Fotomenschen

Fotomenschen

By Dirk PrimbsHistory
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Fotomenschen episodes

  • Göttliche Weiblichkeit

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Was hat der Vulkanier Spock mit dem orthodoxen Judentum und einem kontroversen Bildband aus dem Jahr 2002 gemeinsam? Einen hebräischen Buchstaben!

    • The photography of Leonard Nimoy
    • Leonard Nimoy’s Other Legacy: His Photography and the Controversy It Caused
    • Nimoy Photos Show People’s All-Human Personalities (NYTimes)
    • The Full Body Project by Leonard Nimoy - in pictures
    • Shekhina – book (englisch, Wikipedia)
    • Schechina (Wikipedia)
    • Leonard Nimoy (Wikipedia)
    • Völker und Gruppierungen im Star-Trek-Universum (Wikipedia)
    • Vulcan Salute (englisch, Wikipedia)
    • Figure Photography Has No Boundaries ~ Leonard Nimoy and Lady Monster
    Transkript

    Göttliche Weiblichkeit 

    Ich bin mit Leonard Nimoy in seiner Rolle als Mister Spock im Raumschiff Enterprise aufgewachsen. Trotzdem war mir nicht bewusst, dass er zuerst Fotograf und erst dann Schauspieler war. 

    Leonard Nimoy wuchs als Sohn gläubiger Juden in Boston auf. So beginnt unsere heutige Geschichte mit einem Besuch in einer Synagoge. Er war ungefähr neun. Familie Nimoy nahm anlässlich eines religiösen Festtags am Gottesdienst in der Synagoge teil. Irgendwann kam der Moment, in dem die Priester die Gemeinde segneten. Juden haben einen Gebetsschal, den sie in solchen Momenten über ihren Kopf ziehen. (Gesang) 

    Der Segen ging eine ganze Weile. Leonard erinnert sich, dass sein Vater irgendwann sagte, er solle seine Augen bedecken und auf gar keinen Fall schauen. (Gesang) Der neunjährige Leonard hat dann trotzdem mal gespitzelt. Was er sah, sah einigermaßen bizarr aus. Priester hatten über den Kopf gezogene Schals, beide Hände in Richtung ihrer Gemeinde gestreckt und machen die Geste, die wir heute als den Vulkanier Gruß kennen. 

    Die Handgeste steht für den Buchstaben Shing im hebräischen Alphabet. Im hebräischen fangen einige sehr interessante Wörter mit Shing an. Shadai ist das Wort für Gott. Shalom ist das Wort für Friede. Es ist der erste Buchstabe im Wort Shechina, das für die weibliche Seite Gottes steht. Orthodoxe Juden glauben, dass in diesem Moment die weibliche Seite Gottes anwesend ist und die Gemeinde segnet. Shachina ist so energiereich, strahlend und leuchtend, dass der Anblick tödlich sein kann. 

    Leonard Nimoy wusste nichts von alledem. Er wusste nicht, warum er nicht schauen durfte. Es hatte in der Synagoge nichts strahlendes zu sehen gegeben. Das Erlebnis blieb aber bei ihm. Als in Startreck eine Episode auf dem Programm stand, in der er auf Vulkan sein würde und zum allerersten Mal andere Vulkanier treffen würde, wünschte er sich irgendeine Vulkanier spezifische Begrüßung und Geste mit in seine Rolle bringen zu können. Da fiel ihm wieder diese Anekdote ein. Asiaten verbeugen sich voreinander. Westliche Menschen schütteln sich gern die Hände. Er schlug vor, diese Geste zu machen, was Startrecks Macher übernahmen. 

    Das war im Endeffekt, was man heute einen viralen Hit nennen würde. Der Vulkanier Gruß zusammen mit live long and prosper, der Zeile, die sich die Vulkanier gegenseitig in ihrer eigenen Sprache in dem Moment sagen, wurde es so eine Konstante, dass es aus dem Charakter Spock, dem Vulkanier Volk in Startreck und der Popkultur allgemein nicht  mehr wegzudenken ist. Damit kam natürlich die Frage auf, was ihm die Inspiration gegeben hatte, diese Geste einzuführen. 

    Eines Tages wandte er sich an seinen Rabbi. Da erfuhr er vom göttlichen Licht der weiblichen Seite Gottes. Leonard Nimoy war Zeit seines Lebens Fotograf. Mit elf hatte er das erste Mal eine Kamera bedient und relativ früh gelernt, Filme selbst zu entwickeln und in der Dunkelkammer weiterzubearbeiten. Sein erstes Studium war ein Studium der Fotografie. Für Leonard Nimoy war Fotografie ein hochpersönliches, poetisches Medium. Er schrieb außerdem Gedichte. Seine Bilder waren oft eine Mischung aus Tagebuch und Selbstausruck. 

    Als er diese Geschichte der weiblichen Seite Gottes und ihrer Strahlung hörte, beschloss er, daraus ein fotografisches Projekt zu machen. Er würde versuchen, diese weibliche Göttlichkeit in Fotografie auszudrücken. Dem Ergebnis kann ich hier unmöglich gerecht werden. Es sind sinnliche schwarz weiß Aufnahme jüdischer Frauen, teils mit Gebetsschal, die mal mehr und mal weniger abstrakt sind und teils sehr ungewöhnliche Lichtführung haben. Als 2002 das Buch auf dem Markt erschien, entbrannte eine Kontroverse. 

    Nicht jede orthodoxe jüdische Gemeinde mochte die Tatsache, dass man jede Menge nacktes Fleisch in seinem Bildband sah. So hatte eine jüdische Gemeinde in Seattle Leonard Nimoy eigentlich eingeladen, sein Buch dort vorzustellen. Als sie erkannten, dass es im Buch um Gott in seiner weiblichen und teils sehr puren weiblichen Form ging, schlug man das Weglassen der Nacktbilder vor. Damit hätte Leonard Nimoy kein Problem gehabt, da es eh nur vier bis fünf Bilder betraf, in denen eine Frau komplett nackt sichtbar war. Kurz darauf kam aber der Vorschlag, vielleicht gar keine Bilder zu zeigen. 

    Das war doch sehr sinnlich. Weil ein Bildband ohne Bilder zu zeigen schwer vorstellbar ist, lehnte Leonard Nimoy ab und wurde deswegen ausgeladen. Das machte wiederum Schlagzeilen und ging durch die Presse. Bis heute wird kontrovers diskutiert. Die einen finden die Darstellung nackter Frauen mit männlichem Gebetsschal anrüchig. Andere verweisen darauf, dass es in jüdischer Tradition reichlich sexuelle und sinnliche Anspielungen gibt und es daher eigentlich keinen Grund gibt, dieses Werk zu verdammen. Es geht doch sehr geschmack- und respektvoll mit dem Thema um. 

    Manch puritanischer jüdischer Amerikaner mag dann nach den restlichen Bildprojekten Leonard Nimoys gegoogelt und beispielsweise sein full body Projekt gefunden haben. Full Body ist inzwischen Gegenstand mehrerer Ausstellungen und ist in mehreren Museen zu bewundern. Es ist ein Projekt, in dem Leonard Nimoy besonders füllige Frauen, die vor Lebenslust gerade so strotzten, aber einen Körper hatten, der in unserer Fitness besessenen Bilderkultur so gut wie nie präsentiert wird, erotisch fotografiert hat. 

    Eine Aufnahme dieses Projekts feiere ich ganz besonders. Er nahm ein sehr berühmtes Bild Helmut Newtons, in dem Helmut Newton gehende Business Frauen einmal bekleidet und in identischer Pose nackt nebeneinander gestellt abgebildet hatte, und zitierte sie mit seinen Models. Ich muss zugeben, dass Helmut Newtons Bild berühmter sein mag. Das von Leonard Nimoy hat aber wesentlich mehr Persönlichkeit. 

    Wer hätte gedacht, dass wir beim ikonischen Gruß der Vulkanier eigentlich die weibliche Seite Gottes begrüßen. Es ist irgendwie schade, dass der Fotograf Leonard Nimoy so gut wie nirgends erwähnt wird. Er starb 2015 im Alter von 83 Jahren. 72 Jahre davon hat er regelmäßig fotografiert. In den Nachrufen, die ich gesehen habe, wird ausschließlich von seiner Rolle als Mister Spock gesprochen. Seine Gedichte, Bücher, Fotografie ist mindestens genauso interessant und wird nur von dem entdeckt, der danach sucht. Um die Suche einfacher zu machen, kann man jetzt einfach bei Fotomenschen.net vorbei surfen und dort in die Notizen zur Sendung schauen. Eine Menge der heutigen Quellen sind als Video Einbettungen dort hinterlegt. Nicht jeder Podcast Client zeigt sie an. Falls in den Notizen zur Sendung kein Videolink zu sehen ist, ist es Fotomenschen.net. Für die meisten Episoden habe ich dort auch Transkripte. Sie kommen immer mit leichter Verzögerung, also ein bis zwei Wochen Nachlauf. Früher oder später kann man die Folge aber auch nachlesen, wenn man das lieber mag. Bis bald.

    8 min
  • Die Geschichte der Bildmanipulation

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Es gibt Diskussionen die sind so alt wie die Fotografie selbst. Manche glauben mit der Diskussion um Bildmanipulation hätten wir ein neues Thema für uns entdeckt dabei haben schon die vielgelobten „alten Meister“ manipuliert was das Zeug hält.

    Nachtrag: In der ersten Fassung der Folge behaupte ich noch fälschlicherweise Lenin hätte Bilder manipuliert. Es war natürlich richtigerweise Stalin derjenige der politische Gegner entfernen ließ. Danke an Sylvie für den Hinweis!

    • Lincolns Kopf und Calhouns Körper – 30 Beispiele manipulierter historischer Aufnahmen (Spiegel)
    • 100 Photos – Abraham Lincoln photographed by Mathew Brady (Time)
    • Fake photo of Ulysses S. Grant has fooled people for a century
    • Edward Steichen (Wikipedia)
    • Marked Up Photographs Show How Iconic Prints Were Edited in the Darkroom (PetaPixel)
    • Kriegsbilder - eine Geschichte der Bildmanipulation?
    • Stalin Erased His Enemies From History (Literally)
    • Bilder und „historische Wahrheit“ (BPB)
    • Geschichte der Bildbearbeitung (kwerfeldein)
    • Thomas Knoll (Wikipedia)
    • John Knoll (Wikipedia)
    • The Interesting History of Adobe Photoshop
    • Adobe Photoshop (Wikipedia)
    • Studio Kreativkommune Folge #40 – die „out of cam“ jpeg Fotografie
    • Erik Schlicksbier – Analoge Angelegenheiten

    Transkript

    Die Geschichte der Bildmanipulation

    Heute beschäftigen wir uns mit einem Thema, das so alt wie die Fotografie selbst ist. Trotzdem haben wir anscheinend immer wieder das Gefühl, das Thema komplett neu für uns zu entdecken. (Musik) Fotomenschen. Es gibt Themen in der Fotografie, über die seit jeher gestritten wird. Kann Fotografie zum Beispiel Kunst sein, wo sie doch nur festhält, was sowieso schon da ist? Nummer zwei: Ist das Manipulieren von Bildern, sei es mit Ausschnitt oder Bildbearbeitung, Irreführung des Betrachters oder legitimes Ausdrucksmittel? Nummer drei: Entsteht Fotografie im Kopf der Fotografin, in der Nachbearbeitung, bei ihrer Verwendung oder vielleicht sogar erst im Kopf der Betrachtenden? 

    Man könnte gerade weitermachen. Wer momentan die aktuellen Nachrichten rund um das Medium verfolgt, dem wird nicht entgangen sein, dass es einen Trend zur Bildnachbearbeitung gibt. Bilder, die ursprünglich mal in schwarz weiß aufgenommen wurden, werden nach koloriert. Lächeln werden in eigentlich ernst schauende Gesichter montiert. Die Software wird kurz gesagt immer intelligenter. Kann man Bildern denn dann überhaupt noch so wie früher vertrauen? Schauen wir uns dieses früher mal ein bisschen näher an. 

    Die Königin der Bildbearbeitungsprogramme ist ganz eindeutig Photoshop. Photoshops Geschichte beginnt 1988. Da war ich knapp 12 Jahre alt. Der Doktorand Thomas Knoll war damals wahrscheinlich ein bisschen älter. Er beschäftigte sich für sein Studium mit bildverarbeitenden Systemen. Sein Bruder arbeitete in der Zeit bei Industrial light and magic. Das war die von George Lucas gegründete Special Effects Firma. 

    [Einspieler] I just started in ILM and I should be working (?over) a year. A few months later I was visiting Tom, who was PHD candidate at the university Mishigen. His thesis work was on vision systems. He has written all his image processing tools. It actually was kind of striking, how similar what Tom had written was, to what I had seen on the (?Pixar). When I got the (?Dem or the Pixar) it seemed so exciting. It was something I really wanted to have, but it was very expensive and exclusive.

    John führte bei Industrial Light and Magic mit modernster Hardware und Software kleine, dafür aber sehr teure Änderungen am Filmmaterial durch.

    [Einspieler] Then Tom was doing this work on his thesis on a (?Mac and tosh plus), a computer, that I had. Suddenly it seemed like it is worth in reach, that I can have a computer of my own, which can do the same sorts of things.

    Sein Bruder Thomas hatte für sein Studium mit handelsüblicher Standard Hardware kleine Tools zur Bildbearbeitung. Das war unter anderem ein Produkt, das er Display nannte. Es war in der Lage, Graustufen Bilder auf einem monochromen, also schwarz weiß Monitor, darzustellen. Diese ersten Gehversuche sah John und war tief beeindruckt. Da musste keine zehntausende Euro teure Hardware werkeln. Man konnte alles mit Technik von der Stange machen. Er belaberte seinen Bruder, aus dieser kleinen Sammlung von Utilities ein Bildbearbeitungswerkzeug zu machen. 

    Es sollte Image Pro heißen. Den Namen hatte leider schon jemand anders reserviert. Die zweite Wahl war dann Photoshop. Photoshop 007 kam 1988 raus und erregte von Anfang an Aufmerksamkeit, da es Dinge konnte, die andere Software bis dahin nicht konnte. Die damals noch junge Firma Adobe sieht das Potential in der Lösung und kauft die Rechte an Photoshop. Das war wahrscheinlich der Tag, an dem Tom und John beide zu Millionären wurden. 34,5 Millionen US Dollar hat diese Lizenz gekostet. Am 01. Februar 1990, drei Tage vor meinem vierzehnten Geburtstag, kommt Photoshop Version 1.0 für den Mac raus. Das hat damals 300 Dollar gekostet. Verglichen mit der heutigen Plattform konnte es nichts. Verglichen mit dem bisher existierenden, war die Werkzeug Palette von Photoshop revolutionär. 

    Noch im selben Jahr kamen bis heute verwendete Erweiterungen wie ein Stift Tool, um in der Software nicht nur zu manipulieren, sondern direkt malen zu können. Pfade, Unterstützung für Druckfarben kamen. Ab jetzt ging es Schlag um Schlag. Photoshop wurde für jedes Genre der Bildbearbeitung so wichtig, dass es aus dem heutigen Werkzeugkasten professioneller Fotografen, Mediengestalter, Designer jeglicher Art, absolut nicht mehr wegzudenken ist. Photoshop ist für uns so wichtig, dass die Brüder John and Tom Knoll 2019 mit dem Oscar dafür ausgezeichnet werden. Der Oscar wird nämlich von der Academy für Motion Pictures and Science verliehen. In dieser Science Sparte waren die beiden die Gewinner. Man könnte 1988 also als den Startpunkt für die moderne Bildmanipulation festlegen, wären da nicht schon seit Jahrzehnten andere Meister am Werk. Fotografinnen und Fotografen waren sich schon immer bewusst, dass sie die Wirklichkeit darstellen. 

    Dass sie manipulierend eingreifen, wie das Bild im Endeffekt aussehen würde, hing sehr von der Wahl der Mittel ab, mit denen fotografiert wurde. Welche Chemikalien wurden verwendet, um den negativ Träger zu bearbeiten? Womit wurde belichtet und entwickelt? Welche Objektive kamen zum Einsatz? Welchen Bildwinkel wählte man? Man konnte all das auch als Manipulation verstehen. 1903 schreibt Edward (?Steichen), der einer der großen einflussreichen Gestalten der Fotogeschichte ist, dass Fotografien von Anfang bis Ende nur als Fake verstanden werden können. Every photograph is a fake from start to finish. Steichens große Leidenschaft galt der Fotografie als Kunst. Er organisierte Ausstellungen und war Herausgeber eines der einflussreichsten Fotomagazine aller Zeiten Camera Works, ganz zu schweigen von seinen eigenen Arbeiten. 

    Er war in der Bearbeitung seiner Bilder nicht zimperlich. Viele ziehen eine Linie zwischen Fotos, wie sie in der Kamera entstanden sind und später veränderten Bildern. Wenden wir uns erstmal der späteren Veränderung zu. In der digitalen Welt ist das ganz eindeutig voneinander getrennt. Ich mache das Foto in der Kamera. Wenn ich da ein J Pack erzeugt habe, bin ich schon fertig. Ich kann diese Datei weitergeben. Eine moderne Digitalkamera ist natürlich nichts anderes, als ein Computer. Eigentlich hat diese Kamera schon basierend auf den vorgenommenen Einstellungen diese Bilddaten irgendwie manipuliert und verändert. Vielleicht habe ich da auch schon Entscheidungen getroffen, die verändernden Charakter haben. Nehmen wir das alles mal auf die Seite. Das Bild ist dann tatsächlich als Produkt fertig. 

    Fotografinnen und Fotografen posten das dann gerne mit dem Hashtag SOOC oder OOC für straight out of camera auf Instagram und co und brüsten sich damit, dass sie das Gerät technisch gemeistert haben und dass sie in erster Linie auf Licht und Farbe und weniger auf Veränderung in Software geachtet haben. Diese Unterscheidung gab es so früher nicht. Mit dem fotografierten Bild war ich mit Nichten fertig. Damit hätte ich gar nichts anfangen können. Das Bild musste als nächsten Arbeitsschritt entwickelt und gedruckt werden. Das was wir heute manchmal als J Pack rumreichen, war damals das ausbelichtete Bild. Zwischen der Aufnahme in der Kamera und dem fertig in der Hand zu haltenden Bild waren eine Unzahl von Arbeitsschritten. Erstmal musste der Film entwickelt werden. 

    Schon die Wahl der Chemikalien, die Temperatur der Flüssigkeiten, die Dauer in den verschiedenen Bädern hatte Einfluss darauf, wie körnig, hell, dunkel, scharf, unscharf das Bild war. Das war also schon eine kreative Entscheidung. Hatte man dann den Film fertig entwickelt, kam der nächste Arbeitsschritt: Das Ausbelichten auf Fotopapier. Auch hier ist die Frage, welches Fotopapier, wie lange, welche Teile des Negativs dürfen wie lange ausbelichtet werden? Es ist diese Phase, in der Meister der Fotografie wie der berühmte Landschaftsfotograf Ansel Adams ihre wahre Meisterschaft zeigen. Er hat nicht einfach das Negativ wie es in der Kamera war genommen und einfach platt durchbelichtet. Ansel Adams entwickelte es zur Kunstform, mithilfe sogenannter Abwedeln und Nachbelichten Teile der Bilder aufzuhellen und abzudunkeln. 

    Ansel Adams‘ Kunst entstand in der Dunkelkammer, wenn er seine Prints fertigte. Sie entstand durch gekonnte Bildmanipulation. Wenigstens haben sie nichts hinzugefügt oder weggenommen, könnte man einwerfen. Man will naja antworten. Tatsächlich hatten schon die allerersten Landschaftsfotografen damit zu kämpfen, dass ihr eingesetztes Medium nicht in der Lage war, gleichzeitig helle Himmelsstrukturen und dunkle Landschaftsstrukturen abzubilden. Die Fotografen behalfen sich damals durch das machen mehrerer Aufnahmen. Es war eine Aufnahme des Himmels, eine Aufnahme der Landschaft. Diese wurden in der Dunkelkammer übereinandergelegt. Wer in der Fotowelt zuhause ist und in letzter Zeit eine Software namens Lumina gesehen hat, oder sich über die neuen Möglichkeiten von Photoshop, Himmel künstlich in Bilder reinzumontieren gefreut hat, der kann sich da erinnert fühlen. Das ist eigentlich genau das gleiche, nur statt mithilfe von Software handgemacht. 

