet werden…

    • Oscar Gustave Rejlander (Wikipedia)
    • Piktorialismus (Wikipedia)
    • Julia Margaret Cameron (Wikipedia)
    • Charles Darwin (Wikipedia)
    • Kollodium-Nassplatte (Wikipedia)
    • Allegorie (Wikipedia)
    • Queen Victoria (Wikipedia)
    • Lewis Carroll (Wikipedia)
    • Darwin’s Camera: Art and Photography in the Theory of Evolution
    • Six Degrees of Charles Darwin, and Rejlander’s Last Laugh
    • Two Ways of Life
    • Introducing Oscar Gustave Rejlander, The Father of Art Photography
    • Oscar Rejlander, Practising Art Photographer
    • Exhibition: Victorian Giants – The Birth of Art Photography
    • Snappers who could count Queen Victoria among fans
    • The Artword Podcast – Karen Hellman on Oscar Rejlander
    Oscar Rejlander’s Lachen / Weinen. Zum Vergleich zwischen emotionaler Mimik und Gestik zwischen Erwachsenen und Kindern. Auftragsarbeit für Charles Darwin
    The Two Ways of Life
    The Two Ways of Life, alternative Version

    Victorian Giants: The Birth of Art Photography: Julia Margaret Cameron, Lewis Carroll, Clementina Hawarden, Oscar Rejlander

    Transkript

    Kunst und Können

    Die 1850er Jahre in England sind für die Fotografie eine unglaublich wichtige Zeit. Es formen sich die ersten Kameraclubs, Amateurvereine, in denen Bilder besprochen werden. Und es tobt ein Streit.

    Es tauchen nämlich die ersten Fotografinnen und Fotografen auf, die sagen, Fotografie ist Kunst. Und das geht ja gar nicht, widersprechen vor allem die Maler. Denn erstens braucht es ja wohl kein Können, um einen Automaten dazu zu bringen, eine Szene festzuhalten, die dann zweitens ja schon existiert, also nicht ausgedacht wurde und drittens so gar nicht idealisiert.

    Überhaupt dieser letzte Aspekt, diese gnadenlose Darstellung der wahren Welt, das können wir uns heute überhaupt gar nicht mehr ausmalen, was für ein Paradigmenwechsel das war. Besonders die Malerei, die man in der viktorianischen Zeit gewohnt war, war sehr idealisierend. Es wurden keine Fehler im Gemälde geduldet, außer, sie waren absichtlich oder Zeichen mangelndem Könnens. Eine Fotografie bildet aber die Wirklichkeit ab und besonders die ersten Fotografinnen und Fotografen waren ja oft von akademischem und wissenschaftlichem Hintergrund und fotografierten damit auch möglichst naturgetreu.

    Es ist die Zeit des Kollodium-Nassplatten-Verfahrens. Und damit waren die Bilder auch tatsächlich relativ scharf und detailreich. Für die Malerinnen und Maler der damaligen Zeit wirkten die Fotografien geradezu ordinär. Sie waren beeindruckend im Ergebnis und sehr nützlich, aber im Grunde eine Art Skizzenmaschine. Die Fotografie hatte also ein gewisses Imageproblem.

    Und da half es auch nicht, dass die ersten Fotografien auftauchten, die klassische Gemäldeszenen nachahmten. Menschen, die in opulenten Gewändern vor Wandteppichen posierten und in denen jedes Utensil im Bild eine Bedeutung trug, das fanden viele nicht überzeugend. Das wirkte nachgemacht. Fotos, die versuchten, wie Gemälde auszusehen. Pah! Und überhaupt, Fotografien starten ja mit der existierenden Szene und man kann ja nur Dinge weglassen, während ein Maler oder eine Malerin sich eine Szene vorstellen und dann Schicht für Schicht Dinge hinzufügen kann, bis das Gemälde fertig ist. Das war eins der damals sehr weit verbreiteten Killerargumente bei der Frage ‚ist Fotografie Kunst?‘.

    Und das ist das Argument, das Oscar Gustave Rejlander hört, als er einem Freund eine seiner ersten Fotografien zeigt. Rejlander kam 1813 als Sohn eines schwedischen Steinmetzes auf die Welt. Er studiert Kunst in Rom und wandert dann später nach England ein. Als mit der Daguerreotypie das erste kommerziell erfolgreiche fotografische Verfahren die Bühne betritt, ist Rejlander immerhin schon 26 Jahre alt und ausgebildeter Maler.

    Nicht zuletzt, weil die Daguerreotypie in Großbritannien Lizenzgebühren kostet, geht hier die Entwicklung einen völlig anderen Weg. Hier wird dann auch das Kollodium-Nassplatten-Verfahren entwickelt, das erste Verfahren, das wirklich frei verfügbar war und bei dem man auf Glasplatten Negative erzeugt, die dann beliebig oft in Drucke umgewandelt werden können.

    Rejlander ist fasziniert von der Technik und lässt sie sich von einem damals schon etablierten Fotografen zeigen. Was andere sich in mehreren Wochen Praxis zeigen lassen, lässt er sich in ungefähr 3 Stunden erklären. Er wird später aufschreiben, dass er wünschte, er hätte etwas mehr Energie und Zeit verwendet, das Verfahren wirklich von Grund auf zu lernen. So ist er später gezwungen, seine eigenen Verfahren, Tricks und Kniffe zu lernen, das ist natürlich vielleicht auch der Grund, warum er dann so erfolgreich sein wird, andererseits hat das ihm auch den Ruf eingebracht, nicht immer die Beste der möglichen Qualitätsstufen zu erreichen.

    Anfangs sieht Rejlander die Malerei nach wie vor als die überlegene Kunstform. Er ist Portraitmaler, er macht Portraitminiaturen. Und er nutzt die Fotografie, um Skizzen zu fertigen oder Posen und Faltenwurf und Gesichter zu studieren. Besagter Freund bekommt also eine seiner ersten Fotografien zu Gesicht, eine Fotografie, die zwei Personen zeigt. Und als die beiden Männer sich so über das Bild beugen und sich darüber unterhalten, meint er abfällig, dass hier ganz offensichtlich deutlich wird, was der große Unterschied zwischen Malerei und Fotografie wäre. Denn das Bild wäre unperfekt. Zwar zeigt es zwei Personen und die in jedem nur erdenklich möglichem Detailgrad, aber als Maler hätte man für eine ausgewogene Bildkomposition eigentlich noch eine Person in die Mitte gepackt. Und die Fotografie wäre ja jetzt schon fertig. Man könne also nur eine völlig neue Fotografie erzeugen, aber nicht nachträglich eine Person einbauen.

    Rejlander ist elektrisiert. Er hat eine Idee. Wenige Tage später verabredet er sich mit demselben Freund und bringt ein Bild mit. Der wirft einen Blick darauf und traut seinen Augen nicht. Rejlander hatte ihm bewiesen, was er für unmöglich gehalten hatte: Es war unzweifelhaft dasselbe Bild, das er wenige Tage vorher gesehen hatte, aber jetzt mit einer dritten Person zwischen den zwei anderen. „Es geht eben doch“, sagt Oscar triumphierend. „Auch Fotografen können Bilder im Kopf entstehen lassen.“ Und auch Fotografen steht völlig frei, wie sie die Technik benutzen, um das fertige Bild zu erzeugen.

    Das Medium der Fotografie ist noch ganz jung. Viele Fotografierende versuchen, herauszufinden, in welche Richtung sich alles entwickeln könnte. Und allerorten wird festgelegt, wie denn Dinge zu geschehen haben. Was ist denn gute Fotografie, was ist schlechte? Welche Techniken funktionieren? Es formt sich, aber damals wie heute klingt das natürlich dann von den Leuten, die ihre Ideen verbreiten, so, als wäre es Gesetz. Und Oscar Rejlander war diesen Einflüssen noch nicht ausreichend lange ausgesetzt, sodass ihm das wahrscheinlich im Wesentlichen egal war. Er blickt völlig frei auf das Medium und fragt sich, was er damit anfangen kann.

    Und da lohnt es sich auch, ganz kurz darüber nachzudenken, wie Kollodium-Nassplatten-Verfahren funktionieren. Man braucht dazu natürlich zunächst mal eine Kamera, und zwar eine Kamera, die mindestens so groß ist, dass sie das Bild in der gewünschten Zielgröße aufnehmen kann. Stellen wir uns also eine Kiste vor, die hinten ein A4-großes Blatt Papier enthalten kann. Vorne ist ein Objektiv und den ganzen Kasten kann man wie eine Ziehharmonika auseinander- und wieder zusammenschieben. Das ist notwendig, um die Schärfeebene zu kontrollieren, also auf die richtige Stelle im Bild scharfschalten zu können.

    Beim Kollodium-Nassplatten-Verfahren legt man allerdings hinten kein Papier ein, sondern man legt eine Glasscheibe ein. Die wird in einer Dunkelkammer zuerst mit Kollodium beschichtet und dann mit einer Silbernitratlösung lichtempfindlich gemacht. Die dann noch feuchte Glasscheibe muss dann in eine Kamera eingelegt werden und wird dann nach erfolgter Belichtung noch feucht fertigentwickelt.

    Was man bekommt, ist ein Negativ, auf der Glasplatte ist also ein Bild, in dem alle hellen Teile der Szene schwarz dargestellt werden und alle dunklen Teile der Szene weiß. Weiß auf Glas heißt: An den dunklen Stellen der Szene ist das Negativ durchsichtig. Und das war die erste Idee, die Rejlander dazu brachte, Bildbestandteile miteinander zu kombinieren. Ihm ging nämlich auf, dass an diesen durchsichtigen Stellen natürlich Nahtstellen sind, die man später beim Druck nicht mehr sehen würde.

    Der Druck ist nämlich der nächste Arbeitsschritt. Um aus dem Negativ ein Positiv, also ein fertiges Bild zu machen, nimmt man jetzt die Glasplatte, spannt sie mit einem lichtempfindlichen Papier zusammen und setzt beides der Sonne aus. Danach wird das Bild gewaschen und fixiert und fertig ist das Positivbild. Denn alle die Stellen, die im Negativ die Sonne blockieren, sind auf dem fertigen Bild ja dann weiß und alle die Stellen, die die Sonne durchlassen, werden schwarz. Je länger man das Bild in der Sonne lässt, desto dunkler eben.

    Im ersten Schritt kommt also Rejlander auf die Idee, die verschiedenen Bildbestandteile einzeln voneinander aufzunehmen, dafür zu sorgen, dass sie von möglichst dunklen Szenenelementen umgeben sind und die dann für den Druck gezielt zusammenzumontieren.

    Aber das war nur der Anfang. Er beginnt, mit Vergrößerungen zu experimentieren, also, salopp formuliert, positive nochmal abfotografieren, nur mit entsprechender Vergrößerung. Er deckt Teile der Negative gezielt ab, malt andere rein, spielt mit den verschiedensten Dunkelkammertechniken und montiert die Bilder zusammen, zum Teil mit sehr verblüffenden Ergebnissen.

    Immer mit dabei und als Technikerin wahrscheinlich seine wichtigste Mitarbeiterin ist seine Frau Mary. Schon als er noch Maler war, nahm sie ihm eine Menge administrative Aufgaben ab. Jetzt als Fotograf ist sie seine Assistentin in der Dunkelkammer, sein häufigstes Fotomodell, Kundenbetreuerin und Geschäftsführerin im Hintergrund.

    Längst nicht alle seine Fotografien sind Montagen, tatsächlich ist der hauptsächliche Kundenstamm ganz klassisch an Portraits interessiert. Rejlander hat außerdem ein persönliches Interesse an inszenierten Kinderportraits. Das ist ein Genre, das besonders im viktorianischen Zeitalter blüht und gedeiht. Kinder werden in allen möglichen Posen dargestellt und abfotografiert, oft in Gegenwart der Eltern. Und das ist auch der Grund, warum gerade aus der Zeit sehr viele Kinderportraits gerade auch von den großen Fotografinnen und Fotografen erhalten sind. Namen wie Julia Margaret Cameron sind untrennbar mit mal mehr, mal weniger inszenierten Kinder- und Säuglingsportraits verbunden.

    Der Mathematiker, Schriftsteller und Fotograf Lewis Carroll (ja, der Lewis Carroll, der Alice im Wunderland geschrieben hat) freundet sich mit Rejlander an und fängt an, seine Kinderportraits zu sammeln. Später wird Lewis Carroll selber Kinderportraits machen und der Stil Rejlanders kommt so stark durch, dass es später manchmal nicht ganz klar sein wird, ob ein noch erhaltenes Bild eigentlich von Lewis Carroll oder von Oscar gemacht worden war. Und auch Julia Margaret Cameron wird mit ganz eindeutig von Oscar Rejlander inspirierten Gemälden berühmt. Sie verkehren in denselben Kreisen, sie kennen dieselben Leute, sie haben zum Teil dieselben Freunde und fotografieren dieselben Berühmtheiten ihrer Zeit.

    Aber auch, wenn Oscar Rejlander hauptsächlich Portraits macht, haben manche Portraits Eigenschaften, die es zu der Zeit eigentlich gar nicht geben dürfte. So erregt zum Beispiel das Bild „The Juggler“; der Jongleur, Aufsehen, weil dort ein Jongleur zu sehen ist mit Bällen in der Luft. Und das könnte natürlich nur eine optische Illusion sein, denn mit mehreren Sekunden Belichtungszeit lassen sich Bälle in Bewegung nun mal nicht einfangen, aber das Bild sieht täuschend echt aus.

    Zu der Zeit traut man Rejlander allerdings inzwischen schon fast alles zu. Heute nennt man Rejlander den Vater der künstlerischen und inszenierten Fotografie. Und der Grund dafür ist ein Bild, das er 1857 macht, das den Titel „The Two Ways of Life“ trägt. Wenn man dieses Bild zum ersten Mal sieht, kommt es einem wie ein barockes Gemälde vor. Es ist inspiriert, im Aufbau zumindest, von einigen berühmten Malereien, die der junge Rejlander, als er in Rom Malerei studiert hat, wahrscheinlich im Original gesehen hat.

    Und bevor ich jetzt erkläre, warum dieses Bild eine kontroverse und einen Skandal ausgelöst hat und was da weiter passiert ist, möchte ich es ganz kurz beschreiben. An der Stelle lohnt sich auch kurz der Blick auf das Handydisplay, mit etwas Glück kannst du das Bild jetzt dort sehen. Das muss von deinem verwendeten Podcatcher unterstützt werden, ansonsten besuche einfach die Website, da werde ich es auch mit einbetten.