    Die Fähigkeit, Bilder ineinanderzumontieren endete natürlich nicht bei Himmel und Landschaft. Es gibt Fotos, von denen tatsächlich erst jetzt entdeckt wurde, dass sie eigentlich Fotomontagen waren. Ein prominentes Beispiel ist der Bürgerkriegsgeneral Ulysses Grant. Ein Foto zeigt ihn angeblich, wie er 1865 auf einem Pferd seine Truppen inspiziert. Über ein Jahrhundert lang glaubte man, diese Aufnahme stamme von dem berühmten Bürgerkriegsfotografen Mathey Brady, zu dem wir gleich kommen. Der hatte nach seinem Tod seine Negative seinem Neffen (?Elsy Handy) vermacht. Der hatte begonnen, Drucke davon zu fertigen und neu zu verkaufen, wie auch diesen Druck von Julissus Grand. Heute wissen wir, dass dieser Druck so nie als Aufnahme gemacht wurde, sondern eigentlich eine Montage aus drei verschiedenen Aufnahmen ist. Es gibt die Szene im Bürgerkriegslager. Es gibt eine Aufnahme vom Pferd und den Oberkörper Grands, der draufmontiert wurde. Das hat irgendwie niemand bemerkt. Dieses Foto gibt es bis heute ohne einen weiteren Hinweis auf Manipulation. Menschen glauben, dass es so gewesen sein könnte. Man könnte sagen, dass er wahrscheinlich irgendwann mal Truppen inspiziert hat. Vermutlich hat es so ähnlich ausgesehen und überhaupt: wen interessiert es? 

    Ist es aber überhaupt noch Fotografie? Die Frage behalten wir im Hinterkopf und gehen nochmal zurück. 

    Mathew Brady ist Bürgerkriegsfotograf, der ein Fotostudio in New York am Broadway betrieb. Wir haben Februar 1860, als in diesem Studio eines der berühmtesten Porträts des späteren US Präsidenten Abraham Lincoln entsteht. Abraham Lincoln wird zu Protokoll geben, dass er seine Präsidentschaft Matthew Brady verdankt. Nicht mehr und nicht weniger. Zu der Zeit befand sich Abraham Lincoln im Wahlkampf. Das Gerücht hatte um sich gegriffen, er sei hässlich wie die Nacht, klein, gebeugt, gedrungen, lange Finger wie ein Gnom. Damit gab es eine Menge negative Presse und negative Berichterstattung über sein angeblich furchtbares Äußeres, statt sich mit der Frage zu beschäftigen, ob er die junge Nation anführen könnte. Abraham Lincoln wusste, der einzige Weg, das zu ändern, wäre ein Gegenbeispiel zu schaffen und ein visuelles Mittel zu finden, das Volk vom Gegenteil zu überzeugen. Mathew Brady war der Mann, dem er dann sein Vertrauen schenkte. Brady schritt zur Tat. Er kürzte die Finger, sorgte dafür, dass das Bild aufrechter wirkte, verlängerte den Hals, glättete einige der Spuren in Abraham Lincolns Gesicht. 

    Es war allgemein ein hervorragendes Porträt, von dem ab da Zeichnungen und Prints gefertigt wurden. Es trat eindeutig den Gegenbeweis an, dass Abraham Lincoln gar nicht so hässlich war. Dieses Porträt ist interessanterweise nicht die einzige frontale Bildmanipulation, die wir kennen. Es gibt ein anderes berühmtes Bild, wo Abraham Lincoln neben einem Tisch steht. Es stammt auch aus den 1860ern und wurde von einem anderen Fotografen gefertigt. In dem Fall wurde Lincolns Kopf auf den Körper des US Politikers John Calhoun montiert. Letzterer sah sehr aufrecht und herrschaftlich aus. Lincoln wollte wohl auch so aussehen. Durch die gesamte Geschichte der Fotografie wurden Fotos mal mehr, mal weniger, verändert. Wir können gar nicht fotografieren, ohne die Wirklichkeit anzupassen. 

    Jede Fotografie ist mindestens eine Interpretation der Wirklichkeit. Im Grunde manipulieren wir Licht, Schatten, Ausschnitt und manchmal noch viel mehr, um ein Ergebnis zu erzeugen, das wir gut finden. Wir montieren heute Lächeln in Gesichter, ändern Farben oder stempeln störende Elemente aus Bildern raus. Das konnten gekonnte Bildbearbeiter seit über 100 Jahren ohne weiteres in der Dunkelkammer nachbilden. Ein populäres Beispiel ist die Bildmanipulation, die im Auftrag Stalins stattfand, der notorisch bekannt dafür war, dass er frühere Weggefährten, die später zu seinen politischen Gegnern wurden aus historischen Fotografien entfernen ließ. Wenn es hieß, man müsse Schulbücher neu drucken, dann wurden einfach Schulbücher neu gedruckt. Wann ist sowas gut und wann unredlich? Ich persönlich glaube, dass die Linie beim Zweck der Fotografie verläuft. 

    Ist der Anspruch ein journalistischer, sind weniger Veränderungen akzeptabel, als wenn wir versuchen, eine künstlerische Aussage zu treffen. Qualitativ gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Bild, in schwarz weiß umzuwandeln oder komplette Bildelemente aus anderen Aufnahmen einzufügen oder zu entfernen. Man konnte Fotografien jedenfalls noch nie vertrauen. Sie fühlen sich so verdammt echt an. Verändern konnte man sie aber schon immer. (Musik) Fotomenschen. Im 20. Jahrhundert galt es manchen Fotografen als verwerflich, Bilder zuzuschneiden. Um zu zeigen, dass die Bilder nicht zugeschnitten waren, druckten sie die Bilder inklusive der Stanzungen außenrum, sodass man sehen konnte, dass das Negativ unangetastet war. 

    Nachbelichten und abwedeln war nicht so schlimm und vor allen Dingen unvermeidlich, da man so oder so in die Dunkelkammer musste, in der eben nochmal interpretiert wurde, wie das Bild aussehen würde. Heute sind wir stolz, wenn wir straight out of camera Bilder produziert haben, solange wir es nicht ausdrucken wollen und solange uns egal ist, wie die Bilder auf unterschiedlich kalibrierten Monitoren aussehen und solange uns egal ist, dass Plattformen wie Instagram oder Facebook unterschiedliche Farbdarstellungen wählen. Aber dann ist es straight out of camera. Es ist im ernst cool. 

    Es ist eine Errungenschaft. So wie früher beim Film einlegen, können wir heute einen Stil in der Kamera wählen. Anders als früher beim Film müssen wir nicht mehr belichten. Wir müssen nicht mehr ausdrucken. Wenn wir wollen können wir an der Stelle fertig sein. Lieben Dank. Schaut euch an dieser Stelle Erik Schlicksbier an, der nicht nur den großartigen Podcast Studio Kreativ Kommune, sondern inzwischen auch einen weiteren Podcast Analoge Angelegenheiten macht und mich zu dieser Folge überhaupt erst inspiriert hat. Ich möchte Jürgen für eine super nette Apple Podcast Rezension und Hören statt Lesen für eine Rezension auf Podcast Adict danken. Ich freue mich immer, wenn ich von euch ein nettes Feedback bekomme, sei es im Blog auf Fotomenschen.net oder in einer der vielen Plattformen, wo man Sterne Wertungen oder Review Texte hinterlassen kann. Das ist super cool. Wer diesen Podcast gut findet und unterstützen möchte, erzählt anderen, dass es ihn gibt. Empfehlt den Podcast, besprecht den Podcast und lasst mich wissen, wenn ihr irgendwelche Themenwünsche habt. Bis bald.

    18 min
  • Pflaumen, Käse, Papageienpopel

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Früher forderten Fotograf:innen ihre Kundschaft auf „Prunes!“ (Pflaume) zu sagen damit die für die Aufnahme den Mund schlossen. Wann und warum tauchte dann die Erwartung auf in die Kamera zu lächeln und „Cheese!“ zu sagen?

    • The first smile and photobomb ever photographed
    • Mary Dillwyn (Wikipedia)
    • Duckface (Wikipedia)
    • Why We Say „Cheese“: Producing the Smile in Snapshot Photography (Critical Studies in Media Communication)
    • Now You Know: Why Do People Always Look So Serious in Old Photos? (Time)
    • Yearbook Photos Show How Smiles Have Widened Over the Decades
    • A Rare Photo of Someone Smiling in the 19th Century
    • Say ‘Prunes’, Not ‘Cheese’: The History of Smiling in Photographs
    • MDL00 010
    • MDL00 030
    • Fotomenschen #31: Kodak-Momente (Die Geschichte von Kodak und George Eastman)
    • Fotopodcast #225: Lichtblicke, der Blues und ein Workshop (oder hier direkt zu der Stelle an der Ulrike über Fotomenschen spricht 🙂 )

    Transkript

    Schaut man sich Fotos des 19. Jahrhunderts an, wird schnell auffällig, dass es offensichtlich damals nichts zu lachen gab, denn die Leute schauen immer bierernst in die Kamera. Oder hat das vielleicht andere Gründe?

    Um gleich mal eins aus der Welt zu räumen: Auch im 19. Jahrhundert hatten die Menschen Spaß und wussten, wie man lacht. Betrachtet man hingegen Fotos aus der Zeit, fällt auf, wie selten das vorzukommen scheint.

    Das älteste Bild eines lächelnden jungen Mannes, das wir kennen, ist von 1853. Es zeigt den zum Zeitpunkt der Aufnahme 18-jährigen Willy Dillwyn. Die Dillwyns waren Fotopioniere aus Wales. Sie waren durch Heirat mit Henry Fox Talbot verwandt, dem britischen Vater der Fotografie und Willys Vater John Dillwyn Llewelyn war ein Botaniker und hat sehr früh angefangen, seine Arbeit mit fotografischen Verfahren zu dokumentieren. Fotografiert hatte allerdings Willy nicht sein Vater John, sondern seine Tante Mary.

    Und auf Marys Konto gehen so einige erste Aufnahmen. Sie ist zum Beispiel diejenige, die den ersten Schneemann überhaupt fotografiert. Und die erste Fotobombe. Ein Gruppenfoto, wo im Hintergrund ein Mädchen neugierig um die Ecke lugt.

    1853, als Willy eben vor der Kamera lächelte, war die Fotografie bereits seit 14 Jahren in der Welt. Waren die allerersten Aufnahmen noch Aufnahmen, die manchmal Stunden Belichtungszeit brauchten, konnte man inzwischen in Sekunden belichten. Zumindest, wenn man draußen bei Tageslicht fotografierte. Im Studio sah das noch ein bisschen anders aus. Da musste man sich doch noch einigermaßen ruhig halten, um eine ordentliche Aufnahme zu machen.

    Und das ist auch gleich die erste Erklärung dafür, warum gerade auf alten Aufnahmen die Menschen so ernsthaft zu schauen scheinen: Ein natürliches, natürliches Lächeln wird halt schnell zur seltsamen Grimasse, wenn man es 30 Sekunden lang halten soll. Im Internet findet man dann zusätzlich noch Skizzen von Halteapparaten, die Kopfpositionen für den Fotografen fixierten und wenn man in so einen Schraubstock eingespannt ist, fällt das Lächeln vielleicht nochmal extra schwer. Ist eine naheliegende Begründung.

    Allerdings reicht die nicht, denn ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war eben Technik verfügbar, mit der man viel, viel schneller belichten konnte und trotzdem schauen die meisten Menschen ziemlich ernst in die Linse.

    Der Grund ist also ein anderer. Und den finden wir, wenn wir uns die Umstände, unter denen die meisten Aufnahmen damals entstehen, genauer anschauen. Vor der Entwicklung der Fotografie war ja die Portraitmalerei das Mittel der Wahl, um Menschen für die Ewigkeit zu dokumentieren. Und auf diesen Bildern wollte man eben nicht dümmlich lächelnd dargestellt werden, sondern gebildet, ernsthaft, machtvoll wirken. Die Fotografie nun orientierte sich an diesen Sehgewohnheiten.

    Und Fotografie passierte ja auch nicht zwischendurch, sondern war geplant. Es war ein Ereignis, zum Portraitfotografen zu gehen. Das kostete viel Geld und man machte es zu besonderen Anlässen. Und dann grinste man eben auch nicht in die Kamera, sondern versuchte, dabei ernsthaft und dem Anlass angemessen feierlich zu schauen. Hätte man in die Kamera gegrinst, wäre der Verdacht nahegelegen, dass man entweder dement oder besoffen oder sonst irgendwie seltsam wäre.

    Damals wie heute verstehen professionelle Fotografinnen und Fotografen ihre Aufgabe darin, dem Model den richtigen Weg zu weisen, sie also in eine Pose und zu einem Gesichtsausdruck zu leiten, der ihnen dann später gefallen wird. Und so, wie man heute die Leute auffordert, „cheese“ zu sagen, hat man damals „prunes“ gesagt, damit die Leute ihren Mund eben schließen.

    Ja, und wo wir schon bei geschlossenen Mündern sind: Das ist dann auch noch die nächste Begründung, warum Menschen ganz allgemein kein Interesse daran hatten, auf Bildern für die Ewigkeit ihr Speisezimmer zur Schau zu stellen. Denn schief gewachsene, faulige oder ausgefallene Zähne waren auch beim Adel gar nicht selten. Ein breites Karieslächeln war damals also unter Umständen auch aus ästhetischen Gründen gar nicht erstrebenswert.

    Wir haben also eine Mischung aus Sehgewohnheiten, kulturellen Befindlichkeiten und technischen Möglichkeiten, die dafür sorgen, dass zumindest mal im 19. Jahrhundert das Lächeln auf Fotos sehr selten ist. Menschen, die fotografiert werden, kommt einfach nicht in den Sinn, zu lächeln und Fotografinnen und Fotografen, die Portraits aufnehmen, kommt nicht in den Sinn, die Leute dazu aufzufordern, zu lächeln. Und bis heute gibt es messbare Unterschiede darin, wie unterschiedliche Kulturen auf die Fotosituation reagieren. Nicht jede Nationalität neigt dazu, gleich mal loszugrinsen.

    Um das Aufkommen des Fotolächelns zu studieren, bietet es sich an, einige der üblichen Standardfotosituationen genauer unter die Lupe zu nehmen. Zum Beispiel existiert in den meisten westlichen Ländern die Tradition des Schuljahrbuchs. Und dann gibt es natürlich auch noch Hochzeitsfotos, Portraits zum 18. Geburtstag und dergleichen mehr. Speziell Jahrbuchtraditon kommt in angloamerikanischen Ländern um das Jahr 1900 auf.

    Ein Team der University of Berkley nahm sich 38000 dieser Fotos vor und stellte fest, dass erst so ungefähr 1920 die ersten zaghaften Lächelaufnahmen auftauchen. Das Grinsen wird Jahr für Jahr breiter, wobei die Frauen einen leichten Lächelvorsprung haben, bis wir dann irgendwann anfangen, Zähne zu sehen. Und heute grinsen Studierende breiter als jemals zuvor.

    Warum ist das so? Wer hat diese Gewohnheit geprägt? Wie kommt es, dass wir als Gesellschaft genau wissen, dass in bestimmten Situationen eine auf uns gerichtete Kamera mit der Erwartungshaltung verbunden ist, dass wir versuchen, freundlich und lächelnd zu schauen?

    Verschiedene Studien zeigen, dass diese Erwartung zuerst in den USA aufkommt und Hand in Hand geht mit der Entwicklung der Werbung im öffentlichen Raum. Eine Firma ist da ganz besonders prägend. Eine Firma, über die wir hier auch schon mehrmals gesprochen haben. Nämlich die Firma Kodak.

    Kodak sah es als seine Aufgabe an, die Fotografie für die Massen verfügbar zu machen. Von Anfang an wurden Kameras für Kinder und Familien vermarktet. „You press the button, we do the rest“ ist der berühmte Slogan der Firma Kodak. Die Idee ist, dass die Technik so einfach geworden ist, dass sogar Kinder damit spielen können. Und so günstig, dass man das jederzeit tun kann. Es kommt die Privatfotografie auf und die Familie ist der Ort, an dem auch mal herumgealbert wird. An dem es Gelegenheiten gibt, zu denen die Menschen Freude zeigen. Und die Fotos sind ja privat, das heißt, sie bleiben in der Familie und zeigen deswegen bereitwillig das Lächeln der glücklichen Familienmitglieder. Eastman Kodak befeuert das noch weiter.

    Es ist nicht nur Kodak, sondern die gesamte Werbewelt befindet sich gerade im Umbruch. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hat Werbung in erster Linie den Kunden Angst gemacht. Ihnen wurde gesagt, was ihnen droht, wenn sie ein Produkt nicht kaufen. Beispielsweise ein Mundwasser ist die dringend notwendige Gegenmaßnahme gegen drohende soziale Verelendung.

    Zum Ende des 19. Jahrhunderts aber dreht sich diese Perspektive. Nicht mehr Angst wird verkaufsfördernd eingesetzt, sondern es geht um die Aussicht auf Vergnügen, auf Freude. Das schlägt sich ganz besonders auch in den Werbekampagnen von Kodak nieder. Deren Kampagnen zeigen oft die sogenannten „Kodakgirls“ und Situationen im Familienkreis und relativ schnell ist da auch viel Lächeln zu sehen.

    Kodak veröffentlicht vor allen Dingen eine ganze Reihe von Büchern und regelmäßig erscheinenden Magazinen, in denen sie den Amateurfotografen wie dem Profi Tipps für Posing, gute Situationen und dergleichen gibt. „Kodakery“ ist eines dieser Magazine und recht schnell wird da drin eben auch deutlich gemacht, dass glückliche Situationen, freudige Situationen, gerne auch mal Schnappschüsse im Urlaub oder zu irgendwelchen Familienfesten der ideale Platz für die Kodak sind.

    Außerdem veranstaltet Kodak Wettbewerbe. Kodakfotografinnen und Fotografen können ihre Bilder einschicken und die Gewinner werden wiederum als Werbekampagnenmotive weiterverbreitet. Millionen sehen die Aufnahmen glücklicher Kodakmomente. Und je mehr die im öffentlichen Raum auftauchen, desto mehr Menschen gewöhnen sich an diesen Anblick und erfüllen auch diese Erwartungshaltung. Wird eine Kamera auf uns gerichtet, versuchen wir eben, glücklich auszusehen. Und schon ist es da, das Lächeln.

    Es ist also Werbung und Marketing, das unsere Foto- und Sehgewohnheiten prägt. Und die entwickeln sich in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich schnell. Im Deutschland der 20er Jahre ist Leica das große fotografische Unternehmen. Und Leica revolutioniert die Welt der Fotografie der damaligen Zeit.

    Die Kampagnen von Leica allerdings, die bleiben ernsthaft. Von den ersten 150 Werbekampagnen, mit denen Leica ihre Fotosparte bewirbt, zeigen nur 14 ein Lächeln. Die Deutschen sind also verhältnismäßig ernsthaft in ihren Aufnahmen. Und das sieht man auch bei Familienbildern aus der damaligen Zeit. Während in den USA schon breit gegrinst wird, schaut man bei uns noch einigermaßen seriös in die Kamera. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bricht aber auch hierzulande endgültig der Damm und auch hier wird breit gegrinst.

    Spannend auch, dass wir kein deutsches Äquivalent für „cheese“ haben, sondern das einfach auch sagen. Oder diverse lustige Alternativen finden. Wir haben zum Beispiel unsere Kids immer dazu aufgefordert, „Papageienpopel“ zu sagen. Bis zum „l“ sind die meistens gar nicht gekommen.

    Spannend ist auch, dass diese Entwicklung, also, was man so macht, wenn man fotografiert oder fotografiert wird, noch nicht abgeschlossen ist. Mit dem Aufkommen der Selfiekultur sind auch neue Grimassen und neue Rituale aufgekommen. Da wird dann plötzlich statt einem Lächeln ein Duckface in die Kamera gemacht, also eine Schnute gezogen, die wohl am Anfang so ein bisschen wie ein sexy Kussmund aussehen sollte, aber zum Teil wirklich, wirklich seltsame Ausmaße annimmt. Und die Menge an Bildern, bei denen Frauen von unten nach oben schauen, nimmt zu. Auch hier wahrscheinlich das Bedürfnis, irgendwie sexy zu wirken, aber ganz eindeutig ein Trend in der Fotografie, den es vor 20 Jahren so nur in ganz bestimmten Genres gegeben hatte.