    Das Bild ist im Panoramaformat – das war für die damalige Zeit ungewöhnlich groß. Mit über 80 cm Breite wussten Sachkundige sofort, dass dieses Bild aus mehreren Bestandteilen bestehen musste, aber man konnte nicht sehen, aus welchen Bestandteilen.

    Es zeigt eine Szene, in der eine Menge los ist. In der Mitte steht ein alter Mann. Er scheint einen Jüngling in die Szene hineinzubegleiten. Den Jüngling sieht man zweimal: einmal zu seiner Linken, einmal zu seiner rechten Seite. Und damit ist die Bildaufteilung auch schon klar. Links im Bild geht der Pogo ab. Diverse Todsünden werden hier bildlich dargestellt und es gibt viel nacktes Fleisch. Rechts geht es wesentlich gesitteter zu; da geht es um die Pflege von Kranken und Gebrechlichen, um die Wissenschaften und damit ist es auch klar, was das Bild darstellt, nämlich die Wahl, die der Jüngling hat, nämlich ein Leben in Tugend oder eines in Laster zu führen. Von oben hängen Theatervorhänge ins Bild. Der Mann mit dem Jüngling hat hinter sich eine Art undurchdringliches Waldstück und die zwei Optionen, das Leben zu führen, scheinen in der Stadt innerhalb von Architektur stattzufinden.

    Das Bild strotzt nur so vor Symbolik. Allegorie war ein Riesending bei den Malern der damaligen Zeit und natürlich durfte das in einem Foto, das versuchen wollte, mit Kunst zu konkurrieren, auch nicht fehlen.

    Oscar Gustave Rejlander stellt dieses Bild aus und begeistert und entsetzt seine Zeitgenossen. Begeistert deswegen, weil er etwas geschafft hatte, was für unmöglich gehalten worden war. Er hatte Monate an diesem Bild gearbeitet. Über 32 Negative wurden für dieses Bild zusammenmontiert und trotzdem sah es wie eine einzige Aufnahme aus. Dass es das nicht sein konnte, war sehr offensichtlich, wenn man den Jüngling sah, denn der tauchte ja zweimal auf dem Bild auf.

    Allein den Druck zu fertigen, kostete mehrere Tage Arbeit, denn die einzelnen Bestandteile mussten zunächst vergrößert, dann zusammenmontiert und dann als ein großes Bild ausbelichtet werden. Rejlander fertigte jeden Druck neu an, das heißt, jedes Exemplar sah ein bisschen anders aus. In manchen war er selbst der alte Mann in der Mitte des Gemäldes, in anderen war es ein Schauspieler. Die Figuren variieren, es sind unterschiedliche Models, die Szenen, die Positionen.. Im Netz fand ich mindestens drei verschiedene Varianten und es macht schon Spaß, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken.

    Diese Montage zu sehen war also beeindruckend. Es gibt ja den Satz „Kunst kommt von Können“ und Können war einer der Aspekte, den man Fotografinnen und Fotografen damals abgesprochen hat. Schließlich hielten sie fest, was die Natur ihnen bot und danach war es doch „nur“ Technik. Rejlander nun schaffte etwas, was nicht nur für unmöglich gehalten worden war, sondern von dem die Zeitgenossen erstmal nicht wussten, wie sie es nachmachen können. Dann war das Bild zum Bersten gefüllt mit Symbolik, das griff das zweite Argument an. Kunst entstünde nämlich zunächst im Kopf des Künstlers oder der Künstlerin. Sie muss Aussage haben. Ideen vermitteln. Gelesen werden können. Etwas vorher nicht dagewesenes, neu geschaffenes zeigen. All diese Aspekte waren in diesem Bild sehr offensichtlich vorhanden und trotzdem sah es wie eine Fotografie aus.

    Dieser vorhin schon erwähnte schockierende Detailreichtum kam natürlich besonders auf der Hälfte des Bildes zum Tragen, wo es um die Sünden und Laster ging. Und da sind wir beim Skandal. Zwar hatte man in der viktorianischen Zeit kein Problem mit Nacktheit, Gemälde konnten gerne Frauen barbusig in allen möglichen Posen auch mal lüstern darstellen, aber die dann, sozusagen, „in the flash“ zu sehen und zu wissen, dass der Fotograf die im Studio gehabt hatte, produzierte einen unerhörten Skandal. Dazu kam noch, dass alle, die dieses Bild sahen, bewusst war, dass keine Frau von Tugend sich freiwillig vor einer Kamera nackt ausziehen würde. Die Frauen im Gemälde waren also ganz offensichtlich prostituierte.

    Es ging also hoch her. In den Fotoclubs, in den Kunstzirkeln der damaligen Zeit wurde heiß diskutiert und viele waren sich einig, dass Oscar Rejlander eigentlich fast schon zur Persona non grata erklärt werden müsste. Nur eine Person sah das damals spontan anders, eine Person, die von Anfang an begeisterte Fotografin war und deren Urteil nicht ignoriert werden konnte: Queen Victoria.

    Sie hatte schon ab der Einführung der Daguerreotypie Interesse an der Fotografie gehabt und galt als eine erfahrene Hobbyfotografin. Sie und ihr Ehemann hatten beide eine ausgebaute Dunkelkammer, beschäftigten mehrere Fotografen als Hoffotografen und gingen dem Hobby in ihrer Freizeit auch selbst mit Begeisterung nach. Außerdem traten sie als Mäzene auf und kauften Werke, die sie bemerkenswert fanden und genau das passierte mit Rejlanders schockierenden „Two Ways of Life“. Queen Victoria erfuhr davon, sah es, war begeistert und beschloss, einen Druck dieses Werkes für ihren Mann zu kaufen, als Geburtstagsgeschenk. Der war so begeistert davon, dass er es in seine private study aufhing, wo es bis zu seinem Tod blieb. Und ja, was gut genug für Queen Victoria ist, kann natürlich für alle anderen Fotografierenden nicht schlecht sein. Sie hatte sich freilich nicht dazu geäußert, ob das Werk denn jetzt Kunst wäre oder nicht, aber „Schund“ konnte es natürlich jetzt auch nicht mehr sein.

    Spannend finde ich, dass die Fragen, die damals mit so viel Hitze diskutiert und debattiert wurden, dieselben Fragen sind, die wir heute immer noch finden. Ich meine, Rejlander brauchte immerhin mehrere Tage, oder im Falle von „The Two Ways of Life“ mehrere Wochen und trotzdem fragten sich Leute, ob etwas Kunst sein konnte, was eigentlich nur einen Moment festhält. Damals wie heute gibt es diese Liebe zum Vergangenen.

    Rejlander markiert den Anfang einer Periode, die in der Fotografiegeschichte Pictorialism genannt wird, einen Trend, in dem versucht wurde, Bilder zu schaffen, die möglichst wie gemaltes aussehen oder wenigstens die Themen von Gemälden nachahmen sollten. Im einfachsten Fall waren das inszenierte Fotografien wie „The Two Ways of Life“, aber später dann wurden ausgefeilte Techniken angewandt, um die Drucke wirklich aussehen zu lassen, als wären sie Kohlezeichnungen. Da wurde auf dem Material herumgekratzt, es wurde Sepia eingefärbt, es wurden Stellen gezielt scharf oder unscharf gemacht, um den Eindruck von Pinselstrichen zu vermitteln und das Medium versuchte, nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft zu schauen. Und sei es, indem man einfach so abstrakt wurde, dass man nicht mehr genau wusste, was das Bild zeigt.

    Und was machen wir heute? Im einfachsten Fall versuchen wir, nostalgisch so auszusehen wie die Fotografien der letzten 30 Jahre, indem wir Korn reindrehen und Filmsimulation einschalten. Andere wiederum nehmen die Mittel der Software zu Hilfe und lassen komplette Gemäldesimulationen fertigen. Da wird die Fotografie zum Ölgemälde, das Fotoobjekt zum stilisierten Pinselstrich. Oder wir nehmen Photoshop und montieren wie die Wilden.

    Und zeitgleich entdecken in jeder Generation Fotografinnen und Fotografen die Leute wieder aufs Neue, dass es einen Streit darum gibt, ob das, was sie da machen nun Kunst oder Handwerk ist. Wurde die Linie damals zwischen Malerei und Fotografie gezogen, zieht man sie heute zwischen Digital Artist und Content Creator. Ich glaube, Oscar Rejlander wäre stolz auf uns.

    „The Two Ways of Life“ war sein beeindruckendstes und in Rückschau sicherlich berühmtestes Bild, aber das kommerziell erfolgreichste war es nicht. Dafür war es einfach zu aufwendig und irgendwann stellte er auch die Produktion von Drucken für dieses Bild ein. Immer mehrere Tage in der Dunkelkammer herumzumontieren war dann einfach nicht mehr wirklich praktikabel.

    Außerdem war er zu neuen Ufern aufgebrochen. Der berühmte Forscher Charles Darwin hatte sich bei ihm gemeldet. Charles Darwin untersuchte zu der Zeit die Emotionen von Tieren und Menschen. Es kam ihm darauf an zu dokumentieren, wie wir uns ausdrücken. Welche Gesten und Grimassen ziehen wir je nach Befindlichkeit, das wollte er festhalten. Und dafür brauchte er einen Fotografen, der in der Lage war, die verschiedensten Mimiken einzufangen. Er gab Rejlander praktisch eine Shotlist vor: wütend, traurig, fröhlich, und so weiter.

    Emotionen hatten auch andere berühmte Zeitgenossen damals schon einzufangen versucht, aber mit dem Kollodiumnassplattenverfahren mit mehreren Sekunden Belichtungszeit war das natürlich schwer, besonders, wenn man das einigermaßen spontan aussehen lassen wollte. Und Rejlander galt als jemand, der unvergleichlich gut darin war, genau diese spontanen Eindrücke festzuhalten. Nicht, weil die Bilder so spontan gewesen waren, sondern, weil er anscheinend wirklich gut darin war, mit seinen Models zu arbeiten. Er war bekannt als jemand, der lustig und charmant sein konnte und viele seiner Aufnahmen drücken einen für die Aufnahmen damaliger Zeit ungewöhnlichen Humor aus. Es gibt Bilder, wo er mit seiner Frau Mary ganz offensichtlich herumalbert und er war bekannt dafür, dass er Kinder natürlich posieren und fotografieren konnte, gut gelaunt. Das ist ja gerade bei kleinen Kindern nicht unbedingt leicht, insbesondere dann nicht, wenn man ihnen beibringen muss, dass sie dann auch noch mehrere Sekunden in einer bestimmten Position verharren müssen. Die Fotografien von Julia Margaret Cameron zeigen ja auch oft Kinder und die meisten Bilder, die ich bisher so gesehen habe, zeigen ziemlich genervte Kinder. Ich versuche, mir dann immer auszumalen, wie wohl diese Fotosessions abliefen.

    Jedenfalls galt Rejlander als jemand, der das wie kein anderer beherrschte. Und trotzdem muss er geschluckt habe, als er in der Shotlist, die ihm Darwin überreichte, unter anderem ein weinendes Kleinkind fand. Er sollte ein Kleinkind fotografieren, das die Welt gerade geschmeidig zum Kotzen findet. Und die haben jetzt nicht unbedingt gerade Verständnis dafür, wenn sie sich ruhig halten sollen. Überhaupt vielleicht noch bei schmerzverzerrt aufgerissenem Mund.

    Und das ist dann auch tatsächlich das berühmteste Bild, das Rejlander in seiner Karriere produziert hat. Es zeigt ein sitzendes, inbrünstig heulendes Kleinkind. Und nach einem zu der Zeit populären satirischen Roman heißt es „Ginx’s Baby“. Und es kombiniert alles, was Rejlander zu der Zeit an Fähigkeiten angesammelt hatte. Wie er das Baby zum Weinen gebracht hat, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass er zu einer ganzen Reihe Tricks griff, um diese Aufnahme überhaupt möglich zu machen. Und dass er dann in der Dunkelkammer seine malerischen Fähigkeiten herauskramte, um die doch sehr unzureichende Vergrößerung dieses weinenden Babys zu einer glaubwürdigen, großen Aufnahme zu machen. Wieder hatte er ein Bild gemacht, von dem die damaligen Kollegen dachten, es wäre so eigentlich nicht möglich und Charles Darwin hatte seine vollständige Palette an Mimikfotos, die für sich übrigens auch schon sehenswert sind, zeigen sie doch Rejlander und seine Frau Mary in den unterschiedlichsten Grimassen, von Lachen über ärgerlich bis verzweifelt bis wütend, alles dabei.

    Während seiner 24 Jahre dauernden Karriere als Fotograf schreibt Rejlander diverse Texte, unter anderem verteidigt er eben die Fotografie und ihren Anspruch als „fine art“. Er gilt als der Vater der künstlerischen Fotografie, nicht nur, weil er als einer der ersten Aufnahmen inszenierte, die opulent waren, die originell waren, die allegorisch waren, die Gedanken transportierten, die er zunächst in seinem Kopf und seinen Skizzenbüchern formierte, bevor er sie als Fotograf festhielt, sondern auch, weil er weiterdachte und die verschiedenen Medien, die er kannte auf bis dahin ungewöhnliche Art und Weise kombinierte.

    Er ist einer der ganz frühen Piktorialisten und berühmte Namen wie Julia Margaret Cameron oder Lewis Carroll sind so unzweifelhaft von ihm beeinflusst, dass bis heute Aufnahmen mit seinen verwechselt werden. Und trotz all des Wirbels war es auch damals schon schwierig, als Fotograf kommerziell erfolgreich zu sein. Einerseits verkauft Rejlander ja einen Druck an Queen Victoria und produziert mehrere Aufnahmen, die zu seinen Lebzeiten berühmt wurden, aber reich wird er damit nicht.

    Als er 1875 im Alter von 62 Jahren stirbt, übernimmt seine Witwe Schulden und einen Laden, der nicht läuft. Der Fotoclub, in dem Rejlander hauptsächlich Mitglied war, die Royal Photographic Society of London fühlt sich seiner Witwe und seinem Nachlass verpflichtet und kauft einige seiner Negative. Damit gehen viele seiner Werke auch verloren oder in verschiedenen Sammlungen auf und obwohl kaum ein Fotograf so einflussreich in dieser Zeit gewesen sein dürfte wie er, verschwindet er zunächst in der Bedeutungslosigkeit. Und bis heute ist es so, dass bei seinem Namen die Leute zunächst auf Julia Margaret Cameron oder Lewis Carroll stoßen. Und das, obwohl Julia Margaret Cameron wahrscheinlich ihre Dunkelkammerfähigkeiten zum Teil mit Negativen von Rejlander geübt und gelernt hat und Lewis Carroll seinen Bildstil von seinen Bildern abgeleitet hat.