    Interessant auch, sich die eigene Erwartungshaltung bewusst zu machen. Wir erwarten, auf alten Aufnahmen ein ernstes Gesicht zu sehen und sind dann immer so ein bisschen in unseren Sehgewohnheiten irritiert, wenn das nicht der Fall ist. Eine Aufnahme, die 2019 für 43750 Dollar verkauft wurde zeigt ein amerikanisches Indianermädchen, das breit in die Kamera lächelt. Und diese Aufnahme war so ungewöhnlich, dass Artikel darüber geschrieben wurden und das Ganze viral durch das Netz rauschte.

    Wir erkennen also moderne Fotos auch an den Gesichtsausdrücken. Und an den Posen. Und immer, wenn dieser Stil gebrochen wird, sind wir irritiert. Und das alleine, finde ich, ist ja schon eine spannende Beobachtung.

    Meine Kinder haben ja einen siebten Sinn und bemerken unfehlbar, wenn ich versuche, eine Kamera auf sie zu richten, um ein Foto von ihnen zu machen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die Grimassen, die ich da manchmal geerntet habe, nicht auch irgendwann mal zum Trend werden.

    13 min
  • Koronafotografiegeschwurbel

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Niemand weiß ob es vielleicht doch einen „Energiekörper“, also eine sogenannte Aura gibt. Allerdings wissen wir mit einiger Sicherheit dass die üblichen Verfahren zur „Aurafotografie“ nicht geeignet sind um den eigenen Astralleib zu dokumentieren…

    • Kirlianfotografie (Wikipedia)
    • Energiekörper (Wikipedia)
    • Semyon Kirlian (Wikipedia)Kir
    • Spiritistische Fotografie (Wikipedia)
    • The Kirlian Technique: Controlling the wild cards
    • Was ist Kirlianfotografie? So fotografierst du eine Aura! (Pixolum)
    • Aura Portraits Make Good Art, Bad Science (Wired)
    • Auraphoto – Instant film aura photography system
    • How Aura Photography Invaded Instagram

    Transkript

    Haben Menschen eine Aura? Kann man die fotografieren? Das sind Fragen, denen wir heute nachgehen und vorher ein Wort der Warnung: bloß nicht auf YouTube zu dem Thema recherchieren.

    Das erste Mal in einer Dunkelkammer stehen und dabei sehen, wie ein Foto Wirklichkeit wird - das ist ein magischer Moment. Zumindest nennen viele Fotografinnen und Fotografen diesen Augenblick als den Moment, in dem sie beschlossen haben: Fotografie wird ihre Leidenschaft.
    Und diese Faszination war schon immer Teil der Fotografie. Es ist ein Verfahren, um unsichtbares sichtbar zu machen. Selbst, wenn wir ein direktes Abbild der Umgebung aufnehmen, ist es dann doch die Vision des Fotografen, die wir sichtbar machen.
    Fotos sind immer dann am besten, wenn sie etwas zeigen, was wir nicht erwarten. Also einen Blickwinkel, den wir so noch nie gesehen haben, eine Farbgebung, die uns überrascht oder Dinge, die man mit bloßem Auge tatsächlich gar nicht wahrnehmen kann, wie zum Beispiel bei der Makrofotografie oder Infrarotfotografie oder Röntgenfotografie. Fotografie kann also dafür herhalten, um zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Um Goethe kurz zu zitieren.

    Und schon ganz früh beginnen Fotografinnen und Fotografen damit, eben auch die spirituelle Seite der Welt mit der Hilfe der Fotografie zu erforschen. In Episode 5 erzählte ich davon, wie angebliche Fotos von Feen die Welt begeisterten. In Episode 28 ging es um den Trend der Geisterfotografie. Beides basiert auf einer jahrhundertealten Idee, dass wir nämlich eine sichtbare und eine unsichtbare Welt haben, dass wir Menschen einen Körper und einen Geist haben. Dass wir von Energien umgeben sind, die uns und andere beeinflussen können. Und ist nicht auch Strom zum Beispiel so ein Ding? Man sieht es nicht, aber spüren kann man es und die Auswirkungen sind überall beobachtbar.
    Und es sind genau diese Alltagsbeobachtungen und dieser jahrhundertealte Glaube, der dafür sorgen, dass Menschen nicht mal zucken, wenn man ihnen sagt, dass man ihre Aura fotografieren kann. Und es gibt dafür auch Gerätschaften. Die findet man in den Praxen von Heilpraktikern, esoterischen Medien und ganz besonders häufig auf Esoterikmessen.

    Vor ein paar Jahren habe ich mir den Spaß mal gegönnt. In München war Esoterikmesse und ich hatte Zeit, also bin ich da vorbeigelaufen. Und schon am Eingang war eine Bude, wo man für gerade mal 30 € seine Aura fotografieren und für weitere 20 dann auch ausdeuten lassen konnte. Das Gerät sah, na ja, so ein bisschen kastig aus: Ein blauer, großer Kasten mit einem Spiegel und man konnte an den ausgestellten Beispielen sehen, dass die Ergebnisse dann doch recht bunt aussahen. Menschen mit umgebenden, bunten Wolken, so würde ich das jetzt mal beschreiben.
    Und an der Bude war Andrang. Im Fließbandverfahren ließen sich da Menschen ablichten und dann einen Termin zur Beratung zum Aura lesen zuteilen. Das Verfahren selbst, so klärte ein Plakat auf, ließ sich auf Nikola Tesla höchstselbst und ein russisches Ehepaar zurückführen. Die Theorie außen herum, also Deutungen und so weiter, war dann ein Mischmasch aus New Age Chakrenlehre und alter indischer Weisheit und neumodischem Schwurbelblabla, um Leuten Kohle aus der Nase zu ziehen.

    Doch was hat es mit dem Ganzen auf sich? Fangen wir mal von vorne an. Nikola Tesla war tatsächlich einer der Urväter (unfreiwilligerweise) der Aurafotografie, denn seine Arbeit legt einen Grundstein. Denn er hat mit Hochspannung experimentiert. Und das ist vielleicht das Erste, was wir hier vielleicht mal festhalten müssen: Aurafotografie fotografiert eigentlich keine Aura, sondern Aurafotografie fotografiert Entladungen, die durch Hochspannungen entstehen.
    Der Fachbegriff dazu ist Kirlianfotografie, benannt nach ihren Entdeckern Semjon Kirlian und seiner Frau Walentina Kirlian. Semjon war Elektriker in Russland. Es lässt sich nicht wirklich viel über ihn herausfinden, aber man weiß, dass er in seiner Jugend einen Vortrag von Nikola Tesla besucht haben soll und davon sehr beeindruckt zurückkam. Er war außerdem sehr talentiert: relativ schnell hatte er sich den Ruf erarbeitet, praktisch alles Elektrische reparieren zu können.
    1939 war der Patient ein medizinisches Gerät. Was es genau war, das er repariert hat, konnte ich leider nicht herausfinden, aber es muss ein Gerät gewesen sein, in dem sowohl Hochspannung als auch Filmmaterial zu finden war, denn bei dieser Reparatur entdeckte Kirlian durch Zufall, dass Hochspannung auf Filmmaterial Spuren hinterließ. Das sieht großartig aus und Kirlian fängt an, mit verschiedensten Materialien und Verfahren zu experimentieren. Das Ganze wird unter verschiedenen Namen bekannt: Elektrofotografie ist noch das beschreibendste, mein persönlicher Favorit ist Koronafotografie, denn die Entladungen, die festgehalten werden, sind sogenannte Koronaentladungen.

    Es ist dann Kirlian selbst und seine Frau, die nahelegen, dass hier aber eigentlich außerdem die Aura lebendiger Wesen sichtbar gemacht werden kann. Er fotografiert Hände, Blätter und die Ergebnisse sehen auch wirklich faszinierend aus. Er macht verschiedene Experimente, zum Beispiel fotografiert er Pflanzen, während sie verwelken. Und dokumentiert so, dass nach und nach die Korona schwächer zu werden scheint, die Aura also verblasst.
    Newager nehmen das als eindeutiges Zeichen, dass hier das Lebendige an diesem Blatt verblasst. Nur leider, also, wenn man es jetzt mal ganz genau nimmt, lässt sich das nicht wirklich halten. Denn legt man einen Schraubenschlüssel auf ein entsprechendes Gerät, stellt man fest: Der hat auch eine Aura. Und die variiert je nach Feuchtigkeit des Trägers, des Schraubenschlüssels und der Umgebungsluft. Es ist ja also ganz naheliegend: Eine verwelkende Pflanze verliert Feuchtigkeit und damit verändert sich natürlich auch der Entladungskranz, den man beobachten kann.
    Trotzdem ist Kirlians Verfahren ein Hit, auch wenn sich wissenschaftlich bisher kein Zusammenhang zwischen zum Beispiel Krankheiten und den Fotos herstellen ließ, hindert das die einschlägige Szene nicht daran, entsprechende Gerätschaften zu konstruieren und alle möglichen Thesen aufzustellen, wie denn die allgemeine Chakrenlehre zum Beispiel mit den beobachteten Koronaentladungen zusammenhängen könnte.

    Allerdings hat Kirlians Verfahren immer noch einen Schönheitsfehler. Man kann zum Beispiel nur sehr schwer einen ganzen Menschen fotografieren. Da war dringend technische Innovation notwendig. Vielleicht noch gepaart mit Geschäftssinn. Und wo lässt sich mehr Innovation und Geschäftssinn finden als im Silicon Valley der 70er und 80er Jahre?
    Damals wurden buchstäblich dutzende Unternehmen in Garagen gegründet. Und mehr als nur einmal wusste man von den Gründern, dass sie sowohl der Esoterik als auch Drogenexperimenten einigermaßen zugeneigt waren. Apple zum Beispiel. 1976. Und Steve Jobs, na ja, der hat schon das eine oder andere Stöffchen mal ausprobiert, sagen wir es mal so.

    Steve Jobs hat jetzt nichts mit unserer Geschichte zu tun, aber die Zeit und der Ort stimmen. Es ist nämlich diese Dekade, in dem der Kalifornier Guy Coggins anfängt, sich für die Aurafotografie nach Kirlian zu interessieren. Und sofort erkennt, dass es hier einen Markt geben muss. Amerikaner haben ja mittlere Namen und Guy A. Coggins heißt tatsächlich mit Mittelnamen Aura. Also „Aura“: Manche Zufälle sind einfach zu bizarr.
    Aber egal. Guy konstruiert ein Kamerasystem, Auracam 3000, das im Prinzip eine Doppelbelichtung auf Polaroidband ist. Das erste Bild zeigt da einfach den Menschen vor der Kamera und das zweite Bild wandelt die aufgenommenen Werte über die Elektroden in Farbwerte um, die dann innerhalb der Kamera auf das Polaroid darauf belichtet werden, mehrere Sekunden lang in der Regel. Und so ergibt sich ein Mensch in einer Farbwolke. Diese Farbwolke wird hinterher analysiert und gedeutet und zeigt angeblich die Aura.
    Das System, inzwischen weiterentwickelt als Auracam 6000 auf dem Markt, lässt sich für schlappe 10000 Dollar erwerben und hat den Scham eines antiken Nadeldruckerumschaltgeräts. Inzwischen gibt es Teile des Systems auch voll digital, das heißt, man kann nur die Sensoren kaufen und mit der passenden Software WinAura dann am Computer eine Aura berechnen lassen. Oh, und inzwischen, man geht ja mit der Zeit, hat Guy auch ein Unternehmen gegründet, um Aura in Virtual-Realitysystemen analysieren zu können.

    Die ganze Szene blüht und gedeiht. Es gibt eine riesige Menge an Seminaren, die buchbar sind. Es gibt Podcasts, es gibt YouTube Kanäle, Aurafotografie ist der Hit. Und sie zeigt nichts anderes als hübsch anzusehende Entladungen oder einen künstlich im Computer oder Gerät erzeugtes Farbspektrum. Damit man halt so ein bisschen esoterischer aussieht.
    Wissenschaftler weisen darauf hin, dass Aurafotografie tatsächlich keinerlei Energiekörper fotografiert. Denn fotografiert man ein Blatt zum Beispiel im Vakuum, gibt es plötzlich keine Entladungen mehr. Die brauchen nämlich diesen Träger außen rum, die feuchte Luft, über die eben kleine Blitze springen können. Es ist also leider kein Energiekörper, der fotografiert wird und es hat vermutlich auch nichts mit den Chakren oder was Schwurbler sonst noch so alles heranziehen zu tun, es ist einfach nur ein fotografisches Phänomen.
    Und als solches lohnt sich es vielleicht, mit einer der Selbstbauanleitungen im Netz mal herumzuexperimentieren, um zum Beispiel Münzen oder Blätter oder was auch immer auch mal selbst festzuhalten. Mit einer handelsüblichen Kamera. Ganz ohne Geister-Eso-Schwurbelklimbim. Einfach so, weil es gut aussieht.

    12 min
  • Skandalös schwanger

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Will McBride fotografiert in seinem Leben Staatsmänner, Musiker:innen, Schauspieler:innen und ganz besonders oft Jugendliche. Sein berühmtestes Bild ist jedoch eine Aufnahme seiner schwangeren Frau Barbara mit dem er einen Deutschlandweiten Skandal auslöst.

    • Will McBride (Wikipedia)
    • Twen (Wikipedia)
    • „In den sechziger Jahren war ich meistens schwanger“ (SZ Magazin)
    • Süddeutsche Zeitung – Barbara Siebeck über Männer (hinter Paywall)
    • Der Mann, der das wilde Berlin entdeckte, ist tot (WELT)
    • Will McBride Archiv
    • Demi’s Big Moment – Cover Story Vanity Fair August 1991
    • Natalie Portman has recreated THAT iconic Demi Moore pregnancy photo
    • Serena Williams‘ Pregnancy Shoot May Never Have Happened Without Demi Moore’s Trailblazing

    Transkript

    Für das heutige Thema habe ich mich gefragt, was eigentlich passieren müsste, damit ich mich über ein Bild so richtig aufrege, damit ich es skandalös finde, denn das Beispiel, das ich mitgebracht habe, wäre heute wahrscheinlich nichts Besonderes mehr. Oder?

    Als Will McBride für seinen Wehrdienst nach Deutschland kam, lag das Ende des 2. Weltkrieges gerade mal 8 Jahre zurück und er hatte das Ende als Teenager erlebt, es war ihm also geschmeidig egal gewesen, oder zumindest so egal, wie einem das von Chicago aus sein konnte. Er hatte englische Literatur, Kunstgeschichte und Malerei studiert, mit knapp über 20 wollte er dann ein bisschen was sehen von der Welt. Und das Militär war da eine gute Gelegenheit. Wehrdienst also. Und Deutschland.
    Würzburg ist ein wirklich schöner Standort und als 1955 sein Wehrdienst endet, will er nicht so recht zurück. Also fängt er an, sich seinen Lebensunterhalt als Fotograf für Magazine zu verdienen, derer gibt es inzwischen mehrere, und so ist er unterwegs, um Reportagen und Fotostrecken zu bringen. Italien, Frankreich, Schweiz: Er kommt rum in Europa. Er fängt nochmal ein Studium in Berlin an und zieht letztlich nach München.

    Seine Fotos, im Reportagestil aufgenommen, zeigen eine Jugend im Aufbruch. Als er in den 60ern ein Studio in München eröffnet und anfängt, für Magazine wie „Quick“ oder „Twen“ zu arbeiten, feiert und rebelliert eine Teenagergeneration, die den Krieg vielleicht noch erlebt hat, sich aber nicht mehr wirklich an ihn erinnern kann.
    Es ist ein Magazin, das ganz besonders zu seinem Stil passt: das junge Bildmagazin „Twen“. Er war schon bei Gründung 1959 mit an Board als Fotoredakteur und Bildlieferant. Und „Twen“ war ein modernes Magazin. Inhaltlich ging es um die Themen, um die es in Jugendmagazinen nun mal geht. Lifestylethemen wie Mode, Musik und Urlaub waren ganz vorne, dann ging es natürlich um Sexualität und Partnerschaft und wir befinden uns am Anfang der sexuellen Revolution, das heißt, vorehelicher Sex, Homosexualität, all diese Themen waren zwar tabu, aber man konnte schon über sie reden und schreiben. Und Will MCBride passte in die Zielgruppe hinein. Er war ein Anfang Zwanziger, er fotografierte gerne Anfang Zwanziger und so passte das perfekt.

    Ende der 50er hatte er seine Frau Barbara kennengelernt. Und wie es bei Reportagefotografen so ist, sie war eins seiner Lieblingsbildmotive. Als sie mit seinem ersten Kind schwanger wird, macht er eine Bildstrecke für das Magazin „Twen“. Es wird eine Reportage, in der ihre Schwangerschaft und die Geburt seines Sohnes Shawn dokumentieren wird.
    Die Bilder sind gefühlvoll und liebevoll, es ist auch eine Geschichte, die bezeichnend ist. Hier ist ein Amerikaner, Vertreter eines Volkes also, das noch 15 Jahre zuvor mit den Deutschen im Krieg war und Barbara, eine Deutsche, die gemeinsam ihre Liebe feiern und in einer Jugendzeitschrift dokumentieren, wie sie miteinander in die Zukunft gehen.

    Die wichtigste Aufnahme der Reportage zeigt Barbara im 7. Monat schwanger mit einer ihrer Lieblingshosen, die sie wegen dem Babybauch nicht zumachen kann. Sie ist komplett bekleidet und schaut selbstbewusst direkt in die Kamera. Und es ist diese Aufnahme einer schwangeren Frau, die Deutschlandweit für einen Skandal sorgt.
    Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften schreitet ein und prüft, ob das Jugendmagazin „Twen“ nicht seine Ausgaben zurückziehen muss. Erboste Briefe werden geschrieben, Kolumnen werden verfasst.
    Der Aufreger ist übrigens nicht, dass hier eine nackte Frau gezeigt wird. Sie ist nämlich komplett angezogen. Der Aufreger ist eigentlich auch nicht der Babybauch, der Aufreger und das, was als „obszön“ bezeichnet wird, ist die komplett offenstehende Jeans. Mein Gott, war man prüde damals.

    Es wird ermittelt und natürlich gibt es auch die Gegenseite, es gibt auch Briefe der Zielgruppe, also von Zwanzigjährigen. Alle regen sich munter auf. Und beschließt am Ende, dieses Bild so stehenzulassen.
    Es ist ein Aufreger, mit dem Will MCBride nicht gerechnet hatte, der allerdings wahrscheinlich nicht ganz unwillkommen als Marketingmaßnahme für „Twen“ dastehen kann und zeigte, dass sich die Welt wirklich verändert hatte. Die moralischen Grundsätze der Vorkriegszeit galten nicht mehr. Die Jugend hatte einen anderen Blick auf die Themen. Und eine junge, schwangere, selbstbewusste Frau zu zeigen war eben nichts mehr, wogegen die Behörden einschreiten konnten.

    Will MCBride testete die Limits der Toleranz seiner Mitmenschen allerdings noch mehrere Male: Hatte sich sein erstes Bildband noch um Adenauer gedreht und diverse politische Prominenz der damaligen Zeit gezeigt, war das nächste Buch, was ja nach dem Skandal rund um Barbaras Schwangerschaftsfoto produzierte, ein Aufklärungsbuch. „Zeig mal“, hieß es. Und ja, es ging um Kinder, die ihre Sexualität entdecken. Und weil man dort auch entsprechend junge Menschen dabei sehen kann, wie sie miteinander zärtlich umgehen, wurde ihm vorgeworfen, dass es ein Buch für Pädophile gewesen wäre.
    Der nächste Skandal war dann, als sich Barbara und Will trennten, weil Will seine Homosexualität gestanden hatte und die jetzt auch ausleben wollte. Barbara heiratet einen Starkoch und Gourmetkritiker und Will zieht in die Toskana, wo er dann in Zukunft hauptsächlich malen, aber auch immer wieder mal fotografieren wird.