    Was ist Kunst, was nicht, ab wann ist es Kunst, wann nicht, kommt Kunst von Können, kommt Kunst von Absicht, kommt Kunst vom Zufall, ist man Künstler, weil man sich so nennt, oder weil andere die Werke bereit sind, zu kaufen, welche Rolle spielt das Nachahmen von vorangegangenen? Bei der Produktion von diesem Podcast entdecke ich immer wieder aufs neue, dass wir seit Anbeginn der Fotografie dieselben Fragen diskutieren und eigentlich immer wieder bei denselben Positionen ankommen.

    Rejlander jedenfalls war ein ungewöhnlich kreativer Kopf. Er war ein sehr humorvoller Mensch und er hat Dinge geschaffen, die bis heute nachwirken, ohne, dass sein Name den Ruhm erreicht hätte, den er eigentlich verdient hätte. Wir werden ihm noch öfter begegnen. Wir werden noch über Julia Margaret Cameron und über Lewis Carroll, über Clementina Hawarden oder über Queen Victoria sprechen, oder über John Herschel. Und bei keinem dieser Namen können wir es lassen, auch mal kurz über Oscar Gustave Rejlander zu sprechen.

    28 min
  • Farbfilmpflicht

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Pressefotografen hatten jahrzehntelang die Wahl ob sie Ereignisse in Farbe oder Schwarz-Weiß festhielten. Bestand die Wahrscheinlichkeit eines Titelbildes wurde in Farbe, in allen anderen Fällen monochrom fotografiert um Kosten zu sparen. Das alles änderte sich am 22. Januar 1987.

    • The Day That Made AP Photographers Switch to 100% Color Film
    • Filmmaker on Dwyer: Guilty as charged?
    • Dokumentation – Budd Dwyer, an honest man.
    • Treasurer may have saved pension for wife
    • R. Budd Dwyer (Wikipedia – Englisch, Deutsch)
    • Paul Vathis (Wikipedia, Englisch)
    • Paul Vathis – World Press Photo
    • Paul Vathis Nachruf (web.archive.org)
    • Wilt Chamberlain’s 100-point game (Wikipedia, Englisch)
    • Associated Press
    • Associated Press (Wikipedia, Deutsch)
    • Why The Associated Press Just Switched To Sony
    • How Digital Technology has Changed Photojournalism
    • Getty Images and Visual China Group Partner in Exclusive Global Distribution Partnership for Extensive Visual Content Collection of Corbis Images
    • Farbfilm (Wikipedia, Deutsch)
    • Kodak Kodachrome (Wikipedia, Deutsch)
    • Farbfotografie (Wikipedia, Deutsch)

    Episodenbild: Von DerFalkVonFreyburg – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4895560

    Transkript

    Unser kollektives Bildgedächtnis wird von der Pressefotografie dominiert. Und die eindrücklichsten sind oft die schmerzhaftesten Bilder. Tank Man. Napalm Girl. Das Hindenburgdesaster. Oder auch die neueren Fotos des versuchten Sturms auf das Capitol. Sie alle haben gemeinsam, dass sie Pressefotos sind und dass man sie über Bildagenturen wie „Associated Press“ einkaufen kann.

    Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien. Und die Medien bekommen ihre Bilder und Geschichten von um die Welt verteilten Nachrichtenagenturen. Die größte aller weltweiten Nachrichtenagenturen ist die „Associated Press“, deren Geschichte schon im Mai 1848 beginnt. Damals ging es weniger um Fotografie als um den zu der Zeit gerade stattfindenden Krieg zwischen USA und Mexiko. Man wollte schlicht nicht für jede Zeitung eigene Reporter runterschicken und so verständigte man sich darauf, weniger Journalisten loszuschicken und dafür dann deren Geschichten in mehreren Zeitungen gleichzeitig zu verwenden.
    In den 1880ern dann begann der Siegeszug der Fotografie in den Zeitungen. Und mit dem Bedarf an Fotografie stieg natürlich auch die Menge an Fotografinnen und Fotografen, die ihren Lebensunterhalt mit Pressefotografie bestritten. Pressefotografie ist nicht besonders glamourös: Die meiste Zeit verbringt man in Pressekonferenzen. Oder man wird auf organisierte Reisen hin zu Krisengebieten geschickt. Natürlich gibt es die Stars der Szene, die auf eigene Faust unterwegs sind, die aber dann meistens einen ganzen Tross von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschäftigen. Und in solchen Fällen ist es natürlich oft so, dass die Nachrichtenagenturen, bei denen sie unter Vertrag sind, für die entsprechenden Ressourcen sorgen.

    Es ist natürlich diese Wiederverwendung von Bildern, die Fotos dann auch ikonisch machen können. Wenn ein Bild erstmal auf hunderten von Titelseiten und auf tausenden von Nachrichtenportalen zu sehen ist, dann gibt es kein entkommen mehr, wir erinnern uns daran. Und ein Stück weit erklärt das auch, warum immer noch verhältnismäßig wenige private Aufnahmen ikonisch werden.
    Es ist einfach selten, dass die großen Ereignisse stattfinden, ohne, dass wenigstens eine Pressefotografin mit im Raum ist. Und wenn der oder die dann auf den Auslöser drückt, dann wird das Bild, das da geschossen wurde, nicht nur vermutlich mit besserem Equipment fotografiert als das durchschnittliche Handyfoto. Viel wichtiger ist, dass es gleich im Anschluss in ein weltweites Netzwerk gekippt wird und so wesentlich mehr Verbreitung findet.
    Associated Press ist als Genossenschaft organisiert, man ist also Mitglied. Es gibt über 1400 Mitgliedsorganisationen, die DPA ist ein Beispiel dafür. Und diese Mitgliedsorganisationen, die beschäftigen zum Teil in Festanstellung, zum Teil als freie Mitarbeiter eine Heerschar von Fotografinnen und Fotografen. Damit steigt natürlich dramatisch die Chance, dass bei wichtigen Ereignissen auch die richtigen Menschen vor Ort sind, um diese zu dokumentieren.

    Zumindest für die fest angestellten Profis gilt ein Regelwerk von Associated Press, wie die Fotos beschaffen sein müssen. Und zum Teil wird auch das Equipment gestellt. Zurzeit zum Beispiel fotografieren Fotografinnen und Fotografen, die bei AP unter Vertrag sind, mit Equipment von Sony. Ganz besonders Sportfotografie wird mit den Sony Alpha Kameras gemacht und garantiert sozusagen damit Sony ikonische Fotos, die sie dann wiederum in ihren Kampagnen verwenden können. Win Win.
    Aber neben dem einzusetzenden Equipment gab es immer auch schon ganz praktische Guidelines. So dürfen AP-Fotos nur minimal bearbeitet werden. Am Kontrast zupfen oder ein bisschen zuschneiden, meinetwegen. Aber Elemente wegstempeln geht schon nicht mehr.
    Heutzutage müssen Fotos digital und in ausreichender Auflösung und in Farbe vorliegen. Wer sich also an den alten Meistern orientiert und mit einer Messsucherkamera Fotos auf körnigem Schwarz-Weiß festhält, wird die bei Associated Press und Co. nur noch loswerden, wenn durch irgendeinen Zufall das eigene Bild das einzige verfügbare Foto von einem wichtigen Moment war.

    Allerdings passiert auch das öfter, als man denkt. Also, dass nur ein Fotograf, eine Fotografin zufällig vor Ort ist und das einzige verfügbare Foto macht. Selbst in einer Welt, in der wir alle mit Digitalkameras in Form von Smartphones ausgestattet sind, gewinnt dann im Zweifel der professionelle Instinkt und das gekonnte Bedienen der Technik die Oberhand, sollte man als Fotojournalist zufällig gerade vor Ort sein.
    Und so erklärt sich auch, warum die Branchenpreise, zum Beispiel der Pulitzer-Preis oder der World Press Photo Award erstaunlicherweise oft mit One-Hit Wonders gefüllt sind. Also einzelnen Bildern, die absolut ikonisch sind, für die man dann eine Fotografin oder einen Fotografen als Urheber ausmacht, von denen ist wenig weiteres Material zu geben scheint. Die haben natürlich trotzdem tausende, zehntausende, manche hunderttausende Fotos produziert, aber halt als Pressefotografen für die Presseagentur und weniger in Form von Fotobüchern oder Prints oder irgendwelchen anderen Veröffentlichungen. Heute möchte ich die Geschichte von einem dieser Fotografen erzählen; Paul Vathis.

    Der Sohn griechischer US-Immigranten verbringt den Großteil seines Lebens in seinem Geburtsstaat Pennsylvania in den USA. 56 Jahre lang war er Fotograf für AP. Und wer ihn als Mitglied des Pressepools irgendwo bei einem Auftrag treffen würde, hätte wahrscheinlich nicht gedacht, dass er es mit einem Pulitzer-Preisträger zu tun hatte. Paul war ein guter Fotograf, aber keiner, der Fotobildbände produzierte. Aber Paul hatte ein Händchen dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, oder, falls er durch den Zufall an den richtigen Ort gebracht wurde, zumindest immer eine Kamera parat zu haben.
    So war er zum Beispiel am 2. März 1962 der einzige Pressefotograf und der einzige mit einer professionellen Kamera, als sich abzeichnete, dass das Basketballspiel, zu dem er mit seinem Sohn gegangen war, ein Rekordspiel werden würde. Der Spieler Wilt Chamberlain setzte damals nicht nur einen der ganz großen Sportrekorde in der Geschichte des Basketballs, sondern verschaffte damit der NBA endgültig den Durchbruch gegenüber den damals noch dominanten Collage Sport Leagues. Ja, und Paul war nicht nur der einzige Pressevertreter vor Ort, er war auch der einzige, der eine Kamera dabei hatte und so nutzte er die Gelegenheit, die einzigen Pressefotos von dem Event zu produzieren.
    Das Bild, für das er dann später den Pulitzer-Preis gewinnen sollte, war ein anderes Foto. Als Pressefotograf ist er in Camp David und er macht eine Aufnahme von einem nachdenklich ins Gespräch vertieften Präsidenten Kennedy und ehemaligen Präsidenten Eisenhower, die die gerade noch frischen Ereignisse der Invasion in der Schweinebucht diskutieren. Fotografisch gibt das Bild nicht viel her. Aber die Ereignisse sind natürlich explosiv und so ist dieses Gespräch auf Augenhöhe zwischen Präsident und ehemaligen Präsidenten natürlich etwas Besonderes.

    Das Bild ist schwarz-weiß, wie fast alle Pressefotos aus der damaligen Zeit. Und das ist ganz interessant, denn auch unsere Erinnerungen an die Epochen, die da festgehalten wurden, sind oft von Schwarzweißfotos geprägt, und das, obwohl seit den 60er Jahren eigentlich Farbfilme die meistverkauften Filme sind.
    Die ersten Farbfilme tauchen sogar noch viel früher auf. Am Ende des 19. Jahrhunderts, in den 1890er Jahren, gibt es die ersten ernsthaften Experimente, Farbfilme zu produzieren und Farbaufnahmen werden gefertigt. Die waren natürlich weit von jeglicher Serienreife entfernt. An die kam man dann 1912 bis 1915 näher. Und 1935 wird der legendäre und später marktführende Kodachromefilm auf den Markt gebracht.
    Kodak hat zunächst die Filmbranche im Blick, schnell wird aber auch klar, dass der Markt der Kleinbildfotografie ein ebenso lukrativer ist. Die Filme lassen sich teurer verkaufen, die Entwicklung ist aufwändiger und kostet mehr Geld und somit sind auch die Margen höher. Ab 1960 ist der Großteil des verkauften Filmmaterials Farbe. Das liegt aber daran, dass die meisten Fotografien im privaten Umfeld gemacht werden.

    Pressefotografen hingegen halten ja Ereignisse fest. Und es gilt als ausgemacht, dass man dafür eigentlich normalerweise keine Farbe braucht. Tageszeitungen werden immer noch monochrom gedruckt und selbst Magazine drucken nicht jede Seite in Farbe, sondern wechseln das gerne auch einmal ab.
    Und so gibt Associated Press die Vorgabe aus, dass Fotos in schwarz-weiß gemacht werden, außer es besteht die Annahme, es könnte sich um Titelseitenmaterial handeln. Wenn es diesen Verdacht gibt, also, dass es eventuell zu wirklich spektakulären Bildern kommen könnte, dann haben die Profis mehr als eine Kamera dabei und in irgendeiner der Kameras befindet sich dann auch ein Farbfilm. Solche Gelegenheiten sind aber im Alltag der meisten Pressefotografinnen und -Fotografen eher selten, denn wenn man der Pressekonferenz des lokalen Kaninchenzüchtervereins beiwohnt, wird man vermutlich keine Titelseite fotografieren. Und viele entscheiden deswegen noch bevor sie überhaupt losfahren, welches Filmmaterial sie einpacken.

    Lokalkonferenz von einem Provinzpolitiker? Aah, vielleicht doch eher schwarz-weiß. So oder so ähnlich dachten sich das Paul und seine Kolleginnen wohl am 22. Januar 1987, als sie sich auf dem Weg zur Pressekonferenz des damaligen Treasurers, Senatoren und Lokalpolitikers in Pennsylvania Budd Dwyer machten. Budd Dwyer war in einen Bestechungsskandal verwickelt. Er hätte, so der Vorwurf, einen großen staatlichen Vertrag im Tausch gegen einen 300000 Dollar Kickback an ein Unternehmen aus Kalifornien vergeben. Das Ganze zieht sich über Monate hin. Es kommt zu einer ganzen Reihe von Rechtsverfahren. Und Rechtsverfahren in den USA sind teuer, insbesondere, wenn man als Staatsbediensteter wie Dwyer gerade mal 58000 Dollar im Jahr verdient. Dwyer bietet irgendwann an, einen Lügendetektortest zu machen, aber unter der Bedingung, dass ein negatives Testergebnis bitte zum Ende des Verfahrens führen sollte, eine Bedingung, die abgelehnt wird. Er wird von einem lokalen Gericht schuldig gesprochen, ein Urteil, das er anfechtet. Am 23. Januar 1987 steht eine finale Entscheidung an und so erwarten alle, dass Dwyer in der Pressekonferenz am 22., also am Vortag, seinen Rücktritt als Treasurer erklären wird. Und sowas ist sicherlich interessant für die Lokalpresse, aber Titelseitenmaterial ist es nicht. Und deswegen packt niemand Farbfilme ein. Alle Fotografinnen, auch Paul, laden ihre Kameras mit Schwarzweißfilmen.

    Dwyer hält eine Rede, 30 Minuten lang, in der er unter anderem nochmal versucht, darzustellen, dass er sich keinerlei schuldbewusst ist, dass er das Opfer einer Schmutzkampagne ist, einer Kampagne, gegenüber der er sich wehrlos ausgeliefert sieht, eine Kampagne, die ihn zu ruinieren droht. Sein Staff und die anwesenden Journalisten sind sich sicher: Jeden Augenblick wird der angekündigte Rücktritt kommen.
    Aber das ist der Moment, in dem das Ganze eine drastische Wendung nimmt. Dwyer greift zu einem Umschlag, aus dem er eine 357er Magnum herauszieht, das ist ein massiver Revolver. Die Leute im Raum erkennen, was er zu tun versucht und reden auf ihn ein. Dwyer sagt noch, dass die, denen das jetzt gleich zu schockierend sein wird, doch bitte schnell den Raum verlassen mögen, und es soll ihm bitte niemand zu nahe kommen, er will niemanden verletzen. Aber es ist klar, dass, wenn er nicht schnell handelt, irgendjemand auf ihn draufspringen und ihm die Waffe abnehmen wird. Und deswegen nimmt er den Revolver, steckt ihn sich in den Mund und drückt ab. Er ist sofort tot.

    So viel also zu einer langweiligen Pressekonferenz, die kein Titelseitenmaterial wird. Genau das Gegenteil ist der Fall. In den USA ist dieser Selbstmord auf jeder Titelseite. Das Bild, das auf den Titelseiten auftaucht, ist das Schwarzweißfoto von Paul Vathis. Es zeigt Budd Dwyer mit entschlossenem Gesichtsausdruck und dem Revolver in der Hand, Sekundenbruchteile, bevor er sich den Lauf in den Mund steckt. Paul war zufällig am richtigen Ort gestanden und hatte die Kamera sowieso gerade auf ihn gerichtet. Und so hält er den Moment ohne Wiederkehr fest.
    Es gab eine Farbfilmaufnahme dieses ganzen Moments, und zwar war eine Nachrichtenkamera mit im Raum für die lokale TV-Station. Die hatte aber nicht nur einen ungünstigeren Winkel, sondern auch schlechtere Bildqualität und so konnte man das Bild nicht für Printmedien, für Magazine und Zeitungen verwenden.

    Trotzdem liefen diese Aufnahmen natürlich in den folgenden Wochen kreuz und quer durch die USA. Die TV-Sender spalteten sich in zwei Lager. Die Mehrzahl der Stationen entschied sich aktiv dagegen, den Schuss zu zeigen, aber natürlich gab es auch die TV-Stationen, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, das Video in all seinen Details abzuspielen. Und so kam es in den USA gleich auch noch zu einer Medienethikdebatte, zusätzlich zu der Frage, ob Budd Dwyer durch seinen Selbstmord nun bewiesen hat, wie unschuldig er gewesen war oder wie schuldig er denn nun sein musste. Schuldig war dann auch der Urteilsspruch der nachfolgenden Verhandlungen.
    Allerdings blieb auch ein ziemlich fader Geschmack und einiges an Fragen zurück, denn es tauchte der Verdacht auf, dass Budd Dwyer den öffentlichen Freitod gewählt hatte, um seiner Familie den finanziellen Ruin zu ersparen. Die schon aufgehäuften Verfahrenskosten waren weit mehr als er sich eigentlich leisten konnte und hätte er abgewartet, bis er endgültig schuldig gesprochen war, ein Urteil, das als sicher galt, dann hätte er jegliche Pensionsansprüche verloren. Zu der Zeit die höchsten Pensionsansprüche, die jemals in der Geschichte von Pennsylvania ausgezahlt worden waren, über 1,3 Millionen US-Dollar. Weil Budd Dwyer noch vor dem Schuldspruch aus dem Leben geschieden war, konnte seine Witwe diese Pensionskosten geltend machen und damit den finanziellen Ruin abwenden.

    Bis heute gibt es Leute, die Zweifel an dem Schuldspruch anmelden und der Überzeugung sind, Budd Dwyer wäre eigentlich unschuldig gewesen. Die TV-Stationen gaben sich zum Teil neue Regeln in solchen Fällen. Schockierende Ereignisse wie der Freitod vor der Kamera sollten einfach nicht mehr ungefiltert ausgestrahlt werden dürfen. Und Paul Vathis war ein weiteres Mal zum Pulitzer-Preis nominiert.
    Gewonnen hat er ihn damals nicht, aber er war der letzte Associated Press Photographer, der ein schwarz-weißes Pressebild zum Pulitzer einreichte. Denn AP gab sich mit dem Ereignis rund um Budd Dwyer neue Regeln: Egal, ob es teurer in der Entwicklung und in der Anschaffung sein würde, ab jetzt mussten Pressefotos in Farbe sein.

    1990 dann begann nach und nach der Siegeszug der Digitalkameras. Der war am Anfang noch gemächlich, aber eben auch von Anfang an in Farbe. Die erste Digitalkamera, die für Journalistische Zwecke verwendet wurde, war in Kooperation zwischen Kodak und Associated Press. 0,8 Megapixel hatte diese Kamera. Als dann rund um das Jahr 2000 die ersten digitalen Spiegelreflexkameras mit über 6 Megapixeln auf dem Markt waren, war es um die Filmkameras nach und nach geschehen – 2010 waren analoge Kameras zumindest in Pressekonferenzen komplett verschwunden. Und das ist vielleicht eine dieser wichtigen Unterscheidungen: Es gibt nach wie vor Pressefotos, die auf Film gemacht werden. Das sind aber dann keine zeitkritischen Aufträge. Und meistens sind es dann auch die Fotografinnen und Fotografen, die schon immer mit Film gearbeitet haben und schon seit ein paar Jahrzehnten im Geschäft sind.
    Ganz allgemein hätte sich dann heute außerdem auch die Lage komplett gedreht: Die billigsten Filme und die niedrigsten Laborkosten hätten heute Farbfilme. Es sind die Schwarzweißfilme, die inzwischen zur Ausnahme werden, die von Hand anstatt automatisiert entwickelt werden müssen. Und drum mag es so sein, dass schwarz-weiß unser ikonisches Pressefotogedächtnis geprägt hat. Aber moderne Bilder, die sind nur dann noch in schwarz-weiß, wenn die Fotografinnen und Fotografen das aus künstlerischen Gründen aktiv so entschieden haben.

    Unser kollektives Bildgedächtnis wird geprägt von Bildagenturen. Associated Press ist die größte Nachrichtenagentur der Welt und damit eine der wichtigsten Bildlieferanten. Und zusammen mit Getty und Corbis dominieren sie, welche Bilder wir sehen und welche Nachrichten wir lesen. Kleiner Infoschnipsel dazu am Rande: Corbis und Getty Images, die zwei größten reinen Bildagenturen der Welt, gehören einer chinesischen Investorengruppe. Im Grunde bekommen wir also die Bilderflut um uns herum mehr oder weniger aus ein bis zwei Händen. Und ich finde, das sollte uns, egal ob jetzt Farbe oder schwarz-weiß, wirklich zu denken geben.

    19 min
  • Gedanken auf Polaroid

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Zwischen 1965 und 1975 kommt es zu einer Blüte der Esoterik. Uri Geller verbiegt vor laufender Kameras Löffel und in Chicago fotografiert der arbeitslose Alkoholiker Ted Serios tausende Male seine Gedanken auf Polaroid.

    • Ted Serios (Englisch, Wikipedia)
    • Jule Eisenbud collection on Ted Serios and thoughtographic photography
    • Es spukt immer noch… (Zeit Online)
    • Weird Historian – Ted Serios, the Man Who Could Print Photos From His Mind
    • ‘Psychic Projections’ Were a Hoax
    • The Sceptics Dictionary – Thoughtography
    • Hoaxes.org – Thoughtography

    Transkript

    Feenfotografie, Geisterfotografie, Aurafotografie: Die Welt der Fotografie erstreckt sich weit über das hinaus, was wir sehen können und da finde ich, müssen wir heute dringend auch einmal über Gedankenfotografie sprechen.

    Keine Sorge, keine Sorge, der Dirk ist jetzt nicht unter die Schwurbler gegangen, ich halte alles, was ich jetzt dann gleich erzählen werde, für liebevoll aufbereiteten Humbug, trotzdem sehr verblüffenden Humbug und Humbug, der immerhin mehrere Bücher inspirierte und auch heute noch wissenschaftlich untersucht wird. Dabei geht es um eine ziemlich steile Behauptung, nämlich, dass es Menschen geben könnte, die durch die Kraft ihrer Gedanken Fotos entstehen lassen können.

    Der Erste, der diese Behauptung aufgestellt hat, war ein Mann namens Ted Serios. Ted schlug sich in dem Chicago der 60er Jahre, seiner Heimatstadt, als ein sogenannter Bellhopper durch. Bellhopper, das sind Pagen, die auf Zuruf Gepäck tragen und einfache Hilfsarbeiten erledigen. Und Ted war gerade arbeitslos, als er zum Ende der 60er Jahre hin Schlagzeilen in der Lokalpresse macht, mit der Behauptung, er könnte seine Gedanken fotografieren.

    Ein Psychiater aus Denver, Jule Eisenbud, wird auf ihn aufmerksam und beschließt, das ganze zu untersuchen. Und schon nach den ersten Sitzungen ist Jule überzeugt, hier einer echten Sensation auf der Spur zu sein und fängt an, zum Teil sehr ausführlich geplante Experimente aufzusetzen. Wobei, ich bin mir sicher: Das, was man da Experiment nannte, ist vielleicht nicht das, was heute ein wissenschaftliches Gremium akzeptieren würde.

    Drei Jahre lang wird auf jeden Fall in hunderten Sitzungen diese Fähigkeit von Ted Serios unter die Lupe genommen. Es gibt Videoaufzeichnungen davon, und was da abgeht, ist schon einigermaßen bizarr. In den Videoaufzeichnungen, die man noch findet, sieht man eine Gruppe von Männern um Ted Serios herumgruppiert. Ted Serios trinkt ein Bier, einen Schnaps nach dem anderen, geht dann immer wieder auf eine bereitgehaltene Polaroidkamera zu, macht ein konzentriertes Gesicht und schreit manchmal, zuckt manchmal und brüllt: „NOW!“. Das ist dann halt immer der Moment, indem der jeweilige Kamerahalter auslöst.

    Die auf Polaroid gemachten Aufnahmen werden natürlich dann auch sofort gesichtet und manchmal zeigen die dann irgendetwas. Hin und wieder sind sie einfach nur schwarz, hin und wieder sind sie einfach nur weiß, manchmal aber tauchen da dann Bilder auf. Ted währenddessen trinkt weiter, raucht wie ein Schlot, flucht zwischendurch, macht dumme Witze, zieht sich auch gerne mal halb aus, und wären da nicht die Bilder, die von anwesenden Wissenschaftlern detailliert beschrieben und dokumentiert werden, könnte man das Ganze auch für eine bizarre Ein-Mann-Orgie halten.

    1985 beschreibt Jule Eisenbud das Ganze in einer Fernsehsendung namens „The world of strange powers“ so:

    [Einspieler]

    Eisenbud: „When he was hot, when he was in the groove, what happened, was that first, he would start by alternating whities and blackies. Blackies is total obstruction of the light, no light getting in, whities is total overexposure, which shouldn’t have been. Then, the pictures would start getting darker and darker and darker, and then he would start to imprint parts of the people or scenes.“

    Sprecher: „Like this church in germany where Ted had never been.“

    Ja, also Jule Eisenbud beschreibt hier, was passierte, wenn Ted erstmal so richtig in Schwung war, also auch gut angetrunken in den meisten Fällen, da würden dann nämlich plötzlich komplett über- und unterbelichtete Polaroids auftauchen und dann irgendwann plötzlich auch noch einzelne Bilder, auf denen man Dinge erkennen kann. Manchmal schärfer, manchmal weniger scharf, manchmal auch abwechselnd, jedenfalls verblüffend, denn das waren dann zum Teil Fotos, die Ted auf Aufforderung produzierte oder Bilder von Orten, an denen er wie gesagt noch nie gewesen war und manchmal auch Fotos, die zumindest in Teilen verändert zu sein schienen. Also wo dann vielleicht mal Schriftzüge falsch waren oder ähnliches.

    Jule Eisenbud erklärt: Das ist ähnlich wie in Träumen. Da verdrehen wir ja auch einzelne Details und so ist es eben bei diesen Thaughtographies, wie er es nennt, eben auch der Fall.

    Eisenbud verbringt knapp drei Jahre mit Ted und macht Versuch über Versuch über Versuch und schreibt zum Schluss seine Erkenntnisse in ein Buch. „The world of Ted Serios: „thoughtographic“ studies of an extraordinary mind“. Das Buch kommt raus und die Medien sind fasziniert.

    Irgendwie war es anscheinend in der Luft zu der Zeit. Es sind jetzt inzwischen die 70er und Uri Geller verbiegt vor laufender Kamera Löffel. Warum soll dann nicht ein Amerikaner seine Gedanken auf Polaroid bannen können? 

    Hören wir nochmal kurz in eine diesmal auf Deutsch übersetzte Doku rein:

    [Einspieler]

    „Wir haben als Ziel die Darstellung eines prähistorischen Menschen gesetzt. Um Ted in Stimmung zu bringen, brachte man den Schädel und verschiedene Instrumente eines echten Urmenschen in das Versuchszimmer. Stunden vergehen. Wir knipsen hunderte von Bildern, kein Resultat. Wir werden ungeduldig. Da geschieht etwas Unerwartetes: um 18:25 entsteht ein pechschwarzes Bild. Normalerweise wäre das unmöglich, da der Raum hell erleuchtet ist. Nach einer Reihe von schwarzen Bildern zieht sich Ted bis zum Gürtel aus. Er hat bereits zwölf Flaschen Bier getrunken, flucht ununterbrochen und schwitzt. Um 19:14 zeigt sich das erste Resultat: der Oberkörper eines nackten, langhaarigen Menschen vor dem Hintergrund einer Felswand. „

    Richtig gehört: Man musste schon Geduld mitbringen, wenn man einer Ted Serios Session beiwohnen wollte. Mehrere Stunden lang sah man ihm im Wesentlichen dabei zu, wie er sich systematisch betrank. Zwölf Flaschen Bier – Da kann ich wahrscheinlich auch Fotos auf Polaroid entstehen lassen.