    Fast forward. 31 Jahre später, im August 1991, starrt die Welt mit großen Augen auf das Titelblatt des US-Magazins „Vanity Fair“. Es zeigt die hochschwangere und sehr nackte Demi Moore, damals die Frau von Bruce Willis, die von einer berühmten Fotografin Annie Leibovitz fotografiert worden war.
    Eigentlich, so sagt Demi später im Interview, waren die Fotos ein privater Fotoshoot. Sie hatte das für sich und Bruce gemacht. Annie war eine Freundin der Familie und immer wieder mal zu Besuch gewesen und hatte ihre Kamera einfach immer dabei und so ergab sich einfach die Gelegenheit. Als sie gemeinsam die belichteten Fotos sichten, soll die Idee entstanden sein, die Bilder doch dem Vanity Fair Magazin anzubieten. Wäre es nicht großartig, wenn das das neue Titelblatt würde? Vanity Fair lässt sich darauf ein und man weiß schon, dass dieses Bild Kritik einfangen wird. Aber auch hier, wie schon damals bei dem Foto von Barbara, es lässt sich einfach nicht leugnen, es sind ästhetische Aufnahmen.

    Hin und wieder kann man die Behauptung lesen, dass Annie Leibovitz hier eigentlich das Bild von Will MCBride, also „Barbara pregnant with Shawn“, zitiert hätte. Ah, ich weiß nicht. Für mich ist das ein ganz normaler Schwangerschaftsshot. Aber natürlich sind sich die Bilder wegen dem Aufschrei, den sie produziert haben, ähnlich. Wegen dem Tabubruch. Wegen den Nachahmerinnen und Nachahmern, die sich dann rausnahmen, was diese Bilder vorgemacht haben.
    Denn nach Demi Moore gibt es kein Halten mehr. Die Kardashians, Mariah Carey, Beyoncé, Britney Spears, im Babybauch auf einem Cover zu posieren war plötzlich etwas Mögliches und, ich will nicht sagen selbstverständliches, aber doch auch nicht mehr überraschendes. In beiden Fällen war eine Tür aufgestoßen worden.
    Ein Tabu wurde gebrochen, das eigentlich gar nicht hätte da sein sollen. Denn eine schwangere Frau ist nun wirklich nichts Besonderes, aber aus irgendeinem Grund war bis dahin selbstverständlich, dass Schwangerschaft nur für den privaten Gebrauch fotografiert wurde. Und die Frage, was ist privat, was ist öffentlich, was ist tabu, was darf gezeigt werden, wird in unserer Kultur regelmäßig verhandelt. Und da ist es auch eine Illusion, anzunehmen, dass es immer nach vorne geht; manchmal geht es auch rückwärts. Und so stellt sich die Frage, ob nicht doch irgendwann das Foto einer schwangeren Frau ein Skandal auslösen kann.

    10 min
  • Leicht angeschmolzene Negative

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Robert Capa hieß eigentlich Endre Friedmann und als Gründungsmitglied von Magnum Photos und bedeutendsten Kriegsfotograf des letzten Jahrhunders hinterließ er tiefe Spuren im Medium. In dieser Folge geht es um sein Leben und darum warum die Geschichte seines berühmtesten Fotos so nicht gewesen sein kann.

    • Robert Capa (Wikipedia)
    • Gerda Taro (Wikipedia)
    • D-Day (Wikipedia)
    • The Magnificent Eleven (Wikipedia)
    • Debunking the Myths of Robert Capa on D-Day
    • Der Soldat James Ryan (Wikipedia)
    • Fotomenschen #7 – Dirk kleine Blonde (Podcast)
    • HerStory – Gerda Taro (Podcast)
    • Kriegsfotograf Robert Capa (Spiegel)
    • Das Rätsel des unbekannten Soldaten (Spiegel)
    • The falling soldier (Time – 100 Fotos)

    Transkript

    Von Anfang an schicken mir meine Hörerinnen und Hörer für den Fotomenschenpodcast Themenvorschläge und manchmal sind das Vorschläge für berühmte Fotografinnen und Fotografen. Und ein Name kam da überdurchschnittlich oft.

    [Einspieler]

    (Robert Capa wird von mindestens 5 verschiedenen Stimmen gesagt)

    Ja, oder eigentlich Endre Friedmann. Und der ist eine schillernde Figur. Ein Mann, der unser Verständnis davon, was Reportagefotografie und Kriegsfotografie sind, wie kaum ein anderer geprägt hat. Und warum das so ist und was auch vielleicht nicht ganz so ist, wie es immer erzählt wird, das will ich mir heute anschauen.

    Wenige Fotografen sind so ikonisch wie Robert Capa. Und das hat natürlich eine ganze Reihe von Gründen. Ganz vorne ist da das Genre, das sich Robert gewählt hat. Er wurde bekannt für seine Kriegsfotografie. Das war längst nicht das einzige Genre, in dem Robert Capa unterwegs war, allerdings muss man zugeben: Für seine Reisereportagen oder die Fotostrecken über Kinder interessieren sich einfach wesentlich weniger Leute als für die berühmten Kriegsfotos aus dem Indochinakonflikt, dem Zweiten Weltkrieg oder dem Spanischen Bürgerkrieg.

    Dann kommt noch der Look, den Robert Capas Bilder haben. Er ist nicht der einzige, der diesen Look prägt, aber er ist einer der ersten. Und der Look ist von Technik getrieben. Die kleinen Messsucherkameras von Leica, Contax und anderen haben gerade ihre Blütezeit. Messsucherkameras im Vergleich zu allem, was man vorher hatte, sind klein, kompakt und können schnell und einfach überall hin mitgenommen werden. Und dadurch wird die Fotografie viel weniger geplant. Fotografie passiert jetzt. Im Geschehen. Und anders als mit den Kloppern, die Kameras vorher waren, sind die jetzt in Mode kommenden, kleinen Messsucherkameras so unauffällig, dass die Fotografierten oft gar nicht bemerken, dass sie festgehalten wurden.

    Das ganze fällt zusammen mit dem Aufkommen von immer schneller belichtbarem Film. Und der Blütezeit der Fotomagazine. Life, Time, wie sie alle heißen. Diese Magazine spielen eine Rolle, die später das Fernsehen haben wird. Sie sind das Fenster in die Welt für die Menschen. Und so geben Bildmagazine Unsummen aus, um die besten Fotostrecken, die besten Bildessays drucken zu können.

    Dritter technischer Baustein sind die verwendeten Objektive. Kleine Kameras verlangen nach kleinen Objektiven. Und deswegen sind die Objektive an Messsucherkameras eher weitwinklig. Und wer weit weg vom Geschehen ist, macht dann weniger eindrucksvolle Bilder. Robert Capa kann man alles vorwerfen, aber nicht, dass er nicht nah genug herangegangen wäre. Es gibt ein berühmtes Zitat von ihm, ist das Foto nicht gut genug, warst du nicht nah genug dran.

    Und seinen Bildern sieht man diese Philosophie an. Robert Capa trug seine Messsucherkameras in Kriegsgebiete und machte dann Fotos aus der Nähe, mitten in Kriegshandlungen. Das sind Aufnahmen, wie man sie zum Teil damals nie gesehen hatte. Bilder, die intensiv, emotional und dynamisch sind. Die uns aufrütteln. Bis heute. Diese Art der Fotografie ist zu der Zeit Robert Capas Mode und zieht sich quer durch alle Genres. So zieht ein Henri Cartier-Bresson durch Paris und hält mit ganz ähnlichen Methoden die Absurditäten des Alltags fest.

    Und dann ist die Berühmtheit Robert Capas natürlich auch noch ein Ergebnis von hervorragender Vermarktung. Und die Vermarktung nahm Robert Capa selbst in die Hand. 1947 gründet er zusammen mit 6 anderen Fotografinnen und Fotografen die ikonische Pressebildargentur Magnum Photos und macht damit einige der talentiertesten Fotografinnen und Fotografen der damaligen Zeit unabhängig von den großen Bildmagazinen. Besagter Henri Cartier-Bresson ist zum Beispiel eines der Gründungsmitglieder und Robert Capa wird später auch Director von Magnum Photos sein und damit alle Hebel in der Hand halten, um sein eigenes Image in der Öffentlichkeit auszugestalten. Ungewöhnlich mutig, außerhalb der Fotografie allerdings wenig diszipliniert, ein bisschen augenzwinkernd, gerne mal einen über den Durst trinkend, spontan draufgängerisch, also genau die Art Mann, die sich spontan und freiwillig zu Kriegseinsätzen meldet, um der Welt Fotos über diese Erfahrung zu schicken.

    Über diesen Mythos ist der echte Robert Capa kaum noch wiederzuerkennen. Und das liegt unter anderem auch daran, dass praktisch alles Biografische, was über Robert Capa bekannt ist, aus seiner eigenen Feder oder von Mitgliedern der von seiner eigenen Familie gegründeten Stiftungen und Unternehmen stammt. Man muss also oft seine Bilder für sich sprechen lassen und das sind dann dynamische Aufnahmen mit großartigem Gespür für Komposition, einem Anspruch für Authentizität und dem Bedürfnis, Menschen darzustellen.

    Robert Capa kommt als Endre Friedmann 1918 in Ungarn auf die Welt. Endre ist politisch sensibel und als Aktivist an politischen Protesten in Ungarn beteiligt und muss deswegen im Sommer 1931 das Land verlassen. In Berlin will er Journalismus studieren und bessert sich seine Finanzen bei der Bildagentur Dephot als Assistent auf. Dort lernt er das Handwerk, das er dann als er nochmal, diesmal vor dem Hitlerregime fliehen muss, in Paris zum Einsatz bringt, um sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

    Paris ist zu der Zeit ein Schmelztiegel der Intelligenzija. In Europa wird damals aus Sicht der Intellektuellen der Welt ein großer Kampf ausgetragen, Faschismus gegen Freiheit, und so kommen Aktivisten, Journalisten und Künstler von überall her nach Europa. In Paris kennt Endre dann Gerta Pohorylle kennen. Auch sie ist Flüchtling aus Deutschland und versucht, sich in Paris mit Schreibarbeiten und Vermittlungsarbeiten über Wasser zu halten. Die beiden haben einen überlappenden Freundeskreis und durch ihre Arbeit bei einer Bildagentur kann Gerta Endre helfen, Aufträge zu ergattern. Die beiden werden ein Paar und Endre bringt Gerta bei, zu fotografieren.

    Die Pariser der 30er Jahre sind nicht gerade begeistert von so vielen Fremden in der Stadt und Gerta und Endre merken das an den Preisen, die sie erzielen können. Und so hat Gerta eine Idee. Sie schlägt vor, in Zukunft die Fotografie der beiden unter einem Künstlernamen zu vermarkten. Sie würde als Agentin des berühmten amerikanischen Fotografen Robert Capa auftreten. Und die beiden sind hochgradig erfolgreich.

    Schon der Anfang Robert Capas Karriere ist also ein einziger Mythos. Eine große Geschichte mit einer großen, tragischen Liebe. In Folge 7 mit dem Titel „Die kleine Blonde“ habe ich diese Geschichte schon mal etwas ausführlicher erzählt. Sie endet leider damit, dass Gerta bei den Kriegshandlungen, die sie dokumentiert, ums Leben kommt. Und wer weiß, welchen Weg Robert eingeschlagen hätte, wenn das nicht passiert wäre.

    Aus dieser Zeit, dem Spanischen Bürgerkrieg, gibt es ein Foto, das heute in Rückschau eines der berühmtesten Bilder von Robert Capa ist. Der gefallene Soldat. Es zeigt angeblich einen Soldaten in dem Augenblick, in dem eine Kugel sein Herz trifft. Und schon um dieses Bild dreht sich eine Kontroverse. Es ist nicht klar, ob es überhaupt den Tod eines Soldaten zeigt, ob es nicht bei einer Übung statt in Kampfhandlung aufgenommen wurde und auch der Ort, an dem es angeblich gemacht wurde, wurde immer wieder mal infrage gestellt und obendrein gibt es auch noch Menschen, die Zweifel anmelden, ob dieses Bild nicht eigentlich von jemand anders als Robert gemacht wurde.

    Für mich spielt das alles eigentlich gar keine Rolle. Denn die Tatsache bleibt, dass dieses Bild bis heute die Menschen beschäftigt, bis heute die Gemüter erhitzt. Und es einen Krieg vermenschlicht, der bis dahin sehr abstrakt und weit entfernt war.

    Am Ende des spanischen Bürgerkriegs ist Robert Capa ein berühmter Kriegsfotograf. Aber Kriege ist nicht das einzige, das er fotografiert. Zwar zieht er erstmal vom spanischen Bürgerkrieg weiter nach China, wo die Japaner gerade damit beschäftigt sind, das Reich zu überfallen, aber er macht auch eine Reportage über Waisenkinder, eine andere über die Tour de France und eine Reihe von Fotoessays über die Arbeiterklasse in Belgien.

    Inzwischen hat es ihn nach England verschlagen. Dort arbeitet er als Korrespondent für Life Magazine und für diverse andere große Publikationen. Und da ist er auch, als die Alliierten endgültig in den Zweiten Weltkrieg eintreten. D-Day. Die berühmte Landung an der Normandie. Life Magazine schickt den damals berühmtesten Kriegsfotografen seiner Zeit los, Robert Capa. Vielleicht hat er sich auch freiwillig gemeldet. Sicher ist: Wer da die ersten Fotos liefern kann, hat es geschafft. Der Strand, an dem die Truppen landen würden, trug den Codenamen „Omaha Beach“ und die Deutschen erwarteten diesen Angriff. Sie hatten den gesamten Küstenabschnitt befestigt. Überall waren Bunker, im Wasser waren riesige Stahlungetüme, um zu verhindern, dass man direkt anlanden konnte, das ganze Ding war eine Todesfalle.

    Robert Capa hatte mindestens zwei, wahrscheinlich sogar mehr Kameras dabei. Er landete mit den Truppen an. In einem der ganz regulären Truppentransporter. Und für die Geschehnisse, die ich jetzt gleich kurz beschreiben werde, gibt es im Wesentlichen zwei Quellen: Nämlich einmal Robert Capa selbst, der 1947 eine kurze Biografie namens „Slightly out of focus“ herausgibt und da drin eben genau diesen Tag beschreibt und John Morris, der als Bildeditor bei Life an diesem Tag dafür zuständig ist, die Bilder von Robert Capa entgegenzunehmen, zu entwickeln und von London in die USA zu schicken, damit sie in der nächsten Ausgabe von Life Magazine zusammen mit einer Reportage erscheinen können.

    Es ist der 6. Juni 1944. Das Wetter ist nicht ideal, sagen wir mal so. Es herrscht hoher Seegang und macht die Anlandung der Truppen zusätzlich schwer. Wer den Film „Der Soldat James Ryan“ gesehen hat und dort die Einstiegsszene, der kann sich wahrscheinlich ganz gut vorstellen, wie das gewesen sein muss. Die alliierten Truppen dringen so weit sie können an den Strandabschnitt vor, während im Hinterland ein Luftangriff für Verwirrung sorgen soll. Je nachdem, an welchem Strandabschnitt man da in dieser ersten Welle landet, hat man mit viel oder mit sehr viel Gegenfeuer zu kämpfen. Und die ersten Soldaten, die es nach vorne schaffen, haben einen Auftrag, nämlich die Stahlbarrieren wegzusprengen, die da im Weg liegen.

    Robert Capa ist bei dieser allerersten Welle mit dabei. Kurz, bevor sich das Tor zum Strand öffnet, befreit er seine Contax 2 Kameras von ihrem Wasserschutz und fängt an, Fotos zu machen. Das Tor öffnet sich und er fotografiert darauf los. Ein hinter ihm stehender Soldat vermutet in ihm einen Kameraden mit plötzlicher Panikattacke und stößt ihn beherzt ins Wasser. Robert Capa schafft aber, seine Kamera über Wasser zu halten und ans Ufer zu kommen, wobei er immer wieder fotografiert. Zusammen mit einigen anderen nimmt er Deckung. Er knipst von beiden Kameras beide Filme voll. Als er seine Kamera nachladen will, zittern seine Hände so stark, dass er dazu nicht in der Lage ist und er macht sich auf den Weg zu dem Schiff, das ihn wieder zurückbringen soll.

    90 Minuten wird er an dem Strand verbracht haben und auf dem Weg zurück entstehen Aufnahmen von Sanitätern, die verwundete Soldaten versorgen.

    Wieder in London müssen die Fotos so schnell wie möglich ins Büro von Life Magazine kommen. Capa schickt 4 Rollen Film los an das Büro von Life in London. Der Bildeditor John Morris kaut sich schon die Nägel nach diesen Bildern ab. Die Welt wartet auf die Reportage mit den Fotos von der Landung in der Normandie. Und die Zeit drängte, denn die Bilder konnten nicht in London bleiben, sondern mussten noch in die USA verschickt werden. Der Kurier braucht so ein bisschen und so wird es 6 Uhr abends, bevor die Filme im Labor ankommen.

    John Morris macht Druck. Er muss die Bilder ja auch noch sehen und auswählen, er möchte Kontaktabzuge haben, das Labor soll sich beeilen. Er selbst erzählt das so:

    [Einspieler]

    „So I told the dark room to rush, rush development so can have contacts for editing.“

    Er hat Stress gemacht. Schnell solls gehen.

    [Einspieler]

    „A few minutes later, an almost hysterical young lad named Dennis Banks came rushing into my office, saying: ‚John, the films are ruined!'“

    Wenige Minuten später stürmt ein praktisch hysterischer Laborassistent namens Dennis Banks in John Morris Büro und schreit: „Die Filme sind ruiniert! Sie sind ruiniert!“

    [Einspieler]

    „I said, ‚what do you mean‘, he said, you were in such a hurry that I put them in the locker to dry, which was normal, but closed the doors and there was too much heat and the emultion ran“

    Die Filme wären zum Trocknen in ein Trockengerät gepackt worden, sagt er, und er hatte die Tür geschlossen, versehentlich, und die Hitze war zu hoch eingestellt und daraufhin sind die Filme geschmolzen. Morris stürmt los. Die vielleicht wichtigsten Fotos seiner Karriere ruiniert? Er findet noch eine Rolle mit verwertbaren Fotos. 11 Bilder sind da drauf. Und diese Bilder sind dann die Bilder, die Life Magazine dann später drucken wird. Bilder, die wegen der Hitze etwas verwaschen und körniger aussehen und deswegen, da ist sich irgendwie jeder einig, auch dynamischer wirken.

    Es sei ja ein Zettel mit dabei gewesen mit ein paar Notizen für die Aufnahmen und die sind dann die Grundlage für das Life Magazine, entsprechende Bildunterschriften zu drucken. Da ist ein Bild, in dem sich Soldaten vor feindlichem Feuer hinter den Stahlbarrikaden verbarrikadieren. Oder ein anderes Bild, in dem man einen Soldaten ans Ufer schwimmen sieht. Alle sind sich einig, dass Robert Capa unglaublichen Mut bewiesen hat, indem er vor diesen Soldaten geschwommen ist, um dieses Bild zu machen und schnell ist auch der Soldat identifiziert, der da drauf angeblich zu sehen ist.

    Und ist das nicht eine großartige Geschichte? Das ist ziemlich genau die Geschichte, wie ich sie bisher immer wieder gehört und gelesen habe. Ich habe mir hier mal den Spaß gegönnt, loszuziehen und alle Bücher zusammenzutragen, in denen Fotos von der Normandie zusammen mit dieser Geschichte abgedruckt sind. Und ich habe inzwischen 6 Versionen von dieser Geschichte hier in meiner kleinen Minibibliothek gefunden. Plus die Variante von Robert Capa selbst in „Slightly out of Focus“, die ich als Hörbuch habe und die Interviews von John Morris. Hammer. Nur sehr wahrscheinlich so nicht ganz richtig.

    Über 70 Jahre lang wird diese Geschichte so erzählt. Und nie ist jemandem etwas sehr offensichtliches aufgefallen: Wie viel Hitze eigentlich notwendig ist, um Filme zu schmelzen. Aber bevor wir dazu kommen; fangen wir doch mal ganz von vorne an. Wie viele Ungereimtheiten tauchen in dieser Geschichte auf, wenn man sie sich genau anschaut?