    Aber wie hat er das denn nun gemacht? Kurz nach Veröffentlichung von Eisenbuds Buch schreibt das etablierte Fotomagazin „Popular Photography“ einen ausführlichen Artikel über die Fotografie von Ted Serios. Eins fällt nämlich sofort auf: Ted fotografiert meistens mit einer kleinen Plastik- oder Papierrolle, die er in der Hand hält. Er nennt es sein „gizmo“. Er hält diese Rolle vor die Kamera, während ausgelöst wird. Und genau in diesem Ding vermuten seither alle den eigentlichen Trick. Denn in dieser Rolle lässt sich natürlich unter Umständen ein Bild unterbringen und wenn man diese Rolle dann nah genug an die Kamera hält, ja, dann entstehen da unter Umständen genau die Bildeindrücke.

    Es gibt Fotografen, die das mit einer ähnlichen Konstruktion nachmachen. Freilich können die nicht erklären, wie Ted Serios mit zwölf Bier im Kasten in der Lage sein soll, zum Teil zehn bis fünfzehn anwesende Beobachter hinters Licht zu führen und die Fotos in diesen Rollen gegebenenfalls auszutauschen oder verschwinden zu lassen. Aber wenn wir mal kurz für den Moment annehmen, dass das Fotografieren von Gedanken eigentlich ausgeschlossen ist, dann muss es fast irgendsoetwas sein, denn die Kameras berührte er in der Regel nicht. Also außer eben mit diesem Röllchen. Und weil Ted Serios ja weder an den Kameras noch später in der Dunkelkammer Veränderungen vornehmen konnte, musste es unter Umständen ja irgendwie an diesem Röllchen passiert sein.

    Der Artikel kommt raus und Ted-Serios-Fotografien gelten als debunked. Eisenbuds Bücher liegen plötzlich wie Blei in den Regalen. Nur noch in den Spezialabteilungen für Esoterik kann man diese Bücher kaufen. Er veröffentlicht einen Gegenartikel und ruft eine Challenge aus: Wer solche Fotos produzieren kann, möge sich melden. Man sei bereit für einen fairen Wettkampf.

    Als der bekannte Illusionist und Schwurbeldebunker James Randi sich melden will, werden ihm Bedingungen diktiert, die er nicht einhalten kann. Er soll sich in einen faradayschen Käfig setzen, nackt, und dabei betrinken. Und wenn er das macht und solche Fotos produzieren kann, dann gilt die Herausforderung als gewonnen. James überlegt kurz, „…vor laufender Kamera nackt in einem faradayschen Käfig betrinken..“, und lehnt dann dankend ab.

    Seither spaltet sich die Welt in zwei Lager: Die einen, die behaupten, James Randi hätte Ted Serios debunked und die andere Hälfte, die sagt, das habe er nie auch nur versucht. Und ich glaube, die Wahrheit liegt irgendwie so in der Mitte. Ich vermute mal, James Randi hätte solche Fotos produzieren können, er hatte nur wenig Lust, sich nackt in einem Käfig vor Kameras abfilmen zu lassen, während er das macht.

    Irgendwann kommt es dann zur letzten Aufnahme von Ted Serios. Bei einer der Experimentalsessions taucht ein Bild auf, das einen fallenden Vorhang zeigt. Und das soll das letzte Bild sein, das Ted Serios erzeugen kann. Es gibt noch mehrere Sitzungen, in denen aber hin und wieder auch mal Blackies und Whities produziert, aber Fotos, Fotos seiner Gedanken produziert er nicht mehr. Auch nicht, wenn er zwölf Bier getrunken hat.

    Und hier endet auch die öffentliche Geschichte von Ted Serios. Er verschwindet so schnell, wie er aufgetaucht ist. Die Welt interessiert sich deutlich weniger für ihn, jetzt, wo er keine Photographs mehr produziert. Eisenbud und er halten noch weiter Kontakt, Eisenbud wird noch eine weitere Ausgabe seines Buches schreiben, jetzt mit einem zusätzlichen Kapitel, in dem er auf die Vorwürfe des Betruges eingeht.

    Die Fotos werden gesammelt, einer Universitätsbibliothek gespendet und es wird weiterhin an diesen Bildern geforscht, wobei das Ganze allgemein auf das Feld der Parapsychologie und philosophischen Studien beschränkt bleibt. Denn auch, wenn Ted Serios davon träumte, eventuell Fernaufklärung für die US-Army machen zu können oder für die NASA Fotos von der Oberfläche des Mondes Ganymede zu produzieren, eine Behauptung, die Eisenbud versuchte, mit Astronomen zu beweisen, ja, selbst, wenn das ein ernsthaftes Ziel gewesen war, dann sind die Ergebnisse trotzdem zu unscharf, zu ungenau und angenehmerweise damit auch schwer beweisbar.

    Und irgendwann hatte er dann vermutlich keine Lust mehr, vor laufender Kamera Besäufnisse zu veranstalten und „verlor“ seine Fähigkeit.

    Der ganze Spuk endet also ungefähr 1969. Eisenbud und Serios halten noch weiterhin Kontakt bis zu Eisenbuds Tod 1999, dem sieben Jahre später, am 30. Dezember 2006 dann auch Ted Serios nachfolgt.

    14 min
  • Das ultimative Anti-Kriegs-Bild

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Am 8. Juni 1972 macht Nick Út die Aufnahme „Terror of War“ die ihn zum jüngsten Gewinner des Pulitzerpreises in der Kategorie Pressefoto machen sollte. Wir kennen das Bild unter „Napalm Girl“ und schreiben ihm zu den Verlauf des Krieges geändert zu haben. Heute erzähle ich die Geschichte des Bilds und gehe der Frage nach ob die Zuschreibung eigentlich stimmt…

    Das Episodenbild ist eine andere Aufnahme aus der Reihe Aufnahmen die an dem Tag entstand. Es zeigt den Moment des Einschlags und macht deutlich dass hier Reporter in militärischer Kleidung in zwei Reihen standen (die Personen die im Bild zu sehen sind waren Mitglieder des Presseteams vor Ort).

    • Phan Thị Kim Phúc (Wikipedia)
    • Nick Út (Wikipedia)
    • The Terror of War – Die Geschichte hinter dem Foto (Prof. Gerhard Paul)
    • The Myth Of The Girl In The Photo
    • “Napalm Girl”: The Photo that Changed the World
    • The Famous Pictures Collection – Vietnam Napalm Girl
    Transkript

    Je länger ich mich mit der Geschichte der Fotografie beschäftige, desto öfter kommt die Frage auf, ob Bilder die Welt verändern können. Erzählt ein Bild wirklich mehr, als 1000 Worte, wie das Sprichwort uns glauben machen will? Gilt das nicht mindestens für die berühmte Aufnahme, die Nick Ut am 08. Juni 1972 gemacht hat, die als Napalm Girl in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegangen ist? 

    Eigentlich heißt das Bild Terror of War. Es ist Bild Nummer sieben auf einer von mehreren Filmrollen, die Nick Ut an dem Tag vollgeschossen hat. Nick Ut war vietnamesischer Reporter für associated Press. Sein Handwerk hatte ihm sein Bruder beigebracht, der siebte in seiner Familie. Deswegen glaubt Nick Ut bis heute, dass es ein letzter Gruß seines Bruders war. Der war wenig vorher im Einsatz ums Leben gekommen. Weil Nick die Fotografie von ihm gelernt hatte und durch ihn bei associated Press arbeitete, bat die Familie den damaligen Bildredakteur, Nick auf diese Stelle zu setzen. 

    So wurde aus Nick ein Kriegsreporter, der im Einatz fotografierte. Das Bild zeigt eine Szene aus einem Krieg, von dem wir vermutlich ganz allgemein sehr verzerrte und sehr wenige Vorstellungen haben. Die Amerikaner hatten irgendwas damit zu tun. Es gab auch die Friedensbewegung, die dagegen war, dass Amerikanische Soldaten irgendwo in Asien Babys und Frauen mit Napalm töteten. So oder ähnlich ist es vermutlich im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben. Zurück von unserer kollektiven Erinnerung zu diesem Bild. 

    Die Aufnahme, die von Nick Ut The Terror of War genannt wurde, kennen die meisten als Napalm Girl. Ich bin mir sicher, die meisten Hörer wissen sofort, welche Aufnahme gemeint ist. Es ist ein oft ikonisch genanntes Bild, da es so berühmt ist, dass es fast jede und jeder kennt und da ihm Macht zugesprochen wird. Es wird angenommen, dieses Bild habe die Welt verändert, den Verlauf des Vietnam Kriegs vielleicht beeinflusst. 

    Die Aufnahme zeigt insgesamt neun Menschen, wovon fünf Kinder sind. im Zentrum sieht man besonders eindrücklich ein Mädchen, das sich komplett die Kleidung vom Leib gerissen hat und schreiend auf den Kameramann zuläuft. Es ist das damals neunjährige Mädchen Phan Thị Kim Phúc. Es hat sich die Kleidung vom Leib gerissen, da es durch den Napalm Angriff getroffen worden war und ihre Kleidung in Flammen stand. 65 Prozent ihrer Haut war verbrannt. Das sehen wir auf dem Bild nicht. Wir wissen nur, dass es Napalm Girl ist und können uns eins und eins zusammenrechnen. 

    Durch den Rauch im Hintergrund, die vier männlichen Gestalten in militärischer Kleidung können wir uns erschließen, dass diese Szene in einem Krieg aufgenommen wurde. Der Junge vorne links im Bild schreit noch viel eindrücklicher, als das Mädchen. Als ich die Aufnahme letztlich anlässlich des Jubiläums durch Social Media laufen sah, habe ich im ersten Moment sofort an den Schrei von Munch gedacht. Man sieht im Gesicht existenzielle Angst und Schmerz und davon viel. Wir schauen uns diese Kinder an und können gar nicht anders, als mit ihnen mitzufühlen. Wir sehen diese Angst und den Schmerz und wollen helfen. 

    Als Nick Ut diese Bilder nach erfolgter Entwicklung sieht, weiß er sofort, dass Bild sieben a auf seiner Rolle ein absoluter Treffer ist. Das ist die Aufnahme, die für diesen Angriff stehen wird und die auch sein Bildredakteur in Saigon sofort an die Firmenzentrale von associated Press schicken lässt. Es ist nicht genau die Aufnahme, sondern eine leicht zugeschnittene Fassung. Die Reporter, die an der Seite mit den Kindern mitlaufen sowie die Großmutter, die einen sterbenden Säugling auf dem Arm hält, lenken nur vom Hauptmotiv des Mädchens in der Mitte ab. 

    Die Komposition ist wie sie im Endeffekt in den Medien landet viel mächtiger. Das Bild ist so wirkmächtig, dass fast alle führenden großen Zeitungen und Magazine dieses Bild für die Berichterstattung über den Stand im Vietnam Krieg benutzen. Interessanterweise müssen, je nachdem in welchen Ländern sie sind, manche davon dafür Sondergenehmigungen beantragen. Es ist ja ein nackter Mensch darauf abgebildet. Kurz wird ein bisschen daran herumretuschiert. Es gab einen Schatten, den man mit Schamhaar hätte verwechseln können. Der wurde aus dem Bild rausgebleicht. Mein Gott. Bomben, Tote, Gewalt sind gar kein Problem. Ih, da ist ein Schamhaar, wie unangemessen. Das Bild gibt dem Krieg ein Gesicht und entsetzt die Menschen. 

    In diesem Jahr gewinnt Nick Ut für dieses Foto den Pulitzer Preis. Es ist das Pressefoto des Jahres. Wir wissen, wenn wir mit uns ehrlich sind auch, warum. Das Bild zeigt Kinder unter Schmerzen und Angst. Diejenigen von uns, die selber Kinder haben, schauen sich dieses Bild an und stellen sich vor, wie es so ihren eigenen Kindern furchtbarerweise gehen könnte. Das Mädchen ist nackt und sieht vollkommen hilflos aus, was durch ihre Nacktheit verstärkt wird. In der Fotografie gibt es zwei Sachen, auf die wir Menschen vorhersagbar anspringen. Das eine ist Nacktheit. Das andere ist Menschen in Gefahr oder unter Schmerzen. Dieses Foto kombiniert beides. 

    Nick macht mehrere Aufnahmen von dem Mädchen, kümmert sich aber relativ schnell um sie. Er gibt ihr Wasser, kühlt ihren Körper, hilft den Kindern in einen Lieferwagen von associated Press und begleitet das Mädchen ins Krankenhaus. Dort soll er seinen Status als Reporter von associated Press klargemacht haben. Das Mädchen wäre so gut wie berühmt, da die Bilder um die Welt gehen werden. So wäre es im Interesse der Ärzte und Schwestern, sich ganz besonders gut um die Kleine zu kümmern. Am nächsten Tag landet das Bild ja auch in der Weltpresse. Man wusste damals sehr wohl, was gerade der Stand im Vietnam Krieg ist. Das wissen wir heute nicht mehr, weshalb man es fast verzeihen kann, dass die meisten Menschen glauben, dieses Bild zeige einen Angriff der Amerikaner auf Vietnamesen. 

    Viele glauben, dieses Bild hätte für das Aufflammen der Friedensbewegung und das Ende des Vietnamkriegs gesorgt oder dazu beigetragen. Beides stimmt so nicht. Fangen wir mit dem ersten Mythos an. Wer hat da eigentlich gegen wen gekämpft? Also 1972 die Aufnahme in Südvietnam entsteht, sind die Amerikaner längst auf dem Rückzug aus Vietnam. Aus dem Vietnam Krieg, in dem die Amerikaner Kriegspartei sind, wird ein Krieg, in dem Südvietnamesen gegen Nordvietnamesen kämpfen. Genauso einen Angriff sehen wir auf diesem Bild. Es war dem Piloten auch nicht um das Dorf gegangen. Sie hatten eine außerhalb des Dorfes gelegene Befestigungsmauer angegriffen. Die Familie des Mädchens und die Kinder hatten aber beschlossen, von dem Dorf aus die Straße runter zu laufen und sie waren sozusagen zwischen die Angriffe geraten. Diese Angriffe waren der Grund, weshalb zwölf Reporter auf dieser Straße standen. 

    Diese Erkenntnis kommt mir in letzter Zeit immer wieder. Obwohl Kriegsreporter öfters im Rudel arbeiten und eine Art organisierte Reise an die Front unternehmen, sehen wir sie in den Bildern doch sehr selten. Kriegsreporter sind gut darin, ihre Kollegen aus den Ausschnitten rauszunehmen. So ist es auch hier der Fall. So ein Bild erzählt ganz schnell eine andere Geschichte, wenn in diesem Pulk plötzlich lauter Männer mit Kameras rumlaufen, statt den Betroffenen zu helfen. Da werde zumindest ich ganz schnell zynisch. Es gibt einen kompletten Film aus dieser Szenerie. Jemand war mit einer Filmkamera da gestanden und hat einfach draufgehalten, während Menschen eigentlich Hilfe gebraucht hätten, alles im Dienste des Journalismus und der Berichterstattung. Ein Bild sagt mehr, als 1000 Worte. Fotografen versuchen aber trotz allem immer noch auszuwählen, welche Worte das sind. Wir sind da mit zwölf Presseleuten gestanden und haben Elend fotografiert gehört nicht zu den gerne ausgedrückten Worten. 

    Der Mythos, das Bild zeige einen amerikanischen Angriff hält sich übrigens gerade in den USA sehr hartnäckig. Es geht so weit, dass es in den 90ern zu einer tränenreichen Entschuldigung eines Angriffspiloten im Vietnamkrieg vor laufender Kamera kam, der sich genau daran erinnern konnte, wie er diesen Angriff geflogen war und vor lauter Schuldgefühlen zum Glauben gefunden hat und jetzt als Missionar unterwegs ist und auf Gottes Gnade hofft. Wir wissen es heute wie gesagt besser. Die Amerikaner waren schon auf dem Rückzug. Das Bild hat nicht für den Rückzug und das Ende des Krieges gesorgt. 

    Wenn überhaupt, war dieses Bild erstmal ein Propaganda Erfolg für die kommunistischen Nordvietnamesen. Die sahen es als Beweis für die Unmenschlichkeit der Südvietnamesen. Sie hatten sogar ihre eigenen Kinder und Frauen angegriffen, nur um eine verhältnismäßig unwichtige Stellung der Nordvietnamesen zu bombardieren. In den USA war dieses Bild erstmal Wasser auf die Mühlen einer sowieso schon laufenden Maschinerie. Die Amerikaner waren ein Jahr später aus diesem Krieg verschwunden. Der Krieg ging aber mit voller Kraft weiter. wenn überhaupt trug das Bild dazu bei, dass sich die Amerikaner weigerten, den Südvietnamesen auch nur die kleinste Hilfestellung zu geben. Das Bild hatte eindeutig Eindruck gemacht und vielleicht Entscheidungen, die für den Krieg von Bedeutung waren beeinflusst. Ob es aber immer gute Entscheidungen waren und ob es die waren, die wir heute diesem Bild zuschreiben, ist schwer zu beurteilen. Im Übrigen wusste das Mädchen erstmal gar nichts von der Aufnahme. Als sie 14 Monate später das Bild von ihrem Vater gezeigt bekommt, findet sie es furchtbar.

    B: I totally avoid to look at my picture alone.

    I: Bis heute vermeidet sie es, dieses Bild anzusehen, wenn sie allein ist.

    B: My mouth, my eyes, my body. It is the worst moment of human being.

    I: Es ist der schlimmste Moment ihres Lebens. Es ist der schlimmste Moment, den Menschen durchleben können, der auf diesem Bild festgehalten ist.

    B: As a little girl I felt so embarrassed. Why was I naked and my brothers und cousin had clothes on?

    I: Besonders als junges Mädchen war es ihr unangenehm, dass sie nackt war, während ihr Bruder und Cousins Kleidung anhatten. 

    B: I just (?cry) there. I turned my head and saw four bombs landing like that. Fire was everywhere and the fire actually burned my clothes off. I was nine. I remember that I thought: Oh my goodness. I got burned, so I will be ugly and people will see me in a different way. Of course the moment on the picture on that day changed my life forever.

    I: Sie erinnert sich, dass diese vier Bomben runterkamen, das Feuer ihr die Kleidung vom Leib gebrannt hatte. Sie machte sich als das kleine Mädchen, das sie damals war, Sorgen, ob sie jetzt nicht für ihr Leben lang hässlich sein würde. Man könnte das in dem Bild ja auch noch sehen. Mit erwachsenen Augen sieht sie das Bild inzwischen natürlich auch für seine Vorteile und die Macht, die es hat.

    B: Now I know, I have a picture, which I am not embarrassed of like before. But it is not much to me.

    IInzwischen hat sie geheiratet und ist nach Kanada ausgewandert. Nick Ut lebt übrigens in den USA. Die beiden haben sich seither auch viele Male getroffen. Sie weiß natürlich, dass ihr dieses Bild Aufmerksamkeit gibt und dass sie eine Antikriegsikone ist und es für den Willen steht, sowas nicht zu dulden. Es gibt trotzdem diverse Interviews mit ihr, wo sie sagt, sie habe sich mehr als nur einmal gewünscht, Nick Ut hätte dieses Bild nie gemacht und es wäre nie in unser aller Gedächtnis eingegangen. Sie weiß um die Möglichkeiten und nutzt die durch das Bild kommende Berühmtheit. 

    Sie ist aber auch für ihr Leben definiert. Wir lassen ihr keine Wahl. Dieses Bild gehört inzwischen irgendwie uns. Die Frage stellte ich meiner Twitter Community, als zum Anlass des Jahrestags das Bild auf Twitter geteilt wurde. Das Bild gefühlt überall immer ohne die dazugehörige Geschichte zu sehen. An die erinnern wir uns, so glauben wir, ja schließlich. So maßen wir uns an, zu entscheiden, ob wir dieses Bild weiter teilen dürfen und wieviel Kontext wir dran hängen und wieviel Energie wir aufwenden, um uns selbst zu informieren. Irgendwie ist es ja Zeitgeschichte. 

    So teilen wir Kriegsbilder, von denen wir nicht wissen, was sie zeigen, wer da drauf ist, in welchem Jahr es war. Wir schreiben ihm eine Macht zu, die es nicht einmal hatte, als die Ereignisse ganz frisch in aller Gedächtnis waren. Da lande ich immer. Ich will so gerne glauben, dass solche Fotos mächtig sind, kriege verhindern können, Menschen zur Vernunft bringen. Wenn ich dieses Bild sehe oder ähnlich wirkmächtige Bilder aus jüngerer Vergangenheit sehe, bleibt immer der fade Beigeschmack, dass sich die Ereignisse trotzdem kaum ändern. Es ist nur ein zusätzliches Foto in der Welt, von dem wir uns rausnehmen, es einfach zu teilen, egal ob die abgebildeten Menschen jemals zugestimmt haben. (Musik) Fotomenschen. 

    Phan Thị Kim Phúc und Nick Ut sind beide Ikonen der Friedensbewegung und kämpfen für eine friedlichere Welt. Vielleicht ist schon das der Wert, den das Bild liefert. Es ist eine Ikone für den Frieden, ein Mahnmal, eine Erinnerung daran, dass Krieg immer auch die falschen trifft, falls es überhaupt richtige gibt. Ich lerne aus solchen Bildern, skeptisch zu bleiben, nicht mehr anzunehmen zu wissen, was mir eine Aufnahme zeigt und die Frage zu stellen, ob ich wirklich verstanden habe, wo dieses Bild entstanden ist, was es genau zeigt und was es mir warum versucht zu sagen und warum nichts anders. 

    Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte,. Wir vergessen immer wieder, dass wir als Betrachter die 1000 Worte auswählen, die wir hören wollen. 

    Wer jetzt mehr über die Ereignisse erfahren möchte, findet in der Notizen zur Folge Links zu Interviews mit allen wichtigen Beteiligten, auf meine Quellen und unter anderem zu einem Artikel von Professor Gerhard Paul, der sich sehr ausführlich mit dem Bild sowie der Geschichte und der Art und Weise der Aufnahme des Bildes beschäftigt hat. Ich hätte den Artikel nicht ohne den Hinweis von Cornelia Stenschke gefunden. Vielen Dank auch dafür. Ich weise darauf hin, wer den Verdacht hat, in den Notizen zur Sendung im eigenen Podcatcher nicht alles zu sehen, findet auf Fotomenschen.net auf jeden Fall den ganzen Rest sowie komplette Transkripte vergangener Episoden. Wer mag, kann dort gerne einen Kommentar im Blog hinterlassen oder eine Rezension auf iTunes schreiben oder mit Auf Fotomenschen auf Twitter eine Nachricht schicken. Ich freue mich über jede Rückmeldung, Themenvorschläge, andere Hinweise oder nur einen lieben Gruß. Lieben Dank wieder fürs Zuhören. Bis bald.

    17 min
  • Der Blick aus dem Wassereimer

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Wer eine Action-Cam wie z.B. die GoPro hat oder schon mal Musikvideos gesehen hat kennt den Bildeindruck von sogenannten Fisheye-Objektiven und die werden von einem Mann erfunden der eigentlich fast Priester geworden wäre sich dann aber doch für ein Physikstudium entschlossen hatte…

    • Fischaugenobjektiv (Wikipedia)
    • Warped Perspective – a mathematical and aesthetic journey with the fisheye
    • Robert W. Wood (Wikipedia – englisch, deutsch)
    • How the fisheye lens became a staple of the music industry
    • History of the fisheye photo album cover
    • How to Master the Fisheye Lens for the Ultimate 90s Look
    • Robert Wood Plays Trick On Landlady…Because He Can
    • pioneers of invisible radiation photography
    • Robert W. Wood: Photographing the Invisible, Debunking the Incredible
    • A new departure in photography
    Transkript

    Es gibt Objektive, die so weitwinkelig sind, dass sie praktisch hinter sich gucken können, weshalb man sie in Marssonden, Action Kameras einbaut oder damit Musiker fotografiert. Ihre Geschichte beginnt im Jahr 1906 mit einem Eimer Wasser und einem Ausnahmetalentierten Physiker. 

    Als Robert Wood geboren wird, ist das Medium der Fotografie schon 30 Jahre alt. Später wird er sein ganzes Leben damit zubringen, die Gesetze der Optik und damit auch der Fotografie zu studieren. Robert Wood ist eine dieser Figuren, deren Erkenntnisse und Arbeit überall um uns herum zum Einsatz kommen, die wir aber nicht kennen. Wenn man von ihnen hört, stellt man sich deswegen sehr schnell einen knochentrockenen Professor und Forscher vor. 

    Bei Robert läge man da einigermaßen falsch. Das betrifft nicht den Forscherteil, sondern den knochentrockenen Teil. Robert Wood hat es neben seiner offensichtlichen wissenschaftlichen Brillanz so faustdick hinter den Ohren, dass es seine Streiche mehrmals in die Zeitungen der damaligen Zeit schaffen. So baut er beispielsweise einmal ein gigantisches Insektenmodell, das er im Park von Studenten auffinden lässt. Sie glauben zunächst tatsächlich, sie hätten ein gigantisches prähistorisches Insekt ausgegraben. 

    Eine andere Anekdote erzählt, wie er über mehrere Tage hinweg seine Vermieterin verblüffte, die Schildkröten Liebhaberin war. Robert Wood zog los und kaufte eine größere Anzahl Schildkröten in unterschiedlichen Größen immer mit einem sehr ähnlichen Muster auf dem Rückenpanzer. Die Kleinste schenkte er seiner Vermieterin. Jeden Tag fand er einen Vorwand, um die Schildkröte unbemerkt gegen die nächstgrößere Schildkröte auszutauschen. Was mit einem Tier von vielleicht zehn Zentimeter Länge begann, endete mit einer Schildkröte von fast 40 Zentimeter Länge. 

    Die Vermieterin bemerkte, dass ihr Tier ungewöhnlich schnell zu wachsen schien. Sie war aber erst so richtig verblüfft, als die Schildkröte plötzlich wieder kleiner zu werden schien. Wie oft er das Tier vorm Auffliegen schrumpfen lies ist nicht überliefert, ebenso wenig, was aus den Schildkröten wurde. Der Streich an sich ist zugegebenermaßen schon einigermaßen lustig. 

    Robert Wood wird 1868 in Massachusetts geboren und wollte eigentlich Priester werden. Die Rocksberry Latin School sollte ihn dahin ausbilden. Für seine Familie musste es eine Überraschung gewesen sein, als er eines Abends heim kam und erklärte, er würde sein Priesterstudium an den Nagel hängen und stattdessen Physiker werden. Er hatte eine Lichterscheinung am Himmel gesehen. Das war eine seltene Form der Aurora, die er sich nicht spirituell erklärte, sondern als bis dahin unbekannte, unsichtbare Lichtquelle. Die wollte er erforschen, wofür er Physik und speziell die Gesetze der Optik studieren musste. Das tat er ab jetzt. Harvard, MIT, University of Chicago sind die Institutionen, bei denen er Abschlüsse in Physik machte, studierte und lehrte. 

    Er arbeitete zwei Jahre lang in Berlin, kam zurück nach Wisconsin und wurde irgendwann ein Vollzeit Professor für optische Physik an der John Hopkins University. Ab da war er umtriebig. Er studierte überwiegens unsichtbare Lichtspektren wie Ultraviolett oder infrarot. Weil einige dieser Felder natürlich besonders für die Astronomie interessant waren, richtete er seinen Blick auch in den Nachthimmel. Auf dem Mond gibt es so ein Gebiet, das nach ihm benannt ist. Es ist ein Bereich, in dem Ultraviolettlicht besonders stark absorbiert wird. Den Effekt beobachtete Wood zuerst und konnte ihn dann durch den Schwefelgehalt in Gestein erklären. 

    Wood fertigte Flüssigspiegel, also Spiegel, die aus flüssigem Quecksilber bestanden. Er konstruierte damit Teleskope und beschrieb die optischen Eigenschaften solcher Konstruktionen. Er baute eine Lampe, die heute noch im medizinischen Einsatz zu finden ist. Es ist die sogenannte Wood Lamp, die hauptsächlich infrarot und Ultraviolettlicht abgibt. Er baute optische Filter, die für sichtbares Licht undurchlässig, aber für infrarot und ultraviolett durchlässig waren. 