    Der Fotograf, Autor und Journalist A. D. Coleman hat sich vorgenommen, diesen Mythos mal auf Herz und Nieren zu prüfen und hat darüber eine ganze Reihe an Artikeln geschrieben. Es fängt damit an, dass er die Beobachtung aufstellt, dass diese Geschichte ausschließlich von Leuten erzählt wird, die keine Dunkelkammererfahrung haben. Es stellen sich nämlich ein paar Fragen. Das geht schon damit los, dass John Morris behauptet, dass die gesamte Entwicklung- und Trockenaktion wenige Minuten gedauert hätte. Es geht aber dann mit dem angeblichen Unfall gleich weiter. Da sei es ja so gewesen, dass diese Trockenkammer aus Versehen geschlossen worden sei und dann zu heiß wurde, da tauchen mehrere Fragen auf:

    Frage Nummer eins: Ja, solche Kammern sind eigentlich immer geschlossen, weil Filme, die feucht sind, Staub anziehen. Und genau das gilt es zu verhindern. Und dann ist es auch so, dass diese Kammern jetzt nicht gerade astronomisch heiß werden, denn es geht ja nur darum, Feuchtigkeit zu trocknen. Da ist keine Herdplatte darin. Ich habe hier übrigens obendrein noch ein kleines Experiment gemacht und Kodakfilm auch eine glühende Herdplatte gelegt und ich kann sagen: Die angeblich so behandelten Filme, die ja dann gar kein Bild mehr gezeigt haben sollen, na ja, das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Weil Film schmilzt zwar und verzieht sich auch, aber ich konnte hier auf meinen Negativen nach wie vor Bilder sehen. Und zwar ordentlich. Gut, in den 40er Jahren waren die Filme vielleicht anfälliger, was weiß denn ich, aber ich glaube auch, dass meine Ceranherdplatte etwas heißer ist als das Heizelement, das üblicherweise zum Trocknen von feuchtem Film verwendet wird. Also wie heiß soll das denn bitte da drin gewesen sein, dass in wenigen Minuten 4 Rollen Film ruiniert sind?

    An anderer Stelle wird dann auch gesagt, dass die Emulsion sich zusammengezogen hätte und deswegen sieht man an den Negativen, dass die Stanzungen mit in den belichteten Teil hereinragen. Das wäre so ein Beweis für die Hitze, die da gewirkt hat. Stimmt auch nicht. Kontakts 2 Kameras waren dafür bekannt, dass die ausgeleuchtete Kammer etwas in den Rand hineinragte, das heißt, Fotos, die mit diesen Kameras gemacht wurden, sahen eigentlich immer so aus.

    Von da ausgehend stellte sich Coleman die Frage, was eigentlich noch seltsam an dieser Geschichte sein könnte. Und da tauchen auch mehrere Dinge auf. Die erste Frage, die einem in den Sinn kommt, ist: Warum genau wurden die Filme eigentlich per Kurier verschickt? Wenn Robert Capa doch nach London zurückkehrte, warum hat er diese Filme nicht selbst zum Entwickeln gebracht? Und wie kann es eigentlich sein, dass es Filme von vor der Landung und nach der Landung gibt, die völlig unproblematisch entwickelt worden waren? Nur die Rollen von der Landung selbst sollen ein Problem gehabt haben?

    Und mit diesen Fragen im Kopf hat sich dann Coleman mit den Fotos näher auseinandergesetzt und versucht, den Ort zu identifizieren, an dem Robert Capa an Land gegangen ist. Seiner eigenen Schilderungen nach ist er praktisch mitten im Kampfgeschehen angelandet, gleich um 6:30. Und das kann nach Coleman eigentlich nicht sein. Es gibt mindestens ein Bild, auf dem kann man anhand sichtbarer Erkennungsmarken identifizieren, wer auf dem Foto abgebildet ist. Und die Soldaten, die dort abgebildet sind, sind weder um 6:30 angelandet, noch war es der hart umkämpfte Strandabschnitt, den Robert Capa angeblich besucht haben will. Stattdessen war es ein eher ruhiger Abschnitt. Also, ruhiger, nicht unbedingt ungefährlich, aber doch nicht so hart umkämpft wie die anderen Bereiche. Und die Leute, die angeblich laut Life Magazine Bildunterschrift hinter einem Stahlgerüst in Deckung gehen, sind auch keine Soldaten, die dort in Deckung gehen, sondern Soldaten mit dem Auftrag, diese Stahlgerüste wegzusprengen, das heißt, die sind da absichtlich und bringen Sprengladungen an. Damit ist natürlich auch der einzelne Soldat, den Robert Capa in dem berühmtesten dieser 11 Fotos aufgenommen hat und von dem man glaubte, zu wissen, wer es ist, jemand ganz anderes gewesen.

    Fassen wir also zusammen: Es sieht so aus, als wäre Robert Capa später als angegeben und an einer anderen Stelle als behauptet zur action an Omaha Beach zugestoßen. Da war die erste Welle schon vorbei. Da waren die größten Kampfhandlungen wahrscheinlich schon erledigt. Und obendrein war es ein Stück vom Strand, an dem weniger Gegenfeuer zu erwarten war. Den Dunkelkammerunfall hat es womöglich so nie gegeben.

    Stellt sich nur die Frage, warum John Morris das denn behauptet, da hilft es, zu wissen, dass John Morris selber eigentlich keine Ahnung hat, was so ein Fotolabor alles macht. Also entweder ist irgendein Unfall passiert und er gibt es falsch wieder, oder womöglich hat Robert Capa nie 4 Rollen Film produziert, sondern einfach nur 10 Mal abgedrückt und danach in Panik das Schiff zurückgenommen und deswegen hat John Morris einen Mythos erfunden. Vielleicht war es auch ganz anders. Die Unternehmen aber, die an dem Mythos, dem Ruhm und natürlich auch dem finanziellen Wert des Mythos Robert Capa arbeite, also Magnum Photos oder auch das international Center of Photography oder die Capa Stiftung, die haben alle kein Interesse daran, dabei zu helfen, diese Fragen abschließend aufzuklären. Denn dieser Mythos wird jedes Mal, wenn D-Day in ein rundes Jubiläum geht, aufs neue wieder und wieder erzählt.

    Und diese Bilder sind eindrücklich. Und ähnlich wie vorhin bei dem Bild des gefallenen spanischen Soldaten denke ich mir auch hier: Es ist eigentlich egal. Klar, mit journalistischer oder dokumentarischer Ethik hat diese Anekdote wahrscheinlich nicht viel zu tun. Aber die Wahrheit ist: Diese Soldaten, die in diesen Aufnahmen gezeigt werden, haben ihr Leben an Omaha Beach riskiert. Capa hat sein Leben dort riskiert, auch wenn er es vielleicht nicht ganz so sehr riskiert hat, wie der Mythos uns glauben machen will.

    Die Bilder sind eindrücklich, auch heute noch. Sie sind übrigens auch unscharf. Nehmt das, ihr Schärfefanatiker da draußen! Und ob die Unschärfe nun, wie er selbst in seiner Biografie schreibt, durch seine zitternden Hände zustande gekommen ist oder durch einen Laborunfall, ist doch eigentlich auch völlig egal.

    Was bleibt, ist allerdings trotzdem die Feststellung: An Robert Capa ist praktisch nichts echt. Der Name ist erfunden, der Spanische Soldat kommt mit einer Menge Fragezeichen daher, die D-Day Fotos sind anders entstanden, als uns erzählt wird und für mich werfen sich damit Fragen auf, wie wer war Robert Capa eigentlich wirklich und wie oft schauen wir uns Bilder an, von denen wir glauben, zu wissen, was sie zeigen, die mit der Wirklichkeit nicht ganz so viel zu tun haben, oder anders formuliert: Was schauen wir uns beim Blick auf die Fotos vom D-Day an? Unsere eigenen Überzeugungen, Robert Capas Bildgestaltung oder ein Abbild der Wirklichkeit?

    Robert Capas Werk ist sehr real. Es sind großartige Aufnahmen aus den verschiedensten Kontexten und er ist für mich ein gutes Beispiel, wie Fotografinnen und Fotografen manchmal auf ein oder zwei Dinge reduziert werden.

    Nach dem Krieg wird Robert Capa amerikanischer Staatsbürger. 1947 kommen seine Kriegsmemoiren „Slightly out of focus“, eine Anspielung auf die zitternden Hände, die seiner Aussage nach für die Unschärfe in den D-Day Fotos verantwortlich war, auf den Markt und wird ein Bestseller. Er gründet Magnum Photos und lässt es erstmal etwas ruhiger angehen. Reisebücher, Sozialreportagen und dazwischen immer wieder wichtige Fotoessays. Er besucht Israel, wo er die dortige Unabhängigkeitsbewegung und dann die Flüchtlingsströme dokumentiert.

    Er ist in Japan, um dort eine Reportage über Kinder zu machen, als ihm von Life Magazine ein Auftrag angetragen wird: Er soll einspringen. Ein Fotograf war ausgefallen, der in Indochina den dort herrschenden Krieg dokumentieren sollte und Capa wurde gefragt, ob er nicht dafür verfügbar wäre. Es ist sein letztes Assignment. Bei dem Versuch, eine Gruppe Soldaten beim Vormarsch zu fotografieren, tritt er auf eine Landmine.

    Das war nun also meine Folge zu den D-Day Fotos von Robert Capa. Und in vielerlei Hinsicht ist diese Episode eine Art Fortsetzung von Folge 7, „Die kleine Blonde“, in der ich die Geschichte von Gerda Taro erzählt habe, ohne die uns der Name Robert Capa nie untergekommen wäre. Der Mann ist ein Mythos und die Figur, die wir mit Robert Capa verbinden, existiert so nicht. Und die Geschichten, die an seinen Bildern hängen, zum Teil auch nicht. 

    Was bleibt, ist ein Bildstil, den Robert Capa geprägt hat. Eine Branche, die er nicht zuletzt durch die Gründung von Magnum Photos uneinholbar verändert hat. Politische Bewegungen, die er zum Teil mit seinen fantastischen Fotografien ausgelöst hat. Und ein Talent für Fotos, die uns bis heute berühren können. „Ist es nicht gut genug, bist du nicht nah genug dran“. Das ist das berühmte Zitat von ihm. An ihn selbst kommt man allerdings nur sehr sehr schwer. 

    25 min
  • Der Schattenfänger

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    „Shadow Catcher“ nannten die amerikanischen Ureinwohner den Mann der 30 Jahre in das ambitionierteste Fotoprojekt seiner Zeit, vielleicht aller Zeiten investierte und versuchte die Kultur und Bräuche sämtlicher noch erreichbarer Stämme zu dokumentieren. Seine Lebensgeschichte ist turbulent und brachte ihn mit den Großen seiner Zeit zusammen.

    • Wax cylinder recordings of Native American musical traditions (Indiana University)
    • Kikisoblu [Prinzessin Angeline] (Wikipedia)
    • Edward S. Curtis (Wikipedia)
    • Princess Angeline or Kikisoblu, daughter of Chief Seattle, dies on May 31, 1896. (HistoryLink)
    • Seattle (Wikipedia)
    • YES! Magazine: Recordings help bring Native songs to life
    • Die Indianerbilder des Edward Curtis (FAZ)
    • ~ The North American Indian ~ (Edward S. Curtis, Fotografien aus der Pierpont Morgan Stiftung)
    • Railroad Development in the Seattle/Puget Sound Region, 1872-1906
    • Annals of old Angeline (Washington State Library)
    • Edward S. Curtis and The North American Indian, Spring-Summer 2018: Snake Dancer
    • Edward S. Curtis: Enduring Legacy (THE GALLERY OF PHOTOGRAPHIC HISTORY)
    • THE NORTH AMERICAN INDIAN (Curtis Legacy Foundation)

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    Die Indianer Nordamerikas. Die kompletten Portfolios

    Short Nights of the Shadow Catcher: The Epic Life and Immortal Photographs of Edward Curtis

    Transkript

    Wir befinden uns an der Westküste der USA. Die Stadt Seattle war nach einem Indianerhäuptling benannt worden. Beziehungsweise von dem Namen eines Indianerhäuptlings inspiriert benannt worden. Denn der eigentliche indianische Name war den meisten zu schwer auszusprechen. Seattle war da deutlich einfacher. Die Pazifikküste war erst vor kurzen an das amerikanische Eisenbahnnetz angeschlossen worden. Und damit hatten sich die Tore geöffnet. Weiße Einwanderer und Siedler konnten endgültig auch den bis dahin wilden und ungezähmten pazifischen Nordwesten erobern. Wobei, ganz so ungezähmt war der Nordwesten nicht. Da hatte es ja schon Ureinwohner gegeben. Und die gab es immer noch. Wir sind allerdings in einer Zeit, in der der Rote Mannn sich nach und nach der Übermacht des Weißen Mannes gebeugt hatte. Eine ganze Reihe von Verträgen waren abgeschlossen worden. Man hatte den ursprünglichen Einwohnern des Landes Gebiete zugewisen, in die sie sich zurückzuziehen hatten. Nicht notwendiger Weise immer die besten Gebiete möchte man hinzufügen.

    Es ist jedenfalls diese Eisenbahnverbindung, bei der unsere Geschichte anfängt. Denn sie ist es, die den jungen Edward Curtis damals 17 Jahre alt vom fernen Wisconsin nach Seattle bringt. Sein Vater war Bürgerkriegsveteran mit nicht mehr allzu guter Gesundheit und ein evangelikaler Prediger. Man könnte also die Curtis Familie als bettelarm bezeichnen. Und deshalb stand auch nach der sechsten Klasse für den jungen Edward nicht mehr Schulbildung auf dem Programm, sondern die Aufgabe der Familie dabei zu helfen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Umzug nach Seattle war mit der Hoffnung verbunden hier vielleicht sein Glück machen zu können. Hier gab es noch unzugewiesenes Land. Man konnte sich ein Grundstück zuweisen lassen. Und wenn man Glück hatte, war das genug für einen Neustart. Edward war schon in sehr jungen Jahren immer mit seinem Vater unterwegs gewesen, um die verschiedenen Gläubigen in seiner Gemeinde zu besuchen. Und hatte so gelernt, wie man unter freiem Himmel und mit nichts als dem, was die Natur einem bot, über die Runden kam. Die Familie Curtis hatte also nicht viele Gegenstände umzuziehen. Aber einer der Gegenstände, die sie umzog, war das Objektiv, das der Vater aus dem Krieg mitgebracht hatte. Edwards Vater selber war kein Fotograf. Und das Objektiv-? Wer weiß schon, wo dieses Objektiv aufgesammelt worden war? Aber Edward war schon als Teenager fasziniert von der Möglichkeit vielleicht Bilder aufzeichnen zu können. Und hatte sich mithilfe eines Buches „Wilson‘s Photographics“ eine eigene Kamera gebaut. Die funktionierte allerdings mehr schlecht als recht. So blieb das Hobby nicht hängen. Damals, als er als 14-Jähriger die Schule verlassen hatte und in Wisconsin bei der lokalen Eisenbahngesellschaft anheuerte, um Schienen zu verlegen, hatte er dann sowieso erstmal anderes im Sinn. Aber in Seattle da ging ihm dieses Objektiv und das, was er aus dem Buch gelernt hatte nicht mehr aus dem Kopf. Seattle war eine Stadt im Aufschwung. Neuer Reichtum durch die Eisenbahnverbindungen und den Goldrausch brachte die moderne Technik und den Fortschritt in die Stadt. Eine der großen Dinge der Zeit war die Fotografie. Am anderen Ende des Kontinents schickte sich zum Beispiel ein junger George Eastman gerade an mit Kodak eines der einflussreichsten Unternehmen der Menschheitsgeschichte zu gründen. Für Edward stand allerdings anderes in den Karten. Sein Vater hatte immer davon geträumt eine Ziegelbrennerei zu eröffnen. Und Edward ernährte die Familie hauptsächlich durch Fischerei. 15 Kilo konnte ein Lachs aus der Region werden. Damit konnte man eine Weile lang essen. Wenn er nicht fischte, übernahm er Hilfsarbeiten oder sammelte Beeren.

    Sein Vater war seit zwei Jahren tot, aber Edward arbeitet sich Stück für Stück nach oben. Und seine Familie mit ihm. Es war ein schwerer Unfall, der diesen Plan zum Halten brachte. Ein Sturz verletzte ihn an der Wirbelsäule. Und über ein Jahr war der 22-Jährige energiegeladene gut aussehende Edward Curtis plötzlich an das Bett gefesselt. Für seine Familie war das eine Katastrophe. Aber die Siedler damals hielten zusammen. Die Einwohner in der Region kannten sich untereinander. Und so passieren in diesem Jahr zwei Dinge. Erstens Edward lernt seine zukünftige Frau kennen. Clara Phillips. Die 16-Jährige kommt ihn regelmäßig besuchen und hilft der Familie aus. Clara kommt von einer weitgereisten Familie. Sie war in Kanada, in Pennsylvania und war belesen. Edward war fasziniert. Er teilt seine Ideen mit ihr. Sie hört ihm zu. Bald geht sie in der Curtis-Familie ein und aus. Es ist einer dieser Besuche, bei denen sie in das Haus kommt und Edward vor einen seltsam aussehenden Kasten vorfindet. Sie lässt sich zeigen, was für ein Gerät das ist. Ein Mann auf der Durchreise Richtung Goldrausch Country hatte die Kamera aus Geldnot heraus verkauft. Und Edward hatte einem spontanen Impuls folgend die Ersparnisse der Familie auf den Kopf geschlagen. Als Edward dann kurz darauf über eine Anzeige in der Zeitung davon erfährt, dass ein Porträtfotograf in der Stadt in Seattle einen Partner sucht, beschließt er einen Kredit aufzunehmen und in diese Partnerschaft zu investieren. Er würde also umziehen. Und mit kaum Ahnung von der Fotografie alles auf diese Karte setzen. Seine Familie muss begeistert gewesen sein. Und dann gab es noch einen kleinen Skandal. Denn Clara erklärte ihrer Familie sie würde mit Edward in die Stadt ziehen. Und sie würden heiraten und dort zusammen wohnen. Das alles sozusagen in einem großen Rutsch.

    Für Edward begann jetzt eine prägende Zeit. Er lernte das Fotografieren von der Pike auf. Es gab viele Menschen mit Geld in der Stadt. Und er war einer derjenigen, der wusste, wie man Menschen mit Geld in Porträts gut aussehen lassen konnte. Es dauerte nicht lang und aus dem partnerschaftlichen Porträtstudio wurde ein von ihm allein geführtes Porträtstudio. Er war eine Größe in der Stadt. Man kannte ihn. Und er hatte eine erste Karriere als Porträtfotograf. Bald wurde ein erstes, bald ein zweites Kind geboren. Die Rechnung war aufgegangen. Das Geld begann zu fließen.

    Wer schon mal Fotos von Seattle gesehen hat oder vielleicht sogar dort schonmal zu Besuch gewesen war, der weiß vielleicht, dass im Umland von Seattle mehrere große aktive Vulkane stehen. Riesige Berge. Bilderbuchlandschaften. Mit Seen in denen sich eisbedeckte Gipfel spiegeln. Mit riesigen Wäldern. Mit Landschaften, die einfach zu schön sind um wahr zu sein. Es ist diese Umgebung, der die Liebe von Edward und Clara gehören. Der Gipfel, den man von Seattle aus sieht, gehört zu dem Vulkan Mt. Rainier. Auch heute noch ein atemberaubend schöner Nationalpark. Und Edward wandert dort so viel, dass er als professioneller Wanderguide tätig werden kann und Leute zum Gipfel und über die Gletscher führen kann. Wenn er nicht wandert fotografiert er. Porträts. Edward gehört einer Tradition an, die sich Pictorialism nennt. Das heißt, seine Porträts versuchen mit einem leicht verträumten Look künstlerisch auszusehen. Viele werden noch im Nassplattenverfahren gemacht. Aber es ist auch die Zeit der Dryplates. Also, fotografische Verfahren, wo man mit fertigen Medien anfangen kann. Und nicht erst immer alles vorbereiten und sofort entwickeln  muss. Fotografen der damaligen Zeit waren nicht nur Auftragsarbeiter. Sondern meistens auch damit beschäftigt Kunstwerke zu schaffen oder Postkarten zu drucken. Alles, was ein Bild haben konnte, war im Prinzip mögliche Geldquelle. Und das war wahrscheinlich auch die hauptsächliche Motivation, die Curtis dazu brachte sich mit einem Seattler Original zu beschäftigen. Denn es gab innerhalb der Stadtgrenzen eine Frau, die da eigentlich gar nicht sein durfte. Gesetze hatten es verboten, Indianern Anwesen im Stadtgebiet zu verkaufen. Oder sie auch nur unter dem eigenen Dach übernachten zu lassen. Wer anreisen wollte, brauchte eine Genehmigung das Reservat zu verlassen. Und sich in der Stadt aufzuhalten, brauchte ebenfalls entsprechende Zustimmung. Allerdings gab es Ausnahmen. Wenige, aber akzeptierte Ausnahmen. Und eine solche Ausnahme galt für die Tochter von Chief Seattle höchst selbst. Sie war bekannt als Princess Angeline. Einen Namen, den ihr eine weiße Frau einmal gegeben hatte. Und der den Einheimischen leichter von der Zunge ging als ihr eigentlicher Name. Aufgewachsen als Tochter eines Fürsten, war die zur Zeit Edwards 90-Jährige geduldet und bettelarm. Sie lebte in einem Holzverschlag und verkaufte Muscheln an Touristen oder Einheimische, die sie selbst aus dem Schlamm ausgrub. Kinder machten Umwege nur um sie zu foppen und mit Steinen zu bewerfen. Wobei von Angeline überliefert wurde, dass sie dann ohne Weiteres auch mit Steinen zurückwarf und oft treffsicherer war als die Jungs. Touristen kamen in den Hafen nur, um auch mal einen Blick auf die Tochter des berühmten Indianerhäuptlings zu werfen. Und verschiedene Fotografen hatten Sie für Postkarten verewigt. Und das war auch das, was Curtis ursprünglich im Sinn hatte. Er ging an den Hafen und wollte sie fotografieren und bat sie für ihn Porträt zu sitzen. Einen Dollar würde er ihr dafür zahlen. Das war ein Tageslohn. Das war schon ordentliches Geld. So entstehen mehrere eindrucksvolle PortrÄts, die er auch in die Auslage hängt und für gutes Geld verkaufen kann. Er produziert außerdem besagte Postkarten. Aber irgendwie ist er unzufrieden. Er möchte mehr. Er möchte Angeline so zeigen, wie sie wirklich lebt. Und so fotografiert er sie auch noch beim Muschel-ausgraben und in verschiedenen anderen Situationen. Es sind seine ersten Fotos von amerikanischen Ureinwohnern. Und es werden nicht die letzten sein. Der Besuch eines Häuptlings in der Stadt zum Anlass eines Fußballspiels gibt ihm eine weitere Gelegenheit. Hier kommt noch dazu, dass Curtis sich mit dem Mann unterhält. Und damit erkennt, dass die offizielle Geschichtsschreibung, besonders in Bezug auf verschiedene Indianerstämme, nicht stimmen kann. Seine Porträts machen Wirbel. Er bekommt viel Anerkennung für die Qualität der Aufnahmen. Aber für die Geschichte, die ihm da begegnet, interessiert sich niemand. Es ist die Zeit, mit der Karl May jemand erfolgreiche Geschichten über amerikanische Ureinwohner veröffentlicht, der selber noch nie auch nur einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte, geschweige denn Amerikaner getroffen hatte. Und es ist dieses Bild, des romantischen Wilden, das man auch in Edwards Bildern wieder erkennt und mit dem er erfolgreiche Verkäufe tätigt. Aber je mehr er diese Menschen fotografiert. Je mehr Geschichten er hört. Desto nachdenklicher wird er. Er trägt seine Gedanken wieder und wieder Mt. Rainier hinauf. Während er sich nach und nach einen Namen als Fotograf nicht nur der großen Persönlichkeiten, sondern auch der Ureinwohner Amerikas machte. Er gewinnt Preise. In Seattle ist man stolz auf den Sohn der Stadt. Und dieser Ruf ist natürlich gut für das Geschäft.

    1896 markiert dann das Jahr, in dem der Name Edward Curtis nicht nur in Seattle und Umgebung, sondern US weit bekannt wird. Und zwar nicht durch seine Fotografien. Sondern, weil er den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Expedition am Mt Rainier begegnet und ihnen aus einer Notlage hilft. Mitglied sind drei der berühmtesten Wissenschaftler der damaligen Zeit. Unter anderem ein bekannter Ethnologe. Und damit starten Freundschaften, die den ganzen weiteren Lebensweg von Edward Curtis bestimmen werden. Als Dank für seine Hilfe, laden sie ihn nämlich ein, der offizielle Fotograf einer Alaska-Expedition zu werden. Und das ist diese Expedition, bei der Edward Curtis seinen großen Plan fasst. Er erkennt nämlich, dass die verschiedenen Völker der Ureinwohner Amerikas am Sterben sind. Jedes Jahr, das verstreicht lässt weniger Stämme zurück. Und er erkennt, dass er ein Talent hat, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Über 80 Stämme sind in Nordamerika bekannt. Manche nur noch wenige 100 Mitglieder stark. Andere haben mehrere 10000. Manche sind wohlbekannt in Indianerreservaten untergebracht. Andere muss man aufwändig finden. Es gibt nomadisch lebende Stämme und Völker, die seit Jahrtausenden im Gebirge in Steinhäusern wohnen. Aber zwei Dinge haben sie alle gemeinsam. Ihre Geschichtsschreibung existiert kaum. Die meisten Geschichten werden mündlich weiter gegeben. Und sie sterben aus.

    Edward fasst einen Plan. Er will diese Stämme dokumentieren. Er will sie alle besuchen. Er will sich mit ihren Ältesten hinsetzen. Er will ihre Geschichte hören. Er will ihre Lieder aufzeichnen, ihre Rituale beobachten. Er will ihre Lebensweise porträtieren und die typischen Mitglieder ihrer Gesellschaften. Er will ihnen ein Denkmal setzen. Und er will viel weiter gehen, als in Anführungsstrichen nur zu porträtieren. Während seiner Expedition nach Alaska hat er ein nagelneues Gerät zur Aufzeichnung von Tönen kennengelernt. Eine Wachsrolle wird verwendet, um Aufnahmen zu machen. Außerdem steckt der Bewegt Film in den Kinderschuhen. Und auch damit beschäftigt sich Edward. Er stellt Assistenten an und hält seine Erlebnisse und Erkenntnisse schriftlich fest. Clara ist nicht eben begeistert. Edward ist zum Teil sechs bis acht Monate am Stück unterwegs und lässt den Betrieb des Studios in Seattle und die Verkäufe in den Händen seines Cousins und Claras. Für die Kinder ist er fast schon ein Fremder. Und seine Zeit daheim in Seattle verbringt er damit seine nächsten Touren zu planen. Schnell wird auch klar, dass er sich das nicht wird leisten können. Sämtliche Einnahmen und Ersparnisse gehen drauf für seine Privatexkursionen. Und so schreibt Edward an das Smithsonian Institute. Die Institution in den USA in denen die Ethnologie zu Hause ist. Der Ort, an dem, wenn überhaupt, offizielle Gelder zur Unterstützung fließen können. Er hat keinen Erfolg. Er hat keine akademischen Titel. Er kann keine Schulbildung vorweisen. Und so wird er praktisch aus den Büros gelacht. Man findet seine Porträts durchaus schön und bemerkenswert. Aber merkt an, dass sie ja doch sehr romantisierend wären. Und manche dieser Porträts auch ganz eindeutig gestellt währen. Außerdem ist sich Edward nicht zu schade auch mal Elemente, die nicht ins Bild passen, heraus zu retuschieren. Zum Beispiel eine Uhr, die mit in einem traditionellen Tipi steht oder Ähnliches. All das sorgt dafür, dass man ihn nicht ernst nimmt. Seine Freunde von der Mt. Rainier Expedition vermitteln ihn an einen anderen einflussreichen Unterstützer. An Theodore Roosevelt. Präsident der Vereinigten Staaten. Damals in der ersten Amtszeit. Teddy Roosevelt war nicht gerade bekannt als Freund der amerikanischen Ureinwohner. Allerdings hatte ihn das Amt des amerikanischen Präsidenten auch zum Präsident dieser Menschen gemacht. Und er nahm seine Verantwortung ernst. Und so bekommt Edward eine Einladung in das Winter White House des amerikanischen Präsidenten. Er soll seine Familie fotografieren. Und ein paar Tage da bleiben. Und als inzwischen anerkannter Experte für die amerikanischen Ureinwohner Völker wollte sich Theodore Roosevelt mit ihm über genau diese Menschen und wie man ihnen helfen könnte unterhalten. Es entstehen schöne PortrÄts. Die Gespräche sind inspirierend und anregend. Und am Ende des Aufenthalts schick ihn Theodore Roosevelt mit einem glühenden Empfehlungsschreiben los. Es ist unklar, ob das überhaupt hilfreich war. Denn was Edward eigentlich brauchte, war Geld. Und Geld gab es von reichen Mäzenen. Und die waren nicht gerade eben gut auf Theodore Roosevelt zu sprechen. Aber es öffnete andere Türen. Edward nutzte seine freie Zeit, um auf Tournee zu gehen. Er hält Vorträge im ganzen Land. Er dreht den ersten Dokumentationsfilm über amerikanische Ureinwohner und präsentiert die in Lichtbildschauen. Er sammelt dabei Unterstützer-Gelder ein und verkauft Bilder. Es ist aber schnell klar, dass nichts davon ausreichen wird, um ihn vom Bankrott zu schützen oder sein Projekt weiterzubetreiben. Er brauch einen reichen Geldgeber. Und der damals reichste Geldgeber, an den man sich wenden konnte war niemand anderes als J. P. Morgan.

    Die Vereinigten Staaten hatten es damals innerhalb weniger Jahrzehnte von einer Agrarwirtschaft zur führenden Industrienation der Erde geschafft. Und das alles ohne eine Zentralbank. Die brauchten sie nämlich nicht, denn es gab eine Privatbank, die in ihrer Macht und Reichweite ähnlich groß war. Und das war die Bank von J. P. Morgan. Der hatte einen Großteil seines Vermögens durch das Eisenbahnmonopol gemacht. Und war auch sonst für die Gründung und Zusammenlegung einiger großer amerikanischer Namen verantwortlich. Zum Beispiel General Electric. Er war der reichste und einflussreichste Mann in seiner Zeit. Und zur Zeit Edward Curtis‘ war er damit beschäftigt das Schöne und Teure zu sammeln. Kunst und Frauen waren die zwei Dinge in die er neben dem Business noch investierte. Mehrmals hintereinander machte J. P. Morgan Schlagzeilen, weil er absolute Rekordpreise für Kunst hinlegte. Und besonders hatten es ihm da Bücher und Gemälde angetan. Und so landet Eward Curtis irgendwann in seiner Verzweiflung bei J. P. Morgan. Er hat ausgerechnet, dass er ungefähr 75000 Dollar brauchen würde und das ohne ein eigenes Gehalt zu beziehen, um seine Pläne umsetzen. Und J. P. Morgan war vermutlich der einzige, der diese Art von Finanzmitteln in so ein Projekt stecken wollen würde. Es kommt zu einem Treffen. Und zunächst ist J. P. Morgan wenig begeistert. Viele wollen von ihm Geld. Und es klingt auch nicht besonders interessant für ihn. Er hat keine besonders hohe Meinung von den amerikanischen Ureinwohnern. Und im Grunde kann er ja auch jeder Zeit Gemälde und Bilder von ihnen kaufen. Aber Edward lässt sich nicht beirren. Und er gewinnt ihn mit zwei Argumenten. Das eine Argument ist, die Schönheit der Bilder. Er zeigt ihm mehrere Bilder. Und es ist die Aufnahme eines jungen Mädchens, das J. P. Morgan dann überzeugt haben soll. Und das zweite ist der Gedanke, dass Edward Curtis J. P. Morgan ein Denkmal setzen wird. Indem er ihm ein 20-Bändiges Lexikon hochwertigster Machart Produzieren wird. Niemand wird J. P. Morgan Rassismus oder Benachteiligung amerikanischer Ureinwohner unterstellen können. Wenn er gleichzeitig so ein Vorgehen finanzieren würde, sagt Curtis. Und wenn er als Mäzen auftritt, wird das nicht nur ein Denkmal für den amerikanischen Ureinwohner, sondern auch gleichzeitig ein Denkmal für J. P. Morgan werden. Morgan stimmt schließlich zu. Aber unter mehreren Bedingungen denen Edward Curtis allesamt zustimmt. J. P. Morgan wird noch mehrmals Geld nachlegen müssen. 75000 Dollar waren hochgradig optimistisch. Aber in diesem einen Moment sah es zumindest so aus, als hätte Edward sein Ziel erreicht. Er stellt zum Teil bis zu 17 Leute an. Tourguides, Übersetzer, Assistenten. Und natürlich bezahlt er auch die Ureinwohner, die für ihn Modell sitzen. Und er rennt gegen die Zeit. 16 bis 18 Stunden Tage. Bei Regen, Wind und Wetter unter freiem Himmel. Waren die Stämme am Anfang noch skeptisch, was dieser weiße Fotograf von ihnen wollte, ist es bald so, dass die sich untereinander diesem Fotografen weiterempfehlen. Und so wird er von Ritual zu Ritual zu Anlass zu Anlass gereicht. An manchen Zeremonien ist er nicht nur als Fotograf, sondern auch als Teilnehmer zugegen. Daran ist besonders interessant, dass es auch zum Teil gegen das Gesetz verstößt, was Curtis hier macht. Denn in den USA des 19. Jahrhunderts ist den Ureinwohnern zum Teil per Gesetz verboten, ihre ureigenen religiösen Rituale durchzuführen. Das gehört zu den vielen Maßnahmen, die damals ergriffen wurden, um den Roten Mann zu zähmen.

    Irgendwann hat Clara genug von dem ganzen Zirkus. Es ist wieder einmal eine dieser Phasen, in denen fast kein Geld mehr übrig ist. Und Curtis auf Tournee geht, um Menschen davon zu überzeugen, sein Projekt zu unterstützen. Als Clara die Scheidung einreicht. Wegen Vernachlässigung. Es kommt zu einem Rosenkrieg in dem sich die ganze Familie aufsplittet. Eines der Kinder Hält zu Clara. Das andere zu Edward. Das Gericht spricht Clara, die ja die ganze Zeit die Geschäfte in Seattle geleitet hatte, die Rechte an den dort gelagerten Negativen und die Einrichtung zu. Edward stürmt daraufhin zusammen mit seiner Tochter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Räumlichkeiten und zerschlägt alle Glasnegative, um seine Frau daran zu hindern, damit weiter Geld zu verdienen. Curtis fängt an Bücher zu schreiben. Keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern populärwissenschaftliche Bücher mit deren Verkäufen er hofft sein Projekt weiter zu finanzieren. Er versenkt über 75000 Dollar in einen Dokumentarfilm. Einen der ersten Dokumentarfilme überhaupt. Für den sich aber kaum Jemand interessiert. Und der deswegen zum finanziellen Totalschaden wird. Tief verschuldet und von seiner Frau getrennt zieht er nach LA und wird dort Kameramann für den Regisseur Cecil B. DeMille, der unte randerem Filme wie „Die Zehn Gebote“ gedreht hat. Auch muss er immer wieder an Filmen mitarbeiten, in denen die Stämme, die er studierte wahlweise als Wilde oder als romantisierte Edle dargestellt werden. Das muss sich unerträglich für den Mann angefühlt haben. Immer wenn er genug Geld beisammen hat, um wieder an seinem Projekt arbeiten zu können, macht er das. Ab 1921 ist er wieder unterwegs. Und stellt 1930 den letzten seiner 20-Bändigen Lexikon Reihe fertig. Das markiert das Ende eines über 30 Jahre dauernden Fotoprojekts. Über 280 Mal ist er quer durch die USA gereist. Legte dabei rund 400000 Meilen zurück. Machte über 40000 Aufnahmen. Studierte dabei mehr als 80 Stämme in den USA, Kanada und Alaska. Schrieb 350 Mythen und Legenden und die Grundlagen von 75 verschiedenen Sprachen auf. Von den zirka 10000 Musikstücken und Gesängen, die er aufgezeichet hat, weiß man heute noch von ungefähr 270, wo sie sich befinden. Das gesamte Projekt kostete über eineinhalb Millionen Dollar. Und er konnte mit den Verkäufen des Lexikons beginnen. Durch die Auflagen J. P. Morgans waren die Lexika fast 5000 Dollar teuer und damit ein absolutes Nischenprodukt. Und so wundert es auch nicht weiter, dass er weniger als 300 Exemplare davon verkaufen konnte. Außerdem hatte er die Rechte komplett an J.P. Morgan abgetreten. Das heißt, er übergab sämtlich Negative, alle Unterlagen und die fertigen Bücher J. P. Morgan zur weiteren Verwendung. Der lagerte den ganzen Kram ein. Und irgendwann mal verkaufte er alles für läppische 1000 Dollar an einen Buchhändler, der die Sachen dann seinerseits auch in einen Keller einlagerte.

    1970 wurde dann dieser Keller ausgeräumt und man fand die ganzen Unterlagen. Und seit dem ist der Name Edward Curtis wieder ein Begriff. Manche seiner Aufzeichnungen widersprechen zum Teil noch heute geltende Lehrmeinungen. Und es ist ein schier grenzenloser Schatz an Erkenntnissen über Kulturen, die es heute nicht mehr gibt. Und die ohne Curtis‘ Arbeit einfach komplett verschwunden wären. Und er kombiniert in seiner Arbeit zwei sehr verschiedene Welten. Einerseits hat er sehr wohl fast schon wissenschaftlichen Anspruch. Er will exakt sein. Er will komplett beschreiben. Andererseits geht er besonders die Fotografie mit den Augen eines Künstlers an. Und ihm ist egal, welchen Status der Mensch vor seiner Kamera hat. Berühmtheiten wie der Apachen-Führer Geronimo oder Theodore Roosevelt sind genau so vor seiner Kamera festgehalten worden. Einfache Hirten, Medizinmänner, Frauen beim Wasserholen oder die Landschaften in denen die Stämme ihren Alltag verbrachten. Man kann viele seiner Fotos sehen, wenn man 20 Euro in ein Buch namens „The Nordamerican Indian“ vom Taschenbuchverlag investiert. Und manche der Bilder, die ich dort fand, waren mir so vertraut, dass ich hätte schwören können, dass ich sie schonmal irgendwo gesehen hatte. Und die Art und Weise, wie er gearbeitet hat, findet sich an anderen Stellen wieder. Edward Curtis war ein Pionier des Fotojournalismus, ein Pionier der ethnografischen Fotografie, ein Pionier der Porträtfotografie und hat 30 Jahre lang einzigartige Aufnahmen einer heute komplett verschwundenen Welt gemacht.

    Nachdem er „The Northamerican Indian“ herausgebracht hat, kehrt er nach Los Angeles zurück. Er beteiligt sich auch jetzt wieder an einigen Hollywood Filmen und fasst den Plan noch ein weiteres dokumentarisches Projekt, nämlich eine Fotoserie über den Goldrausch, anzufangen. Hat aber weder die dazu notwendigen Mittel noch die Gesundheit, um das ernsthaft anzugehen. Am 19. Oktober 1952 stirbt er an einer Herzattacke. Dieselbe Todesursache, die  Clara 20 Jahre zuvor das Leben gekostet hatte.

    Edward Curtis war ein getriebener. In panischer Angst er könnte zu spät kommen, und weil er oft auch zu spät kam, reiste er kreuz und quer durch die USA und investierte sein gesamtes Vermögen und sein Privatleben in ein 30 Jahre dauerndes Projekt. Ich will es gar nicht Fotografieprojekt nennen. Auch, wenn die Fotografien das Eindrücklichste Ergebnis dieser Arbeit waren. In den 80 Jahren seines Lebens schlief er mehr unter freiem Himmel und in widrigen Wetterverhältnissen, als unter dem Dach eines Hauses. Er begann seine Reise in einem Amerika, das gerade mal bis an die Westküste vorgedrungen war. Und in dem die Erinnerungen an den Bürgerkrieg und an die Kriege mit den amerikanischen Ureinwohnern noch ganz frisch waren. Er stellte die wichtigsten Weichen seines Lebens in einer Zeit, da war Amerika gerade zur führenden Industrienation der Welt aufgestiegen. Und er beendete sein Projekt im Amerika der Moderne. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Er gewann die Unterstützung und zum Teil Freundschaft von Männern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Theodore Roosevelt auf der einen, J. P. Morgan auf der anderen Seite. Er war einer der Pioniere des Dokumentarfilmes. Ohne es darauf anzulegen. Und seine Arbeit prägte, wie wir bis heute amerikanisch Ureinwohner sehen und was wir über sie wissen. Seine Arbeit sieht bis heute modern aus. Selbst, wenn sie mit der Technologie des letzten Jahrhunderts gemacht wurde.