    Als Professor für optische Physik beschäftigte sich Wood natürlich regelmäßig mit Aufzeichnen von Licht. Fotografie war für ihn also alltäglich, wenn auch aus wissenschaftlicher Sicht. Er nahm also diese Filter, packte sie vor Kameras und machte die ersten infrarot Aufnahmen überhaupt. Wer schon mal mit infrarot Aufnahmen experimentiert hat, weiß, dass so manches Material mit infrarot aufgenommen anders aussieht, als wir es im sichtbaren Spektrum erwarten würden. Blätter grüner Pflanzen werden beispielsweise strahlend hell, was fast aussieht, als seien sie weiß gefroren. Auch heute nennt man diesen Effekt nach Robert Wood den Wood Effekt. 

    Robert Wood muss damals eine wissenschaftliche Institution gewesen sein. Als es in New York zum bis dahin größten Terroranschlag in der Geschichte der vereinigten Staaten kommt, wird Wood beauftragt, den Zündmechanismus der Bombe zu rekonstruieren. Die Täter konnte man nie fassen. Der Anschlag wurde nie gänzlich aufgeklärt. Die Bombe hat er aber auftragsgemäß rekonstruiert. Er war in seiner Freizeit künstlerisch unterwegs. Er ist Koautor zweier Science Fiction Romane und illustrierte und schrieb zwei Bücher mit Kindergedichten. Als die USA in den ersten Weltkrieg eintreten, forscht Wood an Methoden, Uboote durch Ultraschall zu entdecken. 

    Viele dieser Phänomene wurden allerdings mit optischen Mitteln untersucht und verglichen. So verdanken wir Wood die ersten Aufnahmen von Schallwellen überhaupt. Der Mann war also eine Koryphäe. Eine der von ihm hinterlassenen Erfindungen ist das Fischaugenobjektiv. Er überlegte, was es brauchen würde, um einen kompletten Horizont auf einer Bildebene abzubilden. Wenn Licht vom einen ins andere Trägermedium übertritt, kommt es zu einer Brechung. Den Effekt haben wir alle schonmal beobachtet, wenn wir schräg neben einem Aquarium gestanden sind. Wood überlegt sich, dass dieser Effekt eigentlich dazu führen müsste, dass ein Fisch, der unter der Wasseroberfläche schwimmt den kompletten Horizont über der Wasserfläche sehen können müsste. Wie könnte er also eine Linse konstruieren, die den kompletten 180 Grad Winkel über der Wasseroberfläche einfängt und auf einer kleineren Fläche konzentriert? 

    Er nimmt ein Wasserbecken, eine Kamera Obscura und eine ausgefeilte Versuchsanordnung und ist erfolgreich. Die ersten Fischaugenbilder überhaupt. Den Namen hat er gleich mit geprägt, da er sich gedanklich von der Seite des Fisches unter Wasser dem Thema genähert hatte. Somit blieb es ab da bei der Bezeichnung. Die Bilder, die er macht, sehen ungewöhnlich vertraut aus, für jemanden der schonmal Aufnahmen mit Fischaugenobjektiven gesehen hat. Wer hat das nicht? Eine scheinbar kreisförmig gebogene Welt, eine tonnenförmige Verzeichnung, die besonders Gesichter grotesk zu verzerren scheint sind sichtbar. Es war ein interessantes Experiment. 

    Es war eine erfolgreiche Erkenntnis. Wood beschreibt die gefundenen optischen Gesetzmäßigkeiten in einem Paper und zieht weiter zum nächsten Forschungsthema. Die Wissenschaft war aber interessiert. Von 1915 bis 1930 kommen diverse Objektiv Konstruktionen auf den Markt, die ohne Wassertöpfe auskommen und sich hauptsächlich damit beschäftigen, wie man für die Forschungsfelder der Meteorologie oder Astronomie Linsensysteme bauen könnte, die den kompletten Horizont abdecken. Die da gefundenen Konstruktionen sind etwas unhandlich. Wood hatte 1906 seine Entwicklung gemacht. 1915 bis 1930 wurde daran geforscht. 

    Es dauert aber bis kurz vor den zweiten Weltkrieg, bis deutsche Forscher eine Objektiv Konstruktion patentieren lassen, die dem was wir heute Fischaugenobjektiv nennen schon relativ nahe kommt. Sie teilen ihre Erkenntnisse und die Patente mit einem japanischen Unternehmen namens Nikon. Ab hier tut sich erstmal nichts. Es dauert bis 1957 bis Nikon das erste Fischaugenobjektiv überhaupt auf den Markt bringt. Es ist fest mit einem dazu passenden Kamerasystem verbaut und kostet auf heutige Verhältnisse umgerechnet schlappe 27000 Euro. 

    Dafür kann es wirklich 180 Grad Winkel aufnehmen. Das System ist für wissenschaftliche Anwendungsfälle wie Meteorologie gedacht. Es dauert allerdings gar nicht lange, bis die ersten mit dieser Kamera gemachten journalistischen Bilder auftauchen. So veröffentlicht das Life Magazine beispielsweise Bilder von einer Senatsanhörung, die eindeutig mit diesem Fish eye Objektiv gemacht worden waren. Es ist ein rundes Bild. Man erkennt die typischen tonnenförmigen Verzerrungen. Man sieht aber auch alle Menschen, die sich in dieser Anhörung im Raum befinden. 

    Das gibt uns gleich einen der Hauptanwendungszwecke von Fischaugenobjektiven. Es ist die Überwachung ganzer Räume. Wer in ein beliebiges Geschäft geht und dort an der Decke eine Überwachungskamera sieht, wird meistens vermuten dürfen, dass dort ein oder mehrere Fischaugenobjektive verbaut sind. Es gibt Gopro Kameras mit fish eye Objektiven zum nachrüsten und teils schon fertig drauf geschraubt. Es gibt Objektive, die bis zu 220 Grad Bildwinkel in einem Rutsch sehen können. Wenn man nicht aufpasst, ist man also als Fotografin oder Fotograf noch mit im Bild, wenn man mit diesen Objektiven arbeitet. 

    Wir waren bei 1957. Auch wenn die Magazine die ersten Fish eye Aufnahmen veröffentlichten, war es trotzdem noch eine sehr selten verwendete Technik. Es sollte nochmal fünf weitere Jahre dauern und wurde 1962, bevor Nikon das erste Consumer Fish eye Objektiv auf den Markt brachte. Jetzt kam es in mehr und mehr Hände und wurde mehr und mehr eingesetzt. Fischaugen Objektive haben interessante Eigenschaften. Sie zeigen viel Kontext. Man sieht also viel von der Umgebung des Objektivs. 

    Ein anderer Effekt ist, dass die fotografierten Motive, je nachdem wo sie im Bild stehen, enorm verzerrt werden können. Objekte in der Mitte, an die man nah rangeht, werden ungewöhnlich groß dargestellt. Wenn man auf die Art Menschen fotografiert, hat man gleichzeitig den Vorteil, das Model zu vergrößern, während man die Umgebung ordentlich miteinbezieht. Das ist eigentlich das Perfekte Rezept um beispielsweise Rockmusiker zu fotografieren. 

    Deswegen entdecken diese Objektive besonders die Fotografen für sich, die für die damaligen Rockbands Konzertfotos und besonders Platten Covers fotografieren. Die Bilder sahen ungewöhnlich aus, fast wie auf einem Drogen Trip. Das passte in die 60er. Die Beatles, Stones, Festivals wie Woodstock, Blicke aus der und in die Menge sowie immer wieder kreisförmige Aufnahmen auf Plattencovern, Künstler deren Hände und Köpfe riesengroß wirken, die trotzdem zusammen mit ihrem gesamten Equipment ins Bild passen gab es. Richtige Fisheye Objektive produzieren ein rundes Bild. 

    Es wird der gesamte Horizont aufgenommen. Das Ergebnis ist kreisrund. So werden die meisten Plattencover mit solchen Aufnahmen erstmal von diesem Bild dominiert. Die Schrift wird oft außen rum angeordnet. In den 60ern entstehen buchstäblich hunderte solcher Aufnahmen. Das Fischauge ist der inoffizielle Look der damaligen Musikkultur, was von der Musikrichtung unabhängig ist. Als in den 80ern MTV an den Start ging, war natürlich klar, dass die Musikvideos mit Fischaugenobjektiven arbeiten würden. Auch wenn jedes Genre mit diesem Look klarkam, war doch ein Genre ganz besonders in your face und auf die Verzerrungen aus. Das war Hiphop. 

    Bis heute werden Gruppenfotos und manches Mal auch die Musikvideos mit dieser Verzerrung gemacht. Von dort aus ging es in den Rest der jungen Kultur. Es reicht, nur kurz nach Skateboard Fotos zu suchen. Die charakteristische Verzerrung von fish eye Objektiven ist da praktisch der Standard. Alles begann, als ein Optics Professor in den USA sich die Frage stelle, wie wohl ein Fisch die Welt über dem Sehr wahrnehmen würde. (Musik) Fotomenschen. Ich liebe Weitwinkel Aufnahmen. Das faszinierende am Fischaugen Objektiv ist, dass es uns einen Blick auf die Welt erlaubt, der uns eigentlich verschlossen ist. Seit den 60ern wird mit Fischaugen Objektiven fotografiert. 

    Spätestens seit der Gopro und den neuen ultraweitwinkelobjektiven, die an modernen Smartphones verbaut werden, sind wir gewohnt, regelmäßig ultraweitwinkelige Bilder zu sehen. Deswegen sehen fish eye Objektiv Fotos auch ungewöhnlich modern aus, selbst wenn sie 50 Jahre alt oder älter sind. ich mag die Idee, dass das alles mit einem Mann im Priester Seminar begann, der in den Himmel schaute, eine wilde Leuchterscheinung sah und davon inspiriert wurde, Physik zu studieren und hemmungslos seiner Neugierde nachzugeben. 

    Wer mehr über Robert Wood oder über fish eye Objektive oder über die Aufnahmen, von denen ich sie in der heutigen Folge hatte, erfahren möchte, der wird in den Notizen zur Sendung fündig. Leider zeigen nicht immer alle Apps alles an. Wenn beispielsweise keine Video Einbettungen zu sehen sind, surft einfach direkt auf der Website vorbei. Fotomenschen.net enthält alle Links und Video Einbettungen. Wer schon mal da ist, kann gerne Themenwünsche, Anregungen, Feedback da lassen. Wer das Projekt unterstützen möchte, erzählt einfach weiter, dass es mich gibt. Bis bald.

    14 min
  • Das erste Playmate

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Der Playboy startete Karrieren, revolutionierte den Magazinmarkt und produzierte das fotografisches Pinup-Genre „girl next door“ das bis heute Männerfantasien beflügelt. Heute schauen wir uns an wie alles begann.

    • The story behind the photograph that made Marilyn Monroe a star
    • How Playboy’s First Naked Centerfold Got Published
    • After 62 Years, Playboy Will Stop Publishing Naked Pictures
    • Google Bildersuche – Marilyn Monroe’s centerfold
    • Google Bildersuche – Janet Pilgrim
    • Playboy (Wikipedia)
    • Hugh Hefner (Wikipedia)
    • Marilyn Monroe (Wikipedia)
    • Tom Kelley (englisch, Wikipedia)
    • Vom Monroe-Effekt beflügelt
    • Janet Pilgrim (englisch, Wikipedia)
    • Rest In Peace, Janet Pilgrim, Playboy’s First Girl Next Door

    Dieses Video auf YouTube ansehen

    Transkript

    Im Oktober 2015 war es einen Artikel im Magazin Time wert, als Playboy nach 62 Jahren bekanntgab, in Zukunft keine Nacktbilder mehr veröffentlichen zu wollen. Ich nehme an, das war einfach nur eine Fortsetzung des Trends, dass mehr und mehr Männer den Playboy sowieso nur wegen der Artikel gelesen haben. 

    Was ich gerade so ironisch vor mich hingesagt habe, ist tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Der Playboy war zwar schon immer ein relativ schlüpfriges Magazin, das aber auch schon immer recht lange Artikelstrecken hatte. Er war mehr Text als Bild. Man höre und staune. Natürlich staunen wir alle deswegen, weil wir beim Playboy an den Center Fold denken. Der Center Fold ist die Doppelseite, die entsteht, wenn man ein Magazin in der Mitte aufschlägt. Der Playboy war dafür berühmt, dass im Center Fold eine Nacktaufnahme des Playmates des Monats sichtbar war. 

    Diese Aufnahmen hatten erotisch, aber nicht anzüglich zu sein. Man sollte also die nackte Frau erkennen können. Das Bild sollte aber nicht den Eindruck erwecken, sie wäre gerade im Begriff Sex zu haben oder hätte gerade Sex gehabt. Der Gründer und Verleger des Playboys Hugh Hefner hatte das Girl next door genannt und bestand darauf, dass die Fantasie aufrechterhalten sein musste, dass man solche Frauen nebenan beim Putzen oder so antreffen konnte. Wer putzt denn nicht nackt? Hugh Hefner bediente damit auf jeden Fall eine Männerfantasie, die reif war, von einem Magazin aufgegriffen zu werden. Pin up Kalender gab es schon eine ganze Weile. 

    Es gab im prüden Amerika aber auch Gesetze, die beispielsweise verhinderten, dass Nacktfotos über den Postweg verteilt werden konnten. So konnte man pin up Kalender oder Bilder nicht bestellen, sondern musste sie in eigens dafür ausgelegten Läden und Geschäften mehr oder weniger unter der Hand kaufen. Hugh Hefner hatte also nicht das Pin up Girl erfunden. Poster attraktiver Frauen aufzuhängen war schon lange üblich. Hugh Hefner war aber der erste, der zeigte, dass man damit davonkommen konnte, ein Nacktbild in ein Magazin zu packen und das auf dem Postweg an Abonnenten zu verschicken. 

    Seine Geschichte ist außerdem der klassische Amerikanische Traum. Hugh Hefner kommt aus einem durchschnittlichen Haushalt. Als Sohn eines Wirtschaftsprüfers in Illinois geboren ist er erst Kompanie Schreiber bei der US Army, studiert dann Psychologie, wird Werbetexter. Im Jahr 1953 ist er im Alter von 27 Jahren Vertriebsleiter einer Kinderzeitschrift. Es juckt ihn aber. Er will nicht abhängig, sondern sein eigener Herr und sein eigenes Unternehmen sein. Er träumt schon länger von einer eigenen Zeitschrift, in der er selbst den Inhalt bestimmt. 