    30 min
  • Das U-Boot von Loch Ness

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Das Ungeheuer von Loch Ness hat in der Welt der zweifelhaften Fotobeweise Celebrity-Status. Besonders auch deswegen weil es 60 Jahre dauerte bis das Foto mit dem seine Existenz „bewiesen“ wurde als Fälschung erkannt wurde.

    • Seeungeheuer
    • Ungeheuer von Loch Ness (Wikipedia – Deutsch, Englisch)
    • Robert Kenneth Wilson (Wikipedia)
    • M. A. Wetherell (Wikipedia)
    • Kryptozoologie (Wikipedia)
    • On the Track of Unknown Animals (Wikipedia)
    • List of cryptids (Wikipedia)
    • Elwetritsch (Wikipedia)
    • Seemonster und Uboote: Was weiß die Bundesregierung?
    • ZDF – Mythen und Monster: Loch Ness
    • Wie das berühmteste „Nessie“-Foto gefälscht wurde
    • The Loch Ness Monster (Time)

    Transkript

    Nenne mir ein Fabelwesen und ich finde eine Community, die danach sucht. Das gilt buchstäblich für jegliches Wesen, das irgendwann schon mal der Gegenstand von Geschichten war. Die Liste dieser Wesen ist lang. Darauf sind altbekannte wie der Yeti genauso drauf, wie blutrünstige Würmer, die angeblich 1,20 Meter lang werden und in der Wüste Gobi leben. Örtlich ist man auch nicht festgelegt. Den Elwetritsch zum Beispiel kann man in Bayern oder der Pfalz suchen. Der Nunda kommt aus Tansania. Den gruseligen Chubacabra findet man zum Beispiel in Südamerika. Dann gibt es noch eine schier unüberschaubare Anzahl an Seemonstern, beim Kraken angefangen bis hin zum berühmtesten aller Seemonster, dem Monster von Loch Ness. Wenn man mal ganz ehrlich ist, kennen viele wahrscheinlich gar keine anderen Seemonster, als Nessie. Dabei gibt es derart viele sagenhafte Seeungeheuer, dass die Kryptozoologie eine eigene Fachrichtung, nämlich die Dragontologie ins Leben gerufen hat, nur um sich mit den verschiedenen Wasserkryptiden auseinanderzusetzen. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die Blütezeit der Kryptozoologie mit der ersten großen Blüte der Hobby Fotografie zusammenfällt, in der eben auch das eine oder andere verwackelte, verwaschene Foto von wahlweise Spuren oder den Ungeheuern höchstselbst auftauchten.

    Das wichtigste Beweisfoto ist als the surgeon‘s fotograph, also das Chirurgen Foto bekannt. Das heißt so, weil der ursprüngliche Fotograf Robert Kenneth Wilson von Beruf Chirurg war, seinen Namen aber nicht in der Zeitung auftauchen sehen wollte. Erzählen wir die Geschichte vielleicht lieber von vorne. Nessie ist das Ungeheuer von Loch Ness. Loch ist schlicht und ergreifend ein anderes Wort für See. Die Seen in Schottland haben so manche Sagen, die oft auch was mit Ungeheuern zu tun haben. So hat nicht nur Loch Ness sein eigenes Ungeheuer. Sondern praktisch jeder größere See in Schottland hat eine Geschichte, die ganz ähnlich gestrickt ist. Loch Ness ist ein See in der Nähe der Stadt Inverness. Die erste Sichtung des Seeungeheuers von Loch Ness wird auf das Jahr 565 datiert. Sie taucht in der Lebensgeschichte eines irischen Missionars auf. Der soll nicht im See, sondern im Fluss Ness einem Ungeheuer begegnet sein, das versucht hatte, einen Wanderer, der des Weges gekommen war, zu fressen. Der Mönch hatten dann einfach das Kreuzzeichen in die Luft gemalt und dem Tier entgegengerufen, dass es sich in Gottes Namen von Dannen machen sollte und gefälligst keine Gottesfürchtigen Menschen fressen sollte. Davon war das Ungeheuer so beeindruckt, dass es sich sofort vom Acker machte. Die ganze Geschichte wird 100 Jahre später von einem Abt ausgeschrieben. Jeder darf jetzt selbst darüber nachdenken, wie glaubwürdig so ein Bericht ist. Über die Jahrhunderte hinweg gibt es immer wieder mal einzelne Berichte. Mal steigt ein großes Tier aus den Fluten und erschlägt Arbeiter am Ufer. Mal berichtet ein Mönch davon, dass der Loch Ness für seine schwimmenden Inseln bekannt wäre.

    Bisher war das Monster von Loch Ness eine Lokalsage, für die sich außerhalb von Inverness und Loch Ness selbst wahrscheinlich niemand interessiert hat. Das ändert sich am 2. Mai 1933, als zum ersten Mal eine regionale Zeitung von der Sichtung eines Ungeheuers berichtete. Die Zeitung Inverness Currier brachte einen Artikel über Einheimische, die ein riesiges, im Loch tauchendes Tier gesichtet hätten. Dieser Artikel schlug derartige Wellen, dass es zu einer Mediensensation wurde. Londoner Zeitungen entstanden Reporter nach Schottland. Ein Zirkus soll sogar eine Summe von 20 Tausend Pfund für das Monster geboten haben. Es ist also dieses Klima, in dem mehr und mehr Menschen auf die Suche nach Spuren gehen. Bei so viel Wirbel finden sich natürlich auch findige Leute, die dabei helfen, entsprechende Beweise zu finden. Marmaduke Weatherell, Mitarbeiter der Londoner Zeitung Daily Mail war jemand, der solchen Beweisen auf den Leim ging, wenn ich das so sagen soll. Er kam nämlich mit Abdrücken zurück, die so groß waren, dass sie eigentlich nur von einem Monster stammen konnten. Die waren so gefälscht, dass sich Weatherell nicht nur zum Gespött der Leute machte, sondern auch von seinem Arbeitgeber Daily Mail öffentlich bloßgestellt wurde. Man suchte und suchte also, bis letztlich im April 1934 die endgültige Sensation gefunden war. Daily Mail hatte seinen Beweis gefunden. Robert Kenneth Wilson hatte zwei Fotos gemacht, auf denen ganz unzweifelhaft der Hals eines unbekannten Wassertieres zu sehen war. Der Daily Mail war es 100 Pfund wert. Die Bedingung, den Namen nicht zu nennen, war ihnen gerade recht. The Surgeon’s Fotograph ist das Bild, das also 60 Jahre als Beweis für die Existenz Nessies herhalten sollte und war in der Welt.

    Wie immer gab es natürlich von Anfang an auch Zweifler. Zum Beispiel war nicht ganz klar, wie groß das Tier gewesen sein sollte, das man fotografiert hatte. Je nachdem, wie nah man an das Tier ran schnitt war es entweder ein kleines Tier über ruhigem Wasser oder ein großes Tier mit ordentlichen Wellen außen rum. Alles, das man wusste, war die Geschichte, die der Fotograf Robert Kenneth Wilson angegeben hatte. Demnach wäre er mit einem Freund Maurice Chambers zum Fischen an Loch Ness gewesen. Er hätte seine Kamer dabei gehabt, wie es seine Gewohnheit war. Als er dann dieses Tier auftauchen sah, riss er die Kamera hoch und machte mehrere Aufnahmen. Zwei waren auch scharf genug, dass sie als Beweis für die Existenz Nessies herhalten konnten. So war dann auch die Geschichte. Das Bild wurde vielfach untersucht. Es gab Zweifel an seiner Authentizität. Niemand konnte aber erklären, was da eigentlich zu sehen war. So richtig unglaubwürdig war ein Chirurg auch nicht. Er war nicht aus der Region. Er hatte ein bisschen Geld, aber auch kein Vermögen mit dem Foto verdient. Warum sollte ein Chirurg lügen? Er hatte nicht einmal Ruhm gesucht, obwohl er hätte berühmt werden können. Dieses Foto war nicht nur ein Eckstein für die Disziplin der Kryptozoologie, sondern auch gleichzeitig der Startpunkt einer Loch Ness Monster Industrie. Es gibt Nessie Merch, es gibt Nessie Entdecker Reisen, es gibt Nessie Forscher, es gibt Nessie Historical Tours, es gibt Nessie Sagen und Bücher und so weiter. Man schätzt die Nessie zu verdankenden Einnahmen, die zusätzlich in die Region fließen auf ungefähr 30 Millionen Euro jährlich. Das Foto hat definitiv geprägt, wie uns ein Seeungeher vorstellen, nämlich wahlweise wie eine große Seeschlange. Am allerliebsten aber als eine Art Dinosaurier. Das ist auch eine der beliebtesten Theorien. Ein Tier der Urzeit, ein großer Wasserdino, hat überlebt und treibt in Loch Ness sein Unwesen. Deswegen ist man irgendwann mit Sonarschiffen über den See geschippert und hat nichts gefunden.

    60 Jahre alt war das Foto, als sich die Geschichte letztendlich aufklärte. Als Robert Kenneth Wilsons Freund Maurice Chambers stirbt, hinterlässt er diverse Aufzeichnungen und Tagebuch Einträge, die die komplette Geschichte erzählen. Spoiler Alert: An dem Foto stimmt genau nichts. Das fängt schon bei dem angeblichen Fotografen Robert Kenneth Wilson an. Der war nämlich gar nicht an der Kamera. Es fängt nochmal mit Marmaduke Weatherell an. Das war der Mann, der die Fußabdrücke gefunden hatte und sich dann öffentlich bloßstellen lassen musste. Der fand das gar nicht lustig und überlegte, wie er das dem Daily Mail heimzahlen konnte. Marmaduke Weatherell war eigentlich Filmmacher. Eins war deswegen schnell klar. Was ist besser, als Fußabdrücke? Ein Beweisfoto. Es braucht dafür jemanden, der ein Talent für Skulpturen hat, wie beispielsweise der eigene Schwiegersohn Christian Sperling. Der findet den Plan großartig und konstruiert das Modell auf Basis eines Spielzeug Uboots. Sein Sohn Ian Weatherell war natürlich auch mit an Bord. Das war der Hobby Fotograf der Gruppe, der später das Foto machte. Die brachten für die eigentlichen Aufnahmen auch neue Freunde, nämlich Robert Kenneth Wilson und Maurice Chambers. Allen war klar, dass die Bilder nicht zu gut werden durften. Es musste ja spontan aussehen. Erwischt werden wollte man auch nicht. Die Gruppe Männer trifft sich also am See und beginnt, ihre Aufnahmen zu machen. Um ein Haar wäre es komplett schief gegangen. Kaum hatte man das Uboot zu Wasser gelassen und mit den ersten Aufnahmen begonnen, näherte sich ein Patrouillen Boot. So kam es, dass das original Nessie, das für das berühmte Foto Modell gestanden hat, immer noch im See sein muss. Denn Weatherell gab dem Ding einfach einen beherzten Tritt, sodass das Ding versank, bevor sie auffliegen konnten. Um endgültig Weatherells Beteiligung an dem Foto zu verschleiern, war dann Robert Wilson derjenige, der offiziell das Foto der Daily Mail anbot und damit eine Ikone geschaffen hatte.

    Ich hatte schon an anderer Stelle erwähnt, dass mein persönlicher Test für ikonische Fotos meine Teenager Kids sind. Wenn ich denen ein Bild hinhalte, das sie kennen, dann ist es für mich zumindest ein Indiz, dass ein Foto im kollektiven Popkultur Gedächtnis gelandet ist. ich glaube, Marmaduke Weatherell war es recht. Als er das Foto gemacht hatte, konnte er nicht absehen, wie sehr es einschlagen würde. Ich finde es aber bemerkenswert, dass 60 Jahre lang diese Gruppe von fünf Männern komplett dichtgehalten hat. Die müssen über die Jahre einen Mordsspaß gehabt haben. Inzwischen hat dieses Bild ein Eigenleben, das sowieso nicht mehr einzuholen ist. Es spielt keine Rolle, dass es eigentlich ein Spielzeug Uboot ist, das hier fotografiert wurde. Nur weil das einzige Foto, das wir vom Monster von Loch Ness haben eine Trickaufnahme ist, heißt es ja nicht, dass es nicht trotzdem ein Seeungeheuer in Loch Ness geben könnte.

    12 min
  • Gewollte Romantik

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    In der heutigen Folge spreche ich über die Geschichten hinter zwei berühmten Küssen. Der eine steht für das Ende des 2. Weltkriegs, der andere für Paris als die Stadt der Liebe. Beide wurden auf Millionen Postkarten und Poster gedruckt und sind bis heute diskutierte Motive. Beide werfen Fragen auf die noch heute gelten und beide zeigen nicht das was viele zu sehen glauben…

    • Greta Zimmer Friedman (Wikipedia)
    • Alfred Eisenstaedt (Wikipedia)
    • V-J Day in Times Square (Wikipedia)
    • V-J Day in Times Square (Englische Wikipedia, ausführlicher als der dt. Beitrag)
    • The Not so Romantic Side of the V-J Day Photograph
    • „Das war kein romantischer Moment“ (Spiegel)
    • Diese Frau gab den berühmtesten Kuss der Welt (Welt)
    • Robert Doisneau (Wikipedia)
    • Der Kuss vor dem Hôtel de Ville (Wikipedia)
    • Das berühmteste Foto der Welt (Welt)
    • One of history’s most romantic photographs was staged (BBC)
    • Dirks Gespräch mit Erik vom Podcast “Studio Kreativkommune” (Link zur Episode auf Fyyd)
    • Kurz erklärt – Muss ich mich mit Fotogeschichte beschäftigen? (Kwerfeldein)

    The Kissing Sailor: The Mystery Behind the Photo that Ended World War II

    Doisneau

    Transkript

    Wir haben den 14. August 1945 und es lag schon in der Luft, das Kriegsende. Den ganzen Tag schon machten Gerüchte die Runde, die Japaner hätten aufgegeben, eine Kapitulation wäre unterzeichnet worden, Verhandlungen würden gerade stattfinden und dann ist es endlich so weit. (Audio wird eingespielt) Präsident Harry Truman. (Audio läuft weiter) Das war es nun, das Ende des zweiten Weltkriegs, die Nachricht verbreitete sich in Windeseile und die Amerikaner waren im Freudentaumel.

    (Audio wird eingespielt)

    In allen Städten stürmen die Leute spontan auf die Straße und feiern, Paraden bilden sich. Aber die mit Abstand größte Feier im Land ist in New York City. Über zwei Millionen Menschen sind auf der Straße, eine von ihnen ist die Zahnarzthelferin Greta Zimmer Friedmann. Die 25-jährige Österreicherin ist zu dem Zeitpunkt zehn Jahre in den USA. Sie war 15, als ihre Eltern beschlossen hatten, dass die Situation in Österreich für eine jüdische Familie zu gefährlich würde und sie und ihre Schwester deswegen in die neue Welt verschifften. Sie blieben zurück und wurden dann von den Nazis gefangengenommen und ermordet. Greta hat das Gerücht gehört, dass das Kriegsende kurz bevorstand und sie nutzte ihre Pause, um zum nahegelegenen Times Square zu gehen, wenn denn Kriegsende war, würde ja dort gefeiert werden. Sie ist gerade auf den Times Square gegangen, da wird so aus heiterem Himmel von einem Seemann gepackt, der sie nach hinten lehnt und ihr einen festen Kuss auf die Lippe drückt. Und die Szene wird festgehalten, der damals schon bekannte Fotograf Alfred Eisenstaedt hat den Auftrag für das Life Magazine, die New Yorker beim Feiern festzuhalten. Und er und sein Kollege Victor Jorgensen sind am Times Square unterwegs und fotografieren was das Zeug hält.

    Alfred hatte den Auftrag am Times Square zu fotografieren und er sah schnell einen Mann, der von einem Kino aus auf ihn zulief und jede Frau in seinem Web packte und küsste. Alfred rannte durch die Menge, seine Kamera hatte eine Festbrennweite, er konnte also nicht zoomen. Blende und Verschlusszeit hatte er fix eingestellt und er verließ sich ganz auf sein Unterbewusstsein, ihm zu sagen, wo er draufhalten musste. Das war der Moment, indem er aus dem Augenwinkel etwas Weißes sah. Es ist ein bemerkenswertes Foto, es wird als eines von 14 Aufnahmen küssender Soldaten im Life Magazine abgedruckt werden, um die feiernden Soldaten darzustellen. Aber keiner dieser vielen Küsse sieht so gut aus. Da ist zum einen dieser Kontrast aus der schwarzen Uniform und dem weißen Kleid. Aber auch die Pose, ich kann mir stundenlang ansehen, wie sie dasteht, es ist die perfekte Kuss Pose. Das Foto wird zu einer Sensation, Postkarten, Poster, eines der meistreproduzierten Bilder aller Zeiten. Man kann New York nicht besuchen, ohne diesem Bild nicht irgendwo zu begegnen und es wird zum Symbolbild für das ende des zweiten Weltkriegs schlechthin.

    Wie so oft bei ikonischen Bildern, dauert es seine Zeit, bis alle erkennen, was für eine besondere Aufnahme das ist. Und Alfred Eisenstaedt hat natürlich nie mit diesem Paar gesprochen, er weiß also nicht wer auf dem Bild ist. In den Achtzigern versucht Life Magazine dann herauszufinden, wer die Menschen hinter der Aufnahme sind und startet einen Aufruf und das Pärchen meldet sich. Aber nicht nur dieses eine Pärchen. 30 Jahre lang kommt ein Paar nach dem anderen und behauptet, dieses küssende Pärchen zu sein. Final geklärt wurde das Ganze dann aber erst 2007, da kommt nämlich das Buch „The kissing Sailor“ auf den Markt. Geschrieben von Lawrence Verria, erzählte es nicht nur die Geschichte dieser Aufnahme, sondern auch die Geschichte der Personen im Bild. Da gibt es nämlich eine Person, die mitfotografiert wurde, die oft vergessen wird, die hier nun auch erwähnt werden soll. Das Bild zeigt ja so einige Menschen und eine sticht besonders heraus: Links hinter dem Seemann steht eine junge Frau und grinst von Ohr zu Ohr. Und diese Frau ist die Freundin des Seemanns, mit der war er nämlich zuvor noch im Kino gewesen. Die Kinovorstellung war unterbrochen worden, als die Meldung der Kapitulation Japans ihre Runde machte. Der Seemann knutschte sich also nicht alleine quer über den Times Square, sondern hinter ihm stand seine Freundin und spätere Ehefrau. Aber hat die das nicht gestört, dass ihr Mann sich quer über den Times Square knutschte? Nein, sie sah es gelassen.

    Da er nicht besonders wählerisch war, sondern praktisch alle geküsst hat, kann ich mir vorstellen, warum sie das gelassen sieht. Egal, sie hat ihn jedenfalls geheiratet. 69 Jahre waren die beide verheiratet. Aber vielleicht hat es Greta gestört, lassen wir die auch mal zu Wort kommen. (Audio wird eingespielt #00:06:44#) Ja dieser Tight-Grip, das fiel mir von Anfang an diesem Foto auf. Sie scheint entspannt in seinen Armen zu liegen, aber wenn man seinen linken Arm genau ansieht, hat er sie praktisch in einer Art Schraubstock gefangen, sie hatte gar keine Wahl, sie konnte nicht weg. Und was da alle so weglachen, und was heute ein ach wie romantisches Bild ist, ist natürlich auch Ausdruck einer Kultur, in der Männer sich sowas einfach rausnehmen konnten. So schön die Pose und die Komposition auch ist, dieser Griff, mit dem er sie fixiert, macht das Bild für mich unangenehm. Es zeigt eben nicht, was viele Menschen glauben. Ja, es geht um Freude, aber es geht nicht um Romantik, es geht nicht um Liebe. Und dieser Kuss? Schwierig. Aber der Kuss ist jetzt auch eine hervorragende Überleitung, denn ich habe zwei Bilder versprochen.

    Da gehen wir jetzt in die fünfziger Jahre und wir wechseln den Kontinent, wir besuchen Paris. Und durch die Straßen läuft ein zu dem Zeitpunkt schon bekannter Fotograf, Robert Doisneau. Und er knipst und knipst und knipst. Vor ihm ein Pärchen, es schlendert durch die Stadt. Die beiden jungen Menschen flirten heftig miteinander, sie fasst sich in die Haare, die beiden lachen viel, halten Händchen, küssen sich und turteln. Für das Paris der fünfziger Jahre eine durchaus ganz normale Szene. Während man in den USA selbst in New York noch zu prüde ist, um auch nur in der Öffentlichkeit zu küssen, außer es ist gerade der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, ist in Paris gefühlt praktisch alles erlaubt. Und deswegen hat das Life Magazine Robert Doisneau damit beauftragt, eine Artikelstrecke zu bebildern, in der es um diese Entspanntheit, diese Freiheit des Leben in Frankreich gehen soll. Und Robert ist berühmt dafür, dass er ein ganz besonderes Auge hat, seine Bilder sind oft witzig, originell, gefühlvoll und er wird verglichen mit einem anderen ganz großen, Henri Cartier-Bresson. Henri und Albert sind praktisch die Väter dieses Genres.

    Und die Vorstellung, die wir von Paris haben, stammt aus der Kamera dieser beiden Männer. An diese März oder vielleicht war es auch ein Apriltag, fotografiert Robert im Auftrag des Life Magazines turtelnde Pärchen. Und unser Pärchen biegt in die Rue du Tivoli, die Straße, in der auch das Pariser Rathaus, das Hotel de Ville zu sehen ist und küsst sich im Vorbeigehen an Straßencafés fast beiläufig. Wie schon Eisenstaedt, hat Doisneau erstmal keine Ahnung, was für einen Treffer er hier gelandet hat. Es ist für ihn ein Bild von vielen, und sieht dieses Pärchen, das sich fast beiläufig küsst, leichte Bewegungsunschärfe im Bild, die Passanten interessiert das offensichtlich rein gar nicht und man erkennt im Hintergrund das Pariser Rathaus, das Hotel de Ville. Das Bild wurde im Life Magazine veröffentlicht, zusammen mit diversen anderen und für Robert war es eins seiner 450.000 Fotografien, also nichts weiter Spektakuläres. Unsere Geschichte nimmt den Faden erst 30 Jahre später wieder auf. Robert wird gebucht, um eine Serie mit Postkarten zu bebildern und sein Publisher schlägt vor, dieses Foto für eine Postkarte und für Poster zu benutzen. Und diesmal war es eben nicht einfach nur irgendein Bild, die Aufnahme wurde zu einem globalen Phänomen, sie traf einen Nerv. Millionenfach wird das Fach auf Postkarten verschickt, Poster werden überall zum Verkauf angeboten.

    Was bis dahin vielleicht nur irgendein Schnappschuss gewesen mag, wird urplötzlich zum großen Geschäft. Und mit dem Geschäft gibt es dann mehr und mehr Menschen, die gerne mitverdienen wollen. In den Fünfzigern gab es in Frankreich schon etwas, das in den USA bis heute noch nicht existiert, das Recht am eigenen Bild. Man darf zwar aus künstlerischen Motiven heraus im öffentlichen Raum fotografieren, sobald aber Bilder verkauft werden und dafür Geld fließt, sollte man besser abgesichert sein. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis die ersten Forderungen auftauchen. Mehr und mehr Paare behaupten von sich, auf dieser Aufnahme zu sein und verlangen Lizenzgebühren. Als Robert vor Gericht gezerrt wird, ist der Moment für Robert gekommen, ein Eingeständnis zu machen. Diese Aufnahme, der Kuss vor dem Rathaus, war nämlich nicht so spontan, wie er aussah. Robert war Profi, bei Aufnahmen wie diesen, wo er für eine Magazinstrecke gebucht war, ging er lieber auf Nummer sicher. Statt sich dem Risiko auszusetzen, dass er von irgendwelchen Leuten vor Gericht gezogen werden konnte, verpflichtete er lieber Freunde und Bekannte, für ihn Modell zu stehen. Wobei Modellstehen darf man das eigentlich nicht nennen, er gab keinerlei Anweisungen.

    Die Pärchen schlenderten einfach durch die Stadt und er fotografierte sie. Da half es dann, wenn die sich sowieso mochten. Als er also vor Gericht stand, musste er das einräumen und fing sich damit gleich das ein, was wir heute einen Shitstorm nennen würden. Denn die meisten wollten doch so gerne glaube, dass da eine spontane Liebesbekundung festgehalten worden war. Egal wie romantisch der Kuss aussieht, wenn er nicht echt ist, dann ist er doch nur noch halb so viel Wert, oder? Trotzdem hätte jetzt ja wenigstens der Rechtsstreit vorbei sein können. Aber zu früh gefreut, denn das Modell auf dem Bild, Francois Bornet, behauptete, er hätte sie nie bezahlt, er hätte sie also um ihr rechtmäßiges Honorar betrogen. Und so hatte er zwar den einen Prozess erfolgreich abgewendet, doch gleich den nächsten am Hals. Auch diese Geschichte bekam allerdings ein Happy End. Denn irgendwann war Robert in der Lage eine Rechnung zu produzieren, mit der er nachweisen konnte, dass er sehr wohl bezahlt hatte. Außerdem wissen wir seit dieser Anekdote, dass wir uns eigentlich um sonst aufgeregt haben. Zwar war das Pärchen gebucht für diesen Kurs, aber die beiden waren wirklich ein Paar und der Kuss war auch echt, es gab ja wie gesagt keinerlei Anweisungen.

    Im Grunde haben sie ihr Geld beim Spazierengehen und Turteln verdient. Neun Monate hielt diese Beziehung und dann trennten sich die zwei. Und auch für Francois gab es ein Happy End, zwar hatte sie den Rechtsstreit verloren, aber auf der Publicity-Welle reitend, beschloss sie dann ihren Originaldruck des Bildes noch mit Stempel und Unterschrift von Robert Doisneau zu verkaufen. Und dieses Bild wurde für den dreifachen Schätzpreis verkauft und brachte ihr 155.000 Euro ein. Nicht schlecht für einmal spazieren gehen und knutschen. Was haben beide Bilder gemeinsam, außer dass sie jeweils einen Kuss zeigen, ikonisch sind und millionenfach als Sinnbild für Romantik, Leidenschaft und Liebe in irgendwelchen Teenager Zimmern hängen? Genau, sie haben gemeinsam, dass sie nicht zeigen, was wir zeigen, das sie glauben. Fotografie funktioniert nicht ohne Kontext. Und beide Aufnahmen haben Probleme, mit denen auch heutige Fotografen immer noch zu kämpfen haben. Robert Doisneau versuche mit dem Bild keine journalistische Ethik aufrecht zu erhalten, trotzdem würden Straßenfotografen heute die Nase rümpfen, weil er seine Aufnahme gestellt hatte. Das Recht am eigenen Bild, auch das wird in beiden Aufnahmen verhandelt, wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Und die Frage, was die dargestellte Handlung in der Aufnahme denn wirklich bedeutet, sowohl in der Zeit, in der die Aufnahme entstand als auch in der Zeit, in der wir sie uns anschauen. Der Soldat, der knutschend durch die Menge zieht, heute absolut unakzeptables Verhalten, damals etwas was man weggelächelt hat. Passanten fotografieren und damit Geld verdienen, etwas das schon in den Fünfzigern so problematisch war, dass Profis wie Robert lieber mit Models gearbeitet haben als mit spontanen Begegnungen. Und dann noch die Frage, ob Bilder eigentlich wirklich Geschichten erzählen können, oder wir uns das nicht vielleicht doch einfach nur einbilden.

    17 min
  • Shirley Page und warum Farbfilm rassistisch war

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Bis in die 90er Jahr des letzten Jahrhunderts wurden Fotokarten mit jungen weißen Models als Standard für gute Bildentwicklung verwendet. Das führte dazu, dass Menschen dunkler Hautfarbe systematisch auf Fotografien schlechter dargestellt wurden. Erst mit zunehmenden Beschwerden von wichtigen Werbekunden änderte sich diese Praxis…

    • Sind Kameras rassistisch? (DOCMA)
    • Shirley Card (Heidelberger Kunstverein)
    • Warum Tech-Konzerne der Gesichtserkennung abschwören (Süddeutsche Zeitung)
    • Die Shirley-Card oder warum der Farbfilm ein Rassist war.
    • The Racial Bias Built Into Photography (New York Times)
    • Rassentrennung (Wikipedia)
    • „Kodak Shirley is the Norm“: On Racism and Photography (Researchgate)
    • Looking at Shirley, the Ultimate Norm: Colour Balance, Image Technologies, and Cognitive Equity
    • How 20th Century Camera Film Captured a Snapshot of American Bias (Time)
    • Digital Cameras Still Racist (The Atlatik)
    • The Shirley Card: Racial Photographic Bias through Skin Tone (Shutterstock)

    Transkript

    Farbfotografie ist so omnipräsent, dass wir überhaupt keine Vorstellung mehr davon haben, was für ein Quantensprung es gewesen war, als Farbfilme in der Breite verfügbar wurden. Wir sprechen von den 1930er Jahren ungefähr, als sie ersten kommerziell erhältlichen Farbfilme in die Läden kamen. Und die ersten Labore in der Lage waren, nicht nur schwarz-weiß zu entwickeln, sondern auch Farbdrucke zu produzieren. Und was vielen nicht klar ist, ist, wie komplex Farbeindrücke zustande kommen. Wir glauben ja, dass wir Farbe absolut sehen. Rot ist rot ist rot. Grün ist grün ist grün. Egal in welchem Licht, egal wo wir sind. Unser Gehirn und unser Sehapparat passen sich automatisch den Lichtverhältnissen an und geben uns den Farbeindruck, den wir erwarten.

    Die Kamera aber ist ein technisches Gerät. Die Kamera hat keine Erwartung an Farbe. Und Farbe entsteht durch Reflexion. Reflexion von Licht, dass selbst zum Teil auch schon gefärbt ist. Bei Kerzenschein zu fotografieren produzierte rötlichere Lichter, als wenn man im Neonlicht auf den Auslöser drückt. Objekte im Tageslicht sehen anders aus als Objekte in Kunstlicht. Und dann ist es noch so, dass das eingefangene Licht unterschiedlich aussieht, je nachdem, mit welchem Film oder welchem Sensor wir es zu tun haben. Auch heute ist es noch so, dass verschiedene Kamerasysteme Farben unterschiedlich darstellen. Bei identischem Licht mit identischem Objektiv können zwei unterschiedliche Kameras unterschiedliche Farben fotografieren. Einfach, weil sie die eingefangenen Lichtwellen leicht unterschiedlich interpretieren.

    Moderne Kameras versuchen zusätzlich noch vollautomatisch das Licht in der Umgebung einzuschätzen und eventuell auftauchende Farbverschiebungen zu korrigieren. Man nennt das Weißabgleich. Die Idee ist sozusagen, dass reines Weiß in jeglichen Lichtverhältnissen immer als reines Weiß dargestellt werden soll. Und das macht dann einfach einen Unterschied, ob Tageslicht oder Kerzenschein reflektiert wird. Moderne Kameras erkennen den Unterschied und korrigieren die Farben im gesamten Bild entsprechend. Diese automatische Korrektur steht einem Filmfotografen nicht zur Verfügung. Da wählt der Fotograf schon mal einen bestimmten Film, je nach zu erwartender Lichtsituation. Es gibt eigens angepasste Filme für Kunstlicht. Und andere Filme, die für Tageslicht geeignet sind. Ja, und wer selbst entwickelt, der kann eventuell in der Dunkelkammer noch ein bisschen nachhelfen. Das eine oder andere, Chemiebad ein bisschen länger und der Farbeindruck wird intensiver, ein bisschen kürzer und er lässt nach.

    Bei Aufkommen der Farbfotografie in den 1940er Jahren wollte man allerdings nicht selbst Hand anlegen. Farbfilme waren aufwendiger zu entwickeln als es Schwarz-weiß-Filme waren. Und so war das private Entwickeln von Farbfilm eher die Ausnahme. Die meisten Fotografinnen und Fotografen gaben ihre Werke in ein Labor. Und der Prozess war hochgradig standardisiert. Marktführer Kodak wollte nicht nur gern genau definierte Qualität bei den Filmen, sondern auch eine genau vorhersagbare Qualität bei der Entwicklung in Partnerlaboren liefern. Und man wollte sicherstellen, dass die Kunden bekamen, was sie erwartet. Hochwertige Ausdrucke in den Farben, die sie glaubten, fotografiert zu haben. Welche Farben ein Film darstellen kann, hängt von der Zusammenstellung der verwendeten Chemikalien ab. Welche Farben dargestellt werden, von der eigentlichen Entwicklung.

    Vorgaben mussten also her. Wenn ein Film nicht alle Farben darstellen konnte, dann musste zumindest alles das dargestellt werden, was die Kundschaft haben wollte. Und wenn man sicherstellen möchte, dass jedes Kodak-zertifizierte Labor auch wirklich dieselbe Leistung erbrachte, musste eine Art Normmotiv her. Ein Bild also, dass überall gleich aussagt, wenn man sich bei allen Produktions- und Entwicklungsschritten an die Vorgaben gehalten hatte. Vorhang auf für die Shirley Card. Die Shirley Card war eine Karte, die Kodak ab den vierziger Jahren standardmäßig produzierte und an Partnerbetriebe und Fotografen auslieferte. Die Shirley Card hatte ihren Namen von Shirley Page. Einer Mitarbeiterin, die für die erste derartige Karte Modell gestanden hatte. Die gutaussehende Brünette lächelte freundlich in die Kamera und warum geben von mehreren Farbfeldern, die Farbschattierungen und Hauptfarben darstellten. Und mit diesen Karten wurde dann fotografisches Equipment eingerichtet. Man konnte sie abfotografieren, man konnte sie testentwickeln. Und man konnte dann das entwickelte Ergebnis mit dem von Kodak verschickten Original vergleichen. Waren beide mehr oder weniger identisch, hatte man alles richtig eingestellt. Leider weiß man nicht viel über Shirley Page. Aber bis in die 2000er wussten Fotografinnen, was gemeint war, wenn man sie aufforderte, mal gerade die Shirley drüber zu geben. Über die Jahre wurden auch verschiedene Models fotografiert, immer aber mit denselben grundlegenden Eigenschaften. Helle Haut, brünette Haare, Farbfelder außenrum. Und allgemein dachte man sich nicht viel dabei.

    Das Ding war ja nur ein Hilfsmotiv. Wer bis hierher aufmerksam zugehört hat, weiß natürlich, was vermutlich das Problem war. Filme der damaligen Zeit hatten einen begrenzten Farbumfang. Einen Farbraum, der nicht die volle Breite an möglichen Schattierungen abbildete. Kodak hatte mit der Shirley Card sozusagen die Norm gesetzt. Und die Norm war eine hellhäutige, brünette Frau. Es wurde außerdem angenommen, dass die Hauptkundschaft in aller Regel weißhäutig war. Und weil Filmemulsionen, genauso wie Labore, auf diese Hauptkundschaft ausgerichtet waren, entstand der Nebeneffekt, dass weiße Menschen auf Kodak-Film besser aussahen und besser gezeichnet wurden, mit mehr Details als Mensch mit dunkler Hautfarbe. In den Fünfzigern und Sechzigern ist in den USA die Zeit des Civil Rights Movements. Afroamerikaner oder generell People of Color lehnen sich gegen das bis dahin verbreitete System der Rassentrennung auf. Und erstreiten sich gleiche Rechte, zumindest auf dem Papier. Und so häufen sich auch die Gelegenheiten, wo People of Color und Menschen weißer Hautfarbe auf denselben Bildern stehen. Zum Beispiel bei Schulfotos. Und spätestens da wurde dann auffällig, wie unterschiedlich die Filme und Labore helle und dunkle Haut behandelten. Da war es dann entweder so, dass die dunkle Haut sauber gezeichnet ist und die helle Haut nur noch ein Fleck war. Oder genau der umgekehrte Fall. Der hell heutige Mensch wurde richtig gezeichnet und People of Color mussten damit leben, im Bild praktisch nur noch ein dunkler Fleck mit weißen Zähnen zu sein.

    Bei Kodak häuften sich also die Beschwerden, und man stellte sich erstmal taub. Labore, die um diese Probleme wussten, behelfen sich, indem sie bei entsprechender Kundschaft ihre Entwicklungsprozesse anpassten. Es gab Fotografen, die darauf spezialisiert waren, die richtige Belichtung zwischen den zwei Extremwerten zu wählen. Und auf dem Markt tauchten Filme auf, die darauf optimiert waren, dunkle Haut besonders gut darzustellen. Manch Kamerahersteller fand auch eine technische Lösung dafür. So gab es von Polaroid mit der ID2 eine Kamera, die eine eigene Taste hatte, die es erlaubte, bei dunkelhäutigen Menschen im Bild etwas stärker zu blitzen, als man bei hellhäutigen Menschen blitzen würde. Das Problem war also bekannt, aber den Kodak-Managern erstmal reichlich egal. Bis in die Achtziger dauerte es, bevor man reagierte. Denn offensichtlich war die Käuferschaft überwiegend weiß, oder wusste sich zu helfen.

    Darf man den Artikeln glauben, die sich mit dem Thema näher auseinandersetzen, war es dann übrigens auch nicht so, dass Kodak eingesehen hatte, dass People of Color eingebunden werden müssen, sondern, es war die Beschwerde von Werbekunden, die Kodak dazu brachten, ihre Filmemulsion zu überarbeiten und neue Shirley Cards zu produzieren. Es stellte sich nämlich heraus, dass braune Farbnuancen nicht nur gut für die Darstellung von People of Color war, sondern, dass besonders Möbelhersteller und Schokoladenhersteller bei ihren Werbekampagnen darauf bestanden, dass man auch feinere Details ihrer Produkte erkennen konnte. Über 30 Jahre nach Einführung der original Kodak Farbfilme brachte Kodak also einen neuen Film auf den Markt. Den Kodak Gold Max-Film. In der dazugehörigen Werbekampagne war Kodak stolz darauf, dass man mit Kodak Gold Max auch ein dunkles Pferd in schlechten Lichtverhältnissen fotografieren konnte.

    Ja, und nochmal zehn Jahre später nahm sich Kodak dann endlich auch dem Problem an, dass Laborstrecken immer noch auf die weiße Normkundin hin optimiert wurden und aktualisierten zu diesem Zweck ihre Shirley Card. Die neue Shirley zeigte nicht nur einen, sondern gleich drei Frauen. Zu der weißen Normfrau war noch eine Asiatin und eine Person of Color gekommen. Nicht zuletzt deswegen, und weil moderne Filme einen wesentlich größeren Farbraum abdecken, ist das Problem, dunkle und helle Haut gleichzeitig gut aussehen zu lassen, fast schon ein Relikt der Vergangenheit. Fast. Denn man muss nicht lange suchen, um festzustellen, dass auch moderne Kameratechnologie eingebaute, unabsichtliche Vorurteile hat. So gab es in der jüngeren Vergangenheit Fälle, wo Algorithmen, die auf die Erkennung von Gesichtern trainiert waren, weiße Haut besser erkannten als die Haut von People of Color. Wenn die Beleuchtung für Bühnen oder Filmsets ausgerichtet wird, wird öfters darauf optimiert, dass die Haut von Weißen besser aussieht. Das ist der Standardfall. Für die dunkle Haut von People of Color werden zusätzliche Schritte notwendig. Und wenn wir das eine als den Normalfall und das andere als die Abweichung ansehen, haben wir sozusagen eine Textbuchdefinition von eingebautem Rassismus.

    Auch wenn es unabsichtlich ist. In den Achtzigern und Neunzigern waren die Filme von Fuji dafür bekannt, dass sie die Farbe dunkler Haut besser darstellten als das Äquivalent von Kodak. Heute gibt es Algorithmen, Kameras und Belichtungssysteme, die besser als andere darin funktionieren, dunkle Haut richtig aussehen zu lassen. Und das alles steht und fällt mit dem Bewusstsein dafür, dass es wichtig ist, beides auch mal getestet zu haben.

    12 min

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