    Er hat Ideen, aber kein Geld. Er wendet sich an seine Familie. Sein Vater sieht aber keinen Sinn darin, eine weitere Zeitschrift zu unterstützen. Seine Mutter leiht ihm 100 Dollar, weil sie an ihren Sohn und nicht die Idee glaubt, wie er später erzählen wird. 100 Dollar entspricht ungefähr 1100 Dollar nach heutigen Maßstäben. Hugh braucht mehr Geld, um eine Zeitung zu produzieren. Er nimmt also einen Kredit auf und verkauft Teile seiner Einrichtung, um an insgesamt knapp 1000 Dollar zu kommen. Seine damalige Frau und Kinder müssen begeistert gewesen sein. 

    Es gab schließlich eine gar nicht so kleine Chance, dass das ganze als Flop enden würde. Es ist eine weitere Zeitschrift, die an den Start geht und gleich danach Mangels Abonnenten und Finanzmittel auf der Strecke bleibt. Hugh Hefner kommt der Zufall zu Hilfe, für den wir jetzt kurz nach Hollywood springen. Schon in den 50ern war Hollywood der Ort, an dem der Glamour wohnte. Es gab eine wachsende Filmbranche, die eine ebenso große und schnell wachsende Schar von Stars unterhielt. Viele hofften auf den großen Durchbruch und hielten sich bis dahin mit einer Mischung aus Service Jobs, Fotomodel Aufträgen und Kompassen Rollen über Wasser und hofften darauf, entdeckt zu werden und ihren großen Durchbruch zu haben. 

    Gerade, als Hugh Hefner sein Magazin an den Start bringen möchte, ist eines dieser Hollywood Sternchens in einen Sex Skandal verwickelt. Sie war eine Nachwuchsschauspielerin. Eine Darstellerin, der man eine möglicherweise größere Zukunft vorhersagte, die bisher aber immer nur kleine Nebenrollen gespielt hatte. Sie hatte 1950 als am Ende des Geldes noch viel Monat übrig war, in ihrer Verzweiflung das Angebot angenommen, Nacktfotos für einen Pin up Kalender zu machen. 

    Der Fotograf Tom Kelly versprach in die Hand, sie würde auf den Bildern nicht erkennbar sein und er würde ihren Namen nicht verraten. Er gab ihr 50 Dollar für eine Handvoll Nacktaufnahmen, was für damalige Verhältnisse kein schlechtes Einkommen und auf jeden Fall genug war, um einen weiteren Monat die Miete aufbringen zu können. Das Model Release unterschrieb die junge Schauspielerin mit Mona Monroe. Ihr eigentlicher Name war Norma Jeane. In den darauffolgenden Jahren sollte sie unter dem Namen Marylin Monroe weltberühmt werden. Der Skandal war folgender. Der Fotograf Tom Kelly hatte die Bilder für eine Weile rumliegen lassen und sie dann für 500 Dollar an einen Verlag verkauft, der 1952 beschloss, ein Bild daraus in einen Kalender zu packen. 

    Die Hoffnung von Marylin, darauf nicht erkennbar zu sein, wurde nicht erfüllt. Ihre Karriere als Schauspielerin war eigentlich gerade am durchstarten. Sie hatte ihre ersten Hauptrollen gelandet. Die jetzt plötzlich auftauchenden Nacktbilder konnten tatsächlich ihre Karriere beenden. Als Reporter anfingen, nachzufragen, drängte man sie bei 20 Century Fox dazu, das ganze abzustreiten. Die zuständigen Entscheider überlegten über das komplette Zurückziehen des Vertrags mit Marylin. Seit den 20ern gab es bereits Klauseln in den Verträgen mit Schauspielerinnen und Schauspielern, die für moralische Unbedenklichkeit sorgen sollten. In solchen Fällen konnten sie herangezogen werden, um getroffene Vereinbarungen abzubrechen. 

    Es muss für Marylin eine schwierige Zeit gewesen sein. Sie beschließt aber, das ganze mit Schwung durchzuziehen. Auf die Frage, ob sie die Person auf den Bildern sei und ob sie da tatsächlich nichts angehabt hätte, antwortete sie, sie habe das Radio angehabt. Sie schiebt sofort nach, sie sei verzweifelt gewesen und hätte nicht gewusst, wie sie die Miete hätte bezahlen sollen. Es sei der einzige Weg gewesen, den sie aus der Misere gesehen hätte. Damit gewinnt sie nicht nur die lüsternen Blicke amerikanischer Männer, sondern gleichzeitig die Sympathie der Öffentlichkeit. 

    Als klar war, dass dieser Sex Skandal nicht in negative Publicity für 20 Century Fox umschlagen würde, wurde der Vertrag beibehalten und sie konnte mit den Dreharbeiten fortfahren. Dieser ganze Skandal baut sich also gerade auf. Hugh Hefner will mit einem schlüpfrigen Magazin an den Start. Er hat 1000 Dollar, die er investieren kann. Aus einem Impuls heraus kontaktiert er den Verleger des Kalenders und kauft für 500 Dollar sämtliche Rechte an den Bildern. Er gestaltet das Magazin komplett um. Titelbild ist Marylin Monroe komplett bekleidet. Center Fold ist Marylin nackt. 

    Man findet die Bilder online. Ich war tatsächlich etwas überrascht, wie wenig beeindruckend ich diese ersten Nacktbilder von Marylin finde. Es gibt unglaublich viele aufregende, schöne, ästhetische Aufnahmen von Marylin. Diese ersten Aufnahmen von ihr würde ich nicht dazuzählen. Was weiß ich schon von der erotischen Ästhetik der 1950er Jahre der USA. Sie war Blond, räkelte sich auf rotem Satin, war damals ein leidlich bekanntes Starlet, ein Nachwuchstalent in Hollywood. 

    Diese Kombination beschert den beteiligten Verlegern einen granatenmäßigen Erfolg. Der Kalender wird über neun Millionen mal verkauft. Die erste Auflage des Playboy hat über 50 Tausend Leser. Das Heft war für 50 Cent pro Ausgabe zu kaufen und löste für sich genommen nochmal einen Skandal in den USA aus. Hugh Hefner hatte trotzdem alles richtig gemacht. Der Playboy hatte ein Jahr später eine Million Käufer und war nicht mehr wegzudenken. Das ganze kann man natürlich auch für Marlin als eine Art Glücksfall einstufen. dieser Sexskandal war mit der Art und Weise, wie sie damit umging und der glücklichen Wendung, dass es die Öffentlichkeit positiv sah Grund dafür, dass sie ab jetzt gesuchtes Sexsymbol war. 

    Dessen war sich Marylin bewusst und spielte damit. Sobald ein Fan, Reporter in ihre Nähe kommt, eine Kamera auf sie gerichtet wird, wird aus der überlegten, nachdenklichen Norma Jeanedie verführerische, leicht naive blinde Sex Puppe Marylin Monroe. Ihr Erfolg und ihre schauspielerische Bekanntheit gibt dem startenden Magazin Playboy Schwung. Der Erfolg des Playboy gibt ihrer startenden internationalen Filmkarriere Schwung. Zwischen Hugh Hefner und Marylin gibt es jedoch keinerlei Kontakt Marylin wird später mal in einem Interview sagen, dass sie sich ihr Billigexemplar selbst kaufen musste, um zu sehen, welche Bilder denn nun für die Bildstrecke bei Playboy verwendet worden waren. 

    Für Hugh Hefner war gerade zu Beginn mit dem Kauf der Bilder ja erstmal alles erledigt. Lizenztechnisch war alles sauber. Später wird er mal versuchen, Kontakt zu Marylin aufzunehmen. Marylin stirbt ja schon neun Jahre später, wodurch es nie zu einem persönlichen Treffen der beiden kommt. 

    Ein creepy Detail ist, dass sich Hugh Hefner trotz allem derart verbunden fühlt, dass er als letzte Ruhestätte eine Gruft direkt neben Mayrlins Grab bucht und dort jetzt in Ewigkeit mit ihr verbunden neben dran liegt. Meine Herrn. Ich weiß nicht, ob ich es creepy und exzentrisch finden soll, oder darüber abheben möchte, wie wenig sich die Männer in Marylins Leben darum scherten, was sie mit ihren Bildern gemacht haben wollte. Es fängt bei dem Typen mit den Pin up Fotos an, geht über Hugh Hefner weiter. die Geschichte Marylins, die ich hier auch irgendwann mal erzählen werde, ist von sowas durchzogen. Ich glaube, man darf Zweifel anmelden, ob Marylin damals nicht hätte darauf verzichten können, dass ihre Brüste einem Millionen Publikum vorgeführt werden und dass Hugh Hefner dann eine letzte Schlagzeile auf ihrem Rücken abholt, indem er sich die Gruft nebenan sichert, da er Marylin ja so verbunden ist. Mir ist gerade ein bisschen schlecht geworden. 

    Weiter im Text. Wir sind am Anfang des Playboy. Der erste Überraschungserfolg und die Geburt des Center Folds. Hugh Hefner hatte versucht, den mit Marylin gelandeten Erfolg zu wiederholen. Das Center FOld wurde mit professionell fotografierten Pin ups ausgestattet. Meistens waren das Schauspielerinnen oder Pin up Models, die extra dafür gecastet wurden. Schlägt man die ersten Ausgaben des Playboys auf, wird man übrigens überrascht sein, wie eloquent die Artikel darin teils sind. Teils liegt es daran, dass man nicht viel Geld für eigene Artikel Strecken hat und deswegen alte Copy Right freie Tete lizensiert. Teils sind das durchaus Kurzgeschichten etablierter Autoren oder wirklich gute Reportagen früherer Zeiten. Wie gesagt kann man den Playboy durchaus nur wegen der Texte mögen. 

    Die Center Fold Girls heißen Sweethearts. Je bekannter, desto besser. So bekannt wie Marylin wurde seit Einführung bisher aber keines. Das ist der Moment, wo wir mit unserer Geschichte bei Charlaine Edith Karaluslanden. Die damals 21 jährige Blindine fängt im Playboy Office in Chicago als Büro- und Schreibkraft an. Die Anekdote, die ich jetzt erzählen werde, kann man nur als sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz einstufen. Damals hat man es freilich weggelächelt. 

    Charlaine fragt nach, ob sie nicht endlich einen neuen Adressograf, also ein Gerät, um damit Adressetiketten zu drucken, bekommen könnte. Hugh Hefner hört es und sagt, sie bekommt einen nigelnagelneuen Adressograf, wenn sie sich im Tausch dafür für den Playboy Center Fold nackt ausziehen würde. Ok. Das hat sie auch getan und markiert in der Geschichte des Playboy den Punkt, ab dem nicht mehr mit eigens dafür angeheuerten Models oder Schauspielerinnen gearbeitet wurde, sondern Playmates als Girl next door gecastet wurden. Charlaine tritt nicht unter ihrem eigentlichen Namen, sondern als Janette Pilgrim auf. Den Namen legt Hugh Hefner selbst fest und versteht ihn als augenzwinkernde Referenz auf die religiösen Rechte in den USA. 

    Janet sieht alles etwas gelassener und wird mehrmals Playmate des Monats für den Playboy werden. Sie bekommt eine Gehaltserhöhung und so etwas ähnliches wie Kultstatus in der Playboy Fangemeinde. Sie war eine Art Instant Celebrity und wurde weitere zehn Jahre in der Mitarbeiterliste im Playboy aufgeführt. Später heiratet sie, lässt sich zur Altenpflegerin ausbilden, setzt sich in Connecticut zu Ruhe und stirbt dort im Alter von 84 Jahren. Zurück bleibt die Idee des Center Fold von Playmates, der nicht professionelle Models, sondern eigens dafür gecastete Frauen von nebenan zeigt. 

    Es wird ein Phänomen, dass sich Frauen um diese Möglichkeit reißen. Der noch existierende Makel, als Marylin Monroe als Center Fold abgedruckt wurde, wurde nach und nach in den Hintergrund gedrängt. Auch wenn Playboy Models natürlich immer von hochprofessionellen Fotografen abgelichtet werden, mussten sie trotzdem immer aussehen, als hätte man sie praktisch gerade aus ihrer natürlichen Umgebung gerissen. Das Äquivalent mit nackten Männern scheint nie so einen Kultstatus erreicht zu haben. Das sagt auch viel über unsere Gesellschaft aus. 

    Ich persönlich finde, es ist kein großer Verlust, dass man im Playboy keine nackten Brüste mehr anglotzen darf. Das ist vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass man sich heute über nackte Brüste im Magazin mehr aufregt, als man es früher getan hat.

    Der Playboy war lange Zeit das mit Abstand erfolgreichste und etablierteste Magazin seiner Art. Hugh Hefner hatte gezeigt, dass es geht und das seltene Kunststück vollbracht, Lifestyle und erotische Fotografie in einem Magazin zu kombinieren. Der Playboy geht in seiner Laufbahn durch mehrere Phasen. Es wird zwischendurch mal schmuddeliger und dann wieder intellektueller. Damit ist er natürlich Spiegel seiner Zeit. Hugh Hefner, das Playboy oder das ganze Genre, in dem es einige Exemplare gibt, kann man sehr kontrovers diskutieren. Die einen halten es fast für einen Befreiungsschlag. Es wurden Dinge normalisiert, die vorher unnötigerweise Skandale waren. Andererseits werden Frauen objektifiziert. Gerade diese Geschichten um die ersten Center Folds hinterlassen einen wirklich faden Beigeschmack. Es ist aber nicht schwarz weiß. Der Playboy hat Karrieren gestartet, Dinge normalisiert, die vorher Skandale waren und geholfen, eine Gesellschaft zur Toleranz hin zu bewegen. Dabei hat er einen Fotogenre und mehrere Karrieren gestartet, auf die wir in diesem Podcast hier garantiert noch öfter zu sprechen kommen werden. Wer jetzt mehr darüber lesen, hören, anschauen möchte, möge auf Fotomenschen.net vorbeisurfen. Es gibt Links zu Bilderstrecken. Wer schonmal da ist, kann gerne einen Kommentar im Blog hinterlassen oder weitersurfen zu einem der verschiedenen Orte, an denen man den Podcast gleich abonnieren kann, wie auf Apple Podcasts oder Google Podcasts und überall sonst, wo es gute Podcasts gibt. Bis bald.

    17 min

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